Bei Netflix nichts Neues

Seit 1979 ist der weltberühmte Roman „Im Westen nichts Neues“ nicht mehr verfilmt worden. Zuvor war der Stoff 1930 in einer oscarprämierten und mindestens ebenso berühmten (wenngleich in meinen Augen völlig überschätzten) Version verfilmt worden. Nun hat sich Edward Berger des Stoffes angenommen und für Netflix mit einem Budget von immerhin 16 Millionen Euro verfilmt. Dafür bekommt man eine Folge „House of the Dragon“ und immerhin rund 57 Minuten „Herr der Ringe – Die Ringe der Macht“. Aber für eine deutsche Produktion ist das ein ordentliches Preisschild, und die Produzierenden gehen auch entsprechend hausieren. Der Film ist der deutsche Beitrag für die Oscar-Verleihung, und niemand macht einen Hehl daraus, dass man den Auslandsfilm-Oscar gewinnen möchte. Darin liegt auch der Grund, dass der Netflix-Film in Deutschland in ausgewählten Kinos läuft – was mir wiederum die Chance gegeben hat, ihn zusammen mit rund 140 Schüler*innen im eigens reservierten Kinosaal anzusehen. Es ist eine Erfahrung, auf die ich lieber verzichtet hätte.

Ich möchte mich gleich zu Beginn ehrlich machen. Ich bin ein riesiger Fan der Vorlage – falls man von so etwas überhaupt ein Fan sein kann -, habe den Roman oft gelesen und die Verfilmung von 1979 wahrscheinlich noch öfter gesehen. Die Dialoge kann ich teilweise mitsprechen. Gleichwohl habe ich kein Problem mit Adaptionen, die von ihrer Vorlage abweichen. Wie ich im Podcast mit meinem Kollegen Sean T. Collins schon oft festgestellt habe, ist eine Änderung wertneutral. Sie kann gut sein, sie kann schlecht sein. „House of the Dragon“ ist eine grandiose Serie, weil die Abweichung das Quellmaterial verbessern. „Herr der Ringe – Die Ringe der Macht“ ist eine schlechte Serie, weil die Änderungen das Quellmaterial nicht verbessern (unter vielen, vielen anderen Gründen). Das sei nur vorausgeschickt, wenn ich im Folgenden die Abweichungen von der Romanvorlage diskutiere.

Doch kommen wir zum Thema. Der Grundriss der Geschichte ist schnell erzählt. 1917, im dritten Kriegsjahr, meldet sich der Abiturient Paul Bäumer freiwillig zum Kriegsdienst. Die Unterschrift seiner Eltern, die gegen den Krieg sind, fälscht er dafür. Seine Illusionen verliert er beim Erstkontakt mit der Front schnell. 18 Monate später liegt der Krieg in seinen letzten Zügen. Während Matthias Erzberger einen Waffenstillstand verhandelt, versuchen Paul und seine Freunde, bis zum Kriegsende zu überleben. Die meisten von ihnen fallen jedoch vorher; Paul und sein bester Freund Kat sterben am letzten Kriegstag – Kat wird von einem Bauernsohn erschossen, bei dem sie Hühner gestohlen haben, während Paul sein Leben im letzten sinnlosen Angriff eine Viertelstunde vor Waffenstillstand verliert, den ein ehrsüchtiger General befohlen hat.

Bereits diese kurze Einführung zeigt, dass der neue Film deutliche Abweichungen vom Roman besitzt. Kein Himmelstoß, keine Ausbildung, kein Lehrer Kantorek, kein Heimaturlaub, dafür zwei komplett neue Handlungsstränge, einer um den genannten ehrsüchtigen General und den anderen um Daniel Brühl als friedensbemühter Matthias Erzberger. Insgesamt erreicht der Film die stattliche Länge von 148 Minuten, und man hat bereits nach ungefähr der Hälfte das Gefühl, dass die jetzt eigentlich mal vorbei sein müssten. Besonders das letzte Drittel des Films zieht sich zäh wie Kaugummi.

Aber der Reihe nach. Im Interview mit dem Hollywood Reporter erklärte Regisseur Berger, dass er einen spezifisch deutschen (Anti-)Kriegsfilm machen wollte; eine Heroisierung „wie in amerikanischen oder britischen“ Filmen sei für Deutsche unmöglich, und das sehe er als den großen Beitrag des Films. Dass die beiden vorhergehenden Versionen von amerikanischen und britischen Produzierenden gemacht wurden, scheint ihm dabei entgangen zu sein. Bergers erklärtes Ziel war es zudem, eine möglichst enge Zuschauendenidentifikation mit Paul Bäumer zu erreichen; man solle richtig „in seinen Schuhen stecken“. Zudem wollte er Kontext schaffen: der Plot um Matthias Erzberger sollte den Film in den Kontext des folgenden Zweiten Weltkriegs setzen, den Erich Maria Remarque „nicht ahnen konnte“, als er 1928 seinen Roman schrieb. Es sind diese Ziele und nicht die Frage einer Werkstreue, an denen sich Bergers Film messen lassen muss. In allen drei Kategorien scheitert er.

