Empörend, diese Empörung

Wir alle wissen, dass eine Empörungswelle im Netz ziemlich schnell gehen kann und meistens nicht zu detaillierten Nachforschungen im Vorfeld jener Empörung führt. Stattdessen wird schnell geteilt, sich aufgeregt, und weitergelebt. Und während bei Fällen wie „die Flüchtlinge kriegen vom Sozialamt alle kostenlos einen Mercedes“ tatsächlich eine Sekunde Nachdenken angebracht ist, wie wahrscheinlich ein Sachverhalt wohl sein könnte, ist die Empörung über die Empörung in einem anderen Fall deplatziert. Bei Amazon bot ein Händler namens FancyMe ein Flüchtlingskostüm (2. Weltkrieg) für Kinder an, mit Klamotten im typischen 1940er-Jahre-Stil. Dass das Nachstellen der deutschen Flucht, bei der über zwei Millionen Menschen gestorben sind, als Faschingsspaß für Kinder keine Kinder gute Idee ist, liegt auf der Hand, und entsprechend rollte die Empörungswelle durchs Netz. Nun hat SpiegelOnline nachrecherchiert und festgestellt, dass das alles eigentlich ganz anders ist.

Die Firma, die das Kostüm verkauft, sitzt in England und hat noch mehr solche Perlen im Angebot. Kostüme dieser Art sind in England ungeheuer populär, weil einmal im Jahr die Schulen die große Evakuierung der Kinder aus den Großstädten aus der Zeit des „Blitz“ nachspielen, der deutschen Bomberoffensive. Zudem sind in England wohl generell Reenactments des Zweiten Weltkriegs („1940 Family Weekend“) relativ beliebt. Die Kostüme beziehen sich daher nicht auf die deutsche Flucht, sondern auf die englische Version der deutschen „Kinderlandverschickung“. Der Spiegel schließt daraus:

Denn der Skandal um das Flüchtlingskostüm ist, wie Sie merken, gar keiner. Im Gegenteil: Er ist stattdessen ein guter Beleg für die unschöne Dynamik der Erregung im Internet. Erst denken, dann schreiben – diese Regel gilt oft nicht mehr. Es reicht, sich der Empörung anderer anzuschließen, auch wenn sie jeder Grundlage entbehrt. Den Anbieter der Kostüme hat der wohlmeinende Mob vorerst erlegt: Sämtliche WW-II-Verkleidungen wurden aus dem Angebot entfernt.

Nur ist diese Empörung über die Empörung reichlich wohlfeil. Denn es ist nicht meine Aufgabe als Konsument bei Amazon nachzurecherchieren, wie denn so etwas unter Umständen gemeint sein könnte. Es ist die Aufgabe des Anbieters, seine Produkte entsprechend zu kennzeichnen. Und bei der Beschreibung als „Flüchtlingskostüm Zweiter Weltkrieg“ brauche ich keinen großen Interpretationsspielraum, besonders, da das Kostüm beim Originalanbieter als „Evacuee“ ausgezeichnet ist – ein gewaltiger semantischer Unterschied zum „refugee“. Wenn das Angebot für die deutsche Amazonseite also eingedeutscht wird, hätte man es wohl besser als „Kinderlandverschickung“ ausgezeichnet. Das wäre immer noch geschmacklos gewesen, aber immerhin nicht ganz so sehr. Oder am besten gleich als „englische evakuierte Kinder“ oder irgendetwas in der Art, dass der Ursprung deutlich wird.

Sich daher über mangelnde Recherche zu beklagen, ist in diesem Fall schlichtweg unaufrichtig, die Schuld liegt hier klar beim Anbieter. Wahrscheinlich ist diese Übernahme für das deutsche Amazon mehr oder weniger automatisch passiert, aber das ist nicht das Problem der Kunden. Es gibt bestimmte kulturelle Sensibilitäten, und die zu verletzen geht immer auf eigenes Risiko. Aus gutem Grund verkauft Amazon auch keine Wehrmachts- und SS-Verkleidungen (NVA-Paraphernalia gibt’s dagegen massenhaft). Wenn der Spiegel sich jetzt also darüber empört, dass die Leute keine ausgiebige Recherche in den kulturellen Hintergrund eines englischen Anbieters stecken (nachdem sie vorher recherchiert haben, woher der kommt) ist das Unfug und dient nur dazu, sich seinerseits zu empören. Und darüber bin ich jetzt empört. Oder so.

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  • Stephan 24. Januar 2016, 11:00

    Und ich bin jetzt über Stefan Sasse empört.

