Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ werden mit einem Abschnitt des Textes, der paraphrasiert wurde, angeteasert. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels empfohlen; ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Zusammenfassungen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann. Alle Beiträge sind üblicherweise in der Reihenfolge aufgenommen, in der ich auf sie aufmerksam wurde.
Fundstücke
1) Die unterschätzte Kraft der Bürokratie
Im Artikel wird argumentiert, dass der Ruf nach „Entbürokratisierung“ in der Wissenschaft zwar verständlich sei, aber gefährliche Schlagseite bekommen könne. Wiarda beschreibt, wie Freiheit und Bürokratieabbau rhetorisch verknüpft würden, während übersehen werde, dass Bürokratie zugleich „vor Willkür“ schütze und eine „Bremse im positiven Sinne“ sein könne. Am Beispiel des Leopoldina-Papiers werde gezeigt, dass legitime Kritik an Überregulierung schnell in eine Abwertung von Themen wie Nachhaltigkeit, Diversität und Gleichstellung umschlagen könne, die dort als „Nebenzwecke“ erscheinen. Wiarda warnt, dies komme einer Anbiederung an einen nach rechts driftenden Zeitgeist gleich, der genau diese Werte als „ideologische Gängelung“ diffamiere. Zugleich werde betont, dass es sehr wohl guten Bürokratieabbau gebe – etwa Standardisierung von Verfahren, höhere Pauschalen oder weniger Binnenregeln. Problematisch sei jedoch jede „Anti-Regulatorik“, die Regeln diskreditiere, die Transparenz, Gleichstellung und den Schutz von Steuergeldern sichern. Bürokratie werde daher als „Infrastruktur der Freiheit“ beschrieben, die gerade die Unabhängigkeit der Wissenschaft stütze. (Jan-Martin Wiarda)
Was Wiarda hier beschreibt lässt sich noch auf eine viel grundsätzlichere Ebene ziehen. Jede Kritik, die zu pauschal wird – etwa einfach nur „Bürokratie“ zu verdammen -, wird wertlos und führt entweder zu Paralyse („die Bürokratie“ ist nichts, das sich reformieren oder bekämpfen lässt, sie ist zu abstrakt und allumfassend) oder zu extrem undurchdachten und zerstörerischen Maßnahmen (wie in der kurzen DOGE-Phase wieder sichtbar wurde). Eine vernünftige Kritik setzt an konkreten Problemen an und geht analytisch an die Sache. Das bedeutet auch, sich die Frage zu stellen, warum das Zeug überhaupt da ist. So zu tun, als ob Bürokratie einfach um ihrer selbst Willen eingeführt wurde, heißt, genau diese Erkenntnis nicht zu haben. Ich kann nur sinnvoll entbürokratisieren, wenn ich weiß, warum die Vorschriften überhaupt einmal geschaffen wurden. Sonst kämpfe ich gegen Windmühlen. Ich glaube, darin liegt ein großer Grund des Scheiterns der ständigen Entbürokratisierungsversuche. Und es ist ja wahrlich nicht so, als gäbe es da nicht genug zu tun. Aber die Gründe für das Vorhandensein und die Blockade müssen ja erstmal verstanden werden, bevor ich an irgendwelche Reformen herangehen kann. Und genau das passiert nicht.
2) Bas attackiert Arbeitgeber – und stößt auf Gegenkritik
Im Bericht wird geschildert, dass Bas nach dem Arbeitgebertag, bei dem ihre Aussage zur Finanzierung des Rentenpakets mit Gelächter quittiert wurde, ungewohnt scharf reagierte. Laut Darstellung habe sie das Ereignis als „Schlüsselerlebnis“ bezeichnet und auf dem Juso-Kongress betont, dort sei deutlich geworden, „gegen wen wir eigentlich gemeinsam kämpfen müssen“. Im Artikel wird ausgeführt, sie habe zugleich kritisiert, Unternehmer säßen als „Herren in bequemen Sesseln“ im Publikum. Diese Zuspitzungen hätten nach der Darstellung nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in Teilen der SPD Irritationen ausgelöst. Ein Regierungsmitglied wird wiedergegeben mit der Einschätzung, Bas verkenne die politische Lage. Im Text heißt es, dass ihr Umgang mit den Arbeitgebern als riskant gelte, weil zentrale Vorhaben – etwa in der Rentenpolitik – auf Kompromissfähigkeit angewiesen seien. Die Autorinnen führen aus, dass die doppelte Konfrontation binnen weniger Tage als unnötige Eskalation wahrgenommen werde und innerparteilich Zweifel an ihrer Rollenwahrnehmung im Regierungsgefüge wecke. (Greive, Gillmann, Handelsblatt)
Für mich ist diese ganze Szene und die Reaktion darauf ein Symptom dafür, wie sehr wir in den vergangenen Jahrzehnten grundsätzliche politische Wahrheiten vergessen haben. Ich habe viele Artikel wie den im Handelsblatt gelesen, in denen Bas dafür kritisiert wurde, die Arbeitgeber als Gegner zu betrachten. Aber abgesehen von der Formulierung „Gegner“ (siehe dazu auch gleich unten mehr) überrascht mich am meisten, dass Bas diesen Schlüsselmoment brauchte und wie viele Leute vom Inhalt überrascht zu sein scheinen. Erstens sollte man sich klarmachen, dass dieser Verband ein Lobbyverband ist. Das ist keine Repräsentation „der Wirtschaft“. Da wird ein guter Teil repräsentiert, aber bei weitem nicht alles. Zweitens, und das ist das Entscheidende, besteht selbstverständlich ein Interessengegensatz zwischen Arbeitgebern einerseits und einem sozialdemokratischen Arbeits- und Sozialministerium andererseits. Das schließt ja nicht aus, dass man dasselbe Ziel hat – die deutsche Wirtschaft zu stärken. Ich habe als Arbeitnehmer auch ein Interesse an der wirtschaftlichen Gesundheit meines Unternehmens, aber trotzdem harte Interessengegensätze gegenüber dem Arbeitgeber. Diese sollte man durchaus anerkennen.
Dass Bas‘ Ursprungskommentar zur Rente zudem inhaltlich korrekt und bei weitem nicht so albern war, wie das hämisch lachende Publikum dachte, unterstreicht diesen Punkt noch: die Arbeitgeber haben bestimmte Interessen, aber diese sind nicht deckungsgleich mit dem Wohl Deutschlands als Ganzem. Niemand ist das. Man kann Kompromisse finden, aber das geht nur dann, wenn die Interessengegensätze überhaupt einmal klar sind. Und die SPD hat viel zu lange vergessen, was eigentlich ihre Klientel ist. Der Arbeitgebertag wird nie ein Freund der SPD sein. Selbstverständlich sind das Gegner. Man muss mit denen reden und sie verstehen und gemeinsame Lösungen ausarbeiten. Aber das macht einen nicht zu Freunden. Wir haben einfach kollektiv in diesem Einheitsbrei des Reformkonsens nach 1998 vergessen, dass Interessengegensätze existieren und in der politischen Arena ausgefochten werden müssen.
3) Missverstehen wir uns richtig?
Im Kommentar wird beschrieben, wie Bas mit ihrer Aussage zur Steuerfinanzierung der Rentengarantie eine Debatte ausgelöst habe, die sich durch Missverständnisse und Empörung hochgeschaukelt habe. Im Artikel wird erläutert, dass ihre Bemerkung in einer finanzpolitischen Tradition stehe, die als Bismarck-Beveridge-Debatte bekannt sei: Die Frage, ob Sozialausgaben über Beiträge oder Steuern finanziert werden sollten, gelte als zentrales fachliches Unterscheidungsmerkmal. Laut Schieritz werde jedoch in der Öffentlichkeit so getan, als sei Bas’ Hinweis bloß „linke Tasche, rechte Tasche“, obwohl sich die Lastenverteilung – Beveridge statt Bismarck – tatsächlich verändere. Im Text wird ausgeführt, dass das Gelächter der Arbeitgeber und Bas’ spätere polemische Zuspitzung gegenüber den „Gegnern“ Ausdruck einer Eskalation seien, die durch wechselseitige Kränkungen entstanden sei. Der Kommentar konstatiert, dass ähnliche Muster bereits bei Merz’ umstrittener Stadtbild-Äußerung beobachtet worden seien. Insgesamt wird dargelegt, dass Empörung und taktisches Missverstehen sachliche Auseinandersetzungen verdrängten und die demokratische Debatte dadurch verarme. (Schieritz, Die ZEIT)
Schieritz hat sicher Recht, dass da auch viel mutwilliges Missverstehen dabei ist, und natürlich ist man immer bereit, die eigene Seite differenziert zu sehen und ihr unglückliche Formulierungen oder eben den Gegnern das mutwillige Missverstehen zuzuschreiben und umgekehrt. Ich sehe das grundsätzlich bei mir auch; ich habe Merz jetzt auch nicht sonderlich viel Differenzierungsspielraum bei der Frage der Stadtbild-Debatte zugesprochen. Ich bin aber wie so häufig unsicher, ob das ein neues Phänomen ist. Schließlich ist dieses mutwillige Missverstehen und das Empören über Aussagen des politischen Gegners recht normal und in einem gewissen Ausmaß auch nötig zur politischen Identitätsbildung. Ich finde deswegen auch den Gegner-Begriff nicht so schlimm; viel dramatischer wäre gewesen, hätte Bas die Arbeitgeber als Feinde bezeichnet.
