Vom Wert der Entschuldigung

Ich bin beim Lesen einiger Lehrerblogs über diesen interessanten Beitrag zum Thema „Warum Lehrkräfte sich oft entschuldigen sollten gestolpert:

Sollen Lehrerinnen und Lehrer Vorbilder sein für Kinder und Jugendliche, die sie unterrichten? Jein. Sie sollen nicht vorspielen, sie würden sich an Normen halten, die sie im Berufsalltag oder im Privatleben nicht einhalten können. Ihre menschliche Seite müssen sie nicht verstecken. Aber sie sollen einen exemplarischen Umgang mit schwierigen Situationen pflegen, zeigen, wie sie Herausforderungen begegnen, Entscheidungen fällen, Gespräche führen, mit Niederlagen umgehen oder zu Fehlern stehen. Hier spielen sie nichts, sondern sie zeigen, was sie in ihrer Ausbildung gewählt haben und weshalb sie für den Beruf qualifiziert sind.

Ein Beispiel für diese zweite Sicht haben Philip Stade und Pirmin Stadler kürzlich parallel formuliert: Indem Lehrkräfte über ihr Scheitern erzählen (z.B. an einer #fuckupnight), schaffen sie einen Gesprächsraum, in dem Fehler im Berufsalltag selbstverständlich werden. So stellen sie keine Ausnahme mehr dar, werden nicht mehr verdrängt: Sondern im Rahmen einer vernünftigen Fehlerkultur als Anlass für Lernprozesse verstanden. Ein weiterer zentraler Fokus dieser Bemühungen könnten Entschuldigungen sein. Diese Einsicht wurde mir bei der Diskussion der politischen Strategien rund um Trump bewusst: Trump entschuldigt sich bewusst nie. Das führt – so meine Interpretation – dazu, dass er Kollateralschäden verursacht: Weil er sich als fehlerlos präsentieren will, beschuldigt er Unbeteiligte, beschönigt Vorgänge und lügt ohne Hemmungen. Die umgekehrte Haltung besagt: Bemühe dich, dich angemessen und regelmäßig zu entschuldigen. Was heißt das?

  1. Die Entschuldigung benennt den Fehler klar als Fehler.
  2. Sie erfolgt zeitnah.
  3. Sie ist verhältnismäßig: Ein kleiner Fehler mit minimalen Auswirkungen kann in einem Halbsatz entschuldigt werden, ein größerer erfordert eine Art Statement.
  4. Die Entschuldigung ist keine Ausrede und keine Rechtfertigung: Sie ist ein Eingeständnis.
  5. Verbunden mit der Entschuldigung werden Strategien formuliert, mit denen der Fehler fortan vermieden werden kann.

(Schule Social Media)

Es ist absolut erschreckend, wie selten Entschuldigungen durch Lehrer an Schülern oder Eltern zu sein scheinen. Es gibt natürlich keine entsprechenden Studien, und jede eigene Erfahrung sind Anekdoten aus zweiter Hand. Aber mir fiel es in den letzten Jahren öfter auf, dass neue Klassen völlig überrascht reagieren, wenn ich einen Fehler eingestehe und mich dafür entschuldige. Und was ich hier bei Philip Wampfler und anderen lese und in Klassen- und Lehrerzimmer höre deutet zumindest stark auf ein verbreitetes Problem hin.

Überraschend ist das nicht, denn das Phänomen ist ja wahrlich nicht auf die Schule begrenzt. Sehr viele Eltern haben ein Problem damit, sich bei ihren Kindern für ihre Fehler zu entschuldigen beziehungsweise diese überhaupt als solche anzuerkennen. Auch Vorgesetzte in Betrieben zeigen häufig einen eklatanten Mangel wenigstens an öffentlicher Selbstkritik. Ich glaube, das liegt an unserer (im Sinne von „wir“ als Gesellschaft) völlig kaputten Vorstellung von Stärke. Wer stark ist, wer kompetent ist, der gibt keine Fehler zu. Der Trump-Vergleich oben, so ausgeleiert er als Stilmittel auch ist, passt daher ausnahmsweise einmal.

