Bücherliste September 2025 bis Januar 2026

Ich komme gerade aus vielerlei Gründen nicht dazu, für alle Dinge, die ich lese, eigene Rezensionen zu erstellen. Deswegen lasse ich eine alte Tradition wieder aufleben und erstelle hier eine Übersicht über einige Titel, die ich in der letzten Zeit gelesen habe, mit einigen Anmerkungen. Die Titel dieser Liste wurden von September 2025 bis Januar 2026 gelesen. Alle Links führen zu Amazon; wenn ihr darüber bestellt, erhalte ich einen kleinen Anteil. Damit genug der Vorrede, los geht’s.

Peter Frankopoan – Licht aus dem Osten (Hörbuch)

In Licht aus dem Osten entwirft Peter Frankopan eine alternative Weltgeschichte, die nicht vom europäischen Blickwinkel ausgeht. Im Zentrum steht die Region zwischen Mittelmeer, Persien, Zentralasien, Indien und China – das, was er als „Herz der Welt“ bezeichnet. Dort seien über Jahrtausende hinweg die entscheidenden Impulse menschlicher Zivilisation entstanden: Handel, Religionen, technische Innovationen und kulturelle Austauschprozesse. Die Seidenstraße wird als „Lebensader der Weltgeschichte“ beschrieben, über die nicht nur Waren, sondern auch Ideen, Krankheiten und Machtstrukturen zirkulierten. Frankopan stellt dar, dass Wohlstand und Einfluss stets dorthin wanderten, wo Kontrolle über diese Handelswege bestand.

Im späteren Verlauf zeigt er, wie sich die Machtverhältnisse mit der Entdeckung der Seewege verschoben. Der Westen habe durch Kolonialismus und Rohstoffausbeutung eine Dominanz errungen, die jedoch historisch betrachtet eine Ausnahme darstelle. Heute lasse sich, so die Argumentation, eine erneute Verlagerung ökonomischer und politischer Macht nach Osten beobachten. Insgesamt zeichnet das Buch ein Panorama globaler Verflechtungen und fordert dazu auf, „die Geschichte neu zu lesen“ – jenseits eurozentrischer Perspektiven.

Frankopan stößt mit seinem Buch sicherlich in eine Lücke, was Geschichten jenseits west-zentrierter Perspektiven angeht. Ich konnte trotzdem nicht viel damit anfangen. Zu sehr war mir sein Vertrauen in die Quellen zuwider, die teilweise aus der Antike stammten. Ich kann einfach niemanden ernstnehmen, der die Schilderungen von Schlachten Alexanders des Großen und der beteiligten Zahlenverhältnisse wörtlich nimmt. So angenehm ich den Ansatz gefunden hätte und so sehr es hier Wissenslücken zu schließen gäbe, fehlt mir das Vertrauen, dass Frankopan seriös genug dafür ist.

Barbara Bleisch – Mitte des Lebens (Hörbuch)

In ihrem Buch „Mitte des Lebens. Eine Philosophie der besten Jahre“ skizziert die Philosophin Barbara Bleisch eine weit gefasste Phase mittleren Lebensalters – etwa vom 35. bis zum 65. Lebensjahr – als Chance und nicht (nur) als Krise. Sie argumentiert, dass in dieser Lebensmitte „die vielleicht besten Jahre unseres Lebens“ liegen könnten, weil einerseits schon Erfahrung vorhanden sei, andererseits noch Spielraum für Gestaltung. Die Autorin macht deutlich, dass Fragen wie „Habe ich das Richtige gemacht?“ oder „Wird noch genügend Zeit bleiben?“ typischerweise aufkämen – zugleich bestehe die Möglichkeit, neue Wege zu entdecken. Zentral sei dabei eine Verschiebung: Weg von reinem Ziel- und Leistungsdenken hin zu einer Haltung, die sich an Werten orientiere, die auch anderen zugutekommen. Bleisch sieht Krisen nicht als Scheitern, sondern als „Kipppunkt[e]“, die wesentliche Dinge klären könnten. Zudem fordert sie eine Abkehr von der verbreiteten „Sterbebett-Perspektive“ und stattdessen eine positive Ausrichtung auf das Aktive und Generative.