4) Trump’s Security Strategy Is Incoherent Babble
Im Artikel wird erläutert, die neue National Security Strategy der Trump-Regierung erscheine als „bombastisch“ und widersprüchlich und erinnere stilistisch an das „Babbeln eines Schlafenden“. Zugleich werde betont, das Dokument biete trotz der hemmungslosen Selbststilisierung Trumps einige aufschlussreiche Hinweise auf tatsächliche Probleme. Es wird hervorgehoben, frühere Strategiepapiere seien von Figuren wie Kissinger oder Brzezinski geprägt gewesen, während die aktuelle Fassung literarisch wie analytisch misslinge. Im Text wird dargelegt, die Strategie schwanke zwischen Bekenntnissen zu Respekt gegenüber anderen Kulturen und dem Ziel, Europa zu einem vermeintlichen zivilisatorischen Ursprung zurückzuzwingen. Ebenso werde angeführt, das Papier enthalte drei teils zutreffende Punkte: die Vernachlässigung der westlichen Hemisphäre, eine stärker ökonomisch ausgerichtete Afrikapolitik und den Hinweis auf migrationspolitische Herausforderungen in Europa. Insgesamt wird die NSS jedoch als populistisch charakterisiert, die Gegneranalyse als unzureichend beschrieben und konstatiert, das Dokument spiegele vor allem die „muddled enthusiasms“ eines intern zerstrittenen Trump-Lagers wider. (Eliot A. Cohen, The Atlantic)
Die Selbstentmachtung der USA durch die atemberaubende Inkompetenz dieser Regierung ist einer der größten Gefahrpunkte, die gerade viel zu wenig diskutiert werden. Die Sicherheitsstrategie ist ja auch aus demselben Grund wie der Ukraine-Friedensplan inkohärentes Gerede: diese Leute verstehen gar nicht, was sie da eigentlich schreiben. Trump und MAGA operieren in einem beständigen Kulturkampfmodus, der markige Phrasen für das eigene Publikum und „owning the libs“ als zentrale Merkmale besitzt. Die diplomatische Sprache, in der Feinheiten und Nuancen von entscheidender Wichtigkeit sind, ist das genaue Gegenteil. Deswegen sind diese Leute gar nicht in der Lage, irgendwelche kohärenten Pläne zu entwerfen oder sich verständlich bezüglich ihrer Absichten auszudrücken. Alleine dass Überschriften wie „Did Trump just end the US-Europe alliance?“ völlig ernsthaft publiziert werden können, zeigt das Problem. Vielleicht sollte man über solche Fragen Klarheit haben. Nur als Idee.
5) Das Problem der Demos gegen den Wehrdienst
Im Artikel wird erläutert, der Protest gegen das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz falle überraschend schwach aus und die Organisatoren der Schulstreiks hätten eine „klägliche“ Mobilisierung betrieben. Es wird hervorgehoben, die jungen Demonstrierenden hätten weitgehend auf sachliche Argumente verzichtet und stattdessen mit überzeichneten Szenarien operiert, obwohl ein Hinweis auf Länder ohne Wehrpflicht naheliegend gewesen wäre. Zugleich wird ausgeführt, die gleichzeitige Verabschiedung von Renten- und Wehrdienstgesetz belaste die junge Generation, sodass Kritik grundsätzlich berechtigt erscheine. Der Text beschreibt, Verteidigungsminister Pistorius habe mit dem Hinweis auf die demokratische Paradoxie des Wehrdienstes reagiert: Dieser sichere auch die Freiheit, gegen ihn zu demonstrieren. Im Artikel wird zudem betont, Schulpflicht gelte weiterhin; wer von seinen Argumenten überzeugt sei, müsse einen Fehltag in Kauf nehmen. Schließlich wird ausgeführt, organisatorische Probleme – etwa die Distanzierung der Grünen Jugend von antisemitisch eingestuften Gruppen – die Proteste zusätzlich geschwächt hätten. Insgesamt wird konstatiert, die Staatsräson habe gesiegt und der Widerstand gegen das Gesetz sei überschaubar geblieben. (Alan Posener, WELT)
Ich will hier gar nicht in die Wehrdienstdebatte selbst gehen, sondern auf die Frage, wie die Schulen mit so was wie den Demonstrationen dazu umgehen sollen. Sowohl bei Posener als auch bei der Union (Wehrdienst-Streit: Union warnt Schulen davor, Schüler bei ihrem Schulstreik zu unterstützen) geht da einiges durcheinander. Es ist absolut indiskutabel, dass die Schulen Schüler*innen vom Unterricht befreien, damit diese an den Demonstrationen teilnehmen können. Solche Parteinahme können Schulen nicht machen. Genauso wenig können sie Entschuldigungen von Eltern dazu akzeptieren. Das wäre ja auch eine Freistellung. Es ist natürlich möglich, quasi im Rahmen des Unterrichts zu so einer Demo zu gehen und sie anzuschauen (Stichwort Demokratiebildung), aber ich zumindest fände eine aktive Teilnahme dann schon wieder echt problematisch. Die Schüler*innen können natürlich die Konsequenzen von Schulschwänzen akzeptieren und hingehen und dafür Sanktionen in Kauf nehmen. Aber ich zweifle, dass signifikante Anteile dazu bereit sind.
Resterampe
a) Unbedingt hörenswertes Interview mit einer Cum-Ex-Ermittlerin. (SWR1)
b) Völlig verblendet. (Twitter)
c) The Bubble-Wrapped President (The Atlantic).
e) The New German War Machine (The Atlantic).
f) Die „große Reform“ ist eine Illusion (Welt). Die sagen doch nicht mal, dass das eine ist?
g) Thread zur wirtschaftlichen Lage Deutschlands vis-a-vis China. (Twitter)
h) Noch ein Thread, dieses Mal zum außenwirtschaftlichen Ungleichgewicht. (Twitter) Kommt aus Deutschland vertraut vor.
i) CDU verspricht (im Wahlprogramm), vermeintlich faulen Lehrern Druck zu machen (News4Teachers). Ich hätte damit null Problem, wenn das ausgeglichen wäre. Druck auf faule Leute, Belohnungen für Engagierte. Reformen im System. Aber das ist einfach nur billiger Anti-Beamte-Populismus.
j) The Mad Men Streaming Debacle Is a Strange Cautionary Tale (The Atlantic).
k) NYC hat gute Erfahrung mit Abgasbesteuerung. (Twitter)
Fertiggestellt am 10.12.2025



zu 5) In Leipzig waren es zur Demo um 17.00 Uhr etwa 2.000 Schüler und Schülerinnen, die Mobilisierung hat also wohl doch irgendwie funktioniert. Dass das keiner wahrgenommen hat, liegt m. E. eher daran, dass die Zeitungen im Nachgang kaum berichtet haben (selbst die Leipziger Volkszeitung nicht!); vorher zwar schon, aber dann oft eher im Tenor von „Was wollen die denn überhaupt?“ und „Schulschwänzen geht ja wohl gar nicht“ … insgesamt habe ich den Eindruck, dass auch hier mal wieder junge Menschen nicht ernst genomme wurden.
… dass auch hier mal wieder junge Menschen nicht ernst genomme wurden.
Ich hoffe sehr, Sie haben Recht! Man darf, kann und muss Jugendliche ohne Lebenserfahrung in politischen Fragen niemals ernst nehmen.
Aber wählen dürfen sie? Bei Landtagswahlen sogar ab 16.
ICH habe das ganz sicher weder entschieden noch dafür geworben, Wenn´s nach mir ginge, würde die Volljährigkeit frühestens mit 21 beginnen.
Einverstanden.
„insgesamt habe ich den Eindruck, dass auch hier mal wieder junge Menschen nicht ernst genomme wurden.“
Ich habe jetzt ein paar Interviews oder Diskussionsrunden mit Beteiligung junger Menschen gehört.
Erstens sind die keine homogene Gruppe. Es gab Befürworter und Gegner, wobei leztere in der Altersgruppe schon in der Mehrzahl sind.
Zweitens muss ich ehrlich, und etwas erschrocken, zugeben, dass ich es schwer fand die Gegner richtig ernstzunehmen. Zum einen schien ihnen nicht klar zu sein, dass die Mehrzahl der Alten doch ebenfalls wehrpflichtig war. Vor dem Hintergrund macht das Ungerechtigkeitsargument m.E. wenig Sinn.
Zum anderen waren sie eigenartig negativ und beinahe weinerlich was die Situation ihrer Generation und der Gesellschaft insgesamt angeht und gleichzeitig anscheinend unwissend darüber, wie es früher war.
Als ob Wehrdienst im kalten Krieg, oder verspätete Ausbildung zu Zeiten viel höherer Jugendarbeitslosigkeit so viel einfacher gewesen wäre.
Mehr als einmal habe ich das, m.E. wirklich dämliche, Argument gehört die Jugendlichen hätten ja schon während der Pandemie so viel für die Gesellschaft geleistet, da sei jetzt auch noch Wehrdienst ja wohl richtig ungerecht.
Das Argument mit der Pandemie kann ich auch nicht mehr hören.
Aber ansonsten hat die Jugend einen Punkt. Zumindest wenn man als Vergleichskohorte die Mitte der 60er Jahre bis Mitte der 80er Jahre geborenen Bürger nimmt. Die sind so ab einem Alter von 10 Jahren in einer relativ friedlichen Welt aufgewachsen. Der Kalte Krieg war eingefroren. Es drohte keine akute Kriegsgefahr. Der Wohlstand im Land war hoch. Jobs waren zunehmend schwieriger zu bekommen (“Generation Praktikum”), aber die meisten haben den Einstieg in den Arbeitsmarkt nach ein paar Anläufen geschafft. Eine akute Bedrohung der Arbeitsplätze gerade für junge Menschen, wie künstliche Intelligenz sie heute darstellt, gab es damals nicht. Der Staat hatte viel Handlungsspielraum, weil er deutlich geringer verschuldet war und auch weniger Verpflichtungen hatte. Die Klimakrise drängte noch nicht und ließ sich ignorieren. Der demographische Wandel war noch nicht spürbar.
