Rezension: Hartmut Kaelble – Kalter Krieg und Wohlfahrtsstaat. Europa 1945-1989

Hartmut Kaelble – Kalter Krieg und Wohlfahrtsstaat. Europa 1945-1989

Am Ende des Zweiten Weltkriegs teilte der Großteil Europas ein ähnliches Schicksal: vom Krieg verheert stand der Kontinent vor den Trümmern seiner Zivilisation. Seine Vorrangstellung war zerstört, und an ihrer statt beherrschten nun zwei Supermächte die internationale Politik. Wohl nur wenige Zeitgenoss*innen dürften sich damals erhofft haben, dass wenigstens im westlichen Europa binnen 20 Jahren eine neue, gemeinsame Zukunft erbaut werden würde, die allen früher gekannten Wohlstand in den Schatten stellen würde. Selbst im östlichen Europa lebte es sich besser und sicherer als vor dem Krieg, wenngleich die Knute der Sowjetherrschaft eine klare Obergrenze einzog. Hartmut Kaelble versucht in diesem Buch, die kulturelle und wirtschaftliche Geschichte der Nachkriegszeit (großzügig bis 1989 definiert) nachzuzeichnen, ohne dabei die politische Dimension komplett aus den Augen zu verlieren. Den Blick stets auf Gesamteuropa gerichtet hält er die beiden entscheidensten Faktoren dieser Epoche im Blick: einerseits die Teilung des Kontinents durch den Ost-West-Konflikt, andererseits den durch den Wohlfahrtsstaat erreichten neuen Lebensstandard breiter Bevölkerungsschichten.

Das Narrativ beginnt im ersten Teil mit dem unmittelbaren Kriegsende, das Kaelble als eine wesentlich gesamteuropäische Erfahrung fasst, wenngleich natürlich das Ausmaß von Tod und Zerstörung regional sehr unterschiedlich waren und in Deutschland den Verursacher der ganzen Misere traf. Er streicht allerdings heraus, wie sehr bei vielen Akteuren der damaligen Zeit die Vorstellung eingebrannt war, dass die Zukunft nur als eine europäische Zukunft vorstellbar war. Der Nationalismus hatte ausgedient.

Gleiches galt für den Kapitalismus, der tief in Verdacht geraten war. In den meisten europäischen Staaten galt eine staatliche Planung als unabdingbar. Dies war eine Konsequenz, die die USA für sich nicht gezogen hatten und die interessanterweise in Deutschland ebenfalls nicht durchdrang – vermutlich, weil staatliche Planung durch den Nationalsozialismus diskreditiert und zusätzlich mit der Sowjetunion verbunden wurde. Aber gerade in Frankreich und Großbritannien war man der Überzeugung, dass zumindest in den Schlüsselindustrien eine größere staatliche Planung und eine Verstaatlichung der entsprechenden Zweige dringend erforderlich waren. Das bezog sich nicht nur auf die Wirtschaft. Auch etwa bei der Stadtplanung glaubte man an den rationalen Geist.

In der Kultur sieht Kaelble mehrere Neuanfänge nach dem Krieg, die auch europäische Neuanfänge waren. Generell sei die Epoche die „Stunde der Intellektuellen“ gewesen. Die Debatten dieser Intellektuellen wurden europaweit geführt. Auch die Kirchen erlebten in der Nachkriegszeit – zum vorerst letzten Mal – einen europaweiten Zulauf, und mit dem Radio etablierte sich nun ein Massenmedium, das in Konkurrenz zu allen anderen trat (und bald seinerseits vom Fernsehen abgelöst werden sollte). Diese europäische Öffentlichkeit wurde durch den Kalten Krieg jäh geteilt, das der Ostblock sich vom Rest der Welt abschirmte und allen möglichen Debatten ein Ende bereitete.

