Bücherliste November 2019

Dies ist der erste einer monatlichen Serie von Posts, in denen ich die Bücher bespreche, die ich in diesem Monat gelesen habe. Je nachdem wie sich das einpflegt werde auch auch auf andere Medien und Formate eingehen, die ich als relevant empfinde. Vorerst ist das Verfahren experimentell, bitte gebt mir daher entsprechend Feedback! Diesen Monat: der achte Band von „The Expanse“, apokalyptische Geschichts-Narrative, eine Geschichte der sexuellen Belästigung, Dinosaurier, Deutschlands Sicherheitspolitik und die Besatzungspolitiken der US Army.

Nadia Schadlow – War and the art of governance: Converting military success into political victory

Seit Vietnam beherrscht das Problem des „Danach“ die amerikanische Sicherheitspolitik: Was tun wir, wenn der militärische Konflikt gewonnen ist? Wie gewinnen wir den Frieden? Nadia Schadlow hat dazu ein Buch vorgelegt, das vom amerikanisch-mexikanischen Krieg in den 1840er Jahren bis heute nachverfolgt, wie das amerikanische Militär versuchte, militärische Erfolge politisch abzusichern.

Herausgekommen ist letztlich eine Geschichte amerikanischer Besatzungs- und Verwaltungspolitik. Dabei schälen sich einige Leitmotive heraus. So zieht sich wie ein Roter Faden durch die US-Geschichte, dass das Militär diese Aufgaben nicht übernehmen will, aber nicht darum herumkommt, weil es keine anderen Akteure gibt. Diesem Unwillen der Militärs steht immer ein Misstrauen der zivilen Behörden gegenüber, die keine parallelen Militärregierungsstrukturen etablieren wollen. Dieser Dualismus prägt die gesamte Geschichte und sorgt beständig für Friktionen.

Schadlow verfolgt einen sehr eingeschränkten Fokus. Viel zu oft beschreibt sie lediglich die entsprechenden Organisations- und Verwaltungsakte, ohne weiter auf das „Warum“ einzugehen. Man kann das exemplarisch an der Darstellung des 19. Jahrhunderts sehen. Die US-Truppen in Kalifornien und New Mexico etwa greifen vor allem auf lokale Strukturen zurück und halten schnell Wahlen ab, erfahren wir da, um sich selbst sobald wie möglich herauszunehmen. Während der Besetzung der Südstaaten hat Präsident Johnson starke Bedenken gegen die Militärregierung und will diese möglichst schnell zurücknehmen. Und auf den Philippinen geben die US-Truppen die Regierung bald an zivile Behörden.

Nichts davon ist falsch, aber es fehlt entscheidender Kontext. In Kalifornien und New Mexico geht die politische Kontrolle an amerikanische Siedler, deren Anwesenheit in mexikanischen Gebieten ja überhaupt erst der Grund für den Krieg war, aber Schadlow sagt davon kein Wort. Bei ihr klingt es so, als ob die US Army eine Demokratie mit Mexikanern aufbaut. Johnson wollte die US Army aus dem Süden haben, weil diese Garant der Reconstruction war und es sein Ziel war, den Südstaaten die Rückkehr zur rassistischen Weißenherrschaft zu erlauben – weswegen er ja auch impeached wurde. Und auf den Philippinen führte die Armee einen jahrzehntelangen, blutigen und genozidalen Vernichtungskrieg, aber Schadlow hört ihre Geschichte einfach mit offiziellem Ende der Kampfhandlungen auf. Auf diese Art lässt sich natürlich eine Erfolgsgeschichte schreiben, aber wenig lernen. Wenn das die Art ist, wie Militärgeschichte in West Point gelehrt wird, dann gute Nacht.

