Was haben wir verpasst? Das Ende der Schulzeit im Spiegel von „Booksmart“

Booksmart Blueray

Book smart is an adjective describing a person who learns greatly from books, as opposed to practical experience, or ’street smarts‘.

Wikipedia

Ich bin überhaupt kein Mensch für Komödien. Es ist kein Genre, mit dem ich viel anfangen kann, und Highschool-Komödien sind quasi noch eine Stufe schlimmer. Ich war in meiner eigenen Schulzeit nicht eben die popular party person, und so sind weder die ausufernden Saufgelage, die in dem Genre zelebriert werden noch die schmerzhafte Erinnerung an die eigene soziale Stellung besonders angenehm. Ich mache eine Ausnahme für Booksmart. Diese Highschool-Komödie von 2019 ist ein grandioses Werk, das mühelos die üblichen basalen Grenzen des Genres sprengt und filmische Maßstäbe setzt.

Die Geschichte ist grundsätzlich schnell erzählt. Die besten Freundinnen Molly (Beanie Feldstein) und Amy (Kaitlyn Dever) sind Streberinnen, wie es im Buch steht. Molly hat klare Ziele: bester Abschluss, beste Uni, Karriere, Glasdecke durchbrechen. Amy verfolgt denselben Plan, ist aber die stillere der beiden, dafür offen lesbisch (wenngleich Jungfrau) und aktivistisch für alle möglichen progressiven Themen engagiert. Am letzten Schultag entdeckt Molly zu ihrem Entsetzen, dass ihre Klassenkamerad*innen zwar immer Party gemacht und nicht Kreuzworträtselwettbewerbe mit Miss Fine durchgeführt haben, aber trotzdem auf Eliteuniversitäten kommen. Ihr Weltbild derart zerbrochen verpflichtet sie Amy, dass sie die letzte Nacht vor der Graduierungszeremonie nutzen, um zu beweisen, dass sie ebenfalls Spaß haben und auf Parties gehen können.

Die Prämisse der Handlung hört sich zuerst klassisch an. Die Erwartungshaltung ist, dass die restliche Stufe in ihren bigotten Vorurteilen entlarvt wird und die beiden Mädchen als Heldinnen aus der Geschichte hervorgehen werden. Doch der Film bricht die Erwartungen durch seinen unerwartet subtil-cleveren Aufbau. Das Problem sind Molly und Amy selbst, vor allem Molly. Durch ihren dominierenden Charakter stößt Molly Menschen von sich und unterbuttert ihre beste Freundin, was unter der Oberfläche zu unaufgelösten Spannungen führt. Viel schlimmer aber ist, dass sich beide in ihre Identität so eingebaut haben, dass sie die Welt nur noch durch diese Brille sehen – und damit auch ihre komplette Umgebung. Sie haben ein vollkommen falsches Bild ihrer Klassenkamerad*innen, das letztlich den Konventionen des Genres entspricht; da wir die Handlung aber in personaler Perspektive nur durch ihre Augen wahrnehmen und zudem entsprechend konditioniert sind, übernehmen wir diese Haltung und Erwartung.

Die Zuschauenden werden zu Beginn in Sicherheit gewiegt. Unsere Protagonistinnen werden auf höchst sympathische Weise vorgestellt: voll positiver, bestärkender Energie, unterstützen sie sich gegenseitig in ihren Zielen und ihren Emotionen. Sie haben idiosynkratische Rituale mit eigenem Slang und Codeworten, arbeiten hart, engagieren sich für die Schulcommunity und sind auf quirlige Art grundsympathisch. Wir folgen ihnen zur Schule, wo wir den Rest der Klasse kennenlernen. Da ist Nick, der archetypische jock, der nur deswegen Mollys Vizepräsident im student council ist, weil man da die Parties plant. Da ist Gigi, ein ekzentrisches Kind reicher Eltern, das ständig mit Jared abhängt, der noch reichere Eltern hat („here come the 1%„, kommentiert Molly ironisch). Da ist Hope, die sich als edgy Außenseiterin inszeniert und Amy für ihr Strebertum kritisiert. Da ist Annabelle, die von allen nur „Triple A“ genannt wird, weil sie drei unterschiedlichen Jungs einen geblasen hat. Da sind Alan und George, die mit Verve jedes Klischee des nerdigen Dramaclub-Mitglieds erfüllen und reichlich offensichtlich homoerotische Energie versprühen. Da ist Ryan, in die Amy verliebt ist, ohne sie je angesprochen zu haben. Der mexikanischstämmige Theo steht auf Miss Fine. Tanner hat einen guten Körper. Dazu kommt der Direktor Brown, der endlich Ferien will, und die bereits erwähnte Miss Fine, die junge und coole Lehrerin sowie die Eltern Amys, deren Eltern trotz ihrer religiös-biederen Art geradezu absurd unterstützend gegenüber Amys Sexualität sind.