Zu Ende war der kalte Krieg da auch nicht, Angst vor Atomkrieg, Tschernobyl, Waldsterben, RAF, IRA, ETA und islamistischer Terror, rechte Schläger, Anschläge auf Asylbewerberheime.
AIDS.
Usw usf.
Kein AI, aber Automatiserung und Digitalisierung haben viele Branchen schon damals ordentlich umgekrempelt. Strukturwandel im Ruhrgebiet oder Saarland (vom Osten ganz zu schweigen) hat auch viele getroffen und verunsichert.
Unterschätzt mir die echten und gefühlten Krisen früherer Zeiten mal nicht. Ich sehe nicht, warum die Jugend heute es außergewöhnlich schwer haben sollte. Was nicht negieren soll, dass es viele und berechtigte Sorgen gibt.
Strukturwandel im Ruhrgebiet oder Saarland (vom Osten ganz zu schweigen) hat auch viele getroffen und verunsichert.
Ey im Norden auch, meine Heimatstadt Rendsburg ist auch ne abgewrackte Industrieruine, die sich nicht in den Tourismus retten konnte^^ Bremerhaven auch ganz extrem.
Insgesamt gebe ich dir recht, jede Zeit hat seine eigene Sorgen und Probleme, sowas wie „früher war besser/schlechter oder heute alles besonders schlimm oder supi“ ist in der Pauschalität nie richtig.
Es ist ja auch ihr gutes Recht zu demonstrieren (mit ner Demo gefälligst^^) – egal ob man das Anliegen teilt. Angesichts der Tradition des Antimilitarismus bin ich sogar erstaunt, dass es nicht größere Widerstände gibt.
Auf jeden Fall!
Ich möchte denen weder das Recht zu demonstrieren noch das Recht zur Verweigerung absprechen.
Ich glaube, man könnte das Problem der Truppenstärke einfach über eine Wiedereinführung der Wehrpflicht (inkl Zivildienst) wie sie vorher war lösen.
Da müsste bis auf weiteres auch keiner zum Bund der nicht will.
Das kann man der heutigen Jugend ebenso wie fast allen anderen vor ihnen problemlos zumuten.
„das Problem der Truppenstärke“
Ist das wirklich das Problem? Wenn die Kriegsgefahr real ist, geht es dann um Schützengräben im Baltikum (Ralf)?
Ein Beitrag im SPIEGEL sah in den Drohnenattacken, dem Ausspionieren/Zerstören von Kabeln und Versorgungsleitungen konkrete Kriegsvorbereitungen. Verbunden mit den Anfragen der AfD ist das nicht ganz abwegig. Vor dem Hintergrund des „Eurasia“-Geredes in Moskau und der offenen Drohung mit den Hyperschallraketen in Kaliningrad – hilft da Truppenstärke mit Gezogenen?
P.S. Erfüllen die Aktivitäten der AfDler nicht bereits den Tatbestand des Landesverrats?
@ CitizenK 13. Dezember 2025, 08:16
Erfüllen die Aktivitäten der AfDler nicht bereits den Tatbestand des Landesverrats?
Einige? Sicherlich.
Aber wenn man schaut, was so im Laufe der Geschichte von anbiedernden SPD-Genossen in Moskau (oder von anbiedernden Unionisten in Washington) ausgeplaudert wurde, weiß ich nicht, wie sehr das ins Gewicht fällt. In Zeiten heutiger Aufklärungsleistung geht es da vermutlich mehr um politische Einflussnahme als um das Verratenvon Geheimnissen.
Ich würde soweit nicht gehen. Also Landesverrat. Das scheint mir ein zu großes Kaliber.
Wo beginnt Landesverrat? (Noch) nicht im Krieg, aber nicht mehr im Frieden, das ist inzwischen auch offizielle Regierungs-Sicht. Putin droht offen. Drohnen, Unterseekabel, Desinformation. In dieser Lage arbeiten Politiker einer bestimmten Partei mit jener Macht zusammen und verbreiten ihre Narrative. „Gegen die Aktivisten der letzten Generation, die Klimakleber, wurde der Repressionsapparat des Staates in Windeseile hochgefahren. Warum geschieht das nicht gegen jene Kräfte, die hier Freiheit, Demokratie und die offene Gesellschaft abschaffen wollen?“ (Nils Minkmar)
Weil die Vergehen der Letzten Generation rechtsstaatlich viel klarer zu fassen sind. Und weil es da gegen Linke ging, natürlich 😉
@ CitizenK 14. Dezember 2025, 13:01
Wo beginnt Landesverrat?
Aus meiner Wahrnehmung bei Anfragen der AfD, zu welchen Zeiten, auf welchen Routen welche Versorgungszüge in die Ukraine geschickt werden (bzw.bei der Weiterleitung der entsprechenden Fakten nach Moskau).
zum P.S.: „Landesverrat“ ist ein konkret prüfbarer Straftatbestand (§94 StGB) [Ich gehe davon aus, dass Sie diesen meinen und nicht den wolkigen „Verrat am Vaterland“ der LTI ]. Die Kriterien sind: (1)Weitergabe von Staatsgeheimnissen an (2a) eine fremde Macht bzw. deren Mittelsmänner oder (2b) an unbefugte Dritte mit dem Ziel der Bundesrepublik zu schaden so dass (3) der äußeren Sicherheit der Bundesrepublik Schaden zugefügt wird.
Bei der Spionageaffäre um einen Mitarbeiter von Maximilian Krah ging es m.W. auch um Landesverrat (mit rechtskräftiger Verurteilung).
„Aber ansonsten hat die Jugend einen Punkt. Zumindest wenn man als Vergleichskohorte die Mitte der 60er Jahre bis Mitte der 80er Jahre geborenen Bürger nimmt“
Wer Mitte der 60ger geboren wurde, konnte mit diesem damals aktuellen Hit auf den Lippen zur Musterung spazieren:
Besuchen Sie Europa (solange es noch steht) https://youtu.be/yx5xhlwUxxA?si=ovJBB_LjRruW4JK8
Wer Mitte der 80ger geboren auf demselben Weg war, hatte gerade 9/11 live gesehen oder sich gefragt, ob die Ubahn in der er gerade sitzt, so wie die in Madrid oder London auch gleich hochgeht.
Vielleicht dabei im Spiegel über „Wehrpflichtige im Auslandseinsatz“ gelesen und sich gefragt, wie lange das mit der (scheinbaren?) Freiwilligkeit wohl noch hält. https://www.spiegel.de/spiegel/vorab/a-176821.html
Abgesehen davon gilt die Wehrpflicht im Ernstfall, also Angriff auf Deutschland, für alle Männer der oben genannten Kohorte, am Ende sogar die die nicht gedient haben.
Das geht in der Ungerechtigkeitdiskussion auch völlig unter.
Welchen Punkt hat „die Jugend“ als wirklich?
Unterschätzt mir die echten und gefühlten Krisen früherer Zeiten mal nicht
Tatsächlich sind die Krisen früherer Zeiten – gemeint sind die 70er, 80er und 90er Jahre – eher gefühlt als akut spürbar für die Menschen in Deutschland gewesen.
Du nennst Tschernobyl. Aber Tschernobyl hat keinen signifikanten Effekt auf das tägliche Leben in Deutschland gehabt. Ein Gefühl der Bedrohung oder der Gefahr mag sich dadurch verhärtet haben, aber es gab keine tatsächlichen Atomunfälle in Deutschland, keine Toten durch Radioaktivität. Die RAF waren 30 Terroristen gegen fast 80 Millionen Menschen. Auf das tägliche Leben hatte die Gruppe keinerlei Einfluss, außer dass man ständig an Fahndungsplakaten vorbeilief. IRA und ETA hatten hierzulande sowieso keinen Impact. An islamistischen Terror kann ich mich in der Zeit nicht erinnern. Definitiv nichts was an die Massenmorde von ISIS und Al-Qaida heranreichen würde. AIDS war ein Problem, aber es waren in Deutschland bestimmte Gruppen, insbesondere homosexuelle Männer und Drogenabhängige mit Spritzengebrauch, weit überproportional betroffen. An den jungen Menschen ist die Epidemie einigermaßen vorbeigelaufen. Und bereits ab 2000 rum gab es wirksame Medikamente. Die rechten Schläger und brennenden Asylbewerberheime waren weitestgehend ein ostdeutsches Phänomen (nein – ich habe die Anschläge in Solingen und Mölln nicht vergessen, aber die waren nicht sonderlich typisch für Westdeutschland. Und denen standen etwa die “Arsch huh, Zäng ussenander”-Veranstaltung in Köln mit 100.000 Besuchern entgegen).
Die Probleme der heutigen jungen Menschen sind hingegen sehr real, nicht nur gefühlt. Der Arbeitsmarkt kühlt sich tatsächlich ab, Firmen gehen Pleite und gerade junge Menschen werden von Unternehmen, die auf die AI-Zukunft schielen, immer weniger eingestellt. Da gehen reale Chancen verloren. Und auch die Kriegsgefahr ist sehr real. Es ist absolut möglich, dass deutsche Soldaten schon in ein paar Jahren in Schützengräben im Baltikum sterben werden. Und das wird nicht nur Berufssoldaten betreffen. Die Todeszahlen aus der Ukraine machen klar, dass ein Krieg gegen Russland enorme Zahlen an Menschen verschlingen wird. Und auch der Klimawandel ist sehr real. Und Menschen sind betroffen. Regional fallen Jobs weg – nicht nur in der Kohleindustrie, sondern zunehmend auch bei den Autoherstellern. Fliegen wird teurer und damit Reisen schwieriger. Investitionen in die Anpassung an den Klimawandel lassen das Geld für andere Prioritäten, die wichtig für junge Menschen sind, fehlen. Und wer Arbeit gefunden hat, zahlt immer höhere Beiträge und Steuern für unser kollabierendes Renten- und Gesundheitssystem. Da fehlt dann das Geld für das Eigenheim, für die private Altersvorsorge, für Vermögensaufbau. Und auch wenn ich das Gejammer über die Pandemie nicht mehr hören kann, ist trotzdem richtig, dass gerade in Deutschland, junge Menschen bildungsmäßig zurückgeworfen worden sind.
