Rezension: Frank Bösch – Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann

Frank Bösch – Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann

Die Frage, wann die Moderne beginnt, ist eine in der Geschichtswissenschaft hochumstrittene. Der untere Rand des Spektrums wird üblicherweise durch die Aufklärung und die bürgerlichen Revolutionen ab der Mitte des 18. Jahrhunderts gebildet. Frank Bösch legt die Latte in seinem vorliegenden Buch wesentlich höher: er lässt unsere moderne Welt 1979 beginnen. Dabei behauptet er nicht, dass Schlag am 1.1.1979 ein neues Zeitalter anbrach, sondern eher, dass in dieses Jahr viele Ereignisse fielen, deren Genese und Folgewirkungen besonders prägend waren. Diese Ereignisse und Dynamiken, die üblicherweise fernab deutscher Grenzen stattfanden, hatten doch immer Rückwirkungen auf das damals noch geteilte Deutschland. Trotz des internationalen Ansatzes der Ereignisse legt er daher den Schwerpunkt darauf, ihre Auswirkungen auf die beiden Deutschland zu beschreiben. Inwieweit dieser Ansatz trägt, soll die folgende Rezension erkunden.

In Kapitel 1, „Die Revolution im Iran“, beginnt Bösch seine Darstellung. Diese hat ihre Genese in der langen Kooperation des Westens mit dem diktarorischen Schah-Regime, das im Land für eine antiwestliche und antimoderne Stimmung sorgte. Erste Reformversuche des Schah-Regimes selbst in den 70er Jahren wurden vom Westen bekämpft, weil sie aus seiner Sicht das Land destabilisierten und ein Einfallstor für kommunistische Agitation darstellten. Da der Schah selbst keinen sonderlich stringenten Reformkurs vor, sondern eher erratisch agierte, ermunterte er mit dem Schlingerkurs nur die Opposition, die sich immer größer und lautstärker formierte.

Ein entscheidender Kopf dieser Opposition war trotz der anfänglich geringen Größe seiner Anhänger*innenschaft der im Exil lebende Ayatollah Khomeini. Seine Fähigkeit war es, sich als Gesicht der Opposition uns als ihr Anführer zu gerieren und als zentrale Opposition des Schahs wahrgenommen zu werden. Das lag an seiner Fähigkeit, westliche Journalisten (und das waren alles Männer) um den Finger zu wickeln; vor allem Peter Scholl-Latour, der den Ayatollah im Flugzeug in den Iran begleiten durfte und von der eigenen Bedeutung besoffen unkritisch die Progaganda der Islamisten schluckte. Damit war er nicht allein; fast der ganze Westen ließ sich anfangs von moderater Rhetorik und scheinbar demokratischen Elementen täuschen, die Liberalen wie Konservativen gefielen, während die Linke schon allein wegen der klar antiamerikanischen Haltung des Ayatollahs von ihm begeistert waren.

Khomeini reagierte allerdings sobald er sicher im Iran und der Schah geflohen war schnell mit Gewalt und begann, die Bevölkerung und vor allem die anderen Strömungen der Opposition zu unterdrücken. Dabei war seine Stellung nicht unangefochten; die Geiselnahme in der US-Botschaft aus den eskalierenden Protesten etwa war nicht seine Idee, aber er nahm es hin und intervenierte nicht – schon allein, weil er gar nicht Macht hatte, irgendetwas zu unternehmen. Während des Geiseldramas versuchte die bundesrepublikanische Regierung, die zahlreiche Kontakte im Iran besaß, weitgehend erfolglos zu vermitteln.

Khomeini selbst versuchte, eine Ideologie des schiitischen Panislamismus zu propagieren, scheiterte damit jedoch schnell, schon allein, weil seine Nachbarländer alle von säkularen Diktatoren regiert und eher sunnitisch geprägt waren. Dieses Scheitern mündete im verheerenden  Krieg mit Irak, der allerdings außerhalb des Rahmens des Buchs liegt. Die BRD indessen unterhielt, unter Gefährdung ihrer Beziehungen zu den USA, ein hervorragendes Verhältnis zum sich rasch zur Theokratie entwickelnden Iran. Die Wirtschaft ging über alles, vor allem für Bundeskanzler Schmidt. Diese freundschaftliche Haltung zu einem mörderischen Regime zeigte sich etwa am neuen Botschafter in Teheran, der erklärte, die Berichterstattung über täglich mehr als 30 Todesurteile unterschlage, „wie sehr diese von linksextremen Militanten provoziert“ würden. Wenn etwas eine moralische Bankrotterklärung ist, dann wohl das. Erst unter dem im Zug des Antiterrorkampfs massiv zunehmenden Druck der USA ab 2003 endete dieses deutsche Sonderverhältnis, das im Übrigen keine iranische Ausnahme darstellt: bis dahin unterhielt die Bundesrepublik auch extensive Kontakte nach Libyen und ignorierte nur zu gerne Gaddafis Terrorfinanzierung.

In Deutschland selbst führte die Revolution nach einer kurzen Begeisterungsphase wie im ganzen Westen schnell zu einem Backlash gegen den Islam in der öffentlichen Meinung. Man identifizierte den gesamten Nahen Osten nun zunehmend als kulturell fremd und bedrohlich, wo man ihn zuvor eher als unterentwickelt, analphabetisch und die Segnungen der Zivilisation erwartend begriffen hatte. Dieser Wandel des islamischen Fremdbilds betraf auch die Türkei und damit die Millionen von Deutschtürk*innen auf negative Weise.

