Bücherliste 2014/15

Bücher sind der Schlüssel zur Welt, und es gibt praktisch unendlich viele davon auf der Welt, und jedes Jahr kommen neue hinzu. Da das Leben kurz ist, möchte man nicht unbedingt mehrere Bücher anfangen und irgendwann feststellen, dass sie Mist sind und man bisher seine Zeit verschwendet hat. Andererseits ist es oft schwer, an gute Ideen für neue Bücher heranzukommen, wenn man sie nicht gerade durch Zufall findet. Ich stelle daher hier meine Bücherliste 2014/15 vor, die zwar nicht alle Bücher enthält, die ich in diesem Zeitraum gelesen habe, aber alle, die ich guten Gewissens weiterempfehlen kann. Vielleicht findet ja jemand etwas Interessantes darin. Die meisten Bücher habe ich auf Englisch gelesen; wo vorhanden, habe ich Links auf die deutschen Versionen beigefügt. Alle Links führen direkt zu Amazon, und wer die Bücher über diese Links bestellt sorgt dafür, dass ein kleiner Teil des Preises von Amazon an mich geht. Kapitalismus!

Adam Tooze – The Deluge (bisher nur auf Englisch)

In diesem Buch beschreibt der Historiker Adam Tooze, der durch sein Buch über die Kriegswirtschaft des Dritten Reiches „The Wages of Destruction“ bekannt geworden ist (und das ich uneingeschränkt empfehlen kann), wie sich zwischen 1916 und 1931 eine neue Weltordnung herauskristallisierte, die die alte imperialistische Aufteilung der Welt durch die europäischen Staaten ablösen konnte. Hierbei untersucht er vor besonders, welche Rolle dabei den USA zukam und analysiert die Außenpolitik Woodrow Wilsons sehr detailliert. Der alteingesessenen Vorstellung, dass Wilson ein hoffnungsloser Idealist gewesen sei, kann er dabei wenig abgewinnen. Detailliert zeichnet er die zugrundeliegende Logik der neuen amerikanischen Politik, der 14 Punkte und der Haltung zu Versailles nach. Allein in diesem Abschnitt finden sich so viele herausfordernde und inspirierende Gedanken, dass das Buch jedem einschlägig Interessierten anempfohlen werden muss. Doch auch die Zeit zwischen 1919 und 1931 weiß Tooze unter dem Betrachtungswinkel dieser neuen Weltordnung zu analysieren und reißt gerade uns Deutsche aus unserem bequemen, deutsch-zentrischen Blick auf die Geschehnisse. Die Reparationskrise hatte eine internationale Dimension über das Ruhrgebiet hinaus. Gleichzeitig zeigt Tooze aber auch, wie sich Japan zur gleichen Zeit von einem liberal-demokratischen Musterschüler zu der Militärdiktatur entwickelt, die 1941 den USA in einem Anfall verzweifelter Hybris den Krieg erklären wird. Toozes Werk ist unabdingbar, will man diese Periode verstehen und sie globaler einordnen. (Einen Kurzabriss der wichtigsten Thesen habe ich auf dem Geschichtsblog zu einem Artikel verarbeitet)

Anselm-Doering Manteuffel – Die Entmündigung des Staates

Für nur 2,49€ bekommt man gerade diesen Essay des Tübinger Historikers Doering-Manteuffel, in dem er sich mit der schleichenden Entmündigung des Staates seit den 1980er Jahren beschäftigt. Dabei wird natürlich ein starkes Gewicht auf die neoliberale Revolution gelegt, aber auch ein Schlaglicht auf die zunehmende Machtkonzentration der Judikative (Stichwort Bundesverfassungsgericht) und die Verflechtung von Politik und Wirtschaft sowie die immer weiter voranschreitende Desillusionierung der Bevölkerung mit der Politik geworfen. Diese Thesen sind Lesern dieses Blogs inhaltlich vermutlich inhaltlich bereits bekannt, aber die Einordnung durch einen distanzierten Historikerblick mag sich für den einen oder anderen trotzdem lohnen.