Die jungen Menschen kämpfen heute also an vielen Fronten gleichzeitig mit erdrückenden Problemen, während es den entsprechenden Alterskohorten früher relativ dufte ging. Klar – “heile Welt” ist nie gewesen. Aber es war auch nicht immer so schlimm wie heute.
@Ralf 13. Dezember 2025, 01:26
Tatsächlich sind die Krisen früherer Zeiten – gemeint sind die 70er, 80er und 90er Jahre – eher gefühlt als akut spürbar für die Menschen in Deutschland gewesen.
So wie heute. Eine Krise ist stets zu einem großen Teil, was Du draus machst.
Ich (Jahrgang 1958) wurde fast schon gewaltsam vom Gymnasium ferngehalten (nach dem Motto „kenne Deinen Platz“), und startete mit Mittlerer Reife. Von meinem Ausbildungsunternehmen wurden 7 Lehrstellen als Elektriker besetzt; es haben sich weit über 300 beworben, und im Auswahlverfahren trat ich gegen 58 andere an. Ich habe (ohne Ausbildung und Bundeswehr) in Stuttgart, Düsseldorf, München, Hamburg, München, Raum Frankfurt, Hamburg und Gütersloh insgesamt 11 unterschiedliche Jobs gehabt (wenn man meine Reaktivierung aus dem Ruhestand mitzählt, 12); das Geld lief mir nie hinterher, es war stets umgekehrt. Meine Reaktion darauf war, mich immer auf mich selbst zu verlassen, anstatt zu schauen, wie lange mich der Staat versorgt.
RAF habe ich hautnah mitbekommen; es gab viele Verkehrskontrollen, und es ist schon ein komisches Gefühl, in den Lauf einer Maschinenpistole zu schauen. Hatte ich später nochmal auf dem Weg in die DDR, als ich ein Handzeichen fehlinterpretiert hatte; hinter dem Lauf der MP stand eine 19-oder 20jährige Soldatin, und wir schlotterten beide vor Angst.
Wie harmlos AIDS für normale Menschen war, weiß man jetzt; ein Onkel zweiten Grades starb trotzdem dran.
Für die Kuba-Krise war ich zu jung, für die vielen Stellvertreter-Kriege in Asien und Afrika nicht. Und ein Jahr, nachdem ich die Bundeswehr verließ, gab es bei einem Manöver ein ziemliches Missverständnis zwischen der NATO und der Sowjetunion, das fast in einen Krieggemündet wäre (vielleicht weiß Thorsten mehr). Die Angst davor, dass Ronald Reagan auf den Knopf drückt, war in linken Kreisen überaus present (https://www.youtube.com/watch?v=TlBIa8z_Mts).
Als Tschernobyl ausbrach, war meine Frau schwanger, und wir wohnten in dem Bereich von Bayern, der von der Wolke überzogen wurde. Fenster geschlossen halten, bestimmte Nahrungsmittel nicht zu sich nehmen – das volle Programm über ein paar Monate, also auch, als das Kind schon da war.
Waldsterben und saurer Regen war sehr präsent, auch der „politische Kampf der linken Jugend“ dagegen – Slogan damals: „der Zimmermann (damaliger Innenminister) im Haus erspart die Axt“.
Ja, war vielleicht alles „nur gefühlt“ – dann aber auf die gleiche Art wie heute.
Ganz genau!
Zumal man ja noch gar nicht weiss, ob z.B. AI jetzt das große Problem für die arbeitende Bevölkerung, der Aufbruch in paradiesische Zustände oder ein Sturm im Wasserglas gewesen sein wird. Oder, wahrscheinlich, irgendwas dazwischen.
Was man allerdings eben auch sicher weiss, ist das viele messbare Indikatoren heute besser sind. Z.B
Jugendarbeitslosigkeit, ungewollte Schwangerschaft, Drogenkonsum, Gewalt in der Erziehung, Zugang zu gehobener Schulbildung und Hochschulen, Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen Frauen usw.
Es gibt natürlich sehr ernste Probleme heute. Aber die Idee, die Lage sei so schlecht im Vergleich zu früher, das Wehrdienst quasi unzumutbar geworden sei, ist Mumpitz.
Aber die Idee, die Lage sei so schlecht im Vergleich zu früher, das Wehrdienst quasi unzumutbar geworden sei, ist Mumpitz
Es geht den meisten jungen Menschen wahrscheinlich nicht um den Wehrdienst per se, sondern um die Verpflichtung auf’s Schlachtfeld gehen zu müssen, die aus dem Wehrdienst folgt. Mal ein Jahr lang einen Dienst an der Gesellschaft zu leisten, ist auch aus meiner Sicht jedem zuzumuten. Jemanden zu verpflichten sich für mich umbringen zu lassen, sich für mich von einer Granate zerfetzen zu lassen oder für mich Arme und Beine zu verlieren, ist eine gänzlich andere Nummer. Die Frage ist halt, wieviel Opferbereitschaft moralisch einklagbar ist, insbesondere von solchen, die selber nicht bereit sind an die Front zu gehen.
Wie ich bereits geschrieben habe, ist genau das aber kein Generationending.
In dem Ernstfall wo die in den Krieg müssten, müssten das alle die gedient haben bzw. wenn es richtig krass wird alle Männer unter 60, gedient oder nicht.
Warum genau sollen den davon die jetzt als 18jährigen ausgenommen werden. Wegen Corona, AI und sozialen Medien??
Von welchem Ernstfall redest Du?
Im Falle eines direkten Angriffs auf die BRD, würden – wie Du richtig sagst – alle zur Verteidigung einberufen. Das ist aber ein ziemlich unwahrscheinlicher Fall.
Viel wahrscheinlicher ist ein Szenario in baltischen Schützengräben, gemeinsam mit anderen europäischen Soldaten, in dem nach und nach – über Jahre hinweg – die Toten und Verletzten durch neue, frische Rekruten ersetzt werden müssen. Da sind dann irgendwann die Berufssoldaten ausgedünnt bzw. aufgebraucht. Und dann wird es die jetzt jungen Menschen treffen.
@Erwin Gabriel
Ich glaube, Du solltest da mehr trennen zwischen Anekdotischem, das speziell mit Deiner individuellen Biographie verbunden ist und Generellem, das die gesamte junge Generation in den vergangenen Jahrzehnten betroffen hat. Deine 11-12 Berufswechsel zum Beispiel sind für Deine Generation extrem untypisch. In den 70ern und 80ern waren Arbeitsbiographien noch völlig normal, in denen ein 16-Jähriger beim Daimler eine Ausbildung gemacht hat und im Anschluss an seine Übernahme 45 Jahre im immergleichen Betrieb gearbeitet hat. Selbst kleine Geschäfte waren unheimlich stabil. Bei mir im Viertel waren bis in die 90er, in denen sich alles änderte, Bäckereien, Metzgereien, Schreibwarenläden, Drogerien etc. Konstanten. Weder kamen merklich neue Geschäfte auf der Hauptstraße hinzu, noch verschwanden existierende Läden. Wenn doch mal einer zumachte, dann wegen des Alters des Besitzers. Als Kind wusste ich garnicht, dass Geschäfte überhaupt pleite gehen können, weil ich so etwas noch nie beobachtet hatte.
Und ja – die Zahl der Gymnasiasten war in den 60er Jahren noch geringer als heute. Allerdings konnte man damals mit einer guten Ausbildung, auch ohne Studium, noch hervorragend verdienen – was spätestens ab den 90ern nicht mehr der Fall war. Dazu gab es den zweiten Bildungsweg, den viele genutzt haben. Sowas ist heute eher Illusion: Die KI sortiert ungewöhnliche Lebensläufe bei Bewerbungen aus. Und überhaupt: Die Zahlen der Gymnasiasten stieg in den 60er, dann 70er und schließlich 80er Jahren steil an und das reflektierte sich auch in der wachsenden Studentenzahl. Mit den Studentenzahlen der 1920er Jahre, zum Beispiel, hättest keine 68er Bewegung in Deutschland gehabt.
Die RAF war, wie gesagt, sehr „overhyped“. Überhaupt erst 1970 gegründet, war die Truppe bereits 1977 mit dem Selbstmord der ersten Generation am Ende. 1978 waren die führenden Köpfe der zweiten Generation alle in Haft oder tot oder in die DDR geflohen. Ich bin erstaunt über die Verkehrskontrollen, die Du erwähnst. Die hab ich nie erlebt – vielleicht weil ich jünger bin und in den 80ern sozialisiert wurde. Wo ich Verkehrskontrollen – auch mit Maschinenpistole im Anschlag – immer wieder erlebt habe, war an den innereuropäischen Grenzen – Frankreich, Spanien, Belgien etc.. Aber das ist nun wirklich nicht traumatisch gewesen. Das war halt einfach so. Man hatte sich daran gewöhnt.
Was AIDS angeht, kenne ich persönlich null Leute, die betroffen waren. Noch nicht einmal vom Hörensagen. Als jemand, der – wie gesagt – in den 80ern aufgewachsen ist, kann ich nicht bestätigen, dass da viel über die Krankheit gesprochen worden wäre.