Beginnen wir auf der Ebene von Paul Bäumer. Der Charakter bleibt ein absolutes Rätsel. Nach 148 Minuten weiß ich immer noch nicht, was ihn bewegt, wer er ist, welche Hoffnungen und Träume er hatte und wie diese vom Kriege zerstört wurden. Das ist merkwürdig, denn gegenüber der Romanvorlage und den vorherigen Verfilmungen wurde die Menge an Charakteren deutlich reduziert: statt einem engeren Kreis von acht Charakteren und diversen Nebenfiguren haben wir im Umfeld Bäumers nun gerade einmal noch vier Figuren (Kat, Tjaden, Kropp und Franz). Aber sie alle bleiben merkwürdig nebulös. Der Grund dafür liegt vor allem in der Erzählgestaltung: Berger setzt stark auf visuelle Impulse und verzichtet über weite Strecken auf Dialoge.

Nun sind die Figuren auch in der Vorlage eher Typen denn Charaktere. Und auch Berger gibt im Wesentlichen dieselben Details über ihren Hintergrund heraus wie frühere Versionen; der Unterschied liegt im „Wann“ und „Wie“. So erfahren wir von Kats Beruf und Familie kaum fünf Minuten vor seinem Tod. Dass Paul Bäumer Abitur hat, wird kaum zwei Minuten vorher angesprochen. Die holzschnittartigen Hintergründe der anderen Figuren ähneln denen der Vorlage, werden aber mit deutlich weniger Sympathie ausgestaltet. Tjadens bäuerlicher Hintergrund etwa wird einmal thematisiert, auf eine deutlich abwertende Weise. Seine Vorliebe für Essen überhaupt nicht, wie auch andere Figureneigenschaften weitgehend verschwinden (Kropp ist kein Denker, Kat kein Überlebenskünstler (!)). Stattdessen sind die Figuren weitgehend austauschbar und unterscheiden sich nur durch ihre Bildschirmpräsenz.

Die Kamera folgt zwar weitestgehend Paul Bäumer. Aber der völlige Verzicht auf (zugegeben immer etwas unelegante) innere Monologe und gleichzeitig auf die großen Dialogszenen zwischen den Soldaten nimmt jegliche philosophische Dimension des Stoffs; die Auswirkungen des Krieges auf Körper und Psyche der Soldaten müssen einzig und allein von den Bildern gestemmt werden, durch die ein uns fremder Protagonist läuft wie durch das Quick-Time-Events eines Call-of-Duty-Teils.

Und das bringt uns zur Ästhetik. Bereits der Blick in den Trailer dürfte deutlich zeigen, dass sich Berger von der (sicher auch technisch bedingten) Bescheidenheit seiner Vorgänger abhebt. Seine Schlachtfelder der Champagne orientieren sich vor allem an zwei Vorbildern: Horrorfilmen und dem Genre der Post-Apokalypse sowie Zack Snyder. Zwar ist die Snyder’sche Zeitlupe nirgendwo zu sehen, aber die Bildsättigung und die Epik der Bilder sprechen deutlich die Sprache des visuellen Virtuosen.

Und die Bilder sind mit höchster Kompetenz in Szene gesetzt. Die Gräben sind dreckig, matschig, nass und kalt, und man sieht es in jeder Einstellung. Die Soldaten sind in einem Ausmaß schmutzig, das Remarques Beschreibungen wesentlich näher kommt als die vorherigen Verfilmungen. Sie stiefeln durch Pfützen, quetschen sich an Stacheldrahtverhauen vorbei, werden mit Erde überschüttet. Sam Mendes‘ „1917“ stand hier klar Pate. Auch die Beleuchtung ist grandios. Die gespenstischen Leuchtgranaten, das nur von Lagerfeuer erhellte Lazarett in der alten Kirche, Blut, das kübelweise vom Boden gewaschen wird, Explosionen, Einschüsse – die Sinne werden voll beansprucht.

Auch die shots sind in ihrer Komposition hervorragend. Berger liebt Achsensymmetrie. Oft genug kann man den Bildschirm in der Mitte vertikal durchschneiden, so gestylt ist das blocking. Panoramaaufnahmen lassen die Soldaten schier in der Landschaft verschwinden, tracking shots folgen Paul Bäumer durch den Schützengraben und über das Niemandsland. Die fetten Offiziere in ihren Quartieren essen edle Buffets, während die Soldaten in den Schützengräben hungern.

