Wer ist schuld am Erstarken der Rechten?

Mit Entsetzen mussten wir am letzten Wochenende zum wiederholten Male zuschauen, wie eine Nazi-Partei mit einem massiven Stimmenzugewinn als eine der stärksten Fraktionen in einen Landtag in Deutschlands Osten gewählt wurde. Erneut ist ein Parlament politisch paralysiert. Regierungsbildungen erfordern immer absurdere Parteikombinationen. Die politische Landschaft ist fragmentiert. Volksparteien sterben. Wer die Mitte ist, darüber wird in diesem Blog heftig gestritten. Einig sind wir uns darin, dass sie kleiner wird. Die Polarisierung der Gesellschaft und die Radikalisierung im Internet verschärfen sich zunehmend, während Parteien verblüffenderweise immer ununterscheidbarer werden und Wahlkämpfe im Zeichen asymmetrischer Demobilisierung sowohl an Themen als auch an Leidenschaft verlieren. Eine Einwanderungsdebatte, speziell die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin, hat das politische Klima in Deutschland verändert. Gleichzeitig drängen liberale Identity-Politics auf die Bühne, nicht selten mit heftiger Wirkung und Veränderungsdruck auf unsere Gemeinschaften: Ehe für alle, #MeToo, Transgenderrechte. Im Internet gedeihen Verschwörungstheorien. Feindliche Mächte greifen steuernd in gesellschaftliche Debatten, möglicherweise sogar in unsere Wahlen ein. Das Land scheint verrückt geworden zu sein.

Das Land? Nein, genau betrachtet die gesamte westliche Welt. In den Vereinigten Staaten wütet Trump mit seiner skandalträchtigen Präsidentschaft. Langjährige Partner werden vor den Kopf gestoßen, Tyrannen hofiert und Regierungsmitglieder im Wochenrhythmus rausgeschmissen oder eingestellt. Kinder werden ihren Eltern entrissen und ohne Zahnpasta oder Seife in Käfige gesperrt. Korruption und Nepotismus werden offen zelebriert. Das Defizit steigt dramatisch. Und keinen in der GOP stört‘s. Der Präsident ehrt derweil einen Hund. In Großbritannien wird ein Königreich in der Brexit-Debatte zerrissen. Es wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Ein Prime Minister kündigt offen an Gesetze brechen zu wollen. Ein Gericht findet, dass er die Queen getäuscht hat. Im Parlament streicht er Schlappe über Schlappe ein. In den derzeitigen Wahlumfragen führt er zur Belohnung mit atemberaubenden 16 Prozent. In Österreich wird eine Regierungspartei beim expliziten Versuch ertappt das eigene Land verkaufen zu wollen und wird anschließend immer noch von einem Sechstel der Bevölkerung gewählt. Dieser kleine Verlust beinhaltet die Reaktion auf einen weiteren Korruptionsskandal, den die Partei dann noch unmittelbar Tage vor dem Urnengang produzierte.

Was ist da los? Warum passiert das alles? Warum passiert das alles gerade jetzt? Warum haben wir diese Entwicklungen nicht schon vor 20 Jahren erlebt? Oder warum sind sie uns nicht noch weitere 20 Jahre erspart geblieben? Und vor allem: Wie können wir die Situation wieder entspannen? Wie können wir die Radikalisierung zurückdrehen? Wie können Vernunft und Maß wieder einkehren? Oder ist der Zug bereits irreversibel abgefahren?

Im Folgenden versuche ich einige der Ursachen zu analysieren, die in der Öffentlichkeit immer wieder diskutiert werden.

 

Alte weiße (ungebildete) Männer

Nicht zuletzt hier im Blog hat das Konzept der sogenannten alten, weißen und eher bildungsarmen Männer die Emotionen hochkochen lassen. Dabei sind die Fakten auf den ersten Blick recht verführerisch. Weit mehr Männer als Frauen wählen die AfD (28% gegenüber 17% bei der Landtagswahl in Thüringen im Oktober 2019). Weit mehr Männer als Frauen wählen die FPÖ (21% gegenüber 11% bei der Nationalratswahl im September 2019). Weit mehr Männer als Frauen unterstützen Donald Trump (49% gegenüber 35% bei der Präsidentschaftswahl 2016). Und mehr Männer als Frauen stimmten für Leave im Brexit-Referendum 2016 im Vereinigten Königreich (55% gegenüber 49%). Und immer korreliert die Wahlentscheidung für Rechtspopulisten und -extreme mit niedriger Bildung. So stimmten in Thüringen 29% der Wähler mit Hauptschulabschluss für die AfD, aber nur 10% der Wähler mit Hochschulabschluss. Bei der österreichischen Nationalratswahl in diesem Jahr stimmten 21% der Pflichtschulabsolventen für die FPÖ, aber nur 4% der Universitätsabsolventen. In den USA stimmten vor drei Jahren 52% der Wähler ohne College-Degree für Donald Trump, während lediglich 44% dieser Wählergruppe ihr Kreuz bei Hillary Clinton machte. Im britischen Brexitreferendum stimmten 70% der Niedriggebildeten für die Leave-Kampagne (GCSE-Abschluss, vergleichbar einer Mittleren Reife, oder geringerer Abschluss), aber nur 32% der Hochschulabgänger. Auch höheres Alter korreliert meist mit der Wahl von Rechtsaußenparteien und -anliegen, auch wenn der Urnengang in Thüringen vor ein paar Tagen eine bedeutsame Ausnahme darstellt.

Sind also die alten, weißen, ungebildeten Männer primär schuld an der Misere? So eindeutig die Zahlen auch sind, ich habe Schwierigkeiten mit dieser Interpretation. Ja, diese gesellschaftliche Gruppe scheint mehr als andere anfällig für autoritäre Ideologien, für politischen Radikalismus und für die Sehnsucht nach einem starken Mann an der Spitze des Staates. Aber diese Anfälligkeit erklärt nicht den Zeitpunkt des fortschreitenden Kollapses unserer westlichen Demokratien. Alte, weiße, ungebildete Männer hat es zu allen Zeiten gegeben. Auch vor 20 Jahren schon. Oder vor 40 Jahren. Vielfach sind kulturelle und soziale Sorgen dieser Klientel zitiert worden als Grund der politischen Flucht nach Rechtsaußen. Angst vor Marginalisierung. Angst vor starken Frauen, die ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen. Angst mit ihrem niedrigen Bildungsgrad in einer immer bildungsintensiveren Arbeitswelt nicht mithalten zu können. Angst vor Ausländern, die gerade im Wettbewerb um einfache Tätigkeiten möglicherweise Löhne drücken oder zumindest Konkurrenz um Stellen werden könnten. Angst vor dem Verlust ihrer Identität in einer Moderne, deren Werte sie nicht verstehen.

All dies spielt zweifellos eine Rolle. Aber erklärt nicht das Erstarken der AfD oder der FPÖ. Es erklärt nicht das Brexit-Referendum und nicht die Präsidentschaft von Donald Trump. In Deutschland erlangten Frauen die Freiheit ohne Einverständnis ihres Ehemanns einen Beruf auszuüben in 1958. Die Pille, und damit die Möglichkeit von Familienplanung (, und damit wiederum die Möglichkeit der Planung eines Berufslebens), war spätestens Mitte der Siebziger Jahre breit verfügbar. Die Frauenerwerbsquote verdoppelte sich in Westdeutschland von 1950 bis 1980 von 26% auf etwa 48%. Die Fristenregelung beim Paragraph 218 wurde 1992 beschlossen. Nie in der deutschen Geschichte war die Folge dieser Stärkung der Frauenrechte ein Björn Höcke oder ein Donald Trump. Nie war ein deutsches Parlament zu einem Viertel mit Neonazis besetzt. Alte weiße Männer mögen starke Frauen fürchten. Aber scheinbar nicht so sehr, dass es sie an den rechten Rand radikalisiert.

Ähnlich lässt sich mit der Bildung argumentieren. Besuchten in den Fünfziger Jahren noch solide 70-80% der Dreizehnjährigen die Hauptschule, so war dieser Wert bis 1990 auf knapp 30% gesunken. Im selben Zeitraum stieg der Anteil der Dreizehnjährigen auf dem Gymnasium von etwa 10% auf ebenfalls 30%. Während die Zahl der jungen Menschen in einer Ausbildung zwischen 1993 und 2011 stagnierte, stieg die Zahl der Studienanfänger dramatisch von unter 300.000 auf über 500.000 an. Wiederum keine Nazis in Sicht in deutschen Parlamenten. Zumindest nicht in der Zahl, in der wir das heute erleben müssen. Und auch der Politikertypus des autoritären Tribuns, wie ihn Donald Trump oder Boris Johnson verkörpern, war nirgends populär. Wenn alte weiße Männer intelligente, gebildete Mitbürger fürchten, dann scheinbar nicht ausreichend, um sie in die Arme von Populisten und Rechtsextremisten zu treiben.

Welche Rolle auch immer die weißen, alten, ungebildeten Männer in den Prozessen unserer politischen Gegenwart spielen, diese Gruppe war früher scheinbar stabil gebunden bei den demokratischen Parteien, hauptsächlich bei der CDU und der SPD. Wie und warum sie aus diesem Spektrum herausgebrochen wurden, wird im letzten Teil des Artikels beleuchtet werden.

 

Einwanderung

Mit der Einwanderung ist es möglicherweise anders als mit Frauenrechten und Bildung. Phasen starker Einwanderung werden in der Tat oft unmittelbar begleitet vom Aufkommen von Rechtsextremismus. So korrelierte etwa das Wiedererstarken der AfD in Deutschland klar mit der Flüchtlingskrise 2015. Auch der dramatische Anstieg von Asylanträgen zwischen 1991 und 1993 hatte den Republikanern von Franz Schönhuber 1992 einen knapp zweistelligen Einzug ins baden-württembergische Landesparlament beschert, während der DVU in Bremen (1991) und Schleswig Holstein (1992) der Sprung über die Fünfprozenthürde gelang. Im Gedächtnis geblieben sind aus dieser Zeit auch die rechtsextremen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992, sowie die Mordanschläge von Mölln (1992) und Solingen (1993). Ähnliche Tendenzen zeigten sich in Österreich, wo eine zahlenstarke Einwanderungswelle zwischen 1990 und 1994, vorwiegend verursacht durch die Kriegshandlungen im ehemaligen Jugoslawien und den Zusammenbruch des Kommunismus im Ostblock, die Wahlergebnisse der FPÖ massiv nach oben getrieben haben dürfte. 1990 errang die vormalig einstellige Partei 16,64% und 1994 dann sogar 22,50% im Bund. Und auch in Großbritannien scheint das Ergebnis des Brexit-Referendums zumindest teilweise eine Abwehrreaktion der Wähler auf gestiegene Einwanderung gewesen zu sein. Diese Einwanderung speiste sich sowohl aus regulärer, EU-interner Arbeitsmigration vor allem aus Polen und Rumänien, als auch aus der Flüchtlingswelle von 2015.

Während Einwanderung also durchaus als plausible Erklärung herangezogen werden kann für das „wann“ des rechten Erstarkens, erklärt es das „was“ deutlich weniger gut. Gemeint ist, dass starke Einwanderung zwar häufig scharfe Abwehrreaktionen hervorruft, und zwar ziemlich unmittelbar, dass dies aber manchmal völlig folgenlos bleibt für die politische Landschaft. Manchmal ergeben sich stattdessen heftige, kurzfristige Folgen (z.B. ein zweistelliger Landtagswahlerfolg einer rechtsextremen Partei), die aber schnell wieder abklingen. Und manchmal ist ein langfristiger Aufstieg der Rechtsextremen das Resultat, mit verfestigtem Wahlerfolg und einer nachhaltigen Transformation der politischen Landschaft.

Die massive Einwanderungswelle illegaler Migranten aus Mexiko in die USA zwischen 1995 und 2007 brachte dort zum Beispiel weder eine Tea Party-Bewegung noch einen Donald Trump hervor. Und als der Immobilienmogul seinen Präsidentschaftswahlkampf 2015 öffentlichkeitswirksam mit einem beleidigenden, pauschalen Frontalangriff auf Mexikaner einläutete, war die Nettoeinwanderungsquote aus dem Land bereits seit Jahren deutlich negativ, d.h. mehr Mexikaner verließen die USA und gingen zurück in ihre Heimat als andersrum. Ein bemerkenswerter Disconnect zwischen Einwanderung und Radikalisierung. Auch in Deutschland hatte die Einwanderung etwa aus der Türkei seit den Sechziger Jahren kaum merklich Einfluss auf die politische Landschaft. Es ist nicht erinnerlich, dass Rechtsextreme in großer Zahl in die Parlamente drängten. Signifikanter war der Erfolg der Republikaner und der DVU in den Neunzigern, allerdings flaute auch dieser ab, ohne dass eine der beiden Parteien oder irgendein anderer rechtsextremer Player großen Eindruck auf der bundespolitischen Bühne hinterlassen hätte. Schockierende Ergebnisse gab es vereinzelt hier und da bei Landtagswahlen. Aber in der Regel konnten die Rechtsextremen an diese Erfolge nicht mehr anknüpfen, sobald das Einwanderungsthema aus den Medien verschwunden war. In Österreich hingegen verfestigten sich die Wahlerfolge der rechtsradikalen FPÖ. Die ehemalige Kleinpartei etablierte sich vollständig und nachhaltig im Parteiensystem. Die Ergebnisse im Bund schwanken zwar signifikant, tun dies aber auf konsequent hohem Niveau. In 1994, 1999, 2013 und 2017 erhielt die Partei mehr als 20% der Stimmen bei Nationalratswahlen. Gleichzeitig fiel sie seit 1990 nie mehr unter 10%.

Interessanterweise sind die Wahlerfolge der Rechtsextremen regional schlecht durch tatsächliche Konsequenzen von Einwanderung erklärbar. In Deutschland erzielt die AfD die höchsten Ergebnisse im Osten und dort wurde auch Pegida gegründet. Der Ausländeranteil im Osten beträgt jedoch gerade mal 3,8%. Diese Zahl vergleicht sich mit 11,8% im Westen, wo sich die Rechtsextremen deutlich schwerer tun Fuß zu fassen. Analog dazu ging die Einwanderung nach Großbritannien eher in die wirtschaftliche starke Region um London herum, die beim Brexit-Referendum mit übergroßer Mehrheit für Remain stimmte. Die Leave-Kampagne gewann hingegen insbesondere in den strukturschwachen, deindustrialisierten Regionen Englands, z.B. im verarmten Norden, wo Einwanderung wenig überraschend nur sehr begrenzt stattfindet. Auch in den USA zieht es die spanischsprachigen Migranten aus Mittelamerika eher in den Süden, vor allem ins tiefblaue Kalifornien. Wo man im Kontrast dazu hingegen wenig Latinos findet, ist der Mittlere Westen – die erdrückend weißen Bundesstaaten Iowa, Ohio, Wisconsin, Michigan oder der Westen Pennsylvanias – wo Donald Trump seine größten Siege feierte. In Köln, wo nordafrikanische Gruppen in der Silvesternacht 2015 tatsächlich reale Verbrechen in beängstigender Zahl begingen, werden laut einer Emnid-Umfrage für die Kommunalwahl 2020 lediglich 10% für die AfD, aber 78% für Schwarz-Rot-Gelb-Grün projiziert. Der klägliche Versuch eines Marsches des Kölner Pegida-Ablegers ging im Januar 2016 in der Blockade durch Tausende Bürger und Gegendemonstranten unter, die ihre weltoffene, lebensfrohe Stadt gegen die parolenbrüllenden Neonazis verteidigten. Im thüringischen Erfurt hingegen, wo keinerlei vergleichbare Vorkommnisse bezüglich Ausländerkriminalität zu beklagen sind, gewann die AfD bei der Stadtratswahl 2019 15% der Stimmen, während Schwarz-Rot-Gelb-Grün mit 54% nur knapp über die Hälfte der Sitze errang.