Mit Tschernobyl bist Du offensichtlich weit stärker betroffen gewesen als ich, wobei Du scheinbar einfach regional Pech gehabt hast. Bei uns war die einzige praktische Folge des Atomdesasters, dass vom Verzehr von Pilzen abgeraten wurde. Wir haben also ein paar Monate lang kein Jägerschnitzel gegessen.
Die Kriegsgefahr war in den 80er Jahren auch nicht mehr spürbar. Der Ost-West-Konflikt war im Status Quo eingefroren. Niemand rechnete mit einem unmittelbar bevorstehenden Konflikt. Die Möglichkeit eines Krieges war zwar abstrakt allen bewusst, wurde aber kaum konkret befürchtet. Und die Vorstellung eines Krieges war auch weniger Verdun als Weltuntergang. Wenn Du in den 80ern jemanden gefragt hättest, wie ein Krieg zwischen NATO und Warschauer Pakt aussehen würde, dann wäre die Antwort nicht ein Schlachtfeld mit Schützengräben gewesen, sondern die gegenseitige nukleare Auslöschung. Die Vorstellung war, dass wenn tatsächlich jemand „auf den roten Knopf drückt“, dann eben alle tot sein werden. Da wäre die Jugend dann auch nicht stärker betroffen gewesen als alle anderen. Heutzutage reden wir allerdings über ein völlig anderes Szenario. Heutzutage reden wir über einen russischen Einmarsch ins Baltikum – mit Drohnenkrieg und Todeszone wie gegenwärtig in der Ukraine. Und unsere jungen Menschen mittendrin.
Kurzum – die Herausforderungen im Deutschland von vor 50 Jahren hat es sicher gegeben. Aber die jungen Menschen waren nicht selektiv benachteiligt. Und von den meisten Ereignissen war die Mehrheit nicht oder kaum betroffen. Und die Wirtschaft wuchs, während Deutschland eines der reichsten Länder der Welt wurde. Das heißt, es war egal welches Problem sich stellen würde. Wir würden uns notfalls eine Lösung leisten können.
All das gilt heute nicht mehr.
@ Ralf
Du lehnst meine Erfahrungen als anekdotisch ab und gibt als Begründung anekdotische Erfahrungen an? 😉
Ja und nein.
Gibt zahlenmäßig halt wesentlich mehr Menschen als mich, die keinerlei Berührungspunkte mit der AIDS-Pandemie, dem Tschernobyl-Desaster oder eine extrem hohe Zahl an Jobwechseln hatten. Insofern sind meine Anekdoten repräsentativer als Deine.
Tatsächlich sind die Krisen früherer Zeiten – gemeint sind die 70er, 80er und 90er Jahre – eher gefühlt als akut spürbar für die Menschen in Deutschland gewesen.
Pruuust. Vom Kirchturm kommend die Sorgen der Vergangenheit deshalb für nichtig erklären, weil keines der schon damals prognostizierten Apokalypsen eingetreten ist. Kann man machen …
Sorry, die haben es gut. Zumindest die, die bei mir in der Schule rumspringen. Aber die streiken und demonstrieren auch nicht, ich bin da wahrscheinlich biased.
Ja, von den Argumenten halte ich auch wenig.
5) Arbee hat recht, ich habe einfach mal die Zahlen verglichen:
Teilnehmer 05.12.25 : 55.000
Teilnehmer 15.02.19: 30.000 (das war der erste bundesweite FfF Streiktag)
Ansonsten fällt mir bei dem Zeitvergleich auf, dass Stefan Sasse 2025 exakt so klingt wie Stefan Pietsch 2019. „Schulschwänzen muss bestraft werden“ (Das liegt vielleicht daran, dass inzwischen die Springerpresse seine Hauptquelle darstellt)
e) (Und auch 5) Passend dazu im Guardian:
https://www.theguardian.com/commentisfree/2025/nov/28/germany-war-army-national-service-citizens-ukraine-europe
i) Die positiven „Zuckerl“ zum Ausgleich stehen gleich im ersten Absatz : «Wir versetzen Schulleitungen in die Lage, Engagement, Verlässlichkeit und besondere Leistung zu honorieren und schaffen dafür nachvollziehbare Kriterien sowie geeignete Evaluationsinstrumente» Wie das rechtlich funktionieren soll, bleibt allerdings in beide Richtungen sehr wolkig.
Ich sag nicht „hart bestraft“, überhaupt nicht. Ich sag nur, dass die Schulen nicht Partei ergreifen sollen.
Ganz ehrlich, einfach krankmelden für den Tag, Problem gelöst.
Den Unterscheidungspunkt gebe ich dir gerne: Bei dir geht es nicht um eine moralisierende Bewertung mit „Lust am Strafen“ sondern um das „Regeleinhalten“ der Behörde Schule.
Ich bin mir nur nicht sicher, ob dein krankmelden wirklich eine Lösung ist. Müsste die Schule dann nicht erst recht tätig werden, wenn die Krankmeldung sich als falsch erweist (Zum Beispiel, wenn der ‚kranke‘ Schüler auf einem Demonstrationsvideo auftaucht) ?
Und gibt es im positiven keinen Spielraum ? Schule ist nicht im luftleeren Raum und Schülis können auch aus anderen Gründen freigestellt werden: kulturelle, religiöse oder sportliche Veranstaltungen, Bewerbung, familiäre Angelegenheiten etc… (übrigens auch zur Musterung). Warum sollte da demokratische Mitwirkung außen vor sein?
Aber generell gilt sowieso das gleiche, was ich schon 2019 vorgeschlagen habe: Schüler sollten die Strafe akzeptieren und sich schriftlich bescheinigen lassen. Wenn dann die nächste Generation in 20 Jahren fragt „Wieso habt ihr es so weit kommen lassen“ ist das ein Dokument dafür „im Widerstand“ gewesen zu sein.
Und gibt es im positiven keinen Spielraum ?
Gerne, aber dann bitte für und gegen alles. Wenn Schüler für eine politische Demonstration freigestellt werden, müssen sie für alle politischen Demonstrationen freigestellt werden, alles andere wäre reine Willkür. Und die Tür wollen Sie nach längerem Nachdenken nicht aufmachen, da ist Ihr Bequemlichkeitspazifismus mit Ihnen durchgegangen 🙂 .
Natürlich, ich unterscheide da nicht. ( Sie sollten ihren geistigen Bequemlichkeitsmilitarismus nicht auf andere projizieren). Aber wenn Stefan schon als Lösung „Lass dich doch einfach ‚krankschreiben‘ (zwinker)“ vorschlägt, ist mir das schlichtweg etwas unredlich, weil es so sehr an die Nummer „Mein Kind wird am letzten Schultag krank, damit wir einen früheren Urlaubsflieger nehmen können“ erinnert.
Stimmt. Zum Wesen des Zivilen Widerstands gehört es, die Konsequenzen zu tragen. Eine oder zwei Stunden „Nachsitzen“, evtl. Elterngespräch – okay.
Natürlich, ich unterscheide da nicht.
Oh, schön. Dann allerdings spricht sehr viel für „überhaupt nicht freistellen“ und sehr wenig für „für alles freistellen“.
Ich bin ja nicht gezwungen, das zu verfolgen. Sind Polizei und Staatsanwaltschaft ja auch nicht. Bzw. kann dann pädagogische Strafen verhängen.
Klar KANN man die freistellen, aber…warum stell ich die für FFF und Anti-Wehrpflicht frei? Angenommen, die demonstrieren mit der AfD gegen Ausländer, stell ich die dann auch frei?
Und wir reden hier ja wirklich eher von symbolischen Strafen, die dafür sorgen, dass die Neutralität der Institution gewahrt bleibt.
a) Wenn du die „Freiheit der Andersdenkenden“ ernst nimmst, solltest du Klimademonstranten, Militärgegner und Demonstranten gegen Flüchtlingsheime ausdrücklich und dezidiert gleich behandeln.
b) Es geht um eine ausdrückliche Kulanzlösung. Keines der von mir genannten Beispiele ist einklagbar.
c) Wie wurde es 2019 eigentlich an eurer Schule gehandhabt. Gab es da „offizielle“ Richtlinien von der Schulleitung (oder Ministerium) oder war die (Nicht-)Sanktionierung der „Schulschwänzer“ Sache der einzelnen Lehrer? (Ich weiss von einem Münchner Schulleiter, der einer Lokalzeitung gegenüber betont hatte, dass er da konsequent bestraft, und der deswegen einen Shitstorm abbekommen hatte)
a) Genau, deswegen sage ich ja auch: keinen freistellen.
b) Kulant kann ich ja sein.
c) Bei uns wollte praktisch niemand demonstrieren gehen, die Frage hat sich nie gestellt.
@ Stefan Sasse 12. Dezember 2025, 09:53
a) Genau, deswegen sage ich ja auch: keinen freistellen.
Zustimmung
a) Auch für den Grenzbereich der AfD-Jugend und für Kalifat-Anhänger bzw. Hamas-Bejubler?
Aber generell gilt sowieso das gleiche, was ich schon 2019 vorgeschlagen habe: Schüler sollten die Strafe akzeptieren und sich schriftlich bescheinigen lassen.
Sehe ich ähnlich, das Wort „Streik“ impliziert das doch auch irgendwie schon.
Ich finde das jetzt eh eine etwas merkwürdige Protestform, aber da blutet ja mein sozialdemokratisches Herz und ich möchte Stefan Sasse auffordern, dass eher zum Anlass für eine historisch-politische Stunde zum Thema Streik damals und heute herzuleiten.
Es ist noch gar nicht soooo lange her, dass ein Streik durchaus mit dem Risiko des Hungers oder Gewalt einherging.