Das Sounddesign ist ebenfalls überwältigend, wenngleich etwas überraschend auf einige typische „Erster-Weltkrieg-Sounds“ weitgehend verzichtet wird (die Maschinengewehre und Karabiner etwa klingen ungewohnt, wobei es schwierig zu sagen ist, ob Berger näher am historischen Original ist – hier schlägt die cineastische Gewohnheit zu).

Allein – die Ästhetik passt hinten und vorne nicht zu dem, was handlungstechnisch passiert. „Im Westen nichts Neues“ mit der Sensibilität eines Zack Snyder erzählen zu wollen, ist…etwas das man machen kann, aber eine gute Idee ist es nicht. Dasselbe gilt für den Horror-/Post-Apolypse-Look vieler Szenen, der sich auch nicht nur auf die Ästhetik beschränkt. So gibt es eine Szene, in der Paul und seine Freunde eine Abteilung Rekruten suchen müssen, die vermisst sind (nicht, dass ihr Schicksal in diesem Film in Zweifel stehen könnte…). Sie durchqueren dabei, das Gewehr im Anschlag, einen verlassenen Bahnhof. Rostiges Gerät, herumliegende Lokomotiven und vieles mehr könnten genausogut aus einer Folge „The Walking Dead“ entstammen; würde ein Zombie ins Bild wanken, es fühlte sich nicht unpassend an.

Das Problem mit Horrorgeschichten aber ist, dass sie üblicherweise als antagonistische Kraft das Böse und/oder Übernatürliche haben. Die Franzosen aber, denen die Soldaten gegenüberstehen, sind wieder böse noch übernatürlich – ein Punkt, der eine zentrale Erkenntnis von „Im Westen nichts Neues“ ist, quasi der ganze Kern des Romans. Berger allerdings tut genau das: die Franzosen erscheinen als eine geradezu außerirdische Kraft. Im ersten (und einzigen) Trommelfeuer gefragt, was nun passiere, blickt Kat bedeutungsschwanger an die Decke des Bunkers als sei er Gandalf in Moria und erklärt bedeutungsschwanger „Sie kommen!“. Als später im Höhepunkt der Handlung die Soldaten erst einen französischen Graben einnehmen und dann vom Gegenangriff überrollt werden, wirkt der Film plötzlich wie „War of the Worlds“.

Und das ist keine Übertreibung. Der Boden beginnt zu zittern, wie beim Auftauchen des T-Rex in „Jurassic Park“ (ein weiteres Horror-Element), und die Soldaten stehen in zitternder Erwartung des Monsters am Schützengraben. Aus dem Nebel tauchen dann, unwirklich und außerweltlich, Panzer auf. Ich kann für deren historische Genauigkeit im Design nicht bürgen, so weit reicht meine Sachkenntnis nicht, aber eines ist sicher: wie sie hier eingesetzt werden, sowohl in Menge als auch in Taktik, hat nichts mit den historischen Vorbildern zu tun. Als dann französische Flammenwerfersoldaten in Reihe und gleichzeitig am Schützengrabenrand aufmarschieren und ihre tödliche Ladung hinunterschießen, ist das ein Level an Absurdität, das dem Stoff geradezu hohnlacht.

Hier geht es nicht um historische Genauigkeit. Die hat gegenüber einer guten Geschichte immer die zweite Geige zu spielen. Aber die Entmenschlichung der französischen Soldaten ist ein massives Problem des Films. Im gleichen Angriff sehen wir Albert Kropp gegenüber den die Deutschen einholenden Flammenwerfern kapitulieren. Die Franzosen, die Gesichter hinter Masken kaum wahrnehmbar, zögern einen Moment, der die folgende Exekution Alberts mit dem Flammenwerfer zu einem bewussten Kriegsverbrechen machen. Sekundenlang hält die Kamera beinahe voyeuristisch auf Albert, wie er sich brennend und schreiend am Boden windet, ehe ein Franzose ihm beinahe beiläufig den Gnadenschuss gibt. Fügt man dazu die als geradezu Alien-Fahrzeuge inszenierten Panzer hinzu, werden die Deutschen in die Situation der Briten im „War of the Worlds“ oder der Gejagten in einem Horrorfilm gesetzt, eine Asymmetrie zwischen den beiden Seiten, die völlig inakzeptabel ist und dem Geist der Romanvorlage hohnlacht.