Und ja, natürlich ist der Mangel an sich entschuldigenden Autoritätspersonen überall ein Problem und nicht nur in der Schule, aber wie Philip Wampfler korrekt herausarbeitet haben wir als Schule sowohl eine Vorbildfunktion als auch einen Erziehungsauftrag. Jede Chefin und jeder Vater von morgen sitzt irgendwann einmal in der Schule. Wir müssen positive Bezugsräume für das Einräumen von Fehlern schaffen.

Daraus folgt im Übrigen auch eine weitere relevante Konsequenz: Es braucht eine positive Fehlerkultur. Was meint das? Im Kontext von Schule bedeutet es, dass wenn ein Schüler einen Fehler macht und diesen zugibt, dieser Fehler nicht „bestraft“ wird, in dem Sinne, dass er nicht gleichzeitig als Lerngelegenheit genutzt wird. Ein Beispiel: Ein Schüler, der seine Hausaufgaben vergessen hat und dies am Anfang der Stunde unaufgefordert meldet, darf nicht gleich behandelt werden wie der Schüler, der versucht, sich durchzumogeln und irgendeinen Blödsinn redet in der Hoffnung, man möge beim Abfragen vom ihm ablassen. Offensichtlich müssen vergessene Hausaufgaben eine Konsequenz mit sich bringen, sonst werden die Schüler schnell einfach ihr Vergessen entschuldigen und keine mehr machen.

Aber was passiert, wenn man beide gleich behandeln würde? Es gäbe einerseits klare Anreize zu versuchen, sich durchzumogeln. Das ist das eine, aber das ist gar nicht so schlimm. Viel schlimmer ist dass, andererseits, es keinerlei Bewusstsein gäbe, dass das Vergessen von Hausaufgaben überhaupt ein Fehler ist. Stattdessen wäre der „Fehler“, erwischt worden zu sein, entweder weil man Pech hatte oder „sich dumm angestellt hat“. Und dieser Faktor ist entscheidend, denn er reproduziert sich auch in Verhältnissen außerhalb der Schule.

Im familiären Umfeld etwa würden Fehler der Kinder nicht mehr als Fehler gelten. Ein Kind, das seine Aufgaben im Haushalt vergisst oder aus Versehen etwas zerstört, würde es bald als Fehler betrachten, dies anzuzeigen, nicht, den ursprünglichen Fehler gemacht zu haben. Im familiären Umfeld ist dieses Verhalten als Elternteil noch schwieriger auszumerzen als als Lehrer, ich spreche da aus leidiger Erfahrung. Umso wichtiger ist, es sich bewusst zu machen.

Und dasselbe gilt für Führungskräfte. Wenn sie eine Atmosphäre schaffen, in der das Verursachen eines Fehlers das weit geringere Problem vor dem „Erwischt werden“ ist, in dem es Erfolg versprechender ist, die Kollegen zu beschuldigen als selbst Verantwortung zu übernehmen, weil die ehrliche, charakterstarke Variante nur zu Nachteilen führt und die andere eine gute Chance bietet ungeschoren davonzukommen, dann schafft man als Führungskraft einerseits eine Arbeitsatmosphäre, in der Kollegen sich nicht über den Weg trauen – grundsätzlich keine gute Voraussetzung für produktive Arbeit – und in der andererseits Fehler nie analysiert und auf ihre Ursache zurückgeführt werden.

Ich hoffe, die Ausführungen oben haben ausreichend deutlich gemacht, warum die einfachen Worte „Tut mir Leid, mein Fehler“ eine so gigantische Wirkung haben können. Und da die meisten von uns irgendwann einmal in einer Autoritätsposition sind, ob als Eltern, weil man ihnen einen Azubi zuweist oder aus sonstwelchen Gründen, ist dies auch ein Thema, das weit über Lehrer hinausgeht.

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  • CitizenK 4. Juli 2018, 11:35

    Auch hier wieder: dass man das noch erklären muss! Den Vergleich mit Trump halte ich allerdings für weit überzogen.

    • Stefan Sasse 4. Juli 2018, 17:23

      Ich halte ihn für den eingeschränkten Bereich, in dem er gemacht wurde, für absolut zutreffend.

  • Rauschi 4. Juli 2018, 11:40

    Guter und richtiger Artikel.