Die Grenzen von Schadlows Ansatz bleiben auch danach deutlich. Sie beschäftigt sich quasi nur mit Militärregierungen, solange die Kampfhandlungen anhalten und schneiden mit der Kapitulation des jeweiligen Gegners praktisch ab. In der Betrachtung Deutschlands nach beiden Weltkriegen wie Koreas nach dem zweiten ist so der eigentlich relevante Teil nur angedeutet und nicht Gegenstand der Untersuchung. Die Rolle des US-Army im besetzten Rheinland zwischen 1919 und 1921 etwa ist hochgradig interessant, weil die US-Truppen recht schnell als Puffer zu Frankreich und Großbritannien gesehen wurden und agierten – und hier wäre auch der Vergleich mit 1945-1949 instruktiv, der aber auch ausbleibt.

Richtig auseinander bricht die Struktur des Buches danach. Von Korea geht es nach Panama (!) 1989, und von dort nach Afghanistan und Irak. Vietnam bleibt völlig unerforscht. Zu den Anti-Terror-Kriegen erfahren wir zwar viel Verwaltungsgeschichte, voll kryptischer Abkürzungen, bleiben aber bei der nicht eben rasend innovativen Feststellung stehen, dass das Fehlen einer klaren Strategie und das permanente Oszillieren zwischen Anti-Terror- und Aufbau-Einsätzen wenig hilfreich war und ist. Das Buch bleibt so eine ziemliche Enttäuschung und nur für die sehr eingeschränkte Zielgruppe, die sich für Civilian Affairs im US-Militär interessiert, von Belang.

Sarah Brockmaier/Philipp Rothmann – Krieg vor der Haustür. Die Gewalt in Europa und was wir dagegen tun können

Die Deutschen tun sich bekanntlich schwer mit militärischen Interventionen und verlegen sich lieber auf „politische Lösungen“, den Zauberstab der Verhandlungen. Doch weder das eine noch das andere ist eine immer zu bevorzugende Lösung, und Brockmaier und Rothmann behandeln in ihrem Buch diverse Fallbeispiele von Libyen zu Mali und Syrien, in denen sie untersuchen, welches Instrument angewandt wurde und mit welchem Erfolg.

Grundsätzlich für ihre Argumentation ist die nicht unbedingt neue, aber stets zutreffende Kritik, dass es der deutschen Außenpolitik grundsätzlich an einer sinnvollen strategischen Ausrichtung fehlt. Sie beklagen die einseitige Verengung der Debatte auf die Frage, ob militärische Mittel eingesetzt werden sollen, und wehren sich dagegen, es als beständigen Dualismus zu sehen – Militär schlecht, Zivil gut -, ohne dass eine Strategie dahintersteht.

Völlig zurecht fragen sie etwa, wie eine „politische Lösung“ aussehen soll, die der damalige Außenminister Steinmeier vorschlug, als der IS die Jesiden massakrierte; gleichzeitig kritisieren sie aber auch die „Intervention auf Autopilot“ in Libyen 2011. Ihre Argumentation ist insgesamt differenzierter, was wenig verwunderlich ist: ihre Kernforderung ist die nach differenzierter Werkzeugauswahl in den internationalen Beziehungen und einer dahinterliegenden Strategie.

Diese Kernforderung wird in verschiedenen Dimensionen, von Entwicklungshilfe über logistische Unterstützung zu rechtsstaatlichen Prozessen zu Interventionen immer wieder wiederholt und an konkreten Beispielen sehr greifbar gemacht. Brockmaier und Rothmann schauen dabei auch über den Tellerrand hinaus, welche Interessen und legalistischen Theorien von anderen Akteuren wie etwa Brasilien (2011 Vorsitzende des UN-Sicherheitsrats) vertreten werden und wie diese mit Europa interagieren. Sehr empfehlenswertes, leicht lesbares Buch, das mit einem guten Mix an Beispielen und theoretischen Abhandlungen aufwarten kann.

