Politisches Denken ohne Widersprüche ist uninteressant

Wer seine politische Meinung in der Welt ausschließlich bestätigt sieht und glaubt, sie sei frei von Widersprüchen, der denkt nicht genug nach. Arnold Kling widmet in „The Three Languages of Politics“ ein Kapitel der Frage, wie wir unser politisches Denkvermögen einsetzen, um uns von inneren Widersprüchen zu befreien. Wir würden versuchen, ein abgeschlossenes Weltbild zu konstruieren und dafür sei es nötig, widersprechende Fakten wegzudiskutieren. Dieses Kapitel hat meiner Meinung nach die größte Relevanz für die politische Debatte in Deutschland. Denn die deutsche Debatte leidet nicht unter einer Polarisierung amerikanischen Ausmaßes sondern dem Gegenteil: Der Deutsche mag den Konflikt nicht.

Am Anfang von „Three Languages of Politics“ steht ein Selbsttest. Anhand weniger Fragen kann man testen, was die eigene dominante politische Sprache ist. Als selbsterklärter Liberaler hat mich mein Ergebnis überrascht: Ich habe drei mal die progressive (also linke) Antwort gewählt, drei mal die konservative und drei mal die liberale. Vielleicht habe ich keine dominante politische Sprache. Das Ergebnis von sozialistischer Schule, konservativer Großmutter und liberaler Parteimitgliedschaft.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit — drei Ideen von Gerechtigkeit, drei Sprachen der Politik, die nur zusammen denkbar sind und die sich trotzdem widersprechen. Diese Werte erzeugen eine Spannung, die wir aushalten müssen, wenn wir nicht in eines der Extreme abrutschen wollen. Jeder Wert braucht die anderen als Korrektiv.

Arnold Kling schreibt, wir würden diese inneren Widersprüche schlecht aushalten. Die meisten Menschen würden nach einem abgeschlossenen und in sich widerspruchsfreien Weltbild suchen. Die Konstruktion dieses Weltbildes gelingt aber nur, wenn man lästige Fakten ignoriert. Eine Möglichkeit, permanent an lästige Begründungen anderer Sichtweisen erinnert zu werden, ist der Kontakt mit politisch Andersdenkenden und dafür braucht es Ambiguitätstoleranz. Also die Fähigkeit, Widersprüche und mehrdeutige Informationen ertragen zu können.

Im Vergleich mangelt es den Deutschen daran vielleicht. In einer Umfrage unter Bürgern aller EG-Staaten Anfang der 90er Jahre wurde die Frage gestellt, ob es unangenehm sei, mit Menschen zusammen zu sein, deren Ideen, Überzeugungen oder Werte sich von Ihren unterschieden. Nur Italien und Spanien schnitten schlechter ab, als Deutschland. 11% der befragten Deutschen waren sich dieses Gefühlts bewusst, im Vgl zu 4% der dänischen Befragten (1).

Die Datenlage wird etwas verlässlicher, wenn man nach der Akzeptanz politischer Konflikte fragt. Typischerweise werden dazu zwei Fragen gestellt:

  1. Die Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Interessengruppen in unserer Gesellschaft und ihre Forderungen an die Regierung schaden dem Allgemeinwohl.
  2. Aufgabe der politischen Opposition ist es nicht, die Regierung zu kritisieren, sondern sie in ihrer Arbeit zu unterstützen.

Beide Fragen werden seit den 60ern von einer stabilen Mehrheit der Deutschen bejaht. (pdf)

Wer der ersten Frage zustimmt, lehnt es ab, dass Individuen oder Gruppen von Individuen ihre privaten Interessen artikulieren. Eine positive Antwort unterstellt außerdem, dass es ein klar definiertes Allgemeinwohl geben könnte, das mehr ist, als nur das Interesse der Mehrheit.

Wer der zweiten Frage zustimmt, hat einfach Grundlegendes nicht verstanden.

Das Schlimmste ist, dass selbst unter den Jüngeren die Konfliktbereitschaft rapide abgenommen hat. Es handelt sich hier also nicht um ein „obrigkeitsstaatliches“ Relikt, das von alleine verschwindet. Hier die Prozentzahl der Studenten lt Studierendensurvey 2008, die den obigen Aussagen entschieden widersprechen (!):

Studierendensurvey

Vielleicht verstehe ich das Konzept einer konsens-basierten Demokratie nicht richtig, aber mir erscheint die Fähigkeit, die eigenen Interessen zu artikulieren und daraus entstehende Konflikte zu tolerieren, für sehr grundlegend. Das gelingt leichter, wenn man erlaubt, dass das eigene Weltbild widersprüchlich sein kann.

