Bob Blume – Lesen. Schreiben. Ein Plädoyer für ein besseres Miteinander
Ein Mensch lebt nur ein Leben, aber durch Bücher kann er tausende leben. So oder ähnlich geht jedenfalls das Sprichwort. Umso mehr gilt das natürlich für diejenigen, die schreiben. Sei es Belletristik, Lyrik oder Sachtext, wer schreibt, lebt weitere Leben, entwickelt sich weiter. Manche Menschen verspüren einen regelrechten Drang zu schreiben. Einer dieser Menschen ist Bob Blume. Man kann ihm nicht eben vorwerfen, damit hinterm Berg gehalten zu haben; bereits in seinen frühesten Blogeinträgen sprach er darüber, dass er stets das Bedürfnis zu schreiben und Geschriebenes zu veröffentlichen gespürt hat. Ich kann das nachempfinden; mir ging und geht es genauso. Dieser Blog ist nur ein sichtbarer Ausdruck davon, auch wenn ich den Aufkleber des Spiegel-Bestsellerautors eher als ferne Vision am Horizont habe. Für Bob lag es daher nur nahe, eine Metareflexion über das Lesen und Schreiben zu schreiben – und was es für das Verhältnis von uns Menschen bedeutend, den Schreibenden wie den Lesenden.
Seinen eigenen persönlichen Zugang leistet Bob in seinem Vorwort, „Die Kraft der Worte„. In seiner eigenen, durchaus kraftvollen Prosa lässt er die Lesenden an seinem Schreibbedürfnis teilhaben und postuliert, dass wir ohnehin eine lesende und schreibende Welt sind: dank Whatsapp und anderen sozialen Medien schreiben wir schließlich mehr als je zuvor – und doch ist die Lesefähigkeit in einer tiefen Krise.
Diese Krise analysiert Bob im ersten Kapitel, „Krisen der Kulturtechniken„. Ausgehend von der Frage – die er unbeantwortet lässt – ob denn ein handgeschriebener Brief wirklich materiell besser ist als eine Mail, kommt er zu der eigentlich relevanten Thematik: der Macht der Worte. Schließlich gehört es mit zu der Krise des Schreibens, dass der Unterschied von „rennen“ und „schleichen“ nicht ausreichend eingeübt ist, dass Texte zunehmend zu Chiffren werden, die Verkürzung regiert. Nichts gegen Verkürzungen, diese erfüllen ja einen Zweck. Blume ist kein Untergangsapokalyptiker; er ist differenzierter: das Problem ist, wenn die Verkürzung das eigene Schreibmittel ist, das noch beherrscht wird. An diese Krise des Schreibens schließt sich die Krise des Lesens an, denn was nur noch in Verkürzungen besprochen wird, wird auch nicht gelesen: dann reden wir über ein Zitat aus einem Buch statt über das Buch selbst, diskutieren auf Basis einer Rezension wesentlich komplexere Stoffe. Die Krise des Verständnisses schlussendlich entsteht dort, wo durch das wegbrechende Lesen auch das Sich-Hinein-Versetzen in andere Gedankenwelten wegbricht – und damit eine Erweiterung unseres Bewusstseins. Diese Verengung ist auch Teil der Erzählung unserer Krise der Demokratie. Denn wenn auch der Austausch sich in der Krise befindet – die vierte des Kapitels -, dann sind die Grundlagen der Gesellschaft gefährdet.
Kapitel 2, „Eine andere Haltung zur Sprache„, beginnt mit einer Rekapitulation der Geschichte des Werther-Mythos‘: offensichtlich gab es einmal ein Mitleiden und existenzielles Berührtsein von Goethes klassischem Stoff, das der Unterricht nicht zu reproduzieren in der Lage ist. Für Bob ist das eine Frage des Interesses: Lesen, mit Gewinn lesen, ist nur möglich, wenn Interesse besteht, und gleichzeitig kann Lesen wieder Interesse an anderen Stoffen wecken. Im Idealfall entsteht so ein „virtuous cycle„; allzu oft aber wird der potenzielle Kreislauf an der Quelle gekappt: das mangelnde Interesse sorgt dafür, dass erst gar keine Auseinandersetzung mit dem Stoff stattfindet. Dass diese Auseinandersetzung anstrengend sein kann, weiß Bob; er singt sogar ein Loblied auf diese Anstrengung, die wie Muskeln im Fitnessstudio unsere geistigen Fähigkeiten trainiert. Das Wissen, das man so erwirbt, gibt ein breiteres Verständnis für die Welt, und dieses wiederum kann man darauf anwenden, andere und ihre Positionen besser nachvollziehen zu können – was natürlich nicht heißt, dass man sie teilen muss, aber im Sinne eines besseren Streitens ist dieses Nachvollziehen essenziell. Das allerdings schließt im bekannten Kraus’schen Paradox die Intoleranten aus: nur wenn man sie ausschließt, kann man tolerant bleiben. Das gilt auch für die Welt des Lesens und Diskutierens.
