Hängt das richtige Schmidt-Bild in die Kaserne

Empörung schwappt über die konservative Seite der Bundesrepublik: in ihrem – natürlich völlig überzogenen – Eifer gegen Nazi-Umtriebe in der Bundeswehr hat von der Leyen (quasi persönlich) ein Bild von Helmut Schmidt in Wehrmachtsuniform aus der Bundeswehruni abhängen lassen. Der Schock! Dabei ist doch Schmidt ein über jeden Zweifel erhabener Demokrat! Ein Sozialdemokrat gar! Das ist natürlich richtig, und fern liegt es mir, ihm eine Nähe zum Hitler-Regime andichten zu wollen. Trotzdem ist es richtig, das Bild abzuhängen. Der Grund dafür ist einfach: die Verteidiger dieser Art der „Traditionspflege“ bei der Bundeswehr verwechseln Geschichte mit Tradition, und sie verwechseln Geschichtsklitterung mit Revisionismus. Dass Helmut Schmidt in der Wehrmacht war ist ein unbestrittener Fakt. Dieser Fakt wird nicht dadurch aus der Welt geschaffen, dass man sein Bild aus den Kasernen abhängt. Die Frage muss aber erlaubt sein: warum hing das Bild dort? Welche Botschaft sollte es aussenden? Man kann sich des Verdachts nicht erwehren, dass die Intention durchaus war, einen Kanzler im Portfolio zu haben, der „gedient hat“ und damit einen demokratischen Bezugspunkt für die Rekruten zu schaffen. Das ist löblich. Dummerweise hat Schmidt in der Wehrmacht gedient, und auch wenn er dort kein großes Licht war, so kann man schlecht, wie die Verteidiger dieser Ideen es heute hinstellen, einen klaren Trennstrich zwischen „soldatischen Leistungen“ in der Wehrmacht und der Kernidentität der Wehrmacht selbst ziehen.

Die Wehrmacht war eine im Kern verbrechischere Institution. Das wird nicht dadurch relativiert, dass auch gute Menschen in ihr (zwangsweise) Dienst getan haben und möglicherweise selbst schuldlos geblieben sind¹. Der Zweck der Wehrmacht war die Führung eines Angriffskriegs und, von September 1939 an im Osten Europas, die Vorbereitung und Durchführung eines Massenmords auf beispielloser Ebene. Dieser Zweck ist nicht von einzelnen Höchstleistungen oder auch nur tadellosem Verhalten zu trennen. Die Bundeswehr selbst erkennt dies in ihren Traditionserlassen an, die seit Mitte der 1980er Jahre klar definieren, dass die Wehrmacht keine Traditionsquelle sein kann. Zwar werden einzelne Höchstleistungen davon ausgenommen, aber es gibt gute Gründe, das Schmidt-Bild trotzdem abzuhängen.

In seiner aktuellen Gestalt – genauso wie viele andere Memorabilia der Wehrmacht – leistet es der Revision Vorschub, den Mythos der „sauberen Wehrmacht“ am Leben zu erhalten, in der es möglich gewesen ist, unbefleckt seinen Dienst zu tun und von allem nichts gewusst zu haben. Die reine Natur dieser Institution macht das aber unmöglich. In den allermeisten Fällen hat sich auch gezeigt, dass die scheinbar so tadellosen und unbefleckten Wehrmachtslebensläufe einzelner Personen bei genauerem Hinsehen doch gar nicht so tadellos und unbefleckt sind, wie das der jeweilige Träger immer gerne gehabt hätte.

Dabei könnte man gerade im Falle Schmidts problemlos an eine rein bundesrepublikanische Tradition anknüpfen. Der Mann war immerhin jahrelang Verteidigungsminister und ist nicht gerade als Gegner der Truppe bekannt. Deswegen gibt es auch keinen Grund, ein Gemälde der letzten Schlacht der Bismarck oder ein Foto von Helmut Schmidt als Wehrmachtsoffizier aufzuhängen. Auch wenn die Bundeswehr natürlich in einer Traditionslinie der preußischen, kaiserlichen, autoritären und nationalsozialistischen Armee steht, so können diese Linien kaum identitätsstiftend sein. Sie sind Geschichte, und sie sollten nicht wegradiert werden. Aber ein Foto oder Gemälde in Lebens- und Lernräumen aufzuhängen oder in einem Museum sind zwei Paar Stiefel. Und diese Sachen gehören in ein Museum, nicht auf den Schlafzimmergang.

