Das große Vergessen

Es ist keine zehn Jahre her, dass George W. Bush das Weiße Haus mit einer Zustimmungsrate von 22% verließ – ein Niveau, das selbst Nixon nur mit Mühe erreichen konnte. Heute befindet er sich bei 59%. Als Nixon 1974 die Reißleine zog und zurücktrat, lag seine Zustimmungsrate bei 24% (ja, Nixon hatte ein höheres approval rating als George W. Bush!), während heute in führenden amerikanischen Zeitungen Artikel erscheinen, die Nixon als außenpolitisches Vorbild darstellen und seine Amtszeit reinwaschen. Beide Präsidenten hinterließen eine Trümmerlandschaft, sowohl in ihrer Außenpolitik (Nixon verlängerte den Vietnamkrieg unnötig um mehrere Jahre, und George W. Bush…) als auch in der Zerstörung von Normen und Verletzung von Gesetzen (Nixon spionierte seine Gegner aus, ließ auf Demonstranten schießen und befeuerte die Diskriminierung von Schwarzen, während Bush mit dem Patriot Act den Überwachungsstaat zum Monster ausbaute, Folterungen in Abu Ghraib und den Black Sites sanktionierte und in Guantanamo Menschen ohne Prozess und Rechte festhielt). Was ist da los?

Das kollektive Vergessen – und Verzeihen – gegenüber früheren Schandtaten ist ein Dauerfeature im politischen Betrieb, nicht nur in den USA (in Deutschland macht man sich wenig Freunde damit, wenn man neben der Politik der Westbindung und Ludwig Erhards sozialer Marktwirtschaft auf die weniger schönen Elemente von Adenauers Innenpolitik hinweist). Wie jüngst hier im Blog diskutiert, ist das Umgehen mit diesen Brüchen ein kompliziertes Problem, auf das es keine einfache Antwort gibt. Das wusste auch schon Adenauer, und sein „Schlussstrich“ mag sowohl essenziell für den Aufbau der BRD gewesen sein als auch ihr gesellschaftliches Klima nachhaltig vergiftet haben.

Ähnlich sieht es auch in den USA aus. Doch wo in Deutschland mittlerweile vergleichsweise ordentlich aufgearbeitet wurde, welche Altnazis in der CDU Karriere machten und was Papa (und mittlerweile Opa und Uropa) damals wirklich gemacht haben, steht diese Art der Aufarbeitung in den USA weitgehend noch aus, sowohl für die „großen Themen“ der Sklaverei und annähernden Ausrottung der Ureinwohner (letzteres habe ich sehr kontrovers schon von Jahren im Geschichtsblog diskutiert) als auch für die Schandtaten der jüngeren Kandidaten und Präsidenten, um die es an dieser Stelle gehen soll.

Denn dieses Weißwaschen hat Methode, und wie so oft in der amerikanischen Politik ist es ein Phänomen vor allem auf der Rechten. Während sich Lyndon B. Johnsons Ruf noch immer nicht vom Vietnamkrieg erholt hat und wohl auch nicht wird und die US-Linke gerade erneut die Lewinsky-Affäre (und andere Affären Clintons), seine Interventionen auf dem Balkan und in Afrika und unrühmliche Vorreiterrolle bei der Deregulierung des Bankensektors zurück aufs Tablett holt, werden auf der anderen Seite die Iran-Kontra-Affäre, der ganze War on Terror und Watergate effektiv für bedeutungslos erklärt.

Dahinter steckt auf der einen Seite eine organisierte Kampagne. Dies ist besonders evident bei Ronald Reagan, der – heute kaum zu glauben – das Amt mit sehr mittelmäßigen Beliebtheitswerten verließ (und dessen designierter Nachfolger George H. W. Bush auch dank der massiven Fehler seines Gegners Michael Dukakis eine dritte Amtszeit erwarb) und in der ersten Hälfte fast vergessen war, ehe konservative PACs (vor allem auf Betreiben des Steuersenkungsfanatikers Grover Norquist) moderate Millionenbeträge darin investierten, Reagan von der historischen Figur zur Marke zu verändern.

