Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ erhalten ausführlichere und thematisch gegliederte Hinführungen zu verschiedenen Artikeln aus den Weiten des Netzes dar. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels empfohlen; ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Zusammenfassungen. Für den Bezug in den Kommentaren sind nummerierte Zwischenüberschriften eingezogen, bitte auf die referieren. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.
Fundstücke
1) Schwarze Null bei der Bahn
Die Bahn erreicht dieses Jahr eine Schwarze Null und feiert das ziemlich. Man erklärt es sich mit verschlankten Strukturen, und wenn das stimmt, Gratulation. Etwas stutzig macht, dass der Widerspruch zu diesem Teil nicht auffällt: Die Pünktlichkeitswerte im Fernverkehr dürften dieses Jahr nicht viel besser werden, räumte Gatzer ein. Die Infrastruktur sei über Jahrzehnte unterfinanziert gewesen. „Das spüren wir jeden Tag. Es braucht einfach Zeit, auf ein Niveau zu kommen, das dem entspricht, was die Menschen draußen erwarten dürfen.“ Ich kann natürlich auch nicht operative Gewinne einfahren und erwarten, dass die unterfinanzierte Infrastruktur besser wird. Dafür müsste man die Kohle schon in selbige Infrastruktur stecken. Ich halte das für typisch für die Zielkonflikte im Bahn-Konzern, ein Erbe der unseligen Mehdorn-Ära.
2) Kranke Debatte
Eine der nervigsten Debatten gerade ist die um die Krankheitstage der Deutschen. Die Vorschläge, „Karenztage“ einzuführen, sind so kontraproduktiv und am Thema vorbei, dass es einen rasend macht. Erstens geht der Großteil der Krankentage auf das Konto von Langzeiterkrankungen, wäre davon also kaum berührt. Zweitens wissen wir noch aus der Praxisgebührzeit, dass solche Regelungen vor allem Leute mit wenig Geld davon abhalten, das Richtige für ihre Gesundheit zu tun. Drittens werden wie üblich die Unternehmen völlig aus der Verantwortung genommen; nicht zu Unrecht weist der TK-Chef darauf hin, dass die auch eine Pflicht haben, gerade Burnouterkrankungen u. Ä. zu vermeiden. Viertens, und das finde ich mit am wichtigsten, ist die ganze Datenlage, auf der die Debatte basiert, falsch. Die angebliche Verdopplung der Krankheitstage gegenüber den 2000er Jahren ist vermutlich ein statistisches Artefakt: früher meldeten die Arbeitgeber viele Kurzzeiterkrankungen gar nicht an die Krankenkassen. Seit das automatisiert ist, haben wir also vollständige Daten, die vorher gar nicht existierten.
3) Meinungsfreiheit
Einen nach denselben Kriterien wie die Aufregung um Brosius-Gersdorf funktionierenden künstlichen Skandal kann man in der Kampagne um die Äußerungen des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Daniel Günther beobachten. Der Mann ist zusammen mit Hendrik Wüst der Hauptgegner der Rechtspresse, weil er moderat-mittig regiert (die zunehmende Radikalisierung dieses Lagers zeigt sich auch daran, dass Friedrich Merz mehr und mehr ins Fadenkreuz gerät, siehe auch hier). Und wie bei Brosius-Gersdorf begann der „Skandal“ am rechten Rand, in den Social-Media-Kanälen der AfD-Umgebung und natürlich bei NIUS. Die Mechanik ist dabei eine, die diese Skandalmaschinen gerne benutzen: der Anlass ist auf falschen Annahmen gegründet (bei Twitter kann man ein schönes Beispiel für die Schnitttechnik bewundern, auf der der Günther-Skandal basiert) und wird dann gemainstreamt. Die Nachrichtenlage erschafft sich ihren eigenen Kreislauf. So kann etwa die Welt „Günthers unwürdige Ausflüchte“ beklagen, weil dieser die Vorwürfe richtig stellt. Schweigt er, gesteht er sie ein, stellt er die Lage richtig, ist es unwürdig. So oder so ist er schuld. Das Ergebnis steht schon vorher fest (siehe auch das Beamtenthema weiter unten).
