Gramsci hat in seiner Kindheit zu viel auf Bildschirme geschaut, weswegen er mit NIUS ganz nett Homosexuelle nach Russland remigriert – Vermischtes 28.04.2026

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ erhalten ausführlichere und thematisch gegliederte Hinführungen zu verschiedenen Artikeln aus den Weiten des Netzes dar. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels empfohlen; ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Zusammenfassungen. Für den Bezug in den Kommentaren sind nummerierte Zwischenüberschriften eingezogen, bitte auf die referieren. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

Fundstücke

1) Hegemonie à la Gramsci

Alan Posener setzt sich in einem Leitartikel mit Gramscis Gedanken der „Hegemonie“ auseinander. Er wirft Rechten wie Linken vor, dass der Versuch, Hegemonie zu erreichen, gleichermaßen antiliberal wie zum Scheitern verurteilt sei. Bei ersterem stimme ich ihm zu, bei zweiterem nur bedingt. Sicher hat er Recht damit, dass es offensichtlicher Schwachsinn ist, eine rot-grüne Meinungsdiktatur herbeizuimaginieren. Auch hat die katholische Kirche Mussolinis Diktatur überlebt. Nur ist die (banale) Erkenntnis Gramscis, dass die Herrschenden den Diskurs dominieren, ja nicht falsch, nur weil es Biotope anderer Haltungen gibt. In einer pluralistischen Demokratie kann Gramscis Diktum nie zur Wirkung kommen, weil Pluralismus ja institutionell garantiert wird. Aber selbstverständlich sind andere Systeme erfolgreich darin, Hegemonien herzustellen. Dass China kapitalistische Elemente verwendet, widerspricht keinesfalls der Vorstellung, dass dort eine von der KPCH vorgegebene Meinungshegemonie besteht. In Putins Russland besteht eine recht klare Hegemonie. Die Stalinisten Nordkoreas dürften sich einer gewissen Hegemonie erfreuen. Und so weiter. Ich fürchte, da ist Posener etwas zu romantisch.

2) Wie schädlich sind Bildschirme für Kinder?

Diese Frage hat Brent Freiwald etwas näher untersucht. Die Studienlage ist recht klar: Bildschirme haben für Unter-Zweijährige einen negativen Effekt. Nur ist der statistisch ziemlich klein, wesentlich kleiner, als es die Debatte vermuten ließe, die manchmal geradezu hysterische Züge annimmt. Wesentlich stärkere Faktoren sind und bleiben die Umgebung der Kinder, vor allem die Eltern, und die Stimuli, die diese bereitstellen. Das viel größere Problem bleibt also die Herausforderung für Eltern, den Kindern dies zu ermöglichen; bleiben die Kleinen weitgehend sich selbst überlassen, ist auch ein Bildschirmverbot nicht gut. Hier müssten entsprechende Maßnahmen vor allem ansetzen. Und leider ist es so, dass diejenigen Familien, in denen ersteres zutrifft, meistens auch eher auf Bildschirmmedien zurückgreifen.

3) Survival of the Nettest

Volker Ullrich rezensiert voller Begeisterung ein neues Buch darüber, dass „Nicht die Stärksten überleben, sondern die Nettesten„. Es geht vor allem um Bakterien und Algen, aber ich bin etwas verblüfft ob Ullrichs Begeisterung angesichts der Erkenntnisse, dass vor allem Netzwerken zu evolutionären Erfolg führt; der vulgärdarwinistische Überlebenskampf des „survival of the fittest“ ist schon lange nicht mehr aktuell. Bei der Frage, warum sich ausgerechnet der Homo sapiens und nicht eine der anderen Menschenrassen durchgesetzt hat, verweist man ja inzwischen vorrangig auf dessen soziale Fähigkeiten (körperlich und von der Hirngröße waren ja etwa die Neandertaler überlegen), der zumindest im Fall der Neandertaler dann auch vermutlich zu dessen Ausrottung führte (ein Hurra auf Kooperation!). Generell halte ich es aber für ein recht wenig aussichtsreiches Unterfangen, aus Beobachtungen über die Natur irgendwelche Rückschlüsse auf die Organisation der menschlichen Gesellschaft schließen zu wollen; das führte im 20. Jahrhundert in sehr dunkle Ecken und wird vermutlich auch im 21. Jahrhundert nicht viel besser laufen. Es tut allenfalls als zusätzliche Munition gegen rechtsextreme biologistische Narrative, aber auch die würde ich lieber normativ als faktisch widerlegt sehen wollen.