Der Erfolg dieser Maßnahmen ist evident; Reagan hat religiösen Status in der GOP, und niemand kommt ohne die Möglichkeit aus, sich als sein Nachfolger zu präsentieren. Kritik an seiner Amtszeit ist praktisch unmöglich (während Bushs Amtszeit praktisch vergessen ist, weil er es wagte, die Handlungsfähigkeit des Staates durch verantwortliche Steuerpolitik zu sichern). Reagan, dessen Amtszeit in den 1990er Jahren ungefähr den Stellenwert hatte, den heute Bush 41 oder Clinton haben – generell in Ordnung, aber nicht außergewöhnlich – gilt indessen als Säulenheiliger, als Titan.

Auf der anderen Seite ist das kollektive Vergessen aber ein völlig normaler Zug. Die Zustimmungsraten der Präsidenten schießen regelmäßig in die Höhe, kaum dass sie ihr Amt verlassen haben (vor der Kandidatur seiner Frau kratzte Bill Clinton an den 80%!). Auch dieses Phänomen ist nicht spezifisch für die USA; so schaffte es etwa Helmut Schmidt, vom gescheiterten Kanzler Anfang der 1980er Jahre zu der grauen Instanz der deutschen Politik zu werden, während Kanzler Kohl die Schwarzgeldaffäre schon lange nicht mehr angelastet wird. Schröder wird diese Amnesie wohl nur deshalb nicht zuteil, weil er darauf besteht, seine Schwächen beständig unter das Scheinwerferlicht zu stellen.

Warum aber ist dieses Vergessen problematisch? Ich möchte dies in zwei Bereiche teilen; einmal auf vergangene Staatenlenker, die seither vor allem in der Erinnerung wirken, und einmal auf gescheiterte Kandidaten, die seither andere Karrierewege verfolgen.

Der Fall Nixon ist harmlos genug. Hier geht es vor allem um die rückwirkende Bewertung seiner Amtszeit, was hauptsächlich für Historiker interessant ist. Problematischer wird es bei Reagan. Seine Vergötterung führt dazu, dass historisch unhaltbare Simplifizierungen seiner Politik („hat die Russen totgerüstet“) plötzlich zur offiziellen Doktrin werden. Gerade im Fall Reagans führte dies zu einer äußerst ungesunden Fixierung auf „Stärke“ und Verzicht auf Diplomatie, was sowohl dem historischen Reagan nicht gerecht wird als auch in der internationalen Politik brandgefährlich ist.

Geradezu fahrlässig wirkt dieses Vergessen im Fall George W. Bushs. Zwar geben sich die Republicans weiterhin Mühe, seine Existenz weitgehend zu verleugnen, aber der Mann selbst – nachdem er sich acht Jahre lang weise auf politische Abstinenz beschieden hatte – unternahm in letzter Zeit einige zaghafte Versuche, sein Image zu rehabilitieren, vor allem mit Selbstironie („Miss me yet?„), die durch den zwangsläufig positiven Vergleich mit Trump ermöglicht wird. Hier könnte man natürlich sagen: So what? Aber das Vergessen zeigt gerade deutliche Folgen. So hat Trump einiges Personal aus Bushs Amtszeit reaktiviert, das durch, sagen wir, eine gewisse Agnostik gegenüber Völker- und Menschenrecht auffällt, und gerade wird ein kurzer, einfacher Präventivkrieg mit ebenso einfachen nation building gegen Nordkorea diskutiert, als ob das Irakdesaster nie stattgefunden hätte.

Weniger bedeutsam ist naturgemäß das Weißwaschen bisheriger Kandidaten. Das ist vor allem aus meiner Perspektive als Parteigänger der Democrats ärgerlich, weil es den Leuten ermöglicht, weitere Karrieren zu verfolgen, ohne für ihre Untaten zu büßen. Das betrifft in jüngerer Vergangenheit vor allem John McCain und Mitt Romney. Beiden war es möglich, sich als prinzipientreue Kämpfer eines besseren Konservatismus‘ zu inszenieren, ohne dass ihre eigenen Beiträge zum aktuellen Trump-Desaster thematisiert würden.

Und hier geht das über die Parteinahme hinaus, denn das Whitewashing der Wahlkämpfe 2008 und 2012 verhindert, dass eine ehrliche Auseinandersetzung mit den Grundlagen des Trumpismus stattfindet – was dann regelmäßig zu miesen Analysen führt, in denen Trump als ein den Republicans oder dem Konservatismus wesensfremdes Element dargestellt und Überraschung darüber ausgedrückt wird, dass passiert ist, was passiert ist.