Dabei seien die Voraussetzungen für die Rückkehr zur Demokratie europaweit günstig gewesen. Das Klima war antit-totalitaristisch, die Menschen offen für die Regierungsform. Es war auch hier die Dominanz der Sowjetunion, die eine Demokratisierung Osteuropas verhinderte – wie sie ja dann nach 1989 kommen würde. Gleiches gelte für die europäische Integration. Auch wenn Frankreich und Großbritannien sich anfangs noch sperrten, so war der Rest Europas gegenüber der Integration sehr positiv eingestellt – auch hier inklusive Osteuropas, dem diese Chance dann genommen wurde. Diese europäische Zusammenarbeit sei bereits die Perspektive der Widerstandsbewegungen gegen die NS-Herrschaft gewesen.

Doch natürlich war nicht alles eitel Sonnenschein. Die Nachkriegszeit zeigte auch eine Reihe von Divergenzen auf. Kaelble macht fünf große Trennungsbereiche in Europa aus.

Der erste ist der Gegensatz von Zentrum und Peripherie. „Die Kluft ging tief“, eine These, die sich angesichts der vier- oder fünffachen Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung von Ländern wie Großbritannien gegenüber solchen wie Spanien kaum von der Hand weisen lässt. Die Herausforderung, die verschiedenen Teile Europas zusammenwachsen zu lassen, war angesichts solcher Zahlen seinerzeit wesentlich höher als in der Epoche der europäischen Einigung um die Jahrtausendwende, in der diese Debatten viel virulenter waren.

Der zweite Gegensatz ist der von Kolonialimperien und Nationalstaaten ohne Kolonien. In den 1950er und 1960er Jahren war die politische Situation von Ländern wie Großbritannien und Frankreich, aber auch den Niederlanden und Portugals, dank deren weit verstreuten Kolonialreichen eine völlig andere und blockierte die europäische Integration. Es brauchte das Zerbrechen dieser Kolonialreiche, bevor die betroffenen Länder sich vollständig dem Kontinent zuwenden konnten.

Als dritten Gegensatz macht er vom Krieg verschonte und vom Krieg betroffene Länder aus. Nationen wie Spanien oder Portugal, Irland und Schweden hatten keine direkten Kriegszerstörungen erlitten. Großbritannien war vergleichsweise glimpflich aus dem Krieg gekommen. Andere Länder dagegen lagen komplett in Schutt und Asche. Überraschenderweise war das kaum ein Indiktator für wirtschaftlichen Erfolg und Geschwindigkeit des Wiederaufbaus nach 1945: gerade einige der schwer zerstörten Länder kamen schneller wieder auf die Beine als solche, die vom Krieg verschont wurden.

Die vierte Kategorie spaltet Sieger und Verlierer. Diese ist ziemlich offensichtlich. Gerade unter den Verlierern gab es aber starke Abstufungen. Die moralische Stellung Deutschlands in Europa war naturgemäß eine völlig andere als die Italiens oder Rumäniens.

Die fünfte schließlich ist die zwischen östlichem und westlichem Europa. Diese Grenze wurde vor allem durch die Entstehung des Eisernen Vorhangs relevant und sollte sich als die zäheste und bedeutendste erweisen, die ihre Schatten bis in die Gegenwart wirft. Der Kalte Krieg trennte den Kontinent ökonomisch, kulturell, gesellschaftlich und politisch.

Europa lag in der Nachkriegszeit zum ersten Mal seit Jahrhunderten nicht an der Spitze der Weltereignisse. Die tiefe Krise Europas war zudem einzigartig; kein anderer Kontinent erlebte sie so. Für die USA war die Epoche sogar eine Zeit der Blüte. Kaelble geht an der Stelle durch einige Weltregionen hindurch.