4) Der Streit um die Remigration

In der Welt findet sich eine Bestandsaufnahme zur „„Correctiv“-Katastrophe„. Das linke Magazin hatte Anfang 2024 behauptet, rechtsradikale Kreise planten die Ausweisung auch deutscher Staatsbürger*innen unter dem Begriff „Remigration“. Wie es scheint, stimmt daran bedauerlich wenig; das Magazin hat seine Vorwürfe weitgehend zurückgezogen und vor Gericht verloren. Die Geschichte ist ein wahres Desaster und desavouiert jegliche Bemühungen um den Kampf gegen den Rechtsextremismus. Die Correctiv-Redaktion hat ihrer Sache damit einen Bärendienst erwiesen. Leider schießt auch die im Artikel geäußerte Kritik gleich über das Ziel hinaus, denn den Remigrationsbegriff gleich für harmlos erklären und rehabilitieren zu wollen oder anzunehmen, dass es lupenreine Demokrat*innen seien, ist auch Quatsch. Dazu kommt die haarsträubende Argumentation, die in einer Umfrage geäußerten Sorgen mehrerer Millionen Menschen seien irrelevant, weil „nur“ 52% Sorge oder große Sorge geäußert hätten; das ist immer noch wesentlich mehr, als Pegida je auf die Straße gebracht hat, und denen musste die ganze Republik folgen, weil sie die Stimme des Volkes gewesen seien. Aber nichts daran ändert, dass Correctiv jede Glaubwürdigkeit verspielt hat. Das scheint nahe an dem Level der Hitler-Tagebücher des Stern zu sein; der hat sich davon auch bis heute nicht erholt.

5) NIUS verliert Prozess

Wo wir gerade bei journalistischen Katastrophen sind: Die Dreckschleuder NIUS hat krachend gegen die Kantinenbetreiberin verloren, der sie in einem Bericht voller hetzerischer Unwahrheiten unterstellt hat, auf Steuerkosten Fastenbrechen zu feiern. Ich glaube, im Gegensatz zu Correctiv hat niemand von NIUS etwas anderes erwartet, weswegen das keinen so großen Skandal hervorruft. Man merkt einfach, woher Reichelt kommt. Dieser Stil der hetzerischen Behauptungen ist ja schon immer ein BILD-Markenzeichen, aber NIUS ist quasi die Steigerungsform davon. Ich sehe da eine Parallele zu den britischen Tabloids, die sind ja auch völlig abgedreht bei so was und lügen und hetzen regelmäßig auf einem Niveau, das in Deutschland unvorstellbar wäre. Das ist die positive Kehrseite unserer recht harschen juristischen Praxis auf dem Feld: so problematisch es immer wieder aus Sicht der Meinungsfreiheit ist, so sehr hält es diese Auswüchse (bislang) doch aus den traditionellen Medien heraus.

6) Homosexualität als Virus

In Deutschland gibt es mittlerweile einen Konsens, dass Homosexualität okay ist. Oft genug wird dieser Konsens auch zur Abgrenzung gegen andere Kulturen in Stellung gebracht, etwa als ein weiterer Beleg, dass nahöstliche Eingewanderte nicht hierher passen. Wie oberflächlich dieser Konsens aber oft ist – und wie performativ – zeigt sich leider immer wieder. Stefan Niggemeier beschreibt in der SZ ein aktuelles Beispiel, wo ein FAZ-Redakteur seiner Sorge Ausdruck verlieh, dass Kinder offen ausgelebte Homosexualität als „Vorbild“ nehmen könnten. Diese Vorstellung ist einfach nicht totzukriegen und besonders in rechten Kreisen virulent, reicht aber unterschwellig in weite Teile der Bevölkerung und erklärt glaube ich mit, warum so viele ein Problem mit öffentlicher homosexueller (und, wenn wir ehrlich sind: schwuler) Zuneigung haben. Die Idee ist, dass man irgendwie „angesteckt“ werden könnte, dass es eine Art Lifestyle-Entscheidung sei, schwul zu sein. Auch im Jahr 2026 ist einem riesigen Teil der Bevölkerung nicht klar, dass es eine genetische Veranlagung, keine bewusste Entscheidung, ist. Ich stelle das auch immer wieder in der Schule fest, wo Schüler*innen regelmäßig überrascht sind, wenn man ihnen das erklärt.