Kapitel 3, „Wege zum Leseglück und Schreibvergnügen„, beginnen mit einem (weiteren) Liebesbekenntnis zu Lesen und Schreiben. Wie viel ärmer wären unsere Leben, wenn wir nicht lesen könnten. Wie viel ärmer, wenn das „Lied von Eis und Feuer“ nicht existieren würde, das Bob hier am Rande zitiert, was mein Geekherz zum Hüpfen bringt. Betritt man die Heimstätten von Lesenden, so erschließen sich einem wahre Lesebiografien. Da wir nicht alle bei Bob vorbeischauen können, nimmt er uns auf eine Reise durch seine eigene, von den Klassikern auf dem Klo bis hin zu einer Liste von Büchern, die ihn berührt haben und von denen er gelernt hat. Die Aufforderung, unsererseits zu teilen, welche Werke uns berührt haben und so in einen Dialog zu gehen, kann man glaube ich mit Fug und Recht als das eigentliche Herz seines Essays betrachten, zumindest war das das Gefühl, das ich bei der Lektüre bekam. Denn die Kraft der Gemeinschaft sei gerade der Austausch anstatt das gegenseitige Monologisieren. Das erlebe man zwar nicht immer, aber umso öfter, je mehr man das Gespräch suche. Und was passt dazu besser als die eigenen Lektüren?
An dieser Stelle wird Bob utopisch. Denn den Schulen verlangt er nicht nur ab, den Schüler*innen Lesen und Schreiben beizubringen, sondern die viel schwierigere Aufgabe, dies auch als sinnstiftend zu betrachten. Was nützt es schließlich, fragt er, wenn jemand in der Schule eine perfekte Gedichtinterpretation schreibt, aber danach nie wieder die Poesie der Sprache verspürt? Auch in einer digitalen Welt seien Schreibstrategien wie das Journaling, bei dem man täglich seine Gedanken aufschreibt, oder gar Write&Destroy, bei dem man sie danach wieder vernichtet (ein möglicherweise kathartischer Prozess, aber mir rollen sich beim bloßen Gedanken daran die Zehennägel auf. Ich verspüre aber wie Bob auch den Drang, alles, was ich schreibe, mit der Welt zu teilen. Das Prädikat „Spiegel-Bestseller“ fehlt natürlich noch). Um die Utopie abzuschließen stellt Bob sich eine Gesellschaft vor, in der die Menschen Leseräume nutzen, sich in offenen Diskursen austauschen und generell mehr miteinander leben als nebeneinander. Alles durch die Macht von Schreiben, Lesen und dem dadurch entstehenden Diskurs. In diesen Zeiten darf natürlich auch der Verweis darauf nicht fehlen, dass größere Literalität statistisch mit einer Abneigung zu extremistischen Positionen einhergeht; wir tun also auch etwas für die Demokratiebildung.
Im letzten Kapitel, „Wo fangen wir an?„, folgen dann die beinahe unvermeidlichen praktischen Tipps, nach denen man den Autor aber ganz sicher fragen würde, wenn er sie wegließe. Längere Räume zum Lesen zu schaffen, regelmäßig und frei zu schreiben, auch im Digitalen Fragen zu stellen, Anstrengung als Teil des Verstehens akzeptieren, biografische Anker schaffen, gemeinsames Schreiben fördern, den Perspektivwechsel genießen, das Verstummen auch thematisieren, digitale Reflexionsrituale entwickeln und schließlich die eigenen Lesegeschichten erzählen – das wäre die sicher nicht alles umfassende, aber ausführliche Liste, die – natürlich – auch konkrete Tipps für Lehrkräfte enthält.
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Als Lehrer ist Bob Blume natürlich prädestiniert, über diese Themen zu schreiben, befindet er sich doch an der Nahtstelle des Austauschs von Kompetenzen und sieht quasi in Echtzeit die Entwicklungen, die er beschreibt. Und ich bin der prädestinierte Leser eines solchen Buchs, denn ich sitze an derselben Nahtstelle, mache dieselben Erfahrungen. Wenn Bob etwa davon berichtet, wie Schüler*innen die Lektüre aus dem Unterricht auf andere Situationen transferieren, also genau die Krise des Verständnisses überwinden, dann kann ich dieses Glücksgefühl im ganzen Körper nachvollziehen. Gleichzeitig stellt sich ein schmerzhaftes Bekanntheitsgefühl ein, wenn er darauf verweist, wie die rasante Ausbreitung von LLMs dafür sorgt, dass die Texte sich angleichen und eben das Hineinfühlen gar nicht mehr möglich wird: die Resultate sind alle glatt, alle dasselbe und offerieren eben nicht mehr jene Varianz der Ansätze und Stile; sie ersticken Individualität, ganz davon abgesehen, dass auch kein Lernprozess mehr stattfindet. Es bleibt die wohl größte Herausforderung, der sich das Bildungssystem gerade zu stellen hat.