In McCains Fall geht es um Sarah Palin. Praktisch alle medialen Beobachter haben das Desaster dieser Personalentscheidung schon längst vergessen und vergeben, als McCain wissentlich eine grotesk ungeeignete Person als Vizepräsidentin installieren wollte, nur um einige billige politische Punkte zu machen, und damit einen aggressiven Anti-Intellektualismus hoffähig machte, aus dem in direkter Linie die Tea-Party-Bewegung folgte.

Bei Mitt Romney wird gerne großzügig darüber hinweggesehen, dass Romney sich im gesamten Wahlkampf 2012 weigerte, klar Stellung gegen die Verschwörungstheorien um Obamas Geburt zu positionieren (was McCain noch anders hielt, was zu seiner Ehrenrettung gesagt werden muss) und den Ritterschlag des obersten Verschwörungstheoretikers suchte, Donald Trump, und den Wahlkampf mit ungeheuer rassistischen Tönen unterfütterte („self-deportation„, unter anderem). Nach dessen Wahl 2016 war sich Romney auch nicht zu schade, seinen Ring in der Hoffnung zu küssen, Außenminister werden zu können. Immer noch wird Romney als Beispiel des netten, prinzipientreuen Republicans gefeiert, als ob diese Dinge nie vorgekommen wären. Dabei ist Romney selbst ein harter Rechtsextremer, er tut es nur mit einem Lächeln. Prominente konservative Trump-Kritiker wie David Frum nutzen Romney daher gerne als idealisierten Gegenentwurf (ähnlich wie aktuell John Kasich, im Übrigen), was im Falle ihres Sieges dann zur Überraschung in den Leitmedien führen würde, dass diese Leute dann eben doch die übliche rechtsextreme GOP-Linie fahren.

Selbstverständlich finden wir diese Mechanismen auch auf der Linken, aber deren Neigung zu sektiererischem Richtungskampf und Bestehen auf dem moralischen high ground sorgt dafür, dass Vergöttlichungen à la Reagan nicht vorkommen. Das schadet der Partei politisch – das Verpassen der Chance, Franklin D. Roosevelt zum demokratischen Reagan zu machen etwa beschränkt ihre politische Handlungsfähigkeit deutlich – ist aber deutlich besser für die demokratische Hygiene, weil nicht die Identität der Hälfte der Nation an der Unbeflecktheit einer vergöttlichten Person abhängt. So kann man etwa problemlos Roosevelts abscheuliche Internierungspolitik gegenüber den japanischstämmigen Amerikanern nach 1941 oder die ineffektive erste Phase des New Deal thematisieren, was dann verhindert, dass es ein progressives Pendant zur Laffer-Kurve gibt. Politisch doof, aber für das Gesamtresultat sicher deutlich besser.

Ein jüngeres Beispiel auf der Linken wäre der Wahlkampf von Bernie Sanders. Allzugerne wird vergessen, dass Sanders‘ Erfolge auf undemokratischen caucuses beruhten und dass er ein maßgeblicher Verstärker für alle Arten von Verschwörungstheorien war, die den Wahlkampf 2016 plagten. Auf der Linken ist wohl nur Jill Stein noch schlimmer, was das Verbreiten von Verschwörungstheorien angeht, und niemand hat so straff organisierte politische Störergruppen unter sich gehabt wie Sanders. Aber das ist bereits lange im Nebel des Vergessens verschwunden.

Diese Mechanismen werden allesamt auch auf Trump angerwendet werden. Es ist nicht gerade unwahrscheinlich, dass er das Amt als einer der unbeliebteren Präsidenten verlassen wird. Die oben beschriebenen Mechanismen allerdings werden voraussichtlich schnell dafür sorgen, dass die rassistische und sexistische Rhetorik Trumps in Vergessenheit geraten und er stattdessen positiv mit dem nächsten Spinner, der aus den rechten Fiebersümpfen entsteigt, konstrastiert wird.

In diesen Mechanismen liegt auch die Bedeutung, gegen dieses Vergessen anzukämpfen. Wenn man verhindern will, dass Folterer die CIA führen, dass das republikanische Think-Tank-Establishment offen Präventivkriege gegen eine Atommacht diskutiert und dass Segregierungsmaßnahmen fröhliche Urständ feiern, dann muss man die Vergangenheit in den richtigen Kontext stellen und darf sich nicht an der Weißwaschung beteiligen. „Über die Toten nur Gutes“ darf im politischen Bereich keine Geltung haben, denn was hier tot ist, kann doch niemals sterben, sondern erhebt sich erneut, härter und stärker.