Wundert es da, dass die Gerard-Duval-Episode ein vollkommener Schuss in den Ofen ist? Auf den letzten Metern, kaum zehn Minuten vor Ende des Films, kommt es zum ersten Nahkampfgefechts Pauls, in dessen Verlauf er auf den Gegner einsticht, seine Schreie durch Stopfen von Schlamm in seinen Mund zu ersticken versucht, nur um dann, während Duval blutspuckend krepiert, plötzlich einen unerklärten Zusammenbruch zu erleiden. Der Kontrast mit derselben Szene in der Verfilmung von 1979 ist erhellend: diese dauert fast zehn Minuten, zieht den Todeskampf – ohne Splatter-Effekte – über insgesamt fünf Minuten (mehrere Stunden erzählte Zeit) und lässt Paul in aller Ruhe reflektieren. Bei Berger dagegen passiert alles inmitten der Kakophonie der Schlacht. Für Introspektive ist kein Platz.

Dafür allerdings für reichlich Blut. Das Ausmaß der Splattereffekte ist eine der unangenehmeren Überraschungen, die dieser Film für das Publikum bereithält. Ich bin sicherlich nicht avers gegenüber Bildschirmgewalt – wenn sie denn einem erzählerischen Zweck dient. Aber die voyeuristische Kameraführung zerstört jeden Effekt, den das Blutbad hätte haben können. Wenn Gewalt auf dem Bildschirm als ästhetisch sexy dargestellt wird, die Handlung aber schreit, wie schlimm und sinnlos alles ist, dann entsteht keine schockierte Einsicht, sondern schlichtweg kognitive Dissonanz. Der Ton passt hinten und vorne nicht zu dem, was vorgeblich erzählt werden soll.

Und damit sind wir beim letzten Faktor, den Berger in seinen Film einbauen wollte: die Kontextualisierung des Kriegsgeschehens durch das Einbauen der Waffenstillstandsverhandlungen. Daniel Brühl spielt Matthias Erzberger, den der Film beharrlich als Sozialdemokraten (!) in Szene setzt. Mit dem realen Erzberger hat die Figur, vom leicht schwäbischen Akzent abgesehen, wenig zu tun. Erzberger ist nur ein Vehikel für plump-moralisierende Dialoge in bester deutscher Weltkriegsfilmtradition („Während Sie von Ehre reden, sterben da draußen jeden Tag Soldaten!“). Vermutlich hat Berger das nicht gemeint, als er eine spezifisch deutsche Version des Stoffes verfilmen wollte, aber spätestens in diesen Momenten könnte man den Film einfach als „Die Westfront“ in die Reihe der unerträglichen Artikel+Substantiv-Geschichtsschinken einordnen.

Aber leider bleibt das nicht das einzige Problem des Erzberger-Plots, der wie ein wundes Glied in den Film ragt. Problem Nummer 1 ist in der Erzählstruktur angelegt. Die Waffenstillstandsverhandlungen, die 72 Stunden dauern, laufen parallel zum Rest der Handlung. Richtig gelesen: praktisch die gesamte Romanhandlung von „Im Westen nichts Neues“ ist, mit einigen wenigen Rückblenden, auf vier Tage komprimiert. Dieser Countdown-Timer ist ein sehr effektives dramaturgisches Mittel. Allein, es ist für den Stoff völlig ungeeignet. Die Wirkung von „Im Westen nichts Neues“ beruht gerade auf der Austauschbarkeit des Kriegsgeschehens, auf seiner völligen Kontextlosigkeit. Jeder Angriff in dieser Verfilmung hat klare Hintergründe, einen klaren Spannungsbogen; der ganze Film hat einen klaren Spannungsbogen (wenngleich nicht gut umgesetzt mit schwerwiegenden pacing-Problemen), was der Erzählabsicht Remarques diametral entgegensteht.

Das zweite Problem sind die Waffenstillstandsverhandlungen (die der Film penetrant als „Friedensverhandlungen“ bezeichnet). Erzberger, der als moralisches Gewissen des Films inszeniert wird, bittet die Franzosen um „Gnade für die Soldaten“, damit weniger Menschen sterben. Mit steinernem Gesicht lehnen die Franzosen ab, erklären, dass die Kampfhandlungen auch während der Verhandlungen fortgesetzt werden. Erzberger bittet darum, die drohende Hungersnot in Deutschland nicht durch das „Diktat“ der Bedingungen herbeizuführen – die Franzosen lehnen mit einem „das ist das Problem der Besiegten, nicht der Sieger“, ab. Erzberger fleht verzweifelt, die Franzosen mögen gerecht sein, denn sonst „werden die Menschen in Deutschland diesen Frieden hassen“, woraufhin ihm Foche den Füller mit der Aufforderung zur bedinungslosen Unterzeichnung hinhält.

