Trump, Weinstein und die Akzeptanz sexueller Belästigung

I better use some Tic Tacs just in case I start kissing her. You know, I’m automatically attracted to beautiful — I just start kissing them. It’s like a magnet. Just kiss. I don’t even wait. And when you’re a star, they let you do it. You can do anything. Grab ‚em by the pussy. You can do anything.

– Donald Trump

Für diejenigen, die gnädigerweise die Access-Hollywood-Kontroverse vom Oktober 2016 vergessen haben, sollte das obige Zitat eine kurze Erinnerung mit sich bringen. Die Nation debattierte damals darüber, ob jemand, der auf Band aufgenommen sexuelle Übergriffe (die strafbar sind) zugibt, eigentlich Präsident werden solle. Nach einigem Hin und Her entschied die Nation, dass dieses ganze Gerede von Rechten für Frauen und Minderheiten sie ziemlich ankäste und beantwortete mit einem knappen Ja. Aber ein mutmaßlicher Vergewaltiger im Weißen Haus ist natürlich auch nichts gegenüber einem mutmaßlichen schwarzen Sozialisten, so dass hier keine Notwendigkeit zur Sorge besteht. Nachdem in kurzer Reihenfolge sowohl Bill O’Reilly als auch Roger Aisles ihre Jobs bei FOX News wegen mehrfacher sexueller Übergriffe auf Angestellte und anderweitig von ihnen Abhängige aufgeben mussten (selbstverständlich mit Millionenabfindungen), was im Sexualstrafrecht ein großes „No-No“ darstellt, kam nun ans Tageslicht, dass Harvey Weinstein, ein berühmter Filmproduzent, ebenfalls seine Angestellten sexuell belästigte. Im Gegensatz zu Trump, O’Reilly und Aisles gibt es aber einen gewaltigen Unterschied: Weinstein ist ein langjähriger und verlässlicher Großspender der Democrats.

Für die Republicans, für die weder Konsistenz, Anstand, Moral noch Ironie jemals ein Thema waren, präsentierte das eine gigantische Gelegenheit. Von Hillary Clinton über Obama zu allen aktuellen Politikern der Democrats wurde jeder aufgefordert, Farbe zu bekennen und am besten sofort zurückzutreten/in der Versenkung zu verschwinden. Wie können es die Democrats schließlich wagen, so gegen feministische Grundsätze zu verstoßen? Trump, komplett ironiebfreit, erklärte, ihn wundere das bei Weinstein überhaupt nicht (takes one to know one). Man muss das Schauspieltalent dieser Riege bewundern, solche Doppelstandards kriegt hierzulande allenfalls die CSU hin. Aber die Frage ist natürlich berechtigt: wie können die Democrats so jemanden als einen der ihren tolerieren? Wo bleibt die wütende Reaktion der Hollywood-Elite?

Nun, alle Democrats distanzierten sich entschieden von Weinstein, ebenso der größte Teil der kulturellen Elite (die, die es nicht taten, befanden sich in Abhängigkeitsverhältnissen von Weinstein beziehungsweise sind durch Verträge zu Stillschweigen verpflichtet). Niemand auf MSNBC rechtfertigte Weinsteins Sexualstraftaten als „locker room talk“, wie es die Rechten seit Oktober 2016 für Trump beharrlich tun. Niemand greift Weinsteins Opfer an und versucht, ihre Glaubwürdigkeit zu untergraben oder versucht so zu tun, als sei der Täter ein von karrie- und geldgeilen femme fatales verführtes Opfer. Und tatsächlich gibt es, in den Worten Nate Silvers, zwischen Trump und Weinstein nur einen einzigen Unterschied: einer von beiden wurde von seiner Partei zum Präsidentschaftskandidat gemacht.

Aber damit genug vom parteitaktischen Hickhack. Die völlige moralische Abdankung der republikanischen Partei war hier ja bereits ausführlich Thema. Man muss auch nicht den Fokus auf den USA behalten oder nur bei Rechten schauen; Dominique Strauß-Kahn etwa brachte zu seiner eigenen Verteidigung auch an, dass Frauen ihm gerne sexuell zu Diensten stünden, weil er über so große Machtmittel verfügte. Stattdessen möchte ich lieber die Frage stellen: woher kommt es, dass so viele Millionäre und Milliardäre im Alter 60+ auf immer die gleiche Weise und völlig bar jeglicher Schuldgefühle Frauen sexuell belästigen oder, wie etwa in Bill Cosbys Fall, vergewaltigen?