Mollys Beschluss, Nicks Party aufzusuchen um die vergangenen Jahre aufzuholen, stößt bei Amy auf wenig Gegenliebe. Erst das Einlösen eines großen Gefallens – „Malala“, die beiden geben sich je einen pro Jahr, „full support, no questions asked“ – bringt Amy dazu, widerstrebend Mollys Plan zu folgen. Er erfordert, zum ersten Mal ihre Eltern zu belügen (eine Aufgabe, die Molly übernehmen muss) und deren fertig durchgeplanten Abend mit Speisen mit Graduierungsleitmotiv platzen zu lassen. Aufmerksame Zuschauende können bereits hier die schiefe Machtdynamik zwischen den beiden Mädchen sehen; Molly ist die treibende Kraft, während Amy zögert und bezweifelt, dass der Plan vernünftig funktionieren kann. Er scheitert bereits beim Grundlegenden: keine der beiden weiß, wo das Haus von Nicks Tante ist, in dem die Party in deren Abwesenheit (sie ist auf einer Kreuzfahrt gestrandet) steigt.

Molly lässt sich davon nicht abschrecken und bittet Jared, sie hinzufahren. Doch der fährt sie stattdessen auf seine eigene Party: auf einer gemieteten Yacht veranstaltet der Partyservice, der auch „Sasha Obamas Sweet 16“ ausrichtete, eine absurd luxuriöse Feier, inklusive gift bags mit iPads und T-Shirts mit Jareds Konfertei. Außer ihm und Gigi ist natürlich niemand auf der Party. Der verzweifelte Versuch Jareds, cool zu sein und wenigstens die beiden Bücherwürmer auf seiner traurigen, einsamen Party zu halten, scheitert. Molly sagt Jared direkt auf den Kopf zu, dass er sich keine Beliebtheit kaufen könne, woraufhin der nur erwidert, er sei ziemlich sicher dass das gehe, er sehe es jeden Tag bei seinen Eltern. Die emotionale Leere reproduziert sich durch die Generationen. Die Situation eskaliert, als Gigi sich im Drogenrausch ins Hafenbecken stürzt, was Amy und Molly zur Flucht nutzen. Für Amy ist die Sache damit durch: sie waren auf einer Party und können zurück zur ihrem normalen Vorgehen eines ruhigen, gediegenen, intellektuellen Sleep-Over. Aber Molly akzeptiert das nicht: es ist hier, dass sie mit „Malala“ die Zustimmung ihrer Freundin erzwingt, den wilden Ritt durch die Nacht fortzusetzen.

Der Adresse von Nicks Tante nicht einen Schritt näher erreicht Molly endlich George. Von ihm erhält sie eine Adresse, zu der ein Uber sie bringen soll. Den muss Amy bestellen; Molly hat wegen ihrer ruppigen Art zu schlechte Bewertungen. Aufmerksame Zuschauende sehen in diesem beiläufig hingeworfenen Gag bereits ein weiteres Warnzeichen. Der Uber-Fahrer stellt sich als Direktor Brown heraus, der, sichtlich peinlich berührt, sein Einkommen aufzubessern versucht. Die furchtbare Bezahlung von Lehrkräften in den USA zwingt ihn dazu, und im Auto erzählt er ungebeten (und um die peinliche Stille aufzulösen), dass er auch an Romanen schreibt. Er betrachtet sich als Feminist und schreibt an einem Krimi über eine schwangere Detective, deren ungeborenes Kind umso stärker tritt, je näher sie an der Lösung des Falls ist. Brown beendet seine Ausführungen mit der verlegenen Bemerkung, dass er noch keine Idee habe wie es weitergeht, wenn sie ersteinmal niedergekommen ist. Dass seine Objektifizierung des weiblichen Körpers nicht gar so progressiv ist, wie er sich selbst betrachtet, geht ihm dabei nicht wirklich auf.

Molly indessen überredet Amy, sich auf dem Handy Pornos anzuschauen, um für die erfolgreiche Verführung Ryans auf Nicks Party gewappnet zu sein. Wieder übernimmt sie die Führung, zwingt der widerstrebenden Amy ihren Willen auf – natürlich nur zum Besten der Freundin. Bei Georges Adresse angekommen stellt sich heraus, dass es – Georges Adresse ist. Zusammen mit Alan gibt er eine Murder-Mystery-Party, mitsamt Overacting, ausführlichem Charakterhintergrund, Wein und Käsecrackern. George lässt sie mit dem mysteriösen Hinweis teilnehmen, dass „the mayor“ wüsste, wo die Partei stattfindet. Diese Rolle spielt niemand anderes als Gigi, die auf unerklärliche Weise trocken und schneller als Amy und Molly zu George kam. Sie offenbart den beiden, dass die Party im Haus von Nicks Tante stattfindet (was sie schon wussten) und dass sie ihnen auf Jareds Boot Drogen verabreicht hat (was sie dezidiert nicht wussten). Die beiden erleben ihren ersten Drogentrip und verlassen unter lautem Fluchen Mollys die Party.