Wenn die deutschen Unterhändler als moralisch aufrichtig dargestellt und die Entente als bösartig und kriegsversessen, revanchistisch und stur dargestellt werden, dann ist das mehr als ekelhaft. Erzberger dann auch noch die billige Prophezeiung der Dolchstoßlegende in den Mund zu legen und den Franzosen die Schuld an Hitler und dem Zweiten Weltkrieg zuzuschieben ist, zusätzlich verstärkt durch die apokalyptische Inszenierung ihrer technisch weit überlegenden Truppen in der Schlachtszene, an Perfidie kaum mehr zu überbieten. Bergers „Im Westen nichts Neues“ bedient den gleichen miesen Revisionismus wie „Unsere Mütter, unsere Väter“, „Der Untergang“ oder „Die Flucht“ – eine bis zur Unkenntlichkeit verzerrte Phantasieversion von Ursache und Wirkung, in der sich das deutsche Publikum als die Guten fühlen kann.

Diese Tendenz zieht sich bis in die Darstellung der französischen Zivilbevölkerung. Die Szene mit den drei Frauen wurde deutlich gekürzt und enthält jetzt nur noch den abdampfenden Weiberhelden Franz, der eine der Frauen durch seinen deutschen Charme zu gewinnen weiß. Der Sexkauf aus der Vorlage mit Nahrungsmitteln, der das Leiden der Zivilbevölkerung ebenso eindrücklich illustriert wie die kindliche Unerfahrenheit der jungfräulichen Soldaten fällt komplett weg. Das ist kein Unfall: zweimal beobachten wir Paul und Kat beim Plündern eines Bauernhofs, bei dem sie als Opfer inszeniert werden, die von dem bewaffneten Bauern mit ihrem Leben bedroht werden. Nicht einmal kommt die Frage auf, warum deutsche Soldaten bei französischen Bauern plündern; stattdessen ermordet der Bauernsohn wie ein jugendlicher Amokläufer oder Slasher-Bösewicht den unschuldigen Kat beim Pinkeln im Wald.

Wenn Berger also erklärt, er wolle den Stoff updaten und einen Bezug zum Zweiten Weltkrieg schaffen, dann ist ihm das im schlechtesten Sinne gelungen. Die Parallelen zu dem revisionistischen Dreck aus der Schmiede der öffentlichen Filmförderung, ARD und ZDF erschöpfen sich leider hier nicht. Der Film hat außerdem die Figur eines Generals und seines Adjutanten eingeführt, der das Kommando über Pauls Einheit hat. Er erfüllt alle Klischees eines Nazi-Offiziers, von „Stalingrad“ über „Das Boot“ bis hin zu den erwähnten jüngeren Machwerken. Die Bösewichte sind hässlich, während unsere Helden gut aussehen. Kaltschnäuzig befiehlt er sinnlose Angriffe, zynisches Lächeln auf den Lippen. Protestierende Soldaten werden an Ort und Stelle vor ihren Kameraden vor dem kaiserlichen Äquivalent der SS erschossen. Das ist völlig ahistorisch und eine Parallele zur Filmsprache von Filmen über den Zweiten Weltkrieg, die nie ohne diese Klischees auskommen. In einem Film über diese Epoche haben sie noch weniger verloren und dienen nur dazu, mit der Brechstange Gut und Böse in den Film zu integrieren. Ich habe über beide Phänomene geschrieben.

„Im Westen nichts Neues“ bleibt damit unter den ohnehin geringen Erwartungen. Wer vorher Zweifel an der Notwendigkeit einer Neuadaption hatte, darf sich bestätigt fühlen. Nicht, dass eine solche nicht Potenzial gehabt hätte. Aber auf diese Art wird allem, wofür Remarques Roman stand, Hohn gelacht. Ich hoffe, dass diesem Film nicht der ersehnte Oscar verliehen wird. Das wäre das Belohnen der schlechtesten Impulse deutschen Filmeschaffens.

{ 24 comments… add one }
  • Kning4711 14. Oktober 2022, 07:10

    Danke – Du hast gute Punkte herausgearbeitet – die Anti-Kriegsbotschaft der Vorlage geht leider im Effektgewitter tatsächlich verloren.

    Ich hatte auf eine Art deutsches Saving Private Ryan gehofft, jedoch ein epischer Fail auf ganzer Linie. Da wurde in meinen Augen ne große Chance versenkt. Gerade weil des Sujet WW1 im deutschen Film noch sehr stiefmütterlich behandelt wurde, hätte man man gut ne Story machen können.

    • Stefan Sasse 14. Oktober 2022, 07:37

      De facto geht es in dem Film nicht um den 1. WK, das ist mit eines der zentralen Probleme.