Die größten Ähnlichkeiten zu Europa – Krise und Neuanfang – sieht er in Ostasien, wo der blutige Krieg und der Zusammenbruch des japanischen Imperiums große Verwerfungen mit sich gebracht hatten und der Höhepunkt des chinesischen Bürgerkriegs weite Schatten warf. Gleichwohl gab es zentrale Unterschiede: weniger Zerstörung, weniger Tote, kein Holocaust. In Ostasien war vielmehr die Durchsetzung der kommunistischen Regime das, was zu gewaltigen Todesopfern führte, ein Prozess, der in Europa zwar repressiv, aber vergleichsweise unblutig vonstatten ging. Ostasien erlebte auch keinen vergleichbaren wirtschaftlichen Aufschwung und, vor allem, keine vergleichbare Integration.

In Südasien war vor allem die indische Teilung und Hungersnot ein zentrales Ereignis, das die Epoche bestimmte. Reformen, wie man sie in Europa anging, gab es in der Gegend auch nicht. Der Nahe Osten dagegen sah eine frühe Epoche der Dekolonisierung und Staatenbildung. Die Zusammenarbeit der arabischen Staaten bot zudem das Potenzial für eine Europa vergleichbare Integration (das gleichwohl in der Folge verloren ging).

Generell sieht Kaelble eine „globale Entflechtung“ Europas, ein Trend, der bereits in der Zwischenkriegszeit begonnen hatte und sich nun rapide fortsetzte. Die Dekolonisieurng war der offensichtlichste Teil dieses Prozesses, aber der Kontinent verlor weltweit an Einfluss an Bedeutung, während im selben Zug der der USA und der UdSSR massiv zunahm.

Im zweiten Teil des Buches, „Kalter Krieg und Prosperität“, befasst sich Kaelble zuerst mit der Erfahrung einer europaweiten Prosperität durch starkes Wirtschaftswachstum. Obwohl regional sehr unterschiedlich ausgeprägt, fand die Erfahrung des Wachstums doch überall statt. Kaelble bietet dafür mehrere Erklärungen. Erstens als Wiederkehr des Kondratieff-Zyklus‘, zweitens als Strukturbruch, drittens als Rückkehr zum normalen Wachstumspfad. Was auch immer es war, die Prosperität führte zu niedriger Arbeitslosigkeit und ungekannt hohen Steuereinnahmen, die wiederum einen beispiellosen Ausbau des Wohlfahrtsstaats und damit erstmals gute Lebensbedingungen für den Großteil der Menschen ermöglichten. Natürlich hatte dies auch negative Seiten: Umweltzerstörung, Planungsutopie, naiver Zukunftsglaube sowie Strukturverlierer*innen (etwa in der Landwirtschaft) werden in populärer Erinnerung an die Zeit gerne ignoriert.

Kaelble wendet sich danach der gesellschaftlichen Entwicklung der Epoche zu. Einen Großtrend der Zeit macht er in der Massenkultur aus: Normierung des (neuen) Massenkonsums und Zugang zu einer breiteren Palette an Konsumwaren als jemals zuvor veränderte die Lebensrealität durchgreifend (und würde als Folge der Prosperität dann in den 1960er Jahren zu einer individualistischen Gegenbewegung führen). Die Familie schrumpfte auf die Kernfamilie zusammen, weil die alte Generation erstmals nicht mehr am oder unter dem Existenzminimum von Kindern und Enkeln abhängig war, sondern eigenständig leben konnte.

Der Fluchtpunkt war dabei in jener Zeit die Beschäftigung im Industriesektor; weder Landwirtschaft noch Dienstleistungssektor waren anziehend. Zudem wuchsen die Städte geradezu explosionsartig an, und mit ihnen die Stadtplanungsvisionen. Es war in dieser Zeit, dass die Verkehrsmoloche entstanden, die uns heute solche Kopfschmerzen bereiten. Die Gewerkschaften erlebten eine absolute Glanzzeit und sorgten für eine Gleichheit auf ungekannt hohem Niveau – eine Gleichheit, die Einwander*innen verwehrt blieb, die sich ab den späten 1950er Jahren vermehrt in Bewegung setzten, weil die Divergenzen zu attraktiv waren.