Es drängt sich also der Eindruck auf, dass die Abwehrreaktionen des Elektorats gegenüber Einwanderung und Überfremdung mehr einen Phantomschmerz reflektieren als tatsächliche negative Erfahrungen mit Migranten. Ironischerweise scheint es zumindest im Durchschnitt umso mehr Toleranz und Willen zum gemeinsamen Zusammenleben zu geben, desto mehr Kontakt die Menschen mit realen Einwanderern haben. Da wo es Kommunikation zwischen Hiesigen und Zugewanderten gibt, entwickelt sich Verständnis. Wo der Austausch fehlt schwelen hingegen diffuse Ängste, nehmen Abwehrreaktionen Überhand.

 

Globalisierung

Aber ist das die gesamte Story hinter der regionalen Ausprägung von Rechtsextremismus? Führt eine geringe Migrantendichte zu hohen Überfremdungsängsten, die sich verflüchtigen würden, würde man mehr Ausländer kennenlernen? Ich glaube die oben skizzierte Korrelation täuscht. Das Ruhrgebiet ist zum Beispiel AfD-Hochburg. Die rechtsextreme Partei holte bei der Europawahl 2019 in Gelsenkirchen 16,4% der Stimmen und auch in anderen Städten des Ruhrgebiets waren die braunen Truppen erschreckend erfolgreich. Das Ruhrgebiet hat mit etwa 13% Ausländeranteil jedoch eine sehr diverse Bevölkerungszusammensetzung. Ganz anders als der deutsche Osten. Eigentlich sollten die Rechten hier also keinen fruchtbaren Boden finden. Und so ist das Ruhrgebiet sozusagen Kryptonit für die These, dass fehlender Kontakt mit Migranten alleine das Erstarken von Nazis erklärt.

Vielmehr könnte die Abwesenheit von Migranten lediglich ein Proxy für regionale wirtschaftliche Schwäche zu sein. Kein Wunder. Migranten wollen in der Regel Arbeit. Wer neu zu uns nach Deutschland kommt, den zieht es in die wirtschaftsstarken Regionen. Dorthin wo die Jobs sind. Nach München. Nach Köln. Nach Hamburg. Nach Stuttgart. Und eben nicht in die sächsische Schweiz. Das Ruhrgebiet war in der nicht allzu fernen Vergangenheit mal eine reiche Region. Die Kohleminen förderten schwarzes Gold an die Oberfläche. Bergleute und Industriearbeiter wurden gesucht. Das Leben brummte in wachsenden Städten. Deshalb zogen so viele Zuwanderer dorthin. Aber mittlerweile, seit dem Zusammenbruch der Steinkohleförderung, herrschen in der Region Arbeits- und Trostlosigkeit. Jobs fehlen. Menschen ziehen weg, besonders die Jungen. Das Leben in den Vierteln und Straßen verödet. Mit anderen Worten, das Ruhrgebiet durchläuft einen zerstörerischen Auflösungsprozess, der sehr dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kollaps in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung ähnelt. Auch dort fielen Arbeitsplätze in Massen weg und produzierten riesige Zahlen an Verlierern ohne Hoffnung auf Neuanfang. Besonders die Jungen, die gut Ausgebildeten, die Selbstbewussten zogen weg, auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Ein Artikel, den ich letztens las, wartete noch mit einem weiteren Detail auf, das mir zuvor so nicht bewusst gewesen war, aber hochspannend und relevant ist: Frauen verließen ihre Heimat in wesentlich größerer Zahl als Männer. Durch diese Entwicklungen konzentrierten sich in den abgehängten Teilen Ostdeutschlands in viel höherem Maße als andernorts Alte. Weiße. Ungebildete. Und vor allem Männer. Eine Klientel ohne Perspektive. Ohne geregeltes Einkommen. Ohne Chance auf eine Partnerin. Ein potentiell toxisches Gemisch.

Ähnlich sieht es überall aus, wo der Strukturwandel gewütet hat. Rationalisierung, Automatisierung und Globalisierung sind Chiffren für Massenentlassungen und regionale Verödung. Wer nicht aufgefangen werden konnte, landete im Heer der Langzeitarbeitslosen. In den betroffenen Landstrichen begannen die Rechten Hass und Unmut zu sähen. Die Ernte dieser Saat finden wir heute in der Formierung von Neonazi-Hochburgen. Die angesprochenen Prozesse erklären den politischen Rechtsruck übrigens nicht nur in Deutschland. Eine geographische Analyse des Brexit-Votums in Großbritannien enthüllt, dass es gerade die wirtschaftlich abgehängten, deindustrialisierten Regionen z.B. in Englands Norden waren, die für den Austritt aus der EU stimmten. Landstriche also mit einer blühenden Vergangenheit und einer desolaten Gegenwart geprägt von Armut, Perspektiv- und Arbeitslosigkeit. Das prosperierende London hingegen votierte mit starker Mehrheit für den Verbleib in der EU. Dieselben Trends findet man in den USA. Der Rust Belt im Mittleren Westen war früher das Herz der amerikanischen Industrie. Städte wie Detroit oder Cleveland brummten vor Leben. Wer so wie ich das Misvergnügen hatte Detroit im heutigen Zustand zu sehen, kann von dieser glorreichen Vergangenheit nichts mehr spüren. Die ehemalige Metropole ist zu einer Geisterstadt geworden. Keine Menschen auf den Straßen. Keine Autos. Stille. Häuser aufgelassen. Fabriken leerstehend. Verfall wohin das Auge blickt. In jedem zweiten Gebäude ist die Mehrheit der Fensterscheiben eingeschlagen. Es kümmert keinen, denn dort wohnt ja niemand mehr. So stellt man sich eine Großstadt nach einem Atomkrieg vor. Dass die Menschen dort 2016 für den Präsidentschaftskandidaten stimmten, der versprach ihnen ihre Würde, ihre Jobs, ihr Leben zurückzugeben – so unrealistisch das auch war – wundert mich kein Stück.

Die enge Korrelation von regionaler Deindustrialisierung mit dem Erstarken des Rechtsextremismus, wieder und wieder beobachtbar, bei uns genauso wie in anderen Ländern, legt Kausalität nahe, eben auch weil ein plausibles Narrativ die Prozesse verbindet, das mit den vorliegenden Daten im Einklang steht. Umgekehrt bedeutet das möglicherweise, dass der Rechtsextremismus nicht erstarken kann, wenn die Industrie nicht zusammenbricht. Ein Gedanke, den man vielleicht im Auge behalten möchte, alldieweil das Schicksal ja vielerorts aktiv produziert worden ist, die Globalisierung ja politisch gewollt und die Kosten absehbar waren.

 

Was verleiht den Rechten ihre heutige Stabilität?

In den vorangegangenen Passagen ist der Versuch gemacht worden zu erklären, wann und wo Rechtsextreme erstarken. Steigende Einwanderung markiert oft den Beginn einer Phase, in der Nazi-Parteien für mehr Bürger als sonst wählbar werden. Und das Phänomen ist besonders stark dort, wo wirtschaftliche Entwurzelung und in der Folge gesellschaftlicher Zerfall gewütet haben. Was nicht erklärt ist, ist jedoch die spezielle Ausprägung des Prozesses. Und ab hier wird mein Essay mehr Hypothese als Analyse. Hoffentlich trotzdem nicht völlig aus der Luft gegriffen.

Die Frage, die mich bewegt, ist weshalb Clowns wie Donald Trump oder Boris Johnson sich etablieren konnten in einem politischen System, das zuvor die Etablierung solcher Figuren nicht toleriert hatte. Die Nettoeinwanderung aus Mexiko in die USA war in 2012 laut dem Pew Research Center z.B. nicht geringer als in 2016 (sie war praktisch null in 2012 und wurde negativ in den folgenden Jahren). Und die Deindustrialisierung des Mittleren Westens sah in 2012 nicht rosiger aus als in 2016. Im Gegenteil. In der Folge der Banken- und Finanzkrise und der nur extrem schleppend verlaufenden Erholung war die wirtschaftliche Situation 2012 ungleich ungünstiger und die Arbeitslosigkeit signifikant höher als später in 2016. Auch standen in den republikanischen Primaries diverse Wirrköpfe als Kandidaten zur Verfügung, in deren Reihe Donald Trump nicht besonders aufgefallen wäre: Michele Bachmann, Ron Paul, Rick Perry („Ooops“), Newt Gingrich („Mondstation“), Rick Santorum („verbietet Verhütungsmittel“) und mein Lieblingskandidat Herman Cain, der seinen Steuerplan für die USA aus den Standard-Einstellungen des Computerspiels SimCity klaute. Warum konnte sich 2012 keiner dieser Spinner in den republikanischen Primaries durchsetzen? Warum mussten wir vier weitere Jahre auf einen Donald Trump warten?

Andere Frage. Wir hatten in Deutschland ja kurze Zeit mal selber einen Donald Trump. Genauer gesagt in Hamburg und unser Donald Trump hieß Ronald Barnabas Schill. Wieso endete dessen Wirken so kläglich, obwohl seine Partei im Jahre 2001 mit spektakulären 19,4% in die Hamburger Bürgerschaft gewählt worden war? Wieso gelang es Schill nicht, sich eine stabile, langfristige Unterstützerschaft aufzubauen, so wie die, über die Donald Trump zwei Jahre nach seinem Amtsantritt zweifellos verfügte? Warum wurde Schill schließlich von seiner eigenen Partei vom Hof gejagt, während Donald Trump die GOP in einer feindlichen Übernahme hinter sich konsolidierte?

Und warum setzt sich die AfD erst jetzt mit so erschreckend hohen Wahlergebnissen im Osten Deutschlands fest? Warum gelang Franz Schönhubers Republikanern in den Neunzigern nicht was Björn Höckes braunen Truppen heute gelingt? Schönhuber war kein schlechterer Redner. Er war in der rechtsextremen Szene ähnlich gut vernetzt. Seine Partei hatte Momentum durch eine Asylwelle. Trotzdem scheiterten die Republikaner letztlich mit dem Versuch sich langfristig im deutschen Parteiensystem zu etablieren. Und nach ihnen scheiterte die DVU. Nach der DVU scheiterte schließlich die NPD. Es drängt sich also die Frage auf, warum am Ende die AfD da punkten konnte, wo alle anderen versagt hatten.

Die Antworten auf diese Fragen sind vermutlich nicht eindimensional. Vieles dürfte zu diesen Entwicklungen beigetragen haben. Bedeutende gesellschaftliche Strömungen und Inhalte wurden z.B. oft nicht mehr von den etablierten Parteien aufgenommen. Keine „Mitte“-Partei war gegen den Euro. Keine „Mitte“-Partei war gegen die EU. Keine „Mitte“-Partei war gegen Hartz IV. Keine „Mitte“-Partei war gegen den Afghanistankrieg. Keine „Mitte“-Partei war gegen die Flüchtlingspolitik. Wer mit diesen Entscheidungen haderte, fiel damit folglich aus der Mitte. Und wer erstmal aus der Mitte gefallen war, hatte es dann wohl auch einfacher Anschluss an die radikalisierten Pole zu finden. Das Fehlen von Alternativen dürfte auch den Aufstieg der FPÖ in Österreich beflügelt haben, einem Land gefangen in der permanenten Großen Koalition. Ähnlich ist es in den USA, wo dem Wähler wie gewöhnlich in einem Mehrheitswahlrechtssystem nur zwei (bedeutende) Parteien zur Verfügung stehen: Demokraten und Republikaner. Wenn beide als abgehoben und korrupt betrachtet werden, hält das Elektoriat Ausschau nach dem Retter von außen, dem Retter, der den Sumpf von Washington auszutrocknen verspricht. All diese Punkte haben ihre Berechtigung und verdienen in einer Analyse mitgenannt zu werden. Aber der Hauptgrund für den Aufstieg der Rechten in den vergangenen Jahren und für ihre erschreckend schnelle Verankerung in unseren westlichen Gesellschaften ist aus meiner persönlichen Sicht ein anderer. Ich betone „aus meiner persönlichen Sicht“! Es ist eine Hypothese. Eine Hypothese, die Diskussionen anstoßen soll.

 

Kontrollverlust der Eliten, vor allem durch das Internet

Meine Hypothese ist, dass der hauptverantwortliche Faktor für das gegenwärtige stabile Erstarken von Rechtspopulisten und -extremen in der westlichen Welt das Internet ist. Meine Hypothese ist, dass selbst hohe, schockartige Einwanderungswellen ohne das Internet nur ein kurzes temporäres Aufflammen von Radikalisierung bewirken würden, so wie wir es in den Neunzigern erlebt haben. Meine Hypothese ist, dass Deindustrialisierung und der wirtschaftliche Niedergang von Gesellschaften ohne das Internet eher in Wählerdemobilisierung als in Wähleraktivierung für die Rechtsextremen resultieren würde. Und meine Hypothese ist, dass die regionale Konzentration von alten, weißen, ungebildeten Männern ohne das Internet irrelevant wäre, weil diese alten, weißen, ungebildeten Männer keine gemeinsame Identität entwickeln würden, die sie hinter einer faschistischen Partei eint.

Warum das Internet? Das Internet hat in dramatischer Weise verändert, wie wir uns informieren, aus welchen Quellen wir uns informieren, mit wem wir uns politisch austauschen, welche Meinungen wir noch zur Kenntnis nehmen und welche nicht. Das Liken einiger weniger linksliberaler Politiker und Organisationen bei Facebook bewirkt zum Beispiel, dass man mit politischer Propaganda aus dieser Ecke praktisch überschüttet wird. Täglich bekommt man weitere Angebote, wen aus diesem politischen Spektrum man sonst noch liken könnte. Und wenn man zustimmt, bekommt man noch mehr Propaganda. Im Gegenzug versiegt jeglicher Informationsfluss aus dem gegnerischen Lager. Sie haben Bernie Sanders gelikt? Dann erfahren Sie nicht mehr was Ted Cruz zu sagen hat. Andersrum gilt natürlich das gleiche. Sie haben Alexander Gauland gelikt? Dann erfahren Sie nichts mehr über die Positionen von Cem Özdemir. Ähnliche Blasen bilden sich in allen sozialen Netzwerken aus. Sei es bei Facebook, bei Twitter und sogar bei strikt arbeitsweltorientierten Portalen wie LinkedIn.