{ 11 comments… add one }
  • Floor Acita 1. April 2018, 15:07

    „maßgeblicher Verstärker für alle Arten von Verschwörungstheorien“ / „niemand hat so straff organisierte politische Störergruppen unter sich gehabt wie Sanders.“

    Sorry, dafür will ich schon ein paar Belege sehen, bzw eine genauerer Erklärung. Ohne verweise ich diese Aussagen ins Reich der Fantasie. Sanders hat mitnichten einen negativen Wahlkampf geführt, ganmz im Gegenteil, als sich Chancen ergaben Clinton anzugreifen hat er sich dem immer verweigert zur Verzweiflung des progressiven Lagers während Clinton opposition research gegen einen anderen demokratischen Kandidaten gesammelt hat, Stichwort: „alter Mann am Pool“ (so viel zu „if they go low“) und ihren ehemeligen rassistischen Aussagen („first we got to bring thenm to heel“) hat sie sich ebenfalls nie richtig gestellt…

    • Stefan Sasse 1. April 2018, 21:25

      Sanders hat massiv auf der Klaviatur der „Clinton ist von der Wallstreet gekauft“ gespielt.

      • Floor Acita 2. April 2018, 08:49

        Sanders hat Wahlkampf geführt, jedoch dennoch hauptsächlich sich selbst präsentiert und dabei auf mögliche Interessenkonflikte anderer Kandidaten im Tenor betrieblicher compliance Programme hingewiesen, keine Verschwörungstheorien verbreitet.

        Mir geht es aber vor allem auch um den historischen Kontext und da war Sanders harmlos – wäre er Verschwörungstheoretiker gewesen, Obama wäre Chris Christie:
        https://www.youtube.com/watch?v=H6f4tZFZ_-g

  • sol1 1. April 2018, 17:07

    /// „Über die Toten nur Gutes“ darf im politischen Bereich keine Geltung haben, denn was hier tot ist, kann doch niemals sterben, sondern erhebt sich erneut, härter und stärker. ///

    Ist das eine Anspielung auf das Necronomicon?

    „That is not dead which can eternal lie,
    And with strange aeons even death may die.“

    • Stefan Sasse 1. April 2018, 19:55

      Nein, das ist ein Zitat aus „Das Lied von Eis und Feuer“, aber da George R. R. Martin Cthulhu-Fan ist, kann das natürlich seine Referenz sein.

  • Ariane 8. April 2018, 16:11

    „Über die Toten nur Gutes“ darf im politischen Bereich keine Geltung haben, denn was hier tot ist, kann doch niemals sterben, sondern erhebt sich erneut, härter und stärker.
    Sehr schön gesagt, High Fantasy stärkt den Wortschatz 😉

    Sorry, bisschen spät, weil ich über Ostern weg war, während Dich die Schreibwut gepackt hat. ^^
    Ich hab neulich noch drüber nachgedacht und ich glaube, auf der Linken ist die Reihenfolge eher umgekehrt als bei den Rechten/Konservativen. Die Linke neigt eher dazu Kandidaten vor einer Wahl zu absoluten Hoffnungsträgern hochzujubeln und unheimlich viele Wünsche und Hoffnungen da ranzuhängen, die ein normaler Mensch in Regierungsverantwortung nie und nimmer erfüllen kann. Und da hast du ja selbst schon oft drüber geschrieben, die normalen Kompromisse, die nun mal mit Verantwortung einhergehen, sorgen dann dafür, dass eher die negativen Dinge hängenbleiben (oder der Kandidat gleich zum Verräter an der „wahren Lehre“ abgestempelt wird). Das ist/war bei Obama so und hätten Corbyn oder Sanders tatsächlich mal eine Wahl oder auch nur die Vorwahl gewonnen, wäre es ihnen sicherlich ähnlich ergangen. Mit ihren Achtungserfolgen ohne folgende Regierungsverantwortung bleiben sie halt die Superhelden und Hoffnungsträger.
    Die Rechten verklären halt lieber die Vergangenheit anstatt die Zukunft, sehr passend zum Klischee und lustigerweise trifft das ja auch die linken Amtsträger, die nachträgliche Verehrung von Schmidt oder Schröder ist auch mehr eine konservative Sache, während den Linken die Haare zu Berge stehen.