James S. A. Corey – Tiamat’s Wrath. The Expanse Book Eight (James S. A. Corey – Tiamats Zorn)

Ich habe für meinen Patreon zum Podcast „Boiled Leather Audio Hour“ eine Rezension  geschrieben. Diese steht bislang nur Patreons offen, aber weil ich euch alle so lieb habe und gleichzeitig ein wenig Werbung für Podcast und Patreon betreiben will, findet ihr den Text nachfolgend.
For some reason, the publication of the eighth novel in the Expanse cycle in March totally went past me, so I only read it now. The book picks off a few years after Book 7, in which the Laconians conquered the known galaxy and James Holden was taken captive by High Consul Duarte. As we check back in, Naomi is a vital figure in the Underground’s leadership cadre, Bobby commands a stolen Laconian destroyer (piloted by Alex), and Amos is MIA on a mission to Laconia, where he was supposed to plant a Nuke but has since missed every evacuation window. Holden remains a captive of Laconia. 
The story is told from five POV characters perspectives: Naomi, Elvi, Alex, Bobby and, new to the mix, Duarte’s daughter Theresa. Without going too much into spoilers, the plot covers a scientific mission of Elvi’s that’s supposed to research anomalies in the weirder ring systems, several terrorist attacks carried out by Bobby and Alex, Naomi’s struggle with the ultimate goal of the resistance and how to achieve it and Theresa’s development as the teenage daughter of the new Empire’s God King. In two chapters, we get an intermission from Holden’s viewpoint, but in general, for the first time, the man remains aloof and closed to us. 
It’s not exactly a secret that the two authors behind the alias of James S. A. Corey are friends of George R. R. Martin’s and owe at least part of their writing success – which has branched out into a TV series that was saved from oblivion by Expanse-fanboy number one, Jeff Bezos – to this acquaintance. 
The influences are unmistakable. It begins with the POV structure that’s lifted directly from „A Song of Ice and Fire“ and continues into the gritty, at times almost grimdark setting and the, let’s say, morally challenged characters. Even the general plot outline borrows from the original, with the danger of an old, almost eternal and not understood force (the Others, basically) rearing it’s ugly head only now in the 8th novel, where the „game of thrones“ before served as distraction and to fatally weaken humanity in the face of its coming onslaught. 
However, if „The Expanse“ proves one thing, then it’s that having a successful recipe doesn’t mean you can recreate it easily. The same problems that have plagued the series from its inception are coming back with a vengeance in this novel as well, and the root of all the problems can be summed up in two words: prose and characters. 
Prose first. James S. A. Corey simply aren’t anywhere near the level that George R. R. Martin writes on. This is apparent when it comes to descriptions of things, which not only get repetitive but are, at times, almost excruciating. It’s the worst when it comes to dialogue, though. 
The things the characters say are painfully obvious. There is practically no subtext. All motivations are spelled out, directly talking at each other. The same is true of the descriptions of the inner monologue the characters experience that oftentimes serves only as a mouthpiece for political or philosophical ideas. 
This is something of a science-fiction tradition. Bad dialogue laden with ideas, spouted at each other or in the form of inner monologue at the reader, is rife in the genre. But it seriously weighs down the whole experience. 
And it leads to point two, the characters. It has always been a problem of The Expanse that its characters, especially the secondary cast, weren’t all that interesting. Bobby is a Marine. Alex is a Pilot. Amos is the Heavy Weapons Guy. Only Holden and Naomi have more facets to them, but they remain a cipher more often than not. 
In this novel, these problems go into overdrive, as Naomi has a rather weird plot about becoming the chief of the resistance whereas Holden is a cryptic sage on Laconia, who knows things because he has to and does and says weird, random shit. The whole secondary cast of characters like Elvi and Theresa don’t have any personality at all, just fig leaves in place of it. 
However , „The Expanse“ still isn’t all bad, or else I wouldn’t have made it into book eight. Its main strength is that it’s interesting on two levels. The first is the plot, the second is the worldbuilding. 
In regards to the plot, the political and military machinations are very well thought out and are full of exciting dynamics. Everything makes sense without being predictable, and there are stakes to everything. 
But where „The Expanse“ really shines is in the worldbuilding. The universe it creates, especially the solar system, is gripping and fascinating, and its brand of „realism, but not enough so that it ruins a good story“ is the best-working parallel to Martin’s brand of „deconstruction“ of its genre. 
I was very skeptical about the story branching out more into science-fantasy and opening up to different systems (over 1300, to be exact), with the precursors and enemy aliens and all that, but it neatly fits with the tone established in the first novels and feels like an organic continuation and escalation rather than a convenience. 
Therefore, if you’ve read „The Expanse“ until that point, there’s no reason to stop now, even though the novel definitely is one of the weaker ones, together with book four. I personally want to know how the story ends, that’s for certain, and I will suffer the weaknesses for the good stuff.

