Zwischen Quote, Haltung und Herdentrieb – sind die Medien zu Grünen-freundlich?

Ein oft gehörter Vorwurf aus liberal-konservativen Kreisen ist, dass „die Medien“ oder doch wenigstens die Öffentlich-Rechtlichen quasi die ausgelagerte Öffentlichkeitsabteilung der Grünen seien.  Ich halte diesen Eindruck, um es kurz zu machen, für falsch. Es ist aber durchaus interessant einmal näher hinzusehen, woher er kommt und was wirklich dahintersteckt. Denn das Gefühl dieser Leute, dass ihre Positionen in der Berichterstattung nicht so prominent vertreten werden wie andere, ist nicht von der Hand zu weisen. Alleine, es hat andere Gründe als ein linksgrünes Meinungskartell, oder was auch immer die Verschwörungstheorie und das Schlagwort der Stunde ist.

Gerne wird von einschlägiger Seite (NZZ, Cicero, Döpfner, Fleischhauer, etc.) etwa auf eine Studie zur parteipolitischen Affinität der Journalist*innen hingewiesen, die ein deutliches Übergewicht der Parteipräferenz für die Grünen erkennen lässt. Dass diese Studie dabei, wie die Autor*innen selbst betonen, missverstanden wird, ist da quasi noch das Geringste. Selbst wenn wir die Erkenntnis direkt für bare Münze nehmen, so ist sie erst einmal verhältnismäßig irrelevant. Wichtig ist der Berufsethos: Lassen sie sich davon beeinflussen? Es dürfte ja auch kein Zweifel bestehen, dass etwa Wirtschaftswissenschaftler*innen überdurchschnittlich stark der FDP zuneigen, ohne dass man deswegen sofort deren wissenschaftliche Integrität in Zweifel zöge.

Das Jammern über die echte oder eingebildete Dominanz „grüner“ Themen und Personen ist besonders dann stark ausgeprägt, wenn gerade einmal positiv berichtet wird. Weniger zur Kenntnis genommen wird eine schlechtere Meinungsatmosphäre, wie sie etwa aktuell herrscht (Stichworte: Flugverbot, Benzinpreis, Lebenslauf, Ukrainelieferungen); diese erscheint dann als völlig begründet und gerne auch als noch nicht hart genug (im Gegensatz zu positiver Berichterstattung, die niemals begründet ist). Ich weiß das sehr gut, weil ich dasselbe Gefühl habe – nur natürlich, wenn es in die andere Richtung geht. Mir schwillt der Kamm bei jedem positiven Artikel über die Steuerreformvorschläge der FDP, und ich empfinde ein Gefühl rechtfertiger Genugtuung, wann immer ein schmutziger CDU-Maskendeal aufgedeckt wird.

Was ich sagen will ist: Unsere Wahrnehmung dessen, wie sich „die Medien“ positionieren, ist stark von unseren Einstellungen geprägt. Wir sehen mit Argusaugen jedes kritische Wort gegen Positionen oder Personen, die uns sympathisch sind, und haken gerne als „vernünfigt“ oder „normal“ ab, was mit unseren Einstellungen übereinstimmt. Das kennt man aus dem Gespräch mit anderen: wo man beiläufig nickt, wo Gesprächspartner*innen die eigene Meinung teilen, wird man sehr aufmerksam und gerne ein wenig scharf(sinnig), wo das Gegenteil der Fall ist. Beim Medienkonsum gilt derselbe Mechanismus.

Aber: das heißt nicht, dass der Eindruck, landauf, landein würden Jubelarien oder Verrisse gefahren, falsch wäre, ganz im Gegenteil. Das klingt auf den ersten Blick paradox, ist es aber nicht. Es hängt vielmehr mit einer medialen Grunddynamik zusammen, die eine nähere Beschäftigung lohnt. Ein Beispiel: Im Spiegel schreibt Stefan Kuzmany einige Sätze zum Desaster um Baerbocks Lebenslauf, wie man sie so gerade in praktisch allen Medien finden kann:

Der Höhenflug der grünen Spitzenkandidatin Annalena Baerbock, so zeigt es der Verlauf der Umfragen, scheint sich in einen Sinkflug zu wandeln. Überwog anfangs die allgemeine Freude über die frische Kandidatin und ihre Vision einer neuen, nicht nur fürs Klima, sondern insgesamt gerechten Gesellschaft, macht sich nun Ernüchterung breit. Das ist normal, der Start war zu traumhaft, um bis zum Ziel zu tragen.

Der vorsichtige Verzicht auf Subjekte im Satz ist verräterisch. „Es überwog die Freude“, dann „machte sich Ernüchterung breit“. Bei wem? Die Grünen jedenfalls haben von Anfang an versucht, die Erwartungen niedrig zu halten; gar so inkompetent ist ihr Wahlkampfteam dann doch nicht. Es waren die Medien, die die Grünen erst hochgejazzt und dann niedergeschrieben haben. Das ist nichts Besonderes, es passiert ständig. Aber wir können es zum Anlass nehmen, mediale Mechanismen etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Die privaten Medien – von RTL zum Spiegel, von der ZEIT zur Bunten – sowieso, aber auch die Öffentlich-Rechtlichen haben vor allem ein Ziel: eine möglichst breite Leser*innen- beziehungsweise Zuschauerschaft zu bekommen (man mag diese Quotenfixierung bei den Öffentlich-Rechtlichen durchaus kritisieren, aber das ist ein ganz anderes Thema, das ich hier bewusst aussparen möchte; die Privaten haben keine andere Wahl, die müssen nämlich Geld ohne Gebühreneinzug durch den Staat verdienen). Dieser Imperativ steht vor sämtlichen ideologischen Überlegungen.

Man kann sich jetzt darüber streiten, ob eine gleichförmige Berichterstattung aus kommerziellen Motiven besser ist als eine gleichförmige Berichterstattung aus ideologischen Motiven (ich denke ja), aber auch das ist effektiv nicht die Frage. Es ist schlicht der Fall. Das führt dazu, dass die Medien ein ausgeprägtes Herdenverhalten aufweisen. Wenn sich bei einem Thema ein Konsens herausstellt, schreiben ihn die meisten nach. Die meisten! Es gibt immer einige contrarians, die ihr Geld damit verdienen, gegen den Strom zu schwimmen, was auch immer der jeweilige Strom sein mag – auch das ist eine problematische Haltung, aber sie sorgt in den meisten Fällen dafür, dass sich ein Ausgleich finden lässt, wenn man als lesende Person denn einen sucht.

Ein Beispiel dafür ist die Flüchtlingskrise: Im Sommer 2015 war der Konsens eindeutig auf der „Refugees Welcome“-Schiene; diese fand sich dementsprechend auch in praktisch allen Medien. Selbst die BILD trommelte damals für Spenden und brachte herzzerreißende Geschichten von der Balkanroute, während sie (milde) Kritik an Orban und Kurz übte. Das wärte etwa ein halbes Jahr; im Spätherbst begann die Stimmung sich zu drehen, und mit den Ereignissen am Kölner Hauptbahnhof Sylvester 2015/16 waren die Schleusen geöffnet. Bis zum Bundestagswahlkampf dominierte Kritik an den Flüchtlingen, der Flüchtlingspolitik, Merkel und allem anderen, was damit in Verbindung stand.

Dasselbe gilt auch für politische Parteien. Als eine Partei, die eigentlich immer fest auf den einstelligen Prozentbereich und ein klares Milieu gebucht war, plötzlich deutlich zweistellige Umfragewerte erreichte, wurden sie und ihre Positionen beständig in den Medien hoch und runter rezipiert. Es wurden Erklärungen für ihren Erfolg gesucht. Lag es am überzeugenden Programm? Verkörperte das Führungspersonal eine neue Generation? War es der Anfang vom Ende einer Volkspartei und der Beginn des Aufstiegs einer neuen? Es wäre zu entschuldigen, hätte man das Gefühl, dass die Partei quasi die Aufmerksamkeit gepachtet hätte, dass die Medien in ihrer Gesamtheit eigentlich nur noch über sie berichteten.

Und dann der Umschwung. Er kam unvorhergesehen, entzündete sich an lächerlichen Details. Plötzlich stürzten sich alle auf den noch so kleinsten „Fehler“. Jede Aussage wurde so lange untersucht und gedreht, bis sie zur Unkenntnlichkeit entstellt war. Kleine programmatische Forderungen wurden aufgeblasen und skandalisiert. Gerüchte über parteiinterne Machtkämpfe wurden genüsslich zelebriert. Die Stimmung schwang um, die Umfragewerte sanken. Genauso schnell, wie er aufgestiegen war, sank der Stern der kleinen Milieupartei wieder. Wenn es an einem nicht mangelte, dann an Hohn und Spott darüber, dass vorher solche Begeisterung geherrscht habe, die doch so offensichtlich unverdient war. Gerne kamen dieser Hohn und Spott von genau von den Leuten, die vorher begeistert waren, selbstverständlich ohne dass diese sich das je eingestehen würden.

Die Rede ist natürlich nicht von den Grünen, sondern von der FDP anno 2009. Der Mechanismus ist derselbe wie heute bei den Grünen. Zuerst wird mit großer Begeisterung hochgeschrieben, und plötzlich spricht alles nur noch von der Mövenpicksteuer, und die ganze Partei ist nur eine spätrömische Dekadenz von der völligen Lächerlichkeit entfernt. Das hat weder mit der Performance oder Professionalität der FDP und Westerwelles zu tun noch mit den Voreinstellungen der Journalist*innen. Es ist die ständig gleiche Dynamik des Hoch- und Runterschreibens. Auch Unternehmen kennen das – Tesla ist ja quasi ständig in dieser Berg- und Talfahrt.

Dabei nimmt man es dann auch mit der Genauigkeit nicht so eng, wichtig ist, ob es ins Narrativ passt. Ob nun die Mövenpicksteuer ein FDP-Projekt war oder eines der CSU, wenn es ins Narrativ passt, dann gehört es eben mit zu Westerwelles gekaufter Chaostruppe. Forderte Baerbock ein Verbot von Kurzstreckenflügen? Nö, aber wir konnten mal wieder das Vorurteil der Verbotspartei bestätigen. Oder wen stört, ob die Anhänger*innen der Grünen tatsächlich mehr SUV fahren als andere? Stimmt zwar nicht, aber es passt so schön in die Geschichte der heuchlerischen Grünen, also wird sie erzählt.

Das Problem ist, dass diese Geschichten sich verkaufen. Ob etwas stimmt oder nicht ist bedeutungslos; wenn es nicht stimmt, verkauft es sich oftmals sogar besser. Wir konnten das jüngst am Beispiel der Springerpresse sehen: Die Abonnements der Welt gingen nach ihren Falschmeldungen rund um Divi-Gate durch die Decke, das Blatt machte einen Riesenumsatz. Die Geschichte erfüllte die entsprechenden Bedingungen, also wurde sie gelesen.

Deswegen muss ich mir auch nicht eine Verschwörungstheorie gegen die Grünen überlegen, wenn ich mich frage, warum Laschets Klausurenaffäre und seine Verschönerungen des eigenen Lebenslaufs (was für eine beknackte Debatte, nebenbei bemerkt) auf deutlich weniger Interesse stoßen als die Baerbocks. Ob zu Recht oder Unrecht werden die Grünen als moralisch höherstehend gesehen (beziehungsweise sich selbst so positionierend), weswegen die Fallhöhe größer ist und damit der Wert der Geschichte. Wenn Paul Ziemack Fronleichnam und Gründonnerstag verwechselt ist das auch relevanter als wenn Cem Özdemir das tut, weil halt nur einer der beiden das große „C“ mit moralischer Wucht durch die Luft schwingt.

Das erklärt auch, warum Baerbocks und Habecks Nebeneinkünfte in bescheidener Höhe ein riesiger Skandal sind, während die der bürgerlichen Politiker*innen kein Wimpernzucken hervorrufen. Bei den einen sind sie eingepreist, sie sind keine Geschichte. Bei den anderen dagegen erzählen sie die ungemein attraktive Geschichte der heuchlerischen Moralapostel. Erinnert sich noch jemand an Sahra Wagenknechts Hummer-Essen?

Erneut, all diese Mechanismen sind farbenblind. Wenn die Geschichte passt, dann wird sie erzählt. Und weil eine erfolgreiche Geschichte verkaufe Auflage beziehungsweise Werbeklicks oder Quote bedeutet, wird sie innerhalb kürzester Zeit von allen anderen nacherzählt. Mit Begeisterung. Beim Spiegel etwa kann man richtiggehend einen Spannungsbogen über die ganze „Staffel“ mehrer aufeinanderfolgender Ausgaben bis zum Staffelfinale mit dem Höhepunkt des eigenen Titelcovers nachverfolgen. Dass das passieren würde war absehbar, als die Grünen noch im Licht ihrer Umfragen als neue Volkspartei bejubelt wurden und kurzzeitig die Kanzlerschaft selbst in einem Grün-Schwarzen Bündnis möglich schien (was eher an unseriösen Umfragen denn an einer tatsächlichen Stärke der Grünen lag, nebenbei bemerkt), und ich habe das auch schon damals prognostiziert. Viel übersinnliche Fähigkeiten gehören dazu nicht – es passiert jedes Mal. Hochschreiben, runterschreiben, egal bei welchem Thema.

Das alles bedeutet natürlich nicht, dass bestimmte Medien nicht eine bestimmte Grundhaltung hätten. Dass etwa die FAZ eher konservativ und die taz eher progressiv ist, dass die Springerpresse rechts tickt und die ZEIT und SZ eher liberal, das ist ja nichts Neues. Monitor ist ein dezidiert linkes Magazin, der MDR dagegen tickt eher rechts. Aber das ändert wenig an den oben beschriebenen Mechanismen, wenn es um das Herdenverhalten geht. Auf Rudolf Augstein geht das berühmte Zitat zurück, der Spiegel sei „im Zweifel links“. Nur, der Spiegel zweifelt nie, genausowenig wie die anderen Medienhäuser. Nicht zu zweifeln und in voller Inbrunst erst das eine und dann das andere Extrem zu schreiben ist quasi das Geschäftsmodell; für Zweifel ist da wenig Platz.

Warum also gibt es einen so weitverbreiteten Eindruck, dass die Medien, ganz besonders aber die Öffentlich-Rechtlichen, besonders Grünen-freundlich wären?

Einerseits ist das eine uralte konservative Erzählung, die so alt ist wie die Republik. Bereits Konrad Adenauer versuchte, sich unliebsamer Berichterstattung dadurch zu erwehren, dass er die ARD als „Rotfunk“ diffamierte. Kohls Hass auf den Spiegel ist geradezu legendär und beruht durchaus auf Gegenseitigkeit.

Dabei sind die bürgerlichen Parteien hier auch schlicht Opfer ihres eigenen Erfolgs: in den Medien werden die Regierungsparteien immer härter angegangen als die Opposition, und die CDU ist nun einmal wesentlich erfolgreichere Regierungspartei als die SPD, und bis 1998 war die FDP mit nur zwei Ausnahmen an jeder (!) Regierung beteiligt. Die Grünen dagegen waren seit 2005 nicht mehr bundespolitisch in der Verantwortung. Wer nichts macht, macht auch keine Fehler.

Diese „Rotfunk-Erzählung“ wird auch in den eher rechtsstehenden Medien verbreitet. So findet man etwa in der Welt ein Essay, in dem die These aufgestellt wird, dass „Journalisten“ (natürlich nicht man selbst) „von oben“ Befehle bekommen würden, die sie dann als propagandastische Befehlsempfänger nur noch umsetzten; dergleichen Verschwörungsgeraune  trägt, milde ausgedrückt, nicht eben zur Vertrauensbildung in die Vierte Gewalt bei.

Solcherlei Anwürfe sind in den deutschen Medien aber, glücklicherweise, Einzelfälle. Zwar berichtet die BILD schon immer tendenziös – man sehe sich nur die unterschiedliche Berichterstattung über die Plagiatsvorwürfe gegenüber ihrem Darling Guttenberg und ihrem entschieden Nicht-Darling Giffey an -, sieht die Welt kein Problem darin, eine Serie zum Wahlkampf in Zusammenarbeit mit der INSM zu gestalten, aber Grundhaltungen im Journalismus sind nichts Neues und dieser Tage im historischen Vergleich eher gering ausgeprägt. Es wäre problemlos möglich, zig solcher Beispiele auch für die progressive Presse zu finden.

Es gibt aber auch noch einen anderen Aspekt, der zu diesem Eindruck einer Machtasymmetrie führt, und der ist etwas problematischer, weil er das Selbstverständnis diverser Gruppen berührt. Viele der Debatten der letzten Zeit waren tatsächlich von einer Asymmetrie geprägt: Als 2016 diskutiert wurde, ob ein rassistischer Autoritatist Präsident werden sollte; Als 2017 zur Debatte stand, ob man Menschen ertrinken lassen oder retten sollte; Als 2019 mit #FridaysForFuture der Klimawandel die Debatte dominierte; Als 2020 die Frage im Raum stand, ob ein auf Telegram schreibender Koch oder doch vielleicht die weltweite Forscher-Community mehr Gewicht haben sollten – aus unterschiedlichen Gründen sah das progressive Lager meistens besser aus als das konservative.

In einigen Fällen lag das schlicht an der ideologischen Nachbarschaft zu unangenehmen Personen. Die klarere Gegenfolie zu Trump zu sein etwa garantierte 2018 genauso Zuspruch in Deutschland wie die klarere Gegenfolie zu George W. Bush Schröders Wahlsiege 2002 und 2005 mit befeuerte. Wenn ein komplexes Thema wie Migration auf eine Pro-Contra-Debatte verengt wird und auf der einen Seite die AfD steht, da sieht die andere Seite automatisch besser aus. Dafür kann der respektable Teil des jeweiligen Arguments nichts, aber der Mechanismus passiert trotzdem. Die Grünen mussten sich ja auch die Hambi-Besetzer oder Extinction-Rebellion-Idioten vorwerfen lassen, ohne direkt etwas mit ihnen zu tun zu haben. Auch hier greifen die medialen Mechanismen farbenblind.

Die größte Ausnahme dieser jüngsten Debatten, und die, die glaube ich den nachhaltigsten Ärger bei eher bürgerlich geprägten Zeitgenoss*innen ausgelöst hat, ist die Frage des Klimawandels. Denn hier wird den Grünen automatisch eine Problemlösungskompetenz zugesprochen, die, höflich ausgedrückt, eher zweifelhaft ist. Nur, sie haben diese Stellung weniger wegen der Brillanz ihrer Vorschläge (die wurden hier ja zur Genüge und fachlich anspruchsvoll kritisiert), sondern weil ihre Gegner da so blank stehen. Und ja, ich weiß, Zertifikathandel. Aber das dringt nicht durch, und wir werden gleich sehen, warum. Ein Symptom dieses Problems ist dieser kurze Austausch bei „Hart aber fair“:

Wenn die Union die Grünen dafür zu kritisieren versucht, dass sie ihre Vorschläge nicht umsetzt, ist das Ganze wirklich nur noch albern. In Debatten, in denen einer Seite, ob zu Recht oder Unrecht, eine größere Kompetenz zugesprochen wird, wirkt jede Berichterstattung unfair. Wir Progressiven kennen das zur Genüge, wann immer das Wort auf die berühmt-berüchtigte Wirtschaftskompetenz kommt. Friedrich Merz kann noch so gequirlte Scheiße reden, er wird doch wieder als „Wirtschaftsexperte“ gehandelt werden, und kein*e Grüne*r kann sich so dumm anstellen, dass er oder sie nicht in der nächsten Talkshow als Expert*in für den Klimawandel behandelt wird. Dumm? Ja. Nur eine Seite betreffend? Sicher nicht.

Und damit sind wir wieder am Anfang. „Die Medien“ sind nicht grünenfreundlich. Oder unionsfreundlich. Oder sonstwas. Sie sind vor allem auflagenfreundlich. Was Auflage macht, entscheidet letztlich – marktwirtschaftlich – die Bevölkerung. Wenn die nicht bereit ist, Medien zu konsumieren, die gendergerechte Sprache benutzen, dann wird sich diese ganze Debatte etwa in kürzester Zeit an Auflagen und Quote entscheiden. Wenn die Leser*innen der SZ das Gefühl haben, ihr Hausblatt ginge zu freundlich mit den Grünen um, können sie zur FAZ oder Welt wechseln. Und so weiter.

Die Medien kann man für ihre Berichterstattung wahrlich genug kritisieren. Ihre Instinkte, ihre Dynamiken, ihre Herdenverhalten, ihre Vorliebe für simple Narrative und die unbedingte Jagd nach Skandalen, ob echt oder eingebildet, machen die Lektüre von Zeitungen genauso wie das Verfolgen der Tagesschau oft unerträglich. Aber eine Haltungsschlagseite in dem Ausmaß, dass eine Dominanz bestehen würde – dafür braucht es schon einen arg verschobenen Blick.

{ 211 comments… add one }
  • Thorsten Haupts 9. Juni 2021, 10:40

    “ „Die Medien“ sind nicht grünenfreundlich. Oder unionsfreundlich. Oder sonstwas.“

    Das ist – nachweislich – falsch. Für die Privatmedien (kundenfinanziert) würde ich das durchgehen lassen, da wird zwischen WELT und taz tatsächlich die Bandbreite deutscher Politik halbwegs adäquat abgebildet.

    Für den ÖRR gilt das nicht. Es gibt nicht nur ausschliesslich linksliberale und linksradikale politische Magazine, sondern praktisch die komplette Szene von „Satiren“ und „Komödien“ ist mit Ausnahme von Nuhr vollständig links gepolt (und selbst Nuhr ist kein Rechter).