In Kapitel 2, „Papst Johannes Paul II. in Polen„, könnten geneigte Beobachtende versucht sein, aufgrund der Gleichzeitig der Ereignisse Parallelen zu religiöser Radikalisierung zu ziehen: der 1978 gewählte neue Papst trat seine große Auslandsreise nach Polen an. Seine Rolle bezüglich der Menschenrechte war ambivalent: auf der einen Seite prangerte er Menschenrechtsverstöße kommunistischer Regime an, auf der anderen Seite war der konservative Papst sicherlich kein Freund von Frauenrechten.

Die Hoffnung der polnischen Kommunisten, die den Besuch überhaupt zuließen, war der auf Stabilisierung ihres Regimes, indem sie den Glanz des ersten polnischen Papstes für sich nutzen konnten. Entsprechend großes Gewicht hatte die detaillierte Vorbereitung des Besuchs. Bösch warnt vor Überinterpretationen des Ereignisses, aber die Begeisterung der Bevölkerung war gewaltig. Ihre Bedeutung liegt für Bösch darin, als eine erste Übung in Massenversammlungen und ihrer Organisation gedient zu haben, die der polnischen Opposition noch zugute kommen würde. Der Papst selbst hielt sich bewusst politisch zurück und zeigte keine Solidarität mit Solidarnosc, um die Machthaber nicht zu provozieren und weil er Gewerkschaften misstraute; erst bei seinen Besuchen 1983 und 1987 würde er sich offener auf die Seite der Opposition stellen. In der öffentlichen Erinnerung sind diese Besuche natürlich mittlerweile verschmolzen.

Der Besuch mobilisierte vor allem junge Menschen und war von einer Aura des polnischen Nationalismus durchwoben, die sich kaum trennen ließ. Er gehörte zudem in den Kontext der Entspannungspolitik mit Jaruzelski, der so versuchte, das Ansehen der Volksrepublik Polen zu verbessern.

Die BRD versuchte ihrerseits ebenfalls, den Papst für sich zu vereinnahmen, aber der blieb im Kalten Krieg äquidistant und unpolitisch. Die Begeisterung bei seinem ersten Besuch in der BRD war auch bei weitem nicht so groß wie in Polen, was vermutlich auch mit der zu diesem Zeitpunkt rapide fortschreitenden Säkularisierung zu tun hat (siehe auch hier). Selbst die DDR versuchte sich an der Vereinnahmung des Papstes, indem sie dessen antikoloniale Aussagen für sich zu interpretieren versuchte. Wie auch in Polen wurden in der DDR in den 1980er Jahren die Kirchen relevanter, weil sich unter ihrem Dach der Protest der Jugend artikulieren konnte; wie die Zeit nach 1990 allerdings zeigte, war das aber kein Ausdruck von Religiosität.

Wesentlich säkularer geht es in Kapitel 3, „Die Revolution in Nicaragua„, zu. Die Diktatur Nicaragua wies gewisse Ähnlichkeiten zum Iran auf: Auch hier gab es einen Diktator, von den USA unterstützt, der mit Gewalt, Folter und Tod regierte. Wenig überraschend war die Opposition nicht sonderlich US-freundlich. Die Revolution durch die Sandinisten genoss dann wegen des offensichtlichen Charakter des alten Regimes große internationale Solidarität, die auch lagerübergreifend war; die Politik dagegen war ebenso lagerübergreifend eher distanziert – auch hier drängen sich die Parallelen zum Iran auf, da die BRD wie bei Iran vor allem an Wirtschaftskontakten interessiert war. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung schwenkte sie dann aber auf Entwicklungshilfen um; die USA dagegen änderten ihre feindselige Haltung nie.

Im Westen bildeten sich zahlreiche Solidaritätsgruppen mit Nicaragua, die ungemeine Mengen privater Entwicklungshilfen aufbrachten, die schnell mit großen staatlichen Hilfen gepaart wurden. Die Masse dieser Sympathie kam natürlich aus der politischen Linken, aber auch junge Christen engagierten sich für Nicaragua; ich gehe davon aus, dass es hier eine Schnittstelle mit der Befreiungstheologie gibt. Auch der Osten unterstützte Nicaragua massiv, vor allem die DDR und Kuba, obwohl deren Budgets das eigentlich nicht hergaben – der Prestigegewinn stand über allem.

Nicaragua wurde dabei von allen Seiten romantisiert, was dabei half, zahlreiche Freiwillige zu rekrutieren, die als Entwicklungshelfer für einige Wochen oder Monate nach Nicaragua gingen, um dort mitzuarbeiten. Dabei zeigten sich allerdings schnell Konflikte mit der örtlichen Bevölkerung. Die westlichen Linken kamen mit der machoistischen und religiösen Kultur Mittelamerikas nicht zurecht, während die jungen Christen starke theologische Differenzen ausmachen mussten.

Die Sandinisten wurden zudem zunehmend autoritärer, so dass die Unterstützung abzunehmen begann. Das Intereresse an dem Land blieb aber überparteilich, schon allein, weil die CDU Nicaragua dazu nutzen konnte, um die Linken mit dem Menschenrechtsknüppel zu schlagen, den diese im Iran und an anderen Orten gegen von den USA unterstützte Diktatoren benutzt hatten. Hier endlich war eine aufstrebende Linksdiktatur, die Menschenrechte verletzte – und die Linken schwiegen.

Auffällig war, dass besonders die junge Partei der Grünen in Nicaragua sehr engagiert blieb. Sie betrieb in den 1980er Jahren vielfach eine „kommunale Nebenaußenpolitik“, indem sie Partnerschaften mit Nicarauga schloss, wo ihr dies wie nach den Wahlerfolgen in Hessen durch die Teilhabe an der kommunalen Macht möglich wurde. Dadurch gewannen viele grüne Politiker*innen erste außenpolitische Erfahrung, die sie später gewinnbringend würden einsetzen können.