  • cimourdain 16. Oktober 2022, 11:21

    Danke für die Rezension. Werde mir den Film trotzdem ansehen, aber so ist die Fallhöhe der Enttäuschung nicht so hoch.
    Ein paar Überlegungen noch :
    1) „die Maschinengewehre und Karabiner etwa klingen ungewohnt…“ Könnte es sein, dass es einen spezifischen ‚Netflix-Sound‘ gibt, der dem geschuldet ist, dass die Tonspur für Tablets und Kopfhörer optimiert ist. Ich kann mir vorstellen, dass es da ‚Übersetzungsprobleme‘ in der Kinoversion gibt.
    2) Der Erzberger-Plot ist ein wenig auch deinem Berufsstand geschuldet. Für das ‚wertvoll‘-Label wird im historischen Film noch ein ‚unterrichtsrelevantes‘ Geschichtsthema hineingestopft.
    3) “ eine Heroisierung „wie in amerikanischen oder britischen“ Filmen“… Der beste (und unheroisierendste) Film zum 1. Weltkrieg ist für mich „Wege zum Ruhm“ von Stanley Kubrick.

    • Stefan Sasse 16. Oktober 2022, 11:35

      1) Kann auch sein, ja.
      2) Furchtbar.
      3) Exakt. Eine so bescheuerte Aussage.

  • Erwin Gabriel 16. Oktober 2022, 16:04

    @ Stefan Sasse

    Danke für die Bestätigung. Ich habe den Trailer gesehen und wusste, dass ich das nicht gucken muss.

    Es gibt Deutsche, die großes Kino können, aber die Deutschen können das nicht.

  • Johnson 17. Oktober 2022, 22:45

    @ S Sasse

    Completely OT but nevertheless:

    Surprised you call House of the Dragon a „grandiose“ show. While I agree that LOTR: The Rings of Power is terrible I think House of the Dragon is equally bad if not worse. I am not talking about adherence to the source material (personally I found The Silmarillion to be unreadable crap and I didn’t even know about that Fire and Blood novel until the show), but the general pacing, storylines, visualization and characters of both shows and especially House of the Dragon. Almost the entire season 1 has gone by and frankly not much has happened. And there’s not a single relatable or exiting character in the entire cast…just all out blandness and lack of any compelling storyline. Just curious what attracts you to the show.

    • Stefan Sasse 18. Oktober 2022, 07:56

      I think it’s one of the best things on TV right now. This surprised me, because I’m not a fan of „Fire and Blood“ (and yes, the Silmarillon sucks :D) which doesn’t work for me. But HotD manages to build intricate character relationships over the space of 20 years with a very sound structure, has great acting, even better writing, looks absolutely gorgeous, manages to be about stuff, and did I mention the absolutely great characters? If you’re interested in deeper takes by me, we’re covering the show episode by episode in the podcast.

  • Johnson 18. Oktober 2022, 15:38

    Huh. I guess we are both surprised at you :). And now we also both know where the 1/10 and 10/10 user reviews on Imdb for House of the Dragon come from.

    Thanks for the invite to those podcasts but as you know I don’t listen to hiphop and I don’t do podcasts. Nothing personal.

    One more question though if I may: Other than deviating from the source material, what turns you off so much about LOTR: The Rings of Power?

    • Stefan Sasse 18. Oktober 2022, 18:31

      No offense taken. I also like GOT season 8, by the way. I do have written reviews for the first three episodes: http://thenerdstreamera.blogspot.com/search/label/Game%20of%20Thrones Stopped after because of the time committment.

      Weeeeeell…we did podcasts on every episode 😀 But I don’t care about deviations from the source material, because I don’t actually know the source material. I wouldn’t know whether they deviated or not, except for one or two cases that contradict the movie trilogy. Change, as we always so, is value-neutral. LOTRTROP has several problems, but to give it in the briefest form possible:
      – Very sketchy characters, with unlogical and/or unexplained character arcs (special offenders: Arondir, Bronwyn, Theo)
      – An overreliance on mystery boy storytelling (every fucking episode, unfortunately), which doesn’t ever pay off
      – Overreliance on quoting the movies without organic integration in the story
      – Very strange target audience: it’s too nerdy for newcomers but deviates way too much for the fans
      – Very flat characters that are, after one season, still not tied together
      – Missing or ridiculous solving of plot threads (Bronwyn/Arondir/Theo just…fall out of the narrative, the Meteor Man never goes anywhere, the three white stooges go down anti-climactly, the Harfoots never really amount to much, Numenor seems like it’s missing at least half an episode, etc.)

      There are many good things, too! The show isn’t BAD, it’s just NOT GOOD.

      • Johnson 18. Oktober 2022, 20:32

        Very interesting. Appreciate you taking the time to respond. You did a podcast on each of the 8 episodes in season 1? Wow.

        Agree with you on most of what you are saying but let me add that I also have a huge problem with the visualizations. Peter Jackson, whether you like his two trilogies or not, did a great job with those. But LOTR: The Rings of Power…dear god. Just as an example, Gil-galad looks like a Roman emperor from a B-list sword and sandals movie about the Roman empire. Just awful.