Ein Streik, den man nur bei irgendeiner Art Freistellung antritt, ist für mich schon mal keiner. (ich war und bin aber wahrlich keine Freundin von dieser Art Protestform, hat mich schon bei Klimastreik etwas genervt, eine gute alte Demo tuts doch auch)
eben. Und im Kommentar oben ist von einer Demo am Nachmittag die Rede („In Leipzig waren es zur Demo um 17.00 Uhr etwa 2.000 Schüler“).
Was genau spricht den dagegen am Nachmittag zu demonstrieren? Oder am Wochenende?
Bei Thunberg war das ja durchaus noch sinnig mit der Streikidee, die hat das ja allein gemacht.
Zitat Ariane:
„und ich möchte Stefan Sasse auffordern, dass eher zum Anlass für eine historisch-politische Stunde zum Thema Streik damals und heute herzuleiten.“
Uii, das wird ein ziemlich komplexes Ding. Vor mehr als 3000 Jahren hat das die Gemüter offenbar auch schon erregt, wurde jedenfalls alles schön aufgeschrieben:
https://de.wikipedia.org/wiki/Streik_von_Deir_el-Medineh
Dank einer offenbar pingeligen, jedenfalls funktionierenden
– was, wie wir heutzutage wissen, nicht selbstverständlich ist –
ägyptischen Verwaltung weiß man das sogar taggenau. Umgerechnet am 4. November 1159 v.Chr. ging’s wohl los.
Und ja, indem Streiks dem Streikgegner einen Schaden zufügen sollen, leuchtet die Ratio von Schüler_innenstreiks nicht so ohne Weiteres ein^. Es wird halt nur der Begriff verwendet, sozusagen geklaut, weil der draußen im Lande mit Aufstand und Revolte assoziiert wird und sich außerdem wichtig anhört. Geschenkt, man darf auch nicht so kleinlich sein.
Zu meiner Zeit gab’s schülimäßig noch ganz andere Sachen. Zum Beispiel die berühmten Bremer „Straßenbahnunruhen“ im Januar ’68, quasi als Auftaktveranstaltung der dann weltweiten Veranstaltungen des Jahres. Und das bei den drögen Norddeutschen 🙂
https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/strassenbahnunruhen134.html
Die offenbar protestfreudige Bremer Schulszene hat im Übrigen seinerzeit der Peter Zadek in einem Spielfilm verewigt („Ich bin ein Elefant Madame“, Bundesfilmpreis in Gold)
Lange her, dagegen reden wir heute über Kindergeburtstag.
2 und 3) Hab das nur am Rande mitbekommen, aber gab es eigentlich auch Kommentare, die die Arbeitgeber fuer ihr Gelaechter kritisiert haben? Ist ja jetzt auch nicht die feine Art und zeugt auch nicht unbedingt fuer eine ausgepraegte Kompromissfaehigkeit.
f) Was ich mich bei Diskussionen ueber die Rente schon ein wenig wundert and im Anreisser fuer diesen Kommentar auch wieder vorkommt: Warum ist das ein Generationenkonflikt? Ja, wenn ich mir nur das hier and jetzt anschaue, dann bedeuten grosszuegige Renten Belastungen fuer die junge, arbeitende Bevoelkerung. Aber die werden ja zum grossen Teil auch mal Rentner und profitieren dann davon.
2/3) Nicht, dass ich wüsste.
f) Ich glaube, weil alle daran zweifeln, dass was auch immer jetzt beschlossen hat lange Bestand hat. Und das ist eine sehr sinnvolle Prämisse.
2) und 3) Es ist mal wieder einer dieser Fälle, wo Parteinahme stört, wenn man die Grundkonflikte erkennen will.
i) Fangen wir mit der genauen Aussage an, die den Eklat erzeugt hatte: „Wir finanzieren diese Haltelinie aus Steuermitteln. Sie belasten damit die Beitragszahler nicht.“ Der Punkt ist nicht, ob die Aussage formal richtig ist, sondern dass sie eine Lebenswirklichkeit ignoriert – dass dieser Beitragszahler gleichzeitig auch der Steuerzahler ist.
ii) Und das machte die Aussage eben in der Situation „lächerlich“ (unabhängig von richtig und falsch). Sie korrespondiert genau mit einem Vor(?)urteil, dass vor allem Unternehmer über Politiker haben – dass diesen nicht klar ist, dass die Staatsgelder (= Steuergelder) irgendwo herkommen müssen.
iii) Auch die Reaktion der Ministerin mit der Juso-Rede ist bezeichnend und damit angreifbar. Es bedarf wahrhaftig nicht viel Spekulation, dass es ihr mehr um die persönliche Kränkung (Die haben mich ausgelacht) ging als um Fragen von Verteilungskonflikten oder gar Klassenkampf.
iv) Denn dieses Politikbild, das „weltfremd“ und „kritikempfindlich“ kombiniert, schafft die von dir häufig kritisierte „Politikerverdrossenheit“. Dinge wie dieser (vermeidbare) Skandal nähren es.
v) irgendwie passend dazu: Auch Friedrich Merz reiht sich in die Reihe der Politikys ein, die Lawfare gegen unbotmäßige Untertanen betreiben:
https://www.focus.de/politik/deutschland/merz-stellte-hunderte-strafantraege-hausdurchsuchung-bei-behinderter-rentnerin_741479ff-959e-4983-9745-787b8c58ffdd.html
i) Ja, aber Beiträge merkst du viel direkter als die Finanzierung aus dem Haushalt.
ii) Großartig. Was du hier sagst ist effektiv doch, dass das Vorurteil mehr Gewicht hat als die Sachlage.
iii) Aber klar! Das hab ich ja angerissen: Bas ist selbst nicht wirklich klar, warum sie als kaputte Uhr aus Versehen richtig ging.
iv) Deswegen ja mein Punkt: man muss sich mal ein paar grundsätzliche Dynamiken klarmachen und Interessensgegensätze. Dann könnte man das vermeiden.
v) Ich hab es auch schon mitbekommen. Dasselbe wie Spahns Stiftungsgelder.
ii) Es geht eben gar nicht um Sachaussagen. Eine solche Rede ist auch der falsche Ort dafür. Es geht um „Lebenswirklichkeiten“ bzw Blickwinkel. Die Perspektive des Arbeitgebers ist „Steuern sind für mich Kosten, Sozialbeiträge (Personalkosten) auch. Die Unterscheidung ist Augenwischerei“ Die der Ministerin ist „Ich muss die Töpfe irgendwie austarieren, so dass beide Systeme nicht kollabieren“
vi) Was scheijtan schreibt, hat mir zu denken gegeben. Es handelt sich auch um schlechtes (respektloses) Benehmen aus der Gruppe heraus. Und hier zerfällt das übliche Narrativ von „Wir da unten, die (Politiker) da oben“ endgültig, wenn sich wohlhabende (oder reiche) Funktionäre über eine Politikerin lustig machen.
@cimourdain 11. Dezember 2025, 14:02
ii) Es geht eben gar nicht um Sachaussagen. Eine solche Rede ist auch der falsche Ort dafür. Es geht um „Lebenswirklichkeiten“ bzw Blickwinkel.
SPielt eine Rolle, kann ich zustimmen
Die der Ministerin ist „Ich muss die Töpfe irgendwie austarieren, so dass beide Systeme nicht kollabieren“
Die Referentin, die vor den Unternehmern auftrat, war nicht „Person“ (= Bärbel Bas), sondern „Funktion“ (= Bundesministerin für Arbeit und Soziales). Und eine Ministerin, die dummes Zeug erzählt, muss sich das auch mal sagen bzw. sich dann auslachen lassen. Ihre „Kampfansage“ gab sie dann in der Funktion als SPD-Vorsitzende. Bleiben wir höflich: Alles andere als angemessen, alles andere als geschickt.
Dann ist den Unternehmern etwas klar, was Frau Bas offenbar nicht klar ist: Die Sozialversicherungen werden durch versicherungsfremde Leistungen vom Staat geplündert:
• Rentenversicherung
– Berücksichtigung von Kindererziehungszeiten ohne Beitragszahlung.
– Zeiten der Ausbildung, Arbeitslosigkeit oder Krankheit, die die Rente über die reinen Beiträge hinaus erhöhen
– Leistungen für Witwen/Witwer/Waisen, die nicht auf eigenen Einzahlungen beruhen
– Leistungen für Kriegsopfer
– Renten für Aussiedler
– Höherbewertung von Renten in den neuen Bundesländern bzw. Anrechnung zu DDR-Arbeitszeiten, in denen nicht in die (bundes)deutsche Rentenversicherung eingezahlt wurde
• Krankenversicherung
– Kosten für die kostenlose Mitversicherung von Kindern oder von nicht erwerbstätigen Ehepartnern
– Krankenversicherung von Bürgergeld-Empfängern und Sozialhilfeempfängern
– Mutterschaftsgeld und Schwangerschaftsleistungen
– Medizinische Vorsorgeleistungen und Kuren
• Arbeitslosenversicherung
– Aus der Arbeitslosenversicherung bezahlte staatliche Maßnahmen zur Abfederung der Arbeitslosigkeit
Verstehe mich hier bitte nicht falsch: Es geht nicht darum, diese Leistungen ersatzlos zu streichen. Es sind nur Leistungen, die der Staat direkt erbringen müsste, statt sie nur den beitragszahlern aufs Auge zu drücken.
Aber ein jeder Unternehmer kennt das, und wenn die Bundesministerin für Arbeit und Soziales so tut, als würden Staat und Sozialversicherungen unabhängig voneinander agieren, ist das schlichtweg albern. Dasist genauso lächerlich wie der Fakt, dass die Agentur für Arbeit mehr Mitarbeiter hat, als sie pro Jahr Arbeitslose vermittelt.