Nicaragua führte auch zu einer weiteren und schweren Desavouierung der USA, die im Ausmaß ähnlich wie Vietnam war, weil die USA die Gewalt der Contra-Rebellen stützten, die offenkundig noch schlimmer als die Sandinisten waren. Diese Unterstützung trug maßgeblich dazu bei, dass Nicaragua in eine Spirale der Bürgerkriegsgewalt rutschte, aus der sie erst die politische Niederlage der Sandinisten 1990, nach der sich das Land dem „Washington Consensus“ anschloss (zur Enttäuschung aller Aktivist*innen), befreien konnte. Auch die Hoffnungen der jungen Christen wurden enttäuscht, als zunehmend ein reaktionärer Katholizismus gegenüber den reformorientierten Graswurzelbewegungen die Macht übernahm.

In eine ganz andere Richtung geht Kapitel 4, „Chinas Öffnung unter Deng Xiaoping„. Die Öffnung selbst begann zwar bereits 1978; Bösch rechtfertigt die Aufnahme neben der offensichtlichen Bedeutung aber, indem er als Anlass Dengs Besuch in den USA im Januar 1979 nimmt. Das Kapitel selbst öffnet mit einem Rückblick auf Maos katastrophale Wirtschaftspolitik und Abschottung. Diese hatten neben den offensichtlichen Effekten auf China auch die Wirkung, dass der Westen praktisch keinen Einblick in das Land hatte. Die wenigen Expert*innen, die sich mit dem Land beschäftigten, waren oft darauf zurückgeworfen, Textexzegese aus Zeitungsschnippseln zu betreiben und auf diese Art den Kurs der KPCh herauszufinden.

Die Haltung des Westens gegenüber China hatte sich bereits in den 1970er Jahren geändert, weil der Wandel der Beziehung zu Moskau durch Pekings 180-Grad-Wende die Nutzung von China als Hebel gegen die UdSSR erlaubte. Auf diese Art wurde die Volksrepublik vom Feind plötzlich zum Verbündeten der USA und damit der Konservativen. Doch auch die Linken entdeckten ab 1968 eine Liebe zu dem Land, weil die Ernüchterung über den Charakter des Sowjetkommunismus, die spätestens mit dem Prager Frühling weite Teile der europäischen Linken erfasst hatte, zu einem Umschwenken vom Leninismus auf den scheinbar „reineren“ und „unverfälschteren“ Maoismus ermöglichte. Umgekehrt lief es entsprechend für das sozialistische Deutschland, dessen Beziehungen zu Peking sich drastisch verschlechterten.

Dengs Antrittsbesuch in den USA war nur der erste in einer ganzen Reihe von Auslandsreisen sowohl Dengs als auch anderer Funktionäre. Sie entledigten sich praktisch des kompletten normalen Protokolls solcher Staatsbesuche und legten den Fokus auf die Besichtigung von Fabriken statt Monumenten und symbolisch relevanten Orten. Die Chinesen inszenierten sich als lernwillig und untergeordnet, was der Westen liebte – und den Gästen so bereitwillig Zugang verschaffte, in der Hoffnung, Zugang zu dem potenziell riesigen chinesischen Markt zu bekommen, den man als Konkurrent nie ernst nahm.

China indes legte ein Modernisierungsprogramm auf, in dem die Sonderwirtschaftszonen das Kernstück bildeten. Die Hoffnungen der deutschen Wirtschaft blieben aber vorerst unerfüllt; die Investitionen und Absätze blieben sehr begrenzt. Ein Avantgardist war VW, die in der Standardform der Joint Venture unter chinesischer Führung eine frühe Vorreiterrolle bei der Motorisierung des Landes einnahmen. Auch die DDR näherte sich wieder an das Regime an, da Deng doch keine Liberalisierung zu planen schien, die den Kommunisten gefährlich werden könnte. Das zeigte sich dann an Tiananmen, der die Beziehungen zum Westen (und dem Großteil des Ostblocks) kurzzeitig eintrübte und der nur in Ostberlin glühende Anfänger fand. Die deutsche Einheit war kein Ereignis, das China sonderlich gefiel; die Beziehungen zwischen Peking und dem wiedervereinigten Land waren fast ein Jahrzehnt eher frostig, schon allein, weil Deng und seine Nachfolger die Sowjetunion und ihren Sturz als völlig bescheuert betrachteten. Die Beziehungen erholten sich allerdings wieder und sorgten für einen Exportboom des deutschen Chinageschäfts, mit den Folgen, die uns bis heute prägen.

Kapitel 5, „Die Boat People aus Vietnam„, beschäftigt sich zwar auch mit dem Fernen Osten, allerdings aus einer ganz anderen Perspektive. Die 1978 massive Ausmaße annehmende Flucht aus Vietnam fand im Westen breite Anteilnahme. Wie 2015 geriet eine länger schwelende Flüchtlingskrise plötzlich in den Fokus der westlichen Öffentlichkeit, und eine positive Stimmung gegenüber den Geflüchteten griff um sich. Diese erreichte 1979 einen ersten Höhepunkt, als das privat betriebene Rettungsschiff „Cap Anamur“ Geflüchtete rettete und nach Deutschland ausflog, das ansonsten kein natürlicher Fluchtpunkt gewesen wäre.

Anders als 2015ff. waren es aber die CDU/CSU, massiv Druck zur Aufnahme von Geflüchteten machten, während die Linke die Aufnahme eher ablehnte. Der Grund dafür lag in der parteipolitischen Instrumentalisierung: die Boat People flüchteten aus einem kommunistischen Staat, so dass man die Menschenrechte und das eigene christliche Werteverständnis gegen die Linken in Stellung bringen konnte, die ihrerseits aus ebenso parteilicher Prägung ein Problem mit Geflüchteten aus kommunistischen Staaten hatten. Wie bereits in Nicaragua bildetete sich das gesamtgesellschaftlich aber nicht ab; die Unterstützung war hier übergreifend. Unterstützt wurde diese „refugees welcome“-Stimmung von sich aktivistisch gerierender Presse, die – angetrieben durch die gute Pressearbeit des „Cap Anamur“-Teams – den Boden bereitete.