Carl Sagan – Pale Blue Dot (dt: Blauer Punkt im All)

Eine ganz andere Thematik bedient Carl Sagans Klassiker aus den 1990er Jahren. Der profilierte Astronom und NASA-Ingenieur nimmt den Leser auf eine Reise durch das Sonnensystem und diskutiert dabei auch philosophierend über den Platz der Menschen im Univerum und die Zukunft der Raumfahrt. Zwar bemerkt der einschlägig interessierte Leser das Alter des Buchs mittlerweile (so sind Sagans – korrekte – Spekulationen über die Atmsophäre des Saturn-Monds Titan mittlerweile bestätigt und Pluto ist kein Planet mehr), aber die ungeheuer ausdrucksstarke Prosa hat nichts von ihrer Sprachgewalt verloren. Wer sich davon einen Eindruck verschaffen möchte, kann dies hier auf Youtube in Sagans nicht minder eindrücklicher Stimme tun.

Kim Stanley Robinson – Red Mars (dt. Roter Mars)

Ein weiterer Klassiker, dieses mal aus der Science-Fiction-Bellitristik, ist Kim Stanley Robinsons „Red Mars“. Der Roman ist der erste Band der Mars-Trilogie, die sich mit der Kolonisierung des Mars durch die Menschheit, ca. 2030, befasst. Robinsons Romane zeichnen sich dabei stets durch ungeheure Faktenkenntnis und Realismus aus, was sie zu recht schwergängiger Kost macht. Robinson beschreibt, beinahe schon Tolkien-esque, ausführlich die verschiedenen Marslandschaften und ihre Änderung unter dem Terraforming. Die Kolonisten, die als Charaktere nicht übermäßig interessant sind, sind eher Vehikel für verschiedene philisophische und politische Ideen, die im Verlauf des Romans ausführlich diskutiert werden. Lange Rede, kurzer Sinn: die Marstrilogie ist eher speziell. Ich habe im zweiten Band aufgegeben, aber der erste war es trotzdem wert.

Philipp Matyzak – Als Legionär in der römischen Armee: Ein Karriereführer

Wiederum ein völlig anderes Genre bedient Philipp Matyzak in seinem Karriereführer für die imperial-römische Armee. In locker-leichtem Ton führt er von der Anwerbung bis zur Entlassung (oder dem Tod) durch das Alltagsleben der römischen Legionäre, immer garniert mit hilfreichen Tipps (Tunika-Farbe: rot, Helmverstärkung: in Thrakien ja, in Nubien nein), was einen deutlich verständlicheren Zugang zu dem Alltagsleben des Legionärs gibt als jede andere Abhandlung, die ich bisher gelesen habe. Das Buch ist recht kurz, hat einen guten Zug in seiner Prosa und ist durchweg unterhaltsam. Es passiert selten, dass man oft laut auflacht, während man die Schwächen der römischen Kavallerie aufgelistet bekommt (jeder potenzielle Gegner hat bessere) oder erfährt, wie man um den Wachdienst im Lager herumkommt (einige Jobs befreien einen davon, aber dafür muss man den Optio bestechen). Absolut empfehlenswert.

Randall Munroe – What If? (bisher nur auf Englisch)

Den meisten Internetbewohnern als Betreiber des Webcomics xkdc ein Begriff. Philophische, naturwissenschaftliche oder informatische Themen (und gelegentlich historische oder politische) werden hier unterhaltsam verpackt näher gebracht. Gleichzeitig unterhält Munroe eine große Rubrik namens „What If?“, für die Leser hypothetische Fragen einsenden, die Munroe dann nachrecherchiert und wissenschaftlich fundiert beantwortet. So erfährt man unter anderem, eine wie große Population von Tyrannosaurus Rex von New York ernährt werden könnte, was mit einem U-Boot passiert, das in den Jupiter stürzt, welche Auswirkungen es hätte, wenn die Erde plötzlich aufhörte sich zu drehen, was geschehen würde, wenn man den Mond komplett durch die gleiche Masse Neutronen ersetzen würde und vieles mehr. Die meisten Szenarien enden auf unterhaltsame Weise mit dem Untergang der Welt und der Menschheit, aber nebenbei lernt man einige Grundregeln der Physik, was auch etwas wert ist.

