Verführung ist nicht Hypnose

In der letzten Zeit hatte ich in meinem privaten Umfeld ohne Bezug zu aktuellen Ereignissen immer wieder eine Debatte zu einem Thema, das mich seither nicht mehr loslässt. Konkret geht es um die Frage der „Verführung“ besonders der Jugend im Dritten Reich. Wer 1933 um die 5-10 Jahre alt war, kann man dem tatsächlich einen Vorwurf machen, wenn er 1945 mit fanatischer Begeisterung in den Endkampf zieht und dazwischen ebenso begeistert in der Hitlerjugend mitgemacht hat? Viele Narrative sagen „nein“ – von Filmen wie „Napola“ zu Büchern wie „Die Welle“. Die Grundidee ist immer dieselbe: die massive Propaganda, gepaart mit der attraktiven Mitgliedschaft in Organisationen wie der HJ, habe die Leute verführt – sie konnten sich praktisch gar nicht mehr eine eigene Meinung bilden, konnten nicht klar sagen, ob das was sie taten „richtig“ war oder nicht, weil ihre Maßstäbe für „richtig“ von den Nazis hemmungslos verschoben worden waren. Ich habe ziemliche Probleme mit dieser Story.

Das liegt nicht daran, dass sie haltlos wäre. Die Nazis setzten alles andere, diese Geschichte wahr zu machen. Massenorganisationen sollten die Kinder bereits im Alter von zehn Jahren dem Einfluss des Elternhauses weitgehend entziehen. Das find an mit den Pimpfen und Jungmädeln, ging über die Hitlerjugend und den Bund Deutscher Mädel, denen sich der Reichsarbeitsdienst und, bei Männern, die Wehrmacht anschlossen. Mit 22 Jahren wurden dann, so war zumindest die Zielvorstellung, im Geist des Nationalsozialismus erzogene und durch körperliche Arbeit gestählte Erwachsene ins Land entlassen, die genügsam ihrer Arbeit nachgehen und Kinder zeugen würden, die den gleichen Zyklus durchlaufen. Auf der Arbeit und im Haushalt würden Pflichtversanstaltungen der deutschen Arbeitsfront und der „Kraft durch Freude“-Programme dafür sorgen, dass das Erreichte abgesichert war. Der niedrige Lebensstandard und die mangelnden Freizeitgestaltungsmöglichkeiten spielten den Nazis dabei in die Hände.

Und in vielen Fällen lief das sicherlich auch so ab. Aber wir müssen uns klar machen, dass der oben beschriebene Ablauf die Idealvorstellung führender Nazis war und die Wirklichkeit sich nicht so leicht von oben planen lässt, wie die Faschisten sich das vorgestellt haben (ähnlich sah es übrigens auch in Spanien und Italien aus, die ähnliche Jugendorganisationen, etwa die italienischen „Jungen Faschisten“, unterhielten, wenngleich nie mit dem Organisationsgrad der deutschen Pendants). Die Herausforderung für Reichsjugendführer Baldur von Schirach war hoch.

Zum Zeitpunkt der Machtergreifung hatte die Hitlerjugend rund 100.000 Mitglieder. Das war eine beachtliche Zahl, aber ein Vogelschiss im Vergleich zu den Mitgliederzahlen, die etwa die kirchliche Jugendarbeit aufweisen konnte. Die Nazis nutzten deswegen noch 1933 den groben Klotz der Gleichschaltung und besetzten sämtliche Jugendorganisationen mit dem Ziel, sei in die HJ einzugliedern. Das ging daneben: statt sich unterzuordnen, lösten sich die meisten Organisationen selbst auf, so dass die Mitgliederzahlen in der HJ bis 1935 eher bescheiden blieben, bedenkt man den gigantischen Propagandaufwand, den der totalitäre Staat dahinter warf.