Man könnte hier zuerst ketzerisch die Frage stellen, ob es etwa nicht gut für die charakterliche Entwicklung ist, jemandem alle Privilegien dieser Welt, schier unbegrenzte Geldmittel und totale Macht über die wirtschaftliche Existenz hunderter, wenn nicht tausender Personen zu geben. Wenn um einen herum ohnehin nur noch bezahlte Speichellecker sind, jeder Wunsch sofort Befehl ist und keine Regeln zu gelten scheinen nimmt man schnell an, dass die Regeln tatsächlich nicht gelten und dass man tatsächlich so unwiderstehlich ist, wie man das von sich glaubt.

Der zweite Faktor wurde interessanterweise von Weinstein selbst zu seiner Verteidigung vorgebracht: er sei halt in einer Zeit aufgewachsen, in der solches Verhalten normal war. Dass dieses durchaus zutreffende Statement so wenig beachtet wird, ist eine Schande in sich selbst. Es ist auch falsch: denn Fälle wie der von Brock Turner zeigen, dass diese Verhaltensweisen zumindest in bestimmten Milieus immer noch an der Tagesordnung sind. Man muss nicht lange googeln um Geschichten aus den 2000er und 2010er Jahren zu finden, in denen junge aufstrebende Investmentbanker und Unternehmensberater die Stripklubs und Bordelle der Finanzzentren unsicher machen. Ganze Milieus sind bis zum Hals im Morast der toxischen Maskulinität versunken, wo Frauen hauptsächlich als Objekte vorkommen und Sexualität stets zu haben ist, ja, worauf von Seiten dieser masters of the universe geradezu ein Anspruch besteht.

Und genau das ist der Kern der Angelegenheit. Weder Trump, noch O’Reilly, noch Strauß-Kahn, noch Cosby, noch Weinstein sind in irgendeiner Art und Weise bedauerliche Einzelfälle. Sie hatten nur das Pech aufzufliegen. Die Dunkelziffer ist ungemein viel höher, und das völlige schiefe Machtgleichgewicht zwischen Tätern und Opfern und der Umgang der Gesellschaft mit letzteren sorgen dafür, dass dies auch noch länger so bleiben wird. Solange das nicht als ein Problem gilt, sondern stattdessen das Händeringen immer nur über den einzelnen alten Mann geht, der mit zu viel Geld und zu wenig Charakterstärke von ihm abhängigen jungen Frauen nachstellt, wird sich das auch nie ändern. Aber da der Diskurs gern von jenen bestimmt wird, für die diese Auseinandersetzung allenfalls akademisch ist, wird das wohl bedauerlicherweise weiterhin in das weite Feld der bösen, bösen „identity politics“ gestellt, die ja immer nur die anderen machen, aber nie man selbst.

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  • Ariane 8. Oktober 2017, 20:48

    Danke für den Artikel. Ich denke, es ist nicht zu erwarten, dass sich der Diskurs über sexuelle Belästigungen in nächster Zeit deutlich verändern wird. Dafür ist der gesamte öffentliche Diskurs aktuell meiner Meinung nach zu sehr ein Stück nach rechts gerückt und dann wird eben lieber über Genderwahn als über grundsätzliche Probleme mit sexueller Belästigung gesprochen.
    Auch in Deutschland laufen die Debatten ja oft auf merkwürdigen Gleisen entlang. Entweder wird vieles einfach auf Überempfindlichkeit und Anstellerei der Frauen geschoben oder es gibt eine komische Überdramatisierung wie die Angst, dass hauptsächlich Frauen daran arbeiten, harmloses Flirten skandalisieren zu wollen. Als wenn es keinen Unterschied zwischen Flirten und sexueller Belästigung gibt. Und damit ist man gleich wieder vom eigentlichen Thema meilenweit entfernt, weswegen ich auch oft irgendwann aus solchen Diskussionen aussteige.