Das Meinungsfreiheitsthema hat dabei, glaube ich, seinen Zenit überschritten (was auch Andreas Voßkuhle so sieht und durch ein Interview mit dem Chef der Bundesnetzagentur („Eine Zensur findet nicht statt“ untermauert wird). Zu offensichtlich ist einerseits, was denkenden Menschen seit jeher klar war, dass nämlich das Trump’sche Amerika sich nicht eben als leuchtendes Vorbild eignet. (Nebenthema: Die Kontrolle der amerikanischen Milliardäre über die dortigen Medien ist auch völlig absurd (hier ein schönes Schaubild).) Und andererseits wird auch klar, dass es irgendwo Grenzen geben muss, wenn eine Gesellschaft sich schützen will. Caroline Turzer erklärt in der Welt etwa, dass es „kein Recht gibt, gefährlichen Unsinn zu verbreiten“ und bezieht sich vor allem auf russische Störpropaganda. Diese Störpropaganda existiert zweifellos und erweist sich immer mehr als doppelschneidiges Schwert: einerseits fallen viele darauf herein, andererseits aber eignet sie sich allzu sehr als faule Ausrede, wie uns der nächste Komplex zeigt.
4) Anschlag in Berlin
Der Anschlag mutmaßlich einer linken Terrorgruppe („Vulkangruppe“) auf die Stromversorgung Berlins hat auf der Rechten dieselben Reflexe hervorgerufen, wie rechtsextreme Anschläge das bei der Linken tun: eine ungeheure Erleichterung, dass die „anderen“ die Bösen sind („Sowas kommt von sowas“ erklärt Ulf Poschardt). Auf der Linken reichte das Spektrum unwürdiger Reaktionen von Relativierungen zu dem Verbreiten von dem, was Gerrit Seebald zurecht als „Die große Bekennerschreiben-Verschwörungstheorie“ kritisiert: eine Bekennerschreibenexzegese, die in grammatikalischen Details zweifelsfrei erkennen wollte, dass es sich nicht um Linke handeln könnte, oder gar „keinen Sinn“ ergebe, weil die Maßnahme ja kontraproduktiv sei. Nur hat das die RAF auch nicht eben abgehalten. Extremisten sind nicht gerade dafür bekannt, sonderlich rational zu handeln.Wie es scheint, ist die Vulkangruppe genauso real wie ihr Anschlag.
Dass die Vorstellung, es könnten russische Provokateure hinter dem Anschlag stecken, nicht aus der Luft gegriffen ist (siehe Fundstücke 5), steht dem nicht entgegen. Beide Seiten hatten keine Ahnung, was los war, verbreiteten aber im Brustton der Überzeugung, dass jetzt wahlweise die Linke ihr wahres Gesicht zeige oder dass es alles eine False-Flag-Attacke war. Wie es scheint, hatten die Rechten recht, aber wissen konnten auch die es natürlich nicht vorher. Wir müssen generell als Gesellschaft lernen, die Unsicherheit auszuhalten, bis es Ermittlungen gibt – und müssen vielleicht eine Terrorgruppe einfach beim Wort nehmen, egal, aus welchem Lager sie stammt. Ich verweise ansonsten darauf, schon vor Jahren meiner Verwunderung Ausdruck gegeben zu haben, dass es keinen Ökoterrorismus gibt. Das war letztlich nur eine Frage der Zeit. Ansonsten ist dieses Gesindel genauso zu betrachten wie alle anderen Verbrecher auch: die Polizei hat sie zu finden, die Staatsanwaltschaft vor Gericht zu bringen und das Gericht sie zu verurteilen. Es ist eine winzige Minderheit, wie bei jeder extremistischen Terrorgruppe. Und ihre ideologischen Nachbarn (dieses Konzept habe ich hier erklärt) haben besonders vorsichtig zu sein, nicht aus falschen Reflexen heraus deren Arbeit zu tun.
5) Die Linke und die Moral von Iran und Gaza
Die Linken haben aber gerade auch einen Lauf, denn nicht nur im Fall der Vulkangruppe, sondern auch bei dem konstanten Dauerreizthema „Israelkritik“ oder nun beim Iran überschütten sie sich nicht gerade mit Ruhm. Beim Perlentaucher gibt es einen guten Essay von Thierry Chervel dazu, der auseinanderklamüsert, wie die Linken schon 1979 die iranische Revolution begeistert begleiteten. Für mich ist das keine große Überraschung; ich habe in meinem Grundsatzartikel zum Antiamerikanismus genau diese „der Feind meines Feindes ist mein Freund“-Mechanik für die deutsche Amerikafeindschaft auseinandergenommen, die auch hier greift. Praktisch jeder Konflikt findet Leute, die bereit sind, für miese Regime in die Bresche zu springen, wenn es den eigenen Interessen dienlich scheint. Wer sich etwa für Peter Handke und seine Apologetik serbischer Massenmörder interessiert, wird bei der FAZ fündig. Wer eine deutliche Verurteilung wegen Gaza sucht, wird bei den Salonkolumnisten fündig.