Im Bereich der Kultur macht Kaelble sechs große Trends aus. Der erste ist der Wertewandel, hin zu Optimismus, Emanzipation, Säkularisierung und Jugendlichkeit. Der zweite resultiert aus dem letztgenannten Aspekt: der Generationenkonflikt. Erstmals begehrte eine Jugend (die „Halbstarken“) gegen die Elterngeneration auf und konnte einen eigenen Lebensweg gehen. Bereits vorher angesprochen ist der dritte Trend, nämlich die relativ starke Position von Intellektuellen und Hochkultur, die allerdings bereits durch Populärkultur langsam herausgefordert wurde. Der vierte Trend ist das Erstarken der Medien, etwa der Jugendzeitschriften (man denke an „Bravo“) und des Fernsehens. Der fünfte Trend ist die kulturelle Amerikanisierung, die in meinen Augen kaum überschätzt werden kann und bis heute anhält. Der letzte, sehr leicht und zurecht unterschätzbare Punkt ist die Europäische Kulturpolitik, die bis heute gegenüber der Amerikanisierung deutlich zurückstecken muss und nie dieselbe Attraktivität erreichte.

Auf der politischen Ebene macht Kaelble fünf große Trends aus. Der erste war die Stabilisierung der politischeb Ordnungen. Die Demokratien waren etabliert und überstanden die Herausforderungen (etwa durch die Spiegel-Affäre), autoritäre Politikertypen wurden seltener, der Ruf nach dem starken Staat leiser. Auch die kommunistischen Regimes in Osteueropa stabilisierten sich, wenngleich unter wesentlich größeren Schwierigkeiten. Der zweite Trend war der Rückgang der Gewalt. Anders als in den 1920er und 1930er Jahren war politische Gewalt praktisch überhaupt kein Thema mehr, ein markanter Wechsel. Der dritte politische Trend war die Planung von Gesellschaft und Wissenschaft: die Planungseuphorie der damaligen Zeit ging über sämtliche gesellschaftlichen Bereiche hinweg und sollte in den 1960er Jahren krachend in sich zusammenfallen. Der vierte Großtrend war der Kalte Krieg, der eine Ausrichtung an der jeweiligen Supermacht und ihrem System erzwang. Und der fünfte Großtrend war, natürlich, die europäische Integration im Westen Europas, die gemeinsame Institutionen, den Binnenmarkt und den Kern eines gemeinsamen Staates schuf. Zu dem kam es dann bekanntlich nicht, aber die Vereinigten Staaten von Europa sind bis heute wirkmächtiges Fernziel und zumindest auf dem Papier immer noch für die EU verbindlich.

Gleichzeitig war Europa aber auch der „Kontinent mit den vielen Gesichtern“, geprägt von zahlreichen Divergenzen. Zu diesen zählt Kaelble den anhaltenden Konflikt zwischen Peripherie und Zentrum, vor allem in Bezug auf Südeuropa. Zudem postuliert er eine „Vielfalt der nationalen Entwicklungen“, die zwar nicht schlecht, aber bemerkenswert ist. Für die Folgen des Zweiten Wektkriegs sieht er in den 1970er Jahren zwar eine weitgehende Überwindung von wirtschaftlichen Ungleichheiten; gleichwohl sei der moralische Gegensatz zwischen Gewinnern und Verlieren erhalten geblieben; so etwa wurde in den besetzten Länder und den Siegerländern das Erinnern an Widerstandsbewegungen und Standhalten hochgehalten, während der Diskurs in Deutschland und Italien ein merklich anderer war.

Am offensichtlichsten war natürlich die Spaltung Europas durch den Kalten Krieg und den Eisernen Vorhang, der für zahlreiche Divergenzen im Wirtschaftssystem, dem politischen System, den gesellschaftlichen Entwicklungen und dem Wohlfahrtsstaat sorgte (Divergenzen, die bis heute in Deutschland für Probleme sorgen, von der europäischen Ebene gar nicht zu sprechen). Aber auch zwischen den westlichen Demokratien und den südlichen Diktaturen Europas bestanden Divergenzen fort, wenngleich in den 1970er Jahren hier erste Annäherungen stattfanden. Sie waren arm, aber in die NATO integriert und über Tourismus und Gastarbeiter an die westliche Wirtschaft angeschlossen, was ihre Aufnahme in die EG später deutlich erleichtern sollte. Diese Divergenzen sieht Kaelble in der „geteilten europäischen Integration“ zusammenkommen.