Sascha Lobo/Christopher Lauer – Aufstieg und Niedergang der Piratenpartei

Die Autoren sind hier etwas unter PR-Gesichtspunkten aufgelistet: der Löwenanteil des Buches stammt von Christopher Lauer und besteht aus einem (stark editierten) Transkript mehrerer Gespräche mit Lobo. Lauer reflektiert dabei über seinen eigenen Weg in der Piratenpartei, über die Gründe des Erfolgs und ihres Niedergangs. Er begleicht dabei mehr als nur eine offene Rechnung mit seinen parteiinternen Gegnern, spart aber auch nicht mit Selbstkritik, was das Ganze erträglich hält. Zwischendrin offeriert Lobo seine eigenen, deutlich nüchterneren Analysen über die Gründe und kommentiert, bei weitem nicht immer zustimmend, Lauers Ausführungen. Wer sich (immer noch) für die Piraten interessiert, sollte nachsehen, ob er 3,99 Euro im Geldbeutel übrig hat.

Im Interesse der Transparenz: die folgenden Bücher habe ich als ungekürzte Hörbücher angehört und nicht gelesen. Ich denke zwar nicht, dass das für die Bewertung ernsthafte Unterschiede macht, aber ich wollte es gesagt haben.

Dean Baker – The Conservative Nanny State (bisher nur auf Englisch)

Der Vorwurf, einen all-umfassenden und jedes Risiko wegbezahlenden Nanny-State zu wollen, wird gerne von Konservativen und Libertären an Progressive gerichtet. Dean Baker zeigt in seinem kleinen Büchlein, wie man den Spieß umdrehen kann. Er argumentiert für unapologetisch für eine freie Marktwirtschaft und dafür, den konservativen Nanny-State zusammenzukürzen. Was versteht er darunter? Baker weißt etwa darauf hin, dass zwar in den letzten 30 Jahren alle möglichen Hindernisse abgeschafft wurden, um Migranten die Arbeit in Produktion und prekärem Dienstleistungsgewerbe und den Unternehmen das Outsourcing zu ermöglichen, gleichzeitig aber den bisherigen Wohlstandsgewinnern zahlreiche Schutzvorschriften zugesprochen werden. Anwälte, Ärzte und Notare etwa brauchen eine aufwändige und teure Akkreditierung und können nur in den USA konsultiert werden. Warum kann ich meine Urkunde nicht über das Internet in Indien notariell beglaubigen lassen? Bakers Antwort ist klar: der konservative Nanny-State. Das Buch ist weniger wegen seiner konkreten Handlungsansweisungen empfehlenswert als vielmehr durch den Perspektivenwechsel, den es gerade Linken aufzwingt, da Baker für mehr Markt und Wettbewerb argumentiert, um eine Umverteilung in der Gesellschaft zu ermöglichen.

Ernst Jünger – In Stahlgewittern

Spätestens seit Dan Carlins großartiger Podcastserie „Blueprint for Armageddon“ konnte ich die Lektüre dieses nicht gerade unumstrittenen Klassikers von Ernst Jünger nicht weiter aufschieben. Jüngers Werk ist keine leichte Kost, denn seine Perspektive auf den Krieg ist uns heutzutage ungeheuer fremd. Gleichzeitig ist sein Schreibstil aber einnehmend, und seine Perspektive und seine Erlebnisse sind so faszinierend, dass man innerhalb kürzester Zeit durch das Buch geht. Man hat zwar vom vielen Kopfschütteln irgendwann Nackenstarre, aber immerhin ist es danach etwas besser möglich, die Mentalität eines Menschen zu verstehen, der aus dem Ersten Weltkrieg nicht à la Erich Maria Remarque die Konsequenz zieht, dass es nie wieder Krieg geben darf, sondern der das Erlebnis als positiv empfand – auch nach drei Jahren Schützengraben.