    Da ich kein Freund der Extreme bin, ist mir diese Verklärung ob vorher oder nachher eher suspekt, aber es ist eben schief. Würden beide Seiten ihre ehemaligen Regierungschefs entweder verklären oder auch realistischer einschätzen, wäre es nicht so ein Problem, aber so bleibt die Verklärung auf der rechten Seite, während die Linke da eher ruhig ist oder mit öh eher erfolglosen Hoffnungsträgern beschäftigt wird und so bleibt im kollektiven Bewusstsein dann aber eben auch nur hängen, dass Adenauer, Bush oder irgendwann mal Trump tolle Typen waren, während problematisch Sachen eher untergehen.

    • Stefan Sasse 8. April 2018, 20:04

      Jonathan Chait hat zu dem Phänomen mal einen großartigen Artikel geschrieben: http://nymag.com/news/politics/liberals-jonathan-chait-2011-11/

      • Ariane 9. April 2018, 13:07

        Danke für den Tipp, wirklich sehr großartig!

    • Floor Acita 9. April 2018, 07:10

      Die Faszination mit und Fixierung auf Personen und Persönlichkeiten im zentrumsnahen Lager amüsiert mich immer wieder 🙂

      Tatsächlich kommt es mir eher wie eine Tautologie vor:
      Konservative „verklären“ die Vergangenheit, Progressive die Zukunft – dah!

      Deshalb wird/wurde vom „Hillary Lager“ auch immer von „Negativität“ gesprochen, was wiederum im „Sanders Lager“ nie verstanden wurde und vor einer „Verklärung“ von Sanders und oder Corbyn gewarnt. Tatsächlich war/ist es ein sehr beliebter Witz im linken Lager zu sagen „September 2017/2021? Da werden wir uns schon wieder über den Verrat von Präsident Sanders aufregen.“

      Ich hatte das ja schon mal versucht zu beschreiben. Für die einen ist Kritik etwas Negatives, etwas das man versucht zu vermeiden, richtig zu handeln um nicht kritisiert zu werden. Deshalb sind wir uns hier ja auch des Öfteren uneins ob eine Kritik an einem konkreten Verhalten „moralisch/moralisierend“ ist oder nicht. Stefan Pietsch spricht des Öfteren von einem „Kotau“ den linke Politiker vollführen sollen etc.

      Anderen, mich z.B. eingeschlossen, ist das „Ansehen der Person“ gelinde gesagt sch… egal. Kritik ist Mittel zum Zweck um zu erreichen was man will, die Finger in Wunden zu legen etc.

      Plastischer ausgedrückt: Für den einen ist der Satz „die Welt ist nun mal nicht perfekt“ Ausdruck davon einfach mal inne zu halten, zu feiern was man erreicht hat, und zu sagen „ja, abc und d ist nicht perfekt, aber immerhin haben wir die Dinge im Vergleich zu unsrem Start zu x% in die richtige Richtung bewegt“. Für andere wiederum ist ein und der selbe Satz Anlass zu sagen „also sind wir noch nicht fertig, oder? Keine Zeit auszuruhen, ja ich sehe, du hast xyz getan, aber abc und d sind immer noch nicht in Ordnung als los los los, nicht müde werden, immer weiter im Takt!“