    Sehr, sehr deutlich wurde das nach dem Wahlsieg von rot-grün 1998. Sämtliche damaligen Satireformate der ÖRR haben von einem Tag auf den anderen „umgeschaltet“ von Kritik der Regierung auf Kritik der Opposition, trotz eines mehr als holperigen Starts der neuen Regierung. Machte durchaus Sinn, wenn man als Zweck dieser Sendungen „Kritik der Mächtigen“ durch „Kritik an CDU und FDP“ ersetzte … Ich habe mich damals davon verabschiedet, die offizielle Begründung (die ich bis dahin – bin a weng blöd – tatsächlich glaubte) „Speaking truth to power“ ernstzunehmen.

    Und daran hat sich bis heute nichts verändert. Das absolut Traurige daran ist, dass sich die neue funktionale Machtelite, die überwiegend linksliberal tickt, nicht einmal als solche begreift, sondern an der Fiktion festhält, sie sei im Widerstand gegen eine konservative Herrschaft.

    Kurz, unabhängig von dem von Ihnen durchaus korrekt beschriebenen Mechanismus des Rauf- und Runterschreibens gibt es bei den gebührenzwangsfinanzierten Medien eine mehr als deutliche Schlagseite. Seit vielen Jahrzehnten.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Erwin Gabriel 9. Juni 2021, 13:25

      @ Thorsten Haupts 9. Juni 2021, 10:40

      Es gibt nicht nur ausschliesslich linksliberale und linksradikale politische Magazine, sondern praktisch die komplette Szene von „Satiren“ und „Komödien“ ist mit Ausnahme von Nuhr vollständig links gepolt (und selbst Nuhr ist kein Rechter).

      sic!

      Das absolut Traurige daran ist, dass sich die neue funktionale Machtelite, die überwiegend linksliberal tickt, nicht einmal als solche begreift, sondern an der Fiktion festhält, sie sei im Widerstand gegen eine konservative Herrschaft.

      Zutreffend

      Kurz, unabhängig von dem von Ihnen durchaus korrekt beschriebenen Mechanismus des Rauf- und Runterschreibens gibt es bei den gebührenzwangsfinanzierten Medien eine mehr als deutliche Schlagseite. Seit vielen Jahrzehnten.

      Zustimmung

      es grüßt E.G.

    • Stefan Sasse 9. Juni 2021, 14:36

      Ist es halt – nachweislich – nicht. Schau dir nur mal den Reformdiskurs der 90er und 00er Jahre an.

      • Thorsten Haupts 10. Juni 2021, 08:45

        Das können wir kurz machen – da werden wir uns kaum noch einig :-).

        Und das mit dem Nachweis ist sehr, sehr einfach – für jeden politischen Kommentar in einer Hauptnachrichtensendung von ARD und ZDF, der sich zustimmend zu als konservativ geltenden Themen (Heimat, Familie, Militär/Sicherheit, Nation, christliche Religion, Gesetzestreue) äussert, finde ich mindestens 20, die sich positiv/bestätigend zu als links geltenden Themen äussern (ziviler Ungehorsam, Pazifismus, Ausbau Sozialstaat, Abtreibung, intersektionaler Feminismus, Migration). Und den einen zu finden, wäre richtig Arbeit, die mindestens 20 dagegen fallen einem in den Schoss.

        Es gibt schon Gründe, warum ein Intendant der ARD auf eine mehrfache twitter-Challenge, wenigstens einen als konservativ zu wertenden Kommentar aus dem letzten Sendejahr zu zeigen, nie reagiert hat, nachdem er die Unabhängigkeit und Breite des ÖRR betonte.

        Gruss,
        Thorsten Haupts

      • Thorsten Haupts 10. Juni 2021, 13:55

        Und diesen hübschen Link werfe ich dann auch mal hier ab. Bin sicher, Stefan Sasse kann das erklären :-):

        https://www.nzz.ch/amp/feuilleton/der-oeffentlichrechtliche-rundfunk-indoktriniert-die-jugend-ld.1626234

        • Stefan Sasse 10. Juni 2021, 16:11

          Klar, ist von der NZZ. Ich kann dir auch bestimmt einen ND-Artikel finden, der die grauenhafte Indoktrination von Student*innen durch rechtslastige WiWi-Professor*innen beschreibt.

          • Erwin Gabriel 10. Juni 2021, 22:37

            @ Stefan Sasse 10. Juni 2021, 16:11

            Klar, ist von der NZZ. Ich kann dir auch bestimmt einen ND-Artikel finden, der die grauenhafte Indoktrination von Student*innen durch rechtslastige WiWi-Professor*innen beschreibt.

            Du schreibst manchmal einen Kappes zusammen, dass es kracht. NZZ mit ND zu vergleichen ist schon krass, aber WiWi mit rechtslastig?

            Du tust stets so, als sei Ahnungslosigkeit in Wirtschaftsdingen ein Beleg für Progressivität und etwas, worauf man stolz sein kann. Himmel hilf …

            • Stefan Sasse 11. Juni 2021, 06:36

              Ja, der Vergleich war schief. Nehmen wir die FR?

              Und nein, das hat nichts mit Ahnungslosigkeit zu tun, ich hab ja einen ganzen Artikel dazu geschrieben. Und entschuldige das Problem mit dem „Rechts“-Begriff, ich meinte den hier dezidiert nicht als rechtsradikal oder so, sondern einfach nur rechts der Mitte in dem Sinne, wie die CDU rechts von der Mitte und die SPD links von der Mitte ist.

              • Erwin Gabriel 12. Juni 2021, 18:03

                @ Stefan Sasse 11. Juni 2021, 06:36

                Und nein, das hat nichts mit Ahnungslosigkeit zu tun, ich hab ja einen ganzen Artikel dazu geschrieben.

                Da könnteich auch einen Artikel zu schreiben, ohne dass Du mir deswegen Recht geben würdest 🙂

                Mach doch mal für Dich eine Aufstellung von Sendungen politischen Inhalts im ÖRR, und schaue, welche davon rechts oder eher links sind.

                • Stefan Sasse 13. Juni 2021, 15:09

                  Mein Punkt war eher: ich finde es wenig zielführend, in die Kommentare nochmal zu schreiben, worüber ich schon einen Artikel schrieb. Wenn der dich nicht überzeugt, dann sicher meine Paraphrase in den Kommentaren auch nicht. ^^

                  • Erwin Gabriel 14. Juni 2021, 15:36

                    @ Stefan Sasse 13. Juni 2021, 15:09

                    Wenn der dich nicht überzeugt, dann sicher meine Paraphrase in den Kommentaren auch nicht.

                    Das ist wohl so 🙂

          • Thorsten Haupts 10. Juni 2021, 23:55

            Ziemlich sicher, Sir :-). Nur sprachen wir nicht über Bwl-Fachbereiche sondern über einen schlagseitigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

            Irgendwelche Fakten, die diejenigen von der NZZ entkräften, aus denen der Zeitungsbericht bestimmte Schlüsse ableitet? Nicht?

            Gruss,
            Thorsten Haupts

            • Stefan Sasse 11. Juni 2021, 06:43

              Es zeigt vor allem, wie abgedriftet diese Debatte mittlerweile ist. Im Endeffekt geht es euch nur darum, dass die nicht berichten, was ihr gerne hättet. Dann wäre das nämlich alles nicht bias, Desinformation, Indoktrination und was weiß ich sondern halt einfach nur sachliche Information. Schau mal bei den abgebildeten Beispielen auf die Erklärtexte, die da drunterstehen. Viel neutraler kriegst die echt nicht hin. Das Zeug erfüllt alle Vorgaben des Beutelsbacher Konsens!

              • Erwin Gabriel 12. Juni 2021, 18:09

                @ Stefan Sasse 11. Juni 2021, 06:43

                Es zeigt vor allem, wie abgedriftet diese Debatte mittlerweile ist. Im Endeffekt geht es euch nur darum, dass die nicht berichten, was ihr gerne hättet.

                Mach es Dir nicht immer so einfach.

                Nochmal meine Frage: Wie viele Sendungen gibt es, die beispielsweise in die Richtung zielen, dass Unternehmen unter zu viel Bürokratie leiden, dass Energiepreise, Unternehmenssteuern oder sozialen Abgaben im internationalen Vergleich überdurchschnittlich hoch sind, dass viele Behinderungen durch mangelhafte Infrastruktur vorhanden sind etc?

                Um zu erfahren, dass man mehr für die Armen der Gesellschaft tun muss, findest Du jede Woche einen Tatort, und darüber hinaus vieles mehr

                • CitizenK 12. Juni 2021, 18:45

                  Sendungen über Nachteile für die Unternehmen durch lahmes Internet und Staus gibt es zuhauf (Infrastruktur). Ebenso über die Absurditäten der Verwaltung (BR/quer, extra3). Links oder rechts?

                  Berichte über Geldwäsche, Steuer“optimierung“, Schwarzarbeit, Beschaffungsskandale bei der Bundeswehr – links oder rechts?

                  Ist die Kritik an dem, was dem Gemeinwesen schadet, „links“?

                  • Erwin Gabriel 14. Juni 2021, 15:51

                    @ CitizenK 12. Juni 2021, 18:45

                    Vielleicht habe ich mich unklar ausgedrückt. Ich rede nicht von allgemeiner Kritik an zuständen, die allen schadet (z.B. Corona-Elend).

                    Wir haben Paarungen von Interessengruppen, die sich gegenüber stehen – Vermieter / Mieter, um mal eine von vielen zu nennen. Stets geht die allgemeine Berichterstattung in die Richtung, dass „die Vermieter“ zu gierig und die „Mieter“ arm dran sind. Du findest fast keinen Bericht darüber, wie viele Vorschriften die Vermieter behindern, auf welchen Wegen sich Mieter ihren Verpflichtungen entziehen etc., kaum kaum Beiträge darüber, wie sehr der Staat die für Mieter schlechten Situationen verursacht und fördert.

                    Eine andere Gruppe ist Arbeitgeber / Arbeitnehmer. Du findest fast nur Berichte darüber, wie Unternehmen gegen gesetze verstoßen, sich schäbig gegenüber Angestellten verhalten, sie ausbeuten etc. Du findest fast keine Berichte darüber, wie viel Arbeitszeit verschlonzt, wieviel Missbrauch betrieben wird, mit welcher Selbstverständlichkeit der Diebstahl von Büromaterial vonstatten geht etc.

                    Ich bin fast hintenübergefallen, als eine meiner Töchter mir sagte, dass seit dem Beginn des Home Office die Krankmeldungen um 40% (!) zurückgegangen sind.

                    Ist die Kritik an dem, was dem Gemeinwesen schadet, „links“?

                    Formulieren wir es so: Ich habe vermutlich eine deutlich andere Vorstellung von Gemeinwesen als Du.

                    • CitizenK 14. Juni 2021, 16:56

                      Deshalb tauschen wir uns ja hier aus. Eine Statistik hab ich nicht, aber mein Eindruck ist auch, dass es das bei diesen Themen ein Ungleichgewicht gibt.

                      Aber ist es nicht legitim, den Schwächeren (Mietern, Arbeitnehmern) medial Unterstützung zu geben gegenüber der anderen Seite, die in aller Regel über mehr Geld, mehr Einfluss, mehr Beziehungen und Lobby (Verbände) verfügt?

                      Ich weiß wohl, dass es unverschämte Mieter gibt (eigene Erfahrung und Anschauung) und krankfeiernde Arbeitnehmer. Aber das ist eine kleine Minderheit. Und die meisten Arbeitgeber und Vermieter(-gesellschaften) haben Rechtsabteilungen oder Anwaltskanzleien an der Hand.

                    • Erwin Gabriel 16. Juni 2021, 15:22

                      @ CitizenK 14. Juni 2021, 16:56

                      ich mach mal unten weiter, wird sonst zu lang …

                • Stefan Sasse 13. Juni 2021, 15:10

                  Woher soll ich das wissen? Ich hab keine empirische Studie dazu angestellt. Letztlich läuft das alles auf bestenfalls anekdotischer Evidenz, aber größtenteils nur auf (verletzten) Gefühlen. Und das ist meine Kritik.

                  • Erwin Gabriel 16. Juni 2021, 15:38

                    @ Stefan Sasse 13. Juni 2021, 15:10

                    Woher soll ich das wissen?

                    Ja, woher …
                    Sorry für die Spitze: Wie auch immer Du zu Deinen Statements kommst – Wissen ist jedenfalls nicht immer dabei.

                    Letztlich läuft das alles auf bestenfalls anekdotischer Evidenz, aber größtenteils nur auf (verletzten) Gefühlen. Und das ist meine Kritik.

                    Das ist doch andersherum, auch bei Dir, nicht anders. Du schreibst, dass wir uns nur ärgern, weil nicht geschrieben wird, was wir wollen; die Argumente interessieren Dich da schon nicht mehr so richtig, und das liegt daran, dass sie Berichterstattung auf Deinem Kurs liegt?

                    Wie gesagt, manchmal machst Du es Dir schon einfach …

    • bevanite 9. Juni 2021, 18:38

      Nur mal angenommen, sie hätten recht mit der Behauptung von der linksliberalen „funktionalen neuen Machtelite“: Warum gelang es dieser „Elite“ dann offensichtlich nicht, die Hartz-IV-Reformen zu verhinden? Warum schleppte sich die Einführung des Mindestlohns so lange hin?

      Könnte es nicht in Wahrheit doch so sein, dass die Wirtschaft weiterhin von Konservativen und Liberalen dominiert wird und demnach der Einfluss der „linksliberalen Medien“ ein kleines bisschen überschätzt wird?

      • Erwin Gabriel 9. Juni 2021, 22:08

        @ bevanite 9. Juni 2021, 18:38

        Könnte es nicht in Wahrheit doch so sein, dass die Wirtschaft weiterhin von Konservativen und Liberalen dominiert wird …

        Auf jeden Fall wird die Wirtschaft von Liberalen (weniger von Konservativen) bestimmt, und das ist auch (meist) gut so. Genauso wird der soziale Bereich von Linken dominiert.

        Aber wann gab es die letzte größere Debatte zum Thema „wie fördern und unterstützen wir die deutsche Wirtschaft“? Was in den Medien steht, ist in der Tendenz „die gierigen Reichen verdienen zu viel (was immer zu viel bedeuten mag)“, „die Renten sind zu niedrig“, „der Mindestlohn ist zu niedrig“, „wir müssen die Steuern erhöhen etc“.

        Die gesamte öffentliche Debatte (damit meine ich nicht, dass man beispielsweise eine Forderung der FDP nachrichtlich erwähnt, bevor sie von 1000 Leuten zerrissen wird) zielt in die Richtung, dass man denen da oben wegnehmen muss. Interessant dabei finde ich, wie viele Leute einem Zustimmen, wenn man das Geld egalisieren will, und wie wenige Leute zustimmen, wenn man die dahinter liegende Arbeit egalisieren will.

        Wäre schräg, wenn es andersherum liefe.

        … und demnach der Einfluss der „linksliberalen Medien“ ein kleines bisschen überschätzt wird? …

        Da bringst Du unterschiedliche Dinge durcheinander. Das eine ist der Bereich Wirtschaft, der zwangsläufig von Unternehmen und Unternehmern geprägt ist, die ständig ums Überleben kämpfen. Was nicht heißt, dass sie sich als Sonntagsfrühstück nur das Schwarze unter den Fingernägeln leisten können, sondern das ein einziger Fehler reicht, um ihre Existenz bzw. ihr Unternehmen zu vernichten (siehe Volkswagen: ohne die extreme Unterstützung der Bundesregierung hätte der Konzern vermutlich nicht überlebt).

        Was die Bevölkerung denkt, ist eine ganz andere Nummer. Die meisten Arbeiter*innen und Angestellten halten sich für überarbeitet und unterbezahlt, und gehen davon aus, dass sich die Führungsarbeit von allein tut. Wenn es dann mal schief bzw. der eigene Laden Pleite geht (Opel oder Nokia seien als Beispiele genannt), sind Überraschung und Entsetzen groß, dann wird den Chefs Versagen vorgeworfen (was es nicht immer ist) etc.

        Hier ist die Diskussion in den Medien und in der Öffentlichkeit verzerrt, so dass man nur in wenigen Fällen von einer neutralen Berichterstattung sprechen kann.

  • R.A. 9. Juni 2021, 11:01

    Da ist jetzt viel Richtiges dabei. Es gibt diese Hype- und Demontage-Wellen bei Themen, es werden auch mal in seriösen Zeitungen Berichte gebracht die man der besseren Auflage wegen nicht „totrecherchiert“ hat und gegen Trump oder AfD sieht die linke Position natürlich besser aus.

    Aber das ändert eben nichts daran, daß die Medien eben doch weit überproportional pro-grün eingestellt sind und auch entsprechend berichten, kommentieren, teilweise agitieren. Das gute alte „ein Journalist darf sich mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten“ wird inzwischen kaum noch beachtet.
    Und während das bei privaten Medien akzeptabel ist, weil sich da die Leser frei entscheiden können und weil es da eben noch eine Auswahl zwischen links und rechts gibt, ist die Einseitigkeit der staatlichen Sender hochproblematisch (und m. E. eine wesentliche Ursache für Demokratieverdrossenheit und zunehmenden Extremismus).

    Deine Dementi-Versuche zeigen eher, wie oberflächlich und falsch die linken „Faktenchecker“ oft unterwegs sind. Sobald sie bei einer Behauptung irgendein Detail relativieren können wird dann meist das ganze Thema als widerlegt dargestellt.

    „Dass diese Studie dabei, wie die Autor*innen selbst betonen, missverstanden wird …,“
    Im Kern wird sie NICHT „mißverstanden“.
    Ja, ein Drittel der Befragten hat sich nicht einer politischen Position zugeordnet. Das heißt aber weder, daß sie keine solche haben noch ändert es etwas an der Grunderkenntnis, daß die Positionierung der übrigen zwei Drittel geradezu krass nach links verrutscht ist (gegenüber der Gesamtbevölkerung). Es gibt keinen Grund zur Annahme, daß die sich nicht bekennenden Journalisten so viel anders verteilen – und selbst wenn daß der Fall wäre, bliebe immer noch eine deutliche Schieflage.

    ‚“FDP anno 2009″
    Das ist nur begrenzt vergleichbar. Der Umfragenanstieg erzeugte natürlich eine entsprechende Berichterstattung und in einigen Artikeln wurde dann auch „hochgejubelt“. Aber die FDP hatte auch 2009 von Anfang an heftigen Gegenwind von den meisten Medien, es gab extrem unfaire und ad personam Kritik an Westerwelle und Anderen. Insbesondere gab es durchgängig Spott und Ablehnung gegenüber der Kanzlerkandidatur – die bei Baerbock akzeptiert und bejubelt wurde.

    „Forderte Baerbock ein Verbot von Kurzstreckenflügen?“
    Ja natürlich. „Sollte es perspektivisch nicht mehr geben“ ist die Forderung nach einem mittelfristigen Verbot. Und eben ohne Einschränkung für alle Kurzstreckenflüge, nicht nur wie vom Artikel behauptet nur für Strecken mit guter Bahnverbindung.
    Alleine schon, weil es Kurzflüge parallel zu guten Bahnstrecken fast nicht mehr gibt.

    „warum Laschets Klausurenaffäre und seine Verschönerungen des eigenen Lebenslaufs (was für eine beknackte Debatte, nebenbei bemerkt) auf deutlich weniger Interesse stoßen als die Baerbocks. “
    Das liegt schlicht am Zeitpunkt. Beide Affären haben ein ähnliches Format, aber bei Laschet wurde das berichtet, da war er noch völlig uninteressant. Und bei seiner Kanzlerkandidatur waren das natürlich alte Kamellen. Bei Baerbock sind die Lebenslauflügen eben gleich nach der Kandidatur gekommen und medientechnisch frisch.
    Außerdem passen sie natürlich in die Gesamtdebatte über die mangelnde Qualifikation Baerbocks.

    “ warum Baerbocks und Habecks Nebeneinkünfte in bescheidener Höhe ein riesiger Skandal sind“
    Nicht jeder findet 30.000,- „bescheiden“.
    Der Skandal liegt aber nicht in der Summe, sondern im Verfahren. Es ist völlig ok wenn ein Politiker z. B. aus einer Rechtsanwaltskanzlei Einkünfte erzielt, die können dann auch höher sein. Daß das vor allem „bürgerliche“ Abgeordnete machen liegt schlicht daran, daß auf der linken Seite nur wenige MdBs die nötige Qualifikation haben um solche Summen in Rechnung stellen zu können.

    Bei Baerbock/Habeck waren es dagegen Einkünfte, die sich selber als Parteivorstand genehmigt haben. Wahrscheinlich ein Satzungsverstoß und strafrechtlich Untreue – aber das werden die Grünen als Geschädigte nicht zur Anzeige bringen.
    Dazu haben sie eine Konstruktion gewählt, die für Corona-geschädigte Krankenschwestern etc. gedacht war – das ist politisch unanständig.
    Und sie haben diese Konstruktion gewählt um damit Steuern zu hinterziehen. Das Geld außerdem nicht beim Bundestagspräsidium gemeldet zu haben ist da vergleichsweise eine läßliche Sünde.

    Der ganze Vorgang zusammen würde für ziemlich jeden bürgerlichen Politiker das Karriereende bedeuten, die Medien würden sich wochenlang überschlagen.
    Daß es bei Baerbock nur zu kleinen Meldungen à la „hat nachgemeldet, alles wieder ok“ oder „ihr Team hat Fehler gemacht“ reicht ist ein weiterer Beleg für die grüne Einseitigkeit gerade der Staatssender.

    An der insbesondere die „Journalisten“ der Hauptstadtstudios ja auch kaum einen Zweifel lassen – deren „private“ Tweets mit grüner Begeisterung sollten auch bekannt sein. Dito die devote und unkritische Haltung wenn es um die (zahlreichen) Interviews mit grünen Politikern geht.

    Die übrigen von Dir angesprochenen Probleme mit den Medien seien unbestritten, die sind zum Teil wohl auch unvermeidlich.
    Aber daß es einen starken pro-grünen Bias gibt kann man nicht ernsthaft bestreiten.