Gleichzeitig beschreibt Bleisch den Lebensabschnitt nicht als unkompliziert: Die Zeit könne geprägt sein von einem Plateau, in dem viele Verpflichtungen bereits existieren (Familie, Beruf) und dennoch viele Möglichkeiten verbleiben—was Spannung bedeute. Sie plädiert dafür, sich nicht von Erwartungsspiralen lähmen zu lassen, sondern bewusst Gestaltungsspielräume zu nutzen. Insgesamt wird die Mitte des Lebens als ein anspruchsvolles, aber potenziell freies Lebensfeld dargestellt, in dem Reflexion, Veränderung und Sinnsuche eng zusammenspielen.

Wer befürchtet, mit Bleischs Werk eine schwergängige Philosophie zu bekommen, voller komplizierter Logiken und Fachbegriffe, kann beruhigt sein. Das Buch ist extrem leichtgängig. Auf der anderen Seite kann ich auch diejenigen beruhigen, die meinen, hier irgendwelche relevanten Einsichten und Ratschläge zu bekommen. Das ganze Ding plätschert fürchterlich vor sich hin, ist garniert mit den genretypischen intertextuellen Referenzen („Vielleicht ist es ja doch so, wie der berühmte Autor X aus dem Jahr Y in Werk Z sagt…“), die vor allem die Belesenheit der Autorin herausstellen sollen und wenig zur Erhellung des Sachverhalts beitragen. Ernsthaft, nach der Hälfte des glücklicherweise nicht sonderlich dicken Buchs verdrehte ich ob der in jeden zweiten Satz eingestreuten Bildungsbelege nur noch die Augen.

Jonathan Hickmann – Aliens vs. Avengers

Crossover sind im Comicgenre wahrlich keine Neuigkeit, und ich kenne noch aus meiner Jugend Unfug wie „Predator vs. Batman“ und habe dem nie sonderlich große Aufmerksamkeit gewidmet. Das einzig relevante Crossover für mich ist „Aliens vs. Predator“, und das ist einfach common sense. Nun habe ich eine Ausnahme gemacht, weil der von mir sehr geschätzte Patrick H. Willems den Comic „Aliens vs. Avengers“ in seinem Kanal ausdrücklich empfahl, da er nicht den üblichen Serienlogiken anhänge, sondern eine eigenständige und relevante Geschichte erzähle. Die Grundidee ist schnell erzählt: der von Michael Fassbender verkörperte Android aus Ridley Scotts Sequels „Prometheus“ und „Covenant“ hat nicht nur sein eigenes Universum mittels den Aliens von allem Leben gesäubert, sondern sendet diese nun auch ins Multiversum, um alles Leben, das er als einen Irrweg betrachtet, auszuschalten. Nun erwischt es auch das Universum der Avengers, wo nicht nur das Wakandische Raumimperium, sondern auch die Erde selbst Opfer einer Xenomorph-Invasion wird.

Die Avengers, die gegen die Bedrohung antreten, sind aber nicht die auch aus den Filmen hinreichend bekannten Heroen, sondern quasi Rentner. Tony Stark sitzt schon im Rollstuhl, Bruce Banner und Steve Rogers sind Greise, Miles Morales ist reif für Cabrio, Goldkette und Midlife Crisis und auch Carol Denvers hat schon bessere Zeiten gesehen. Da die Aliens praktisch nicht aufgehalten werden können, versuchen die Avengers vor allem, die Menschheit als Spezies zu retten, was allerlei Philosophieren über den Wert des Überlebens zulässt. Der Comic hat eine sehr solide vermittelte, apokalyptische Grundstimmung, ist auf seinen nicht mal 100 Seiten ordentlich schnell auserzählt und überfrachtet sich selbst nicht mit dem Mythos der beiden verknüpften Universen, was sicher seine herausragendste Leistung darstellt. Das Finale auf dem Mars gegen den Mutanten Sinister allerdings hat mich dann doch nicht so wirklich abgeholt; mir ist diese Superhelden-Comic-Ästhetik einfach nur in homöopathischen Dosen geheuer.

Florian Freistetter – Sternengeschichten 

Leser*innen meiner großen Podcastliste kennen Florian Freistetters Sternengeschichten bereits als einen der Podcasts, die ich irgendwann zu hören aufgehört habe, weil mir die Themen zu esoterisch wurden, obwohl mir das Thema selbst eigentlich sehr gefällt und mich sehr interessiert, und weil ich nicht zu viele Einzeltitel aus dem tiefen Archiv herunterladen wollte. Für mich ist dieses Produkt wie bestellt: Freistetter hat eine Art kuratiertes „Best of“ seines Podcasts erstellt, das nach thematischen Übergriffen sortiert, in eine sinnvolle Reihenfolge gebracht und leicht editiert genügend Folgen seines Podcasts als Minikapitel enthält, um für einige ebenso unterhaltsame wie lehrreiche Stunden eine Art Crashkurs in die Astronomie zu bieten. Für alle Interessierten vollständig empfehlenswert, und es ist immer wieder schön, wenn Podcaster*innen auf die Art einen Durchbruch schaffen. Erinnert mich ein wenig an Mike Duncan vom „History of Rome„-Podcast.