      Aber es ist auch wichtig zu sehen von wo aus wir starten – ob es um ökonomische Fragen geht, um Sexismus, Rassismus, LGBTQIA+ – letztendlich geht es einem Linken/Progressiven darum vorhandene Strukturen aufzubrechen, bestehende Privilegien abzuschaffen / in Rechte für alle umzuwandeln. Alles andere, jede Einzelfrage ist Teil dieses Prozesses und wird auch immer nur als teil dieses Prozesses verstanden.
      Das Ausmaß und der Ausgangspunkt dieser Auseinandersetzung wird wiederum von der Tatsache bestimmt die Gilens und Page in Ihrer Studie „Testing Theories of American Politics: Elites, Interest Groups, and Average Citizens“ (https://scholar.princeton.edu/sites/default/files/mgilens/files/gilens_and_page_2014_-testing_theories_of_american_politics.doc.pdf) analysiert haben. Unabhängig davon ob man über die Studie spricht oder sie ignoriert, sie verbreitet oder versucht zu unterdrücken – sie scheint mittlerweile den meisten politisch interessierten Menschen bekannt zu sein und niemand scheint deren Resultate anzuzweifeln. Das nämlich unabhängig der konkreten Fragen und Einzelentscheidungen, konkreter Auseinandersetzungen, Gesetzesverfahren oder auch Gesetzen sowie exekutiven Richtlinien selbst das Resultat über Jahrzehnte, über Zehntausende von politischen Entscheidungen immer das Gleiche zu sein scheint: 90% der Bevölkerung haben im Prinzip keinen Einfluss auf die Fahrtrichtung der Politik, zwischen 0,1% und 10% haben stark exponentiell fallend dagegen sehr viel Einfluss, die Kurven ihrer „Wünsche“/Forderungen und die tatsächliche Entwicklung sind für 0,1% der Bevölkerung fast identisch, schwerer wiegt nur, dass es dieser Gruppe möglich zu sein scheint ein Gesetz, eine Maßnahme eine Entwicklung auch dann zu blockieren wenn nahe 90% der Bevölkerung dafür sind (#Waffengesetze). Selbst wenn ich die Studie nicht kenne, spüren doch sehr viele Menschen diese Realität. Dies zu verändern ist eine Mammutaufgabe, deshalb wird die von einer gesellschaftlichen Gruppe als unüberwindbar und daher erhaltenswert eingestuft: Genau dieses System hat zu den Annehmlichkeiten des Lebens geführt. Eine zweite Gruppe sieht die Welt „wie sie ist“ nicht als perfekt an, kann sich aber damit abfinden und will daher in kleinen Schritten Veränderungen „zulassen“, solange die „Balance“ nicht gefährdet wird. Die dritte Gruppe leitet aus dem Ausmaß der Aufgabe eine immerwährende Pflicht ab sie anzugehen, nicht locker zu lassen, sich nicht mit der Realität „abzufinden“. Zu welcher Gruppe ich gehöre scheint mehr oder weniger individuell zu sein und stärker von Persönlichkeitsmustern abzuhängen als ideologisch/politischen Fragen wobei tendenziell trotzdem gilt: je weniger Privilegien ich genieße, desto stärker dränge ich natürlich insgesamt auf Veränderung. Je zufriedener ich bin, desto eher bestehe ich auf „ruhigem Fahrwasser“ und fühle ich mich von den gesellschaftlichen Veränderungsprozessen gar bedroht, fange ich an die Vergangenheit zu verklären und mich daran festzuhalten.

      Das ist die Ausgangslage, kommen wir nun zum real-politischen Aspekt. Zwischen der Jahrtausendwende und jetzt hat sich die Welt entscheidend weitergedreht, einige wichtige gesellschaftliche Fragen haben einen richtigen Schub erfahren: Drogenpolitik beginnt sich nachhaltig zu verändern, aus dem Clinton’schen „Defence of Marriage Act“ wurde die Entscheidung eines konservativen Supreme Court „Ehe ist unabhängig der sexuellen Orientierung ein Recht jedes amerikanischen Staatsbürgers, die Schließung einer Ehe darf nicht unter dem Hinweis auf das Geschlecht des Partners verweigert werden“. Die Sicht auf insbesondere schwule Männer insgesamt hat sich seit Mitte der 90er Jahre doch schon sehr stark verschoben etc.

      Und jetzt kann man sich folgendes Fragen, hätte es in dieser Zeit keinerlei progressiven Aktivismus gegeben, wären demokratische und andere Politiker im „linken Lager“ nicht kritisiert worden, nicht unter Druck gesetzt worden, wären keine neuen „Hoffnungsträger“ „wie Phoenix aus der Asche“ am Horizont erschienen, wäre Clinton 2008 gewählt worden etc. – wären wir dann, insbesondere aus Sicht von jedem linkslehnenden Menschen, weiter gewesen oder hätten wir das Erreichte eher nicht erreicht?