Ein weiser Mann sagte angeblich „When the facts change, I change my opinion. What do you do?“ Dieser Möglichkeit sollte man sich nicht selbst berauben.

(1) O.W. Gabriel, Die EG Staaten im Vergleich. Strukturen, Prozesse, Politikinhalte. Opladen 1992. Zitiert nach „Grundwissen Politik“, 3. Auflage, bpb 1997

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  • Stefan Sasse 14. Mai 2013, 09:10

    Das Problem, das du hier ansprichst, ist tatsächlich ein weiteres grundlegendes neben dem Unvermögen der Artikulierung.

  • Theophil 14. Mai 2013, 09:14

    Dazu habe ich auch noch das hier gefunden: Demokratie heisst Konflikt — Wie lernt man das in der Schule

    Zitat: „Ein Beispiel aus Sachsen-Anhalt illustriert das Problem. Im Jahr 2000 führten wir dort eine repräsentative Schülerbefragung durch. Zwar „wussten“ mehr als 70 Prozent der befragten Jugendlichen, dass die Opposition zur Demokratie gehört. Aber ebenfalls 70 Prozent stimmten der Aussage zu „Aufgabe der politischen Opposition ist es nicht, die Regierung zu kritisieren, sondern sie in ihrer Arbeit zu unterstützen“. Diese Auffassung wäre in einem autoritären System, das sich das Mäntelchen einer formalen Demokratie zu geben versucht, sicher hoch willkommen.“

    • Stefan Sasse 14. Mai 2013, 09:53

      Um kurz aus dem Nähkästchen zu plaudern: Der Politikunterricht selbst ist nicht das Problem, denn Konflikte und Kontroversen und ihre Legitimität stehen absolut im Zentrum. Ich denke es ist ein gesellschaftliches Problem.

      • Theophil 14. Mai 2013, 09:59

        Offensichtlich auch. Kennst du die Elternratgeber von Jesper Juul? Da geht es viel darum, zu lernen, Konflikte zuzulassen und sie nicht durch Autorität und nicht durch Nachgeben zu ignorieren.

        Auch da heißt es, dass wir (in dem Fall die Eltern) nur zeigen können wer wir sind, in dem wir sagen, was wir wollen. Konflikte schaffen Nähe.

        Es kann eben auch zu konfliktarme Erziehung geben.

        • Stefan Sasse 14. Mai 2013, 13:07

          Ganz definitiv. Das Problem sehe ich aber weniger im Elternhaus als generell in der deutschen Attitüde zur Politik. Diese Konfliktarmut scheint mir ein kulturelles Merkmal zu sein.

  • Ines 15. Mai 2013, 09:17

    An Stefan:
    1. Mich interessiert warum Du den Einfluss des Elternhauses als weniger entscheidend für die Entwicklung der „kulturellen Attitüde“ einer Gesellschaft einschätzt. Wo soll die den plötzlich bei all den erwachsenen Bürgern der aktuellen Gesellschaft entstanden sein, wenn nicht in der Kindheit?
    2. Und ich verstehe auch nicht die Versachlichung Deines Kommentars, indem Du „Konfliktarmut“ als „kulturelles Merkmal“ beschreibst. Da höre ich ebenso wie bei Deinem ersten Kommentar etwas quasi „Agenetisches“ heraus, eine Entstehung aus dem Nichts, ohne Vorgeschichte. Wäre es nicht wichtig, eher von der „fehlenden Konflikttoleranz“ der Bürger zu sprechen (die meiner Meinung nach entscheidend in der Kindheit geprägt wird…) und damit die persönliche Verantwortung deutlich zu machen ?

    • Stefan Sasse 15. Mai 2013, 10:31

      1) Die Konfliktarmut in der Familie ist in meinen Augen kein weitverbreitetes Problem. Das gibt es, aber ich gehe nicht davon aus, dass es eine Mehrheit ist.
      2) Sie ist ein kulturelles Merkmal, das die Deutschen historisch begleitet. Die Aversion gegen politischen Konflikt war bereits im Kaiserreich hoch (Parlament als „Schwatzbude“), aber in Weimar wurde sie endgültig gefestigt, neben einigen weiteren „genetischen“ Kulturmerkmalen wie der Furcht vor Inflation.