Francis Fukuyama – The Origins of Political Order  (bisher nur auf Englisch)

Francis Fukuyama ist uns vor allem durch seine viel-zitierte Aussage vom „Ende der Geschichte“ her bekannt, ein weitgehend missverstandenes und viel verbreitetes Bonmot, das mich auch erst einmal davon abgehalten hat mich mit ihm zu beschäftigen. Nachdem ich die Hürde übersprungen hatte, öffnete sich mir in seinem Werk über den Ursprung politischer Ordnung aber eine ungeheuer vielfältige und vor allem global angelegte Betrachtung. Fukuyama durchbricht bewusst die Eurozentrik seiner Wissenschaft und vergleicht das chinesische Kaiserreich, die indischen Maharadschas, den Aufstieg und der arabischen Welt und natürlich auch Europa miteinander. Er entdeckt Gemeinsamkeiten und Unterschiede und versucht diese in einer neuen, allumfassenenden Theorie zu erklären. Seine gesamte Fragestellung steht unter dem Schlagwort: „How to get to Denmark?“, womit er meint: warum schaffen es nur so wenige Staaten, eine stabile, liberale und wohlhabende Demokratie zu schaffen? Seine Antworten sind in jedem Falle denkwürdig, selbst wenn man ihnen am Ende nicht zustimmen sollte.

Francis Fukuyama – Political Order and Policial Decay (bisher nur auf Englisch)

Im zweiten Band seiner Betrachtung politischer Ordnung wendet sich Fukuyama dann dem 19. und 20. Jahrhundert zu und versucht zu erklären, warum Staaten, die eine bestimmte Stabilität und Wohlstand erreicht haben, wieder zusammenbrechen oder doch wenigstens stagnieren. Er untersucht hier auch genauer den Aufstieg der USA und des deutschen Kaiserreichs und versucht dabei zu erklären, wie so unterschiedliche Staaten doch ungefähr gleichzeitig in die Moderne aufbrauchen. Dabei skizziert er auch die Gefahren, die heutigen Staatswesen drohen und entwickelt ein weiteres Theoriegebäude, das es ermöglicht, weltweit Analysen anzustellen. Weitere Themen befassen sich etwa mit den Problemen des Nationbuilding, worüber Fukuyama ja bereits ein eigenes Buch geschrieben hat. Unbedingt ebenfalls empfehlenswert.

Sasha Issenberg – The Victory Lab (bisher nur auf Englisch)

Dieses Buch bedient wiederum eine eher spezielle Zielgruppe. Sasha Issenberg beschreibt in seinem Werk ausführlich aktuelle Trends und Entwicklungen in Wahlkämpfen und unterfüttert diese Erkenntnisse mit allerlei Zahlenmaterial und politischen Theorien. Spannend, wenn man sich für dieses Thema interessiert, todlangweilig, wenn nicht.

Richard J. Evans – The Coming of the Third Reich (dt: Das Dritte Reich – Aufstieg)

Richard J. Evans – The Third Reich in Power (dt: Das Dritte Reich – Diktatur)

Richard J. Evans – The Third Reich at War (dt: Das Dritte Reich – Krieg)

