Die direkte Konsequenz aus dem Rogoff-Reinhard-Desaster – eine Welt der Unsicherheit

Dass Rogoff und Reinhards Studie einen vergleichsweise unbedeutenden Excel-Fehler und einen extrem bedeutenden Gewichtungsfehler enthält, dürfte inzwischen bekannt sein. Nicht ganz so klar ist, welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind. Freunde der Austerität dürften nicht plötzlich zum Licht des Keynsianismus finden, genausowenig wie sich vorher Keynesianer von der scheinbaren Richtigkeit der Rogoff-Reinhard’schen Annahmen haben beeindrucken lassen. Der Wirtschaftswurm etwa geht in dieselbe Verteidigungsstellung, in die auch die Studienautoren gehen: Studie Blödsinn, aber Hypothese immer noch valide. Lassen wir den Wirtschaftswurm direkt sprechen:

Selbst Rogoff-Kritiker Paul Krugman (den die Nachdenkseiten dankenswerterweise ins Deutsche übersetzt haben), gibt zu: „Es gibt eine gewisse Korrelation von hoher Verschuldung und geringem Wachstum …“ Der grundsätzliche Zusammenhang kann also nicht geleugnet werden. Und wenn es keine allgemeinen Obergrenze für die Schuldenquote gibt, bedeutet das nur, dass der Schwellenwert stark von den konkreten Umständen abhängt. Zwar mag manchmal auch eine Schuldenquote von weit über 90 % unproblematisch sein, manchmal aber auch eine von weit unter 90 % zu Problemen führen. Diese neue Unsicherheit sollte die Finanzpolitiker eher zur Vorsicht gemahnen.

Diese Information ist in etwa so viel wert wie die alte Bauernregel, dass wenn der Hahn kräht, sich das Wetter entweder ändert oder gleichbleibt. Staatsschulden machen irgendwann irgendwie irgendwem Probleme, aber wir können keinerlei Aussage darüber machen, wie genau alles zusammenhängt, außer dass es manchmal funktioniert, mit hohen Staatsschulden Wachstum zu generieren, und manchmal selbst mit moderaten Staatsschulden kein Wachstum entsteht? Wahnsinn. Immerhin, vorsichtig müssen die Finanzpolitiker sein. Als ob da bisher Zockernaturen säßen!

Das sind Erkenntnisse, die geradezu einen Freifahrtschein für alle Ökonomen darstellen. Sie haben einfach immer Recht. Wenn der Staat trotz hoher Staatsschulden kein Wachstum hat wäre mehr Austerität notwendig gewesen. Wenn er mit hohen Staatsschulden Wachstum hat, wäre Austerität langsam angebracht, aber bisher haben die Staatsschulden das Wachstum noch nicht verhindert, werden es aber jeden Moment tun, ganz bestimmt. Und wenn der Staat bei wenig Schulden kein Wachstum hat, tja, dann zeigt sich wohl, dass Austerität sowieso eigentlich nie verkehrt wäre.

Für diejenigen, die allerdings Verantwortung für echte Entscheidungen übernehmen müssen und sich nicht auf Prinzipienreiterei im Elfenbeinturm zurückziehen können, ist das alles wenig hilfreich. Und so führen wir in Europa ein Austeritätsregime, wenden die USA eine etwas expansivere Finanzpolitik an, öffnet Japan alle Schleusen, und niemand hat auch nur die geringste Ahnung, was passieren wird.  Vielleicht trägt das dazu bei, wieder etwas Output-orientiertere Politik zu machen.

Anstatt absurde, hochtheoretische Prinzipien zu befriedigen, wie das besonders Austeritätsfanatiker fordern (aber nicht nur), sollte man einfach wieder genauer darauf schauen, was eine konkrete politische Maßnahme für konkrete Effekte hat. Daumenregeln à la „jede staatliche Verschuldung ist gut“ oder „expansive Geldpolitik führt prinzipiell zu Wachstum“ gehören auf den Misthaufen, und die zu Unrecht in Positionen der Deutungshoheit gehievten Ökonomen gehören wieder aufs rechte Maß zurückgestutzt. Ihre Modelle und Studien sind Grundlage von Politik, aber sie können sie nicht ersetzen.

Auch Stephen Colbert hat sich übrigens mittlerweile des Themas angenommen:

 

 

{ 15 comments… add one }

  • Skalg 25. April 2013, 05:46

    Nuja, wenn ich die Zahlen noch richtig im Kopf habe, wurde nur die magische 90-Prozent Grenze widerlegt. Die Wachstumszahlen waren aber trotzdem geringer, je größer die Verschuldungsquote. Meiner Meinung nach war der Unterschied zu gering, um echte Aussagekraft zu besitzen – aber da wird es halt Meinungssachel.
    Was mich aber wirklich schockiert hat, war, dass der Artikel nicht peer reviewed war. Im Prinzip haben also einige der wichtigsten Menschen mit einem nicht streng wissenschaftlichen Artikel argumentiert.