    • Stefan Sasse 9. Juni 2021, 14:38

      2009: Persönliche Angriffe unsachlicher Art erträgt praktisch jede*r Politiker*in irgendwann, besonders gerne direkt nach einem Erfolg. Westerwelle 2009, Baerbock 2021, Schröder 1998/99, und so weiter.

      Flüge: „sollte perspektivisch nicht geben“ ist kein Verbot. Das ist die fromme Hoffnung, dass es sich von selbst erledigt.

      Klausuren: Genau, darauf wollte ich raus.

      Starker Pro-Grüner bias: Doch, das bestreite ich ja gerade. 🙂

      • Erwin Gabriel 9. Juni 2021, 22:11

        @ Stefan Sasse 9. Juni 2021, 14:38

        Starker Pro-Grüner bias: Doch, das bestreite ich ja gerade.

        Verstehe ich nicht. Schaust Du nicht Nachrichten?

        • Stefan Sasse 9. Juni 2021, 22:49

          Nein, tatsächlich nicht. Ich schau überhaupt kein Fernsehen. Ich konsumiere allerdings sehr viele andere ÖR-Angebote, vor allem deren Podcasts.

          • Erwin Gabriel 10. Juni 2021, 07:30

            @ Stefan Sasse 9. Juni 2021, 22:49

            Nein, tatsächlich nicht. Ich schau überhaupt kein Fernsehen. Ich konsumiere allerdings sehr viele andere ÖR-Angebote, vor allem deren Podcasts.

            Das erklärt nicht alles, aber viel 🙂

            • Stefan Sasse 10. Juni 2021, 08:19

              Umgekehrt übrigens auch 😛

              • Erwin Gabriel 12. Juni 2021, 18:11

                @ Stefan Sasse 10. Juni 2021, 08:19

                Umgekehrt übrigens auch

                Hihi

                Ich schaue immer seltener fern; fast jedes mal, wenn ich einschalte, läuft eine „progresssive“ Sendung.

                • Stefan Sasse 13. Juni 2021, 15:10

                  Anekdotische Evidenz und gefühlte Wirklichkeiten^^

                  • Erwin Gabriel 14. Juni 2021, 16:03

                    @ Stefan Sasse 13. Juni 2021, 15:10

                    Anekdotische Evidenz und gefühlte Wirklichkeiten^^

                    Sagt der Nicht-Gucker einem Wenig-Gucker? 🙂

                    Wie heisst es so schön: „Nur weil ich paranoid bin, bedeuttet das nich, dsas ich nicht
                    verfolgt werde …“

    • sol1 13. Juni 2021, 23:45

      /// Das gute alte „ein Journalist darf sich mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten“… ///

      Zu diesem dummen Satz hat mein verstorbener Bloggerfreund Klaus Jarchow alles gesagt:

      https://stilstand.de/dumme-satze-im-journalismus/

      https://stilstand.de/hajo-friedrichs-mal-wieder/

      • Stefan Pietsch 13. Juni 2021, 23:53

        Muss wirklich jeder Dummkopf von Ihnen verlinkt werden?

        • sol1 14. Juni 2021, 00:39

          Diese völlig witzlose Beschimpfung eines Toten spricht für sich selbst.

  • Stefan Pietsch 9. Juni 2021, 11:30

    Die Entzauberung der Annalena B. wurde ausschließlich von konservativen Medien wie dem Verlag der Frankfurter Allgemeinen und der Springer-Presse betrieben. Öffentlich-Rechtliche und linke Journalie gefielen sich in Jubelarien: „Was für eine Bildung!“ Oder:

    Frische #grüne Doppelspitze lässt Aufbruchsstimmung nicht nur in Frankreich spüren. #Habeck und #Baerbock werden wahrgenommen werden! #Verantwortung kann auch Spaß machen u nicht nur Bürde sein Wichtiges Signal in diesen Zeiten!“

    Nein, das war kein Grünen-Account auf Twitter, das war Tina Hassel, die jetzt Intendantin des ZDF werden möchte. Oder da bekommt eine Baerbock nach ihrer Nominierung bei Anne Will ein genehmes Umfeld und 22 Sendeminuten frei. BEi Laschet waren es dann gerade 14 Minuten und der Grill.

    Überhaupt: Baerbock wagt sich lange nicht so in „Feindesland“, wie das Unionspolitiker oder die FDP-Spitze tut. Der letzte Auftritt bei Markus Lanz, in dessen Sendung Politiker tatsächlich auseinandergenommen werden, ist fast 2 Jahre her. Allein Söder und Laschet waren in den letzten Monaten mehrmals zu Gast. Viele Journalisten gerade im Fernsehen schaffen den Grünen gerne eine Heititei-Atmosphäre, Applaus inklusive.

    Das Urteil gegenüber Baerbock in der Causa Nebeneinkünfte erfolgt nicht deswegen so harsch, weil es um „lächerlich geringe Beträge“ ginge oder es bei der Union eingepreist wäre. Die Grünen sind die Treiber hinter permanenten Transparenzverschärfungen, moralisches Werturteil über jene, die überhaupt Beträge annehmen inklusive. Und dann vergisst die Parteichefin gerade mal das Jahresgehalt eines durchschnittlich Beschäftigten über mehrere Jahre.

    Hier ist das Problem: die Grünen verhalten sich wie die Vertreter anderer Parteien, sie räumen nur das ein, was man ihnen gerade noch nachweisen kann. Stichwort Lebenslauf: Inzwischen ist klar, das keine Angabe des veröffentlichten Dokuments sachlich korrekt war. Kein Einziger. Für wie blöd und unfähig hielt man eigentlich in der grünen Parteizentrale die Konkurrenz und investigative Journalisten? Dass die nur mit Wattebäuschchen werfen? Oder umgekehrt gefragt, wie blöd und unfähig ist man selber?

    Immer mehr verdichtet sich da das Bild: die kann es nicht. Keine Erfahrung, keine Vernetzung, keine übermäßige Bildung im eigentlichen Sinne des Wortes, keine politische Souveränität – kurz: ein Großes Nichts. Das einzige, was die Grünen können, ist, die Frauenkarte spielen. So ist Annalena Baerbock Kanzlerkandidatin gegen den weit erfahrenern und offensichtlich seriöseren Robert Habeck geworden und so versucht man nun die Angriffe auf die Aufschneiderin abzuwehren.

    Ich denke, den Schaden, den das Image der Annalena Baerbock in den letzten Tagen erlitten hat, könnte irreparabel sein. Und dann wäre es auch gut. Wer kein einziges zutreffendes Wort von sich selbst wiedergeben kann, ist nicht mal in der Lage, seine Großmutter zur Tür zu führen.

    Dass die Öffentlichkeit inzwischen ein getreueres Bild von der grünen Kanzlerkandidatin erhält, ist nicht breiten Teilen der Presse zu verdanken, sondern einem kleinen Ausschnitt. Die Jubelarien sind ein Armutszeugnis für jene Berufsausübenden, die noch vor wenigen Wochen sich ob der Bildung und Intelligenz der Kandidatin nicht einkriegen konnten. Inzwischen ist jedoch auch hier klar: Baerbock hat vor allem die Fähigkeit, nichts zu Ende bringen zu können. Keinen Studienabschluss (5 Jahre), keinen Doktoranden (6 Jahre) und offensichtlich ist sie noch kamerascheu, wenn es ans Erklären geht.

    Die FDP wurde übrigens zu keiner Zeit hochgeschrieben. Und ihr Absturz nach 2009 war selbst verursacht und verdient. Die Häme einiger CDU-Politiker danach jedoch nicht.

    • Stefan Sasse 9. Juni 2021, 14:40

      Ist Tina Hassel auf Twitter in offiziellem Auftrag unterwegs? Ich spreche auf Twitter auch nicht für meine Schule. Sie hat ein Recht auf ihre eigene Meinung.

      Auch die FDP wurde zeitweise hochgeschrieben.

      • Stefan Pietsch 9. Juni 2021, 20:42

        Natürlich, Tina Hassel wird auf Twitter gelesen, weil sie etwas zu sagen hat und nicht, weil sie eine bekannte Journalistin ist. So wie Trump schließlich auch auf Twitter nur seine Privatmeinung kundgetan hat.

        Als ich beim Bund war, war es uns untersagt, auf Demonstrationen zu gehen, soweit wir als Soldaten erkennbar waren. Verstanden?

        Gib‘ mal ein paar Beispiele. Ich kenne nur kritische Berichterstattung zur FDP.

        • Stefan Sasse 9. Juni 2021, 22:47

          Mir folgen auf Twitter auch einige Schüler*innen. Relevant ist, was ich im Klassenzimmer mache. Wenn sich jemand für die private Meinung von Hassel interessiert, bitte. Bist du jetzt dafür, dass beim ÖR arbeitende Leute eingeschränkte Grundrechte haben oder was?

          • Stefan Pietsch 10. Juni 2021, 07:25

            Du bist keine Person des (relativen) öffentlichen Interesses. Tina Hassel äußert sich neunmal als führende Journalistin.

            • Stefan Sasse 10. Juni 2021, 08:18

              So what, da kann sie ja nichts für. Sie hat trotzdem ein Recht auf ihre Privatmeinung. Oder bist du der Überzeugung, Constantin Seibert hätte sein Hetz-Pamphlet nicht schreiben dürfen? Darüber beschwerst du dich kurioserweise ja nicht.

              • Stefan Pietsch 10. Juni 2021, 09:21

                Natürlich kann sie etwas dafür. Sie ist ja nicht zufällig in der Position, und nun bewirbt sie sich als ZDF-Intendantin. Stefan, das ist nicht wie Geschlecht oder Hautfarbe – wirklich nicht! Ansonsten – bei Trump siehst Du die Dinge ja auch anders.

                Im Gegensatz zu Dir bin ich nicht so auf Twitter unterwegs, ich habe nicht einmal ein Account. Was soll ich also über Constantin Seibert wissen und warum sollte ich mich darüber aufregen? Ich kenn‘ den Kerl nicht einmal!

                • Stefan Sasse 10. Juni 2021, 13:03

                  Du weißt es ja auch offensichtlich von Hassel und regst dich darüber auf.

                  Constantin Seibert ist einer der Hauptsprecher der Tagesschau und mehrfacher Bestsellerautor. Ich bring im Vermischten was zu ihm.

                  • Stefan Pietsch 11. Juni 2021, 09:40

                    So, jetzt habe ich mich etwas schlau gemacht. Constantin Schreiber hat einen Roman über einen Bereich (arabischer / muslimischer Bereich) geschrieben, wo er sich auskennt. Da einige hier Parallelen zu einer Berliner Politikerin erkennen wollen, die kaum jemand kennt, und das Bild nicht Heititei ist, soll das ein Skandal sein? Ein fiktiver Roman? Really?

                    Das vergleichst Du mit realpolitischen Meinungsäußerungen exponierter Politikjournalisten? Okay, und eine Geleebanane ist absolut mit Müsli zu vergleichen. Beides ist essbar (mehr oder weniger).

      • Erwin Gabriel 9. Juni 2021, 22:16

        @ Stefan Sasse 9. Juni 2021, 14:40

        Ist Tina Hassel auf Twitter in offiziellem Auftrag unterwegs?

        Sie wird als der Mensch wahrgenommen, als der sie sich darstellt. Natürlich schließt das ihre herausgehobene Funktion und Bekanntheit ein.

        Und hätte sie sich ähnlich positiv über Bernd Höcke geäußert, hätte sie ihren Job verloren. Die Aussage, sich nur „privat“ geäußert zu haben, hätte man als Entschuldigung nicht gelten lassen.

        • Stefan Sasse 9. Juni 2021, 22:49

          Es gibt hoffentlich wohl auch noch einen Unterschied zwischen einer Sympathiebekundung für Baerbock und einer für einen Nazi. Wir sind uns glaube ich einig dass sie mit einem solchen Post für Laschet ihren Job auch nicht verloren hätte.

          • Erwin Gabriel 10. Juni 2021, 07:32

            @ Stefan Sasse 9. Juni 2021, 22:49

            Es gibt hoffentlich wohl auch noch einen Unterschied zwischen einer Sympathiebekundung für Baerbock und einer für einen Nazi.

            Den gibt, es, definitiv.

            Aber es gibt für eine Frau in solcher öffentlichen Position keinen Unterschied zwischen „privat“ und „öffentlich“.

            • Stefan Sasse 10. Juni 2021, 08:20

              Doch, den gibt es. Ihr argumentiert immer mit besonderen Standards für den ÖRR, weil er öffentlich finanziert ist. Und da stimme ich euch auch zu. Aber: das betrifft das, was sie im Studio sagt. Was sie als Privatmensch sagt, unterliegt den gleichen Regeln wie das anderer Personen öffentlichen Interesses. Ihr macht hier einen völlig unbegründbaren Doppelstandard auf.

              • Erwin Gabriel 10. Juni 2021, 22:45

                @ Stefan Sasse 10. Juni 2021, 08:20

                Ihr argumentiert immer mit besonderen Standards für den ÖRR, weil er öffentlich finanziert ist.

                Zweimal falsch. Der ÖRR ist nicht „öffentlich“ finanziert“, sondern Staatsfinanziert (dahingehend, dass der Staat den Bürgern vorschreibt, dass und was sie zu zahlen haben). Und es geht nicht darum, dass Tina Hassel beim ÖRR ist, sondern, dass sie als Person in der Öffentlichkeit steht und aufgrund dieser Tatsache ihre Äußerungen als öffentliche Äußerungen wahrgenommen werden; vergleiche hierzu den Fall eines ehemaligen Nationaltorhüters, der sich vor kurzem in der korrekten Wortwahl vergriffen hatte.

                Der doppelte Standard kommt von Dir.

                Und da stimme ich euch auch zu. Aber: das betrifft das, was sie im Studio sagt. Was sie als Privatmensch sagt, unterliegt den gleichen Regeln wie das anderer Personen öffentlichen Interesses. Ihr macht hier einen völlig unbegründbaren Doppelstandard auf.

                • Stefan Sasse 11. Juni 2021, 06:37

                  WO genau liegt bei deiner Definition der Unterschied zu „öffentlich“? – Und du kannst sie ja gerne angreifen, wenn sie sich in der Wortwahl vergreift, aber wenn sie ihre Meinung raushaut darf sie das.

                  • Erwin Gabriel 12. Juni 2021, 18:15

                    @ Stefan Sasse 11. Juni 2021, 06:37

                    WO genau liegt bei deiner Definition der Unterschied zu „öffentlich“?

                    Ob sie im fernsehen oder auf Twitter unterwegs ist, sie kommentiert öffentlich. Sie hat auf beiden Zuschauer und Follower, die sie nicht persönlich kennen, sondern nur in ihrer öffentlichen Funktion, die ihr lauschen, um ihre politische Meinung zu hören (nicht etwa, um ein neues Kuchenrezept zu erfahren).

                    – Und du kannst sie ja gerne angreifen, wenn sie sich in der Wortwahl vergreift, aber wenn sie ihre Meinung raushaut darf sie das.

                    • Stefan Sasse 13. Juni 2021, 15:11

                      Ja, aber das sind völlig verschiedene Dinge. Im ÖRR muss sie neutral sein, auf Twitter nicht. Dass sie ihre Bekanntheit von den ÖRR hat, ok. Aber so what?

    • sol1 13. Juni 2021, 23:48

      „…das war Tina Hassel…“

      Dieses Posting alterte wie Milch:

      https://www.sueddeutsche.de/medien/baerbock-ard-farbe-bekennen-1.5318705

  • Marc 9. Juni 2021, 11:39

    Die im ÖRR vertretenen Positionen v.a. im Bereich Wirtschaft oder Politik würde ich – rein subjektiv natürlich – im Bereich konservative Mitte einordnen. Über progressive Standpunkte wird ausgewogen berichtet, eine Dominanz kann ich nicht erkennen.

    Was allerdings der Fall ist: Die Diversität wird stark betont. Und ich glaube auch, dass das der entscheidende Faktor ist, der bei Konservativen großes Unbehagen hervorruft. Wer es nicht gewohnt ist , mit marginalisierten Menschen zu tun zu haben, der empfindet die beständige Betonung dieser Gruppen als lästig.

    Im privaten Fernsehen haben marginalisiere Menschen einen deutlich schlechteren Stand, solche Menschen werden schlicht abgewertet. Das ist natürlich Balsam für die konservative Seele.

    • Stefan Sasse 9. Juni 2021, 14:40

      Korrekt.

    • Erwin Gabriel 9. Juni 2021, 14:47

      @ Marc 9. Juni 2021, 11:39

      Die im ÖRR vertretenen Positionen v.a. im Bereich Wirtschaft oder Politik würde ich – rein subjektiv natürlich – im Bereich konservative Mitte einordnen.

      Wirtschaft – ja, Politik – nein.
      Was sicherlich damit zu tun hat, dass konservative Kräfte sich eher darum kümmern, dass der laden läuft, während sich progressive Kräfte eher darüber streite, wie das dann dort verdiente Steuergeld am besten wieder ausgegeben wird.

      Über progressive Standpunkte wird ausgewogen berichtet, eine Dominanz kann ich nicht erkennen.

      Hat Stefan ja weiter oben erklärt, woran das liegt. 🙂

      Was allerdings der Fall ist: Die Diversität wird stark betont. Und ich glaube auch, dass das der entscheidende Faktor ist, der bei Konservativen großes Unbehagen hervorruft.

      Das fällt mir auf, und das stört mich. Nicht, dass von der weißen, heterosexuellen „Norm“ abgewichen wird, sondern wie das geschieht. Es spiegelt nicht die Gesellschaft wieder, in der ich lebe (wobei ich gerne zugebe, dass ich nicht in der Großstadt wohne; da mag da anders sein).

      Wer es nicht gewohnt ist, mit marginalisierten Menschen zu tun zu haben, der empfindet die beständige Betonung dieser Gruppen als lästig.

      da machst Du es Dir aber einfach.

      Im privaten Fernsehen haben marginalisiere Menschen einen deutlich schlechteren Stand, solche Menschen werden schlicht abgewertet. Das ist natürlich Balsam für die konservative Seele.

      Selbst wenn ich auch sehe, dass zu den erfolgreichen privaten Formaten Sendungen wie Dschungelcamp, Big Brother, Achtung Abzocke, Die Bauretter oder Köln 50667 gehören – die Abwertung erfolgt, um auch den abgerissensten Looser-Zuschauer*innen klar zu machen, dass es noch tumbere Vollpfosten als sie selbst gibt, die in der sozialen Hierarchie noch tiefer stehen.

      Selbst wenn unter den intellektuell begabteren Mitbürger*innen Vertreter*innen (gendergerechte Sprache – scheiße zu schreiben, scheiße zu lesen 🙁 ) gibt, die das goutieren, so ist das nicht die Zielgruppe.

      Da „konservativ“ als Etikett zu vergeben, ist eine Unverschämtheit sondergleichen. Zeigt einmal mehr den keinesfalls progressiven Tunnelblick, mit dem Du unterwegs bist.

      Grüße voller Unverständnis
      E.G.

      • Marc 9. Juni 2021, 15:07

        Da „konservativ“ als Etikett zu vergeben, ist eine Unverschämtheit sondergleichen. Zeigt einmal mehr den keinesfalls progressiven Tunnelblick, mit dem Du unterwegs bist.

        Meine Kernthese etwas anders formuliert: Der ÖRR ist eine Institution, in der die progressive Political Correctness noch vorherrschend ist. Und das sehe ich auch als den wahren Grund der Attacken gegen den ÖRR an. Die Kritik kam nicht ohne Grund zuerst aus der rechtspopulistischen Ecke. Aber das ist längst vorbei und er ist in der Mitte – also bei den Konservativen – angekommen.

        Ich bin wirklich kein Freund des ÖRR, ich sehe ebenfalls viele handwerkliche Fehler. Aber im Vergleich zum Privatfernsehen ist es halt immer noch Gold. Was ich nicht verstehe, wieso gibt es denn keine Kritik am Privatfernsehen? Wird dort das „korrekte“ Weltbild gezeigt? Wenn ja, habe ich ja genau ins Schwarze getroffen.

        • CitizenK 9. Juni 2021, 19:32

          „…wieso gibt es denn keine Kritik am Privatfernsehen?“

          Gute Frage. Weil die auf der Linie derjenigen liegen, die das ÖR-Fernsehen kritisieren? Weil die Kommerz-Medien („Privat“ klingt vornehm – ein Euphemismus) liefern, was die Konsumenten wollen.

          Bei aller berechtigten Kritik: Ohne die ÖR-Medien hätten auch wir hier Berlusconi und Fox bekommen.

          • Stefan Sasse 9. Juni 2021, 19:42

            Weil glaube ich niemand das Privatfernsehen ernsthaft verteidigen. Die zu kritisieren ist wie festzustellen, dass Scheiße stinkt. Ach was?

            • CitizenK 9. Juni 2021, 19:48

              Wer den ÖR-Medien den Sport und die Unterhaltung wegnehmen oder sie ganz abschaffen will (und das sind nicht wenige) tut doch implizit genau das: Die Kommerziellen verteidigen.

            • Erwin Gabriel 9. Juni 2021, 22:38

              @ Stefan Sasse 9. Juni 2021, 19:42

              Weil glaube ich niemand das Privatfernsehen ernsthaft verteidigen. Die zu kritisieren ist wie festzustellen, dass Scheiße stinkt. Ach was?

              Ja und? Kost nix. Kann ich mich ausklinken. Nicht vergleichbar.

              ÖRR muss ich, durch den Staat gezwungen, bezahlen. Und wenn ich schon bezahlen MUSS; will ich für mein Geld professionelle Medienleistung und nicht einen aufgeblähten Funktionärsapparat serviert bekommen.