Die Historikerzunft leider wahrlich nicht an einem Mangel an Büchern aber das Dritte Reich, aber kurioserweise gibt es nicht besonders viele Überblickswerke. Richard J. Evans, Historiker aus England und Experte für deutsche Geschichte, legt in seiner Third-Reich-Trilogie ein solches vor. Interessant für den interessierten Leser ist es vor allem aus zwei Gründen. Zum einen sind die Bücher noch relativ neu und daher auf einem verhältnismäßig aktuellen Stand der Wissenschaft. Zum anderen ist Evans als Brite ein etwas distanzierterer Beobachter und kann einen anderen blick liefern, als man das von deutschen Autoren gewohnt ist. Er hat seine Bücher auch explizit für ein nicht-deutsches Publikum geschrieben, das bisher nur wenig über das Dritte Reich weiß (was ihn nicht davon abhält, ein knackiges Niveau zu bieten). So übersetzt er etwa kontextabhängig sämtliche Begriffe („Volk“ ist etwa je nach Kontext „nation“ oder „people“), statt sie direkt zu übernehmen. Für den deutschen Leser seien daher die Übersetzungen empfohlen. Evans setzt seine Schwerpunkte dabei nach dem aktuellen Wissenschaftsdiskurs. Besonders auffällig ist dies im dritten Band, „Krieg“, wo er nur sehr am Rande auf die militärischen Geschehnisse und etwa Taktik und Strategie eingeht, sich aber eingängig mit der Nazi-Vernichtungspolitik, der Besatzungspolitik und den sich wandelnden Herrschaftsmechanismen befasst. Dem Leser muss auch klar sein, dass der Titel wörtlich zu nehmen ist – die Darstellung beschränkt sich auf den Nazi-Staat und kümmert sich praktisch gar nicht um den Pazifik und streift die anderen Länder nur insoweit, wie sie für das Verständnis der deutschen Geschichte notwendig sind.

Steven Pinker – The Better Angels of Our Nature (dt: Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit)

Dieses Buch möchte ich unbedingt und uneingeschränkt empfehlen. Der Psychologe Steven Pinker legt in einem ambitionierten Rundumschlag dar, warum Gewalt unter Menschen sich auch dem Rückzug befindet. Es ist nicht unbedingt intuitiv wenn Pinker behauptet, es gebe einen generellen Trend durch die Menschheitsgeschichte, dass Gewalt (vor allem tödliche Gewalt) konstant abnehmen, und dass dies auch für das 20. Jahrhundert gelte. Seine Betrachtung verschiedener Phasen der Menschheitsgeschichte vom neolithischen Zeitalter bis heute weiß aber durch analytische Brillanz zu überzeugen. Der Leser erfährt so etwa, warum wir Menschen die rechte Hand zur Begrüßung geben und welche Bedeutung Tischsitten für die Abnahme der Gewalt haben. Besonders beeindruckend ist die Lektüre aber dadurch, dass Pinkers These so widersprüchlich zu der von uns täglich wahrgenommenen Realität zu sein scheint. Herrschen nicht überall Krieg und Gewalt auf der Welt? Pinker fordert auf jeder Seite seine Leser heraus, bisherige Axiome auf den Prüfstand zu stellen, und wie bei Fukuyama auch kommt es gar nicht so sehr darauf an, ob man diese These am Ende teilt oder nicht – allein dass man auf einer so fundamentalen Ebene intellektuell herausgefordert wird ist genug, um das Buch unbedingt zu empfehlen. Zudem sticht es unter den politische Bereiche besprechenden Werken dadurch hervor, dass es einen positiven, fast schon optimistischen Grundton hat. Das ist manchmal auch ganz schön.

Tony Judt – Postwar (dt: Geschichte Europas 1945-1990)

Ein weiteres Standardwerk, das ich aber erst kürzlich lesen konnte, ist Tony Judts „Postwar“. Judt beschreibt darin die Geschichte Europas nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion aus dem Blickwinkel der 2000er Jahre. Er zeichnet darin Entwicklungslinien nach und nimmt eine konstant europäische Perspektive ein, immer wieder in die Innenpolitik der verschiedensten Staaten abtauchend und mit trügerischer Leichtigkeit alles zu einem stimmigen, multipolaren Gesamtbild verwebend. Es ist überraschend, dass es keine ernstzunehmenden Alternativen zu diesem Buch gibt, aber die meisten Abhandlungen über den Kalten Krieg befassen sich vor allem mit dem Konflikt von USA und Sowjetunion und betrachten Europa als einen Schauplatz dieses Krieges. Judt macht es genau umgekehrt: er betrachtet die europäische Geschichte jener Zeit, und dass Europa dabei territorial durch den Eisernen Vorhang getrennt und immer wieder Spielball der Supermächte ist, scheint mehr eine Laune der Geschichte. Es ist eine Perspektive, die altgewohnte Blickwinkel herausfordert und für das Verständnis unserer heutigen Epoche wahrscheinlich fruchtbarer ist als die klassische bipolare Sichtweise.