        On top of that the storylines are completely ridiculous and as you rightfully say, contradict the LOTR movies (couldn’t care less about that Silmarillion BS…). Most egregious examples imo are the fact that Mount Doom, THE symbol of Sauron’s power, gets lit by a derelict former innkeeper from some totally unimportant village, and that the three rings of power of the Elves get forged long before the other rings and the One Ring, and in the presence of Sauron no less. Unreal.

        • Stefan Sasse 19. Oktober 2022, 08:26

          Each episode of HotD, LOTRTROP and Andor 😀 We’ve been busy this fall. But that’s the business for you.

          Gil-Galad I actually didn’t have that much of a problem with visually, it’s more…who is this guy? The elf king, sure, but who he is he? The series doesn’t explain. What is his character? His motives? Flaws? Virtues. He’s…nothing.

          What really got me was that finale of season 1. I have Galadriel in my ear (from the movies!): „But they were all deceived. Sauran secretly forged a master-ring…“ No one was deceived, no master ring was forged. Wtf? Even I know that!

  • Johnson 20. Oktober 2022, 20:48

    That’s true re Gil-galad – and also one of the problems of the show. Why is this character even there now? He has nothing to do and very little to say as all the Elf action is with Elrond and Galadriel and a bit with Celebrimbor. His actual moment comes much later on in the Last Alliance between Elves and Men so why introduce him now?

    Season finale 1: Yes. Absolute garbage.

    Also, speaking of introducing characters, what’s the purpose of Elendil and especially Isildur in the show at this point? This compresses the timeline to about 20 to 30 years from the present to the battle at Mount Doom where Elendil gets killed and Isildur takes the One Ring. During that time (according to Tolkien anyway) there’s the capture of Sauron and subsequent downfall of Numenor, the founding of the nine realms of men and later Gondor and Arnor, the Last Alliance, the (years long) siege of Barad Dur etc…makes no sense whatsoever. Oh, and the actual rings of power need to be forged, distributed and then corrupt their bearers after prolonging their lives unnaturally. Jeez…

    • Stefan Sasse 21. Oktober 2022, 06:40

      I don’t go as far as to see him as a problem, he’s just a non-entity. Whatever the intended effect is falls flat. But I agree on the merits of the argument.

      Elendil and Isildur can be seen as representatives for the problem at large. They will become important at some later point, so they’re introduced here, with all the fanfare and importance of major characters. And then, basically nothing happens.

      • Johnson 24. Oktober 2022, 19:14

        To continue the OT discussion with the season finale of HOTD: Well, that sucked. I know we probably won’t agree on this, but that season finale was just as lame as the entire season of HOTD and a befitting end imo.

        For the first about 40 minutes or so nothing of consequence really happens and it’s all in patented HOTD slo-mo: We get another exhibit of “childbirth in medieval times really sucked” (#5 or 6 in this season), Team Black gets the news of what Team Green has been up to, there’s some bickering about going to war immediately or not, Team Green delivers the terms that we all know Team Black will never agree too, and the Sea Snake makes a low level return. That brings us to the supposed epic final climax: Rhaenyra sending her two sons off as envoys to the big houses to ascertain their support. That’s an inexplicably bad decision (as we soon shall see) and the set up is equally bad. “You go as messengers not as warriors”. Luke is 13 years old for crying out loud and rides a bat sized dragon! Who is he going to fight? Also, what if House Baratheon, Tully or Stark decide to just kidnap the boys for ransom or delivery to Team Green? Team Black would lose its two most important heirs before the war is even on. Also also, what if Team Black (as it turns out) arrives there first? This all makes no sense and just serves as a clumsy set up for the death of Luke so Rhaenyra can overcome her hippie moment and we have a war on or hands.

        That’s on top of all the other lazy writing stuff that made its way into this episode, as in:

        1. Erryk (or Arryk) just saunters into Dragonstone with the king’s crown? How in the hell did he swipe that, given it’s one of the most important artifacts of “legitimacy”? What’s Aegon II wearing now then?
        2. Luke dies alone on dragonback over the ocean and Team Black gets notice of his death like 10 minutes later? How?
        3. Otto the Manipulator decides to deliver the terms to Team Black in person? He’s probably the very worst messenger to choose given how much Daemon and Rhaenyra hate him, and it’s also highly likely this is a suicide mission for him.
        4. Swearing fealty by staring at a massive dragon’s face or being incinerated on the spot…surely no duress there? What was this scene even about?