      Es geht nicht um absolute Verklärung oder absolute Enttäuschung, es geht nicht um das was am Ende rauskommt im Sinne von 100% Wunscherfüllung. Es geht letztendlich darum ein Spannungsfeld zwischen gewähltem Poltiker und Aktivismus zu erzeugen in dem gewünschte Änderungen überhaupt erst möglich werden. Das Überwerfen mit dem tatsächlich gewählten Politiker ist einfach nur Teil dieses Prozesses wie das Preisen einer Alternative vor der Wahl, es ist Teil der Strategie und Taktik linken Aktivismus. „Corbyn und Sanders werden ebenfalls enttäuschen …“ tausendmal bemüht sowohl während der demokratischen Vorwahl als auch der britischen general election löst im linken Lager nur Staunen aus „well, no shit Sherlock!“

      • Ariane 9. April 2018, 13:43

        Und jetzt kann man sich folgendes Fragen, hätte es in dieser Zeit keinerlei progressiven Aktivismus gegeben, wären demokratische und andere Politiker im „linken Lager“ nicht kritisiert worden, nicht unter Druck gesetzt worden, wären keine neuen „Hoffnungsträger“ „wie Phoenix aus der Asche“ am Horizont erschienen

        Natürlich hast du recht und da ich ebenfalls dem linken Lager nahestehe ist mir Kritik an den eigenen Leuten auch näher als Verklärung und blinde Gefolgschaft und ich bin keinesfalls dafür linke Kandidaten ob vergangene, aktuelle oder zukünftige irgendwie kritiklos hochzujubeln – bloß nicht.

        Aber darum geht es mir ja auch gar nicht, es kommt imo nämlich sehr auf die Art der Kritik an, natürlich kann und muss man auch bei Autoritäten kritisch bleiben. Aber häufig hat Kritik – vornehmlich der linken Seite – für mich eine unrealistische oder sogar bedenkliche Schlagseite. Denn dass eine Regierung nie die „reine Lehre“ umsetzen kann und Veränderungen langsam und Stück für Stück erfolgen und auf dem Weg dahin Kompromisse nötig sind ist kein Charakterfehler oder sowas, sondern genau darauf ist unser demokratisches System nun mal ausgelegt, diese Frustration und das „immer zu wenig“ gehören nun mal dazu. Hat aber eben auch den Vorteil, dass auch eine konservative Regierung nicht alles mal fix komplett umbasteln kann (wenn sie sich an die demokratischen Normen hält zumindest).
        Deswegen kann man natürlich trotzdem alles doof finden, sind ja ein freies Land. Aber es ist eben teilweise schon sehr nah daran, nicht etwas Bestimmtes oder einen Amtsinhaber zu kritisieren, sondern das ganze demokratische System gleich mit und da wünsche ich mir durchaus mehr Differenzierung.

        Kleiner Einschub: Da wir in Deutschland auf der rechten Seite allerdings gerade ähnliches erleben, habe ich mittlerweile das Gefühl, dass es nicht zwingend ein Links/Rechts-Unterschied ist, sondern mehr etwas mit „Ideologie“ zu tun hat und mittlerweile hat Merkel ja dieselben Probleme. Oder der Linksrutsch ging soweit, dass sie die Probleme gleich mit übernommen hat^^

        Und das weitere Problem ist eben, dass häufig diese beständige Beschäftigung mit den eigenen Fehlern und Ideologiefragen soviel Aufmerksamkeit, Zeit und Energie kostet, dass gelegentlich etwas in Vergessenheit gerät, dass es ja auch politische Gegner gibt und die vielleicht noch viel schlimmer sind als die Leute im eigenen Lager und die sind da teils dann schon sehr nah dran an Narrenfreiheit und das nervt mich tierisch. Die können in Ruhe zig Menschenrechtsverletzungen verklären, weil die andere Seite damit beschäftigt ist, ihrem Idealbild von Obama hinterherzutrauern. Oder, das waren mal die NDS oder Augstein (auch wenn die natürlich nicht für linke allgemein, sondern äh eher so für ultralinke Fundis sprechen), die meinten, Trump wäre das kleinere Übel, weil Clinton eine kapitalismushörige Kriegstreiberin sei oder sowas – und das ist nun mal ultradämlich.

        Also Kritik untereinander bitteschön, aber der Kampf gegen den politischen Gegner sollte meiner Meinung nach immer im Vordergrund stehen, denn die stehen den gewünschten Veränderungen mehr im Weg als die Leute im eigenen Lager und ich möchte nun mal nicht für immer und ewig unter einer konservativen Regierung leben.

        • Floor Acita 10. April 2018, 05:19

          Ich glaube einfach, dass „Veränderungen langsam und Stück für Stück erfolgen“ unter der Bedingung, dass für mehr als das gestritten wird.
          Und das verbindet letztendlich den 2. Punkt mit dem 1., denn im Grunde geht es beim Streit innerhalb des linken Lagers – und ich bleibe hier am Artikelbeispiel Amerika, in Deutschland ist es etwas anders – um die Strategie und Taktik WIE man den politischen Gegner am Besten schlägt und wem man zutraut das zu tun bzw. vertraut ordentlich zu regieren. Es sind also häufig vor- und nachwehen der Vorwahlen. Dabei geht es auch um realpolitische „Macht“, Kontrolle über den Parteiapparat etc., deshalb driftet das Ganze dann ab.