  • chriwi 25. April 2013, 06:30

    „Die Wachstumszahlen waren aber trotzdem geringer, je größer die Verschuldungsquote.“
    Das ist die Korrelation von der alle reden. Die Kausalität ist aber nicht klar. Führen hohe Schulden zu schwächerem Wachstum, oder führt schwächeres Wachstum zu höheren Schulden. Genau hier braucht man ein funktionierendes Wirtschaftsmodell. Das Problem ist, dass es ein solches Modell nicht gibt.

  • Jan Falk 25. April 2013, 06:41

    „Anstatt absurde, hochtheoretische Prinzipien zu befriedigen, wie das besonders Austeritätsfanatiker fordern (aber nicht nur), sollte man einfach wieder genauer darauf schauen, was eine konkrete politische Maßnahme für konkrete Effekte hat. “

    Wie das mit den Effekten einzelner Maßnahmen im konkreten Einzelfall so ist, kann man sie, wenn überhaupt, erst Jahre später messen, was ja irgendwie zum Zeitpunkt der Entscheidung relativ unbefriedigend ist. Und es ist natürlich extrem schwierig, alle infragekommenden Drittvariablen verlässlich zu isolieren. Deshalb: Solche Datenreihen wie von R-R können schon ganz aussagekräftig und praktisch sein (wenn sie denn fehlerfrei ausgewertet werden). Und wenn das Ergebnis nun ist: Die Höhe der Staatsverschuldung ist für das Wachstum kein ganz entscheidender Faktor, dann ist das ja auch eine wertvolle Information an sich.

    Übrigens, R-R sollten nicht debattiert werden, ohne die Frage der Kausalität zu thematisieren. Ich hatte hier neulich schon in einem Nebensatz auf Dubes Nachweis hingewiesen, dass höhere Schulden eher durch geringes Wachstum zu erklären sind als andersherum:

    „As I pointed out before, the best argument against taking R-R as austerity’s gospel truth was it was just a correlation. Of course a ratio tends to increase more when its denominator increases less. That’s how fractions work. But it doesn’t prove that the rising ratio causes the stagnating denominator. If anything, the causality runs the other way — lower growth tends to cause higher debt, as tax revenue falls and safety-net spending rises during a slump. Indeed, as you can see below, Arindrajit Dube of the University of Massachusetts, Amherst, found that debt-to-GDP predicts past GDP growth much better than future GDP growth. In other words, higher debt doesn’t cause lower growth as much as lower growth causes higher debt.“

    http://www.theatlantic.com/business/archive/2013/04/forget-excel-this-was-reinhart-and-rogoffs-biggest-mistake/275088/

  • Jan Falk 25. April 2013, 06:52
  • Wirtschaftswurm 25. April 2013, 07:50

    Natürlich ist meine Erkenntnis, die du da zitiert hast, etwas mager. Aber selbst in meinem Blogbeitrag bin ich ja nicht dabei stehengeblieben, sondern habe mir Gedanken darüber gemacht, welche anderen Variablen noch eine Rolle spielen könnten, z.B. die Nettokreditaufnahme. Mir ging es gerade nicht darum, mit einem Achselzucken einfach weiterzumachen.

    • Stefan Sasse 25. April 2013, 08:24

      Ich hatte in deinem Artikel das Gefühl, dass du es hauptsächlich darauf anlegst, die Grundhypothese zu verteidigen – und das ist ja etwas, bei dem ich nicht zustimmen würde.

  • Kirkd 25. April 2013, 09:15

    Das ist der grundlegende Unterschied zwischen Wissenschaft und Politik: Wissenschaft streitet um Modelle, um die Welt möglichst gut zu erklären, Politik verhandelt Maßnahmen, um die Welt möglichst gut zu regieren.

    Konkret für die Verschuldungsfrage: Gesamtverschuldung ist ein langfristig wirkender Faktor. Das Problem ist, dass die Neuverschuldung kurzfristig den Änderungen des Konjunkturzyklus unterworfen ist und kurzfristig konjunkturwirksam sein KANN.

    Problem ist, dass Ökonomen je nachdem, welchem Modell sie anhängen, entweder den kurzfristigen Aspekt ausblenden (Angebotsökonomie) oder den langfristigen Aspekt ausblenden (Nachfrageökonomie). Die Politik muss aber beide Aspekte berücksichtigen, die Ökonomie liefert aber hierzu nur wenig Hilfestellung.