Dan Carlin – The end is always near 

Dan Carlins Podcast „Hardcore History“ gehört sicherlich zu den bekanntesten Geschichtspodcasts überhaupt, und zu den erfolgreichsten. Es ist so gesehen verwunderlich, wie lange es gedauert hat, bis Carlin endlich ein Buch dazu geschrieben hat. Der Titel „Hardcore History“ ist dabei Programm; Carlins Geschichtserzählungen sind nichts für Zartbesaitete. Seine Selbstbeschreibung ist, dass er an den „extremes of the human experience“ interessiert ist. So beschäftigt er sich mit Völkermorden, dem Zusammenbruch von Zivilisationen, dem Einsatz der Atombombe oder Kindesmisshandlung in der Geschichte.

Das vorliegende Buch ist langjährigen Hörern des Podcasts thematisch bereits bekannt; die darin vorliegenden Kapitel sind allesamt polierte Versionen früherer Episoden des Podcats (etwa „Suffer the Children“, „Beubonic Plague“ oder „Logical Insanity“). Das ist auch gleich der erste Kritikpunkt. Wer wie ich diese Folgen noch gut im Ohr hat, wird in der Buchversion (die Carlin im Hörbuch in seinem ihm eigenen Stil selbst vorliest) wenig Neues entdecken. Für Fans des Formats dürfte das allerdings kaum abschreckend sein.

Tatsächlich ist absolut faszinierend, wenn Carlin seine großen Geschichtserzählungen entwirft. Er ist ein herausragender Erzähler, erst einmal völlig unbenommen vom eigentlichen Inhalt. Aber auch der Inhalt weiß überwiegend zu überzeugen. Wenn Carlin die Logik des „moral bombing“, also des Flächenbombardements vor allem im Zweiten Weltkrieg nachvollzieht, stecken wir als Leser/Hörer in den Schuhen der Verantwortlichen. Wir mögen immer noch instinktive Abwehrreaktionen gegen die Logik haben, aber wir verstehen sie. Gleiches gilt für die logic insanity des atomaren Rüstungswettlaufs.

„Erschrecken“ dürfte die relevante Reaktion sein, wenn man die Erzählungen von der Herrschaftspraxis der Assyrer liest, bei denen Völkermord und Menschenrechtsverbrechen Staatsräson waren. Geradezu erschütternd ist seine Geschichte der Kindesmisshandlung. Die große Frage, die Carlin hier aufwirft, ist, ob bis Mitte des 20. Jahrhunderts nicht praktisch alle Kinder konstant misshandelt wurden – und welche Rückschlüsse das auf die Geschichte und ihre Entscheidungsträger zulässt.

„Frage“ ist übrigens die richtige Formulierung für Carlins gesamten Ansatz. Er liebt es, Fragen aufzuwerfen, den Leser zu provozieren und zum Nachdenken über die Frage nicht nur anzuregen, sondern geradezu zu zwingen. Die große Leistung seines Ansatzes ist es, sein Publikum zum fundamentalen Zweifel zu bringen, zur Reflexion über Themen, mit denen man sich sonst nicht beschäftigt hätte.