Es wird wohl niemand überraschen, dass die deutsche Bürokratie und der Föderalismus Rettungen stark erschwerten. Deswegen schafften die Bundesländer damals die Kontigentstruktur (und den so genannten „Kontingentflüchtling“) und modifizierten so das Asylrecht, das damit in seiner heutigen Form überhaupt erst geschaffen wurde und den Sprung von individuellen staatlich Verfolgten und Deutschen Geflüchteten aus der DDR zu einem weltweiten System machte. Die CDU/FDP unterstützten damals auch noch die „Cap Anamur“ und forderten eine gesamtdeutsche Lösung (im Sinne von: alle westlichen Bundesländer gemeinsam). Dies stieß der Schmidt-Regierung sauer auf, schon allein, weil die amateurhaften Rettungsaktionen für zahlreiche diplomatische Verwicklungen in der Region sorgten. Zu Beginn der 1980er Jahre war auch ein deutlicher Wechsel der Stimmung bemerkbar, und es mehrten sich Vorwürfe, die „Cap Anamur“ schaffe überhaupt erst die Geflüchteten, weil es quasi sichere Rettung auf dem Pazifik böte, ein Argument, das angesichts der Weite des Ozeans und eines einzelnen Schiffs reichlich absurd ist.

Die CDU-geführten Bundesländer, allen voran Niedersachsen unter der Regierung Albrecht, unterliefen lange die Regierungsablehnung und erhöhten auf eigene Kosten die Kontingente und halfen bei der Finanzierung der „Cap Anamur“. Auf diese Art konnten sie eine hochgradig sichtbare „Nebenaußenpolitik“ betreiben (wie die Grünen im Fall Nicaragua) und sich profilieren. 1982 endeten die Rettungen dann, einerseits wegen den dauferhaften diplomatischen Verwicklungen, andererseits aber auch wegen der geänderten öffentlichen Stimmung und sicherlich nicht zuletzt wegen dem Regierungswechsel, der die Union in Regierungsverantwortung brachte.

Deutlich kriegerischer geht es in Kapitel 6, „Der sowjetische Einmarsch in Afghanistan„, zu. Das Land hatte lange eine Pendelpolitik zwischen dem Westen und der UdSSR betrieben und sich nicht auf eine Seite festgelegt. Der Widerstand im Land gegen die brutale Herrschaft des Diktators Amin aber weckte in der UdSSR Befürchtungen vor Aufständen in den demografisch aufstrebenden, islamisch geprägten Südrepubliken der Sowjetunion. Im Westen andererseits betrachtete man das sowjetische Interesse mit Sorge, da die Ölkrise die Befürchtung einer sowjetischen „Umarmung“ des Mittleren Ostens aufkommen ließ („Roter Ring ums Öl“). Beide Befürchtungen waren völlig überzogen, erklären aber die gewaltige Bedeutung, die beide Supermächte dem Konflikt in einem der ärmsten Länder der Erde beimaßen.

Der offizielle Grund für den sowjetischen Einmarsch war das Beenden der Gewalt von Amin, was zuerst durchaus auch positiv wahrgenommen wurde. Es gelang eine schnelle Übernahme der Regierung. Zu diesem Zeitpunkt standen 80.000 Rotarmisten im Land; das wäre der Moment des Abzugs gewesen. Stattdessen enagierte sich die UdSSR, trotz starker Konflikte zu dem Thema im Politbüro, stärker in Afghanistan und versuchte, das neue Regime zu stabilisieren. Diese Missachtung der Souveränität führte zu einer zunehmenden internationalen Isolation (besonders markant am Boykott der Olympischen Spiele 1980 zu sehen), aber auch zu Spannungen im Ostblock selbst, weil kein Land bereit war, die Politik der UdSSR mitzutragen.

Der Westen framte den Einmarsch als Angriff auf die Blockfreien und gegen den Islam. Dieses Narrativ war eine Art Doppelschlag, um nicht die Beziehungen zum Ostblock (Entspannungspolitik!) zu gefährden und geichzeitig die Blockfreien gegen UdSSR aufzubringen. In diesen Tagen begann auch der Aufstieg des Narrativs der „Befreiungskämpfer“ über die Mudjaheddin. Diese erhielten ihre Unterstützung aber von Pakistan, das seinerseits einen deutlichen Influx von Militärhilfen aus dem Westen erhielt, damit keine direkte Verwicklung nachweisbar war. Ab 1984 leisteten die USA allerdings auch offene Hilfe für die Mudjaheddin und lieferten moderne Waffen und Wissen anstatt nur ausrangiertes sowjetisches Gerät über Pakistan zu liefern.

Auch im Fall Afghanistans positionierte sich die CDU für die Geflüchteten aus dem Konflikt und die von ihr geführten Bundesländer leisteten umfangreiche Hilfen, um so den eigenen Antikommunismus zu verknüpfen. Die Schmidtregierung trug die Unterstützungspolitik der USA überhaupt nicht mit, weil man die Beziehungen zum Osten – die Früchte der Ostpolitik – nicht gefährden wollte.

Die UdSSR unterdrückte nachhaltig sämtliche Informationen über den Krieg und verschwieg den Einsatz der Soldaten, deren Tod nicht einmal in Todesanzeigen veröffentlicht werden durfte. Der Krieg wurde verschwiegen und hatte einen unangenehmen, falschen Ruch im Land; im Ostblock sowieso. Nach dem unrühmlichen Rückzug 1988 waren die Veteranen dann entsprechend isoliert. In der heutigen Geschichtsklitterung verherrlicht Putin den Krieg als Antiterroreinsatz, während der Westen bequem und gerne seine Begeisterung für die Mudjaheddin vergessen hat, die 1995 den Taliban Platz machten, die dann ihrerseits die Technik und Kenntnisse 2001 zum Einsatz brachten.