1936 wurde die HJ deswegen für alle deutschen Jugendlichen verbindlich gemacht. Die Mitgliederzahl stieg dadurch bis 1939 auf rund sieben Millionen Jugendliche an. Trotzdem war es einer nicht unbedeutenden Menge von Jugendlichen möglich, sich der Organisation zu entziehen. Auch für die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen, die sich der Organisation mal mehr, mal weniger freiwillig anschlossen, muss bedacht werden, dass die Motive sehr unterschiedlich waren. Die Nazis waren, bei aller Meisterschaft über die Propaganda, überraschend pragmatisch und rational bei ihrer Einschätzung ihrer Wirkkraft. Goebbels etwa war immer klar, die eigentlichen Propagandastreifen wie „Jud Süß“, den seine gleichgeschalteten Filmwerke produzierten, kein großes Publikum fanden, weswegen 9 von 10 in der NS-Zeit produzierte Filme auch irgendwelche leichte Kost waren – Komödien und Liebesfilme, überwiegend, bildeten den Kern des Programms der Lichtspielhäuser und besaßen wesentlich größere Anziehungskraft.

Ähnlich sah es auch in der HJ aus. Aus reiner ideologischer Überzeugung waren die wenigsten dort, und wirklich bekehrt wurden die meisten dort auch nicht, schon allein, weil die NS-Ideologie ein so inkohärentes Gemisch war (aber das ist ein Thema für ein ander mal). Stattdessen erkannten die führenden Nazis andere Mechanismen als wesentlich zugkräftiger. Die HJ setzte neben ihrem ideologischen Anspruch auf drei Säulen, von denen keine etwas mit dem Nationalsozialismus per se zu tun hatte und die alle von ähnlichen Organisationen wie etwa der Freien Deutschen Jugend in der DDR ebenfalls genutzt wurden.

Säule 1 war der Gruppendruck – wenn alle deine Freunde in der HJ sind und an den vorgeschriebenen Aktivitäten teilnehmen, musst du das auch, wenn du nicht ausgeschlossen sein willst. Säule 2 war der Aspekt des Sports und des Abenteuers: mit Zeltlagern, Sportevents und Ähnlichem bot die HJ klassische Jugendaktivitäten in einem epischen Rahmen, was für die Mehrheit der Jugendlichen eine natürliche Attraktivität aufwies. Und Säule 3 war die Rebellion gegen das eigene Elternhaus. Die HJ hatte den expliziten Auftrag, die Jugendlichen ihrem Elternhaus zu entfremden und bot sich dann als verbliebener Anker an. Man sollte diesen Effekt nicht unterschätzen. Viele Eltern, besonders solche aus kirchlichen oder sozialdemokratischen Milieus, verabscheuten die HJ und wofür sie stand. Die in Jugendlichen typische Rebellion gegen das Elternhaus wurde so von der HJ kanalisiert und genutzt. Daraus erwuchs aber keine große ideologische Überzeugung, weswegen sich 1945 auch keine Generation von jungen Fanatikern fand, die eine „Operation Werwolf“ mit Partisanenkampf gegen die alliierten Besatzer durchführen wollte, sondern eine Generation, die reumütig oder still durch die Trümmer ins Elternhaus zurückschlich.

Warum erkläre ich das alles in epischer Breite? Ich möchte zeigen, dass es keinerlei Automatismus gab, der Menschen in den 1930er Jahren dazu gezwungen hätte, sich der NS-Linie zu unterwerfen. Die Verführungskraft des Nationalsozialismus war unbestritten vorhanden, aber deutlich geringer, als es in der Rückschau manchmal den Anschein hat. Viel größeren Einfluss hatten Faktoren wie der Gruppendruck. Wenn HJ benutzt wurde, um auf offener Straße Juden verächtlich zu machen und Steine auf sie zu werfen, wie das immer wieder inszeniert wurde, so nehmen viele Jugendliche daran aus dem gleichen Grund teil, aus dem sie heute passiv oder aktiv an Mobbing teilnehmen: weil sie das Risiko scheuen, sich gegen die Mehrheit zu positionieren und selbst zu Ausgestoßenen zu werden. Das ist menschlich verständlich, aber es ist nicht die natürliche Reaktion auf die magische Verführungskraft der NS-Propaganda.