        • Stefan Sasse 24. Oktober 2022, 22:05

          We totally disagree. I talk a lot about the episode in not one but two podcast episodes, they’ll be out tomorrow. Until then, quickly to your questions:
          1) Aegon is wearing the crown of Aegon the Conqueror and carrying his sword, Blackfyre, because he’s trying to use that legitimacy. Ser Arryk (or Erryk) swiped the crown because as the kingsguard he has all the access he needs. And no one is caring about Viserys‘ crown in that moment.
          2) The time span is not clear, and please tell me how this would have been improved by a scene explaining the logistics. For real, it couldn’t be covered up; the whole of Storm’s End knew about it.
          3) Yes, that was weird. But Orwyle (the black maester), who does it in the books, was not established well enough. Conventions of television.
          4) It’s Daemon. And the Greens did the same last episode. By the way, you didn’t watch closely enough: the choice was „a clean death“ by beheading or swearing fealty. The threat with the dragon was for the case they swear fealty only to betray. THEN it’s dragonfire.

          • Johnson 25. Oktober 2022, 20:09

            Aw man, not one but two podcasts???? 🙂

            Ok, quick responses then:

            1. Disagree. No crown, no coronation of the Queen. And she is the heir that Viserys nominated, so his crown is important here (and should not be so easily swiped).
            2. No improvement but it’s just sooo unrealistic. Ok we are talking about dragons here, I get it. But still…and not one soul at Storm’s End could have known about this with the rain storm and them being way out over the ocean. It’s just lazy, like this endless teleportation stuff in LOTR the TV series.
            3. Why does he have to be established? This scene is just filler anyway, any member of the Council could have delivered these terms. Any lord or knight really.
            4. I heard „clean death“. Thought that was by dragon fire. Should be pretty instantaneous, no? As compared to being fed to the dragon. OK, maybe too fine a point. Again, just filler imo.

            • Stefan Sasse 26. Oktober 2022, 08:53

              I’m a pro 😉

              1) The Targaryens have several crowns. The question which one a king wears is about the symbolism. The book goes into a lot of detail which king has which crown, but at the time of the show, there are at least three crowns around. Aegon wears the crown of his namesake, which Otto makes clear: it’s a clear narrative of tradition of the male conqueror to the throne. Rhaenyra traces her legitimacy as her fathers child and chosen heir. Different messages for different audiences. Aegon’s crown gives you a reason to defy the „stale oath“, while Rhaenyra’s reinforces it. For Aegon to wear his father’s crown would send conflicting messages! „It’s a new day, a new regime!“ is the thing.
              2) It’s not a mystery! In the book, the pieces of the dragon and Lucerys’s body are washed ashore on the following day. Since the time jump isn’t clear in the show, it might have been like that. But it’s entirely likely that Aemond told everyone. What else was he to do?
              3) It’s not filler, it’s incredibly important! Hard disagree there.
              4) Also not filler. Tells you a lot about Daemon.

              • Johnson 26. Oktober 2022, 20:49

                Heh…I was going to say neeeerrrddd but ok! 🙂 No offense intended; that’s a lot of work and you are clearly a fan.

                Didn’t read the book so can’t really comment further on 1 and 2. Just want to say that Aegon II is crowned king bceause Viserys supposedly changed his mind on his deathbed. Would that not put Aegon II’s claim to the throne directly in line with Viserys rather than his ancestor Aegon I?

                3. Not sure at all why this scene would be „incredibly important“? We all know the Queen will reject or there’s no civil war and hence no season 2, 3, 4 etc.

                4. What do we learn about Daemon here (cold, cruel, always ready to take a life or two) that we didn’t know already?

  • sol1 28. Oktober 2022, 22:10

    Die Rezension in der SZ fällt ähnlich aus wie deine:

    https://www.sueddeutsche.de/kultur/im-westen-nichts-neues-netflix-roman-1.5683370

  • anonymous2022 29. Oktober 2022, 20:54

    Depictions of military incompetence do not suffice to convey an anti-war message. What one person fatalistically dismisses as futile can look like inspiring heroism to another (as shown by the legendary status of events like Thermopylae or the Charge of the Light Brigade). And it remains unexplained why going over the top cannot be replaced with a more effective tactic, why inhumane officers cannot be dismissed in favour of inspiring ones, etc.

    Unlike the Second World War, the First World War allows filmmakers to explore the morality of war in general because the context of a struggle between good against evil can be avoided. That makes this film such a disappointment. Instead of convincing with a coherent narrative, it repeats a lot of well-known tropes of war films that pretend to advocate peace.

  • Atomkrieg 31. Oktober 2022, 09:37

    Vielen Dank für die Rezension. Der Tod von Paul sollte meiner Ansicht nach kritisch reflektiert werden, weil die Assoziation zur Dolchstoßlegende so nahe liegt.

    • Stefan Sasse 31. Oktober 2022, 11:06

      Die lassen sie wenigstens raus, hier haben wir eher das gegenteilige Problem: sie wird als gegeben angenommen.

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