Don Rosa – The complete life and times of Scrooge McDuck

Ich hatte bereits vor geraumer Zeit „Dagobert Duck: Sein Leben, seine Milliarden“ rezensiert (hier) und bei der Gelegenheit die englische Version meiner Comicsammlung hinzugefügt, aber bisher nie die Zeit gefunden, sie auch zu lesen. Das habe ich jetzt nachgeholt. Die englische Version besticht gegenüber der Deutschen durch ihre viel stärkere Betonung von Scrooges schottischem Dialekt und den Idiomen der damaligen Zeit auffällt, was ihr einen größeren Lokalkolorit verleiht und die Geschichte stärker in unserer realen Welt verankert – eine Beobachtung, die auch alle machen werden, die je Carl Barks im Original lesen und dann mit der Übersetzung von Erika Fuchs vergleichen. Gleichzeitig bedeutet das genauso wie bei Erika Fuchs keinesfalls, dass die deutsche Übersetzung deswegen schlechter wäre. Manche Scherze kommen im Englischen tatsächlich etwas besser rüber, aber insgesamt muss sich die deutsche Version wahrlich nicht hinter dem Original verstecken. Meine Version kommt in zwei Hardcoverbüchern im Schuber. Das erste davon enthält den klassischen Zyklus der zwölf Geschichten, die uns vom ersten Zehner bis zum Weihnachten mit Donald und den Neffen bringen. Der zweite Band erhält die späteren Geschichten, die vor allem (aber nicht ausschließlich) die Zeit am Klondyke, die wohl Rosas Lieblingsmotiv ist, weiter ausbauen. Vor allem Dagoberts Beziehung zu Nelly verdient hier als überraschend gut funktionierender emotionaler Kern des Epos Erwähnung, aber auch das Kuhrennen in Java ist ein echtes Highlight („Cowboy steuert gesunkenen Dampfer in Hafen“, sag ich da nur). Allerdings gibt es auch Fehltritte. Nicht alle Klondyke-Geschichten können das Niveau halten, das sich Rosa selbst vorgelegt hat, und die Story um den Bau des Panamakanals ist voll von lahmen Aufgüssen früherer Geschichten. Insgesamt aber bleibt die Saga absolut empfehlenswert für alle Entenfans.

Tim Clare – The Game Changers – How playing games changed the world and can change you too (Hörbuch)

Vielen dürfte hinreichend bekannt sein, dass ich unter den multiplen Facetten meiner Persönlichkeit nicht nur einen Politik- und Geschichtenerd, sondern auch einen Gamer habe. Entsprechend konnte ich an Tim Clares Geschichte der Spiele nicht vorbeigehen (Brett- und Kartenspiele; Videospiele und Sport klammert er aus). Clare kann dabei durch einen lockeren Aufbau überzeugen: anstatt chronologisch durch die Geschichte zu gehen, greift er Konzepte heraus, verfolgt diese bis tief ins Altertum und versucht zu distillieren, was die Menschen an diesen Spielen so faszinierend fanden. Wir finden den Ursprung des Würfelns als Gottesurteil und lernen, dass die meisten Würfelspiele sowohl religiösen als auch säkularen Zwecken dienten und häufig für Wetten benutzt wurden (was die ganzen Snakes&Ladders-Klone vielleicht etwas erträglicher gemacht hat). Wir lernen alte japanische Kartenspiele, deren Design vor allem dem Unterlaufen zahlreicher Anti-Kartenspiel-Gesetze diente und folgen dem Autor bei dem Versuch, traditionelle japanische Lyrik in einem rasanten Kartenspiel zu erlernen, ohne die Sprache zu kennen. Mit Magic The Gathering findet sich ein Beispiel für die Gemeinschaften, die das Spielen entstehen lassen kann, während die Geschichte von Monopoly vor allem eines zeigt: nichts ist, wie es scheint. Und ja, Monopoly ist kein gutes Spiel und hält sich nur dank Hasbros…Monopol. Und so weiter. Wer sich für das Genre interessiert, bekommt ein unterhaltsames und schnell gelesenes Buch mit wesentlich mehr Tiefe, als man auf den ersten Blick vermuten könnte.

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