Erneut zeigt sich hier die Persönlichkeit Mollys. Auch hierfür gab es Warnzeichen zu Anfang: schließlich begann ihr ganzer Plan nur, weil sie zufällig auf der Toilette hörte, wie sich drei Mitschüler*innen (Theo, Tanner und Annabelle) über sie lustig machten, indem sie „fuck-mary-kill“ spielten. Doch die Kritik war nicht an ihrem Aussehen (wie man vielleicht annehmen könnte) oder an ihrer Nerdigkeit, sondern an ihrem Charakter. Sie hinterfragte dies allerdings nie, weil sie in ihrer Identität zu sehr gefangen ist. Die anderen sind alberne, generisch schöne Leute, die mit ihr gar nichts zu tun haben KÖNNEN, weswegen sie sie auch von sich stößt. Dass ihrer besten Freundin offensichtlich unwohl ist, ignoriert Molly immer wieder – bis es am Ende zum Eklat kommt.

Wie eine Stimme aus dem Off – dramatisch durch die Kameraführung und das Blocking inszeniert, bei dem Gigi auf einem Balkon über den beiden Mädchen mit unwirklicher Hintergrundbeleuchtung steht – erklärt ihnen diese, dass Molly insgeheim in Nick verliebt sei. Amy ist davon völlig überrascht und streitet es erst ab, aber ein Blick in Mollys beschämtes Gesicht belehrt sie schnell eines Besseren. Mollys Rechtfertigungen zeigen ihre ganze verdrehte Situation: zuerst relativiert sie ihre Anziehung zum „konventionell attraktiven“ Jared als Reaktion ihres Körpers, ehe sie mehr sich selbst als Amy versichert, dass sie das mit ihrem Verstand bekämpfe, weil – und hier kommen wir zur Crux – sie „es sich nicht erlauben kann“, auf einen Erfolg mit Nick zu hoffen. Ihr Selbstwertgefühl, durch die gesamte Handlung bisher ständig im Mittelpunkt und mit allen Mitteln aufrecht erhalten, ist Fassade: in ihr ruht ein Minderwertigkeitskomplex über ihr eigenes Aussehen, der es ihr unmöglich macht, sich als begehrenswerte Partnerin zu betrachten. Stattdessen projiziert sie Arroganz und Ablehnung nach außen, auf alle außer ihren engsten Kreis, um die Möglichkeit einer Verwundung zu vermeiden. Ich fühle dich, Molly. Ich fühle dich.

Zuerst einmal allerdings wird ein weiterer Versuch unternommen, die Adresse herauszufinden. Unter Verweis auf ihre geteilte Streberinnen-Identität bringt Molly Amy dazu, in der Bibliothek Recherche anzustellen. Sie wälzen Grundbücher und Stadtpläne, ohne der Lösung näherzukommen. Es ist Amy, die die rettende Idee hat: auf einem Instagram-Video von der Party ist ein Stapel von über 17 Pizzaschachteln zu sehen. Wer auch immer die geliefert hat, erinnert sich daran. Dass der Ansatz „wir tun, worin wir am besten sind: our motherfucking homework“ nicht funktioniert, ist ein weiteres subtiles Warnzeichen und Kritik an der konstruierten Booksmart-Identität: der eine Moment der Handlung, in dem das Bücherwissen helfen könnte, wird durch ein Zurschaustellen uncharakteristischer Streetsmart konterkariert.

Der Versuch, den Pizzaboten zu bedrohen um den Ort der Party zu bekommen, scheitert auf sehr komödiantische Art. Der Mittdreißiger durchschaut die Mädchen sofort und schilt sie dafür, zu einem Fremden ins Auto zu steigen, um ihnen eine verstörend detailreiche Schilderung dessen zu geben, was ihnen dabei passieren könnte, ehe er ihnen seine Waffe zeigt. Am Ende bekommen die beiden aber die Adresse – und vergessen Amys Handy. Da Molly keinen Uber bestellen kann und nur noch 2% Akku hat, bleibt nur ein einziger Notanruf: Miss Fine, deren Nummer die beiden am Morgen als Abschiedsgeschenk (für das weitere Austauschen von Kreuzworträtseln) bekommen hatten, holt die beiden ab und bringt sie zu der Party.

An dieser Stelle nimmt die Handlung ihre entscheidende Wendung. Aber dazu mehr beim nächsten Mal.

{ 4 comments… add one }
  • Johnson 2. Mai 2024, 18:16

    So – like American Pie for woke intellectuals?

    • Stefan Sasse 2. Mai 2024, 18:28

      Well, if you want to put it in the most derogatory and disrespectful manner, kinda.

  • Johnson 2. Mai 2024, 19:37

    What’s „most derogatory and disrespectful“ about that? Or did I inadvertently drill a nerve?

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