          Stefan spricht zum Beispiel FDR an. Er wird tatsächlich nicht verklärt, insbesondere wegen der japanischen Internierungslager. Aber er ist gleichzeitig ein sehr beliebter Präsident aufgrund seiner Sozialreformen. Hört es sich in diesem Artikel so an als sei die Kritik an FDR ein Beispiel für linke Untreue erinnere ich mich an Stefan’s Podcast und dass er es war der die japanischen Lager aufgebracht hat, als Antwort auf Bernie Anhänger die eine ökonomische Politik wie FDR forderten.

          Und soweit ich mich erinnere ist es im linken Lager immer dasselbe, Vorwahlen stehen an, Anhänger bilden sich um mindestens 2 Kandidaten und dann geht es los – ab jetzt wird darum gestritten wem man den Job eher zutraut und in dem Zusammenhang werden Beispiele aus der Vergangenheit bemüht, sowohl was die Arbeit der Kandidaten selbst angeht als auch historische Beispiele um Kontrast herzustellen. Und im historischen wird sowohl verklärt als auch unnötig eingehauen – beide Seiten tun beides je nach argumentativem Vorteil. Es sind immer die aktuellen Beispiele die von den jeweiligen Anhängern als „zerfleischen“ wahrgenommen wird – aber beide Seiten tun es definitiv.

          Im laufenden Kongresswahlkampf hat die DCCC (demokratische Parteiführung(/“Arm“) was Kongresswahlen angeht) hat ein Memo verschickt an alle Kandidaten keine anderen Kandidaten der Partei anzugreifen und wurde prompt in aller Öffentlichkeit 2 mal erwischt opposition research memos über Vorwahl-Kandidaten erstellt und Angriffe gestartet zu haben, was beide angegriffenen Kandidaten ironischerweise nach vorne katapultiert hat. Einer davon ist ein Pastor und einziger Afro-Amerikaner im Rennen – nachdem man alle Zahlen missachtend monatelang stur das Bernie Bro Narrativ totgetreten hat vielleicht nicht der klügste Schachzug.

          Es geht um Vertrauen, Strategie und Taktik, Kontrolle, Macht und manchmal einfach nur darum wer welche Werbeagen tur beauftragt hat (kein Scheiss). Die inhaltlichen Fragen sind nur Mittel zum Zweck – kein, nicht ein einziger, Bernie Anhänger würde selbst jemals sagen er wolle die „reine Lehre“, nein, es geht letztendlich darum wem man vertraut.

          Man darf eines nie vergessen: BEIDE Seiten sind wirklich, wirklich davon überzeugt dass ihr Kandidat die bessere Wahl ist, sowohl was das Gewinnen der general election als auch das Regieren selbst angeht.

          Historisch betrachtet wird man nicht verklärend, aber doch differenzierter. FDR, JFK, LBJ und vor allem vielleicht Jimmy Carter sind alles Beispiele wo die „stramm linke “ Seite eher positiv eingestellt ist, dem Zentrum näher stehende Linke eher kritisch sind. Bei Clinton und Obama sind die Seiten dagegen tendenziell eher vertauscht.

          Ergebnis des Handelns all dieser Gruppen, dem harten Streit, der harten Kritik, wie auch dem Lob und der Anerkennung ist aber eben genau der stete, evolutionäre, schrittweise, progressive Wandel und alles andere riskiert Stagnation und Rückfall.

          Und Vertrauen ist nun mal schwer zu gewinnen falls die eigene Bilanz 1000 Niederlagen umfasst und Donald J Trump Präsident ist. Deshalb befürchte ich wird auch über die nächsten Jahre das Befassen mit Fehlern der Vergangenheit nicht verschwinden und sogar noch heftiger werden. Internierungslager, Vietnam, Uranium 1, Clinton Foundation, crime bill, Drohnenkrieg, ja, alles wird wieder aufs Tablett kommen und was auch immer sich für Seiten bilden: beide/alle werden es entgegen aller Beschwörungen tun.

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