Resterampe
a) In der Nachlese zum Grönlandfiasko sehen Jörg Lau und Anna Sauerbrey das „Ende des amerikanischen Zeitalters„. Ich denke, das kündigt sich schon eine Weile an, aber Trump ist ein Brandbeschleuniger.
b) Auf Twitter ein Auschnitt aus einem Fernsehinterview wieder mal zum Thema „die Wissenschaft zeigt ziemlich klar, dass die Übernahme von AfD-Positionen dumm ist„.
c) Auf Twitter postet jemand diesen netten Link auf einen Ausschnitt aus einem Buch von 1886, in die Verweiblichung der öffentlichen Sphäre und der Verlust von Männlichkeit beklagt wird. Red Pilling ist auch nichts Neues.
d) Auf Twitter erklärt jemand recht sachkundig, warum das US-Einwanderungssystem effektiv ständige Gesetzesbrüche erzwingt. Schlecht gemachte Gesetze haben meistens solche Effekte. Die gesetzestreue Einwanderung wird damit hart disinzentiviert; das ist ja auch in Deutschland so, wenn die integrierten und sich an Regeln haltenden Leute abgeschoben werden, weil die ordentlich gemeldet sind.
e) Tobias Blanken macht sich in der Welt über die deutsche Doppelmoral lustig, dass man sich über das Abhören von Merkels Handy beklagt hat, während der BND Obamas Handy wohl auch abhörte („Da war doch was„). Immerhin, würde ich sagen. So viel Kompetenz ist man von deutschen Nachrichtendiensten ja gar nicht gewohnt.
f) Wer sich für Adam Tooze interessiert, der Guardian hat einen schönen biografischen Artikel.
g) In der Welt gibt es einen Gastbeitrag mit dem Titel „Migrationskritik ist moralisch„, der argumentiert, dass die Rechten den Moralbegriff wieder besetzen sollten, weil ihre Kritik an der Aufnahme von Migrant*innen ja ebenfalls moralisch sei. Ich kann das nur von ganzem Herzen bejahen. Selbstverständlich. Es gibt wenig so Nerviges wie den Moralisierungsvorwurf, denn natürlich moralisieren grundsätzlich alle. Wir Menschen sind moralische Lebewesen.
h) Wer Zielgruppe für hoffnungsvolle Visionen einer weiteren europäischen Einigung ist, wird beim Verfassungsblog fündig, wo „The EU’s 1787 Moment“ beschworen wird. Ich bin da, vorsichtig gesagt, eher skeptisch.
i) Etwas befremdlich ist die Frage der Welt „Herr Mamdani, was bedeutet der Eid auf den Koran?„, denn es ist relativ klar, was das bedeutet. Hier wird wieder einmal dem Ressentiment stattgegeben, wonach Muslime und Islam irgendwie nicht mit westlichen Gesellschaften vereinbar sein sollen könnten.
j) „The College Backlash Is a Mirage“ titelt The Atlantic, und das kann kaum überraschen. Natürlich hat höhere Bildung nicht ihre Bedeutung in dem Ausmaß verloren, wie das gerne behauptet wird. Das Gerede ist vor allem Teil des identitätspolitischen Kulturkampfs, der sich immer mehr an der Trennlinie formaler Bildung vollzieht. In der Wirtschaft sind die Abschlüsse weiterhin das A und O.
k) Zu den perversten Kulturkampfelementen der amerikanischen Rechten gehört der Robert Kennedys, der eine wahre Blutspur hinter sich herzieht. Nun hat er – RFK Jr.’s Next Move Is What Anti-Vaxxers Have Been Waiting For – die Pflichtimpfungen für Kinder drastisch zusammengeschnitten. So spektakulär die Morde von ICE-Schlägern auf offener Straße auch sein mögen, das Leid, das dieser durchgebrannte Spinner erzeugt, ist um ein Vielfaches höher.
Fertiggestellt am 27.01.2026