Kapitel 7, „Thatchers Wahl und die Gründung der Grünen„, fasst zwei auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Themen zusammen. Wie sich aber im Verlauf des Kapitels zeigt, macht dies durchaus Sinn. Bösch kümmert sich zuerst um Thatcher. Ihr Amt als Parteichefin erreichte sie ähnlich wie Angela Merkel durch eine Krise der alten Führungsschicht und das mit ihr einhergehende Machtvakuum. Sie nutzte eine betont weibliche Erscheinung, um Problemlösungskompetenz und emotionale Kompetenz zu vermitteln und kombinierte dies mit „männlicher“ Härte und Entschlusskraft. Letztlich war ihr Image das einer zupackenden Hausfrau, die jetzt den Saustall aufräumt. Zu dieser Inszenierung gehörte auch die als Aufsteigerin aus armen Verhältnissen, die aber wenig Verankerung in der Realutät hatte. In Wahrheit entstammte Thatcher dem oberen Bürgertum und war zudem mit einem Millionär verheiratet. Sie interessierte sich nicht für Gleichberechtigungsthemen und ist daher keine Feministin; den Begriff lehnte sie auch entschieden ab.

Der historische Moment ihrer Machtübernahme fiel in den Krisensituation 1978/79, den „Winter of Discontent„. Die große Macht der Gewerkschaften, die diese in rücksichtslosen Streiks ausspielten, hatten in den vergangenen beiden Jahren für einen wachsenden gesamtgesellschaftlichen Hass auf die Gewerkschaften gesorgt, die das normale Leben zum Erliegen brachte. Als Thatcher sich ihnen entgegenstellte hatte sie nicht nur ihren Wahlkampfschlager, sondern auch den Hebel zu einer Umgestaltung der britischen Gesellschaft, wie sie erstrebte.

Ihr Konzept der Liberalisierung und Deregulierung scheiterte allerdings recht schnell und blieb sehr inkonzise. Zwar wurden zahlreiche Staatsunternehmen privatisiert; die Sozialausgaben stiegen aber rasant an, so dass von einem geringerern Staatshaushalt keine Rede sein konnte. Ohne die Falklandkrise und die kulminierte Auseinandersetzung mit den Bergbaugewerkschaften bei den Streiks 1983 hätte sie die Wiederwahl wohl nicht geschafft.

Man sollte allerdings nicht annehmen, dass ihre Regierungszeit folgenlos geblieben sei. Die Ungleichheit im Vereinigten Königreich stieg drastisch, ohne dass Staatssektor wesentlich kleiner geworden wäre (ein Muster, das sich unter Reagan in den USA wiederholen sollte). Die Ideologie des Monetarismus sorgte für eine scharfe Wirtschaftskrise (die maßgeblich zu Thatchers schwieriger politischer Situation Anfang der 1980er Jahre beitrug), dann aber in den 1980er Jahren selbst für eine Erholung der Wirtschaft und eine Begrenzung der Inflation, das große Schreckgespenst der 1970er Jahre. Die größere Ungleichheit aber blieb erhalten und machte Großbritannien zu einem Spezialfall innerhalb Europas.

In Deutschland galt Thatcher als Vorbild, ironischerweise auch auch bei einigen Linken. Helmut Schmidt glaubte, sich in ihr wiederzuzerkennen, und Franz Josef Strauß bezeichnete sich im Wahlkampf 1980 als „deutscher Thatcher“. Auch Kohl und seine Weggefährten modellierten sich bewusst als ihre Erben (ähnlich wie Gerhard Schröder 1998 den Schulterschluss zu Tony Blair suchen würde). In dem Zusammenhang geht Bösch auch auf das Wort der „geistig-moralischen Wende“ ein, das er als rein linke Rhetorik sieht; die CDU selbst verwendete den Begriff nicht. Es handelt sich also, ähnlich wie bei „neoliberal“, eher um einen politischen Kampfbegriff als ein real existierendes Programm. Ähnlich wie in Großbritannien wurde auch in Deutschland kein grundsätzlicher Kurswechsel eingeleitet, sondern eher umverteilt und die Ungleichheit vertieft, wenngleich bei weitem nicht in dem Ausmaß wie im Vereinigten Königreich. Die schwarz-gelbe Regierung setzte allenfalls einen Thatcherismus-light um, und der war schon bestenfalls Friedman-light.

Die Gründung der Grünen indessen sieht Bösch als liberales Spiegelbild dieser eher auf die Wirtschaft fokussierten liberalen Entwicklung. Natürlich setzten sie auf völlig andere Konzepte als die Wirtschaftsliberalen, aber genauso wie bei Thatcher und Co kamen die Grünen aus dem Bürgertum. Sie hatten ihre Ursprünge beim klassischen großstädtischen FDP-Milieu, das bereits in den 1970er Jahren seinen linksliberalen Flügel in dem Maße an die neue Bewegung zu verlieren begann, in dem die Partei in Richtung des Lambsdorff-Flügels wanderte. Die Betonung von Eigeninitiative, Eigenverantwortung und Staatsskepsis bei den Grünen genauso wie ihr Glaube an Maßnahmen, die von Einzelnen getroffen wurden, machen sie quasi zum Spiegelbild der Neoliberalen.