¹ Was bei Helmut Schmidt, man verzeihe mir die Bilderstürmerei, im Übrigen ganz und gar nicht klar ist.

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  • Ralf 25. Mai 2017, 05:01

    Ich freue mich, dass wir in einer so problemfreien Zeit leben, dass die Frage, ob irgendwo ein Bild haengen sollte oder besser nicht, ausreichend bedeutend ist, das Schreiben eines langen Diskussionsartikels zu rechtfertigen. Unsere Sorgen moechte ich haben …

  • Kirkd 26. Mai 2017, 08:57

    Meine Erfahrung mit Rekruten, Reservisten und Offizieren bei der Bundeswehr ist, dass Teil der Motivation zur Bundeswehr zu gehören, eben Teil eines Kampfverbandes zu sein und ein generelles Interesse an militärischer Geschichte. Das erstere ist letztlich für den tatsächlichen Einsatz fundamental, das letztere manchmal hilfreich, manchmal irrelevant und machmal jedoch problematisch.

    Oft geht dieses histroische Interesse nämlich mit einer Faszination oder Verehrung von Zeiten einher, als militärisches Handeln in der Zivilgesellschaft eine grössere Anerkennung genoss. Das ist der Kontext, in dem die Militärbegeisterung in nationalistische und auch revisionistische Kreise übergeht und so problematisch ist.

    Dieses Spannungsfeld wird bleiben. Die Mitte der Gesellschaft hat keine Motiviation mehr, in grösserer Zahl professioneller Kämpfer zu werden. Daher wird man es mit Soldaten und Offizieren zu tun haben, die Gemeinschaft, Kampfgeist und Militaria suchen.

    Was in der Debatte viel zu kurz kommt ist, diesen Leuten positive Traditionen zu geben, denn sonst suchen sie sich ihre eigenen. Es mag in linken Kreisen unpopulär sein, aber ggf. liegt eine solche Tradition auch, neben der Bundeswehrgeschichte, in der preussischen Geschichte, die man nicht auf das wilhelminische Zeitalter reduzieren muss.

    • Stefan Sasse 26. Mai 2017, 11:46

      Ja, aber diese Traditionen sollten nur in der Bundeswehr selbst liegen. Ein Rückgriff auf undemokratisch-autoritäre Armeen ist extrem problematisch.

    • bevanite 26. Mai 2017, 18:18

      Es mag in linken Kreisen unpopulär sein, aber ggf. liegt eine solche Tradition auch, neben der Bundeswehrgeschichte, in der preussischen Geschichte, die man nicht auf das wilhelminische Zeitalter reduzieren muss.

      Warum ausgerechnet Preußen? Das ist doch eher die Tradition, die schon lange vor der Reichsgründung zu nicht viel Positivem geführt hat: als Stichwörter seien hier nur der Angriffskrieg 1740 nach einer relativ langen Friedensperiode, das militärische Harakiri Friedrichs II. während des Siebenjährigen Krieges oder die Niederschlagung der Revolution 1849-51 genannt. Auch habe ich Zweifel, ob sich Sachsen, Thüringer, Niedersachsen oder gar Rheinländer, Schwaben und Bayern damit identifizieren könnten, vor allem nicht die Katholiken.

      Wenn Sie Linke ins Boot holen wollen, müsste Sie schon auf andere Topoi zurückgreifen: die meuternden Soldaten 1918/19, das republikanische Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold oder die internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg. Selbst bei der extremen Linken gibt es ja eine gewisse Partisanenromantik.

      • Stefan Sasse 28. Mai 2017, 19:55

        Die Partisanen würde ich jetzt auch nicht gerade hernehmen, aber Reichsbanner und Volksmarinedivision – warum nicht?

  • Wolf-Dieter Busch 26. Mai 2017, 18:52

    Danke für Klarstellung, dass die Wehrmacht substanziell verbrecherischer Natur war. (Hätte ich nicht so einfach formulieren können.)

    Ebenfalls danke für Klarstellung, dass sein Portrait in Kasernen für „saubere Wehrmacht“ steht. Richtig ist: keine Reminiszenz an die Wehrmacht ist akzeptabel.