Eine letzte Schwäche soll nicht verschwiegen werden. Die Verschriftlichung der früheren Podcast-Beiträge sorgt für einige Redundanzen, die im Hör-Medium bei weitem nicht so stark ins Gewicht fallen, in der konzentrierten Form hier aber auffällig sind und durch ein entschlosseneres Lektorat hätten verhindert werden können. Es ist nichts Schlimmes, nur hat Carlin einige Lieblingsvergleiche, die sich auf der kleinen Fläche dieses Buches häufen dessen Hörbuchversion keine acht Stunden lang ist – während Carlins Podcast locker 20 Stunden und mehr Gesamtlaufzeit zu einem Thema erreichen können, wo das dann weniger auffällt. Die unbedingte Kauf- und Leseempfehlung aber bleibt bestehen.

Linda Hirshman – Reckoning. The epic battle against sexual harassment

Manchmal liest man Bücher, die einen Erkenntnisgewinn bringen, der wie ein scharfes Schwert in die Unordnung des Geistes schlägt und alles neu strukturiert. Hoffentlich gibt es auch welche, die mir helfen, bessere Vergleiche zu finden. Anyway.

Lesern dieses Blogs dürfte nicht neu sein, dass ich das Aufkommen von #metoo und der deutlich verbesserten Wahrnehmungsschwelle gegenüber sexueller Gewalt sehr offen gegenüberstand. Aber gemäß dem sokratischen Motto dass ich eigentlich nur weiß, dass ich nichts weiß, hätte mich nicht überraschen sollen, wie wenig ich eigentlich über die Hintergründe der Bewegung, gerade auf intellektueller Ebene, eigentlich durchdrungen hatte. Glücklicherweise gibt es Linda Hirshman.

Von den 1960er Jahren bis heute zeichnet Kirhsman den Kampf der Frauenbewegung für die Anerkennung sexuellen Missbrauchs als Straftat nach. Dieser vollzog sich auf verschiedenen Ebenen: Von der rein juristischen Überarbeitung der Strafgesetzbücher und der zugrunde liegenden Normen (wie so oft ist der Civil Rights Act von 1964 eine Wasserscheide) zu ersten realen Entscheidungen hin zu einem gesamtgesellschaftlichen Bewusstseinswandel, den die Autorin in der #Resistance der #Pussyhats und der #metoo-Bewegung ein vorläufiges Ende finden lässt.

Was dieses Buch so brillant und unbedingt lesenswert macht (ich halte es für DAS Buch, für das ich dieses Jahr eine Empfehlung aussprechen will!) ist, wie die Autorin einerseits in der Lage ist, die systemischen Strukturen zu analysieren, die hinter dem langen Kampf für die Anerkennung dieses Strafbestands und der Täter liegen. Entscheidend dafür ist ihre Fähigkeit, die juristischen Auseinandersetzungen auf ein verständliches und packendes Level zu holen (angesichts des trockenen Stoffes nicht eben einfach) und mit feministischer Theorie zu verbinden, und andererseits, wie sie es schafft, die inhärenten Widersprüche dieses Kampfes gerade auf progressiver Seite offen zulegen.

Die zentrale Erkenntnis ist die Dichothomie zwischen zwei Unterdrückungsrichtungen für Frauen: einerseits die von konservativer Seite kommende Einschränkungen der Reproduktionsrechte und formellen Bürgerrechte (das klassische Patriarchat) und andererseits die von liberaler Seite kommende „sexuelle Befreiung“ der 1960er Jahre, die Hirshman in einer Art geißelt, die jeden Konservativen zu Jubelrufen reizen dürfte. Vor dieser analytischen Brille macht plötzlich die lange Reihe liberaler, sich öffentlich zum Feminismus bekennender Sexualstraftäter von Bill Clinton bis Harvey Weinstein Sinn. Hirshman zeichnet dabei mit analytischer Brillanz und Schärfe das schwierige Verhältnis des Feminismus zu diesen Leuten und Strömungen nach, einerseits als Ganzes und andererseits als interner Richtungskampf zwischen zweiter und dritter Welle.