Wie das funktioniert? Hier ein persönliches Beispiel aus meinem Bekanntenkreis. Eine Spülkraft aus meinem Arbeitsumfeld – ironischerweise ein alter (kurz vor der Pensionierung stehender), weißer Mann – richtete sich Ende 2018 einen Facebook-Account ein. Der Grund war, dass er Bilder seiner Kunstskulpturen einem möglichen Interessentenkreis zugänglich wollte, um eventuell Käufer zu finden. Und so beschäftigten sich die ersten Posts praktisch ausschließlich mit seinen künstlerischen Aktivitäten. Er zeigte Photos. Kündigte Ausstellungen an. Verlinkte seinen Katalog. Dann schien er YouTube entdeckt zu haben. Wir teilen denselben Musikgeschmack und so freute ich mich immer wieder über schöne Musikvideos, die schon bald das Hauptinteresse dieses Bekannten im Internet geworden zu sein schienen. Das ging etwa zwei, drei Monate so. Dann wurde zwischen Musikvideos irgendwann ein obskures Klimawandelleugnervideo gepostet. Ich kenne den Mann seit vielen Jahren und habe oft mit ihm gesprochen. Nie zuvor hat er ein besonderes Interesse am Klimawandel erkennen lassen. Aber dem ersten Klimawandelleugnervideo folgte einige Tage später ein zweites. Dann ein drittes. Musikvideos wurden hingegen immer seltener. Dafür postete er Verschwörungstheorien. Schließlich wüste Beschimpfungen gegenüber allen und allem, was nicht auf dieser neu gefundenen Welle lag. Täglich. Im Dutzend. Innerhalb weniger Wochen hatte Facebook aus dem netten älteren Herrn einen geifernden, militanten Reaktionär gemacht.

Aber natürlich darf man aus einzelnen persönlichen Anekdoten keine generellen pauschalen Schlüsse ziehen. Auch wenn ich an anderer Stelle vielfach bemerkt habe, dass das Internet nicht dazu neigt das Beste aus seinen Nutzern hervorzubringen. Das wichtigere Argument ist tatsächlich die globale Natur des Internets. Wenn ein einziger Schlüsselfaktor die Lawine der Erfolge der Faschisten weltweit ausgelöst haben soll (eine Hypothese wie gesagt!), dann muss dieser Schlüsselfaktor global präsent gewesen sein. Und da die Rechten vielerorts in der westlichen Welt etwa zur selben Zeit emporschossen – zumindest gilt das für die Radikalisierung von GOP und Tories, für das Erstarken der AfD, für Geert Wilders Bewegung in den Niederlanden, für das Erstarken von Rechtspopulisten und/oder -extremisten in Schweden, Finnland, Dänemark, Italien, Polen, Ungarn und aktuell sogar in Brasilien und Indien – muss dieser Schlüsselfaktor etwa zur gleichen Zeit überall in der Welt aktiv geworden sein. Auch das trifft auf das Internet zu. Die rechte Erweckungswelle traf uns (Pi mal Daumen) 15 Jahre nach der Einführung.

15 Jahre nach der Einführung? Das mag vielen sehr lange erscheinen für einen direkten, unmittelbaren Effekt. Aber fragen wir uns doch mal selbst. Wann haben wir zum ersten Mal das Internet genutzt? Wann haben wir die erste Email geschrieben? Wann haben wir zum ersten Mal eine Suchmaschine eingesetzt? Wann haben wir das Internet zum ersten Mal beruflich eingesetzt? Und vor allem, wann ist das Internet zum unentbehrlichen Dauerwerkzeug geworden, dem ständigen Begleiter, ohne den ein Leben kaum mehr vorstellbar war? War das wirklich Anfang der Neunziger Jahre, als das Internet langsam die ersten Schritte in Deutschland machte?

Meine Erinnerung verblasst bereits, aber ich habe wohl Mitte der Neunziger Jahre meine erste Email-Adresse erhalten. Eine Adresse, die ich nicht nutzen konnte, da mir noch für einige Jahre ein Modem fehlen sollte. Anfang der 2000er Jahre erinnere ich mich noch Universitätsbibliotheken aufgesucht zu haben. Noch waren Publikationen nicht in der Breite online verfügbar. Meine erste Erinnerung an die Verwendung einer Suchmaschine führt mich ins Jahr 1999, als ich das Rezept für einen Likör aus dem Internet lud. Das Rezept erwies sich als fataler Misserfolg, aber das Positive war, dass ich begann zu verstehen, wofür dieses Netzwerk möglicherweise hilfreich sein könnte. Spätestens ab 2002 war das Senden und Empfangen von Emails und das berufliche Arbeiten mit dem Internet für mich Standard. Allerdings sendete und empfing man nur Emails unter jungen, technikaffinen Leuten oder zwischen beruflichen Nutzern. Und die waren rar. Bei meinem Vater in der Firma gab es zum Beispiel kein Netz. Und ich kannte keinen über 40, der Zugang besaß. Oder auch nur einen Computer besessen hätte. Eltern, Onkel, Tanten, Nachbarn – alles Fehlanzeige. Von der Generation der Großeltern ganz zu schweigen. Das erste Internetportal, auf dem ich mich anmeldete, betrat ich in 2003. Dem ersten echten sozialen Netzwerk trat ich zögerlich, weil ich den Sinn nicht verstand, 2006 bei. Auf Facebook meldete ich mich, glaube ich, um 2008 rum an. Mein erstes Smartphone erwarb ich 2010.

Für meine Generation ist das Internet mittlerweile so zur Normalität geworden, dass ich erstaunt war festzustellen, dass es selbst in Deutschland heute noch Potential für Wachstum gibt. So steigt laut Statista die Zahl der in Deutschland versendeten Emails nach wie vor jedes Jahr an und im Jahr 2018 wurden viermal mehr Emails versendet als im Jahr 2008 (Spam nicht mitgerechnet). Im Jahr 2019 wird das Internet laut Statistischem Bundesamt mittlerweile von allen Altersgruppen von 10-64 praktisch universal verwendet. Nur bei den Über-65jährigen ist die Nutzungsquote derzeit mit 67% deutlich niedriger. Aber das ist eine recht aktuelle Entwicklung. Noch 2015 nutzten in Deutschland weniger als 65% in der Altersgruppe 60-69 Jahre das Internet. Und weniger als 30% der Über-70jährigen. Alter ist offensichtlich eine der größten Barrieren für den Zugang zur Online-Welt. Je älter man ist, desto später sprang man auf den Internet-Zug auf.

Und nicht nur das Alter hat einen Effekt. Auch Bildung ist eine Barriere. Wikipedia hat interessante Zahlen hierzu. Sie sind leider nicht mit einer Jahresangabe versehen, aber der Kontext lässt schließen, dass sie aus den Jahren um 2014 herum erhoben worden sein könnten. Dort heißt es, dass Unter-35jährige praktisch universell das Internet nutzen, ganz egal, was ihr Schulabschluss ist. Aber die Über-35jährigen nutzen zu 82% das Internet, wenn sie Abitur haben; zu 67%, wenn sie die Mittlere Reife haben; zu 66%, wenn sie einen Hauptschulabschluss und eine absolvierte Lehre haben; und nur zu 53%, wenn sie einen Hauptschulabschluss ohne anschließende Lehre haben. Das Gefälle legt nahe: Je weniger gebildet man ist, desto später sprang man auf den Internet-Zug auf (heutzutage ist die Internetnutzung bis auf die sehr Alten wie gesagt praktisch universell).

Aus den obigen Zahlen lässt sich ein meiner Meinung nach plausibles, aber hypothetisches Narrativ folgern, gerade wenn man es mit den Informationen der vorangegangenen Abschnitte verknüpft. Es ist dieses Narrativ, über das ich gerne diskutieren würde. Also los geht‘s:

Als das Internet Anfang der Neunziger Jahre in Deutschland Einzug erhielt, hatte es außer einer Handvoll Technikbegeisterter, einer kleiner Zahl Pioniere kaum Nutzer. Erst zehn Jahre später wurde es an Universitäten Standard, aber viele kleinere Betriebe hatten nach wie vor keinen Zugang. Die ersten, die auf die neue Technologiewelle aufsprangen, waren die Jungen, die Hochgebildeten. Vermutlich auch die etwas besser Verdienenden. Denn Computer waren damals nicht billig. Das Internet war damals noch kein besonders spannender Raum. Soziale Netzwerke existierten nicht. Das Netz war kaum mit Inhalt gefüllt. Die meisten Bürger hatten noch nicht einmal eine Emailadresse. Erst um die Jahrtausendwende wuchs die Bedeutung des Internets rasant und dann in immer größeren Schritten. Langsam aber sicher wurde es auch für die Über-50jährigen normal online präsent zu sein. Innerhalb dieser Gruppe dürften die besser Gebildeten allerdings wieder Vorreiter gewesen sein. Quintessenz ist, dass alte, weiße, ungebildete Männer wahrscheinlich zu den letzten gehörten, die das Internet für sich entdeckten. Ungefähr 15 Jahre nach der Einführung. Irgendwer schon eine Idee, wie diese Geschichte enden wird? 😀

Alte, weiße, ungebildete Männer hat es natürlich immer schon gegeben. Kulturell verunsichert durch gesellschaftliche Transformationen, geschwächt und verletzt durch wirtschaftliche Rückschläge und verärgert durch verstärkte Einwanderung vollzog sich eine schwelende Radikalisierung. Diese fand wie üblich am Stammtisch ihr Ventil und nur sehr vereinzelt in der Wahlkabine. Und meist war der Zorn vergessen, sobald die BILD-Zeitung die nächste Sau durch’s Dorf trieb. „Keiner spricht mehr die Wahrheit aus, so wie wir“, hieß es natürlich oft am Stammtisch. Und richtig daran war, dass solche Gedanken nirgends geäußert wurden. Das Meinungsmonopol war fest in der Hand der Medien und damit in der Hand des Establishments. Nichts was gedruckt, nichts was gesendet wurde, widersprach der Linie der Eliten. Die Parteiendemokratie wurde nicht infrage gestellt. Starke gesellschaftliche Organisationen wie Kirchen und Gewerkschaften hielten die Schäfchen darüber hinaus zusammen und leiteten sie gezielt in den Schoß der großen etablierten Parteien CDU und SPD. Und beide dieser großen Parteien beschäftigten eine Handvoll Polterer an den politischen Rändern, die die kleine Zahl demokratieskeptischer Autoritätsfreunde, die sich auf den Weg gemacht hatten das demokratische Universum zu verlassen, wieder einsammelten.

Nun, die Zeiten sind vorbei. Kirchen und Gewerkschaften bluten seit Jahren Mitglieder weg. So weit, dass sie ihre Bindungsfunktion nicht mehr in der Lage sind zu erfüllen. Gleichzeitig haben die großen Parteien ihre Ränder glatt geschliffen. Heutzutage sammelt niemand mehr diejenigen ein, die das Gravitationsfeld der Demokratie verlassen haben. Und es ist in diesen Zeiten, in denen alte, weiße, ungebildete Männer als praktisch letzte Gruppe der Gesellschaft das Internet entdeckt haben. „Keiner spricht mehr die Wahrheit aus, so wie wir“, hatte es so oft am Stammtisch geheißen. Aber das stimmt nun nicht mehr. Das Internet ist voll von Meinungen, von Propaganda, von Wahrheiten. Ein Eldorado für Spinner, für Radikale, für Terroristen, für Verschwörungstheoretiker, für Rattenfänger, für Kriminelle. Und wer die Mechanismen der bunten Online-Welt nicht versteht, landet schnell in einer Blase, in der Ideologietreue und Gruppendenk jede Auseinandersetzung mit der Realität unmöglich machen. Man wird von der Außenwelt abgeschottet und mit Propaganda überflutet. Im Grunde wie in einer Sekte. Wer ein niedriges Bildungsniveau hat, ist anfälliger das nicht zu durchschauen. Wer älter ist und Schwierigkeiten mit der Moderne hat, ist anfälliger das nicht zu durchschauen.

Und so gelingt es weltweit Bevölkerungen stabil zu polarisieren. Zunehmend mehr Menschen gewinnen all ihre Informationen aus dem Internet. Die die in einer Ideologieblase stecken sowieso. Deshalb können die Mainstreammedien – Zeitungen und Fernsehen – auch schreiben oder senden, was sie wollen. Die Meinungssekten im Internet haben die Tür hinter sich geschlossen und verriegelt.

Das Internet hat dem Establishment, den Eliten die Kontrolle über das Meinungsmonopol in der Gesellschaft entzogen. Früher war wahr, was Ulrich Wickert in den Tagesthemen vorlas. Oder was der Spiegel abdruckte. Heutzutage steht die Wahrheit der Mainstreammedien im Internet gleichberechtigt neben der Wahrheit von Flat Earthern, Vakzingegnern, Verschwörungstheoretikern und Neonazis. Das Mitmachnetz hat geschaffen, worauf sich Jahre später Donald Trumps Sprecherin Kellyanne Conway mit ihrem berühmt-berüchtigten Begriff der „Alternative Facts“ scheinbar bezog.

Und wie jeder weiß, der einmal in einer Sekte war: Es ist verführerisch einfach reinzukommen. Und fast unmöglich wieder rauszukommen. Deshalb hat sich die politische Polarisierung weltweit verfestigt. Deshalb konnten sich Donald Trumps Popularitätswerte langfristig stabilisieren, obwohl im Weißen Haus ganz offensichtlich Korruption, Nepotismus, Inkompetenz und Unreife grassieren. Deshalb können Boris Johnsons Tories in den Wahlumfragen des Vereinigten Königreichs haushoch führen, obwohl der Prime Minister mehrfach der Lüge und des bewussten Versuchs seinem Land Schaden zuzufügen überführt ist. Deshalb kann die AfD im Osten Deutschlands ein Viertel der Stimmen holen, obwohl – wie Befragungen selbst von AfD-Spitzenpolitikern zeigen – Björn Höcke und Adolf Hitler in ihren Aussagen scheinbar nicht auseinanderzuhalten sind. Es ist das Internet mit seinen abgeschotteten Blasen, mit seinen Unwahrheiten, mit der Scheinwärme seiner sozialen Netzwerke und der Animation zum Mitmachen, das all das verbockt hat.

Und wenn man das verstanden hat, wird auch klar, was man tun müsste, um dem Erstarken der Rechten Einhalt zu gebieten. Vielleicht das einzige, was man wirklich tun kann. Aber das hätte eben einen hohen Preis. Das Mitmach-Internet hat ja auch seine Vorteile, nicht zuletzt diesen Blog hier.

Was wenn wir uns irgendwann entscheiden müssen zwischen dem Umkippen in den Faschismus und dem Ziehen des Steckers?

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  • popper 3. November 2019, 12:45

    Meine Hypothese ist, dass der hauptverantwortliche Faktor für das gegenwärtige stabile Erstarken von Rechtspopulisten und -extremen in der westlichen Welt das Internet ist.