In Kapitel 8, „Die zweite Ölkrise„, geht es dann endlich zu dem Ereignis, das die anderen Kapitel immer wieder berührte: die zweite Ölkrise. Bösch beginnt sinnigerweise mit einem Rückblick auf die Ölkrise 1973. Diese kam nicht aus dem Nichts; die Ölpreise waren bereits seit den 1960ern im Anstieg, was ein ganzes Bündel von Ursachen hatte und für das auf das billige Öl angewiesene Wirtschafts- und Wachstumssystem des Westens ein Anzeichen für Probleme wenigstens hätte sein sollen. Der eigentliche Ölboykott im Rahmen des Jom-Kippur-kriegs diente den westlichen Regierungen dann als praktischer Sündenbock, um eigene Versäumnisse zu übertünchen (ein Schelm, wer da Parallelen zur heutigen Situation erkennen möchte).

Der Boykott aber war globapolitisch bedeutsam, weil der Paukenschlag des Entstehens eines neuen Machtblocks in der OPEC, die scheinbar die Macht zur Abwürgung des Westens hatte, die ohnehin durch die Entspannungspolitik laufende Annäherung von Ost und West stark begünstigte. Der Westen kaufte in hohem Maße Rohstoffe aus dem Osten und lieferte im Gegenzug vor allem Pipelines. Daran knüpften sich (wie wir heute wissen: völlig überzogene) Hoffnungen auf „Wandel durch Handel“. Beide hatten wenig Interesse an einem neuen Machtblock (der dann auch nicht kommen sollte, aber das war in der hitzigen Atmosphäre 1973 noch nicht absehbar). Die Ölpreise stiegen 1973 auch gar nicht so stark und die Krise war daher weniger einschneidend als die von 1979, blieb aber wegen der ergriffenen symbolischen Maßnahmen wie autofreien Sonntage (die sich 1979 nicht wiederholen würden) einprägsamer.

Die Krise von 1979 befeuerte allerdings einen bereits begonnen Trend zum Energiesparen. Während manche der verordneten Maßnahmen nur symbolisch zu sehen waren, sollte man ihren Wert trotzdem nicht unterschätzen, da sie der Schaffung von Aufmerksamkeit für das Thema dienten. Die bundesdeutsche Regierung versuchte vor allem, die Wirtschaft und die Bevölkerung zu effizienteren Geräten zu bringen um direkte Interventionen zu vermeiden, weswegen die BRD auch – anders als praktisch alle anderen europäischen Länder – kein Tempolimit einführte, ein Sonderweg, den wir bis heute trotz seiner klaren Energiesparpotenziale aufrecht erhalten.

Für den Energiemix war die Ölkrise ebenfalls bedeutsam. Die Bundesrepublik schwenkte von Öl auf Kohle und Gas um (letzteres hauptsächlich aus der Sowjetunion, mit den bekannten Konsequenzen). Es erfolgten zwar rhetorische Bekenntnisse zum Ausbau der Erneuerbaren Energien, anders als etwa Dänemark aber unternahm man keine Schritte in diese Richtung, sondern schätzte, dass dies um 2000 herum von allein geschehen würde.

Die Sowjetunion profitierte durch die gestiegenen Rohstoffpreise und die Entspannung von der Ölkrise, was aber auch im Ostblock zu steigenden Preisen führte. Die DDR schwenkte deswegen auf den umweltverpestenden Abbau von Braunkohle um, von dem wir uns bis heute nicht entfernt haben. Die Konsolidierung eines neuen OPEC-Machtblocks blieb letztendlich aus; die viel beschworene Einigkeit der arabischen Staaten war eine Schimäre. Vor allem Saudi-Arabien brach in den frühen 1980er Jahren aus und senkte die Preise durch Erhöhung der Fördermengen, während es sich außenpolitisch an die USA anschmiegte.

Bösch sieht die Ölkrise zudem als Grund für die Wirtschaftskrise der 1970er Jahre deutlich unterschätzt. Die steigenden Preise würgten die Wirtschaft ab und heizten die Inflation an, ein nicht unerheblicher Grund für die Stagflation. Umgekehrt sorgten die fallenden Preise in den frühen 1980er Jahren für einen erneuten Wirtschaftsaufschwung, der auch das Scheitern der Privatisierungsprogramme übertünchte und wesentlich zur Erholung der Wirtschaft beitrug.

Der Energiemix spielt auch in Kapitel 9, „Der AKW-Unfall bei Harrisburg„, eine tragende Rolle. Genauso wie gegen Atombomben hatte es stets Widerstand gegen die Atomenergie gegeben (weswegen die Branche auch den Begriff „Kernenergie“ zu etablieren versuchte), aber den Unfall von Harrisburg sieht Bösch als Wegmarke. Bereits in den 1960er Jahren und besonders dann ab den 1970er Jahren mehrten sich die Proteste gegen die Atomenergie.

Bösch zeigt dabei auf, dass es bereits vor Harrisburg zahlreiche Störfälle, auch in BRD, gegeben hatte, die immer wieder für Teilabschaltungen der Kraftwerke und aufwändige Reparaturen sorgten, was die Energieform sehr viel weniger effizient als ihr viel beschworenes Potenzial machte. Auch die ebenso viel beschworene Unabhängigkeit, die gerade im Zuge der Ölkrise in den Fokus rückte, war angesichts der Abhängigkeit von Uranimporten (das vor allem aus den USA bezogen wurde) wenig tragfähig. Die Bundesrepublik schwenkte ab 1973 auf Importe aus Namibia und der UdSSR um, weil diese als sicherere Quelle schienen als die USA (mit denen man politisch immer wieder über Kreuz lag). Auch hier sind die Parallelen zur Ölkrise offenkundig. Für die BRD war die Kernkraft allerdings in anderer Hinsicht wirtschaftlich bedeutend, nämlich als Exportmarkt: das Know-How zum Bau und Unterhalt von Reaktoren wurde in die ganze Welt verkauft, was maßgeblich zu den Spannungen mit den USA beiträgt, wo etwa Iran betroffen ist.