    Das ist ein bisschen schade, weil ich denke es würde schon viel helfen, einfach etwas offener zuzuhören anstatt gleich in so eine reflexhafte Abwehrhaltung zu verfallen. Die Aussage „Sexuelle Belästigung ist ein strukturelles Problem“ heißt ja nicht, dass jeder Mann ausnahmslos ein sexuelles, gefährliches Monster ist. Ich habe aber schon oft festgestellt, dass Männer (oder Jungs, das ganze fängt ja nicht erst im Erwachsenenalter an) oft gar keine Vorstellungen von der weiblichen „Lebensrealität“ in diesem Bereich haben und das eben auch dazu führt, dass das Problembewusstsein schon ganz unterschiedlich ausfallen kann. Es ist zb absolut normal, dass Frauen und Mädchen im Laufe ihres Lebens Mechanismen erlernen mit „normaler, alltäglicher“ sexueller Belästigung umzugehen oder diese zu vermeiden, also zb Ignorieren, gar nicht erst in solche Situationen begeben, bloß keine falschen Erwartungen wecken etc. pp. Eigentlich ist das ähnlich verrückt, wie schwarzen Kindern in den USA Verhaltensregeln beizubringen, damit sie möglichst nicht erschossen werden. Irgendwie traurig, aber die Realität macht so etwas eben auch notwendig. Kommt ja auch nicht von ungefähr, dass in beiden Fällen (Belästigung einer Frau oder eben Schwarzer wird erschossen) häufig erstmal geguckt wird, ob das Opfer sich auch ja korrekt(!) verhalten hat.
    Die alte Debatte, ob ein Minirock schuld an einer Vergewaltigung ist, ist zwar irgendwie Vergangenheit, aber wirklich weit weg davon sind wir immer noch nicht.

  • Gerd Heiner 9. Oktober 2017, 04:07

    „Stattdessen möchte ich lieber die Frage stellen:“ …“60+“
    Reminder: Bill Clinton war deutlich 60-!
    And no, I am not solely talking Monica…

    • Stefan Sasse 9. Oktober 2017, 12:31

      Bill Clinton ist aber inzwischen deutlich über 60. Und mir geht es ja um heute.

      • Gerd Heiner 10. Oktober 2017, 06:04

        „Bill Clinton ist aber inzwischen deutlich über 60. Und mir geht es ja um heute.“

        Aha, verstehe! Anscheinend sind Sie also im Besitz von Informationen, aus denen hervorgeht, Bill Clinton – 60+ jetzt, allerdings 60- damals – froene nach wie vor seinen ausserehelichen Vorlieben? ;-P

        Good to know – and surely no surprise to anybody!

        • Stefan Sasse 10. Oktober 2017, 12:40

          Machst du das eigentlich absichtlich? Ich sprach im Text von der Generation über 60. HEUTE. Da fällt Bill Clinton drunter. Ich bin auch ein Über-30jähriger, aber zur Präsidentschaft Clintons durfte ich noch keinen Alkohol legal kaufen. Jetzt klar?

          • Gerd Heiner 12. Oktober 2017, 07:07

            Machen Sie das eigentlich absichtlich?
            Nicht einsehen zu wollen, dass ihr „60+“ grosser Quatsch mit Sosse ist?
            Bill Cosby, vorausgesetzt die Vorwuerfe bestaetigen sich, haette als 60- doch klar mehr Vergewaltigungen auf dem Kerbholz als mit 6o+ Etikettierter.
            Auch waere beispielsweise JFK zeit des Auslebens seiner ausserehelichen Affaeren ebenfalls den 60- zuzuordnen. Jetzt klar?

            PS.: Sie duzen mich? Please a quick reminder: Wo und wann haben wir zusammen promoviert?

            • Gerd Heiner 12. Oktober 2017, 20:01
            • Stefan Sasse 13. Oktober 2017, 16:16

              Ich sag ja auch nicht, dass nur Leute in der Altersgruppe das machen, aber dass diese Generation offensichtlich entsprechend sozalisiert wurde.

              Und in meinem digitalen Wohnzimmer duze ich jeden.

              • Gerd Heiner 16. Oktober 2017, 03:01

                „…aber dass diese Generation offensichtlich entsprechend sozalisiert wurde.“

                Das halte ich fuer eine gewagte These, die ich keineswegs fuer „offensichtlich“ erachte. Da wird es sicher spannend sein zu sehen, wie die heutzutage Beschulten, quasi momentan einen Sozialisierungsprozess durchlaufenden, sich nach Eintritt der Geschlechtsreife verhalten werden.

                „Und in meinem digitalen Wohnzimmer duze ich jeden.“
                Da kann ich mit Ihnen nicht d’accord gehen! Sie moegen in Ihrem digitalen Wohnzimmer sitzen, ich befinde mich jedoch in dem meinigen und wir tauschen lediglich Texte aus!

                Aber ich will hier keine Extrawurst braten: Falls Sie mir nicht gram sind, dass ich Sie weiterhin sieze, then I surely don’t mind you keeping „duzing“ me, buddy.