Aus dieser Erkenntnis erwächst die Feststellung, dass es durchaus Individuen gab, die sich widersetzten. Die nicht Mitglied in der HJ wurden, die sich nicht an solchen Exzessen beteiligten, sie sich vielleicht sogar aktiv gegen das Regime stellten und es von Anfang an oder mit wachsendem Erleben als das erkannten, was es war. Sie waren keine Mehrheit, und sie waren nicht einmal eine bedeutende Minderheit. Das ist bedauerlich, aber wir sollten uns sie als Beispiel nehmen anstatt die Mehrheit der Mitläufer zu entschuldigen. Denn all die beschriebenen Mechanismen ließen sich offensichtlich erkennen und widersetzen, wenn man die notwendige Charakterstärke aufbrachte.

Wenn wir Menschen wie Sebastian Haffner, der von Anfang an das Wesen des Nationalsozialismus erkannte und das Land dann später verließ, Willy Brandt, der die Nazis aktiv bekämpfte und 1933 ins Exil floh, die Geschwister Scholl, die auch in jungen Jahren die Verführung durchschauten, Georg Elser, der als einfacher Schreiner die Natur von Hitlers Kriegsgerede erkannte und ihn zu beseitigen trachtete oder Dietrich Bonhoeffer, der bis zu seinem Tod ungeachtet des Risikos mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gegen das Regime kämpfte, nicht den Rang geben, der ihnen zusteht, sondern stattdessen pauschal alle anderen wegen „Verführtheit“ von persönlicher Verantwortung freisprechen, begeben wir uns in gefährliches Fahrwasser.

Die Rede von der großen Verführung war 1945 eine willkommene, mit der sich die Deutschen von der Verantwortung reinwaschen konnten. Durch die misslungene Entnazifizierung der Westalliierten häufig amtlich als „Mitläufer“ oder gar „unbelastet“ eingestuft, konnten die konservativen Politiker der Nachkriegszeit erfolgreich die Deutschen von den Nazis trennen. Es dauerte bis in die 1980er Jahre, bevor sich die Erkenntnis, dass sich die Deutschen insgesamt schuldig gemacht hatten, langsam durchsetzen würde, und bis heute ist es ein ständiger Kampf, der immer wieder aufs Neue ausgefochten werden muss. So verständlich es in der überwältigenden Mehrzahl der Fälle war, dass die Menschen mit dem Strom schwammen und nicht gegen das Regime Stellung bezogen, so war es doch nichts, was ihnen von außen aufoktroyiert worden wäre. Es war eine Entscheidung gegen den Widerstand, und an Entscheidungen werden Menschen gemessen.

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  • CitizenK 9. Juni 2018, 09:24

    „die Geschwister Scholl, die auch in jungen Jahren nie der Verführung unterlagen“

    Das stimmt so nicht. Am Anfang waren sie – zum Unmut ihrer Eltern – durchaus begeistert. Heimat und Naturliebe war es vor allem. Das Umdenken bei Hans Scholl begann durch den Parteitag in Nürnberg, zu dem er noch „gläubig“ hingefahren war.

    Um heutigen Jugendlichen die Wirkung der Nazi-„Angebote“ halbwegs zu erklären, müssen unbedingt die damals fehlenden Freizeit-, Unterhaltungs- und Reise-Möglichkeiten zu Bewusstsein gebracht werden. Noch meine Eltern, (nicht-aktive) Nazi-Gegner, erzählten noch lange von den KdF-Reisen. Obwohl sie früh durch einen Freund (KPD-Mitglied) über Konzentrationslager gewusst hatten. Die Rafinesse der NS-Propaganda wirkte noch lange nach. Und noch in den 50er und frühen 60er Jahren konnten Jugendgruppen mit Geländespielen, Schnitzeljagden und Lagerfeuern punkten.

    Aus heutiger Sicht ist vieles nicht mehr nachvollziehbar. Wir dürfen uns das nicht zu leicht machen.

    • Stefan Sasse 9. Juni 2018, 11:09

      Wenn der Eindruck entstanden ist tut mir das Leid. Ich möchte nur nicht, dass wir es uns zu einfach machen und die Verführung – die unzweifelhaft bestand – zum unwiderstehlichen Aphrodisaikum erklären. Ich baue deine Ergänzungen in den Artikel ein.