Auch hat der Unterricht leider eine große Rolle und Mitschuld an der Zerstörung des Leseinteresses – oder in den Worten Bobs, dem Verstummen. Zu diesem Thema hat auch Johannes Franzen in seinem lesenswerten Buch „Wut und Wertung“ (hier rezensiert) einige Kapitel gehabt, aber ich bekomme das von meinen eigenen Schüler*innen auch oft genug wiedergespiegelt: die Sinnfrage wird von der Schule, den Bildungsplänen, den Ministerien und nicht zuletzt uns Lehrkräften nicht ausreichend beantwortet, und das ist eine eher übermäßig milde Einschätzung. Warum genau der „Zerbrochene Krug“ oder die „Heimsuchung“ lesen?
Vermutlich würde Bob nun wieder die Schwierigkeit der Anstrengung ins Spiel bringen. Und grundsätzlich hat er auch nicht Unrecht damit, auch wenn man automatisch ein mildes Ziehen in der Magengrube verspürt, weil das die kulturpessimistischen Diskurse aus dem rechtsbürgerlichen Lager befeuert, die gerade wieder wegen Bildungsplanreformen (wie bei allen Bildungsplanreformen) den Untergang des Abendlands befürchten. Ich denke, wir haben es hier auch mit einem Problem zu tun, das, so glaube ich, eher ein Generationenproblem und weniger eines der fehlenden Fertigkeiten, Charakterstärke oder sonstwelchen Faktoren ist: den rapide zunehmenden Voraussetzungsreichtum der klassischen Lektüren. Intertextuelle Referenzen, die zu meiner Schulzeit noch einigermaßen selbstverständlich vorausgesetzt werden konnten – etwa biblische Bezüge oder solche zu den antiken Sagen – sind inzwischen schlicht unverständlich geworden, weil die Schüler*innen diesen Kanon nicht mehr beherrschen. Die Texte sind also auch objektiv für sie wesentlich schwieriger, nicht, weil sie blöder sind, sondern weil ihr Bezugsrahmen sich zunehmend entfernt. Ich habe darüber mit Christina Dongowski ausführlich im Podcast diskutiert; sie nennt es die Ruinenlandschaft des Bildungsbürgertums. Wir sind in einer Umbruchszeit, die bisher kaum rezipiert wird.
Das ist natürlich nicht Bobs Thema, weswegen ich die Diskussion wieder darauf zurückbringen will, was ihm wirklich am Herzen liegt. Welche Bücher also berühren mich?
Ich habe bereits das „Lied von Eis und Feuer“ erwähnt; ich kenne keine Saga, die so gut ausgearbeitete Charaktere enthält, deren philosophischen Diskussionen, die sich in einer starken Story verstecken, für mich und mein Leben so relevant waren.
Um noch kurz bei moderner Pop-Bellitristik zu bleiben, kann ich nur Suzanne Collins‘ „Tribute von Panem“ wärmstens empfehlen, die in ihrer schmerzhaft konsequenten Ausarbeitung von PTSD und Traumata zwar schwere Kost sind, aber gerade in dieser radikalen Konsequenz wichtige Fragen nach der Natur von Medien, Revolution, Klasse und vielem mehr stellen.
Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ hat mich seit ich elf Jahre alt bin stets begleitet und in vielen Einstellungen ungemein geprägt; ich kann heute noch ganze Sätze aus dem Ding zitieren.
Im Bereich der Klassiker war für mich Goethes „Faust“ (nur der erste Teil, ich bin für den zweiten nicht Masochist genug) eine prägende Leseerfahrung; er war der erste klassische Text, der mich wirklich packte und der mir die Schönheit der deutschen Sprache ebenso wie die vielen Themen näherbrachte. Ich weiß, dass Bob das ähnlich sehen dürfte.
Ansonsten bin ich, meine Rezensionsliste verrät es, eher der Sachbuchleser. Ich lese immer wieder gerne Belletristik, gelegentlich auch Klassiker, aber was das angeht, bin ich nicht so der klassische Deutschlehrer. Aber für die Diskussion darüber gibt es ja die Rezensionen hier. Auch diese. Springt in die Kommentare, nehmt an der Diskussion teil und macht Bob glücklich.