                • Stefan Sasse 16. Oktober 2017, 07:11

                  Ich bin nicht gram. ^^ Aber ich kann und will mir nicht merken müssen, wenn ich im Kommentarstrangh Siezen muss. Sorry.

                  • Gerd Heiner 16. Oktober 2017, 08:08

                    Geht in Ordnung, keine Extrawurst!

                    PS.: But even when in a hurry, there should always be enough time to check for typos and spelling!

  • Ralf 9. Oktober 2017, 05:12

    Ich glaube Du tust Deinem grundsaetzlich berechtigten Anliegen keinen Gefallen, indem Du verschiedene Delikte und Handlungen miteinander vermischst, so als waeren sie alles das gleiche. Sexuelle Belaestigung und Missbrauch einer Machtposition (O’Reilly) ist zum Beispiel etwas anderes als eine vollendete Vergewaltigung (Cosby, falls die Vorwuerfe stimmen). Und eine Serientaeterschaft wie bei Cosby (falls die Vorwuerfe stimmen) ist nicht das gleiche wie eine Einmalstrafhandlung wie der Fall Brock Turner. Der Fall Brock Turner passt im uebrigen ohnehin nicht ins Bild, denn in Deinem Artikel geht es ja um aeltere Maenner in Machtpositionen, die diese Machtpositionen in strafbarer Weise fuer sexuelle Zwecke nutzen. Nichts davon passt auf den Fall des jugendlichen Straftaeters, der unter erheblichem Alkoholeinfluss und unter den besonderen Tatumstaenden handelte, die diesen speziellen Fall erst moeglich machten und das bei einem Tatablauf, der bis heute weitestgehend im Dunkeln liegt, da das Opfer durch einen selbst herbeigefuehrten Deliriumszustand nicht in der Lage war bei der Aufklaerung der Tat mitzuhelfen. Alles dieses durcheinander zu werfen und praktisch gleichzusetzen, ist so als wuerde man behaupten ein Ladendieb, ein Einbrecher und ein Raubmoerder haetten alle im Grunde das selbe Delikt begangen, nur weil alle bei ihrer Tat etwas gestohlen haben. Es ist im Interesse einer sachlichen Debatte da staerker zu differenzieren. Ich wuerde auch weiterhin anmerken, dass es kein guter Stil ist den amerikanischen Praesidenten einen „mutmasslichen Vergewaltiger“ zu nennen. Mit solchen Termini sollte man sehr vorsichtig sein ohne Gerichtsurteil und ohne ueberzeugende Beweise. Trump kann man nun weiss Gott auf genug anderen Ebenen kritisieren. Auch ein politisch inkompetenter, narzisstischer Rassist hat noch Rechte und sollte nicht zum Freiwild werden, dem man noch jeden Dreck anheften darf, weil es bei so vielen Vorwuerfen und negativen Eigenschaften auf eine mehr auch nicht mehr ankommt …

    • Stefan Sasse 9. Oktober 2017, 12:32

      Er hatte eine Anzeige deswegen, da kann man schon „mutmaßlich“ benutzen. Aber ich sehe deine Kritik ansonsten, du hast nicht Unrecht. Ich habe Turner auch eher a) als Mitglied der Elite und b) zur Illustration, dass es ein strukturelles Problem ist, aber das kommt definitiv nicht raus.

  • Logos 9. Oktober 2017, 10:31

    Kritik an Trump? Gern! Aber gibt es wirklich ein wichtiges Thema?
    Trump hat vor der UN-Vollversammlung damit gedroht, Nordkorea „von der Landkarte zu radieren“.

    Aber womöglich ist der in heutigen kriegslüsternen Zeit ein weiterer Krieg, der sogar nuklear werden könnte, keine Thematisierung mehr wert.

    • Stefan Sasse 9. Oktober 2017, 12:35

      Und damit beweist du sowohl meinen Punkt als auch Ariannes. Ist ja „nur“ sexuelle Gewalt gegen Frauen, pfffft, können wir nicht über was wichtiges reden?

      • Logos 9. Oktober 2017, 12:53

        Sorry. War ein Tiipfehler, den ich erst zu spät bemerkt habe:
        Es sollte „wichtigeres“ heißen und nicht „wichtiges“.
        Denn klar ist das Thema nicht unwichtig.

        Aber Sie wollen doch wohl nicht allen Ernstes einen Krieg mit vielen Toten bzgl Wichtigkeit damit auf eine Stufe stellen? Oder etwa doch?

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