Rezension: Neil Gaiman – Death

Neil Gaiman – Death

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mir völlig entgangen ist, dass es neben der eigentlichen Sandman-Saga und „Overture“ auch noch weitere Anthologien gibt. Die erste davon habe ich jetzt durch. Wie der Name schon sagt, beschäftigt sie sich mit dem wohl populärsten Nebencharakter des Epos, Traums Schwester Tod. Das als freches Goth-Girl auftretende ewige Prinzip hat die Aufgabe, beim Tod von Lebewesen dabei zu sein und diese vom einen zum anderen Zustand zu begleiten. Ohne sie gäbe es kein Vergehen, nur ein Werden. Als anthropomorophe Verkörperung des Todes wird sie natürlich ständig gefragt, warum man sterben muss und warum das Leben nicht fair ist. Dieselbe Verkörperung gibt Gaiman Gelegenheit zu versuchen, genau diese Fragen zu beantworten oder sich ihnen zumindest anzunähern.

Gleich zu Beginn enttäuscht der schön aufgemachte Hardcover-Band allerdings gleich einmal. Die ersten drei Geschichten sind „The Sound of Her Wings“, „Facade“ und „A Winter’s Tale“, die alle bereits im eigentlichen Sandman-Zyklus enthalten sind. Das macht sie natürlich nicht schlecht, aber man kennt sie eben schon.

„The Sound of Her Wings“ ist die wohl berühmteste Geschichte mit Tod (für die Seriengucker: Episode 6, wenn Tod zum ersten Mal auftritt). Einen Tag lang begleitet Traum seine Schwester bei ihrer Arbeit und lernt auf diese Art einen neuen Blick auf die Menschheit und ihre Eigenheiten zu bekommen. Die Geschichte ist wunderschön und traurig, stimmt aber gleichzeitig auch hoffnungsfroh. Die sterbenden Menschen reflektieren kurz über ihr eigenes Leben und den Tod. Ein Baby, das feststellt „This is all I get?“ etwa trifft mich jedes Mal. Tods freundliche aber bestimmte Überleitung, das Geräusch ihres Flügelschlags, ist ebenso profund wie die Tatsache, dass sie nicht weiß oder zumindest nicht preisgibt, was danach kommt. „What happens now?“ fragt ein alternder Musiker. „Now is when you find out“, antwortet ihm Tod. Manchmal ist die simpelste die Wahrheit die beste.

„Facade“ ist eine etwas mehr ins Superheldenreich gehörende Story. Eine CIA-Agentin wird auserkoren, von einer altägyptischen Gottheit Superkräfte zu erhalten. Das funktioniert auch, sie besteht nun aus allerlei chemischen Verbindungen, die sie erschaffen kann und die sie fast unzerstörbar machen. Aber der Preis ist hoch: sie kann kein normales Leben mehr führen, ist depressiv und völlig vereinsamt. Ihr einziger Kontakt ist der Rentenbeamte bei der CIA. Da sie unzerstörbar ist, kann sie nicht Selbstmord begehen. Mir ist das alles ein wenig zu abgespacet, aber ich bin auch noch nie die Zielgruppe für diese Art von Geschichten gewesen.

„A Winter’s Tale“ ist letztlich eine illustrierte Kurzgeschichte und weniger ein Comic. Die Illustrationen sind sehr gewöhnungsbedürftige, kantige Tuschezeichnungen, die mich wenig berühren. Die Geschichte selbst ist letztlich eine Selbstdarstellung Tods, in der sie erklärt, was ihre Aufgabe ist und dass sie an der ständigen Kritik der Lebewesen schier verzweifelte. Sie überwand ihre Existenzkrise und erkannte, dass am Ende des Lebens ein freundliches Gesicht stehen muss – sie. Diese Informationen sind notwendig, um den Rest zu verstehen, und Gaiman schreibt wie immer ziemlich gut, aber viel Charakter oder Plot ist hier nicht zu erwarten.

Ebenso ein wenig enttäuschend ist der Abschluss des Bandes, der wiederum eine bekannte Geschichte enthält: „Death in Venice“. In einer Art ständigen Zeitschleife auf einer Insel in der venezischen Lagune im 18. Jahrhundert durchlebt eine dekadente Adelsgesellschaft beständig denselben großartigen Partytag. Alle Anwesenden müssten eigentlich tot sein, sind es aber durch eine unerklärte Manipulation eines Grafen nicht. Tod wartet Jahrhunderte auf ihre Chance, die kommt, als ein Junge auf der Insel in den Ruinen spielt und sie trifft. Als Erwachsener kehrt er zurück und öffnet das Tor, das sie selbst nicht öffnen konnte, und bringt allen Anwesenden den Tod. Der mittlerweile Erwachsene ist ein Elitesoldat, der mit großer Freude Gegner tötet, um sie „zu ihr“ zu schicken – eine halb-erotische Fixierung auf Tod, die er mit Sicherheit mit diversen anderen Psychopathen teilt.