      • Wolf-Dieter Busch 9. Juni 2018, 21:19

        Aphrodisiakum. Ich versuche, das auf meine Jugend abzubilden: Sorry, geht nicht. (Meine eigene Jugend war nicht nationalsozialistisch geprägt, sondern politisch neutral, aber einige Elemente passen.)

        Die Kinder in HJ und BdM bekamen ein Koordinatensystem für das Leben vorgesetzt, mit dem sie genau das taten wie zu erwarten: sie orientierten sich. In den ersten Jahren, also ʼ33-ʼ39, gab es auch international kein Regulativ. Hitler hatte gute Presse.

        Ich versuche zu verstehen, worauf du hinaus willst, aber klappt nicht. Die Kids hatten keine Chance für andere Weltsicht. Die Kids waren tutto completto schuldlos.

        • Stefan Sasse 10. Juni 2018, 07:39

          Sie hatten eine kleine Chance, aber nicht keine. Es gab ja offensichtlich welche, die sich widersetzten. Das ist mein Punkt: man würdigt die ein bisschen herab, wenn man annimmt, dass es keine Chance gab.

          • CitizenK 10. Juni 2018, 08:48

            Ja, wenn man damit nicht den Vorwurf verbindet, nicht so mutig gewesen zu sein, die Jugendlichen haben ihren Mut bzw. ihr Unangepasstsein mit dem Leben bezahlt. Sie heute als Vorbild herauszustellen hat etwas von Gratismut, finde ich.

            Trotzdem möchte ich Dir den Film „Die weiße Rose“ (von Michael Verhoeven) für den Unterricht empfehlen, weil er die Mechanismen der totalen Diktatur aufzeigt, z.B. wie schwierig und gefährlich es war, an Papier oder Briefmarken zu kommen.
            (Vielleicht nicht in ganzer Länge, für heutige Jugendliche wohl zu langsam geschnitten).

            • Stefan Sasse 10. Juni 2018, 18:41

              Einen Vorwurf mache ich nicht. Ich hätte mich damals sicher nicht anders verhalten. Aber: zu sagen, es sei unmöglich gewesen, sich der Verführung zu entziehen, finde ich auch falsch.

  • Stephan 9. Juni 2018, 13:08

    Ich kann zu dem Thema wirklich nur den Roman „Edelweißpiraten“ empfehlen. Man kann in Köln auch die Gestapo-Zentrale besuchen und im Keller die Grafitti der eingesperrten Jugendlichen besichtigen.

    • Stefan Sasse 9. Juni 2018, 17:27

      Der war letztes Jahr das Abschlussthema in der Realschule. Meine Kollegin war nicht so begeistert, aber von daher hab ich leicht Zugriff. Ich schau es mal an, ist vielleicht auch was für den Unterricht. Danke für den Tipp!

  • Rauschi 11. Juni 2018, 08:41

    Das ist bedauerlich, aber wir sollten uns sie als Beispiel nehmen anstatt die Mehrheit der Mitläufer zu entschuldigen. Denn all die beschriebenen Mechanismen ließen sich offensichtlich erkennen und widersetzen, wenn man die notwendige Charakterstärke aufbrachte.
    Dem muss ich aber massiv widersprechen, denn was sich da zeigt ist mangelnde Resilienz, die aber eine Eigenschaft darstellt, die sich die meisten nicht aneignen können, da sind sich die Forscher relativ einig, mit der man geboren wird oder auch nicht. Gerade Jugendlichen Charakterschwäche vorzuwerfen, ohne den elterlichen Hintergrund mit zu beleuchten ist arg oberflächlich. Vor allem schwingt das so eine moralische Überheblichkeit mit.
    Ich würde von mir nie behauptet, ich wäre im Widerstand gewesen, weil das im Nachhinein wohlfeil ist. Ich weiss erst, wie ich in Extremsituationen reagieren, wenn ich drin bin. Alles andere ist Wunschdenken.

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