    Es wundert mich nur ein wenig, warum das hier im Blog so wenig gelebt wird.
    Auch Sie finden immer wieder Ausreden, warum bei Herrn Pietsch etwas durchgeht, was bei Logos zur Komplettsperrung führt.
    Der ist halt so, ist noch das harmloseste, meist ist der „Beleidigte“ selbst schuld an seiner Beleidung, weil der oder die Ihre Gefühle nicht im Griff hat.

    Ich habe sowohl im Beruf als auch privat fest gestellt, wie wohltuend Entschuldigungen wirken können. Neulich habe ich endlich den Fehler gefunden, warum ein Ablauf nicht wie geplant funktionierte (Programmfehler). Das habe ich dem Kunden gegenüber offen kommuniziert, weil es irgendwann sowieso raus gekommen wäre. War nicht mein Fehler, aber der des Unternehmens, nur das interessiert den Kunden. Er wollte nur wissen, mit welchem Aufwand die Behebung verbunden ist und wir machen das jetzt im Rahmen einer anderen Änderung gleich mit.
    Ich habe auch noch nie erlebt, das sich eine Entschuldigung negativ auswirkt. Ob das in der Politik so wäre, müsste mal getestet werden, das hat da noch niemand versucht, oder kennen Sie einen Fall?

    • Stefan Sasse 4. Juli 2018, 17:25

      Ist schwer zu sagen. Du hast ja in der Politik häufig den Fall, dass jemand was macht, was öffentlich verurteilt wird, sich dann entschuldigt und das entweder akzeptiert wird oder nicht. Manche Leute entschuldigen sich nicht, und das wird dann akzeptiert oder nicht. Aber das zurückzuführen auf das Entschuldigen oder Nicht-Entschuldigen, also sauber von anderen Faktoren zu trennen, ist sehr schwierig.

      • Rauschi 6. Juli 2018, 10:48

        Ich hätte aber gerne noch eine Antwort auf meine andere Frage:
        [Es wundert mich nur ein wenig, warum das hier im Blog so wenig gelebt wird.
        Auch Sie finden immer wieder Ausreden, warum bei Herrn Pietsch etwas durchgeht, was bei Logos zur Komplettsperrung führt.]
        Komplettsperrung heisst, nicht einfach zensieren, sondern, die Möglichkeit, überhaupt zu schreiben, unterbinden. So einfach ohne konkreten Anlass und ohne Vorwarnung. Muss jeder damit rechen, denn beschweren kann sich dann niemand darüber, da man nicht mehr schreiben kann, also offensichtlich die IP geblockt wird?

        • Stefan Sasse 6. Juli 2018, 18:24

          Ich glaube, ich hab wahrlich oft genug deutlich gemacht, dass ich den Stil nicht haben will, sowohl in den Kommentaren als auch im privaten Gespräch per Mail. Das ging jetzt ein Jahr lang so, mit Null Einsicht oder Besserung. Mehr kannst du nicht verlangen. Das hier ist mein digitales Wohnzimmer, und die „Lebendigkeit“ die Logos reingebracht hat will ich nicht haben.

  • Stefan Pietsch 4. Juli 2018, 13:06

    Es ist zumindest bemerkenswert, dass der durchschnittliche Bürger im 21. Jahrhundert genauso wenig lernfähig in seinem Verhalten ist wie vor 1000 oder 1500 Jahren. Ich weiß nicht, ob diese Erkenntnis beruhigend ist, eher wohl nicht.

    Du gehst nach einem ausgesprochen einfachen Verhaltensmuster vor: Das Gegenteil von Falsch ist – und hier liegt der Irrtum. Das Gegenteil von Falsch ist nämlich meistens auch Falsch. Das Gegenteil von autoritärer Erziehung ist, darüber sind sich Erziehungswissenschaftler nach Jahrzehnten der Forschung weitgehend einig, ebenfalls falsch. Nicht anders verhält es sich mit der Fehlerkultur. Ich weiß nicht, wann Du das letzte Mal mit der Deutschen Bahn gefahren bist, bei der Telekom angerufen hast oder einfach einen Kundendienst bemüht hast. Ja, vielleicht hättest Du auch einen Harry Weinstein einfach mal zuhören sollen. Oder den weinenden deutschen Nationalspielern. Okay, jetzt bin ich zu weit gegangen. Anscheinend ist die inzwischen penetrante Fehlerkultur an Dir vorbeigerauscht. Selbst eine Beate Tschäpe entschuldigt sich inzwischen für Taten, die sie angeblich nicht begangen hat. Macht uns das glücklicher?