  • QuestionMark 24. Januar 2016, 12:20

    Zum Empörungsmanagement: Rainer Mausfeld „Warum schweigen die Lämmer“
    Thema dieses Vortrags sind Techniken, die dazu dienen, schwerwiegende Verletzungen moralischer Normen durch die herrschenden Eliten für die Bevölkerung moralisch und kognitiv unsichtbar zu machen.
    http://www.uni-kiel.de/psychologie/psychophysik/mausfeld/Mausfeld_Warum%20schweigen%20die%20Laemmer_Demokratie,%20Psychologie%20und%20Techniken%20des%20Meinungs-%20und%20Empoerungsmanagements.pdf

  • QuestionMark 24. Januar 2016, 12:57

    Die Propagandamaschine läuft und läuft und läuft. Ein schönes Beispiel für Empörungsmanagement („süße Kinder“ inklusive und etwas Hetze gegen Russland):

    Krieg in Syrien; Erneut Kinder bei Luftangriffen getötet
    Dutzende Menschen sollen bei Luftangriffen im Osten Syriens ums Leben gekommen sein. Nach Angaben von Aktivisten sind neun Kinder unter den Toten. Wieder seien russische Flieger dafür verantwortlich.
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-kinder-und-zivilisten-bei-luftangriffen-getoetet-a-1073606.html

    • Stefan Sasse 24. Januar 2016, 13:48

      Bitte bleib wenigstens halbwegs on topic.

      • QuestionMark 24. Januar 2016, 14:23

        Die Schlagzeile war als Beispiel fürs Empörungsmanagement gedacht. Offensichtliches Ziel: Den Russen als böse hinstellen (der mordet ja kleine süße Kindlein) um für ein verstärktes Eingreifen in Syrien zu werben und natürlich um die Bevölkerung propagandistisch auf einen zukünftigen militärischen Konflikt mit Russland vorzubereiten. (Motto: „Das sind die bösen Russen, die schuld für den Syrien-Krieg sind und die dort kleine Kinder umbringen. Also müssen wir die bösen Russen umbringen.“)
        Diese Art des Empörungsmanagement ist politisch. Man kann damit vom Wesentlichen ablenken oder die Völker aufeinanderhetzen.

  • Wolf-Dieter 24. Januar 2016, 15:10

    Die ganze Empörung ist eine Moralsimulation.

    Kinder gehen als Piraten (Referenz: blutrünstige Seeräuber), Westernhelden (bewaffnete Strauchdiebe), Ninjas (halbstaatlich gedungene Meuchelmörder). Darüber regt sich auch niemand auf. Kinder brauchen Abenteuer.

    PS Dass SS-Kostüme im Handel sind, ist gesetzlich geregelt und kann nicht zum Vergleich herangezogen werden.

  • Wolf-Dieter 24. Januar 2016, 15:11

    Nachtrag, SS-Kostüme sind selbstverständlich nicht im Handel, mein Tippfehler, sorry.

    • Stephan 24. Januar 2016, 15:37

      Schade. Ich wollte gerade eines bestellen.

  • Ralf 24. Januar 2016, 16:28

    Die Aufregung wegen eines als „unpassend“ empfundenen Faschingskostuems erinnert mich fatal an eine Situation kuerzlich in den USA, wo ganze Universitaeten lahmgelegt wurden, wegen der Empoerung ueber hypothetische Halloweenkostueme, die in jenem Fall noch nicht mal jemand getragen hatte:

    http://www.theatlantic.com/politics/archive/2015/11/the-new-intolerance-of-student-activism-at-yale/414810/

    Aus meiner Sicht sollten diese „Empoerten“ einfach mal einen Gang runterschalten. Wenn jemand zu Karneval als Fluechtlingskind (sagen wir, es handele sich bei dem Amazon-Angebot wirklich um ein Fluechtlingskostuem) gehen will, dann ist das deren Problem. Ich persoenlich faende das zwar auch geschmacklos, aber mich zwingt ja auch niemand das Kostuem zu tragen. In unserer Welt gibt es nun wirklich keinen Mangel an echten Katastrophen aller Art, ueber die man sich empoeren koennte. Seine Aufmerksamkeit ausgerechnet einem geschmacklosen Faschingskostuem zu widmen, ist idiotisch und voellig irrational. Und wir werden durch diese Empoerungswellen auch keine bessere, sondern eine schlechtere Gesellschaft – eine Gesellschaft, in der sich jeder in vorauseilendem Gehorsam den Mund verbietet, um bloss nicht als „politisch unkorrekt“ aufzufallen und bloss niemandem zu nahe zu treten, weil dann der Lynchmob vor der Tuer steht und einen beruflich und sozial ruiniert. Diese Faelle haben sich in den letzten Jahren dramatisch gehaeuft und wir sind gut beraten als Gesellschaft diesen Irrweg nicht weiter zu beschreiten.

  • R.A. 25. Januar 2016, 13:29

    > Nun hat SpiegelOnline nachrecherchiert
    Da der Spiegel schon lange nicht mehr zu so prosaischen Tätigkeiten wie „Recherche“ neigt wäre ich mit solcher Vermutungen zurückhaltend.

    Die Geschichte mit den Flüchtlingskostümen war schon im letzten Fasching ein Thema und meiner schwachen Erinnerung nach auch schon davor.

    Im Zweifelsfall hat der Spiegel also wieder einmal nur abgedruckt, was andere Leute schon längst recherchiert hatten.

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