Ja, Frau Bas hat in ihrem Amt als Bundesministerin eine Situation vorgefunden, mit der sie umgehen muss; sie muss in der Tat austarieren. Aber sie sollte deshalb nicht versuchen, Unternehmern Märchen zu erzählen – bzw. sollte sich andernfalls dann das Gelächter anhören, wenn sie es doch tut, statt politische Kampfaufrufe zu starten.
„dass dieser Beitragszahler gleichzeitig auch der Steuerzahler ist.“
Lese ich häufig, stimmt trotzdem nicht. Steuern zahlen ja auch Bürger, die weder Arbeitnehmer noch Arbeitgeber sind. Oder sollten es jedenfalls. Auch die Sätze unterscheiden sich, und da ist auch noch die Beitragsbemessungsgrenze.
Fluch der griffigen Formulierung. Korrekt wäre „dass dieser Beitragszahler auch EINER der Steuerzahler ist.“
Der Punkt ist nicht, ob die Aussage formal richtig ist, sondern dass sie eine Lebenswirklichkeit ignoriert – dass dieser Beitragszahler gleichzeitig auch der Steuerzahler ist.
Völlig korrekt. Genau das macht die Medien-Kritik am Auslachen – was btw schlechtes Benehmen war – so wenig nachvollziehbar, denn sie bezog sich meistens auf die wenigen Steuerzahler, die nicht gleichzeitig Beitragszahler sind. Der Buchhalter, der auf einen einen Kollegen antwortete, der von „rund 3 Millionen“ gesprochen hatte, „Nein, es sind nicht 3 Millionen, sondern genau 2 Millionen neunhundertachtzigtausendreihundert und vierunddreissig sorgte übrigens im Meetingraum in meiner beruflichen Vergangenheit auch für schallendes Gelächter – exakt analoger Sachverhalt.
Gruss,
Thorsten Haupts
zu k)
Tatsächlich ein Erfolg? Ich würde ja zu gerne mal die Daten im Zusammenhang sehen – wo genau sank die Abgasbelastung, wer profitiert davon und wer zahlte dafür, indem er vom Auto in überfüllte und gefährliche U-Bahnen umsteigen musste oder sein Geschäft wegen ausbleibender LKW nicht mehr belifert werden konnte. DANN unterhalten wir uns darüber, ob das ein Erfolg war, ja?
Gruss,
Thorsten Haupts
Zu 1) Eine vernünftige Kritik setzt an konkreten Problemen an und geht analytisch an die Sache.
Jo. Wenn ich in Organisationen diesen Satz höre, kann ich mit einer Sicherheitsquote von 95% darauf wetten, dass nichts geschehen wird … Es gibt für jede Vorsachrift immer einen Grund, also ist die Suche danach weitgehend sinnlos. Die einzig entscheidende Frage ist, ob die Minderung eines Problems durch diese Vorschrift ihren Preis wert war. Und das ist Politik, nicht Erbsenzählen. Vollkommen sinnlose Vorschriften existieren nur in extremen Ausnahmefällen.
Gruss,
Thorsten Haupts
Das ist nicht mein Punkt. Man muss halt den Grund dann gegen die Kosten-Nutzen-Rechnung stellen. Es ist nur vermessen und schlecht so zu tun, als könnte man ohne sich drum zu kümmern mit der Kettensäge durch.
Es gibt Landschaften, die SOOO verwachsen und verknäult sind, dass man nur noch mit einer Kettensäge weiterkommt, sonst halt gar nicht. Alle westlichen Demokratien Europas fallen in diese Kategorie, Deutschland ist damit (zum Trost) wenigstens nicht alleine.
Zu 4) Trump und MAGA operieren in einem beständigen Kulturkampfmodus …
MAGA wahrscheinlich, Trump dagegen operiert überhaupt nur in einem Modus: „Was nützt mir, meiner Familie und meiner Entourage“.
i )
Ach, ja, wieder mal ne Paraphrase zum beliebten Schröder, Gerhard. Das war übrigens (90er Jahre) in einem Interview mit einer Schülerzeitung (auf die Idee Schüler*innenzeitung ist damals noch keine_r gekommen) und noch als MP von Niedersachsen, also in dieser Eigenschaft tatsächlich für die Schulen sozusagen zuständig, und es hieß: „Ihr wisst doch ganz genau, was das für faule Säcke sind“
Technisch gesprochen war die Schröderei sicher handwerklich besser gemacht im Sinne von auf den Putz hauen und anbiedern (wurde immerhin historisch nicht einfach vergessen^) als lauwarmes Gelaber der Unionschristen in einem so genannten Wahlprogramm, das – mit Recht – eh keine Sau zur Kenntnis nimmt. Das Aufsehen dürfte gering sein und Strafanzeigen wegen Beleidigung und Volksverhetzung (beides gab es damals beim Schröder als zusätzlichen Interessantmacher, wenngleich juristisch erfolglos) sind auch nicht zu erwarten.
Früher war mehr Populismus, jedenfalls mal in dieser Sache nicht weniger^. Irgendwas (meistens nichts Gutes) mit Lehrern/Lehrerinnen ist halt ein Dauerbrenner, kein Wunder, jede_r hat da so seine/ihre Erfahrungen.
Jo, das ist billigster gemeinsamer Nenner.
zu 1) “Bürokratie”
Jede Kritik, die zu pauschal wird – etwa einfach nur „Bürokratie“ zu verdammen -, wird wertlos und führt entweder zu Paralyse […] oder zu extrem undurchdachten und zerstörerischen Maßnahmen
Im Grunde hast Du völlig recht. Aber in der Realität ist eine schrittweise Reform des Landes mit gut begründeten, rationalen Einschnitten unmöglich. Das Land ist verklebt und verkleistert in multiplen Schichten von Gesetzen, Regulierungen und Auflagen. Wir sind handlungsunfähig. Und in unserem Medienumfeld ist selektiver Bürokratieabbau praktisch ausgeschlossen, weil bei jeder auch noch so kleinen Maßnahme Widerspruch, Streit und Konflikt sofort dramatisch angefacht und amplifiziert werden.
In einem Land, das unfähig ist zu lernen, unfähig ist sich zu verbessern, ist möglicherweise die Kettensäge tatsächlich der einzige gangbare Weg, der noch irgendeine Form von Erfolg verspricht. Und ja – sicher zu hohen gesellschaftlichen Kosten. Aber das ist vielleicht der Preis für jahrzehntelanges gesellschaftliches Versagen.
1) Die unterschätzte Kraft der Bürokratie
@Stefan Sasse
Jede bürokratische Regelung hat einen Anlass; nicht immer einen Grund, und noch weniger einen guten Grund. Für die meisten Vorschriften gibt es gute, sinnvolle Intentionen, von der nach Abstimmungsrunden und Vermittlungsausschüssen oft nur wenig überbleibt.
Das Problem der aktuellen Situation ist nicht die Bürokratie selbst, sondern dass große Regeln und gute Ansätze immer weiter „verfeinert“ werden und irgendwann diese ganzen gesetzlichen Nachkommastellen wichtiger werden als das gut gemeinte, sinnvolle Vorzeichen.
Solange sich die Parteien über diese Nachkommastellen zanken, statt sich auf die ursprüngliche Intention zu besinnen, ist unsere Form der Bürokratie schädlich.
Genau, aber das ist ja mein Punkt: man muss schauen, ob der Grund ein guter war oder nicht.
Das reicht nicht. Trittschallschutz beim Bauen ist ein guter Grund. Wenn die Decken dann aber dicker als z. B. in Holland sein müssen und damit die Wohnungen teuerer werden, muss man abwägen. Damit stehen wir ganz am Anfang.
Anderes Beispiel: Ausbildungsförderung, sicher ein „guter“ Grund. Digitalisierung scheitert in BW, obwohl es ein funktionierendes Modell gibt (Karlruhe). Grünschwarz setzt es nicht landesweit um – angeblich aus Kostengründen. Die Kosten für die Leute in den Studierendenwerken werden nicht gesehen und schon gar nicht die der Studierenden, die in BWmit am längsten auf das Geld warten. Es ist die Umsetzung, nicht der Grund.
Ja, aber das meine ich ja. Diese Abwägung findet nicht statt.
2) Bas attackiert Arbeitgeber – und stößt auf Gegenkritik
@ Stefan Sasse
So theoretisch klug und abwägend, so fern der Praxis. Ja, die Arbeitnehmer haben andere Interessen als die Arbeitnehmer (gähn).
Was ein jeder Unternehmer und jeder überdurchschnittlich verdienende Arbeitnehmer weiß, ist, dass nie der Staat die Zeche zahlt. Der Staat produziert nichts, erwirtschaftet nichts, und ALLES, was der Staat ausgibt, müssen Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Selbstständige früher oder später erwirtschaften – da geht kein Weg dran vorbei.
So gesehen war Bas‘ Aussage schlichtweg naiv; jeder Arbeitgeber weiß, dass sich der Staat, was er jetzt so großzügig verteilt, später wieder holt.
Ein anderer Punkt ist, dass der Staat im Laufe der letzten Jahrzehnte die Sozialausgaben hochgefahren hat – maßgeblich getrieben durch die SPD (nicht besonders klug oder sinnvoll, weil offenbar jeder glaubt, dass es immer noch zu wenig ist – es kommt offenbar nicht bei den wirklich Bedürftigen an, und die oft nicht wirklich Bedürftigen gewöhnen sich an die Staatsspenden).
Derzeit verliert die Deutsche Wirtschaft Zehntausende von Arbeitsplätzen. Viele Unternehmen kämpfen ums Überleben, pro Jahr gehen im niedrigen fünfstelligen Bereich kleine und größere Unternehmen Pleite, während neben vergleichsweise üppiger Bürokratie, vergleichsweise hohen Steuerlasten und vergleichsweise niedrigen Jahresarbeitszeiten Länder wie die USA oder China uns über staatliche Aktionen ausbremsen.