7) Die willkommene Rückkehr deutscher Militärmacht

Die Financial Times berichtet über das neue deutsche Strategiepapier unter dem Titel „The welcome return of German military might„. Die Argumentation selbst ist, dass die deutsche strategische Planung sehr viel realistischer sei als die britische und französische (die zu sehr in wolkigen Plänen globaler Machtprojektion unterwegs sei) und das Zeug hätte, Kapazitäten gegen einen russischen Angriff zu entwickeln und die modernste und bestausgerüstetste Streitmacht Europas zu werden, dass aber insgesamt noch eine strategische Kultur fehle. So weit, so gut. Spannend finde ich vor allem dieses Framing des „juhu, die Deutschen werden militärisch wieder stark“ (noch dazu mit dem kaum symbolträchtigen Zieldatum 2039, bei dem ich mich auch frage, ob da jemand im BMVG geschlafen hat), weil ich nicht sicher bin, ob das halten wird, wenn Deutschland diese militärische Macht und die damit einhergehende strategische Kultur, sie einzusetzen, auch wirklich hat. Aber das ist eine Zukunftsfrage.

8) Reformen und kein Ende

Die Koalition kommt nicht aus der Kritik. Dabei ist diese so disparat, dass es schon beachtlich ist, wie sie es schafft, alle und jeden gegen sich aufzubringen. So berichtet Dorothea Siems, dass 96% der Wirtschaft die Reformen nicht schnell genug gehen. Gemeint ist natürlich: die CDU-Organisation „Wirtschaftsrat“ findet zu 96%, dass der Sozialabbau nicht schnell genug geht, wo ich mich frage, ob die anderen 4% einfach nur das falsche Feld angekreuzt haben. Das ist wie die IG-Metall fragen, ob die SPD genug für Arbeitnehmer*innenrechte tut. Diese einseitige Konzentration auf das Zerstören von Arbeitnehmer*innenrechten ist auch politisch gefährlich, wie der Spiegel darlegt.

Was Siems bei der Kritik „der Wirtschaft“ irgendwie zu erwähnen vergisst, ist die massive Kritik an anderer Stelle: nicht nur geht der Abbau der Arbeitnehmer*innenrechte und Sozialleistungen nicht schnell genug, auch steht Katharina Reiche aus ungewöhnlicher Quelle in der Kritik: schon länger haben Unternehmen ihre einseitige Energiepolitik als rückwärtsgewandt und wachstumsschädigend kritisiert. Nun gibt es auch ein entsprechendes Titelblatt vom Manager Magazin für die umstrittene Ministerin, das für CDU-Parteisoldat*innen natürlich auf eine Grünen-Kampagne (!) zurückgeht. Dass Reiche versucht, eine Studie aus ihrem eigenen Haus verschwinden zu lassen, die ihre eigene Politik konterkariert, passt da ins Bild.

Resterampe

a) Scheint so, als wäre der Nordtreamanschlag einigermaßen aufgeklärt. Ich bin mir unsicher, ob der am Ende dermaßen bedeutend war.

b) Sehr gute Analyse von War on the Rocks zur drohenden US-Niederlage in Iran.

c) Demokratie: Brauchen wir sie überhaupt noch?

d) Der verheerende Einfluss der Demoskopen.

e) Wir haben die Kontrolle verloren.

f) Weimer weiter denken.

g) Sehr ausführliche Reportage über den Roberts-Court. Die Überschrift fasst es gut zusammen.

h) Seriously, Tucker Carlson? Come On. Ich bin ja normalerweise immer dafür, reumütigen Leuten die Rückkehr ins demokratische Lager zu ermöglichen, aber erstens ist Carlson nicht reumütig und zweitens braucht es auch einige Exempel an den Hauptschuldigen.


Fertiggestellt am 26.04.2026

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