Zudem enthält das Buch eine klare Theorie des sozialen Aktivismus, die permanent mit diesen Ereignissen verknüpft wird und als analytisches Instrument dient. Der beständige Kreislauf von rechtlicher Umgestaltung, Präzedenzfällen, Aktivismus, Backlash, Anerkennung und der Rolle des technologischen Wandels (Stichwort Hashtag-Aktivismus) werden von ihr alle ebenso kühl wie präzise analysiert. Noch einmal: eine absolute Empfehlung, und ein wahres Ausnahmebuch.

Steve Brusatte – The Rise and Fall of Dinosaurs

Dinosaurier gehören genauso wie Sterne und Planeten zu den Themen, zu der Kindersachbücher in Hülle und Fülle existieren (ich lese sie permanent mit meinen Kindern, kann also auf Erfahrung aus erster Hand zurückblicken) und die für Jugendliche und Erwachsene meist völlig vom populärwissenschaftlichen Radar verschwinden. Das ist sehr bedauerlich, und eigentlich interessieren mich beide Themen ja auch. Ich habe daher ein wenig recherchiert und bin auf dieses Werk von Steve Brusatte gestoßen, das einen Überblick aus der Feder eines Paläontologen verspricht.

Vom Beginn der Trias nimmt uns der Autor auf eine Zeitreise bis zum Einschlag des Meteoriten, der die Kreidezeit beendet. Brusatte weiß gut, für welches Publikum er schreibt. Neben einigen exotischeren Dinosauriern und Forschungsgegenständen weiß er die Klassiker abzuarbeiten: Sauropoden, Triceratops, Tyrannosaurus Rex und Konsorten.

Dabei bringt er stets den aktuellen Stand der Forschung ein und vermag aus der Beschreibung der Forschungsmethodik ein lebendiges Bild der längst vergangenen Zeit zu zeichnen. So erfährt man nicht nur etwas über die Dinosaurier, sondern auch über die Paläontologie. Diese nimmt einen wesentlich größeren Stellenwert ein, als der Buchtitel vielleicht erst einmal vermuten ließe; zu jedem Thema stellt und Brusatte einige seiner Kollegen in farbenfrohen Kurzbiographien vor (jeder seiner Bekannten ist effektiv ein Charakter aus Jurassic Park, wenn man ihm Glauben schenken darf). Es ist ein sehr amerikanischer Stil, aber er ist unterhaltsam.

Etwas problematischer empfinde ich den Rückgriff auf narrative Kunstformeln, in denen beständig von „König“ und „Dominanz“ die Rede ist, sprich, welche Lebensform evolutionär an der „Spitze“ steht. Das ist eigentlich eine ziemlich veraltete und schlicht gefährliche Sichtweise, vor allem, wenn man wie Brusatte explizite Analogien zur Menschheit zieht. Es ist ein bisschen Vulgär-Evolutionstheorie.

Insgesamt aber ist das Buch für den interessierten Laien super verständlich und gut zu lesen. Daher klare Empfehlung, wenn man mal wieder – auf Erwachsenenniveau – der kindlichen Begeisterung für Dinosaurier nachspüren möchte. Buchtipps für eine ähnliche Reise durch das Sonnensystem sind herzlich willkommen.

{ 2 comments… add one }
  • derwaechter 4. Dezember 2019, 12:36

    Ich finde die Bücherlisten klasse. Laden halt meist nicht zum kommentieren ein wenn man die Bücher (noch) nicht selbst gelesen hat.

    • Stefan Sasse 4. Dezember 2019, 13:08

      Danke für die Rückmeldung in jedem Falle! Fleißig die affiliate links nutzen 😉

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