    Zu einem einfachen Erkenntnisgewinn würde ein Blick auf Twitter helfen, das gab’s schließlich 1012 noch nicht. Die permanenten Entschuldigungen der professionellen Dienstleister für Wartezeit und Verspätungen im Betriebsablauf reden viele Kunden nur noch auf. Das findet vielleicht ein zugezogener Syrer noch nett, aber darum geht es nicht. Eine Entschuldigung ohne Erklärung und häufig ohne Konsequenzen ist nicht selten hohl. Wenn ich Dich jedoch richtig verstehe, würdest Du dringend dafür plädieren, die mutmaßliche Drahtzieherin der NSU-Morde sofort freizulassen, schließlich hat sie sich entschuldigt.

    Es nützt einem Proficlub nichts, den 10 Mitspielern nicht und den Fans auch nicht, wenn im Tor ein Fliegenfänger steht. Mit seinen Fehlern zerstört er alles, was seine Kameraden und was der Verein leistet. Und genauso muss man bei einem Mitarbeiter, der eine hohe Fehlerquote aufweist, darüber reden, ob er nicht eventuell den falschen Job macht.

    Die Führung von Menschen ist nicht so trivial, wie Du es Dir zeichnest. Der Gesetzgeber gibt es bereits vor. Nach den geltenden handelsrechtlichen Bestimmungen haben ein Vorstand bzw. eine Geschäftsführung dafür Sorge zu tragen, dass Fehler vermieden werden, denn sie zerstören Vermögen, das anderen gehört und das Vertrauen der Allgemeinheit. Wer versagt, hat mit Konsequenzen zu rechnen, durch die BAFIN oder gar den Staatsanwalt. Da steht nix von Entschuldigung und mea culpa.

    Wenn sich in einem Bereich Fehler häufen, so kann dies sowohl organisatorische wie auch personelle Ursachen haben. Konsequenzlos sollte es nicht bleiben. Und so kann Führung auch nicht einfach damit abgetan werden, man müsse eine Fehlerkultur einrichten. Manchmal muss man genau das Gegenteil. Ein übersehener Fehler bei den Boardinstrumenten oder beim Triebwerk kann hunderte Menschen das Leben kosten. Entschuldigung als Ersatz für die Hinterbliebenen?

    Nein, wir wollen nicht einfach Entschuldigungen, wir wollen wissen, welche Konsequenzen mit welchem Ergebnis gezogen werden. Das gilt auch für den Rotzlöffel, der meint, regelmäßig seine Hausaufgaben nicht machen zu müssen.

    Aus all dem habe ich die Konsequenzen gezogen, Menschen, die ich führe, nach einem gewissen Maßstab, aber individuell zu behandeln. Einem Ungelernten muss eine höhere Fehlerquote zugebilligt werden als einem Eliteabsolventen mit Überschuss an Selbstbewusstsein. Wer Fehler macht, sollte zuerst Anstrengungen unternehmen, diese selbständig zu beseitigen. Überfordert dies Können, Wissen und Zeit, sind die übergeordneten Stellen so schnell wie möglich in Kenntnis zu setzen. Und das muss man im 21. Jahrhundert von jedem voll geschäftsfähigen Menschen erwarten können, abzuschätzen, welche Konsequenzen sein Tun oder Unterlassen hat. Jeden Fehler zu beichten, zerstört dagegen das Vertrauen, das Du ja eigentlich durch die Fehlerkultur erhalten wissen willst. Wenn Dir jemand dauernd erzählt, was für Fehler er gemacht hat und wie schwer es war, diese wieder auszubügeln, würdest Du so jemanden mit der Zeit keinen Hosenknopf mehr anvertrauen.

    Am Ende zählt nämlich das Ergebnis und nicht die Anzahl der Entschuldigungen.

    • CitizenK 4. Juli 2018, 15:49

      Sie haben leider gar nicht verstanden, worum es Stefan Sasse geht. Das Tschäpe-Beispiel ist so grotesk daneben, dass ich mich nur wundern kann.