        • Erwin Gabriel 9. Juni 2021, 22:35

          @ Marc 9. Juni 2021, 15:07

          Der ÖRR ist eine Institution, in der die progressive Political Correctness noch vorherrschend ist.

          Definiere „progressive Political Correctness“.

          Und das sehe ich auch als den wahren Grund der Attacken gegen den ÖRR an. Die Kritik kam nicht ohne Grund zuerst aus der rechtspopulistischen Ecke. Aber das ist längst vorbei und er ist in der Mitte – also bei den Konservativen – angekommen.

          Alter, Du nervst (sorry, aber wahr). Es geht mir doch nicht darum, ob zwei oder drei von zwanzig Tatort-Kommissaren farbig sind. Du ratterst wie ein Papagei immer wieder Deine Zeilen herunter, hörst aber nicht zu.

          Wenn ein Armin Laschet in einer Talkshow hart rangenommen wird, während eine Annalena Baerbock Hofberichterstattung erhält, ist das einseitige Meinungsmache, wie sie einer Journalistin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht zusteht. Aber vielleicht ist diese Situation genau das, was Du unter „progressiver Political Correctness“ verstehst.

          Ich bin wirklich kein Freund des ÖRR, ich sehe ebenfalls viele handwerkliche Fehler. Aber im Vergleich zum Privatfernsehen ist es halt immer noch Gold.

          Würde ich so schwarz-weiß nicht unterschreiben; Arte und 3sat außen vor.

          Was ich nicht verstehe, wieso gibt es denn keine Kritik am Privatfernsehen?

          Erstens gibt es die zuhauf, zweitens nicht von mir, weil mich niemand zwingt, dafür zu bezahlen. Die finanzieren sich über Werbung, die ich mir anschauen soll. Interessiert mich das Programm nicht, muss ich es auch nicht durch Anschauen der Werbung bezahlen. Ansonsten: geschenkter Gaul.

          Beim ÖRR kann der größte Mist produziert werden (ist nicht alles Mist, ich weiß, aber deutlich zu viel), und ich MUSS dafür bezahlen. Dass ich dann meine Forderungen stelle, sollte doch einleuchten.
          Und meine Forderungen richten sich nicht gegen den „Musikantenstadl“ etc., ist mir echt egal. Aber politisch neutrale und wirtschaftlich kompetente Berichterstattung fordere ich ein.

          Wird dort das „korrekte“ Weltbild gezeigt? Wenn ja, habe ich ja genau ins Schwarze getroffen.

          Mitnichten. Da hast Du einen Pfeil abgeschossen, schaust, wo er einschlägt, und malst einen schwarzen Kreis drum und freust Dich über Deinen „Treffer“ 🙂

        • R.A. 10. Juni 2021, 09:51

          „Der ÖRR ist eine Institution, in der die progressive Political Correctness noch vorherrschend ist.“
          Nicht „noch“, sondern seit einigen Jahren dort üblich. Als ein weiterer Beleg des grünen Bias dort.

          Und der wahre Grund für Kritik am ÖRR ist eben dieser Bias, die Symptome sind weniger wichtig.

          „Was ich nicht verstehe, wieso gibt es denn keine Kritik am Privatfernsehen?“
          Warum hat es nie Kritik an der taz oder dem Neuen Deutschland gegeben? Die ja im Zweifelsfall noch linker sind als ARD/ZDF?

          Weil das eben private Medien sind, die können machen was sie (bzw. ihre Kunden) wollen. Die dürfen dann auch einen beliebigen politischen Bias haben.
          Aber die staatlichen Sender sind mit einem Auftrag zur parteipolitischen Neutralität unterwegs und sie finanzieren sich deswegen aus Zwangsgebühren. Bei denen ist der Bias ganz anders zu beurteilen, nämlich als Verstoß gegen die eigenen Grundsätze.

          • Stefan Sasse 10. Juni 2021, 13:09

            Das ND ist „im Zweifelsfall“ linker als ARD/ZDF? Alter, deine Maßstäbe…

            • sol1 13. Juni 2021, 23:53

              Und natürlich ist die Behauptung absurd, es gäbe keine Kritik an der taz.

              In der Debatte um die Polizei-Kolumne von Hengameh Y. hat ja niemand geringerer als der Bundesinnenminister die schwersten Geschütze aufgefahren.

          • Erwin Gabriel 10. Juni 2021, 22:48

            @ R.A. 10. Juni 2021, 09:51

            Aber die staatlichen Sender sind mit einem Auftrag zur parteipolitischen Neutralität unterwegs und sie finanzieren sich deswegen aus Zwangsgebühren. Bei denen ist der Bias ganz anders zu beurteilen, nämlich als Verstoß gegen die eigenen Grundsätze.

            Ja. Ganz klar, ganz offensichtlich. Keine Ahnung, warum solche Unterschiede nicht in die Köpfe gehen …

            • Stefan Sasse 11. Juni 2021, 06:37

              Und würde dieser krasse bias existieren wäre das auch ein Problem.

    • R.A. 9. Juni 2021, 18:54

      „Die im ÖRR vertretenen Positionen v.a. im Bereich Wirtschaft oder Politik würde ich – rein subjektiv natürlich – im Bereich konservative Mitte einordnen.“
      Eine subjektive Einordnung hilft hier wenig. Da sind dann für einen Trotzkisten alle Medien rechtsradikal und für einen Nazi alle Medien linksextrem.
      Relevant ist eigentlich nur der Vergleich zur Einstellung der Gesamtbevölkerung. Und da liegen die Medien deutlich weiter links, das kann man mit sehr vielen Beispielen und Studien belegen.

      • Stefan Sasse 9. Juni 2021, 19:41

        Verlink mal bitte.

        • R.A. 10. Juni 2021, 09:53

          „Verlink mal bitte.“
          Du hast einen Link oben selber gebracht. Gerade weil die Studie 10 Jahre alt ist: Über 30% grüne Journalisten zu einer Zeit, als die Grünen noch stabil einstellig in der Wählergunst lagen.

          Und diese Erkenntnis der Studie wird eben NICHT dadurch widerlegt, daß ein Teil der Befragten ihre Position nicht angeben wollten.

          • Stefan Sasse 10. Juni 2021, 13:10

            Es klang bei dir so als gäbe es mehr als eine jahrzehntalte, missverstandene Studie, aber das dachte ich mir schon.

            • R.A. 11. Juni 2021, 10:11

              „eine jahrzehntalte, missverstandene Studie,“
              Sie ist von 2011 und seitdem hat sich nichts wesentliches an der Szene geändert.
              Und wieso soll ich noch mehr Links bringen, wenn Du selbst diese sehr klaren Ergebnisse ignorierst?
              Die „Mißverständnisse“ beziehen sich auf unwesentliche Nebenaspekte. Das zentrale Ergebnis der Studie (krasser Überhang der Grünen bei den Politikjournalisten) wird nicht davon berührt, daß man wegen irgendwelcher Details noch einige Prozent rauf- oder runterrechnet.

              • Stefan Sasse 11. Juni 2021, 10:49

                Eine Studie von 2011 ist im Jahr 2021 jahrzehntalt. So weit reicht mein Mathe noch. Und auf den Rest bin ich schon im Artikel eingegangen.

      • Marc 10. Juni 2021, 10:02

        Relevant ist eigentlich nur der Vergleich zur Einstellung der Gesamtbevölkerung. Und da liegen die Medien deutlich weiter links, das kann man mit sehr vielen Beispielen und Studien belegen.

        Ist ja auch logisch, progressiv ist einfach sexy und das wollen Mediendarsteller nun mal sein.

        • derwaechter 10. Juni 2021, 14:27

          Ist es nicht einfach so, dass Medienschaffende i.d.R höhere Bildung haben und das höher Gebildete im Durchschnitt eher links-liberal sind als die Gesamtbevölkerung?

          • Stefan Sasse 10. Juni 2021, 16:12

            Spielt eine große Rolle, ja.

          • CitizenK 10. Juni 2021, 20:00

            Ob es vielleicht auch daran liegt?

            Nach einer britischen Langzeit-Studie „neigen die intelligenteren eher dazu, Grüne oder Liberaldemokraten zu wählen als Konservative oder die Labour Party.“

            „Linksliberale sind schlauer als Konservative – zumindest im Durchschnitt. Forscher finden das einleuchtend. Denn Tradition kommt auch ohne Denken aus.“

            https://www.sueddeutsche.de/wissen/iq-und-politische-einstellung-konservative-sind-weniger-intelligent-1.13440

            • derwaechter 10. Juni 2021, 21:12

              Eben, deshalb laufen die Beschwerden, dass das Personal in Universitäten oder Medien so furchtbar linkslastig seien etwas ins Leere. Was will man machen? Bauarbeiter in die Zeitungen und Journalisten auf den Bau? 🙂

            • Erwin Gabriel 10. Juni 2021, 22:56

              @ derwaechter 10. Juni 2021, 14:27
              @ CitizenK 10. Juni 2021, 20:00

              Nach einer britischen Langzeit-Studie „neigen die intelligenteren eher dazu, Grüne oder Liberaldemokraten zu wählen als Konservative oder die Labour Party.“

              Danke für die Aufklärung, dann hatte ich die ganze Zeit etwas missverstanden. Mir war nicht klar, dass es die Aufgabe der Journalist*innen ist, nur ihre persönlichen Weltbilder hinaus zu blasen.

              „Linksliberale sind schlauer als Konservative – zumindest im Durchschnitt. Forscher finden das einleuchtend. Denn Tradition kommt auch ohne Denken aus.“

              Du wirst sicherlich schlau genug sein, die zwei, drei Denkfehler in dieser Aussage selbst zu finden.

              • CitizenK 11. Juni 2021, 07:56

                Meinst Du diesen: „als … die Labour Party“? 😉

                Aber im Ernst: „Eher“ nicht Sozis oder Tories zu wählen, heißt noch nicht, dass sie als Journalisten „ihre persönlichen Weltbilder hinausblasen“. Projektion?

                Auch mir (deutschen Sozi) sind die britischen Liberal Democrats näher als Labour. Deshalb finde ich auch schade, dass ihr deutsches Pendant
                https://liberale-demokraten.de
                in der Öffentlichkeit kaum vorkommt und im Wahlkampf keine Rolle spielen wird. Bei den Liberalen dominieren ja (noch?) die Fundis.

                • Erwin Gabriel 12. Juni 2021, 18:22

                  @ CitizenK 11. Juni 2021, 07:56

                  Die allermeisten Journalisten denken links und schreiben links. Letzteres ist nicht automatisch ihre Aufgabe. Es gibt journalistische Grundsätze, die in der Regel nicht eingehalten werden. Es gibt kaum faktisch gemeinte Berichterstattung ohne Meinungs-Twist.

                  Das bei mir keine Projektion, sondern Erfahrung.
                  Es mag eine Handvoll gute Journalisten geben, das Gros ist einfach nur peinlich (das gilt auch für die wenigen selbsternannte konservativen Schreiber etwa bei Achgut oder Tichy, die das keinen Deut besser machen).

              • derwaechter 11. Juni 2021, 10:56

                „Mir war nicht klar, dass es die Aufgabe der Journalist*innen ist, nur ihre persönlichen Weltbilder hinaus zu blasen.“

                Das sind ja zwei verschiedene paar Stiefel.

            • Stefan Sasse 11. Juni 2021, 06:30

              Irre ich mich, oder ist das nicht eine eher neue Entwicklung?

              • bevanite 11. Juni 2021, 12:02

                Yup, ich habe erst kürzlich eine Statistik gesehen, nach der es in Westeuropa und Nordamerika eine klare Trendwanderung bezüglich der formalen Bildung gab. Früher galt: je höher gebildet, desto stärker die Präferenz für Mitte-Rechts-Parteien. Heute ist es genau andersrum. Interessant ist, dass sich auf der ökonomischen Achse nur wenig verändert hat. Überspitzt formuliert wählt ärmer und höher gebildet eher Mitte-links, reich und niedriger gebildet Mitte-rechts (in den USA fällt es besonders auf, da dort die ärmsten Bevölkerungsschichten weiterhin eine sichere Bank für die Demokraten sind). Hab aber gerade keinen Link dazu.

                Andererseits nannte schon John Stuart Mill im 19. Jahrhundert die britischen Tories – eine Bastion der Privatschul- und Oxbridge-Absolventen, damals wie heute – „the stupid party“, aber das bezog sich weniger auf die formale Bildung…

                • Stefan Sasse 11. Juni 2021, 13:27

                  Exakt, deswegen sind auch Erklärungsansätze wie „Ungebildete begeistern sich für konservative Positionen“ Unfug. Gleiches gilt übrigens auch etwa für Frauen oder junge Menschen; dass die mehrheitlich progressiv wählen, ist eine relativ neue Entwicklung.

                  • derwaechter 11. Juni 2021, 14:21

                    Neu und neu, die letzten Jahrzehnte reichen zur Beurteilung der Gegenwart doch aus.

                    Wenn man noch länger zurückgeht wird der Vergleich auch schwierig, weil sich so viele andere Variablen und auch die Bedeutung der Begriffe so sehr verändert haben.

                    Was vor früher Links war, ist ja nicht das gleiche wie heute.

                    Höhere Bildung stand, im Gegensatz zu heute, lange nur einem extrem kleinen und homogenen Teil der Bevölkerung offen. Die Abiturquote ist von rund 5% nach dem Krieg auf heute rund 50% gestiegen!

                    Frauen waren damals viel weniger frei (zu wählen was sie wollen) als heute

                    usw.

  • Dennis 9. Juni 2021, 12:27

    ZitatStefan Sasse:
    „und bis 1998 war die FDP mit nur einer Ausnahme an jeder (!) Regierung beteiligt.

    Mit zwei Ausnahmen 🙂

    in der ersten Ausnahme (1957-1961) pflegten die „Liberalen“ die Adenauer’sche Politik, insbesondere die Außenpolitik, heftig zu bekämpfen, obwohl die vor- und nachher alles brav abgenickt haben. Die „liberale“ Methode kennt man also auch schon lange. In diese Phase fällt auch das „Adenauer-Fernsehen“ (vor genau 60 Jahren beim BVerfG gescheitert). Auch die FDP hat so getan, als ob sie dagegen wäre, weil sie zufällig vorübergehend mal Opposition war. Vor sechs Jahrzehnten wurde die Platte vom „linken“ Fernsehen, obschon Fernsehgeräte noch wenig verbreitet waren, also auch schon aufgelegt. Man kann sich darauf verlassen, dass dieser Evergreen bin in alle Ewigkeit gesungen wird, obwohl das Fernsehen wg. Internet, social media und so, wieder so bedeutungslos wird wie es in den 50ern mal war.

    Die Alternative zum vermeintlichen linken Fernsehen heißt natürlich nicht rechts sondern „sachlich“.

    Aber nehmen wir mal an, das Ding mit der links-versifften Gehirnwäsche (tv oder print oder wie auch immer) wäre real. Wo ist denn der Erfolg? Es gibt keinen. Das da:

    https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/0e245607-0001-0004-0000-000001155086_w920_r0.7593333333333333_fpx52.99_fpy52.37.jpg

    war 1979. Sechzehn Jahre Kanzler Kohl standen noch bevor, kaputt hin oder her.

    Und diese Frage:

    https://cdn.prod.www.spiegel.de/images/e747f332-0001-0004-0000-000001155080_w776_r0.776_fpx48.85_fpy48.7.jpg

    war – im Gegensatz zur angedachten Intention – mit einem klaren Ja zu beantworten. Es ging noch über zehn Jahre weiter.

    Die Medien können nichts anderes machen als Stimmungen, die draußen im Lande unterwegs sind, adaptieren und evtl. hochjazzen, also eine Art Lautsprecher mit der Voraussetzung, dass das, was laut gestellt wird, tatsächlich vorhanden ist; erfinden funktioniert nicht, totreden aus abstellen indessen auch nicht.

    Die Leute waren seinerzeit mit Willy Brandts Ostpolitik im Großen und Ganzen einverstanden, dagegen konnte die Springer-Presse plus CDU/CSU soviel aufheulen wie sie wollte – hat nix genutzt. Umgekehrt hat der Spiegel auf das richtige Pferd gesetzt – im Gegensatz zum Augenschein das Pferd aber nicht erfunden.

    Kohl mitsamt FDP als Zweitmarke konnte auch der Spiegel trotz krampfhafter Bemühungen den Leuten nicht ausreden, das Scheitern kam nach laaaaaanger Zeit wegen politischer Altersschwäche und einer Jetzt-ist-aber-genug-Stimmung.

    Medien-Kampagnen sind witz- und wirkungslos, es sei denn, sie beackern einen fruchtbaren Boden, der vor den Kampagnen schon da ist.

    Und die Linke-Journalisten-Theoretiker können sich ja eh beruhigt zurücklehnen. Sie müssen ja die „Lügen“ oder mindestens die vermeintliche niederschwellige Propaganda durchschaut haben. Wenn irgendein Fernseh-Fritze die Grünen hochjazzt, werden R.A. oder Herr Pietsch und viele andere vermutlich dennoch nicht Grüne wählen. Vielmehr wirkt das ggf. kontaproduktiv – in Abhängigkeit vom schon vorhandenen Humus, der bestimmte Pflanzen wachsen lässt und andere nicht. Der Trend geht ja eh in Richtung (heutzutage internetbasierte) Partei- und Klientelmedien à la Weimar. Da weiss man schon vorher, was man hat.

    Zitat:
    „dafür braucht es schon einen arg verschobenen Blick.“

    Richtig. in „verschoben“ würde ich allerdings noch ein „r“ reinsetzen ^.

    Zitat:
    “ und haken gerne als „vernünfigt“ oder „normal“ ab“

    …und das sieht auch nicht so gut aus ^

    • Stefan Sasse 9. Juni 2021, 14:42

      Oh Gott ich hab die GroKo unterschlagen. Wupps! Korrigiere ich.

      Dieser breite Konsens für die Ostpolitik ist eine Legende. Das ist normal; heute sieht es auch so aus, als wären alle für die Westbindung gewesen. Die SPD vergisst gerne die Grütze, die sie bis 1958 verzapft hat.

      • Dennis 9. Juni 2021, 23:11

        Zitat Stefan Sasse:
        „Dieser breite Konsens für die Ostpolitik ist eine Legende“

        Ohh, das habe ich ganz anders in Erinnerung. Okay, ist anekdotisch^; aber für die „Einverständnisfrage“ ist natürlich wesentlich : Bei wem ? Falls die Bevölkerung draußen im Lande^ gemeint ist, wäre das Wahlergebnis von 1972 nur schwer zu erklären. Sekundärquellen über diesbezügliche Meinungsumfragen damals, z.B. Im Zeit-Archiv, lesen sich auch anders, bei H.A. Winkler, wo das erwähnt wird, ebenfalls, also nach einem ziemlich breiten „Dafür“ bei den Wählenden. „Primär“ müsste man mal z.B. im Allensbach-Archiv oder sonstwo nachlesen, muss man leider bezahlen 🙁

        Zitat:
        „heute sieht es auch so aus, als wären alle für die Westbindung gewesen.“

        Dass das in der politischen Klasse nicht so war, weiß ja jeder. Wie das bei Otto und Ottoline Normalverbraucherin sich so verhalten hat, ist vermutlich schwerer aufzuklären als die Dinge zu Brandts Zeiten. Die Auffassung „Die da oben wissen schon, was sie machen, da brauchen wir uns nicht drum zu kümmern“ dürfte in den ganz frühen Jahren noch ausgeprägt gewesen sein.

        • Stefan Sasse 10. Juni 2021, 06:40

          Ich hab meine Abschlussarbeit im Studium zu dem Thema geschrieben, bei Interesse kann ich sie dir zukommen lassen.

          Auch da sah es ähnlich aus. Und die Westbindung war damals ein „Elitenprojekt“ übrigens, das auch große Teile der Union und ihrer Wähler*innen ablehnten. Das wurde von Adenauer und Co (zum Glück) gegen erhebliche Widerstände durchgeboxt.

          Generell: es ist eine ziemlich gute Faustregel davon auszugehen, dass praktisch kein Thema, das irgendwie kontrovers ist, von der Bevölkerung sehr einseitig gesehen wird.

    • Erwin Gabriel 9. Juni 2021, 14:51

      @ Dennis 9. Juni 2021, 12:27

      Die Alternative zum vermeintlichen linken Fernsehen heißt natürlich nicht rechts sondern „sachlich“.

      Genau das. Ich (als – nach Selbsteinschätzung – konservativer Mensch) erwarte vom Fernsehen durchaus, dass die Skandale á la „Bereicherung an Corona-Masken“ aufdecken. Faktenbasiert.

      Ich erwarte das aber auch genauso in die andere Richtung.

      • Stefan Sasse 9. Juni 2021, 17:11

        Passiert doch? Wo vermisst du denn etwa Berichterstattung über Baerbocks Nebeneinnahmen oder ihren Lebenslauf? Du tust gerade so, als würden die ÖRR das totschweigen. Aber das ist doch nicht der Fall! Es wird sachlich drüber berichtet. Was genau wünschst du dir?

        Grüße voller Unverständnis
        Stefan

        • Erwin Gabriel 9. Juni 2021, 22:47

          @ Stefan Sasse 9. Juni 2021, 17:11

          Passiert doch? Wo vermisst du denn etwa Berichterstattung über Baerbocks Nebeneinnahmen oder ihren Lebenslauf? Du tust gerade so, als würden die ÖRR das totschweigen.

          Nein, tue ich nicht. Aber ich sehe den Unterschied in der Berichterstattung von zu Guttenberg /Wulff oder Giffey / Baerbock, und ich erkenne die Wonne, mit dem man den einen ans Zeug flickte, und das fast mitfühlende Verständnis, mit der man die Fehltritte der beiden anderen betrachtet. Dass es für Baerbock jetzt etwas härter kommt, liegt daran, dass es nicht eben nur eine „kleine Ungenauigkeit“ war, sondern dass man eine Zeitlang aus dem Korrigieren nicht mehr herauskommt.