      • Theophil 15. Mai 2013, 15:56

        Ich fabuliere mal:

        Man kann vielleicht argumentieren, dass sich Kultur nicht nur von Eltern auf Kindern fortpflanzt, sondern auch unter Erwachsenen. Deshalb hätte vielleicht eine relativ kleine soziale Gruppe mit einer aufgeklärten Diskussionskultur im 19 Jahrhundert genügt, die langfristig das Ansehen von in Debatten ausgetragenen politischen Konflikten gestärkt hätte. Sagen wir mal das englische Parlament und die englische Oberschicht, die Berliner Salons oder die badischen Volksvereine. Die Einigung des Deutschen Reiches unter Preußens Führung unterband diese Entwicklung zum politischen Konflikt.

        Das heißt nicht notwendigerweise, dass die Erziehung in Deutschland autoritärer war. Vielleicht haben die gebildeten Deutschen ganz leidenschaftlich über Goethes Faust diskutiert und über Nietzsche. Nur politisch stellten sie die Einheit Deutschlands und die Autorität der Obrigkeit über die Partikularinteressen.

        • Ines 15. Mai 2013, 19:39

          An Stefan:
          1. Zum Verständnis: Meinen wir beide mit „Konfliktarmut“ und „fehlender Konflikttoleranz“ eigentlich das gleiche? Meinst Du mit Deiner „Konfliktarmut“ das Ergebnis von meiner „fehlenden Konflikttoleranz“, also das Verleugnen, Verpönen und Tabuisieren von Konflikten, die man nicht aushält? Das ist dann aber eher eine Pseudo-Konfliktarmut im Ergebnis, oder? Denn die Konflikte sind ja noch da.
          2. Also ich denke nicht, daß deutsche Familien mit einem Übermaß an Konflikttoleranz gesegnet sind. Warum? Weil erwachsene Deutsche nicht mit einem Übermaß an Konflikttoleranz gesegnet sind (siehe Graph) und ich glaube, daß das aus den Familien kommt. Hmm. Vielleicht ein Zirkelschluß, aber doch ein sehr überzeugender, findest Du nicht? 😉 Du siehst da aber in deutschen Familien eher „Konfliktarmut“? Wie kommst Du denn auf die Einschätzung?
          3. Und wenn Du das denkst, wo entsteht denn dann Deiner Meinung nach das Problem der „Konfliktarmut“ sonst wenn nicht in Familien? Auch Dein Argument, dass „Konfliktarmut“ die Deutschen begleite, erklärt doch immer noch nicht wo sie herkommt, und wo und weshalb sie auch heute noch weiter tradiert wird oder – wie der erschreckende Graph ja nahelegt – warum sie sogar noch zunimmt?
          An Theophil:
          Ich teile natürlich Deine Einschätzung, daß sich Kultur auch unter Erwachsenen und nicht nur in Familien tradiert. Nur sind wir offensichtlich sehr unterschiedlicher Meinung, welche Gewichtung beide Traditionswege haben. Meiner Meinung nach überschätzt ihr beide, Du und Stefan, die „Tradierung unter Erwachsenen“ und damit auch implizit die rationale, bewusste und durchdachte Entwicklung und Tradierung der eigenen (politischen) Meinung. Ich glaube da eher an eine emotional-motivierte, in der Kindheit festgelegte und von unbewussten Bedürfnissen gesteuerte (politischen) Meinung.
          Warum Du, lieber Theophil, das (immer noch) unterschätzt, obwohl Du im gleichen Atemzug den von mir hochgeschätzten Jesper Juul so treffend zitierst, ist mir absolut schleierhaft. 🙂
          Nochmal an Stefan:
          Eine Frage zu Deiner Einschätzung, daß im Politikunterricht an Schulen „die Legitimität von Konflikten und Kontroversen“ zentral behandelt werde und damit „nicht das Problem“ sei. Ich frag mal polemisch: Werden da nur Konflikte anderer (Epochen) angeschaut und „probediskutiert“ oder wird auch wirklich das Artikulieren der eigenen und Aushalten der anderen Meinung an „echten“ Fällen in der Klasse miteinander geübt? Auch wenn ich Ersteres für eine notwendige Voraussetzung halte, so denke ich doch, daß ohne Letzteres kaum mehr Konflikttoleranz enstehen kann?

  • Dok 15. Mai 2013, 20:59

    Also ich zweifle ja ernsthaft an der Aussagekraft dieser Studie. Bei so suggestiven Aussagen verwundern die hohen Zustimmungsraten nur bedingt. Man müsste mal einer Vergleichsgruppe folgende Aussagen vorlegen:
    1. Gesellschaftliche Gruppen sind ein wichtiges Korrektiv für die Regierung.
    2. Aufgabe der Opposition ist es, eine Alternative zum Regierungskurs aufzuzeigen.

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