Kaelble wendet nun den Blick auf „Europa im globalen Kontext während der Dekolonialisierung“. Er macht fünf Besonderheiten aus, die die Außenpolitik Europas prägten. Einmal den Boom mit jährlichen Wachstumsraten um 4%, der Europa nach dem Zweiten Weltkrieg wieder eine globale Rolle zuwies. Dieser Boom paarte sich mit einem rekordniedrigen Bevölkerungswachstum, unter dessen Folgen wir bis heute leiden. Auch griff in Westeuropa der Staat stärker als anderswo in die Wirtschaft ein und wurde der Wohlfahrtsstaat stärker ausgebaut. Zweitens die Entkolonialisierung, die, die sich von vorangegangenen Dekolonialiserungen in ihrer Loslösung von europäischen Idealen und Formen sowie in der Einmischung anderer Kräfte, vornehmlich der USA und UdSSR, unterschied. Er betrachtet sie auch als einen radikaleren Schnitt als vorangegangene, weil sie Europa endgültig als nicht mehr koloniale Macht etablierten. Zudem hatten sie schwere innenpolitische Folgen, besonders für Frankreich (sowohl in Vietnam als auch in Algerien), aber auch für Portugal (die Rückkehr und Integration der angolanischen Expats).

Kaelble sieht, drittens, zudem die internationalen Organisationen als großes und unterschätztes Betätigungsfeld der europäischen Staaten. Das betrifft auch NGOs, die gerne in einem Spannungsverhältnis zu den nationalstaatlichen Regierungen existierten (Stichwort Greenpeace). Für das vierte Gebiet, den Kalten Krieg, sieht Kaelble Europa vor allem im Schatten der Supermächte. Weder konnten noch wollten die europäischen Staaten die Blockbindung überwinden, auch im Kontext der Dekolonialisierung nicht, die von diesen Bindungen oft überschattet wurde. Auf dem fünften Gebiet, Migration und Tourismus, sieht Kaelble durch die Dekolonialisierung vor allem gekappte Verbindungen. In den 1960er und 1970er Jahren kam der Kontakt zwischen diesen Weltregionen und Europa weitgehend zum Erliegen und sollte erst in den 1980er Jahren langsam wieder zunehmen. Der sechste und letzte Aspekt ist das Außenbild Europas. Kaelble sieht den Wohlfahrtsstaat zwar als Bezugspunkt, der weltweit viel diskutiert wurde; nachgeahmt allerdings wurde er nicht oft. Wesentlich beständiger als die wirtschaftliche Performance – ab den 1970er Jahren dominierte das Krisennarrativ – sei der kulturelle Einfluss; die Intellektuellen Europas blieben eigentlich durch den ganzen Kalten Krieg hindurch tonangebend.

Mit diesen Betrachtungen kommt der Autor zum dritten Teil seines Buches, „Auslaufen der Prosperität und neue Vielfalt der Optionen (1973-1989)“. Er beginnt direkt mit der Prämisse, dass diese Periode eine der „großen Wendemarken des 20. Jahrhunderts“ sei. Dies könne man an verschiedenen Bereichen ausmachen.

Der erste davon ist die Wirtschaft. Der Ölpreisschock und das Ende von Bretton Woods waren die sichtbarsten Ausdrücke dieser Epoche, aber große Trends umfassten etwa die Wachstumsverlangsamung, den Aufstieg des Monetarismus, die Deregulierung, die beginnende Globalisierung und die Tertiarisierung der Wirtschaft. All diese Trends sind sicherlich nicht sonderlich nicht kontrovers und sorgen dafür, dass die Periode ab ca. 1973 ein für uns erkennbar „modernes“ Antlitz bekommt, das sich merklich von der vorhergehenden Zeit unterscheidet – ein impliziter Beweis für Kaelbles These.