    Diese Folgerung könnte eher ein eklatantes Beispiel dafür sein, wie beliebig sich Ursachen und Wirkungen verwechseln lassen, wenn man eine Idee fix verfolgt, weil man vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht oder sehen will. Die These, das Internet sei verantwortlich für das Erstarken der Rechtspopulisten oder die Zuordnung zu bestimmten Altersgruppen oder des Geschlechts, verkennt die soziologischen Strukturen einer Gesellschaft und ihre handlungstheoretischen Grundlagen. Die Lebensbewältigungsansätze von Individuen sind derart vielfältig, dass sich jeder Versuch, mangelnde Bildung mit Einfalt und einem daraus resultierenden Rechtspopulismus zu assoziieren, sich verbieten. Weder das Internet noch das Bildungungsniveau entscheiden darüber, welche Lebensumstände sich aufgrund politischer und wirtschaftliche Verhältnisse etablieren.

    Der ökonomische Widersinn des Neoliberalismus mit seinen Verelendungsstrukturen hat in den letzten 20 Jahren einen viel größeren Einfluss auf die parteipolitischen Orientierungen genommen, als jedes elektronische Netzwerk und/oder wie auch immer definierte Bildungsferne von Menschen. Disfunktionalitäten in der Wirtschaft, des Finanzkapitalismus, des Sozialstaates und Verwerfungen am Arbeitsmarkt, beherrschen heute erhebliche Teile die Volkswirtschaften der sogenannten westlichen Wertegemeinschaft. Sie sind viel eher verantwortlich für faschistoide Entwicklungen in ganz Europa und der Welt. Zumal diese von einer medialen Meinungsmache mitgetragen werden, die nationalistischen Tendenzen und zunehmender Kriegstreiberei sowie dem Aufbau von Feindbildern den Nährboden bereiten. Man will eigenes Versagen nicht wahrhaben, geschweige denn, thematisieren. Da sind dann Schuldzuweisungen an die Metapher Internet, an ungebildete Massen oder vertrottelte Alte eine willkommene und probate Ausrede, leider ohne jeden analytischen Wert in der Sache.

    • Ralf 3. November 2019, 13:02

      Der Neoliberalismus wütet seit den 80ern mit Thatcher und Reagan. Und dennoch hat es weder in Großbritannien noch in den USA eine unmittelbare Wählerreaktion nach Rechtsaußen, hin zu faschistischen Parteien, gegeben. Im Gegenteil. Die verarmten Verlierer des Raubtierkapitalismus zogen sich in der Regel zurück, wurden passiv, lethargisch, verloren das Interesse an Politik. Die Betroffenen riefen nicht nach Revolution, sondern schlossen sich in überwiegender Mehrheit dem Heer der Nichtwähler an. Ähnliches ließ sich auch in Deutschland beobachten nach den Hartz IV-Reformen. Die Sozialdemokraten bluteten dramatisch Mitglieder und Wähler weg. Aber die LINKE legte im langfristigen Schnitt nur magere 5% zu. Die meisten enttäuschten ehemaligen SPD-Mitglieder wählten weder Protest noch linke Alternative, sondern wählten garnicht mehr.

      Seit einigen Jahren sehen wir nun aber einen entgegengesetzten Trend. Verlierer werden reaktiviert. Schon Donald Trump akquirierte 2016 einen signifikanten Teil seiner Unterstützer aus dem Heer der langjährigen Nichtwähler, die kein Kampagnenstratege mehr auf dem Radar hatte. Ähnlich war es bei der AfD in Thüringen bei der Landtagswahl. Auch da hatten die Rechtsextremen die höchsten Zugewinne aller Parteien aus dem Lager der Nichtwähler.

      Irgendein Mechanismus scheint diese Menschen zu aktivieren. Und es muss ein neuer Mechanismus sein, denn das Phänomen ist neu und trat in dem Maß weder unter den neoliberalen Ikonen Thatcher und Reagan, noch unter Clinton, Bush, Schroeder, Blair etc. auf. Der Neoliberalismus alleine greift als Antwort also zu kurz. Er ist Teil der Ursache, aber aus meiner Sicht nicht der unmittelbare Auslöser für die Situation, wie wir sie heute vorfinden.

      Das Internet hingegen passt zeitlich und durch seine weltweite Ausbreitung auch geographisch hervorragend in die Rolle dieses Auslösers. Und mit seinen abgeschotteten Informationsblasen liefert es auch eine Erklärung, warum es diese verheerenden Bürgermanipulationseffekte haben könnte.

      • Rauschi 5. November 2019, 11:45

        Das Internet hingegen passt zeitlich und durch seine weltweite Ausbreitung auch geographisch hervorragend in die Rolle dieses Auslösers.
        Ist viel zu kurz gesprungen.
        Ich würde meinen, die zeitliche Verzögerung zwischen neoliberalen Reformen mit Verschlechterungen der Lebensverhältnisse und dem Rechts/Linkstrend ist vor allem damit zu erklären, das bis dahin die Menschen versucht haben, über Wahlen etwas zu verändern.
        Aber egal, wen man wählt, das System ändert sich nicht.
        Dann bleibt vielleicht nur der Ausweg, etwas radikal anderes zu wählen, deswegen die Sympathie für Sanders und Corbyn auf der einen Seite und das erstarken der Rechten auf der anderen Seite.

        Und mit seinen abgeschotteten Informationsblasen liefert es auch eine Erklärung, warum es diese verheerenden Bürgermanipulationseffekte haben könnte.
        Na der ist gut. Bürgermanipulation, weil ja die anderen Parteien deren bestes wollen und die blöden Wähler das einfach nicht sehen wollen?
        Weil das Internet die Sicht bestimmt und nicht generell der Medienkonsum, also auch Print und Fernsehen oder auch das soziale Umfeld?
        Seltsame Wahrehmung, wirklich seltsam.

        • Stefan Sasse 5. November 2019, 16:03

          Wie ich schon sagte: Jeder nimmt halt die Erklärung, die er oder sie schon immer als richtig angesehen hat.

        • Ralf 5. November 2019, 20:22

          Ich würde meinen, die zeitliche Verzögerung zwischen neoliberalen Reformen mit Verschlechterungen der Lebensverhältnisse und dem Rechts/Linkstrend ist vor allem damit zu erklären, das bis dahin die Menschen versucht haben, über Wahlen etwas zu verändern.

          Das deckt sich meines Wissens nach nicht mit den Daten. Die Benachteiligten der neoliberalen Reformen sind meist eher in das Lager der Nichtwähler abgewandert. Als die SPD in Folge der Agenda 2010 etwa dramatisch Mitglieder verlor, gewann die LINKE lediglich mickrige 5% hinzu. Diese 5% verankerten sich zwar stabil da, aber im Verhältnis zu der Zahl an Wählern, die die Sozialdemokraten verloren hatten, war es marginal. Die meisten dieser enttäuschten Ex-SPDler verabschiedeten sich einfach aus dem politischen Prozess.

          In den USA ist es ähnlich. Gerade diejenigen, die am ärgsten durch den Kapitalismus geschädigt werden, gehen am seltensten wählen. Gerade diejenigen, die am meisten von einem politischen Wandel profitieren würden, wollen mit Politik in der Regel nix zu tun haben.

          Das Internet scheint viele in dieser Gruppe wieder reanimiert zu haben. Leider zum Vorteil extremistischer Parteien.

          Bürgermanipulation, weil ja die anderen Parteien deren bestes wollen und die blöden Wähler das einfach nicht sehen wollen?

          Niemand unterstellt Parteien, dass sie das Beste für den Bürger wollen. Aber die Manipulation, die man im rechtsextremen und rechtspopulistischen Lager sieht, stellt das, was man bei CDU/SPD/FDP/Grünen findet dann doch in den Schatten. Dreiste Lügen sind bei konventionellen Parteien z.B. seltener, weil sie wissen, dass sie von den Medien gestellt werden. Das begrenzt sachliche Verzerrungen signifikant. Rechtsextreme und -Populisten erfinden sich hingegen ihre ganz eigene Realität, weil sie wissen, dass ihre Anhänger kritische Medien ohnehin nicht konsumieren. Sie brauchen unangenehme Fragen also nicht zu fürchten.

          • Rauschi 6. November 2019, 12:24

            Das Internet scheint viele in dieser Gruppe wieder reanimiert zu haben. Leider zum Vorteil extremistischer Parteien.
            Viele Nichtwähler sind zur AfD gegangen, aber doch nicht primär durch das Netz, da halte ich für komplett abwegig.

            Und klar braucht es Zeit, bis das Mantra der Neoliberalen „jeder ist seines Glückes schmied“ und „wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht“ so in der Gesellschaft durchschlägt, das es sich auch in Wahlen ausdrückt. Die Wähler von Trump wollten mit IHrer Wahl maximalen Schaden anrichten, wenn ich mich recht entsinne. Bis das soweit kommt, muss sich viel Frust angesammel haben.

            Das aber die Frage nach dem Funkionieren der Demokratie nicht gestellt wird, die aber mit der Beobachtung des Abwanders ins Nichtwählerlager verbunden ist, verwundert mich schon.

            Niemand unterstellt Parteien, dass sie das Beste für den Bürger wollen. Aber die Manipulation, die man im rechtsextremen und rechtspopulistischen Lager sieht, stellt das, was man bei CDU/SPD/FDP/Grünen findet dann doch in den Schatten.
            Um ins rechtsextrem Lager zu kommen, bedarf es ja eines Anstosses, so ist das eine Tautologie. Mag sein, das es dort manipulativ zugeht, ich kenne das Lager schlicht nicht. Aber wie kommen die dahin?

            Rechtsextreme und -Populisten erfinden sich hingegen ihre ganz eigene Realität, weil sie wissen, dass ihre Anhänger kritische Medien ohnehin nicht konsumieren.
            Schon wieder, wie komme ich dahin, wo die eigene Realität gemacht wird (die aber angeblich erst durch den Konsum der Medien entsteht)?

  • popper 3. November 2019, 14:15

    Warum kaprizieren Sie sich auf England und die USA. Und warum soll es da keine Bewegung nach rechts gegeben haben. In Europa oder Südamerika sieht das Bild wieder anders aus. Worauf ich mit meinem Kommentar hinauswollte ist, dass Sie das Internet adressieren, aber die wirtschaftlichen Umbrüche, das fiskalpolitische Staatsversagen mit Schwarzer Null und Schuldenbremse, die Zerstörung der gesetzlichen Rente, das allgemeine Zurückfahren von Leistungen bei immer höheren Kosten, die Privatisierungen der Daseinsvorsorge, den entfesselten Wohnungsmarkt und die zunehmende Armut verschweigen. Das verstehe ich als eine unangemessene Einseitigkeit. Wobei das Internet viel viel früher kommunikative Interaktionen ermöglichte als das Entstehen der AfD bei uns, den Front National in Frankreich oder Herrn Wilders in den Niederlanden hervorbrachte. Ich sehe das gleichzeitige Vorhandensein von Internet und Rechtspopulismus als eine Korrelation und keinen Urasche-Wirkungs-Mechanismus. Wie ist der Zulauf zum Nationalsozialusmus in der Weimarer Republik entstanden, da gab es kein Internet, sondern eine politische Stimmung nach dem Diktat des Versailler Vertrages, also immer ein Verhalten zu politischen und zuletzt auch wirtschaftlichen Zuständen. Daraus entwickeln sich politische Haltungen. Vernetzen kann sich nur etwas, das bereits vorhanden ist. Die AfD war bereits klinisch tot, als die Flüchtlinge kamen. Und der Osten wurde durch die Treuhand zu einem Entwicklungsland heruntergebimt, sozusagen zu einer wirtschaftlichen Sonderzone. Daraus resultiert der enorme Zulauf, nicht wegen des Internets.

    • Ralf 3. November 2019, 14:44

      Meine Hauptthese ist, dass das Internet unseren marktorientierten, zentristischen Eliten die Deutungshoheit über Ereignisse und Entwicklungen genommen hat. Die in abgeschotteten Internetblasen gefangenen Nutzer sind der Meinungseinwirkung der Mainstreammedien nicht mehr zugänglich, weil sie ihre Informationen nicht mehr aus diesen Quellen beziehen. Gleichzeitig verlieren die Themen, die diese Nutzer aktivieren und empören, nicht an Bedeutung, weil die immer selben Botschaften in den Echokammern der Internetblasen wieder und wieder und wieder wiederholt werden. Früher fanden die großen Zeitungen und Nachrichtensendungen nach spätestens einer Woche ein neues Thema. Die nächste Sau wurde durch’s Dorf getrieben und der gesamte Zuschauerzirkus zog mit. Abgeschottete Internetblasen machen diesen Prozess unmöglich. Die Gefangenen kriegen garnicht mehr mit, dass der Rest der Welt weiterzieht. In ihren abgeriegelten Informationsräumen bleiben die immer selben Themen relevant und aktuell. Und die Unterstützung für die Anführer dieser Blasen friert auf hohem Niveau fest. Deshalb kann eine AfD, deshalb kann ein Donald Trump, deshalb kann ein Boris Johnson machen, was er will. Egal wie korrupt, egal wie verlogen, egal wie unreif, egal wie gefährlich deren Handlungen objektiv auch sind. In den Internetblasen wird das alles nicht mehr oder nur grotesk verzerrt und linientreu angepasst wahrgenommen.

      Als der Nationalsozialismus in der Weimarer Republik immer schlagkräftiger wurde, passierte möglicherweise etwas ähnliches. Die SA wuchs enorm und verhielt sich praktisch wie eine Sekte. Die Mainstreammedien waren im Gegensatz zu unseren heutigen Medien von vornherein nicht marktorientiert-zentristisch, sondern nicht selten deutschnational-autoritär. Die Manipulationsmechanismen waren analog, wo sie heute digital sind. So wie heutige Sekten in ihrer nach außen hin abgeschotteten Form ebenfalls analoge Entsprechungen der modernen digitalen Informationsblasen im Internet sind.

      Ansonsten bin ich bei all den wirtschaftlichen Umbrüchen, die Sie ansprechen bei Ihnen. Ich habe versucht das unter dem Kapitel „Globalisierung“ in meinem Text zumindest teilweise zu berücksichtigen. Alle diese Faktoren haben mit dazu beigetragen, dass ein Umfeld entstand, in dem die Bereitschaft bei manchen Bürgern wuchs sich zu radikalisieren. Aber ohne das passende Werkzeug des Internets wäre diese Bereitschaft, wie früher schon so oft, ins Leere gelaufen. Und dann hätte sie sich tot gelaufen. Das Internet hat diese Tendenzen hingegen verstärkt, verstetigt und die Betroffenen in eine Community hineingeführt, in der niemand Zweifel am Gruppendenk hat. Communities, in denen Zweifel als Verrat gelten.

      Dass sich die GOP eines Donald Trump, dass sich die Bürger in Deutschlands Osten einer AfD nach all den Skandalen immer noch nicht entledigt haben, ist anders aus meiner Sicht schwer zu erklären.