    Ausgezeichneter Artikel. Danke auf ganzer Linie.

  • Jens 27. Mai 2017, 12:04

    Klarer gut formulierter Artikel.

    Leider ist das in der Realität nicht immer so klar. Ich weiß nicht wie der aktuelle Stand ist, zu meiner Zeit waren noch einige Kasernen nach Offizieren der Wehrmacht benannt, was ich ebenfalls inakzeptable finde. Zumindest solange diese Offiziere nicht irgendwie im Widerstand tätig waren.

    Gruß Jens

  • Erwin Gabriel 29. Mai 2017, 12:04

    Dass die Wehrmacht grundsätzlich verbrecherischer Natur war, sehr ich anders. In erster Linie war die Wehrmacht eine Armee, genauso wie die französische, die britische, die russische oder die amerikanische – wie jede Armee halt auch (oder sehen Sie jede Armee als verbrecherisch an?).

    Dann wurde die Wehrmacht zwar für einen Angriffskrieg eingesetzt, aber diese Entscheidung fällten nicht die Soldaten, sondern die politische Führung; die Soldaten hatten zu gehorchen (es gibt gute Gründe dafür, eine Armee der politischen Führung zu unterstellen, und aus genauso guten Gründen gehört es zum Wesen einer Armee, Befehle zu befolgen, statt sie auszudiskutieren).

    Geht es um Kriegsverbrechen (die von allen Seiten begangen wurden, auch in erheblichem Maße von Mitgliedern der Wehrmacht), sollte die individuelle Schuld gelten. Dazu zähle ich auch, dass Generäle zugelassen haben, die Wehrmacht für politische Ziele mißbrauchen zu lassen.

    Eine ganz andere Frage und von diesem Punkt losgelöst ist, wie man heute im Rahmen der durch Mitglieder der Wehrmacht begangenen Kriegsverbrechen Andenken und Traditionen pflegt.

    • Stefan Sasse 30. Mai 2017, 16:57

      Du missverstehst das Argument. Nicht jeder Soldat war verbrecherisch. Die Wehrmacht in toto war verbrecherisch. Und das unterscheidet sie von den anderen Armeen die du genannt hast, in denen es zwar Individuen gab, die Verbrechen begingen (teilweise auch ganz weit oben), aber deren ganze Existenz eben nicht verbrecherischer Natur war.

      • Marc 31. Mai 2017, 07:11

        Klar, die anderen Armeen haben alle nur Brunnen gebaut. Ob eine Armee „in ihrer ganzen Existenz“ verbrecherisch war, entscheidet sich an der Frage, ob sie siegreich war oder nicht.

  • Kning 30. Mai 2017, 11:57

    Spannend das man in der Bundeswehr-Uni auf ein Bild von Schmidt in Wehrmachtsuniform zurückgreifen musste. Am Beginn seiner Amtszeit als Bundesverteidigungsminister nahm Schmitt in Uniform an Übungen der Bundeswehr teil, um auf Tuchfühlung mit der Truppe zu gehen.
    Es hätte also entsprechend korrektes Bildmaterial gegeben, da fragt man sich schon, warum musste es dieses sein?

    Was das Thema Tradition angeht: Ich glaube muss hier trennen, nach Dingen wie Gebräuche (also z.B. der Militärmusik, Zeremonien wie dem großen Zapfenstreich, bestimmten Bezeichnungen für die Truppe), sowie einer Traditionslinie im Sinne von Werten. Die Bundeswehr kann sich sehrwohl auf Gebräuche aus der Geschichte Preussens bedienen.
    Jedoch kann Sie lediglich Ihre Traditionslinie auf die Zeit nach 1945 bilden – die deutschen Armeen vorher waren eben nun einmal Werkzeuge der Unterdrückung und unsäglicher Verbrechen. Dem Bild nach 45 wird in meinen Augen in der Öffentlichkeit noch nicht ausreichend Rechnung getragen. In Jugoslawien, wie auch in Afgahnistan wurden mit deutschen Soldaten vorzeigbare Ergebnisse erzielt, deutlich mehr wiegen sollten, als die Erinnerung an eine Armee, aus den düstersten Zeiten deutscher Geschichte…

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