        • R.A. 10. Juni 2021, 09:56

          „Wo vermisst du denn etwa Berichterstattung über Baerbocks Nebeneinnahmen oder ihren Lebenslauf?“
          Ich vermisse das, was bei Politikern anderer Parteien normal ist:
          – Eigenes kritisches Nachhaken anstatt nur zu reagieren, wenn Andere recherchiert haben und das Problem nicht mehr zu ignorieren ist.
          – Vollständige Darstellung des Sachverhalts anstelle einer kurzen Meldung, daß Baerbock „Fehler“ korrigiert habe.
          – Eine kritische Kommentierung incl. Vergleich mit den moralischen Maßstäben, die Baerbock und Co. von Anderen fordern.

          Die ÖRR-Berichterstattung über Baerbocks CV war auf Minimalniveau und verharmlosend.

          • Stefan Sasse 10. Juni 2021, 13:10

            Sorry, aber das ist kompletter Unfug.

            • R.A. 11. Juni 2021, 10:07

              Sorry, aber Deine Antwort ist komplett unbrauchbar.
              Ich habe konkrete Punkte genannt, die kannst Du widerlegen oder akzeptieren.

              – Du wirst keinen einzigen Punkt bei Baerbocks „Fehlern“ finden, der von den Staatssendern recherchiert wurde. Die haben erst gemeldet, als es schon überall sonst zu lesen war.
              – Du wirst wahrscheinlich auch keine ausführliche Darstellung bei ARD oder ZDF bringen können.
              – Und auch kein Beispiel daß da mehr Reaktion kam als „war ein nebensächlicher Fehler und wurde korrigiert“.

    • R.A. 9. Juni 2021, 18:57

      „Wo ist denn der Erfolg?“
      Den sieht man im Vergleich zu anderen Ländern. Es gibt kein anderes Land in Europa (weltweit sowieso), das so konsequent auf grüne Positionen gebracht wurde. Insbesondere weil sich das mit der in Deutschland traditionall starken Staatsgläubigkeit trifft.

      • Stefan Sasse 9. Juni 2021, 19:42

        Du lieber Himmel, „konsequent auf grüne Positionen“ ist ziemlich dick aufgetragen, wenn man die totale Untätigkeit beim Klimaschutz bedenkt und dass Frauenquoten immer noch heiß umstritten sind, nur um mal zwei Beispiele zu nennen.

        • R.A. 10. Juni 2021, 10:00

          „totale Untätigkeit beim Klimaschutz“
          Das ist krass falsch (und diese nachweisbar falsche Vorstellung ist Ergebnis grüner Medienpropaganda).

          Deutschland hat mehr im Bereich Klimaschutz getan als ziemlich jedes andere Land. Es werden pro Jahr viele Milliarden dafür ausgegeben.

          Richtig ist, daß das Ergebnis bemerkenswert dürftig ist. Mit anderen Worten: Die mit viel Aufwand durchgedrückten Maßnahmen sind relativ ineffizient.
          Seriöser Journalismus würde das analysieren und fragen, ob man nicht bessere Lösungen finden könnte.

          Aber das geschieht halt fast nicht (bei einigen Zeitungen gab es solche Artikel), weil die Masse der Journalisten selber die Maßnahmen gefördert haben, die sich inzwischen als Rohrkrepierer erwiesen haben. Genau die grüne Parteiblindheit der Medien sorgt also für schlechten Klimaschutz.

          • Stefan Pietsch 10. Juni 2021, 10:36

            Deutschland ist kein Vorzeigeland beim Klimaschutz. Unsere Politik war immer zu sehr auf Symbolik und nicht auf Wirksamkeit gerichtet. Dazu war Bonn / Berlin weder Treiber beim Kyoto-Protokoll noch bei der Installation des ETS und in Kopenhagen ließ sich Merkel die Skizzierung des Nachfolgeabkommens von Amerikanern und Chinesen aus der Hand nehmen. Der Aufbau von erneuerbaren Energien war ein Desaster und der Rollout der Besteuerung von CO2-Emissionen sieht uns als Nachzügler.

            Nein, Deutschland ist nicht gut und daran haben alle Parteien und die gesamte Gesellschaft ihren Anteil.

  • Erwin Gabriel 9. Juni 2021, 13:21

    @ Stefan Sasse on 9. Juni 2021
    Du musst hier zwei Sachen trennen. Das eine ist die fast grundsätzlich schlampige Arbeit der meisten Journalist*innen, was Du mit „dem Konsens folgen“ gut beschrieben hast; ich möchte hier noch die Unsitte ergänzen, Meinungen als Fakten zu bewerten und darzustellen.

    Das andere ist der Konsens selbst; der hat sich in den letzten Jahren nach links bewegt.

    • Stefan Sasse 9. Juni 2021, 14:43

      Ja, das habe ich ja schon öfter beschrieben. Der gesamtgesellschaftliche Konsens hat sich nach links verschoben. Und da die Medien da sein wollen, wo die Mehrheit ist, verschieben sie sich mit. Genauso wie die Politik übrigens (siehe „Sozialdemokratisierung der CDU“).

      • Erwin Gabriel 9. Juni 2021, 15:00

        @ Stefan Sasse 9. Juni 2021, 14:43

        Ja, das habe ich ja schon öfter beschrieben. Der gesamtgesellschaftliche Konsens hat sich nach links verschoben.

        Ja, hast Du, sehe ich und vielleicht Du auch an mir selbst (etwa beim Thema „Ehe für alle“; nicht, dass sich meine Meinung geändert hätte, aber der Phantomschmerz, die Emotionen sind raus). Wie es so schön heißt: Der Mode auf Rufweite hinterhereilen …

        Und da die Medien da sein wollen, wo die Mehrheit ist, verschieben sie sich mit. Genauso wie die Politik übrigens (siehe „Sozialdemokratisierung der CDU“).

        Da geht es eben los. Dass sich die Mitte der Gesellschaft etwas nach links verschoben hat, heißt nicht, dass sie schon links ist. Das wird aber vom Gros der Journalist*innen nicht verstanden; das steht deutlich weiter links als die Mitte der Gesellschaft. Leg dann noch eine meinungs- statt faktenbasierte schlampige journalistische Arbeit oben drauf, und Du hast Manipulation.

        • Stefan Sasse 9. Juni 2021, 17:12

          Im Übrigen nur auf gesellschaftlichem Gebiet. Die Progressiven/Linken haben die wirtschaftspolitische Debatte gnadenlos und durchschlagend verloren.

          Wie gesagt, ich sehe das bei Weitem nicht so krass wie du. Aber ich stehe natürlich auch eher auf der Gewinnerseite dieser Entwicklung, das verschiebt meinen Blickwinkel natürlich auch.

          • Erwin Gabriel 9. Juni 2021, 22:58

            Stefan Sasse 9. Juni 2021, 17:12

            Die Progressiven/Linken haben die wirtschaftspolitische Debatte gnadenlos und durchschlagend verloren.

            Sie führen sie einfach nicht. Da können die Liberalen reden, belegen, behaupten, und die Antwort ist „Ihr schon wieder“ oder „ja, nee, is‘ klar“.

            Es gibt keine wirkliche Diskussion über den Wirtschaftsstandort Deutschland und die Unternehmensbedingungen (Steuern, Bürokratie, Strompreis etc), etwa im Vergleich mit anderen Ländern

            • Stefan Sasse 10. Juni 2021, 06:36

              Kein Widerspruch. Und hier gilt dasselbe wie bei den Grünen und Klimawandel: die andere Seite gewinnt per default, nicht, weil sie so atemberaubende Konzepte hätte.

      • R.A. 9. Juni 2021, 19:01

        „Der gesamtgesellschaftliche Konsens hat sich nach links verschoben.“
        Und das kam nicht aus dem luftleeren Raum, sondern ist Ergebnis von jahrelanger grüner Propaganda in den Medien.
        Das ist der „Erfolg“, nach dem Dennis fragte.

        Inhaltlich kann man diese Verschiebung natürlich begrüßen, wenn sie den eigenen Vorstellungen entgegen kommt.
        Aber zu behaupten, daß die Medien plötzlich gemerkt hätten, daß die Gesellschaft plötzlich nach links gerutscht ist und sie sich deswegen auch nach links bewegen müßten – das ist eine krasse Ursache-Wirkung-Umkehr.

        • Stefan Sasse 9. Juni 2021, 19:42

          Ja, das haben die NachDenkSeiten auch immer behauptet. Alles Propaganda!

        • Dennis 9. Juni 2021, 22:39

          @ R.A:

          https://de.wikipedia.org/wiki/Volksabstimmung_in_%C3%96sterreich_%C3%BCber_die_Inbetriebnahme_des_Kernkraftwerkes_Zwentendorf

          Das war VOR allen Grünen Partei-Erfolgen, zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine Grüne Partei, nirgends. Es gab nichts zum Hochschreiben. Das weist darauf hin, dass die späteren Grünen anders entstanden sind, nämlich ein signifikantes gesellschaftliches Bedürfnis beantwortend, das selbstverständlich niemand „gut“ finden muss, obwohl das gleichwohl vielfach der Fall ist. Dass die Tradition der Deutschen Romantik in D und anderen deutschsprachigen Ländern – inklusive bräunliche Komponenten – nicht unwesentlich war, was dann von K-Grüpplern sozusagen gekapert wurde, kann man annehmen und hat Plausibilität, hast du ja auch unlängst in einem Kommentar sinngemäß geschrieben. Diese Gründe wurden aber nicht von Schreiberlingen oder im TV-Rotfunk-Palaver künstlich erzeugt, sondern waren gegeben. Meinetwegen auch Staatsgläubigkeit, die gibt’s aber überall, in Frankreich insbesondere, obwohl das Grüne dort schwach und fragil ist, passt also nicht immer.

          A propos Linksverschiebung durch grüne Propaganda: Das knall-rote Wien hat damals pro Kernkraft gestimmt, „rückständige“ ländliche Gebiete (ÖVP-Hochburgen) wie Tirol krass dagegen. Die ÖVP kannte ihre Ländler, hat „nein“ empfohlen, obwohl sie ansonsten pro Kernkraft eingestellt war. Das nennt man Politik. Die Kombination „grün-links“ stimmt also keineswegs immer; eigentlich stimmt in politicis nichts immer 🙁

          Wie dem auch sei, wenn die Doofis da draußen anders ticken als ich, kann das natürlich nur auf Meinungsmache und so was zurückzuführen sein. Unlängst in Sachsen-Anhalt hätten böse Institute und Medienfritzen die Leute mit der „Kopf-an-Kopf-Rennen-Theorie“ davon abgehalten links zu wählen, sondern stattdessen Herrn Haseloff; raffiniiiiiiert. Dergleichen grassiert in linken chats. Für andere Geschmäcker ist wiederum Forsa ggf. in SPD U-Boot. Andere Gründe als Manipulation durch Meinungsmacher sollte man immer ausschließen^, sonst wird die Welt zu unverständlich.

          • Stefan Sasse 9. Juni 2021, 22:50

            Zustimmung.

          • Erwin Gabriel 9. Juni 2021, 23:05

            @ Dennis 9. Juni 2021, 22:39

            Das weist darauf hin, dass die späteren Grünen anders entstanden sind, nämlich ein signifikantes gesellschaftliches Bedürfnis beantwortend, …

            Ohne Frage, das war so. Hat auch keiner behauptet, dass die Bündnis90/die Grünen das Ergebnis einer konzertierten Aktion einer linken Journaille waren.

            Die Behauptung ist, dass die grünen Meinungen und Ideale anteilig unter Journalist*innen spürbar mehr Zuspruch finden als in der Bevölkerung, und das man das an den Ergebnissen ihrer Arbeit merkt.

  • bevanite 9. Juni 2021, 17:41

    Danke für den Artikel. Ich halte dieses Geraune der „linksgrünen Medien“ auch für übertrieben und extrem einseitig. Faktisch ist es weiterhin so, dass die Süddeutsche eher Mitte-links, die FAZ eher Mitte-rechts und die Zeit irgendwo dazwischen ist. Weiter rechts hat man dann Welt und BILD, weiter links die Rundschau und die taz, dazu dann an den jeweiligen Rändern Junge Freiheit und Preußische Allgemeine auf der einen, Junge Welt und Neues Deutschland auf der anderen Seite.

    Man kann es hier mal auch ganz einfach nach dem Bauchgefühl beurteilen:
    aus linken Kreisen höre ich sehr oft, „die Medien“ würden die AfD hofieren und hätten eher eine konservativ-neoliberale Stoßrichtung, von Rechts hört man wiederum, die Medien seien eine linksgrün-islamisch-feministische Bastion. Diese Extremwahrnehmungen treffen auf viele Themenbereiche zu: im Nahostkonflikt etwa sind die öffentlich-rechtlichen Medien für die eine Seite einseitig Pro-Israel, für die andere hingegen eine Bastion des Antizionismus. All dies zeigt für mich eher, dass die „Mainstream-Medien“ sich in der Realität tatsächlich klar in der Mitte befinden. (In Großbritannien habe ich ähnliche Debatten auch für die BBC wahrgenommen!).

    Diese viel (und falsch) zitierte Statistik bezieht zwei entscheidende Faktoren nicht ein: Wieviele von den befragten 743 Politikjournalistinnen und -journalisten (interessanterweise wurden Wirtschaftsjournalistinnen und -journalisten oder Feuilletonisten ausgelassen) befinden sich in höheren Positionen? Und wie stark sind die Auflagen ihrer Arbeit-/Auftraggeber? In Deutschland ist Springer weiterhin der auflagenstärkste Verlag und BILD die auflagenstärkste Tageszeitung – beide sind politisch eher im konservativen Lager einzuordnen.

    For the sake of the argument: selbst wenn einfach nur die absoluten Zahlen betrachtet, könnte man umgekehrt auch fragen, warum so viele Vorstandschefs eher zu CDU oder FDP neigen oder warum es bei der Bundeswehr so wenige Linkspartei- oder Grünen-Sympathisanten gibt…

    • Stefan Sasse 9. Juni 2021, 19:40

      Wenn jede Seite annimmt, die Medien seien mit ihren Gegnern im Bett (und beide Seiten tun das), liegt der Verdacht nahe, dass beide falsch liegen.

    • R.A. 9. Juni 2021, 19:55

      „Faktisch ist es weiterhin so, dass die Süddeutsche eher Mitte-links …“
      Bei den Zeitungen gibt es noch das volle Spektrum, da gibt es auch noch gute Berichterstattung.

      Kritisch sind die Sender, insbesondere die staatlichen (die privaten machen politisch fast nichts). Das Fernsehen hat einen deutlich größeren Einfluß als die Printmedien, gerade bei den politisch weniger interessierten/gebildeten Wählern, und das ist in den letzten 20 Jahren ziemlich komplett nach links gekippt.

  • Stefan Sasse 10. Juni 2021, 08:40

    Schönes aktuelles Beispiel für meine Thesen übrigens: Julia Klöckner hat erklärt, Fleisch müsse und werde „deutlich teurer“ werden. https://www.spiegel.de/politik/deutschland/julia-kloeckner-fleisch-wird-teurer-werden-es-wird-teurer-werden-a-33dbbaf2-eaf2-4b0a-acac-9832aa06cd78#ref=rss
    Sagen die Grünen das, ist es Beweis für ihre Abgehobenheit, sind sie Verbotspartei. Von der Union ist das kein Skandal. Aber das liegt eben daran, dass es in einem Fall das Narrativ erfüllt, das alle sich so gerne erzählen, und im anderen Falle nicht.

    • CitizenK 10. Juni 2021, 10:09

      Gilt auch zu Aussagen zum Milchpreis.

  • Dobkeratops 10. Juni 2021, 09:06

    Ich stimme dir hier zwar grundsätzlich zu, in diesem speziellen Fall könnte es aber auch einfach daran liegen, dass die meisten Menschen (mich eingeschlossen) aufhören weiterzulesen, wenn der Satz mit „Julia Klöckner erklärt…“ beginnt, da sie erfahrungsgemäß nicht davon ausgehen können, dass danach etwas folgt, das der Aufmerksamkeit wert wäre.

    Eine ähnliche Entwicklung kann man derzeit ja auch beim Satzanfang „Jens Spahn kündigt an…“ beobachten.

  • cimourdain 10. Juni 2021, 23:15

    Da jeder hier eine Meinung hat, welche politische Schlagseite der ÖRR hat, habe ich mir einfach eine verlässliche Zahl angesehen: Die Mitglieder der verschiedenen Parteien im (beispielhaft) ZDF-Fernsehrat (insgesamt 60 Personen). Da ergibt sich:
    Union: 12 (davon 3 CSU)
    SPD: 12
    Grüne: 2
    Linke: 1
    Andere: 0
    Diese Gewichtung zugunsten der ‚Albanien-Koalition‘ im Bund merkt man zwar nicht bei Politmagazinen oder Talkshows, aber deutlich bei den Nachrichtensendungen (bei denen der ÖR ein Quasimonopol hat) die klar regierungsfreundlich sind, zum einen in der Themenwahl, aber vor allem bei der fast in jedem Beitrag mitschwingenden eigenen Haltung.
    Die Grünen profitieren davon, weil sie die am wenigsten konfrontative Oppositionspartei sind. 2020 haben sie überwiegend mit der Regierung gestimmt (bei manchen Abstimmungen (1. Neufassung des InfSchG) sogar geschlossener als die Regierungsfraktionen selbst) oder zumindest taktisch enthalten. Das wird natürlich als ‚konstruktive Oppositionsarbeit‘ von regierungsfreundlichen Medien honoriert.

    • Stefan Sasse 11. Juni 2021, 06:39

      Sehr guter Punkt. Wobei die „Regierungsfreundlichkeit“ auch relativ zu betrachten ist. Schließlich kritisieren auch die ÖR sehr viel.

  • cimourdain 10. Juni 2021, 23:36

    Die Frage ist doch vielmehr, ob es sich bei Journalisten und der Partei ‚Die Grünen‘ nicht um natürliche Verbündtet handelt:

    1) Die Grünen haben ihre stärkste Wählerbasis in dem Milieu, aus dem sich die meisten (wichtigen) Journalisten – und in dem sie sich bewegen; gutsituiert bis wohlhabend, Gebildet, weltzugewandt.

    2) Die Grünen werden keine wirklich Schritte in Richtung Umverteilung oder Systemwechsel machen. Bei den Kosten der Klimapolitik wird es so rauslaufen, dass die Kosten auf Endverbraucher umgelegt werden (wirkt degressiv mit Einkommen) und die Subventionen zu denen fliessen, die sie sich leisten könne.

    3) Viele Grüne verdanken Ihre Karriere internationalen Eliteorganisationen, in solchen sind auch nicht wenige Alphajournalisten. Das wirkt weniger in ‚gefälligkeitsartikeln,sondern vielmehr in gleichen Priorität beim Agenda-Setting, insbesondere im Feld internationaler Politik.

    4) Wichtig ist natürlich die Medienpolitik. Im Wahlprogramm 2013 war noch ein freies und frei zugängliches Internet ein wichtiger Punkt. Seitdem hat sich die Haltung der Partei ganz klar zugunstenvon Hate-Speech-Bekäpfung, Uploadfilter, Vorgehen gegen Fake-News etc… All das hilft natürlich die Deutungshoheit der klassischen Journalisten.

    • Stefan Sasse 11. Juni 2021, 06:41

      In die Richtung argumentiere ich ja auch. Wenn du halt auf Linie liegst…ich bringe erneut den Vergleich mit den Nullerjahren, da war die Dynamik eine völlig andere.

    • Dennis 11. Juni 2021, 10:46

      Das hätte Charly Marx nicht besser aufschreiben können, denn :

      „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“

  • R.A. 11. Juni 2021, 10:35

    Zum Gleichklang zwischen Grünen und vielen Journalisten lohnt sich dieser etwas längere Artikel:

    https://www.publicomag.com/2021/06/das-drama-des-unbegabten-kindes/?fbclid=IwAR1415zKFBWl0MAf8Bfa2etebicT6YiuwJS7YZCoxQ6UnUSMLmpMznXzwvE

    • Stefan Sasse 11. Juni 2021, 10:55

      Erst mal zu den gefühl ersten zwanzig Seiten des Artikels: Das ist Wahlkampf. Man schlägt dem Gegner Verfehlungen echter oder eingebildeter Art um die Ohren. Wer die Grünen ablehnt, wird die Fehler schrecklich finden, wer sie nicht ablehnt, vergleichsweise bedeutungslos. So ist das halt. Berichtet wird darüber mehr als ausreichend und, wie an anderer Stelle belegt, auch kritisch und harsch.

      Was die Milieugleichheit angeht: die steht ja außer Frage. Nur ist die nicht der relevante Punkt. Der relevante Punkt ist, ob sie die Berichterstattung beeinflusst. Und meine Position ist, dass die ÖR eben NICHT übermäßig grünenfreundlich sind. Ob die einzelnen Journalist*innen das in ihrer Privatmeinung sind, steht ja auf einem ganz anderen Blatt – ist aber für diese Frage erstmal egal.

      Wir können natürlich über Repräsentanz bei den ÖR – und allen anderen Einflusspositionen der Gesellschaft – sprechen. Aber das ist eine komplett andere Diskussion, und üblicherweise keine, die Liberale gerne führen. Die kommt merkwürdigerweise nämlich nur in diesem sehr engumgrenzten Feld, in dem sie sich benachteiligt fühlen. Auch hier: nicht ungewöhnlich, geht jedem so. Aber halt auch kein Skandal.

      • R.A. 14. Juni 2021, 10:40

        „Das ist Wahlkampf.“
        Richtig. Das ist auch der m. E. schwächste Teil des Artikels.