  • Anton K. 3. November 2019, 15:30

    Einfache Antworten auf komplexen Fragen. Ist das nicht Populismus? :))

    • Ralf 3. November 2019, 15:34

      Es ist der Versuch einer Erklärung.

      Und so einfach ist die Antwort eigentlich nicht. Die Faktoren, die die Radikalisierung von Menschen begünstigen, sind unbestritten komplex und hoffentlich auch so dargestellt. Dass das Internet diese Faktoren dann zu einem „perfekten Sturm“ verbindet, verstärkt und verstetigt, ist wie angekündigt eine Hypothese. Hoffentlich eine, die zu den präsentierten Daten passt … 😉

  • popper 3. November 2019, 16:32

    dass sich die Bürger in Deutschlands Osten einer AfD nach all den Skandalen immer noch nicht entledigt haben, ist anders aus meiner Sicht schwer zu erklären.

    Da bin ich dann doch etwas enttäuscht. Sie merken offensichtlich nicht, dass Sie hier einen Zirkelschluss fabrizieren. Sie behaupten, das Internet sei die Ursache und erklären dann, anders als mit dem Internet sei die Zunahme des Rechtspopulismus nicht zu erklären. Damit machen Sie ihre Prämisse zur Konklussion.

    Ich denke im Gegenteil zu Ihnen, dass das Internet zwar das Meinungsmonopol der öffentlichen und privaten Medien gebrochen hat, aber nicht die Meinung macht, sondern transportiert, aber gleichzeitig durch seine Meinungsvielfalt es jedem überlässt, sich seine eigene Meinung zu bilden. In Filterblasen geraden wir alle, denn es liegt in der psychischen Grundstruktur des Menschen begründet, dass er nach Identifikation sucht. Dennoch, die realen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse spielen sich außerhalb des Internets ab, das Internet bietet für deren Thematisierung nur einen fast endlosen Kommunikationsrahmen. Das bedeutet dann für micb, dass ich die äußeren Umstände, so wie sie auf mich wirken in das Internet tranferiere und sie, wie z.B. hier im Blog thematisiere. Insoweit ist das Internet nicht der Erzeuger von meiner politischen Ausrichtung, sondern die Plattform zur Vernetzung. In der Wahlkabine mache ich mein Kreuz nicht dort, wo das Internet mich hingeprügelt hat, sondern aufgrund eines Abgleichs zwischen meiner Weltanschauung und der parteipolitischen Programmatik. Wobei das programmatische Angebot der Parteien immer dürftiger wird und sich immer mehr mit Personen Wahlkampf gemacht wird. Bei Merkel klang das dann so: Sie kennen mich. Im Internet kann viel erzählt werden, wenn es nicht mit meiner Lebensrealität übereinstimmt, wird es mich nicht überzeugen. Ein wesentlicher Punkt beim Zulauf zu den rechten Parteien sind die weltweiten Fluchtbewegungen, die auf Staaten trifft, die mit ihrer Wirtschaftspolitik und kriegerischen Auseinandersetzungen, diese Probleme erst erzeugt haben.

    Aufgrund ihrer neoliberalen Ausrichtung, den Flüchtlingen aber nichts zu bieten haben, was deren Leben verbessert. Im Gegenteil, sie kommen vom Regen in die Traufe. Sie werden benutzt, als billige Arbeitskräfte für Unternehmen und setzen die im Niedriglohnsektor bereits Beschäftigten noch mehr der Lohndrückerrei aus. Diese Gemengelage nutzen rechte Parteien, gegen Ausländer zu hetzen und sie zu Sündenböcken zu machen, was bei einem nicht geringenen Teil der Bürger des Landes den enormen Zulauf erklärt. Darin sehe ich die Ursachen, nicht im Internet.

    • Ralf 3. November 2019, 17:03

      In der Wahlkabine mache ich mein Kreuz nicht dort, wo das Internet mich hingeprügelt hat, sondern aufgrund eines Abgleichs zwischen meiner Weltanschauung und der parteipolitischen Programmatik.

      Da dürften Sie mehr ein Einzelfall sein. Parteiprogramme werden heutzutage praktisch von fast niemandem mehr gelesen. Bei den meisten Wählern dürften Bauchgefühl und das Image der Partei darüber entscheiden, wo sie ihr Kreuz machen. „Es denen da oben mal zu zeigen“ oder „die tun was und reden nicht nur“ oder „die tun was für uns im Osten“ sind sehr viel realistischere Wählerantriebsmotive als die konkrete Ausgestaltung eines Plans die Wirtschaft im Osten anzukurbeln oder der Vorschlag zur Erhebung einer konkreten Steuer mit im Parteiprogramm kommunizierten Steuersätzen.

      Insoweit ist das Internet nicht der Erzeuger von meiner politischen Ausrichtung, sondern die Plattform zur Vernetzung.

      Kommt darauf an, mit wem Sie sich vernetzen. Sie diskutieren z.B. hier im Blog viel mit, obwohl die meisten Kommentatoren Ihre politische Sicht der Dinge garnicht oder nur teilweise teilen. So sind Sie laufend gegnerischen Argumenten ausgesetzt, können die Treffsicherheit Ihrer eigenen Argumente überprüfen und schärfen und – gegebenenfalls – sogar Ihre Meinung ändern. Allerdings partizipieren die wenigsten Internetuser an meinungsdiversen Blogs wie diesem. Die meisten Internetcommunities haben eher eine stramm ideologische Ausrichtung. Nehmen Sie den Spiegelfechter oder die Nachdenkseiten als Beispiel. Da hören Sie praktisch garnichts, was nicht dezidiert linientreu ist, und wenn doch mal jemand was sagt, wird er vom Rest der Nutzer niedergebrüllt. Blogs wie dieser hier, wo man kontrovers und in der Regel höflich diskutiert, auch wenn die Meinungen sehr weit auseinandergehen, sind extrem selten und zahlenmäßig arm an Nutzern. Auch in den Internetblasen, etwa bei Facebook, rutscht man rasend schnell in eine Echokammer, in die oppositionelle Meinungen nicht mehr durchdringen. Auf die Frage, woher sie ihre politischen Informationen beziehen, antworten immer mehr Bürger, und interessanterweise vor allem Männer, immer häufiger mit dem Internet. In diesem Kontext darf man dann sehr wohl davon ausgehen, dass das Internet bei vielen zur Quelle der politischen Überzeugung wird. Vielleicht nicht bei Ihnen persönlich. Aber Sie kommen mir jetzt auch nicht gerade wie der Durchschnittsbürger vor. Erst recht nicht machen Sie auf mich den Eindruck zur Gruppe der Niedriggebildeten zu gehören, die nachweislich weit überproportional rechts wählen (unabhängig von Land und Kontinent) und durch diese Interneteffekte – meiner Hypothese nach – am stärksten betroffen sind. Weil sie eben am anfälligsten sind, da ihnen das Wissen fehlt Aussagen und Prozesse historisch und gesellschaftlich einzuordnen und weil sie die Mechanismen des Internets und seiner Player am wenigsten durchschauen.

      • Stefan Sasse 3. November 2019, 17:50

        Niemand macht sein Kreuz wegen eines Abgleichs mit der Parteiprogrammatik. Auch der soziale Stand spielt eine sehr geringe Rolle, sonst würden viel weniger Leute Parteien wie CDU und FDP wählen. Das Wählen basiert zu einem guten Teil auf Identitätsfragen: Wer ist mein Team? Das wählst du.

        • Ralf 3. November 2019, 17:54

          Yep … ^^

        • popper 3. November 2019, 20:18

          Da ist es, das Wort, das ideologisch besetzt ist: ‚Niemand‘. Das kann Stefan Sasse gar nicht wissen, aber er behauptet es einfach mal. Und er behauptet, es beruhe zu einem guten Teil auf Identitätsfragen, wo jemand sein Kreuz macht. Seine vorsorgliche Einschränkung zeigt, dass er seine Behauptung durch ein Relativierung abdeckt, um sie gegen Kritik abzusichern. Belegt wird in der Sache damit gar nichts. Auch der Stand einer Person sagt nichts über seine politischen Präferenzen, sie ist ebenfalls nur eine willkürliche Zuschreibung. Woher er sein Wissen nimmt erfährt man nicht. Und die wenn-dann Behauptung ist völlige unfundierte Kaffeesatzleserei. Sasse wollte einfach mal widersprechen, ohne im Einzelnen sachlich zu begründen. Das ist ideologisches Verhalten, weil hier jemand meint er gebe auf alles valide Antworten.

          • Ralf 3. November 2019, 20:28

            Naja, Belege führen Sie ja selbst auch keine an.

            Aber die Beschreibung von Stefan Sasse deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen. Ich hab z.B. im Rahmen der Bundestagswahl 2005 mal den Fehler gemacht an einem SPD-Stand nach dem Wahlprogramm der Sozialdemokraten zu fragen. Die gaben dort halt Kugelschreiber mit Partei-Logo, Anstecknadeln mit Partei-Logo und all so Sachen aus. Davon hatten sie kistenweise Material. Aber mit jemandem, der ein Programm wollte, hatten die überhaupt nicht gerechnet. Kiste über Kiste haben sie umgedreht. Nach 10 Minuten verzweifelter Suche fanden sie dann endlich den Karton mit den Programmen. Es war der allerunterste. Der einzige, der noch nicht geöffnet war.

            Auch ansonsten findet man im Elektoriat eher weniger Interesse an Parteiprogrammen. Die Einschaltquoten bei Parteitagen sind im Fernsehen z.B. marginal. Bei Reden im Bundestag ebenso. Den Prozentsatz in der Bevölkerung, der sich sowas anschaut, muss man mit dem Mikroskop suchen. Wäre das Interesse an Programmen größer, würden im übrigen auch viel mehr Bürger in eine Partei eintreten.

            • popper 3. November 2019, 21:27

              Naja, Belege führen Sie ja selbst auch keine an.

              Was soll ich denn belegen, und was hat ihre persönliche Erfahrung mit den Verhaltensmotiven von Menschen zu tun. Sie sprechen nicht mit allen Wählern. Und dann wieder dieses wenn-dann. Woher wissen Sie dass die Begründungen zutreffend sind. Die Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen können feststellen, dass die Parteien ihre Wahlversprechen nicht nur nicht halten, sondern ihre Lebenssituation sich permanent nahe am Existenzminimum bewegt. Betrachtet man die wirtschaftlichen Entwicklungen der letzten 40 Jahre , kann man feststellen, dass eine neoliberale Regime herbeigelogen und manipuliert wurde, das im Ergebnis nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa eine Verschiebung nach rechts bewirkt hat. Das ist so evident und empirisch nachweisbar, dass jede Frage nach Beweisen nur ablenken soll. Ich denke, dass im wissenschaftlichen Sinne nichts bewiesen werden kann, da sich Kausalitäten sich nicht determinieren lassen und nichts zwingend auf Vorangegangenes folgt. Das ergibt sich aus der heisenbergschen Unschärferelation. Menschliche Verhaltensmotive sind noch weniger vorhersehbar. Ich denke, dass Tagesschau, Heute-Sendung und die Printmedien (z.B. Bild) ungleich mehr zum Rechtspopulismus beitragen, als jedes Internet.

  • Stefan Sasse 3. November 2019, 18:31

    Sehr spannender Artikel mit viel Futter zum Nachdenken, danke dafür. Ich würde dir nicht widersprechen, sondern noch drei zentrale Faktoren hinzufügen. Einen hast du selbst angesprochen: den Bedeutungsverlust der Eliten und traditionellen bindenden Institutionen (Gewerkschaften, Kirchen, Parteien, Vereine, …). Spiegelbildlich dazu kommt die Ausbildung der identity politics, die diesen Eliten nicht mehr unterliegen. Früher kamen die krachledernen Sprüche gegen die linksgrün versifften Gutmenschen in homöopathischen Dosen zu Wahlkampfzeiten von FJS, der vorgab, wann das ok war. Heute wird das Zeug in Foren toxisch und virulent. Und drittens hast du das verbreitete Gefühl, Verlierer des sozialen und wirtschaftlichen Wandels zu sein.

    • Ralf 3. November 2019, 18:38

      Vielen Dank für’s Lesen, trotz der Überlänge … 😉

      Und ja. Die Identity-Politics sind heute toxischer. Vielleicht auch, weil sich die Akteure gegenseitig hochschaukeln. Den Eindruck bekomme ich manchmal, wenn ich in Online-Foren schaue. Auch das ist ein Effekt, der vornehmlich mit dem Internet kam.

      • Stefan Sasse 4. November 2019, 10:31

        Noch ein Punkt. Ich denke, dass der Bedeutungsverlust des Fernsehens auch eine massive Rolle spielt. Bei aller mieser Qualität hat es eine einheitliche Realität geschaffen (Luhmann lässt grüßen). Seit sich das auflöst, haben wir die von dir beschriebenen Effekte. In den USA ist die Radikalisierung der GOP direkt korrelierend mit dem Aufstieg von FOX News und der rechtsextremen Medienblase. In Deutschland hat die AfD Erfolge, seit ihre Klientel nicht mehr Tagesschau sieht, um es mal überspitzt auszudrücken.

        • CitizenK 4. November 2019, 11:22

          twens, auch Studenten – keine Zeitung, kein Fernsehen, nur Internet. Ralfs Ansatz ist für mich sehr überzeugend und deshalb sehr beunruhigend.

          Aber wenn der Stecker national gezogen wird wie jetzt von Putin, wird es nicht besser.

        • popper 4. November 2019, 14:08

          In Deutschland hat die AfD Erfolge, seit ihre Klientel nicht mehr Tagesschau sieht, um es mal überspitzt auszudrücken.

          Erzählen Sie bitte hier nichts mehr von Filterblasen. Abgesehen davon, dass Sie wieder mal etwas behaupten, wozu es gar keine Erkenntnisse gibt. Oder woher haben Sie ihre Erkenntnis? Oder wollen Sie das Märchen von den Dummen hier tradieren. Haben Sie sich mal die Listen der AfD Mitglieder auf Bundes- und Länderebenen angeschaut? Sehr viele Akademiker und Gutsituierte. Und da suggerieren Sie hier, deren Wähler sind nur uninformierte Dodel. Ich behaupte sogar, dass, wer Tagesschau schaut und das für bare Münze nimmt, ziemliche Gefahr läuft, in die Arme der AfD getrieben zu werden.