Als weiteres Goodie enthält der Band eine Art Gallery verschiedenster Künstler*innen über Tod, die von „hübsch“ bis „weird“ reichen. Wem es gefällt…? Zuletzt enthält der Band eine Art Relikt der 1990er Jahre: eine Kurzgeschichte, in der Tod erklärt, was AIDS ist und wie man sich davor schützt. Das war seinerzeit sicherlich eine gute Sache, ist aber heute etwas aus der Zeit gefallen. Es lässt aber interessante Rückschlüsse darauf zu, wie dumm und zerstörerisch der AIDS-Diskurs damals gewesen sein muss. Danke, Ronald Reagan.

Und damit kommen wir zum eigentlichen Herzstück des Bandes, den beiden neuen Geschichten. Diese sind wesentlich länger als die Kurzgeschichten, die ich gerade vorgestellt habe.

„The High Cost of Living“ hat einen Sechzehnjährigen mit dem unglücklichen Namen Sexton Furnival im Zentrum. Seine Eltern sind geschieden und er ist unglücklich, weswegen wir ihn beim Schreiben eines Abschiedsbriefs kennenlernen. Gleichzeitig erfahren wir, dass Mad Hattie – die 250jährige Zauberkundige, deren Pfad sich immer wieder mit Traum kreuzt – dem Einfluss von Tod entkommen muss. Und zuletzt ist ausgerechnet heute der Tag, an dem Tod wie alle 100 Jahre als lebender Mensch auftritt, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was sterben bedeutet – wenn sie am Ende des Tages sich selbst begegnet. Traum könnte sich davon eine Scheibe abschneiden.

Die Geschichten dieser Charaktere fallen auf gewollt konstruierte Weise zusammen. Sexton lernt die menschliche Tod kennen, glaubt ihr aber nicht, wer sie ist – nicht ohne sie völlig von ihr fasziniert auf ihrer merkwürdigen Reise zu begleiten, bei der sie versucht, Mad Hatties Herz wiederzufinden. Dieses befindet sich im Besitz eines unsterblichen Magiers, der ausgerechnet einen Klassenkameraden von Sexton zum Schüler hat. Die Charaktere treiben durch das Großstadtleben und erleben allerlei merkwürdige Geschehnisse, in deren Folge Sexton eine neue Einstellung zum Leben lernt, während Tod ihrerseits ihre Liebe zu allen Menschen bestätigen kann.

„The Time of your Live“ dreht sich um die Sängerin Foxglove, die manchen vielleicht noch unter ihrem bürgerlichen Namen „Donna“ bekannt ist: die ungesehene Ex-Freundin von Judy, die auf grausige Weise im Original-Sandman-Zyklus unter dem Einfluss von Dr. Dee ihr Ende findet. Foxglove ist groß herausgekommen, was zu einer Entfremdung von ihrer Lebensgefährtin geführt hat, mit der sie ein Kind hat. Sie würde gerne ihre Sexualität offenlegen, aber ihr langjähiger Manager Larry ist dagegen, weil er ein Ende ihrer Karriere fürchtet. Als er überraschend verstirbt und ihr im Traum sagt, sie müsse unbedingt tun, was ihre Freundin sagt – die sie kurz darauf aufgelöst anruft und unter Tränen bittet, sofort zu ihr zu kommen – begibt sie sich auf eine Art Roadtrip zurück.

Ihre Freundin hat zur gleichen Zeit Besuch von Tod. Vor einem halben Jahr wäre ihr gemeinsamer Sohn Alvie gestorben, aber sie schloss einen Pakt mit Tod: wenn Alvie bleiben dürfte, würde Tod zu einem späteren Zeitpunkt zurückkehren und eine Person mitnehmen. Dieser Moment ist jetzt. Während Hazel ihr Leben mit Donna im Gespräch mit Tod reflektiert, tut Donna dasselbe mit ihrem Handler Boris und einem Unterwäschemodel namens Vito. Am Ende steht dann die Entscheidung, wer mit Tod gehen und sterben muss – oder auch, wer sich vom Leben am wenigsten erhofft.

Die Geschichte dreht sich zentral weniger um den Tod selbst als um Beziehungen, Entfremdung, wie sich Menschen verändern. Natürlich spielt auch eine Rolle, welche und wie viel Zeit wir in unserem Leben haben und warum es den Tod überhaupt gibt. Immer wieder bestätigt sich Tods zentrale Philosophie: es ist das Vergehen, dass das Existieren so bedeutsam macht. Gegensätze. „Ohne das Schlechte wüsste man nicht, was gut ist“, wie sie es ausdrückt. Man kann die Philosophie teilen oder auch nicht, aber in jedem Fall denkt man bei der Lektüre darüber nach.

Alleine deswegen ist der Band empfohlen.

{ 2 comments… add one }
  • cimourdain 9. September 2022, 08:28

    Zwei Anmerkungen:
    1) Death ist sicher bei Fans sehr beliebt, aber der Titel ‚populärste Nebenfigur‘ geht ziemlich klar an Lucifer Morningstar, der eine eigene Mainstream Spinoff-Serie bekommen hat.
    2) Schade dass dir das Artwork von ‚A Winter’s Tale‘ nicht gefallen hat. Ich finde, Jeff Jones war ein* hervorragende Illustrator*in, was old-school Fantasy betrifft.

    • Stefan Sasse 9. September 2022, 15:14

      1) Good point.
      2) Tja, Geschmäcker sind verschieden 🙂

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