Wenn in solch einer Situation das Problem von Frau Bas ist, dass sie auf eine dümmliche Ansage eine dümmliche Reaktion bekommt, gehört die nicht auf solchen Posten.
Wie ich zum „Marsch durch die Institutionen“ schrieb, kann ich die Moderierung von links nicht sehen. Es gibt immer noch kein Verständnis für Wirtschaft, und es geht immer noch ums Wegnehmen, einfach, weil es was zu holen gibt (oder selbiges vermutet wird). Traurig …
Weiss noch nicht mal, ob das wirklich „links“ ist, Erwin. So traurig das im Grunde genommen ist – es scheint mir eine menschliche Grundkonstante zu sein.
1) Da rennst du bei mir ja offene Türen ein. Die „Debatte“ startet und endet einfach mit „alles scheiße, kann alles weg“ und mit dem Mindset funktioniert eine praktische Umsetzung nicht.
Wenn man die Fragen umdreht, sind auch alle wieder dafür!
Sowas wie „sollte der Staat verpflichtet sein, seine Ausgaben transparent zu rechtfertigen und dokumentieren?“ -> sagt jeder „unbedingt!“
Schon hat man ne neue Ebene, weil 3 Mio für Wissenschaftsprojekt X nicht reicht, da kann keine Rechnungsprüfung was mit anfangen.
Da muss schon irgendwo stehen, was da passiert und wofür die drei Millionen sind. Und die Info ist auch wichtig, wenn mal jemand gucken will, ob diese Ausgabe streichbar ist oder da gerade zb das Energieproblem gelöst wird und die sollten lieber 300 Mio bekommen.
130 Hygienevorschriften und Leute, die die Einhaltung kontrollieren, sind auch nur solange der letzte Rotz, (und Antikorruptionsvorschriften, um Schmu zu vermeiden), bis man mal sowas wie den BSE-Skandal hat und auffällt, dass Lebensmittelsicherheit ganz cool ist.
Ich würde da nicht jemand Externen ransetzen für den Bürokratieabbau per Kettensäge. Nur nach Unterschrift, dass der bitte die Verantwortung trägt, falls morgen 54 Leute draufgehen, weil §157 doch krass wichtig ist.
Das zeigt ja schon das Umsetzungsproblem und dass es nicht so klug ist, einfach ne DOGE-Behörde da ranzusetzen.
Da gehts nämlich auch oft um „Haftungsfragen“ und dann schreibt man lieber 10 neue Vorschriften auf, bevor man in Knast geht, weil da 37 Mio für Partymachen rausgehauen worden sind oder ne Brücke einstürzt, weil TÜV-Prüfungen dem Bürokratieabbau erlegen sind.
Ernsthafter Bürokratieabbau ist aufwendig und in sich wieder bürokratisch und total unverkäuflich, weil das sowas bedeutet, wie jährliche Expertenkommissionen zur Überprüfung der Bürokratie in Bereich X.
Ich habe das Gefühl, da ist auch wieder diese verbreitete Lust am großen Knall dabei.
2) Wir haben einfach kollektiv in diesem Einheitsbrei des Reformkonsens nach 1998 vergessen, dass Interessengegensätze existieren und in der politischen Arena ausgefochten werden müssen.
Total. Der größte Witz ist doch, dass die Kritik vornehmlich aus der Ecke kommt, die alle drei Tage darüber lamentiert, die SPD müsste sich wieder auf ihren Ursprung als Arbeiterpartei konzentrieren. Ist dann auch wieder nicht recht.
Es ist schon eher ein bedenkliches Zeichen, dass das irgendeine Art von News ist – die auch noch Überraschung oder gar Empörung/Kritik auslöst.
Wir haben das in den Podcasts schon manchmal angerissen, ich bin auch kein Freund davon, dass Arbeitgeber, die Wirtschaft, Konzerne – oder wie man es bezeichnet – aus diesem Komplex aus gemeinsamer Verantwortung gerne mal komplett rausfallen.
Deutschland vor dem Untergang wegen Wirtschaftskrise (Staat ist schuld!) und alle müssen den Gürtel enger schnallen, weil die Leute (vornehmlich Arbeitnehmer) faul und gierig sind.
Vollkommen ok, wenn das die Arbeitgeberlobby auf ihrem Kongress so darstellt, das macht es aber nicht zur allgemeinen Wahrheit, die man bitte nicht anzweifeln darf.
Die Frage, welche Verantwortung die Arbeitgeber sowohl an Problemen als auch den Lösungsansätzen spielen, ist absolut berechtigt.
Eigenes Fundstück dazu, weil es auch gut zum Nörgeljournalismus/Wirtschaft passt:
https://www.spiegel.de/wirtschaft/wirtschaft-kritisiert-bundesregierung-die-masslosigkeit-der-bosse-meinung-a-59f4af0b-1ab7-42d3-b4ba-5dee990515b8
Die Frage, welche Verantwortung die Arbeitgeber sowohl an Problemen als auch den Lösungsansätzen spielen, ist absolut berechtigt.
Oh, absolut notwendig! Ändert nur überhaupt nichts daran, dass die Politik jetzt seit Jahrzehnten langsam, aber beständig, an 2 „Projekten“ arbeitet:
1) Verschlechterung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen
und
2) Langsames Verdrängen insbesondere kleinerer Betriebe aus dem deutschen Markt, weil diese unter Dokumentations- und technischen Vorgaben überproportional mehr leiden, als grosse Konzerne
Gruss,
Thorsten Haupts
Einfach nur ja.
l) Der rechte Kandidat José Antonio Kast hat gestern die präsidiale Stichwahl in Chile mit 58 zu 42% gewonnen. In allen Regionen. Am knappsten war es noch in der Hauptstadt Region und in der benachbarten Region Valparaiso (53 zu 47%). In diesen Regionen lebt die Hälfte der Bevölkerung. Der Sieg war im landwirtschaftlichen Süden deutlicher als im Bergbau-Norden.
Gewinner-Themen waren die Immigration (über 1 Mio von 19 Mio Einwohner) und die steigende Kriminalität, v.a. auch dank der Etablierung von Verbrecher-Syndikaten aus Venezuela. Ich bin gespannt, wie Kast nun sein Versprechen, die geschätzt 300 Tsd Illegalen in wenigen Wochen aus dem Land zu werfen, umsetzen will. In der deutschen Presse fehlt nie der Hinweis auf den Nazi-Vater. Ich finde das überbewertet.
Seit 2010 enttäuschen sich gegenseitig abwechselnde rechte und linke Regierungen. José Antonio Kast hat in jedem Fall verbindlichere Umgangsformen als Trump oder Milei.
Die linken Vorgängerregierung fuhr eine sehr stabilitätsorientierte Wirtschaftspolitik unter dem Finanzminister Mario Marcel. Die reinen Wachstumsraten der letzten beiden Jahre war mit 2,5% besser als erwartet.
Die Zeit der linken Aufstände 2019 und der sehr linken verfassungsgebenden Versammlung hatte sich unter Boric schnell totgelaufen. Ich habe meine Zweifel, ob sich der Rechtsruck nun wirklich konsolidisieren kann.
Für die Region wird oft vergessen, dass Lula da Silvas Umfragewerte recht gut sind (Wahlen 2026), Kolumbien die erste linke Regierung seiner Geschichte hat, in Mexiko die linke Regierung wiedergewählt wurde und Uruguay nach 8 Jahren Pause wieder mitte-links regiert wird. Kast wird sich sicher gut mit Trump verstehen, aber mit Milei nicht unbedingt.
Die Chancen für die nächsten Jahre stehen nicht so schlecht. Der Kupferpreis treibt mir Tränen der Rührung in die Augen. Ansonsten hängt die Entwicklung der nächsten Jahre stark an den Regenerativen Energien. Inzwischen wird 70% der Energieversorgung regenerativ erzeugt. Große Batterie-Speicher-Projekte und intelligenterer Netze versprechen hier Luft nach oben und inzwischen wird gebaut. Kernkraftwerke machen also nicht nur angesichts eines 8,5 Richter oder größer Erdbeben in Chile einfach keinen Sinn.
Im Süden gibt es riesige internationale Projekte rund um grünen Wasserstoff. Daneben auch große Meerwasserentsalzungsprojekte im Norden, was oft nicht beachtet wird. All das wird ermöglicht durch die weltbesten Bedingungen für Windkraft und Solarenergie. Hier eine sympatische Übersicht über die 50 wichtigsten Großprojekte in Chile mit einem zusätzlichen Englischen Audiotrack. https://www.youtube.com/watch?v=V1BGOqgkwRw .
Ich kenne das Land seit 1997 und so viel gabs nie. Man beachte auch die vielen Radwege. Deutschlands kompromisslosester Fernradler-Influencer äußerte sich sehr positiv über die Radwege-Infrastruktur in Santiago de Chile und weiteren Städten (https://www.youtube.com/@thegreathans_). So viel auch zu den vielen Klagen von Radwegen in Peru.
„Szenario in baltischen Schützengräben“
Alternativ oder zusätzlich das Szenario, das der dänische Geheimdienst sieht: Angriff im Ostseeraum.
https://www.merkur.de/politik/daenischer-geheimdienst-alarmiert-russland-trifft-vorbereitungen-fuer-nato-angriff-zr-94077947.html
Die Dänen sind nicht für Übertreibungen bekannt. Die Anzeichen sind da: Spionageschiffe, U-Boote, Drohnen, Kabelortung und -zerstörung. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich eine Form der Erpressung vorzustellen mit dem Ziel, die Unterstützung der Ukraine einzustellen.