  • cimourdain 3. November 2019, 21:42

    Ich gebe dir recht, dass das Internet eine Verstärkungs- und Radikalisierungsfunktion liefert. Aber um etwas zu verstärken, muss da erst eine Basis da sein.
    Und diese Basis ist hierzulande der Phänomenkomplex ‚gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit‘, die seit den 90ern mit steten Tropfen der den Rechtspopulismus nährt. Und dafür ist – soweit möchte ich die Sicht von Popper ergänzen – auch die Bewertung von Menschen nach Nützlichkeit und das Gegeneinanderstellen verschiedener Gruppen, also typisch neoliberale Sichtweisen – mitursächlich.
    Ein weiterer ’steter Tropfen‘, der den Rechtspopulismus in Europa genährt hat, ist der Krieg, den der Westen seit 2001 in verschiedenen islamischen Ländern führt. Durch diesen wurde eine extreme Terrorangst und allgemein islamfeindliche Stimmung geschürt, eine starke EInstiegsdroge für Fremdenfeindlichkeit.
    Und ein dritter Effekt, der schon seit vielen Jahren die Rechten nährt, ist die verkürzte Aufmerksamkeitsspanne. Häppchenjournalismus, kurze Lineare Meinungskommentare, Talkshowerfolg durch Quote/Klicks, etc.. , diese undifferenzierten Verkürzungen kommen Radikalen entgegen.

    • Ralf 4. November 2019, 08:03

      Zustimmung, dass alle diese Dinge eine Rolle spielen. Nur erklären sie meiner Meinung nach nicht wirklich, weshalb gerade jetzt die AfD diese beängstigend hohen Ergebnisse einfährt. Und zwar flächendeckend im Osten. Das war vor 10 Jahren noch undenkbar. Oder warum Donald Trump diese unverwundbare Basis hat, praktisch 40% der Amerikaner, die koste es, was es wolle, bei ihm steht. Egal wie viele Skandale. Egal wie viel Korruption. Egal wie viele Lügen. Und ähnliche Phänomene laufen derzeit überall ab in der westlichen Welt und sogar darüber hinaus (z.B. Indien oder Brasilien).

      Ich versuche den Zeitpunkt und die Verhärtung zu erklären. Ich sage nicht, dass das Internet alleine Rechtsextremismus auslöst oder dass es keine fehlgeschlagenen gesellschaftlichen Prozesse benötigt, um so wirken zu können wie es wirkt. Einige davon hatte ich ja oben unter der Überschrift „Globalisierung“ zusammengefasst.

      Die Effekte, die Du nennst, erklären alle, wieso Radikalisierung möglich geworden ist, aber sie erklären nicht, weshalb die Radikalisierung gerade heute weltweit besonders stark ist oder weshalb sich die Rechten heute in den Gesellschaften und Parlamenten fest verankern und etablieren können, während das früher eher ein temporäres Phänomen war, unmittelbar gekoppelt an Phasen hoher Einwanderung oder wirtschaftlicher Rezession. Der Neoliberalismus ist z.B. seit den 80ern die dominierende politische Leitphilosophie. Wieso haben sich dann nicht schon in den Achtzigern oder Neunzigern permanent Rechtsextreme in den Parlamenten festgesetzt. Alldieweil die Arbeitslosigkeit damals höher war und die Schockwirkung des wirtschaftlichen Kollaps nach der Wende im Osten Anfang der Neunziger noch erheblich unmittelbarer war. Heute hat man sich hingegen an vieles gewöhnt. Auch die Kriege im Nahen und Mittleren Osten sind nichts Neues. Der zweite Golfkrieg fand z.B. Anfang der Neunziger Jahre statt. Auch das Feindbild des islamischen Terroristen war damals schon geboren. Mir persönlich fiel das auf, als zum ersten Mal in einem populären amerikanischen Kinofilm (True Lies mit Arnold Schwarzenegger von 1994) nicht die Russen sondern islamische Terroristen die Gegner waren. Trotzdem gab es Mitte der Neunziger keinen Donald Trump und auch nicht ein Viertel Rechtsextreme in deutschen Landtagen. Analoge Überlegungen kann man zum Qualitätsverlust in den deutschen Medien, insbesondere im Fernsehen anstellen. Der Niedergang der Kultur dort begann mit dem Privatfernsehen Ende der Achtziger. Mit Anschrei-Sendungen (Explosiv – Der heiße Stuhl fällt mir als Beispiel ein), Talkshows auf primitivstem Niveau, diversen Tabubrüchen und einem ausschließlichen Fokus auf Unterhaltung. Trotzdem waren damals keine sich verfestigenden rechtsextremen Erfolge in den Parlamenten zu verzeichnen. Nur sich verflüchtigendes, temporäres Aufflammen war zu beobachten. Und ein Clown wie Donald Trump wäre damals niemals Präsident geworden.

      Also muss sich also irgendetwas Entscheidendes geändert haben …

      • popper 4. November 2019, 13:43

        Also muss sich also irgendetwas Entscheidendes geändert haben…

        Warum etwas Entscheidendes? Ich lese, was Sie kommentieren mit Interesse und finde ihre Art, Sachverhalte zu diskutieren inspirierend. Umso mehr frage ich mich, was Sie leitet, einen komplexen Sachverhalt in ein einziges Frame (Internet ) zu pressen. Warum sollte das Internet den starken Zulauf zum Rechtspopulismus verursachen. Vermengen Sie hier vielleicht nicht Motiv und Verwendung im Verhältnis zu etwas Drittem. Man könnte das damit vergleichen, dass Hardware und Software nie identisch sind. Das Internet ist Echokammer für das, was sich an Information in ihr zusammensetzt und sich auf unzählige Meinungsfraktionen verteilt. Es ist aber nicht identisch mit dem gedanklichen Inhalt, den es verarbeitet. Darin sehe ich den gravierenden Unterschied. Das Internet transportiert und vervielfältigt Meinungen, wie alle anderen Medien auch, ist aber nicht, wie bei letzteren, deren Erzeuger oder Erfinder seiner Botschaften in Form veröffentlichter Meinung. Der vermehrte Zulauf zu rechten Parteien ist aus meiner Sicht Ergebnis einer über Jahrzehnte praktizierten Politik des Ressentiments gegen den Sozialstaat und Länder sowie dem Glauben, der freie Markt schaffe Wohlstand für alle, bis hin zu einem Finanzkapitalismus, der sich als irrational und bezogen auf seine Grundlage, aus Geld mehr Geld zu schaffen, als selbstzerstörend erweist.

        • Ralf 4. November 2019, 20:39

          Warum sollte das Internet den starken Zulauf zum Rechtspopulismus verursachen.

          Ich behaupte nicht, dass das Internet alleine den starken Zulauf zum Rechtspopulismus verursacht. Zu den Gründen, weshalb die Rechten mehr Zustimmung bekommen, haben Sie und auch andere (und auch ich selbst in meinem Artikel) viel Richtiges geschrieben.

          Mein Punkt ist, dass aber viele der genannten Ursachen nicht neu sind und deshalb nicht erklären können, warum Clownfiguren wie Trump oder Johnson GERADE JETZT erfolgreich sind, wenn solche Kandidaten früher auch nicht in die Nähe des Amtes eines Staatschefs gekommen wären. Ähnlich frage ich mich, warum GERADE JETZT die AfD sich so stabil und flächendeckend in Deutschland etablieren kann, während ähnliche Parteien sich in Schweden, Dänemark, Italien, Finnland, den Niederlanden etc. ebenfalls durchsetzen. Früher sind solche Gruppierungen immer nur sehr temporär erfolgreich gewesen. Nach ein paar Jahren klang dieses Aufflammen wieder ab. Die Frage ist also berechtigt, was sich plötzlich geändert hat.

          Und der Neoliberalismus kann nicht der Grund sein. Denn der wütet seit den 80ern. Wenn überhaupt, dann sind – zumindest in Deutschland – in den letzten Jahren die größten Ungerechtigkeiten ein Stück zurückgenommen worden. Es gibt einen Mindestlohn, das Schonvermögen von Hartz IV-Empfängern ist ausgedehnt worden, die Bezugsdauer von Arbeitslosengeld für ältere Arbeitslose ist verlängert worden und so weiter. Mir persönlich geht das alles nicht weit genug. Aber es geht zumindest in die richtige Richtung. Und wenn der Neoliberalismus monokausal Rechtsextremismus produzieren würde, dann hätte ich in den vergangenen Jahren eher eine Beruhigung des Phänomens erwartet. Stattdessen ist der Rechtsextremismus virulenter als je zuvor.

          Die Rolle des Internets ist aus meiner Sicht nicht die des Erzeugers von Rechtsextremismus, sondern es spielt eine Rolle beim Konsolidieren und Verstetigen dieser Einstellungen. Das Internet trägt dazu bei, dass sich bestehende Ressentiments vertiefen und verhärten. Es hält die Themen der Rechten aktuell, auch wenn die großen Medien wieder zur Tagesordnung übergegangen sind. Und es treibt die Vernetzung von Gleichgesinnten an, die sich dann gegenseitig in ihrem Weltbild weiter ermutigen. Dass es überhaupt rechte Gesinnungen gibt, dafür gibt es andere Gründe als das Internet. Aber das Internet schafft das toxische Umfeld, in dem diese Gesinnungen wachsen und gedeihen können.

  • Martin 4. November 2019, 12:17

    Das Internet war ja schon in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts am Aufstieg des Faschismus in Europa beteiligt. Und auch die Französische Revolution, oder die amerikanische wären ohne das Internet nicht passiert. Auch der Fall der Mauer: Durch Radikalisierung in Internetforen unumgänglich. Da scheint die Strategie Putins, das Internet zu kappen, eigentlich beispielhaft 😉

    Kleiner Spaß. Bitte nicht ernst nehmen!

    Natürlich hat das Internet auch seinen Anteil, aber ich würde es nicht als den notwendigen betrachten. Umbrüche und -stürze gelangen und gelingen auch ohne Internet.

    Ich stelle die Frage mal anders: Warum gehen die Leute denn vermehrt „ins Netzt“ (doppeldeutig!)? Warum gehen sie nicht mehr in die Kneipe zum Stammtisch? Oder treffen sich im (Sport)verein? Oder nach der Arbeit zu den Kollegen in den Garten zum Grillen?

    Habt Ihr schon einmal das Wort „Vereinsamung“ gehört/gelesen? „Soziale Isolation“? Wo in Deutschlands könnte das wohl am ehesten zu finden sein?
    Ich war vor etwa zwei Wochen bei einem Klassentreffen in einer Stadt in Sachsen Anhalt. Von den 15 Anwesenden leben noch 5 in der Region; mehr als die Hälfte wohnt in Westdeutschland (inkl. Berlin).

    Ich habe meine Abschlussarbeit über die soziale Identität geschrieben. Kurz zusammengefasst: Der Mensch als soziales Lebewesen ordnet sich soziale Gruppen zu, die Teil seines Selbstbildes werden. Die Zugehörigkeit zu solchen Gruppen selbst macht beeinflusst schon das Selbstwertgefühl – je nachdem, ob man sich einer angesehenen, sozial hochstehenden Gruppe zurechnet, oder ob man in einer eher verachteten, sozial niedergestellten Gruppe wiederfindet.

    Bestimmte soziale Gruppen/Identitäten kann man selbst ändern (mit mehr oder weniger Kosten): Beruf, Arbeitgeber, Wohnort, Vereine. Viele soziale Identitäten sind jedoch nur sehr schwer zu ändern: Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität.

    Wenn man gut integriert ist – man hat einen Abschluss, einen Beruf gelernt, arbeitet bei einem angesehenen Unternehmen, ist Vereinsmitglied, hat Freunde, Familie, engagiert sind (in der Schule der Kinder, in Parteien), geht Abends aus, trifft sich mit anderen – dann sind dass die Identitäten, die für einen wichtig sind: „Ich bin Mechatroniker,“ „Ich bin Mutter,“ „Ich bin Bayern-Fan,“ „Ich bin Grüner,“ „Ich bin Akademiker“ usw.

    Wenn das aber fehlt – Keine Ausbildung, kein Job, keine Freunde, keine Freizeitaktivitäten – dann falle ich auf meine „Grundidentitäten“ zurück, die, die ich immer habe, komme was wolle: Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität.

    Das kann mir unter Umständen schon reichen, wenn diese Identitäten in der Gesellschaft hoch angesehen sind. Dann bin ich alleine schon dadurch wer.

    Und wenn nicht? Dann kann ich versuchen wenigstens innerhalb der Gruppe noch aufzusteigen. „Ich bin vielleicht nur ein X, aber ich bin X-iger als alle anderen X-e. Ich bin der Proto-X. Zu mir sehen alle anderen X-e auf.“

    Deswegen halte ich nicht so viel von Begriffen wie „toxische Männlichkeit“. Die sind zum einen abwertend, ja. Sie können jedoch – anders als von den Verwendern dieser Phrase vielleicht gewünscht – als Idealbild dienen. „Ich bin vielleicht nur ein toxischer Mann, aber dann will ich auch der toxischste Mann von allen sein. Dann bin ich wenigstens wer!“

    Oder ich kann versuchen, den Status meiner Gruppe gegenüber den anderen Gruppen zu verbessern. Durch Aufwertung (sehr schwer! Als einzelnes Individuum einer sehr großen Gruppe eigentlich nicht möglich) oder durch Abwertung anderer (sehr einfach!)

    Es ist ja schon das Beispiel mit den Sekten gekommen. Wenn ich also verhindern will, dass sich Menschen mit rassistischen, nationalistischen und sexistischen Ideen und Gruppen identifizieren, dann muss ich ihnen alternative, für sie erreichbare Identitäten bieten.

    Kurz: Ich muss der Vereinsamung und soziale Isolation entgegenwirken und die Menschen wertschätzend in mir genehme soziale Gruppe einbinden.

    • Ralf 4. November 2019, 20:52

      Zweifellos alles richtig, aber Vereinsamung und Desintegration erklären nicht warum Trump und Johnson, warum Höcke und Wilders, warum Salvini und Bolsonaro, warum Modi und Orban GERADE HEUTE so erfolgreich sind. Irgendwie scheint es in der ganzen Welt auf allen Kontinenten gleichzeitig einen rechten Trend und einen Trend hin zu Populisten und Clowns zu geben. Warum ist das so? Das Internet erscheint mir aus den diskutierten Gründen eine gute Antwort, weil es rechte Gesinnungen verstärkt und verhärtet und eine Bühne für die stabile Vernetzung Gleichgesinnter schafft.

      Vereinsamung und soziale Isolation hingegen führen (das ist zumindest mein Bauchgefühl) eher in Lethargie und Passivität als in den Aufruf zur Revolution, eher ins Nichtwählen als ins Rechtswählen. Aber selbst wenn ich da falsch liege, sind die Menschen im Mittleren Westen der USA oder in Nordengland oder in Ostdeutschland oder in den dicht besiedelten Niederlanden heute vereinsamter, sozial isolierter als vor zehn Jahren? Sah die Lage da 2009 so viel anders aus als heute in 2019? Ich habe Schwierigkeiten das zu erkennen.

      Das Internet hingegen ist relativ neu und es ist vor allem gerade für die Bevölkerungsgruppen, die besonders stark hinter dem Rechtsruck stehen (eher Alte, eher Niedriggebildete, eher Männer) brandneu. Denn diese Klientel hatte mit der Onlinewelt bis vor Kurzem praktisch keinerlei Berührung. Das Internet betritt also als möglicher Faktor gerade zu dem Zeitpunkt die Bühne, in dem ein Auslöser für die rechte Welle gesucht wird. Das ist es, was mich persönlich an der Theorie, dass das Internet hilft praktisch den „perfekten Sturm“ zu verursachen (und dabei natürlich auf vieles baut, was Grundstimmungen beeinflusst, inklusive Deiner Vereinsamung und sozialen Isolation) so überzeugt.