Auf dem Gebiet der Gesellschaft ist natürlich 1968 die sichtbarste Wegmarke, aber neben den Proteststürmen in ganz Westeuropa sieht Kaelble eine generell um sich greifende Zukunftsskepsis, die den Fortschrittsoptimismus der Nachkriegszeit jäh ablöste. Das war sicher durch den Bruch in der Entwicklung des Lebensstandards und der sozialen Ungleichheit verursacht: ersterer hörte mit seiner rapiden Wachstumsbewegung auf, während zweitere massiv anstieg. Innerhalb der westlichen Gesellschaften begann zudem eine Ausdifferenzierung hin zu einer neuen Heterogenität, in der die konformistische Massenkultur der vorangegangenen Jahrzehnte von einem größeren Individualismus abgelöst wurde. Zuletzt beobachtet Kaelble eine stärkere Verflechtung der europäischen Gesellschaften und eine Angleichung zu einer einheitlicheren „europäischen“ Gesellschaft (wenngleich man sich nicht als europäisch betrachtete; eine wichtige Unterscheidung in meinen Augen).

Auf kulturellem Gebiet sieht Kaelble als eines der einschneidendsten Ereignisse den Wachstumsbericht des Club of Rome. Die Wahl, ihn unter „Kultur“ zu verorten, ist etwas kurios. Weitere kulturelle Trends sind Postmoderne und Popart („Anything goes“, in Kaelbles Zusammenfassung), aber für die Mehrheit der Menschen wohl bedeutender war die Deregulierung der Medien, vor allem der Aufstieg des Privatfernsehens. Es gibt wohl wenig, was so einschneidende Folgen für die Massenkultur (wenn man den Begriff verwenden will) hatte wie das. Wesentlich intellektueller war die neue Europadebatte, der Kaelble überraschend viel Raum einräumt und die (wohl im Kontext der Eurosklerosendebatte) in den 1980er Jahren eine große Rolle spielte.

Im politischen Bereich sieht er „neue, aber nicht immer prägende“ Entwicklungen durch Ölpreisschock und Grenzen des Wachstums aufkommen. Unter den Trends, die er für die Epoche ausmacht, ist einmal die Demokratisierung. Diese sieht er sowohl als „zweite Welle“ in Bezug auf Südeuropa, wo die Diktaturen fielen und Platz für demokratische Regime machten, als auch in einem Fortschritt von Frauenemanzipation, Gleichberechtigung und Partizipation auf vielerlei Ebenen. Für Osteuropa nennt er den Aufstieg der Dissidentenbewegung. Ein ambivalenter Trend ist die Einstellung der Europäer*innen zur Gewalt. Diese wurde immer mehr abgelehnt (Friedensbewegungen legten beredtes Zeugnis ab), aber gleichzeitig nahm der Terror zu. Das führte dazu, dass die 1970er Jahre das blutigste Jahrzehnt seit dem Zweiten Weltkrieg waren (und bis zu den Balkankriegen der 1990er Jahre bleiben würden).

Ein dritter politischer Trend war für Kaelble die Schwäche des Staates: seine Wahrnehmbarkeit im öffentlichen Raum trat zurück, die Menschen wurden skeptischer, die Globalisierung und der Ölpreisschock zeigten klare Grenzen auf. Dazu gehören auch Phänomene wie die Privatisierung der Post, die den „staatlichen Fußabdruck“ (meine Formulierung) im öffentlichen Raum zurückschnitten. Der Kalte Krieg spielt im politischen Bereich vor allem durch die Aufrüstung eine Rolle, die die Verschärfung des Kalten Krieges nach der Entspannungszeit der 1970er Jahre in den 1980er Jahren mit sich brachte. Wenig überraschend bekommt auch die Krise der europäischen Integration („Eurosklerose“) in Kaelbles Darstellung großen Raum.