{ 7 comments… add one }

  • Tim 7. Dezember 2015, 09:10

    Danke für die schönen Vorschläge. Zufälligerweise habe ich „In Stahlgewittern“ kürzlich auch gelesen. Jünger war ja damals nicht der einzige, der die Kriegserlebnisse positiv gedeutet hat. Insofern hilft das Buch vielleicht ein bißchen, die Geschehnisse der 20er und 30er Jahre besser zu verstehen, so abschreckend und fremd sein Gedankengut aus heutiger Sicht auch ist.

  • R.A. 7. Dezember 2015, 13:50

    Vielen Dank für die Liste.

    Eine kleine Nachfrage (ohne in eine inhaltliche Diskussion einsteigen zu wollen!): Was versteht Manteuffel unter der „Entmündigung des Staates“, die er seit 1980 wahrgenommen haben will?
    Bis auf Einzeleffekte (Privatisierungen bei Strom und Post, Zulassung neuer Finanzprodukte) sind doch die letzten 30 Jahr dominiert von einer Fülle neuer Regulierungen, Verbote und Gesetze – also einer immer stärkeren Dominanz des Staates. Mir ist völlig unklar, was Manteuffel da meinen könnte.

    • Stefan Sasse 7. Dezember 2015, 20:35

      Ja, aber diese ganze Fülle betrifft hauptsächlich Privatbürger auf dem Mikrolevel. Auf dem Makrolevel räumt der Staat das Feld immer weiter. Aber wie beschrieben, das Ding hat vielleicht 30 Seiten und kriegst für rund 2 Euro, also lies es einfach schnell selbst. Ich hab’s hauptsächlich gekauft weil ich bei DM viele Seminare und mein Examen gemacht habe und ein Fan bin 🙂

      • Dennis 8. Dezember 2015, 13:18

        Ich hab die Zweifuffzig mal springen lassen (per Link von hier) und Ihnen damit (es ist ja bald Weihnachten) eine aufsehenerregende Provision verschafft und natürlich – nicht zu vergessen: Der Marktgewinn (Honorar) für den marktkritischen Autor. Einen fetten Brocken von besagten Zweifuffzig kriegt indessen der Staat ab (einen wesentlich größeren als Sie!), nicht nur durch die Umsatzsteuer sondern auch durch die diversen anderen Steuern, die letztlich alle vom Endverbraucher bezahlt werden müssen (die Letzten beißen die Hunde).

        In den – aus der Sicht des Autors, er bezieht sich darauf – Goldenen Zeiten (so um 1970) wäre der Umsatzsteueranteil noch 5 % gewesen. Der, also der Anteil, liegt heut‘ um 40 % (!) höher (Prozentpunkte sind was anderes, Unterstufen-Mathe setz ich mal voraus). Weniger Staat?….Hmmm

        Aber halt – amazon. Da gibt’s doch dieses Ding um deren Körperschaftsteuer und so. Richtig. Ein Steuerspezialvertrag mit dem STAAT (!) Luxemburg sorgt offenbar für eine signifikante Entlastung. Und an dieser Stelle (sinngemäß) gehen die Argumente von DM durchaus in die richtige Richtung. Die Globalisierung überrumpelt die herkömmliche Politikgestaltung insofern, als Letztere auf den klassischen Nationalstaat abgestellt war und ist, selbiger aber sozio-ökonomisch dahinschmilzt wie die Butter in der Sonne und andererseits jedoch z.B. das supranationale Projekt Europa im Grunde bankrott ist. Schuld daran – und das ist wesentlich – sind allerdings nicht irgendwelche ominösen „Märkte“ (diesen Begriff verwendet DM äußerst undifferenziert, unscharf und mit unsachlichen Versatzstücken aus der ideologischen Mottenkiste) sondern (jedenfalls momentan, könnte sich ja auch ändern) UNFÄHIGE Politiker – insbesondere in Bezug auf Deutschland natürlich auch -innen ;). Wer hindert die EU an einer grundlegenden Steuerharmonisierung? Niemand! Der Grund für Unfähigkeit war schon immer die Unfähigkeit – und nicht irgendwelche pösen „Systeme“, die man als „Markt“ oder sonst wie bezeichnen mag.