      • Stefan Pietsch 4. November 2019, 22:35

        Sie machen meiner Ansicht nach den immer gleichen Fehler, Gemeinsamkeiten dort zu erkennen, wo keine sind, weil Sie den Elefant übersehen. Ich teile kein Stück Ihrer Erklärung, das Internet habe eine Radikalisierung (auf der Rechten) ermöglicht. Weil Sie selbst erheblich links stehen, ist es Ihnen dann nicht möglich, die Radikalisierung des eigenen Lagers zu erkennen.

        Nur ein Beispiel: die Klimaschutzbewegungen, die wir derzeit beobachten können, pfeifen auf die Pfeiler unserer freien Gesellschaft, wenn sie den demokratischen Diskurs wie den Kompromiss ablehnen und die Legitimität von Parlamenten in Zweifel ziehen. Worin unterscheiden sich solche Bewegungen im Großen und Ganzen von dem typischen AfD-Vertreter?

        Wenden wir uns nun Ihren Namensnennungen zu. Bernd Höcke hat bei den thüringischen AfD-Anhängern mit 8%-Zustimmung weit schlechtere Werte erzielt als seine Partei an Prozenten einsammeln konnte. D.h. nichts anderes, als dass die Rechtspopulisten trotz des Spitzenkandidaten Höcke erheblich gewinnen konnten und nicht wegen.

        Bolsonaro: Es ist ein typisches Merkmal der großen Demokratien in Südamerika, Brasilien und Argentinien, dass sich Populisten und Technokraten seit den Zeiten Perons in schöner Regelmäßigkeit ablösen. So hat sich Argentinien von einem der reichsten Volkswirtschaften zu einem dauerhaft insolventen Staat herabgewirtschaftet. Auch Bolsonaro hatte einen Vor-Vorgänger und der hieß Silva – und der sitzt wegen massiver Korruptionsvorwürfen im Gefängnis. In Argentinien hat die ehemalige Präsidentin und künftige Vizepräsidentin Cristina Kirchner einen hart nationalistischen Kurs gefahren. Ihre Hochburgen waren die ländlichen Regionen in der Pampa, während sie in der modernen Metropole Buenos Aires unbedeutend auf dem dritten Platz landete. Und das war lange vor Donald Trump.

        Und warum übersehen Sie das aktuelle Gegenstück zu Bolsonaro, den bolivianischen Präsidenten Morales, der im Gegensatz zum rechtsradikalen Brasilianer nicht einmal mehr auf ein demokratisches, rechtsstaatliches Votum bauen kann? Dieser frühere Hero der Linken hat sich analog wie in Venezuela Maduro den Staat unter den Nagel gerissen und die Demokratie abgeschafft. Ihre Befürchtungen, die Sie auf die radikalisierte Rechte beziehen, haben die radikalisierten Linken längst vollzogen. Und im Westen droht eine solche Gefahr von Ökoradikalen – siehe oben.

        Salvini ist ein Auswuchs zweier italienischer Länder, die nicht zusammengehören. Im Grunde ist der Lega-Spitzenmann der Erbe eines anderen Clowns, Silvio Berlusconi, der Mitte der Neunzigerjahre die Nachfolger der Römer der internationalen Lächerlichkeit preisgab. Ihm gegenüber steht eine Partei, die sogar von einem hauptberuflichen Clown gegründet wurde.

        Orban regiert ein konservatives, ländlich geprägtes Land mit knapper absoluter Mehrheit. Dabei ist es kein original ungarisches Phänomen, dass die ehemaligen Ostblockstaaten mit Demokratie und Rechtsstaat fremdeln. In Serbien wie Kroatien regierten schon in den Neunzigerjahren Nationalpopulisten. Die meisten dieser Staaten haben in der ein oder anderen Richtung eine radikale Vergangenheit und Gegenwart. Wo ist da das Neue?

        Und auch Donald Trump hatte in den USA einen Vorgänger und der hieß Ross Perot und errang 1992 rund 19% der Stimmen. Der Milliardär war damals ein so wenig ernsthafter Kandidat wie 24 Jahre später der New Yorker Immobilien-Tycoon. Der Unterschied: aufgrund wirklich sehr günstiger Konstellationen – und nicht einer starken Radikalisierung auf der Rechten – konnte Trump aus einer deutlichen Minderheit der Stimmen für seine Person eine Mehrheit in den Wahlmännerstimmen machen.

        Auch in Frankreich gab es so etwas schon mal: mit Jean-Marie Le Pen erreichte 2002 ein wirklich schlimmer Rechtsradikaler die Stichwahl der französischen Präsidentschaftswahlen knapp 18%. Seine Nachfolgerin und Tochter musste sich erheblich „verbürgerlichen“, um das gesamte radikale Spektrum, das in jeder Gesellschaft existiert, weitgehend ausschöpfen zu können.

        Vor zweieinhalb Jahren errang die Rechtspopulistin LePen 21% im ersten Wahlgang, der Linkspopulist mit nationalistischem Auftritt Jean-Luc Mélenchon, der die gemäßigten Sozialisten marginalisiert hatte, schaffte fast 20%. Wo ist das der Unterschied?

        In Spanien scheitern seit fast einem Jahrzehnt linke Mehrheiten an den Links-Radikalen von Podemos und brocken dem Land Neuwahlen im Jahrestakt ein. Parteiführer Pablo Iglesias hat es nicht verstanden, zum Establishment zu werden, um das Land wieder demokratisch zu stabilisieren.

        Nein, Ihrer Erklärungen sind auch in der verwässerten Variante zu simpel, um höchst komplexe Entwicklungen nur ansatzweise zu erklären. Auch teilweise Blindheit ist am Ende nichts anderes als Blindheit. 😉

        • Stefan Sasse 4. November 2019, 22:42

          Genau. Worin liegt der Unterschied eines Protests für Handeln gegen den Klimawandel zu Todesdrohungen? Wir sehen den nur, weil wir halt ideologisch verblendet sind. Danke für die Erklärung, weiser gemäßigter Bürgerlicher.

          • Stefan Pietsch 4. November 2019, 22:47

            Der durchschnittliche AfD-Anhänger stößt Todesdrohungen aus? Stefan, das sind allein 16% der Rechten, die Mordphantasien haben! Dazu kommen noch andere, Nicht-Rechte, die ebenfalls Mordideen haben, sie manchmal in die Tat umsetzen (oder daran scheitern). Deutschland, ein Volk von Mördern?

            Ein bisschen albern, oder?

        • Rauschi 5. November 2019, 12:23

          Nur ein Beispiel: die Klimaschutzbewegungen, die wir derzeit beobachten können, pfeifen auf die Pfeiler unserer freien Gesellschaft, wenn sie den demokratischen Diskurs wie den Kompromiss ablehnen und die Legitimität von Parlamenten in Zweifel ziehen. Worin unterscheiden sich solche Bewegungen im Großen und Ganzen von dem typischen AfD-Vertreter?
          Bewegungen sind keine Parteien, das wäre schon mal der erste Unterschied, Bewegungen kann ich nciht isn Parlament wählen, das ist noch einer.
          Wo bitte ziehen die Bewegungen die Legitimität von Parlamenten in Zweifel? Wo? Lehnen Kompromisse ab? Macht das einen Unterschied in der aktuellen Politik?
          Ich finde ja immer wieder amüsant, wer bei Ihnen angeblich gerade das Sagen hatt und Gesetze macht und verabschiedet.
          Das ist nie die Regierung, das sind immer andere, wahlweise die Opposition oder gar Gruppen, die gar nicht im Parlament vertreten sind. Wie kommt das?
          Wofür haben wir eine Regierung, wenn die keinerlei Macht hat?

        • Ralf 5. November 2019, 19:38

          Mein Artikel befasst sich nicht mit linken Populisten, weil das nicht das Thema war. Wär auch kein besonders zeitgemäßes Thema, denn Linkspopulisten gibt es außer in Südamerika nicht in oder nahe Regierungspositionen. Auch Podemos ist keine linksradikale Partei. Das sehen Sie nur deshalb anders, weil Sie pauschal grundsätzlich jede Haltung als extremistisch deklarieren, die nicht die Ihre ist.

          Ross Perot ist im übrigen in Sachen Clownsein kein Stück mit Trump vergleichbar. Und dass Björn Höcke gute persönliche Umfragewerte hat, hat kein Mensch behauptet und ist nicht Teil meines Arguments.

          Bleibt noch Silvio Berlusconi. Der betrat in der Tat für meine Argumentation zu früh die Bühne. Allerdings lässt sich der Spezialfall Berlusconi möglicherweise elegant erklären. Das Internet konnte für die meisten westlichen Gesellschaften den Effekt haben, den es hatte, unter anderem, weil es den zentristischen Eliten die Kontrolle der Massen über die Medien entzog. In den USA hieß das weg von CNN und NBC. In Deutschland hieß das weg vom Heute Journal und der Tagesschau. Und hinein die Filterblasen. In Berlusconis Italien stellt sich die Frage, wie sehr ein solcher Effekt überhaupt wirken konnte, denn Berlusconi kontrollierte ja selber höchstpersönlich die Hauptmedien. Und konnte die Massen damit steuern zu einem Zeitpunkt, als den Mainstreammedien, wie zum Beispiel dem Fernsehen, von den meisten Bürgern noch vertraut wurde. Auch in Italien. Als das Internet aufkam, führte es schließlich auch in Italien die Menschen von den konventionellen Medien weg. Was folgte, war die Online-Radikalisierung, der den Wahlerfolg von Salvini produziert hat.

          • Stefan Pietsch 5. November 2019, 23:01

            Sie haben in Ihrem Artikel als auch in den Kommentaren auf Brasilien Bezug genommen. Dabei zeigt genau Südamerika die Zweifelhaftigkeit Ihrer These. Wir haben eigentlich nur in den Mutterländern der modernen Demokratie, den USA und Großbritannien ein neues Phänomen mit rechten Populisten. Auf der Insel ist das Thema im Grunde brandneu, auch das spricht gegen Ihre These.

            Es ist kein neuzeitliches Phänomen – anders als Ihre Darstellung, dass in Demokratien zwischen 22 und 30 Prozent der Bürgerschaft zu nationalistisch geprägtem Gedankengut neigen. In diesem Rahmen bewegt sich die Zustimmung zu Trump wie Le Pen. In Deutschland wie den Niederlanden hat eine ultraliberale Migrationspolitik zu einem parteipolitischen Herausbilden dieser nationalistischen Schicht geführt. Schweden, Dänemark und eben auch die Holländer haben daraus konsequentere Schlüsse gezogen als Deutschland.

            Nochmal zu Südamerika: Bolsonaro ist in seiner Ausrichtung nicht besonders. Er fällt in Kategorien, wo sich zuvor schon Hugo Chavez (Venezuela), Cristina Kirchner (Argentinien) oder Evo Morales (Bolivien) bewegt haben. Auch das falsifiziert letztendlich Ihre Theorie.

            Auch Ihre Fernsehthese erweist sich bei näherer Betrachtung als unsinnig. Bereits Anfang / Mitte der Neunzigerjahre wurde beklagt, dass junge Menschen bis 25 nicht mehr die klassischen Nachrichtensendungen als wesentliche Informationsquelle nutzen würden. Heute sind diese Leute Ende Vierzig, Anfang Fünfzig. Dennoch neigen sie im Westen nicht automatisch der AfD zu, sondern sehr häufig den Grünen. Italien mag ein Extrem gewesen sein, aus dem Rahmen sind die Südländer nicht gefallen.

  • Ariane 4. November 2019, 14:10

    Vielen Dank für den spannenden Artikel erstmal. Ist immer bisschen schwer, so arg lange Artikel zu kommentieren, aber ich würde mir gerne zwei Punkte rausgreifen.

    Ich dampfe deinen ersten Punkt mal auf weiße Männer herunter, um etwas genereller bleiben zu können und werde recht grob zwischen weißen Männern und Minderheiten unterscheiden.
    Ich glaube, wir haben hier so eine Situation, dass revolutionäre Unruhe meist entsteht, wenn die großen Ungerechtigkeiten weg sind. Wir haben in recht kurzer Zeit einen sehr sehr breiten Konsens gefunden, was Grundlegendes angeht. Heutzutage will niemand mehr Homosexuelle strafverfolgen oder Frauen das Wahlrecht entziehen, allen möglichen Minderheiten wurde quasi zugestanden, an der Gesellschaft teilzuhaben.
    Für weiße Männer ist der Fall abgeschlossen, alle können teilhaben, fertig. Für die Minderheiten fängt es aber da erst an. Jetzt, wo sie nicht mehr weggesperrt sind, möchten sie nicht einfach nur an der Gesellschaft (der weißen Männer) teilhaben, sie möchten ein richtiger Teil davon sein und sie richtig mitgestalten. Und das ist sehr grundlegend, betrifft hunderte Dinge gleichzeitig und stellt den weißen Mann als Maß aller Dinge in Frage.
    Zb geht es nicht mehr um die Frage, ob Frauen auch Bücher schreiben dürfen: sondern ob ähnlich viele Schriftstellerinnen in Literaturbeilagen vorkommen, ob anders (sprich abwertender) über Schriftstellerinnen berichtet wird, ob aus anderen Perspektiven berichtet wird als dass ein weißer Mann ein Abenteuer erlebt, usw. usf.
    Und diese weitergehenden Aushandlungsprozesse finden gerade überall gleichzeitig statt und sind meiner Meinung nach sehr viel grundlegender und erschütternder als ein technischer Vorgang (wie zb „mal fix“ die Ehe für alle einzuführen) und fordern auch von weißen Männern Anpassungen. Das ist sonst nie der Fall, weil die Welt auf sie ausgerichtet ist.
    Mir ist zb aufgefallen, dass es sich für moderne Männer merkwürdig anfühlt und sie irritiert sind, wenn sie in Situationen kommen, in denen sie nur „mitgemeint“ sind (Hochzeit und Kindersachen sind so klassische Domänen, die noch sehr auf Frauen ausgerichtet sind).
    Und ich glaube schon, dass dieser Dauerdruck zu Unsicherheit führt, der dann eben auch in einem Backlash enden kann. Die Rechtspopulisten sind ja auch häufig Karikaturen von Männlichkeit und breitbeinigem Machismo und verkörpern gerade in dem Punkt einen Art Erholungsort in Zeiten, in denen Mann nicht ständig gezwungen war, sich mit Befindlichkeiten anderer Gruppen auseinanderzusetzen.