      Die meisten von uns haben Lehrer/Autoritätspersonen erlebt, die Fehler nicht zugaben, weil sie glauben, damit ihre Autorität zu untergraben. Das Gegenteil ist der Fall. Das ist auch meine Erfahrung als Lehrer.
      Schüler, Kinder überhaupt, leiden noch jahrzehntelang an Ungerechtigkeiten von Lehrern, die von diesen nicht zugegeben und bedauert wurden. Nach einer – natürlich nur wenn ehrlich gemeinten – Entschuldigung ist das sehr anders.

      Ihre Haltung empfinde ich als technokratisch und empathielos. Einen solchen Chef wollte ich nicht haben und wünsche ich auch keinem.

      Dass in Leistungs-Zusammenhängen letztlich das Ergebnis stimmen muss, ist doch kein Widerspruch. Wer zu viele oder zu große Fehler macht, ist auf dem Posten falsch, das ist doch klar. Der muss das einsehen, und wenn nicht, dann dazu gebracht werden.

      Hätten Löw & Co. , statt sich zu entschuldigen, jetzt ihren Misserfolg auf das Wetter oder die Verpflegung oder das unfaire Spiel der anderen schieben sollen? Das wäre lächerlich und würde alles schlimmer machen.

      • Stefan Pietsch 4. Juli 2018, 17:09

        Die Deutsche Bahn entschuldigt sich heute für jede kleinste Verspätung. Bleibt ein Zug liegen, erhalten Sie Fahrgäste sofort eine Information: „Streckenabschnitt belegt“, „Personenschaden“, „Triebwerkschaden“. Ich konnte bisher nicht feststellen, dass es die Reisenden zufriedener macht. Wobei ich das Bemühen gar nicht schlecht reden will. Aber die meisten erwarten anderes.

        In einer Kita in Frankfurt ist eine Führung am Werk, die sich nur noch als inkompetent bezeichnen lässt. Die Leitung entschuldigt sich für jedes Unterlassen, so, wenn keine Dienstpläne erstellt werden. Das macht keinen zufrieden noch sorgt es für ein Minimum an Verständnis.

        Auf der anderen Seite kritisiert Stefan etwas, was eine Charaktersache ist. So preist sich so mancher an, der selbst noch keine Entschuldigung für schlimmste verbale Entgleisungen über die Tastatur gebracht hat. Also, das ist doch eine sehr subjektive Betrachtung und kein gesellschaftliches Phänomen.

        Die Fußballfans wollten nicht mal von Özil und Gündogan eine Entschuldigung. Entschuldigungen sind bestenfalls angebracht, wenn einem etwas versehentlich und unbeabsichtigt passiert ist. Wer mit 50 km/h durch eine verkehrsberuhigte Zone brettert und dabei ein Kleinkind überfährt, kann eins nicht mehr für sich gelten lassen: das nicht gewollt zu haben. Die Fans wünschten sich eine Erklärung für das unverständliche Verhalten. Und genauso richtet sich die Erwartungshaltung bei Löw auf eine substanziierte Analyse und Konsequenzen aus dem kollektiven Versagen.

        Ich glaube es gibt nichts Unempathischeres als jeden Menschen ungeachtet seiner Herkunft, seiner Bildung, seiner Werte, seines Könnens und seiner Ziele gleich zu behandeln. Da scheinen wir tatsächlich unterschiedliche Ansichten zu haben.

        • Stefan Sasse 4. Juli 2018, 17:27

          Du argumentierst völlig an meiner These vorbei. Eine Entschuldigung macht Blödsinn nicht ungeschehen, sie erkennt ihn an. Das ist ein meilenweiter Unterschied. Du baust hier einen riesigen Strohmann auf und reißt ihn dann mit Getöse ein. Bravo, Sieg im Argumentenkampf nach Punkten. Geh dir was davon kaufen. Wir reden in der Zwischenzeit über das Thema, wenn’s recht ist.

          • Stefan Pietsch 4. Juli 2018, 17:54

            Auch Vorgesetzte in Betrieben zeigen häufig einen eklatanten Mangel wenigstens an öffentlicher Selbstkritik.