        „Was die Milieugleichheit angeht: die steht ja außer Frage.“
        Und es wäre doch naiv anzunehmen, daß die so überhaupt keine Auswirkungen auf die Arbeit hat. Die Journalisten kennen denselben Ausschnitt aus der Lebensrealität wie die Grünen, haben denselben Blick auf Probleme und ihre gefühlte Wichtigkeit und haben umgekehrt sehr wenig Ahnung von vielen Bereichen des Lebens, in denen sich die Mehrheit der Bevölkerung tummelt.

        „Und meine Position ist, dass die ÖR eben NICHT übermäßig grünenfreundlich sind.“
        Diese Position kannst Du aber nur durchhalten, weil Du alle Belege und Indizien ignorierst bzw. als irrelevant abtust, die für diese Grünenfreundlichkeit sprechen. So weit ich das übersehe hast Du bisher keinen einzigen Beleg für Deine These gebracht.

        „Wir können natürlich über Repräsentanz bei den ÖR – und allen anderen Einflusspositionen der Gesellschaft – sprechen.“
        Gerne – warum auch nicht?
        Wobei für die konkrete Berichterstattung die Repräsentanz in den Redaktionen schon wichtiger ist als die in irgendeinem Rundfunkrat.

        • Stefan Sasse 14. Juni 2021, 11:55

          Milieu: Sicher, aber das gilt doch überall. Ich meine, auch Unternehmensvorstände haben nicht die geringste Ahnung von den Bereichen des Lebens, in denen sich die Mehrheit tummelt.

    • Dennis 12. Juni 2021, 09:18

      Ach Jottchen, ja, is ja alles richtig, was da so steht und klar: Mit Wühlarbeit im Wahlkampf muss man rechnen, deswegen heißt es WahlKAMPF. Früher hieß es mal: Dieser Herr Brandt, alias Frahm. Schlappe 60 Jahre her (Genau 24 Stunden nach dem Mauerbau), ist aber in die Wahlkampf-Geschichtsschreibung eingegangen und hat dem allseits bekannten Autor nicht viel genutzt.

      Ja, die Baerbock, Annalena ist halt ein typisches Kind der neoliberalen Selbstoptimierungs-Generation. Diesen Quatsch (auf einen edel aussehenden „Lebenslauf“ käme es an (leben für das CV), damit macht man sich verkaufbar und Verkäuflichkeit ist alles) hat sie offenbar verinnerlicht, ebenso wie das Mehr-Schein-als-Sein; gab’s zwar schon immer, war aber offenbar noch nie so wichtig wie heute.

      Unsere Generation war da noch anners gestrickt^, damals. Man nehme den Joschka, Außenminister. Kein Schulabschluss (noch vor der „mittleren Reife“ der Schule den Stinkefinger gezeigt), abgebrochene Lehre, Gelegenheitsarbeiten. Es gibt zwei wichtige formale „Prüfungen“, die offenbar bestanden wurden: a) Führerschein b) Taxischein. Das war’s wohl, was Qualifikationsnachweise mit Unterschrift und Stempel betrifft. Das Selbstbewusstsein hat ob dieses unhygienischen und dünnen CV offenbar nicht gelitten; kein hübsch machen, kein hoch föhnen.

      Und dennoch hat Herr Pietsch unlängst verraten, wegen Joschka in grauer Vorzeit mal grün gewählt zu haben. Das spricht für beide.

      Tempora mutantur. (kleines Latinum, mit Ach und Krach) .

      • Stefan Sasse 12. Juni 2021, 11:01

        Es wird auch umgekehrt ein Schuh draus: wenn das Schlimmste, was du zu Baerbock hervorwühlen kannst, ein geschönter CV ist…dann nehm ich sie mit Handkuss.

        • R.A. 14. Juni 2021, 10:58

          „wenn das Schlimmste, was du zu Baerbock hervorwühlen kannst, ein geschönter CV ist…dann nehm ich sie mit Handkuss.“
          Das könnte man jetzt eine extrem demokratische Sichtweise nennen: Jeder Bundesbürger bis auf ein paar kriminelle Ausnahmen wäre dann geeignet, ein guter Bundeskanzler zu sein.
          Denn gegen fast alle Bundesbürger liegt nicht mehr vor, die meisten haben nicht einmal ihren CV erlogen. Und die meisten sind qualifizierter und haben mehr Berufs- und Lebenserfahrung.

          • Stefan Sasse 14. Juni 2021, 11:57

            Die Vorstellung, „die meisten“ seien qualifizierter als Baerbock, ist völlig absurd. Ich bin nicht qualifizierter, und das sogar mit ungeschöntem Lebenslauf. Gibt es Leute, die besser wären sie als sie? Ohne Zweifel. Aber mit diesen völlig abseitigen Übertreibungen disqualifizierst du möglicherweise berechtigte Kritiken einfach völlig. Das ist komplett außerhalb des auch nur halbwegs Ernstzunehmenden.

            • Stefan Pietsch 14. Juni 2021, 12:27

              Mir fehlt immer noch jedes Argument, weshalb Baerbock nun Qualifikation besitzt. Du selbst hast auch nur angeführt, sie sei bei den Grünen. Das sind übrigens über 100.000 Deutsche auch.

              Sie hat keine nennenswerte Bildung, keine Berufserfahrung, keine Führungserfahrung, keine Organisationserfahrung irgendwo, das nicht Grüne Partei ist. Sie hat keine erkennbaren Charaktereigenschaften, die sie qualifizieren. Sie ist auf dem undemokratischsten Prozess, den je ein Bewerber durchlaufen hat, an dennJob gekommen. Soviel übrigens zur Transparenz und demokratischen Verfasstheit der Grünen.

              Aber vielleicht fällt Euch irgendwann noch ein Qualitätsmerkmal von Annalena Baerbock ein, das sie heraushebt.

              • Stefan Sasse 14. Juni 2021, 13:51

                Sie hat die Partei geführt, das würde ich nicht unbedingt unter „keine Führungserfahrung“ verbuchen. Du wirst nicht Chefin der zweigrößten deutschen Partei weil du zufällig gerade herumstehst. Die hat per Definition Qualifikation auf politischem Gebiet, sonst wäre sie nicht so weit gekommen. Ansonsten habe ich mich zu wenig mit ihr persönlich beschäftigt. Die Debatte ist auch müßig. Außer Kretschmann kann kein*e Grüne*r Erfahrung im Führen von Regierungen vorweisen, so oder so.

                • Stefan Pietsch 14. Juni 2021, 15:52

                  Da ist ja so ziemlich alles falsch, was nur falsch sein kann.

                  Die Grünen sind nicht die zweitgrößte Partei in Deutschland, das ist immer noch die CDU nach der SPD (oder inzwischen umgekehrt). Die Führungserfahrung einer Person misst sich nicht danach, welche Popularitätswerte ihre Organisation zu einem Tag X hat noch wie viele Kunden / Mitglieder sie hat. Führungserfahrung bemisst sich danach, wie viele Mitarbeiter direkt und indirekt an sie berichten, also weisungsgebunden sind. Weder Kunden noch frei Mitarbeiter zählen dazu.

                  Die Grünen-Zentrale ist ähnlich wie die FDP-Zentrale sehr klein, nur ein paar zehn Leute verlieren sich auf den Fluren. Auch sind 2-3 Jahre Führungserfahrung wenig relevant, man fängt erst ab 5 Jahren an zu denken.

                  Die Grüne Partei wird von Robert Habeck und Annalena Baerbock gemeinsam geführt. Da es keine klare Aufgabenteilung gibt, die für Dritte ersichtlich wäre, lassen sich Ergebnisse Personen nicht zurechnen. In einer solchen Konstellation kann der eine auch ein Totalausfall sein, es würde nur den direkten Mitarbeitern auffallen. Das ist ein großes Handicap ihr Können zu beurteilen. Und schließlich kann sie auf einem G7-Gipfel ja auch nicht einfach sagen: Moment, ich muss mal den Robert fragen.

                  Zumindest dieser Parteitag hat gezeigt, dass Habeck die starke Person ist. Er zeigte sich, er war präsent, er setzte den Ton, er motivierte und war wesentlich für die Organisation. Da dies erst der zweite Parteitag war, den sie beide als Spitzenduo absolvierten, ist das für die Beurteilung schon schwerwiegend.

                  Baerbock kam aus dem Nichts und gewann überraschend durch ihre Präsentation („Verkaufen“). Das ist noch keine sonderliche Leistung. Wie wenig das zählt, lässt sich gerade an dem vergangenen Woche ermessen, wo die Präsentation sehr bescheiden ausfiel. Entweder zählt beides oder gar nicht.

                  Als ihr Co-Vorsitzender in die Bredouille geriet, sprang sie ihm nicht zur Seite, absolvierte nicht an seiner Stelle Medientermine – im Unterschied zu Habeck, Özdemir und Kretschmann. Als jetzt der Sturm tobte, versteckte sie sich.

                  Zum politischen Talent: es gibt kaum Dümmeres, als eine Woche vor einer Landtagswahl eine Benzinpreisdebatte mit Preiserhöhungen anzuzetteln, wo in dem Flächenland überproportional viele Menschen auf das Auto angewiesen sind und kaum Ballungszentren bestehen. Mit einer solchen Wahlkampfführung landeten die Grünen punktgenau wenige Tage später auf Platz 6, noch hinter der in den Landtag zurückgekehrten FDP. Grandiose Leistung!

                  • CitizenK 14. Juni 2021, 16:40

                    Sie fordern doch sonst: „vor der Wahl sagen, was man nach der Wahl tun wird“? „Dumm“ ist das mit den Benzinpreisen also nur wahltaktisch. Welcher Wertmaßstab gilt nun?

                    Der Umgang von A. B. mit R. H. irritiert (vorsichtig ausgedruckt) mich allerdings auch sehr. „Ich komme vom Völkerrecht, er vom Kühemelken (oder so ähnlich) – ist das nun flapsig-lustig oder unverschämt-überheblich?

                    • Stefan Pietsch 14. Juni 2021, 17:47

                      Entscheidend ist, wie es bei den meisten ankommt. Da war die Einschätzung doch eindeutig, zumal Baerbock auch hier aufgeschnitten hat.

                      Also, lassen Sie es mich mal so sagen: Es ist nicht besonders clever, für einen One-Night-Stand einer Frau zur Einleitung zu sagen, dass sie eigentlich hässlich sei. Es gibt bessere Zeitpunkte, das entsprechend rüberzubringen.

                  • Stefan Sasse 14. Juni 2021, 18:22

                    Der Wahlkampf der Grünen ist völlig unterirdisch, ich schreibe gerade an einem Artikel dazu.

            • R.A. 14. Juni 2021, 17:45

              „Die Vorstellung, „die meisten“ seien qualifizierter als Baerbock, ist völlig absurd.“
              Finde ich nicht. Die meisten Bundesbürger haben eine abgeschlossene Berufs- oder akademische Ausbildung und echte Berufserfahrung.
              Ich finde durchaus nicht, daß das schon reicht um Bundeskanzler zu werden.

              Aber Baerbock hat nicht einmal das und keine weiteren Stärken/Qualifikationen die sie in die Lage versetzen würden, die Bundesregierung zu führen und Deutschland in der Welt zu vertreten.

              Ich verstehe Dein „mit Handkuß nehmen“ nicht – die Lügen im Lebenslauf sind kein Killer-Kriterium, aber bestimmt keine Empfehung.

              • Stefan Sasse 14. Juni 2021, 18:24

                Nein, sind sie auch nicht. Nur haben Laschet und Scholz beide schlimmere Skandale an der Backe.

                • Stefan Pietsch 14. Juni 2021, 21:44

                  Was ist denn das für ein Vergleich, Stefan?! Das ist, als würdest Du den 17jährigen zum weit besseren Fahrer als seinen 50jährigen Vater erklären, weil der schon 4 Unfälle in seinem Leben hatte, der Teenager aber noch keinen.

                  Scholz und Laschet sind seit drei Jahrzehnten im Zirkus. Sie haben in verschiedenen Funktionen Verantwortung getragen. Wo gehobelt wird, fallen Späne und nicht jedes Gericht gelingt. Jeder, der Verantwortung trägt, hat auch Leichen im Keller. Du beschreibst die Unschuld der Annalena Baerbock als Tugend – was bei einer 40jährigen ziemlich wenig ist.

                  Das einzige, was die Parteivorsitzende bisher hätte verbocken können, wären ein paar wahrheitswidrige Artikel in einer Schülerzeitung und die Versendung verleumderischer E-Mails. Ja, zugestanden, das hat sie nicht getan – zumindest sind ihr solche Vergehen nicht nachgewiesen worden. Aber der Wahlkampf ist noch lang. 😉

                  • Stefan Sasse 15. Juni 2021, 09:11

                    Mein Punkt ist einfach nur der: ja, Baerbock hat kein eindrucksvolles Resumee. Nein, das heißt weder, dass sie a) grotesk unqualifiziert noch dass b) die „Mehrheit der Deutschen“ besser qualifiziert wäre. Scholz und Laschet sind DEFINITIV qualifizierter. Macht sie das besser? Who knows. Im Falle Laschet bin ich ziemlich auf „nein“. Scholz ist der mit Sicherheit bestqualifizierte von allen, aber nehmen wir seine Kandidatur ernst…?

                    • Stefan Pietsch 15. Juni 2021, 12:18

                      Sie hat im Grunde gar nichts, deswegen wurde das Wenige ja so gepimpt.

                      Bei Einstellungsinterviews geht es immer um die Frage: was hat jemand als Pro. Inwieweit kann der Kandidat dem Unternehmen weiterhelfen. Gibt es kein Pro, ist jemand raus. Noch mehr – und das ist ein absolut natürliches Verhalten, das Du Dir erstaunlicherweise verkneifst – wenn jemand offensichtlich einem ins Gesicht lügt, ist das Gespräch ganz schnell zu Ende. Wie die meisten werde ich auch nicht gerne angelogen. Und schon gar nicht mag ich es, wenn man mich für dumm verkauft. Zu behaupten, ihr wären „Fehler“ und „Ungenauigkeiten“ unterlaufen, sie selbst habe sich „tierisch geärgert“ (dass sie erwischt wurde), gehört in diese Kategorie.

                      Baerbock scheint kein Pro zu haben. Jetzt habe ich gerade linke Kommentatoren gefragt, und auch jemanden wie Dir fällt nichts anderes ein als dass sie für Grüne Politik stände und die anderen schon politische Fehler gemacht hätten. Nur ist Grüne Politik nicht ihr Asset, die bekommen wir auch ohne eine Kanzlerkandidatin Baerbock.

                      Wo kann Baerbock Deutschland „helfen“ und „voranbringen“? 1998, dem einzigen Jahr, wo eine Opposition vollständig die Regierung ablöste, hatte die SPD mit Gerhard Schröder in den persönlichen Kompetenzwerten einen überragenden Kandidaten. Das schafft Baerbock nicht, selbst wenn ihre Gegner nur Scholz und Laschet heißen.

                      Dazu scheint Baerbock ohne Kurs – wie ihre Rede. Wie man die Umfragen auch strategisch betrachtet, die FDP ist in allen Koalitionsoptionen die entscheidende Größe. Laschet hat das verstanden und sendet deutliche Signale an die Liberalen. Baerbocks einzige Option, aus der Sicht drei Monate vor der Wahl Kanzlerin werden zu können, ist die Option der Ampel. Doch auf dem Parteitag lieferte sie ein Angebot für eine Grün-Rot-Rote Regierung.

                      Es ist Habecks Werk, die Grünen mittiger positioniert zu haben, Türen zur FDP geöffnet zu haben. Baerbock ist da doch eher eine naive Mitradlerin.

                      Bis 2017 hielt ich Scholz für einen kompetenten Kandidaten. Dann kam der G20-Gipfel und danach gelang ihm nicht mehr viel. Laschets Regierungsbilanz dagegen liest sich nicht schlecht. Am Ende ist Erfolg doch noch immer sexy.

      • R.A. 14. Juni 2021, 10:55

        „Man nehme den Joschka …“
        Der war halt schon eine andere Nummer.
        Der ist nicht wie Baerbock oder Langstrecken-Luisa mit dem goldenen Löffel geboren worden, sondern mußte sich von unten hochkämpfen. Der hat mal richtig gearbeitet und andere Milieus außerhalb der Schickeria kennen gelernt.
        Und er hat ein Landesministerium geleitet und dabei ordentliche Arbeit abgeliefert. Da konnte man dann den Bundesminister als nächsten Schritt probieren.

        Formale Qualifikation ist nicht alles, ist auch nicht notwendige Voraussetzung (gerade wenn man das niedrigen Niveau vieler formaler Abschlüsse anschaut). Aber sie zeigt daß man wenigstens in einem Bereich mal mit Selbstorganisation und Arbeitseinsatz zu einem Erfolg gekommen ist.
        Ergänzend sollten andere nachweisbare Erfolge und Qualifikationen kommen. In manchen Fällen (wie bei Fischer) können diese die formalen Kriterien auch ersetzen.

        Das „sollten“ zeigt schon, daß das heute nicht mehr immer der Fall ist. Wir haben zunehmend Berufspolitiker, denen eigentlich die Grundlagen für einen Führungsjob fehlen.

        Gerade in der Pandemie haben wir gesehen was es bedeuten kann, wenn an wichtigen Positionen zu wenig Substanz da ist. Das hat Menschen das Leben gekostet, das hat Milliardenschäden angerichtet.

        Eigentlich sollte es jetzt eine Diskussion geben, wie man es künftig vermeiden kann, Leute wie Spahn et al. in kritische Führungspositionen kommen zu lassen.
        Statt dessen scheint bei vielen eher die Reaktion zu sein: Wenn die schlechte Qualifikation von Spahn in der Krise geschadet hat, dann verzichten wir halt künftig auf jede Qualifikation.

        Und dann kommt so eine absurde Idee wie die Kanzlerkandidatur von Baerbock. Eine abgebrochene Studentin die nebenher ein bißchen gejobt hat. Mehr hat sie mit 40 Jahren nicht vorzuweisen. Und trotzdem glaubt das Establishment des deutschen Politikjournalismus, daß sie ganz bestimmt geeignet sei um eines der wichtigsten Länder der Welt zu führen und gegebenenfalls auch Krisen zu meistern.
        Obwohl sie nicht einmal ihren eigenen CV gebacken kriegt.

    • sol1 14. Juni 2021, 00:21

      Wow – der steckt ja tief im braunen Sumpf:

      „Seit Juni 2020 ist er Redakteur bei Tichys Einblick.[1] Er verantwortet dort Titel und Politikstrecke der Printausgabe. (…)

      Er ist Unterzeichner der Charta 2017 und der Erklärung 2018. 2020 war er einer der Erstunterzeichner des Appells für freie Debattenräume.“

      https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Wendt_(Journalist)

      • Stefan Sasse 14. Juni 2021, 06:38

        NZZ ist halt wie Cicero letzte Station vor Tichy.

      • R.A. 14. Juni 2021, 11:00

        „Wow – der steckt ja tief im braunen Sumpf“
        Jo klar. Cicero, NZZ, alles Nazis außer Mama.

        Das ist nicht nur von der Beliebigkeit des Nazi-Vorwurfs unterirdisches Niveau, sondern vor allem zeigt diese ad-personam-Lüge gegen den Autor, daß inhaltlich offenbar nichts gegen den Text gefunden wurde.

        Da finde ich qualifizierte Reaktionen wie die von Stefan und Dennis doch interessanter.

        • sol1 14. Juni 2021, 16:24

          „…diese ad-personam-Lüge…“

          Was ist an den zitierten Passagen aus Wikipedia falsch?

          Es sind ja auch nicht Cicero und NZZ (die ich selbst immer wieder lese), die für mich den Autor indiskutabel machen, sondern das Lügenportal Tichys Einblick und die ins Nazi-Milieu offenen Petitionen.

          • R.A. 14. Juni 2021, 17:47

            „Was ist an den zitierten Passagen aus Wikipedia falsch?“
            Es geht nicht um Wikipedia, sondern um Deine Unterstellung „brauner Sumpf“. Die sich auch anhand der Wikipedia-Biographie nicht belegen läßt.

  • CitizenK 12. Juni 2021, 10:10

    Über Baerbock weiß ich immer noch viel zu wenig um abschätzen zu können, ob ich sie für eine fähige Kanzlerin halten würde. Aber das von dem aufgehübschten CV abhängig zu machen wie das jetzt allenthalben zu lesen und zu hören ist, scheint mir dann doch – nicht für fundiert.

    Keinen „richtigen“ Abschluss, nicht „durchgehalten“ zu haben“ spielt bei der Beurteilung anderer Führungsfiguren (Steve Jobs et. al.) – für die gleichen Kritiker – keine Rolle. Ist Heuchelei dafür das richtige Wort? Oder besser: Doppelstandards?

    • Stefan Sasse 12. Juni 2021, 11:02

      Ja.

    • Stefan Pietsch 12. Juni 2021, 11:14

      Wieso wissen Sie zu wenig?

      Baerbock ist heute 40 Jahre alt. Also ein Alter, wo Joschka Fischer sich längst vom Steinewerfer zum Taxifahrer, zum Buchschreiber, zum Grünen-Parteivorsitzenden (einzige Gemeinsamkeit mit Baerbock) und, nicht zu vergessen, Turnschuhminister gewandelt hatte.

      Baerbock ist gut 20 Jahre erwachsen, also außerhalb der Schule (wenn wir ab dem 20. Lebensjahr rechnen). In dieser Zeit hat sie 12 Jahre im universitären Bereich zugebracht. Es ist also kein unwichtiger Teil. Man kann ein Studium so oder so angehen. Die einen erwerben gerade in der Anfangsphase viele Scheine und dann einen Abschluss – Vordiplom oder heute Bachelor. Danach geht es weiter nach 2, 3 Semestern mit Diplom- oder Masterarbeit. Das ist kein Hexenwerk, machen jedes Jahr einige hunderttausend. Man braucht dafür nur eins: etwas Beharrlichkeit oder Disziplin genannt. Es spricht nicht für jemanden, von von 12 Jahren Einsatz (von immerhin gerade 20) nur bleibt: ein paar Scheine gemacht, nachträglich bescheinigt bekommen, Status des Vordiploms erworben zu haben, und mit Einsatz von 11.000 Euro einen Abschluss in 2 Semestern erlangt zu haben, bei dem in der Geschichte der Uni noch nie jemand durchgefallen ist.