Bösch arbeitet auch die internationale Vernetzung der Kernkraftgegner heraus. Dies war ein Novum der Protestbewegung, aus dem sie große Kraft schöpfte: die Globalisierung sorgte dafür, dass man sich als eine Gemeinschaft fühlte, und ein Störfall in einem AKW in einem anderen Land wirkte plötzlich als Bedrohung im eigenen und als Bestätigung des eigenen Gefühls der Unsicherheit, das dadurch stetige Nahrung erhielt – und natürlich durch die schiere Zahl an Störfällen, die zunehmend das Vertrauen in die Expert*innen erschütterte; auch eine Dynamik, die wir heute gut kennen.

Zwar wurde das Vertrauen im Westen durch Reformen und verbesserte Sicherheitsmaßnahmen im Verlauf der 1970er und 1980er Jahre teilweise wiederhergestellt; die Bevölkerung blieb aber überwiegend skeptisch, weswegen es ab 1970 auch mehr zu einem weiteren Ausbau der Atomkraft kam. Auffällig ist die Dynamik, dass die zahlreichen Störfäll im Westen gut aufgearbeitet wurden und daher zu mehr Protest und sinkender Unterstützung für die Energieform, aber zu wesentlich besserer Sicherheitführten), während sie im Osten vertuscht wurden, was genau den gegenteiligen Effekt hatte. In zahlreichen Ländern wurden in den 1970er Jahren Moratorien auf die Kernkraft ausgegeben; vielerorts (etwa in Dänemark, Italien, Schweden, USA) entstanden praktisch keine neuen Kraftwerke, allenfalls wurden alte Baustellen fertiggestellt.

All diese Dynamiken wurden durch den Unfall von Harrisburg wie durch ein Brennglas verschärft. Die Medien sprangen mit Begeisterung auf den Zug auf; besonders der Spiegel titelte mit kernkraftkritischen Covern und trug maßgeblich zu der Anti-Atomkraft-Haltung der Bevölkerung bei. Ein Großteil der westeuropäischen Länder und der USA kam zu dem Schluss, dass Atomenergie zu teuer und störanfällig war; in den Ausnahmefällen Großbritannien und Frankreich wurde sie vor allem als nationales Prestigeobjekt weiter betrieben.

Den Abschluss der Ereignisse macht in Kapitel 10, „Die Fernsehserie „Holocaust“„, das Thema Vergangenheitsbewältigung. Die Fernsehserie war ein globales Fernsehereignis, das weltweit 250 Millionen Zuschauer*innen vor die Bildschirme lockte. Vor der Ausstrahlung war der Holocaust im öffentlichen Gedächtnis nicht besonders stark verankert gewesen. Die deutsche Regierung fürchtete einen großen Imageschaden und wollte sie eigentlich gar nicht ausstrahlen; besonders die CDU-geführte Länder blockierten den Ankauf der Rechte und die Ausstrahlung, weswegen die Serie schließlich im dritten Programm gesendet wurde. Das war durchaus mehrheitsfähig; die deutschen Medien und die Politik machten die Serie unisono schlecht, bevor sie ausgestrahlt wurde (und bevor irgendjemand sie gesehen haben konnte), indem sie – mit einer gehörigen Portion Antiamerikanismus – ihre Trivialität und den amerikanisierten Unterhaltungscharakter betonten. In Auseinandersetzungen mit der NS-Vergangenheit bislang lag die Betonung auf dem deutschen Widerstand; die 1970er Jahre sahen zudem einen Fokus auf die Nazi-Haupttäter, paradigmatisch in Fests Hitlerbiografie.

„Holocaust“ war dagegen als Familiendrama mit zwei Seiten (eine jüdische Familie und eine deutsche Familie mit SS-Mann) konzipiert, um für eine möglichst breite Schicht ansprechend zu sein. Sie war zudem erstaunlich nah an den geschichtswissenschaftlichen Trends, indem sie (anders als die deutschen Produktionen) die Idee der „Radikalisierung von unten“, also des Holocausts als Eskalation der Bürokratie, zum ersten Mal breitflächig rezipierte. Zwar war die Serie ein Melodrama, aber historisch erstaunlich korrekt (jedenfalsl für den damaligen Stand der Wissenschaft). Die deutsche Geschichtswissenschaft hinkte dem ziemlich hinterher, weil sie sich mit dem Holocaust kaum beschäftigt hatte.

Die CDU bestand dann auf der Position, die Serie nur auszustrahlen, wenn gleichzeitig auch das Leid der Deutschen gezeigt werde, weswegen rasch einige Dokus produziert wurden, die auch „anspruchsvoll“ sein sollten (anders als, so behauptete man, „Holocaust“). Dahinter stand die Furcht, dass der die Serie ankaufende WDR („Rotfunk“) eine linke Agenda verfolge, der man sich präventiv entgegenstellen müsse (Kohls Interesse an einer geschichtspolitischen Wende wird hier wieder deutlich). Vorsorglich wurde die Serie so geschnitten, dass die Deutschen weniger schuldig erschienen; das hoffnungsvolle Ende mit der Auswanderung nach Palästina wurde gleich ganz gekürzt. Zudem wurde die Serie auf schlechte Sendeplätze (21 Uhr) gedrängt. Es war das Dauerthema der Kritik, dass „Holocaust“ zu seicht und trivial sei, während deutsche Werke dagegen ernstzunehmend und qualitativ wertvoll seien.