    Mit dem Internet hast du glaube ich einen wichtigen Punkt benannt. Es gibt jetzt ganz neue Möglichkeiten von Öffentlichkeit, Gruppendenken usw., die dazu noch ziemlich viele Paradoxa birgt. Es gibt da eine merkwürdige Kluft zwischen Möglichkeiten und dem, was dann als Ergebnis daraus entsteht. Es war noch nie so einfach, sich zu informieren und im Ergebnis ist das Internet eine Radikalisierungsmaschine für allen möglichen Unfug. Es war auch noch nie so einfach, zig unterschiedliche Meinungen zu erfahren und im Ergebnis sitzen eigentlich alle in abgeschotteteren Meinungsblasen als jemals zuvor, während der Grundkonsensraum (wie zb die Tagesschau) verschwindet.
    Und wenn wir jetzt im Kontext von Rechtspopulismus bleiben, ergeben sich daraus neue Paradoxa. Wenn man sich mehr abschottet, radikalisiert man sich einerseits mehr. Auf der anderen Seite ist der Widerspruch/Gegner aber auch näher dran. Ein blöder Spruch am Stammtisch geht unter, wenn man den aber bei Twitter postet, hat man gleich zehn Leute da, die einem sagen, dass man gerade Blödsinn erzählt usw. Trotz Abschottung muss man seine Sicht gleichzeitig viel mehr/öfter verteidigen, was insgesamt zu mehr Polarisierung und einem „Wir gegen die“ führt.

    • Ralf 4. November 2019, 20:54

      Vielen Dank für’s Lesen!

      Und volle Zustimmung zu Deinen Punkten.

  • Stefan Sasse 4. November 2019, 18:10

    Genereller Gedanke. Hier in den Kommentaren wurden sehr viele richtige Gründe genannt. Keine davon schließen sich aus. Ich denke die eigentliche Diskussion ist doch hauptsächlich, welche davon die wichtigsten sind, und meinem Gefühl nach beantwortet jedeR diese Frage danach, was ihm/ihr am wichtigsten ist. Am sinnvollsten dürfte daher sein, die Sache umfassender anzugehen und Lösungsansätze für alle Probleme zu suchen statt sich zu streiten, welches nun das wichtigste ist. Was denkt ihr?

    • Ralf 4. November 2019, 21:04

      Nicht falsch. Allerdings fühle ich mich ein bisschen missverstanden … 😉

      Mein Argument ist nicht, dass das Internet für sich alleine genommen der wichtigste (oder gar der einzige) Faktor in der Radikalisierung der Menschen ist. Mein Argument ist, dass das Internet hilft toxische Trends (, die auf eine Myriade von Ursachen zurückgehen) zu verstetigen, zu verhärten, zu amplifizieren und Gleichgesinnte zu stabilen Netzwerken zusammenzuführen. Dadurch flauen rechte Stimmungen nicht mehr zeitnah ab, so wie früher. Auch dann nicht, wenn Korruption, Skandale und Lügen der Populisten so offensichtlich sind, dass das früher niemand politisch überlebt hätte. Das Internet führt so verschiedene Einflüsse, Grundstimmungen, Ängste und Tendenzen zu einem „perfekten Sturm“ zusammen.

      Das Internet ist also nicht „alles“, aber ohne das Internet wäre „alles“ nichts.

      • Stefan Sasse 4. November 2019, 22:40

        Das verstehe ich völlig. Ich wollte nur darauf hinweisen, dass es Sinn macht, die Punkte selbst darüber nicht aus den Augen zu verlieren.

    • Ariane 4. November 2019, 22:37

      Ich fürchte, das Problem liegt eher in der Sache selbst. Die Frage, warum wir gerade jetzt in einer Phase der erstarkten Rechten gelandet sind, ist so komplex, dass sie nicht mehr abschließend beantwortbar ist. Und dummerweise aus zig Einzelaspekten bestehen, die gleichzeitig richtig und falsch sind. So wie Ralf richtig anmerkt, dass alte weiße Männer als Erkläransatz nicht ausreichen, weil die schon immer da waren – ist dafür sein (an sich richtiger) Internetansatz angreifbar, weil wir zb in den 20er/30ern auch weltweit aufpoppende nationale/faschistoide Strömungen hatten, obwohl noch nicht mal das Telefon größere Verbreitung fand.

      Wenn man mir jetzt die Pistole auf die Brust setzen würde, würde ich noch am ehesten sagen, dass sich in pluralistischen Gesellschaften Liberalisierungsphasen mit Backlashphasen abwechseln und dann folgt wieder Liberalisierung und wieder Backlash ad infinitum.
      Das ist vermutlich auch an sich irgendwie richtig, aber als Erkläransatz, warum, wieso und warum jetzt, ein bisschen für die Tonne. ^^

      Und das betrifft ja erstmal nur die Erklärproblematik. Wenn du schreibst, es wäre sinnvoller Lösungsansätze für alle Probleme zu finden, klingt das äh doch arg optimistisch.^^ Da müsste man es dann vielleicht eher noch mehr herunterbrechen und jeden Aspekt einzeln unter die Lupe nehmen. Könnte auch lohnend und sinnvoll sein, nur von der allumfassenden Erklärung wäre man dann auch wieder weg.

  • CitizenK 4. November 2019, 22:35

    Die genannten Faktoren verstärken sich gegenseitig nicht additiv, sie multiplizieren sich. Nimm dem Trump seinen Twitter-Account (schöner Gedanke eigentlich) und er hätte nur noch einen Bruchteil seiner Wirkung.

    Rechtsextreme Gesinnung und moderne Kommunikationsmittel gehen zusammen seit Goebbels und Riefenstahl. Der rücksichtslose Fanatiker ist stärker als der von Skrupeln und des Gedankens Blässe angekränkelte Linksliberale, wenn es um die Zustimmung von Zukurzgekommenen geht.

    Ralfs Beitrag (danke dafür) hat Erklärungen für Fragen, die ich mir auch gestellt hatte.

  • Jens Happel 5. November 2019, 10:04

    Hammer, der Artikel. Auch in den Kommentaren von den Lesern.

    Leider habe ich kaum Zeit mit zu diskutieren.

    Ich denke du hast das ganze sehr umfassend von allen möglichen Richtungen aus beleuchtet.

    Das folgende zitierte Abschnitt hat mir sehr gut gefallen.

    Keine „Mitte“-Partei war gegen den Euro. Keine „Mitte“-Partei war gegen die EU. Keine „Mitte“-Partei war gegen Hartz IV. Keine „Mitte“-Partei war gegen den Afghanistankrieg. Keine „Mitte“-Partei war gegen die Flüchtlingspolitik. Wer mit diesen Entscheidungen haderte, fiel damit folglich aus der Mitte. Und wer erstmal aus der Mitte gefallen war, hatte es dann wohl auch einfacher Anschluss an die radikalisierten Pole zu finden.

    Zu lange wurde Politik als alternativlos betrieben/verkauft/dargestellt. Vor allem die SPD hat ihre Wähler aufgeben. Tony Blair und Schröder trieben ihre Partei in die Mitte, aber so wie Sasse in einem seiner Kommentare geschrieben hat

    Niemand macht sein Kreuz wegen eines Abgleichs mit der Parteiprogrammatik. Auch der soziale Stand spielt eine sehr geringe Rolle, sonst würden viel weniger Leute Parteien wie CDU und FDP wählen. Das Wählen basiert zu einem guten Teil auf Identitätsfragen: Wer ist mein Team? Das wählst du.

    Mit dem hin zur Mitte hat die SPD die Identität ihr „Teams“ geopfert. Arbeiter wählen mittlerweile mehrheitlich AFD. In UK kam Labour erst mit dem linken Corbyn wieder aus dem Umfragetief. Die SPD hat sich mit Scholz zum weiter so entschieden. Ich bezweifele, dass ihr das nutzt. Es geht bei Politik und Demokratie eben nicht ausschließlich darum, dass eine Partei an die Macht (Regierung) kommt, sondern, dass sich die Bevökerung in ihrer Breite auch repräsentiert fühlt. Wenn die Parteien der Mitte dies nicht mehr bewerkstelligen, wächst an den Rändern eben etwas nach.

    In der etablierten Medienlanschaft sieht es ähnlich trübe aus. Der Diskurs wird eingeengt. Was nicht ins etablierte Weltbild passt, wird einfach weggelassen, das ist zwar nicht „lügen“, das Bild das die Medien zeichnen hängt trotzdem schief und wie du schreibst erfahren dies die Leute auch dank Internet. Nur hängen sie das Bild mit den dort gewonnen Infos nicht gerade sondern ziehen es in die andere Richtung schief.

    Wir sehen in den westlichen Nationen einen noch nie da gewesenen Vertrauensverlust, in Politik, Medien und Wirtschaftseliten. Und nach meinem Dafürhalten zu Recht.

    Die Eliten der westlichen Nationen kriegen kaum noch ein Problem gelöst. Klimawandel, extreme zunehmende Vermögensungleichheit, Flüchtlinge, Bankenkrise (immer no to big to fail), Eurokrise (durch QE nur zugeschüttet, darunter gärt es munter weiter), Brexit, einen bekloppten Krieg nach dem nächsten etc. etc.

    Parallel dazu geht es für große Teile der Bevölkerung wirtschaftlich nicht mehr aufwärts. Fast die Hälfte der Bevölkerung in den westlichen Industrienatinationen profitiert vom wachsenden BIP nicht mehr oder kaum noch und dies seit einigen Jahren.

    Der Auslöser für die französische Revolution war nicht Freiheitsdrang sondern zu hohe Brotpreise. Damit will ich sagen, dass die tiefe Unzufriedenheit höchst wahrscheinlich auch banale wirtschaftliche Gründe hat.

    Mark Blyth hat dazu sehr viel veröffentlicht. Zur Situation in den USA (schon 2 Jahre alt)

    https://www.gq.com/story/mark-blyth-economics-interview

    Und zu globalen „Trumpismus“, auch in Europa (noch älter)

    https://www.youtube.com/watch?v=Bkm2Vfj42FY

    Leider alles in english und im Youtube Video noch dazu mit schottischem „Akzent“.

    Viele Grüße

    Jens

    • Ralf 5. November 2019, 20:08

      Vielen Dank für’s Lesen und für Deine Anmerkungen, die ich inhaltlich teile!

  • cimourdain 5. November 2019, 21:05

    Positives Gegenmodell, das nicht einer gewissen Ironie entbehrt: Da nutzt jemand, der nicht zur Elite gehört, das Internet um ein Thema in einem kenntnisreichen, ergebnisoffenen und abgewogenen Artikel zu diskutieren. Dies wird von Leuten mit sehr unterschiedlichen Hintergrund ( einige männlich und in fortgeschrittenem Alter) und verschiedenen Ansichten gelesen und aus deren Perspektive diskutiert.

    • Ralf 5. November 2019, 21:07

      Ich gebe mich geschlagen … 😀

  • sol1 9. November 2019, 17:59

    Ein sehr eindrückliches Beispiel für die Wirkung des Internets findet sich in Franziska Schreibers Buch „Inside AfD“.

    Im letzten Kapitel („Nach dem Austritt: Nun ist Deutschland wieder schön“) schreibt sie:

    „…es war schon schockierend zu erkennen, dass die Welt nicht nur AfD-dunkel war. In meinem alten Facebook-Profil mit fast 3000 AfD-Freunden bestanden die Neuigkeiten auf meiner Startseite nur aus Katastrophen und Skandalen – sie las sich ungefähr so ausgewogen wie der ‚Stürmer‘. Nach wenigen Tagen mit dem neuen Profil erlebte ich eine erstaunliche Veränderung: Deutschland steht gar nicht kurz vor dem Abgrund, es passiert sehr viel Positives und Gutes, Dummköpfe gibt es überall, aber sie sind eine Minderheit.“

    Diese Selbsttäuschung ist umso frappierender, wenn man bedenkt, wie Schreiber an anderen Stellen schildert, wie sie selbst in ihrer AfD-Zeit manipulative Meldungen im Internet verbreitet hatte.

    • Ralf 9. November 2019, 18:54

      Yep. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie diese Internetblasen die darin Gefangenen radikalisieren.

      Und auch ein Beispiel dafür, dass nicht alle diese „Radikalen“ notwendigerweise per se schlechte Menschen sind. In ein neues Umfeld verpflanzt werden aus diesen Radikalen plötzlich ganz normale Bürger, die nicht mehr verstehen, welch entsetzliche Ansichten sie zuvor geteilt hatten.

      So geht es vielen Aussteigern aus der rechtsextremen Szene oder auch Aussteigern, die Sekten verlassen haben.

      So ging es wohl auch Millionen Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Ehemalige NSDAP-Wähler, die bis April 1945 den Führer gut gefunden hatten und aus denen bis Ende der 60er Jahre ganz normale Demokraten geworden waren. (Das ist übrigens nicht zynisch sondern ganz objektiv gemeint).

    • Stefan Sasse 10. November 2019, 09:29

      Guter Punkt!

  • Rauschi 11. November 2019, 17:52

    Wie versprochen der Link zum angekündigten Artikel, das werden aber auhc 2 Teile, diese ist der erste Teil, Auszug:
    [Energiewende – Argumente jenseits des Klimawandels
    Vorbemerkung: alle yt-videos sind direkt an die entsprechende Stelle des dargelegten Sachaspektes verlinkt – das Ansehen eines stundenlangen Vortrages ist also nicht erforderlich.
    1. Einführung
    Die Beweise sind erschlagend, dass Ölkonzerne & Kohleindustrie schon seit mehreren Jahrzehnten um die Auswirkungen der Verbrennung fossiler Energieträger wussten. Weil eine konsequente Energiewende hin zu Erneuerbaren Energien (EE) deren Geschäftsmodell konterkariert wurden mittlerweile rund 500 Millionen Dollar in Lobby-Organisationen und Maulhuren gepumpt, um wider besseren Wissens den menschengemachten Klimawandel zu vertuschen, zu leugnen, Zweifel zu säen und sich gerechter Schadensersatzklagen zu entziehen.
    Nun stehen sich zwei Seiten gegenüber – wobei sich aus bitterer Erfahrung keine von der anderen überzeugen lässt – egal wie sachlich die Diskussion auch geführt wird. Daher „sinnlos“. So weit, so schlecht. Die gute Nachricht ist: Im Grunde ist diese leidige Klimawandeldebatte weitestgehend überflüssig. Warum? Weil wahrlich genug gute Gründe für eine qualifizierte Energiewende existieren. „Qualifizierte“ meint „hinreichend kompetent gemanagte“, was wiederum bedeutet durch echte und unabhängige Experten (nicht die allenthalben anzutreffenden Scheinexperten) zielführend konzipiert, geregelt und umgesetzt. Ziel ist nahezu 100% EE im Primärenergiebereich zum Wohle der Gesellschaft. „Echte Experten“ meint konkret z.B.: der VDE, das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme oder Volker Quaschning. Deren korrekten Konzepten steht leider die Praxis einer politisch und wirtschaftlich (Energieerzeugeroligopol) völlig vermurksten und unqualifizierten Energiewende gegenüber.]

    Ist wirklich lang, aber sehr übersichtlich gegliedert
    https://www.heise.de/tp/features/Energiewende-Argumente-jenseits-des-Klimawandels-4569236.html

    Der zweite Teil dann bei Erscheinen hier oder bei einem neueren Artikel von Ihnen.

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