      Es ist ja nicht so, dass Baerbock, die Partei und einige Medien ihre vermeintlich hervorragende Ausbildung für unwichtig angesehen hätten. Jedenfalls so lange, wie der Schmu nicht aufflog. Da wurde geprahlt, dass sich die Balken bogen: „Ich komme ja vom Völkerrecht“, „Was für eine Bildung!“ und so weiter. Wer heute sagt, die Ausbildung sei nicht wichtig, muss sich fragen lassen, warum er damals nicht relativiert hat.

      Es ist richtig, nach so 10 Jahren im Job interessiert niemanden mehr, was jemand studiert hat. Eben weil es ein Leben danach gibt. So wie z.B. bei Joschka. Und es ist fraglos so, dass man sich in dem Leben nach der Ausbildung die eigentlichen Meriten erwirbt. Vorher ist man Theoretiker ohne Ahnung von der Praxis. Und es ist auch so, dass man durchaus auch mit geringer akademischer Ausbildung etwas darstellen und werden kann. Nur ist dieser Weg vor allem eins: langwierig. Bis Fischer eine relevante politische Kraft wurde, waren von seinem Schulabbruch immerhin über 20 Jahre vergangen. Und es sind heute andere Zeiten.

      Was hat Baerbock also in den übrigen 8 Jahren gemacht? Sie hat 2 Kinder bekommen – was sie ja auch mal als Qualifikationsmerkmal hervortat -, sie hat sehr sporadisch über einen langen Zeitraum gut ein Dutzend Artikel für eine lokale Zeitung geschrieben (meist für das Schülerblatt) und sie hat eine kurze Zeit (genau weiß man es nicht) das Büro einer Abgeordneten geleitet.

      Seit gut 3 Jahren ist sie nun Parteivorsitzende der Grünen neben Robert Habeck, nachdem sie in vorherigen Funktionen nicht aufgefallen war. Auffällig ist, dass ihr in den Jahren in ihren angeblichen Kompetenzbereichen – Klima (von 2013-2017 klimapolitische Sprecherin) und Völkerrecht – eine Reihe von ziemlich deftigen Schnitzern hinlegte. Da sie die Parteiführung in Co-Funktion ausübt und für Dritte keine Aufgabentrennung besteht, lassen sich hier auch keine Erfolge explizit der Kanzlerkandidatin zurechnen.

      Sie selbst drückt sich seit der Übernahme des Parteivorsitzes um schwierige Begegnungen mit Journalisten und Medien. Sie war seit ihrer Wahl ein einziges Mal bei Markus Lanz, ein Journalist, der im Ruf steht, den Ruf von Politikern auch mal beschädigen zu können. Alice Weidel, der Co-Fraktionsvorsitzenden der AfD, wäre dies in den letzten Monaten fast zum Karrierekiller geworden, da sie ein ähnliches Drückebergertum zeigte.

      Die Strategie der Grünen wie von Baerbock bestand anscheinend in der Hoffnung, ein weißes Blatt Papier ins Kanzleramt schicken zu können. Doch das funktioniert nicht, Studium hin oder her. Wie mal 2009 Nachbefragungen zur Bundestagswahl ergeben hatten, sind Grüne zu einem hohen Prozentsatz bereit, alles zu wählen, wenn nur das richtige Label („Umwelt“) draufklebt. Doch im normalen Leben funktioniert das eben nicht.

      • Stefan Sasse 12. Juni 2021, 15:17

        Um mal einen kleinen Aspekt herauszugreifen und ohne den zu sehr dramatisieren zu wollen: zwei Kinder bekommen ist bei dir sehr abschätzig, aber tatsächlich wäre Baerbock die erste Person im Kanzleramt, die ernsthaft Elternteil war. Die bisherigen Inhaber*innen sind entweder kinderlos oder waren effektiv Fremde in ihrer Familie. Das qualifiziert sie jetzt nicht eben zur Kanzlerin, ist aber ein interessantes biografisches Detail. Dazu kommt, dass sie die erste Kanzler*in wäre, die tatsächlich Kinder hat, während sie im Kanzleramt ist (die der anderen waren meines Wissens nach alle erwachsen, als Papa einzog).

        • Stefan Pietsch 12. Juni 2021, 15:45

          Baerbock hatte ihre Eigenschaft als Mutter und Parteivorsitzende einer Partei wie die Grünen als Kritierium genannt, warum sie Kanzlerin könne. Das Zitat ist ungefähr 6-9 Monate alt, leider finde ich es nicht mehr.

          Wie käme ich dazu, jemanden wegen Elternsein anzugreifen?! Nur ist das eben keine nennenswerte Qualifikation. Weder für den Job als Kanzlerin noch den als Küchenhilfe. Aber Dir scheint eben auch kein persönliches Qualifikationsmerkmal einzufallen, warum Baerbock demnächst Deutschland im Kreis von Biden, Jinping, Macron (oder alternativ Le Pen), Draghi (falls der sich so lange hält) und Putin vertreten könnte. Muttersein reicht dafür definitiv nicht.

          • Stefan Sasse 13. Juni 2021, 15:06

            Sag ich ja auch nicht. Es klag nur wie Kritik: „Während andere gearbeitet haben, bekam sie Kinder!“

      • sol1 14. Juni 2021, 00:36

        „Baerbock ist heute 40 Jahre alt. Also ein Alter, wo Joschka Fischer sich längst vom Steinewerfer zum Taxifahrer, zum Buchschreiber, zum Grünen-Parteivorsitzenden (einzige Gemeinsamkeit mit Baerbock) und, nicht zu vergessen, Turnschuhminister gewandelt hatte.“

        Fischer war nie Parteivorsitzender, Baerbock dagegen schon mit 28 Jahren Landesvorsitzende. Baerbock wurde mit 32 Jahren Bundestagsabgeordente, Fischer mit 34. Aber die Parallelführung ist ohnehin witzlos, weil Fischer erst seine ganze Energie darin stecken mußte, seine Partei auf Bundesebene regierungsfähig zu machen. Baerbock kann bei ihrer Kandidatur auf der Arbeit anderer aufbauen, aber das ist weder Verdienst noch Makel.

        • Stefan Sasse 14. Juni 2021, 06:37

          Es ist auch die Suche nach Argumenten für eine vorher feststehende Schlussfolgerung.

          • R.A. 15. Juni 2021, 16:08

            „Ich denke wir sind uns auch alle einig, dass sie Deutschland nicht in den Untergang reißen würde.“
            Untergang im Sinne Führer-Bunker nicht. Aber es gibt ein hohes Risiko daß sie dem Land schwer schaden wird.

            „Die USA haben vier Jahre Trump überstanden,“
            Überstanden schon. Natürlich würde Deutschland auch Baerbock überstehen. Aber kann Trump der Maßstab sein?
            Wozu machen wir eigentlich noch Wahlkämpfe, wenn der Ausgang so egal wäre?

            „Kanzlerin Baerbock > Kanzlerin Merkel.“
            Nein. Trotz aller Kritik an Merkel.

        • Stefan Pietsch 14. Juni 2021, 08:46

          Merken Si, dass Sie mich bestätigen? Sie finden kein Argument, das für Baerbock spricht. Sie beschreiben Sie, als was sie immer mehr gesehen wird: als reine Parteikarrieristin. Kompetenzen für das Kanzleramt? Nichts Erkennbares.

          • sol1 14. Juni 2021, 09:21

            Was qualifizierte Jacinda Ardern für das Amt des Prime Minister von Neuseeland?

            • Stefan Pietsch 14. Juni 2021, 10:43

              Das ist keine Antwort. Genauso gut ließe es sich auch begründen, eine grüne Mülltonne ins Kanzleramt zu schieben mit Alexa drin.

              • sol1 14. Juni 2021, 16:26

                „Das ist keine Antwort.“

                Warum nicht? Anhand der Biografie von Ardern hättest du sie vor Amtsantritt ebenfalls für völlig ungeeignet halten müssen.

                Da fällt mir ein, daß ich von einem der hier herumgeisternden Kommentatoren 2008 gelesen habe, Sarah Palin hätte im Untershcid zu Barack Obama wenigstens Regierungserfahrung.

                • Stefan Pietsch 14. Juni 2021, 18:00

                  Erstens: ob man Neuseeland oder Deutschland regiert, ist da schon ein Unterschied. Deutschland ist die viertgrößte Industrienation der Welt und als solche hat sie eine dominante Funktion in der EU, dem größten Staatenbund, gewichtig im Kreis der G7 und G20, NATO-Mitglied. Man würde auch nicht jemand, der 2 Jahre Geschäftsführer einer 5-Mann-GmbH zum CEO von Siemens hochjazzen.

                  Zweitens: Ardern hat ein Studium absolviert und Führungserfahrung.

                  Drittens: Wie in einem früheren Artikel zu lesen, hätte ich Baerbock durchaus Credit gegeben. Ihr Kapital waren die Verkörperung von Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit. Wenig, weil eigentlich Mindestanforderungen, aber immerhin. Das hat sie verspielt. Dann bleibt halt nichts. Ardern hat sich solche Fauxpas nicht zuschulden kommen lassen.

                  • sol1 14. Juni 2021, 21:38

                    ///Ardern hat ein Studium absolviert… ///

                    „She then attended the University of Waikato, graduating in 2001 with a Bachelor of Communication Studies (BCS) in politics and public relations.“

                    Das klingt nicht wirklich eindrucksvoller als die akademische Karriere von Frau Baerbock.

                    „…und Führungserfahrung.“

                    Sieben Wochen (!) vor der Wahl von 2017 übernahm sie den Vorsitz der Labour Party.

                    • Stefan Pietsch 14. Juni 2021, 21:53

                      Ardern hat einen Bachelor gemacht, Baerbock hat das wahrheitswidrig von sich behauptet. Ich sehe schon in der Intension einen deutlichen Unterschied.

                      Dann haben Sie auf Wiki noch ein paar Sachen überlesen:
                      2005 ging sie nach London, wo sie während zweieinhalb Jahren im Cabinet Office des Premierministers Tony Blair als Stellvertretende Leiterin der Better Regulation Executive tätig war. 2007 wurde sie Präsidentin der International Union of Socialist Youth.

                      Vor allem: Die Sachen scheinen zu stimmen! Vielleicht macht es für Sie keinen Unterschied mehr, ob jemand von etwas von sich behauptet, getan zu haben oder ob er / sie es tatsächlich getan hat. Die meisten sehen das immer noch anders.

                      Warum verteidigen Sie eigentlich Baerbock so? Doch nur, weil Sie Ihnen politisch genehm ist. Sie lästern über jeden, der nur im Verdacht steht, „rechts“ zu sein, egal welche Meriten er erworben hat. Sie haben auch immer gewusst, dass keiner der über 90 AfD-Abgeordneten es verdient hätte, einen der der Fraktion zustehenden Vize-Posten im Bundestagspräsidium zu besetzen.

                      Aber Sie finden jemanden für welchen Posten auch immer geeignet, die nie außerhalb der Parteipolitik gearbeitet hat, die überall aufschneidet und selbst ihr Studium über 12 Jahre nicht ganz unfallfrei hinbekommen hat.

                      Irgendwie scheinen Sie für mich höchst unterschiedliche Maßstäbe an Menschen anzulegen.

                    • sol1 15. Juni 2021, 10:25

                      „Dann haben Sie auf Wiki noch ein paar Sachen überlesen…“

                      Habe ich nicht.

                      /// Ardern moved to London, England where she became a senior policy adviser in an 80-person policy unit of British prime minister Tony Blair.[4] (She did not meet Blair in London, but later at an event in New Zealand in 2011 she questioned him about the invasion of Iraq.[27]) ///

                      Klingt auch nicht eindrucksvoller als die Büroleitung bei einer Europaabgeordneten.

                      „2007 wurde sie Präsidentin der International Union of Socialist Youth.“

                      Schon mal was von Mia Thiel und Matthias Krainz gehört? Ich auch nicht!

                      /// IUSY-Präsidentin ist seit Februar 2018 Johanna Ortega (JPS Paraguay), Generalsekretärin Ana Pirtskhalava (YS Georgia). Mia Thiel von den deutschen Jusos und Matthias Krainz für die Sozialistische Jugend Österreich sind zwei der 18 Vize-Präsidenten. ///

                      https://de.wikipedia.org/wiki/International_Union_of_Socialist_Youth

                    • Stefan Pietsch 15. Juni 2021, 11:59

                      Nochmal, da Sie Argumente nicht aufnehmen: Ardern hat einen Lebenslauf, Baerbock nur ein getuntes Papier. Neuseeland zu regieren ist ungefähr so als sich um den Ministerpräsidentenposten in Rheinland-Pfalz zu bemühen. Das verursacht nur bedingtes Aufheben.

                      Und London hört sich dann doch besser an als Potsdam, Tony Blair besser als Elisabeth Schroedter. Ardern lebte dazu 19.000 Flugmeilen von zu Hause entfernt, Baerbock ein paar Kilometer.

                    • Stefan Sasse 15. Juni 2021, 12:13

                      Letztlich ist die Debatte an dem Punkt fruchtlos. Wir sind uns alle einig, dass Baerbock recht wenig Expertise vorzuweisen hat, sie ist weitgehend ein unbeschriebenes Blatt. Ich denke wir sind uns auch alle einig, dass sie Deutschland nicht in den Untergang reißen würde. Die USA haben vier Jahre Trump überstanden, die Bundesrepublik schafft mit Sicherheit vier Jahre Baerbock. Und vermutlich sind wir uns auch in was anderem einig: Kanzlerin Baerbock > Kanzlerin Merkel.

                    • Stefan Pietsch 15. Juni 2021, 12:28

                      Das wussten wir auch schon vor 2 Monaten. Was wir nicht wussten, war, dass Baerbock keine ehrliche und damit glaubwürdige Alternative zu den alten Schlachtrössern Scholz und Laschet ist.

                      Trump hat die USA im Ausland blamiert. Selbst eine Ursula von der Leyen ist in der Lage, das Ansehen Europas herunterzufahren (Remember: ich war Befürworter der Deutschen). Warum sollte Baerbock das nicht gelingen können? Schon heute muss sie von den Koryphäen der Partei – Habeck, Kretschmann, Özdemir – deutlich gestützt werden, bei einer, wie Du selbst einschätzt, Lappalie.

                      Ich erinnere mich noch gut, als Bill Clinton 1992 in den Primaries unter Druck geriet. Dann ging er ins Fernsehen, räumte schonungslos die Vorwürfe ein und ab und wurde danach wieder offensiv. Das wars, das war genial. Baerbock ist nicht genial, sie braucht selbst in so einer frühen Phase Stützung.

                      Was erleben wir eigentlich, sollte Baerbock Kanzlerin werden und erlebt ihre erste deftige Niederlage auf internationalem Parkett z.B. bei einem EU-Gipfel über zusätzliche Transfers nach Italien? Kommt sie dann zurück und jammert, da habe man sie als Frau schlecht behandelt?

                • Stefan Sasse 14. Juni 2021, 18:23

                  Bamm. 😀

    • R.A. 15. Juni 2021, 16:14

      „Keinen „richtigen“ Abschluss, nicht „durchgehalten“ zu haben“ spielt bei der Beurteilung anderer Führungsfiguren (Steve Jobs et. al.) – für die gleichen Kritiker – keine Rolle.“
      Wenn Steve Jobs nach seinem Studienabbruch für die US-Präsidentschaft kandidiert hätte, dann hätte das für die Beurteilung sehr wohl eine Rolle gespielt.

      Der Unterschied ist: Jobs hat sein Studium bewußt abgebrochen um etwas Anderes zu machen. Und dieses Andere war erfolgreich und vorzeigbar und deswegen kann man dann urteilen, daß er sehr wohl qualifiziert ist (ich hätte ihn trotzdem nicht zum US-Präsidenten gewählt).

      Baerbock ist dagegen ganz banal in ihrem Studium gescheitert. Ob aus Dummheit und/oder Faulheit ist offen, sie hat es nicht geschafft (und das war schon ein recht dünnes Brett).
      Sie hat das aber nicht offen eingestanden, sondern Lügen erfunden um von ihrem Scheitern abzulenken. Bis hin zum peinlichen „Du Schweinehirt – ich Völkerrecht“-Dialog mit Habeck. Sie hat ihren erlogenen akademischen Abschluß also bewußt politisch eingesetzt um sich zu profilieren. Und nichts Anderes im Leben geleistet, was den Studienmißerfolg kompensieren könnte.

      • Stefan Pietsch 15. Juni 2021, 16:24

        Man muss es immer wieder deutlich sagen: Sie hat 12 Jahre (!) ziemlich ziellos studiert, keine Nachweise außer ein paar Scheinen erbracht. Keine Masterarbeit, keinen Bachelor, nicht einmal ein ordnungsgemäßes Vordiplom, von Ansätzen einer Promotion, über die ihre Betreuerin berichten könnte, ganz zu schweigen. Nur 12 Monate Schnellstudium für immerhin viel Geld (11.000 Euro), bei dem die Wahrscheinlichkeit, durchzufallen, praktisch bei Null lag. In anderen Fällen hätten die heutigen Verteidiger der Grünen gesagt: gekauft.

        • sol1 15. Juni 2021, 17:28

          „Nur 12 Monate Schnellstudium für immerhin viel Geld (11.000 Euro), bei dem die Wahrscheinlichkeit, durchzufallen, praktisch bei Null lag. In anderen Fällen hätten die heutigen Verteidiger der Grünen gesagt: gekauft.“

          Was soll der Quatsch?

          Sie hat ihren Master mit mit der höchsten Notenstufe Distinction abgeschlossen.

          • Stefan Pietsch 15. Juni 2021, 18:24

            Sie hat vor allem ein Schnellstudium absolviert, das viel Geld gekostet hat und keine Durchfallquote hat.

            Ich frage mich halt in solchen Fällen immer: Warum bekommt jemand über Jahre nichts auf die Kette, studiert ohne jedes Ergebnis, spart sich (Diplom- / Master-) Arbeiten und Examen und im Schnellspurt – voila! Und dann wieder sechs Jahre Promotion, wieder ohne jedes (Zwischen-) Resultat.

            Ich glaube halt nicht, dass Menschen jahrelang so sind und für einen Moment so. Lebenserfahrung.

            • sol1 16. Juni 2021, 20:52

              Ich setze diesem Unfug (von R.A. erwarte ich ja ohnehin nichts anderes als irre Verleumdungen) das entgegen, was Alexander Lambsdorff als Antwort auf einen Tweet von Phil Hackemann geschrieben hat:

              /// Es ist so deutsch, was unter #studierenwieBaerbock abgeht… Mann schlägt sich die Hand vors Gesicht Man kann @ABaerbock ja gerne fehlende Regierungserfahrung vorwerfen, aber die Frau hat einen Masterabschluss (mit Auszeichnung!) von einer Eliteuniversität. Also können wir uns jetzt bitte auf Inhalte konzentrieren? ///

              https://twitter.com/PhilHackemann/status/1393343297918275584

              /// Exakt So bescheuert, zu kritisieren, dass @ABaerbock im Ausland studiert hat. Ich hab’s exakt wie sie gemacht: mit Bacheloräquivalent an die @Georgetown
              Uni, zwei Master-Abschlüsse ‍‍ in #USA gemacht – und bin stolz darauf! #studierenwieBaerbock = #studierenwieLambsdorff. ///

              https://twitter.com/lambsdorff/status/1393463766138990592

              /// P.S.: Die schiere Ahnungslosigkeit mancher Kritiker macht einen sprachlos.
              P.P.S.: Gerade deutsche Unis schneiden in internationalen Vergleichen leider weit schlechter an als LSE oder Ivy League. Also ⚽️ mal schön flachhalten und lieber das deutsche Bildungssystem reformieren… ///

              https://twitter.com/Lambsdorff/status/1393464642337398784

              • Stefan Pietsch 16. Juni 2021, 21:12

                Ich weise wiederholt daraufhin, es kommt auf das Gesamtkunstwerk an. Und da ist es wie gestern bei der deutschen Mannschaft: hinten zu anfällig und zu viele Fehler, vorne einfach ohne Power, zu wenige vor dem Ball und ohne Zug zum Tor.

                • CitizenK 16. Juni 2021, 22:35

                  Nach Max Weber sind sachliche Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und ein distanziertes Augenmaß die drei wichtigsten Qualitäten eines Politikers.

                  Von formaler Ausbildung steht da nichts.

                  • Stefan Pietsch 16. Juni 2021, 22:54

                    Erkenne ich alles drei nicht bei Baerbock. Jedenfalls nicht mehr, als bei fast jedem anderen Politiker auch.

                    Also, kein Unterscheidungsmerkmal.

                    • CitizenK 17. Juni 2021, 07:56

                      Ja, aber um so mehr wundere ich mich, dass die Kritik sich so sehr auf diesen Punkt kapriziert.

                    • Stefan Sasse 17. Juni 2021, 08:04

                      Haben nichts Besseres 😉

                    • R.A. 17. Juni 2021, 10:22

                      „aber um so mehr wundere ich mich, dass die Kritik sich so sehr auf diesen Punkt kapriziert.“
                      Es war Baerbock selber, die diesen Punkt in den Vordergrund geschoben hat. Wäre sie mit ihrem Scheitern im Studium offen umgegangen, wäre das kein großes Thema gewesen. Aber sie hat sich halt als Völkerrechtlerin in Szene gesetzt, gerade auch um den Konkurrenzkampf mit Habeck für sich zu entscheiden.