Trotz all dieser Hürden war die Serie ein Riesenerfolg (ein Viertel aller Deutschen sah sie komplett, deutlich über die Hälfte wenigstens eine Folge) und brachte einen Boom der Beschäftigung mit dem Thema, gerade auch in die Schulen (wo sie bisher praktisch nicht stattfand). Anders als behauptet war die Qualität der Serie nicht das Problem; vielmehr konnten die deutschen Konkurrenzproduktionen (die wie gefordert dann vor allem die Vertreibung aus den Ostgebieten thematisierten und die Rettung von Juden durch Deutsche zeigten) kaum überzeugen. Ironischerweise übernahmen in der Folgezeit deutsche Produktionen das emotionalisierende Schema der Serie, bauten dieses aber so um, dass Holocaust ausgespart wurde und ständig bildungsbürgerliche Mischehen im Zentren standen. Auch der in der Serie thematisierte jüdische Widerstand wurde konsequent ausgespart. Generell verweigerte sich die Bundesrepublik unter Kohls Kanzlerschaft konsequent einem zentralen Gedenken (weswegen das Holocaust-Mahnmal in Berlin auch erst 2006 fertig wurde und in Bonn nie eines entstand).

Für den Umgang mit dem Holocaust kann die Serie, die den Begriff selbst überhaupt erst salonfähig machte (zum Leidwesen derer, die den Begriff der Shoa zu etablieren versuchen), kaum überschätzt werden. Außerhalb Deutschlands fällt vor allem die Amerikanisierung des Holocaust auf. Anders als befürchtet führte die Ausstrahlung nicht zu einem Imageschaden Deutschlands; vielmehr bezogen die Amerikaner*innen das Geschehen auf sich, und 75% der Befragten gaben an zu glauben, dass dies auch im eigenen Land möglich sei. Die USA bauten noch lange vor Deutschland Holocaust-Mahnmähler und richteten zentrale, große Museen für den Genozid ein.

All das ging an DDR vorbei, wo keine Debatte über den Holocaust stattfand. Stattdessen erklärte das SED-Regime, dass man in vorbildlicher antifaschistischer Haltung das Problem des Rassimus überwunden habe und fuhr damit fort vor allem der kommunistischen Opfer der NS-Terrorherrschaft zu gedenken. Der bis heute auch wesentlich schlechtere Kenntnisstand über die NS-Verbrechen in Ostdeutschland ist auch ein Erbe dieser Verweigerung der SED, sich mit der deutschen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

In einem Epilog bindet Bösch dann alles noch einmal zusammen und betont vor allem die globalen Verflechtungen der verschiedenen Themen. Die 1970er Jahre warfen bereits deutliche Schatten auf die kommende Globalisierung und zeitigten den Zeitgenossen ein erstes Wetterleuchten einer global vernetzten Gesellschaft, wenngleich vorläufig noch auf den Westen begrenzt.

Insgesamt fand ich die Lektüre des Buch überaus bereichernd. Ich war anfangs skeptisch über die Struktur, die globale Phänome so explizit auf den deutschen Kontext bezog, aber die Konsequenz und bewusste Setzung stellte sich für mich schnell als ungeheurer Gewinn heraus, weil sie anders als „unabsichtlich“ deutschzentrierte Darstellungen stets die internationale Dynamik mitdenkt. Die Auswahl der Ereignisse ist natürlich, genauso wie das Jahr, etwas reißerisch und arbiträr, taugt aber als Gedankenstütze völlig und sollte nicht zu wörtlich genommen werden.

Ein Faktor, der mir neu war und mich besonders fasziniert, ist die 180-Grad-Wende bei der Positionierung in vielen Themen seitens der CDU und SPD (etwa in der Flüchtlingspolitik), die durch die spezifische Situation des Kalten Krieges erklärbar ist (und natürlich das Spiel von Opposition und Regierung). Der christliche Flügel der CDU war aber seinerzeit noch wesentlich stärker als heute, und der Menschenrechtsdiskurs der Zeit hatte in der Partei zwar spezifisch konservative, aber deutlich wahrnehmbare Spuren hinterlassen.

Ebenfalls erleuchtend fand ich, wie international viele der Ereignisse, etwa die Atomkraftgegnerschaft, rezipiert wurden. Darin findet sich sicherlich ein wesentlicher Bruch gegenüber der Zeit zuvor; die Globalisierung war, anders als die Ende des 19. Jahrhunderts, wesentlich breiter und erfasste viel mehr Bevölkerungsschichten.

Auffällig ist für mich auch die wahnsinnig schlechte Holocaustbildung in den 1970er Jahren. Der Geschichtsunterricht endete damals üblicherweise mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus, und die breite Öffentlichkeit beschäftigte sich kaum mit der Thematik, die man weitgehend zu verdrängen versuchte. Der für unsere heutige Gesellschaft so konstitutive Umgang mit dem NS-Genozid fand seinen Ursprung in jener Ära. Vielleicht wäre er auch ohne die Serie gekommen, aber sicherlich nicht mit solcher Wucht. Die Versuche einer neuen geschichtlichen Identität, die Kohl stärker als jeder andere Kanzler betrieb, hätten wohl ohne die Sensibilisierung durch die Serie auch nicht so viel Widerstand hervorgerufen. Bösch sieht – und ich stimme ihm zu – die Proteste angesichts von Kohls Bitburg-Besuch als direkte Folge der Ausstrahlung.

Zuletzt finde ich die Rolle des Medienaktivismus auffällig. Ob „Cap Anamur“ oder Kernkraft, die Medien waren in den 1970er Jahren wesentlich daran beteiligt, die kritischen Öffentlichkeiten mitzugestalten. Die oft behauptete Vorstellung, dass wir es heute mit besonders aktivistischen Medien zu tun hätten, während früher mehr Neutralität geherrscht habe, kann also einmal mehr in den Bereich des Wunschdenkens verwiesen werden (eine Entwicklung, die ich bereits in meiner wissenschaftlichen Arbeit 2010 für den Wahlkampf 1972 nachgewiesen habe).

Damit bleibt mir eigentlich nur, eine unbedingte Empfehlung für das Buch auszusprechen.

{ 1 comment… add one }

Leave a Comment

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.