            Woher weißt Du das? Ich habe für mich, abgeleitet von US-amerikanischen Verhaltensweisen – bitte verzeih‘, das war Anfang der Neunzigerjahre – Entschuldigungen als Strategie entdeckt. Wer sich entschuldigt, selbst ohne wirkliche Verantwortung zu haben, gewinnt große Vorteile. Unmittelbar werden dem Beschuldiger die Angriffswaffen aus der Hand geschlagen: „Was soll jemand noch mehr tun als sich zu entschuldigen?!“ Wer sich entschuldigt, wird als verantwortungsbewusst und glaubwürdig wahrgenommen. Wer in einer Nebensächlichkeit Verantwortung auf sich nimmt, kann in einer wichtigen Sache glaubwürdig Verantwortung von sich weisen.

            Den strategischen Nutzen von Entschuldigungen haben längst Unternehmen erkannt. Entschuldigungen haben eine enorm positive Wahrnehmung beim Gegenüber wie in der Öffentlichkeit. Genau dies lenkt aber den Blick weg von tatsächlichen Verantwortlichkeiten und Konsequenzen. Sicher, das war nicht ganz Dein Thema, aber Deine Annahmen mögen vielleicht im Schulbetrieb passen, mit Unternehmenswirklichkeiten haben sie wenig zu tun.

            2016 wurde Merkel lange und häufig aufgefordert, einzugestehen, dass die monatelange Grenzöffnung 2015 / 2016 ein Fehler war. Im März 2017 erklärte die Bundeskanzlerin dann verklausuliert, aber dennoch deutlich, dass sich dies nicht wiederholen dürfe – ein für politische Verhältnisse sehr klares Schuldeingeständnis. Das Ende ist bekannt. Bestenfalls fühlten sich einige Wähler in ihrer Ablehnung bestätigt, ein halbes Jahr später zog erstmals eine rechtspopulistische Partei in den Deutschen Bundestag ein.

            Mit öffentlichen Entschuldigungen ist das so eine Sache. Sie müssen wohlgesetzt sein.

            • Stefan Sasse 4. Juli 2018, 20:07

              Ich redete im Artikel ja auch mehr von solchen zwischen Personen, weniger zwischen „der Öffentlichkeit“ und einer prominenten Person, da gelten andere Regeln, das ist klar.

              Und ich habe im Artikel doch gesagt dass es anekdotisch ist, oder hab ich das vergessen? Das wäre blöd 🙂

        • Rauschi 6. Juli 2018, 10:56

          Die Deutsche Bahn entschuldigt sich heute für jede kleinste Verspätung. Bleibt ein Zug liegen, erhalten Sie Fahrgäste sofort eine Information: „Streckenabschnitt belegt“, „Personenschaden“, „Triebwerkschaden“.
          Eine Information ist eine Entschuldigung, seit wann das denn? Ich fahre seit 2 Jahren sehr regelmässig Bahn, aber eine Entschuldigung kam erst einmal vom Zugführer, dafür, das nur ein Wagen zur Hauptpendlerzeit fuhr, was aber dauernd vorkommt.
          Sollten die Fahrgäste einfach so ohne Info hinnehmen, das der Zug mal wieder 5 oder 10 Minuten zu spät kommt und einfach froh sein, das der nicht ganz ausfällt? Im Übrigen werden erst Verspätungen ab 5 Minuten mitgeteilt, bei 4 Minuten hat der Kunde das wohl einfach so hinzunehmen.
          Aber für keine der Verspätungen der letzten Jahre habe ich eine Entschuldigung gehört. Ist mir aber auch egal, besser wäre es, es käme nicht dauernd dazu. Das liegt aber beim Management und nicht beim Kunden.

  • Dennis 4. Juli 2018, 20:26

    Ich hab eigentlich kein Problem damit, mich zu entschuldigen, meinetwegen tausendmal täglich.

    Hauptsache, ich muss niemanden um Entschuldigung bitten, denn die Bitte könnte ja abschlägig beschieden werden. Da entschuldige ich mich lieber selbst.

    Merke: Die Schuld, die man selbst abwaschen kann, ist keine. Ferner ist auch beachtlich, wie das Abwaschen eigentlich geht.

    In diesem Sinne sind z.B. auch die sattsam bekannten Durchsagen bei der Bahn ergänzungsbedürftig, und zwar so:

    „Wir bitten die Verspätung zu entschuldigen, Falls Sie die Bitte nicht erfüllen, nutzt Ihnen das nix, is uns egal und hat eh keine Folgen.“
    So müsste das eigentlich heißen.