                      Wenn denn formale Abschlüsse nicht wichtig wären – warum hat sie dann die Lügen gebracht?

                    • Stefan Pietsch 17. Juni 2021, 12:48

                      Es ist schon ein bisserl blöd, wenn man immer die Argumente wiederholen muss, weil die anderen sie nicht aufnehmen (von Widerlegen ist gar keine Rede).

                      Wenn ein Mensch 12 von 20 Jahren seines aktiven Lebens studiert, wird man sich schon ansehen müssen, wie er das getan hat.

                      Wenn derjenige praktisch keine Berufserfahrung vorweisen kann, erhöht sich das Gewicht der Ausbildung.

                      Wenn derjenige über sein Wenig enorm türkt, ist das eine Belastung.

                      Wenn jemand nicht einmal auf den von ihm selbst propagierten Feldern Integrität, Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit Assets vorweisen kann, disqualifiziert er sich für Ämter, die genau das verlangen.

                      Zum letzten Punkt: Eine Person schließt sich zur Führung einer 2-Mann-GmbH aus, wenn er in der Vergangenheit betrügerisch gehandelt hat. Voraussetzung ist dafür natürlich ein entsprechendes Strafverfahren und Verurteilung.

                      Baerbock hat betrogen in nicht unerheblichem Umfange. Dieses in der Wirtschaft angesetzt wäre sie zu einer nicht unerheblichen Geldstrafe verurteilt worden. Sie hat auch gegen eindeutige Transparenz- und Melderegeln verstoßen (Good Governance). Trotzdem will sie unmittelbar danach zur Führung des Landes geeignet sein.

                      Sie hat sich darüber hinaus ohne Kontrolle sich selbst bereichert. Das ist so, als hätte sie selbst in die Kasse gegriffen. Auch das zöge in der Wirtschaft ein Strafverfahren nach sich.

                      Philipp Amthor musste auf den CDU-Vorsitz in einem kleinen Landesverband verzichten, weil er ein Jahr neben seiner Abgeordnetentätigkeit als Lobbyist tätig war. Mehr war ihm nicht zur Last zu legen, trotzdem hatte es erhebliche Auswirkungen auf seine Karriere (unter dem Applaus aller linken Kommentatoren hier).

                      Baerbock hat zahlreiche Verfehlungen nicht zuletzt gegen die der Integrität und soll schon in ein paar Monaten nicht nur einen Landesverband, sondern gleich das Land führen.

                      Und da sehen Sie keine Schieflage in der Argumentation?

          • R.A. 16. Juni 2021, 10:30

            „Sie hat ihren Master mit mit der höchsten Notenstufe Distinction abgeschlossen.“
            Das ist falsch.
            „Master“ ist im englischen Sprachraum kein geschützter Begriff, kann Diverses bedeuten und ist nicht unbedingt ein Studienabschluß.

            Im konkreten Fall ist der Master of Law der LSE als Zusatzqualifikation für Leute gedacht, die bereits ein komplettes Jura-Studium abgeschlossen haben (was bei Baerbock nicht ansatzweise der Fall ist).
            Deswegen folgt er auch keinem festen Curriculum, sondern ist ein jährlich wechselndes Potpurri an Referenten, die bei der LSE mal einen Kurs halten.
            Dieser Schein ist nicht Bologna-zertifiziert, es gibt keine Credits dafür, es gibt keine Abschlußprüfung, es gibt keine Abschlußarbeit, er ist nicht berufsqualifizierend und berechtigt nicht zur Promotion.

            Mit anderen Worten: Als nach 4 Jahren in Hamburg absehbar war, daß sie das Studium dort nicht packt, hat Papa Baerbock mal tief in den Geldbeutel gegriffen und ihr als Camouflage einen Schein in London gekauft, der in Deutschland so klingt als hätte sie erfolgreich studiert.

            • Dennis 16. Juni 2021, 20:54

              Ja, es ist natürlich tragisch für das liberal-konserative Lager:
              Man wollte unbedingt grün wählen, wird aber jetzt wegen dieser Personalie daran gehindert. Und der Fischer, Joschka kommt auf seine alten Tage in den Genuss von reichlich Weichspüler mit Premium Duft, wer hätte das gedacht.

              https://abfallkalender2013.files.wordpress.com/2013/05/fischer_putztruppe_abfallkalender1.jpg

              Bildmitte; in seiner Eigenschaft als Top-Macho der Frankfurter Putztruppe erwarb er sich wertvolle Führungsqualitäten, statt auf einer bescheuerten Schmalspur-Hochschule rumzulungern, die Abschlüsse gegen Kohle verhökert. Von Studiengebühren ist die FDP zwar ansonsten begeistert, je höher, desto besser muss die Qualität sein, daran zeigt sich „Marktwirtschaft“. Außer im hier besprochenen Fall, natürlich. Da gilt was anderes. Private Hochschulen sind hip, staatliche einfach nur scheisse. Auch diesbezüglich hier eine Ausnahme.

              Der Joschka dagegen sammelte Auslandserfahrungen als SDS-Delegierter beim PLO-Kongress in Algier (1969).

              Zitat R.A.:
              „…mußte sich von unten hochkämpfen. Der hat mal richtig gearbeitet und andere Milieus außerhalb der Schickeria kennen gelernt.“

              Ja, ich weiß, die Schickeria war der FDP schon immer verhaßt. Typische Malocher-Partei.

              Zitat:
              “ „Master“ ist im englischen Sprachraum kein geschützter Begriff, kann Diverses bedeuten und ist nicht unbedingt ein Studienabschluß. “

              Mal hier gucken:

              https://www.gov.uk/check-university-award-degree/recognised-bodies

              natürlich gibt es in auch in GB (bzw. hier speziell England and Wales) gesetzliche Regeln zur Führung akdemischer Grade. Und in zwei Semestern zum Jura-Master geht auch in Deutschland, z.B. hier:

              https://www.lmu.de/de/studium/studienangebot/alle-studienfaecher-und-studiengaenge/studiengang_5426.html

              Hat man aber nicht viel von, weil das Heiligtum Staatsexamen (deren zwei) für alle interessanten einschlägigen Berufe, z.B. Rechtsanwalt, momentan noch vorgeschrieben ist. Wird zukünftig womöglich aufgeweicht, schaun mer mal. Jura alla bolognese gilt auch in D als Schmalspur (böse Zungen behaupten: Das gilt für den ganzen Bologna-Quatsch eh), die Krönungsmesse „Staatsexamen“ ist jedenfalls NICHT Bologna-integriert.

              • Dennis 17. Juni 2021, 09:17

                Fehlerkorrektur, Asche auf mein Haupt 🙁

                Die LSE ist nicht privat im engeren Sinn, sondern gilt offiziell als „public“, wenngleich mit typischen Aspekten, die Unabhängigkeit gewährleisten; und immerhin ist man vergoldet 🙂

                https://en.wikipedia.org/wiki/Golden_triangle_(universities)

                Man kann sich jedenfalls die Studierenden flexibel selbst auswählen (was u.a. die Anerkennung von Vor-Abschlüssen betrifft) und erfüllt damit eine alte Forderung der FDP. Dass durch solche Methoden im Ergebnis Studienplätze „gekauft“ werden, ist natürlich entrüstet zurückzuweisen – außer in diesem Fall.

              • R.A. 17. Juni 2021, 10:30

                „Und in zwei Semestern zum Jura-Master geht auch in Deutschland“
                Richtig. Das ist im Bologna-System auch explizit vorgesehen, aber dann muß das Bachelorstudium vorher deutlich umfangreicher sein.

                „Dass durch solche Methoden im Ergebnis Studienplätze „gekauft“ werden,“
                Das ist kein echtes Problem, WENN man das System kennt und entsprechend einordnen kann.

                Das angelsächsische System funktioniert in sich sehr gut. Da weiß der Personalchef, daß die LSE ein hervorragendes Bachelor-Studium Law anbietet und daß dieser Abschluß etwas wert ist. Und wenn jemand mit einem abgeschlossenen Jura-Studium dann bei der LSE noch den Master-Schnellkurs macht, ist das halt ein Sahnehäubchen und ein Pluspunkt im CV. Aber für sich genommen wertlos, wenn die Basis fehlt.

                Das paßt halt nicht zum deutschen Verständnis, wo ein Master nur als hochwertiger Abschluß eines kompletten Studiums gedacht ist. Was Baerbock mit ihrem Londoner Schein natürlich suggerieren wollte.
                Daß deutsche Juristen noch zusätzlich die Staatsexamen relevant finden ist ein anderes Thema.

  • sol1 15. Juni 2021, 10:44
    • Stefan Pietsch 15. Juni 2021, 11:51

      Er verabschiedet sich nicht, er kann nur rechnen. Das habe ich übrigens auch schon vor Monaten geschrieben, die Grünen benötigen möglicherweise nur 20 Prozent fürs Kanzleramt, die Union aber 30 Prozent. Allerdings, viel stärker dürfen die Grünen auch nicht mehr sinken, denn dann kommen auch die SPD und die FDP nahe ran.

      Problematischer ist etwas anderes: So wie es aussieht, kommt Baerbock nur mit der FDP ins Kanzleramt. Auf dem Parteitag hielt sie aber eine Rede für Grün-Rot-Rot. Sie propagierte all das, was mit den Liberalen nicht geht, während Habeck den Bogen schlug. So fehlerhaft wie Baerbock agiert, könnte sie mit ihrem Wahlkampf die Grünen in der Opposition und garantiert unter 20 Prozent halten.

      • Stefan Sasse 15. Juni 2021, 12:11

        Die FDP und die CDU propagieren gerade auch alles, was mit den Grünen nicht geht. Jung, das ist Wahlkampf.

        • Stefan Pietsch 15. Juni 2021, 12:33

          Ja, aber sie können es sich leisten. Das ist der Unterschied. Baerbock hat keine Alternativen, die Union und die FDP schon.

          Wenn zwei sich nicht einigen können, gilt der Status quo fort. Also das, was den Grünen schadet. Es gibt eine Aufweichung der Schuldenbremse nur, wenn die Union mitzieht. Es gibt Steuererhöhungen nur, wenn auch Konservative und Liberale dafür sind. Es gibt nur eine deutliche Erhöhung von Mindestlohn und Hartz-IV-Sätzen, wenn der politische Gegner sein Plazet gibt.

          Der Angreifer braucht nicht nur gute Argumente, sondern auch Druckmittel. Die haben die Grünen kaum.

          • sol1 15. Juni 2021, 17:30

            „… die Union und die FDP schon.“

            Welche denn? Die Deutschlandkoalition?

            • Stefan Pietsch 15. Juni 2021, 18:21

              Die große Sorge der Grünen seit Sachsen-Anhalt.

              • sol1 16. Juni 2021, 20:45

                Ich mache mir da keine Sorgen.

                Wie sollen denn da Esken und Nowabo reinpassen?

                • Stefan Pietsch 16. Juni 2021, 21:10

                  Brauchen Sie ja auch nicht. Sie werden nicht in die Verlegenheit kommen, verhandeln zu müssen. 😉

                  Aber es schwächt immer die eigene Verhandlungsposition, wenn der andere Alternativen abseits von einem selbst hat. Zählen wir einfach durch:

                  Jamaika: Steuererhöhungen und Ausweitung der Staatsverschuldung aufgrund der Positionierung von Union wie FDP nahezu ausgeschlossen (ich verwende pauschal die Einschränkung, weil es 100%ige Sicherheiten nicht gibt).

                  Ampel: Für die FDP, so sie zustande kommt, die conditio sine qua non.

                  Deutschland: Hier wäre die SPD zu schwach.

                  Allein bei Grün-Rot-Rot käme es zu gravierenden Steuererhöhungen und weitere Aussetzung der Schuldenbremse. Doch diese Variante ist zum einen von den Umfragen betrachtet die unwahrscheinlichste und dazu die in der Bevölkerung unbeliebteste. Beliebt ist sie allein bei Grünen- und LINKEN-Anhängern. Also, Baerbock wirbt für etwas, das sie Stimmen von bürgerlichen Wählern kostet und ihr mit einiger Wahrscheinlichkeit keine Mehrheit verschaffen wird. Nicht besonders klug.

                  Ich habe nicht den Eindruck, dass Esken und Borjans derzeit besonders einflussreiche Figuren der SPD sind. Angeblich sind sie ja Parteivorsitzende.

                  • sol1 17. Juni 2021, 11:03

                    Und wo wirbt Baerbock für GRR?

                    Alleine schon der Drohnen-Beschluß des grünen Parteitags rückt diese Option in himmelweite Ferne.

                    • Stefan Pietsch 17. Juni 2021, 12:35

                      Einigkeit auf allen relevanten Politikfeldern und klarer Dissens zu den Konservativen und den Liberalen:

                      Finanz- und Steuerpolitik. Höhere Staatsverschuldung und Steuererhöhungen versus Rückkehr zur Schuldenbremse und Ausschuss von Steuererhöhungen.

                      Umweltpolitik. Starker Verweis auf Ordnungspolitik versus Vorrang des Zertifikatehandels.

                      Sozialpolitik. Gravierende Erhöhung der Hartz-IV, Abschaffung der Sanktionen und Erhöhung des Mindestlohns versus Konsolidierung auf dem bisherigen Niveau.

                      Europapolitik. Ausweitung der Transferunion versus Mitgliedschaft im „Nordländerclub“.

                      Migrationspolitik. Deutlich aufgeweichte Zuwanderungspolitik und Lockerung der EU-Außengrenzen versus deutliche Kontrolle.

                      Betrachtet man sich die Punkte, die Baerbock auf dem Parteitag auch noch einmal hervorgehoben hat, so kann man sich leicht eine GRR-Regierung vorstellen, aber nur sehr schwer Jamaika oder die Ampel.

                      Alle Offenheit der Grünen, man könne sowohl mit der Union als auch der FDP, gründen auf der Annahme, dass Konservative eben zu großen Kompromissen bereit sein müssten. Doch wenn das so ist – warum stellt man ein Programm, auf das man sich mit SPD und LINKE im Handumdrehen einigen könnte?

                    • Stefan Sasse 17. Juni 2021, 17:10

                      Das Problem sind nicht die Grünen, sondern die LINKE. Die ist der Stolperstein bei R2G. Deswegen wirbt da auch keiner. Mit denen kannst gerade nicht koalieren, und die wollen ja auch nicht.

                    • Stefan Sasse 17. Juni 2021, 17:10

                      Das ist reine Fieberfantasie.

    • Stefan Sasse 15. Juni 2021, 12:11

      Stimme 100% zu dem Artikel.

  • Erwin Gabriel 16. Juni 2021, 15:31

    @ CitizenK 14. Juni 2021, 16:56

    Aber ist es nicht legitim, den Schwächeren (Mietern, Arbeitnehmern) medial Unterstützung zu geben gegenüber der anderen Seite, die in aller Regel über mehr Geld, mehr Einfluss, mehr Beziehungen und Lobby (Verbände) verfügt?

    Sagen wir mal so: Ich verstehe den Punkt, und kann ihn ein Stück weit emotional nachvollziehen. Aber Du stellst hier letztendlich eine Machtfrage, und da ist die Situation lange nicht so klar, wie Du sie beschreibst.

    Verbände nützen, wenn es um Gehaltsverhandlungen geht, und da stehen den Unternehmensverbänden die Gewerkschaften gegenüber. Gehst Du eine Etage tiefer, also in die innerbetriebliche Auseinandersetzung, steht das Unternehmen allein auf der einen Seite, auf der anderen im Zweifel immer noch die große Gewerkschaft (die sich in der Regel nicht scheut, auch mal ein abschreckendes Beispiel durchzuziehen). In sehr vielen Unternehmen kann der Betriebsrat alles blockieren und einen unglaublichen Einfluss nehmen. Und im Streitfall steht die Gewerkschaft bei Fuß, und der Unternehmer trägt seine Anwaltskosten allein.

    Ich kenne einen Fall in einem großen Unternehmen, wo ein Mitarbeiter Kollegen und den Chef gemobbt hat. Der tat einfach gar nichts, hängte andere Kollegen für sein Versagen hin; und wann immer wer immer ihn ansprach, kriegte eine Kelle. irgendwann gab es strukturbedingte Kündigungen (wg. Merkels Atom-Ausstieg), und der Mitarbeiter wanderte auf die Liste. Der Betriebsrat verteidigte da Gewerkschaftsmitglied heftig, und war keinen rationalen Argumenten zugänglich (O-Ton: „Der arbeitet nicht? Für die Motivation sind die Vorgesetzten verantwortlich). Unabhängig vom Wert fürs Unternehmen, vom Alter, vom zwischenmenschlichen Umgang konnten nur Nicht-Gewerkschaftsmitglieder entlassen werden. Da sind richtig viele Abteilungen den Bach runtergegangen.
    Ein kleines Software-Unternehmen (unter 20 Mann, gehört einem guten Freund von mir), hatte einen Mitarbeiter, der ein besonderes wichtiges Projekt betreute. Zu einem strategisch geschickten Zeitpunkt forderte er eine Gehaltsverdoppelung und einen Dienstwagen, andernfalls würde er kündigen. Wäre er gegangen, wäre eine millionenhohe Vertragsstrafe fällig geworden; mein freund musste der Erpressung folgen, da wer sonst sein unternehmen verloren hätte, und alle Mitarbeiter arbeitslos geworden wären.

    Das ist nicht der Standard, aber es kommt immer wieder vor, dass kleine und selbst große Unternehmen wie VW an der Leine laufen müssen. Aktuell werden gut ausgebildete leute gesucht, und können per Job-Hopping eine Menge Geld verdienen. Da gibt es keine Einwände gegen den „Markt“, sollen die Chefs doch mehr bezahlen, wenn sie die Leute brauchen. Aber andersherum, in einer Krise: Da verpflichtet Eigentum, da sollen die Arbeitgeber die Leute behalten, ob sie benötigt werden oder nicht, und geringerer Lohn bei einem Überangebot an Arbeitskräften kommt nicht in Frage …?

    Auch über Vermiet-Situationen kann ich Dir hunderte Geschichten erzählen bis hin zu Mietern, die ihre Vermieter, ein älteres Rentner-Ehepaar, so triezten, dass die schließlich ihr Haus verkauften, nur um ihn los zu sein. Heruntergerittene Wohnungen, künstlich erzeugte Schäden, um die Miete zu drücken, Mietausfall bis hin zur Pleite des Hausbesitzers samt anschließender Versteigerung – diese Seiten gibt es auch, ohne dass vom Standtpunkt des Opfers berichtet wird.

    Du hast nicht nur die Reinigungs- oder Hotelbranche, wo man Leute drückt wie blöd, Du hast nicht nur die großen Wohnungskonzerne, und oft genug steht das Recht auf Seiten der vorgeblich „Schwachen“, der Angestellten, der Mieter.

    • CitizenK 17. Juni 2021, 08:23

      Bin kein Polit-Magazin-Junkie mehr, aber mein Wissen über Mietnomaden und die Internet-Nöte von Unternehme(r)n habe ich noch auch solchen Sendungen. Ob die Berichterstattung so krass ungleichgewichtig ist, müsste wohl genauer untersucht werden.

      Nicht selten erweist sich aber vermeintlich „linke“ Kritik als gesamtgesellschaftliche. Beispiele:
      Mitarbeiter auch in der Krise zu behalten, liegt sehr oft im Interesse der Unternehmen selbst. Neue anzuwerben ist langwierig und teuer. Das gleiche gilt für die Streichung von Ausbildungsplätzen in der Krise. In beiden Fällen unterstützt der Staat (Kurzarbeitergeld und Ausbildungsprämien). Sozialstaatliche (wohlfahrstaatliche) Maßnahmen des Staates werden aber von konservativ-liberaler Seite oft pauschal diffamiert.
      Arbeitskräftemangel: Selbst der gewiss nicht linkslastig-verdächtige Ifo-Chef Fuest fordert lapidar: Wer Fachkräfte will, muss höhere Löhne zahlen. Das galt bis vor Kurzem (auch hier im Blog) noch als „linkes“ Argument.

      „Gerechtigkeit als Fairness“ ist deshalb meine Leitlinie. Und John Rawls ist bekanntermaßen ein Liberaler, kein Linker.

      • Stefan Pietsch 17. Juni 2021, 15:54

        Nicht selten erweist sich aber vermeintlich „linke“ Kritik als gesamtgesellschaftliche.

        Ach, immer diese Selbstüberhöhung. Das kann man immer auch umgekehrt betrachten, nur akzeptieren Linke das nicht.

        Die Dosis macht das Gift. Linke meinen, wenn mal etwas Ertrag gebracht hat, sollte man die Mittel verdoppeln. Es gehört zum Wesen einer liberalen Wirtschaftsordnung, dass Unternehmen aufsteigen und verschwinden. Damit einher gehen Einstellungen und Entlassungen. Unternehmen sind atmende Organisationen, keine statischen, planwirtschaftlichen volkswirtschaftliche Betriebe.

        Die Aussetzung des Insolvenzrechts für über ein Jahr hat Zombie-Unternehmen entstehen lassen. Die Wirtschaftsakteure wissen nicht, ob ihr Geschäftspartner noch solvent ist oder einen selbst durch Zahlungsausfälle in den Abgrund reißt. Eine solch tiefgreifende Krise ist auch ein enormer Push in der Evolution. Dabei sind die Grünen auf die dämlichste aller Ideen verfallen: Alle Arbeitnehmer, die aufgrund der von ihnen geforderten Verbote in der Automobilindustrie ihren Job verlieren, sollen dauerhaft alimentiert werden. Echt genial!

        Und viele Kurzarbeiter, die vor einem Jahr auf Null gesetzt wurden, wissen manchmal nicht, ob ihr Unternehmen noch besteht. Sie haben monatelang enormen Verzicht geübt und sind möglicherweise von der Politik veralbert worden, da sie eigentlich längst arbeitslos sind.

        Die Dosis macht eben das Gift.

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