    • Theophil 25. April 2013, 10:08

      Ich habe auch gar nicht den Eindruck, als würde die Ökonomie als Wissenschaft sich als die große Erklärerin der Welt sehen. Sicherlich gibt es Ökonomen an der Grenze zur Politik, aber die Ökonomie lehrt doch v.a das Denken in Trade-Offs, in Vor- und Nachteilen, Kosten und Nutzen. Die Abwägung dazwischen ist die eigentliche Politik, die Verteilung der Kosten und Nutzen ist Politik. Außerhalb der Logik von Kosten und Nutzen bleibt auch die Bestimmung gesellschaftlicher oder institutioneller Ziele genuin Politik.

      • Kirkd 25. April 2013, 10:19

        Naja, ich hoffe schon, dass die Ökonomie versucht, die ökonomischen Abläufe in der Welt zu erklären.

        Deine Definition von Politik ist exakt das, was ich mit verhandelt Maßnahmen beschreiben wollte.

  • Wirtschaftswurm 25. April 2013, 09:40

    Stephan Sasse, ich verteidige nicht R&R und ihre konkrete These, aber ich verteidige das dahinter stehende wissenschaftliche Paradigma. Insofern hast du recht. Ich verteidige es aber, indem ich fordere, dass es fortentwickelt wird. Gleichzeitig habe ich ja ein paar (zugegeben wahrscheinlich arbiträre) Gedanken entwickelt, in welche Richtungen man es fortentwickeln könnte.

    Danke, Kirkd, dass du noch einmal auf den Unterschied zwischen Wissenschaft und Politik hinweist. Nun hat man also festgestellt, dass die Wissenschaft die Welt nicht so genau zu erklären vermag, wie es zunächst schien. Für die Politik sollte das aber keine Rolle spielen. Politik sollte sich nicht auf ungesicherte wissenschaftliche Einzelergebnisse aufbauen, sondern auf die großen Paradigmen.

    Im Übrigen bin ich ja, was Südeuropa anbelangt, der Meinung, dass die Austeritätspolitik weitgehend unnötig wäre, wenn die Krisenländer aus dem Euro austreten würden.

    • Kirkd 25. April 2013, 10:11

      Ich bin sehr dafür, dass Politik einem wissenschaftlich abgesicherten Paradigma folgt, sei es auch noch so „groß“. Damit soll Wissenschaft aber nicht am Ende sein. Ist eine Reduzierung der Schuldenquote als notwendig erwiesen, sollte Wissenschaft nach für die Politik hilfreichen Maßnahmen forschen, wie dieses Ziel praktisch am besten erreicht wird. Was sind die wirksamsten Sparmaßnahmen? Wie stark sollte man in welcher konjunkturellen Situation sparen? Welche weiteren Maßnahmen können den Abbau der Verschuldung unterstützen? Welche Massnahmen sind kontraproduktiv? Das sind die Fragen, auf die Politiker Antworten brauchen.

  • popper 27. April 2013, 17:47

    Wenn die Äußerung von P. Krugman auch hier (ebensi Wirtschaftswurm) als Quasi-Beweis angeführt, Staatsverschuldung und Wachstum bildeten eben doch eine gewisse Korrelation , dann aber sicher nicht zwingend in dem Sinne, dass Verschuldung das Wachstum verlangsamt, hier besteht nämlich überhaupt kein Kausalnexus. Zumal man hier eine Bestandsgröße mit einer Flussgröße korreliert. Betrachtet man die Sache allerdings so herum, dass ein Absturz der Wirtschaft den Staat zu Mehrausgaben nötigt, dann stimmt der Zusammenhang . Das war aber bis dahin eine Binse, sie passte nur Rogoff und Reinhards nicht ihr neoliberales Konzept und der Absicht, den Staat aus dem Markt herauszudrängen.

  • popper 27. April 2013, 17:52

    Wenn die Äußerung von P. Krugman auch hier (ebenso Wirtschaftswurm) als Quasi-Beweis angeführt wird, dass Staatsverschuldung und Wachstum eben doch eine gewisse Korrelation bilden, dann aber sicher nicht in dem Sinne, dass Verschuldung das Wachstum verlangsamt, hier besteht nämlich überhaupt kein Kausalnexus. Zumal man hier eine Bestandsgröße mit einer Flussgröße korreliert. Betrachtet man die Sache allerdings so herum, dass ein Absturz der Wirtschaft den Staat zu Mehrausgaben nötigt, dann stimmt der Zusammenhang . Das war aber bis dahin eine Binse, sie passte nur Rogoff und Reinhards nicht ihr neoliberales Konzept und der Absicht, den Staat aus dem Markt herauszudrängen.

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