    Womöglich ist das bei den neumodischen Paukern im Klassenzimmer heutzutage auch nicht anders. Warum also nich lieber die Rechthaberei von anno dazumal?

    • Stefan Sasse 5. Juli 2018, 05:49

      Du willst doch nicht ernsthaft eine Durchsage der Bahn „Wir verspäten uns, suck it up“, oder? Das ist doch Unfug.

      • Dennis 5. Juli 2018, 10:54

        Sinngemäß entspricht das dem Ist-Zustand.

        Etwas anderes ist bei institutionellen, nicht-persönlichen Beziehungen allerdings auch nicht möglich. Ich hab ja auch nix gegen mehr oder weniger leere Höflichkeitsfloskeln, die erleichtern den Alltag, aber im Schadensfall effektiver is halt schon die gute alte HAFTUNG. Im Gegensatz zur ENTSCHULDIGUNG braucht’s dafür auch keine Metaphysik.

        Als Verarsche angelegtes Entschuldigungsmanagement („wir haben verstanden“ und ähnlicher Blödsinn) is jedenfalls nitt unbedingt das Gelbe vom Ei.

        • Stefan Sasse 5. Juli 2018, 13:45

          Wie gesagt, davon rede ich auch nicht. Mir geht es um persönliche Verantwortung im alltäglichen Maßstab. Ich erlebe einfach wahnsinnig oft dass Leute – Schüler, Kollegen, Vorgesetzte, etc. – wenn sie etwas verbocken die Schuld entweder abschieben oder leugnen. Du hörst nur sehr selten „Das war mein Fehler, es gibt keine Entschuldigung dafür, kommt nicht wieder vor.“ Natürlich rettet dich das nicht wenn es mehrfach passiert oder die Auswirkungen zu groß sind. Aber die Selbstreflexion, die Erkenntnis, dass du und niemand anderes es verbockt hat, ist ungeheuer wichtig. Denn die menschliche Psyche neigt dazu, Ausreden selbst zu glauben. Und wer ständig die Verantwortung abschiebt, wird auch nie die Ursachen für seine Fehler beseitigen können. Leider kommen zu viele Leute damit durch, vor allem wenn sie Kollegen anschwärzen oder Vorgesetzte sind (die ihren Untergebenen bedauerlicherweise ja keine Rechenschaft schuldig sind, Stichwort Demokratie im Betrieb…). Und das ist schädlich für alle Beteiligten.

          Deswegen noch einmal explizit: leere Höflichkeitsformeln sind für den Arsch. Ich rede von aufrichtigen Entschuldigungen. Dass der Unterschied offensichtlich so unklar ist, spricht Bände für meine These, dass die Entschuldigungskultur in Deutschland mies ist.

          • CitizenK 6. Juli 2018, 12:00

            Nur um ehrlich gemeinte Entschuldigungen ging es doch. Hinter denen ein ernst gemeintes Bedauern steht, um nicht „Reue“ zu bemühen.

            Und um die Frage, ob eine Autoritätsperson durch eine Entschuldigung an Ansehen gewinnt oder verliert. Meine Erfahrung deckt sich mit der von Stefan Sasse: sie gewinnt.

            Für Liberale, die Selbstbestimmung und Persönlichkeit hoch halten, dürfte das mMn eigentlich keine Frage sein. Ein Vorgesetzter, der einen Fehler begangen hat und diesen zu vertuschen sucht oder auf andere abwälzen will, verliert doch jegliche echte Autorität. Was bleibt ist doch dann nur noch ein formales Macht-Verhältnis, das Mitarbeiter unzufrieden und krankheitsanfällig macht.

            Chefs, die überfordert sind oder sich so fühlen und deshalb zurück ins Glied wollen, sind derzeit ein Thema unter Personalern. Früher ein Tabu bzw. ein absuluter Prestigeverlust, in Zukunft vielleicht ein Beitrag zu einer humaneren Arbeitswelt.

      • Stefan Pietsch 5. Juli 2018, 14:22

        Zumindest wäre es ehrlicher. Und darauf kommt es doch an, oder? 😉

        • Stefan Sasse 5. Juli 2018, 18:42

          Kein Stück. Ehrlichkeit wird völlig überbewertet. Unsere ganze Gesellschaft basiert auf kleinen Lügen die wir uns erzählen. Ohne die bricht die Gesellschaft zusammen.

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