        An anderer Stelle setzt DM „Keynesianismus“ (gut) in Opposition zu Ronald Reagan (schlecht). In Wahrheit war Reagens Politik so keynesianisch, wie es keynesianischer gar nicht mehr geht. DM wird (nicht nur an dieser Stelle) Opfer von dem, was er selbst beanstandet: Oberflächliches Wahrnehmen von Imagekampagnen, Propaganda und ähnlichen Quatsch. Wissenschaft ist eigentlich was anderes.

        Nostalgie als nicht unwesentliches Element bei DM könnte man auch noch nennen. Durchaus verständlich, zumal ich in seiner Altersklasse bin. Abends in geselliger Runde bei nem Glas Wein war „früher“ immer alles besser. Sachlich isses indessen so, dass man die Bundestagsdebatten (das ist sein Punkt) heute komplett auf bundestag.de angucken kann. Alle (und nicht nur die von Fernsehen ausgewählten) in voller Länge, stundenlang, wer möchte, auch gerne einzelne Abgeordnete rausfiltern, und, und und. Jede Menge Angebot für Politikjunkies. Das Lagerfeuer-Fernsehen, das DM so vermisst, stand für eine Gesellschaft nach hierarchisch-autoritativem Muster; das ist anders geworden. Indessen passt dieser Sachverhalt gar nicht in die Staat/Markt Nummer, in die DM alles nur Erdenkliche reinpresst.

        Ich könnt‘ ja noch vielmehr Geschreibsel ablassen, aber ich mach mal meine unmaßgebliche conclusio IMHO :

        Vieles ist sehr bedenkenswert, bedürfte aber einer sauberen Vertiefung. DM verpfuscht aber alles, indem er Komplexes auf simple Schemata runter kocht – zu simpel, m.E. Das allseits beliebte Zweifronten-Spielzeug (weil mehr als zwei Fronten schon zu kompliziert wären) Staat/Markt ist kein Vademecum für alles nur Erdenkliche – Zumal es Märkte ohne Staat gar nicht gibt – womit ich an dieser Stelle auch gleich mein ordoliberales Credo untergebracht hätte ;).

        Aber okay, es ist ja nur ein Versucherle, bei den feinen Leuten Essay genannt.

        • Tim 8. Dezember 2015, 22:40

          In Wahrheit war Reagens Politik so keynesianisch, wie es keynesianischer gar nicht mehr geht.

          Das ist allerdings reichlich irreführend. Wie auch Thatcher hatte Reagan mit erheblichen innerparteilichen Gegnern zu kämpfen, die seine Politik konterkarierten, wo sie nur konnten. Steuersenkungen konnte er durchsetzen, Ausgabesenkungen aber schon nicht mehr. Folge: die bekannte US-Staatsverschuldung.

          War das Reagans Schuld? Jein. Trotz allem war er einfach zu schwach, um seine Partei bzw. den Kongreß mitzureißen. Kann man ihn einen Keynesianer schimpfen? Nein, sicher nicht.

  • DDD 10. Dezember 2015, 11:23

    Ich habe „Gewalt“ von Steven Pinker dieses Jahr ebenfalls angefangen (leider immer noch nicht zu Ende gebracht) und stimme dir zu – es ist ein extrem spannendes und anregendes Buch. Alleine die vielen interessanten historischen und kulturellen Infoschnipsel sind es sowas von Wert. Unbedingt lesen!

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