Zwar bestanden sicherlich weiter Divergenzen zwischen den europäischen Staaten; ein Grundtrend der Epoche aber war ihr allgemeines Abnehmen. Dies macht Kaelble etwa an dem verschwindenden Unterschied zwischen Kolonialreichen und Ländern ohne Kolonien fest. Aber auch der Nord-Süd-Gegensatz schrumpfte in diesen Jahrzehnten deutlich zusammen (nicht unwesentlich dank der europäischen Integration). Gleiches galt, beinahe schon zwingend, für den Gegensatz zwischen Industrie- und Agrarländern, der immer mehr an Relevanz verlor. Die Globalisierung mit ihrer „Internationalisierung des Konsums“ sorgte auch für eine (begrenzte) Abschwächung der Unterschiede zwischen den Nationalstaaten und ihren Eigenheiten; gleichzeitig fand durch die Integration eine Angleichung politischer Prozesse und Institutionen statt.

Auch die „moralischen Folgen des Zweiten Weltkriegs“ schliffen sich ab. Zwar wurden Deutschland und Italien zu den Erinnerungsfeiern der Alliierten weiterhin nicht eingeladen, aber von Weizsäckers „Tag der Befreiung“-Rede wäre noch ein Jahrzehnt vorher undenkbar gewesen. Eine Zunahme von Divergenzen dagegen ist für den Ost-West-Gegensatz zu beobachten: der Osten fiel wirtschaftlich immer weiter zurück und war von den kulturellen und intellektuellen Entwicklungen im Westen weitgehend abgekapselt. Der gesamte Ostblock verfiel in Stagnation, aus der er bis zu seinem Zusammenbruch 1989/91 nicht mehr erwachen sollte.

Der Ölpreisschock brachte auch neue globale Besonderheiten und Verflechtungen mit sich. Auf wirtschaftlichem Gebiet sieht Kaelble eine europäische Besonderheit darin, dass der industrielle Sektor vergleichsweise bedeutend blieb (vor allem im Kontrast zu den USA) und das Niveau der Sozialausgaben weiter anstieg. Er sieht auch eine größere Invidivualisierung und Säkularisierung sowie eine wesentlich größerere Aversion zu Gewalt in Europa als in anderen Weltregionen, eine Divergenz, die in dieser Epoche ihren Ursprung findet. Im Bereich der Dekolonialisierung postuliert Kaelble eine große Abhängigkeit der ehemaligen Kolonien von ihren früheren Herren, die Europas politische Rolle mitbestimmte.

Auf wirtschaftspolitischem Gebiet war die Globalisierung der entscheidende Faktor. Die europäische Wirtschaft richtete sich zunehmend auf den Export aus, und die Informationsrevolution erlaubte eine größere Verflechtung und globalere Rolle, als man von anderen Faktoren her erwarten würde. Die starke Zunahme von Arbeitsmigration veränderte darüber hinaus die demographische Zusammensetzung der europäischen Gesellschaften erheblich. Insgesamt sieht er den Einfluss Europas in der Welt ambivalent: während sein machtpolitisches Gewicht weiter schwand und komplett im Schatten der Supermächte stand, blieb der kulturelle und wirtschaftliche Einfluss hoch – soft power vor hard power, gewissermaßen.

Kaelble schließt das Buch mit einem Epilog „Europa um 1989“. Den Umbruch jener Jahre sieht er als kein genuin europäisches Ereignis, weil der Impetus komplett von Gorbatschow und der Sowjetunion ausging und ohne die USA nicht vorstellbar gewesen wäre. Jedoch brachte die deutsche Einheit komplett neue Herausforderungen und Dynamiken für Europa und die Integration mit sich, die dann durch die Erweiterung der NATO und später der EU nach Osten hin noch verstärkt wurden. Das aber ist eine andere Geschichte.

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