#DemDebate: Hillary, Bernie und die neue Medienrealität des Wahlkampfs

US Wahl Logo DDWer die erste Debatte der Demokraten gestern Nacht gesehen hat, oder auch nur Ausschnitte, dürfte sich wundern, wie Hillary Clinton in den vergangenen Monaten so sehr die Kontrolle über ihre Präsidentschafts-Kampagne hatte verlieren können – so überzeugend, sicher und auch endlich etwas relaxter segelte sie durch den Abend. Der starke Auftritt dürfte sowohl Bernie Sanders Momentum ausbremsen, als auch ein klares Zeichen an Joe Biden senden. Dieser hatte es bislang noch immer nicht geschafft, sich endlich für oder gegen eine Kandidatur zu entscheiden. Hätte Clinton geschwächelt, bestünde vielleicht noch die Chance für Obamas Vize, ins Rennen einzusteigen. Aber nach dem Abend? Zu deutlich machte Clinton, dass sie das Zeug hat, auch gegen Rubio oder Bush in der general election bestehen zu können.

Die Demokraten werden wieder etwas ruhiger schlafen können, wenn sie an 2016 denken, und das nicht nur, weil Clinton gestern überzeugende Bühnenpräsenz und Debattenskills zeigte, sondern weil auch deutlich wurde: Die Partei ist insgesamt inhaltlich schlicht besser aufgestellt, ernsthafter bei der Sache und näher am Zeitgeist als die Republikaner. Die Konservativen hatte sich zuletzt mehr um Carly Fiorinas HP-Desaster, Jeb Bushs low energy und Donald Trumps Umgang mit Frauen gestritten als um die tatsächlichen Herausforderungen, vor denen die USA stehen. Zu diesen waren vor allem Machosprüche (in der Außenpolitik) und Reagan-Flokskeln (in wirtschaftlichen Fragen) zu vernehmen. Nicht eben überzeugend. Doch wie relevant eine solche inhaltliche Substanz noch ist, dürfte eine der spannenderen Fragen dieses Wahlkampfs werden.

Denn es ist natürlich großes Politainment, das die vielen Kandidaten der Republikaner und insbesondere Donald Trump derzeit abliefern, es sorgte bei den ersten beiden TV-Debatten für Rekordeinschaltquoten für CNN und FOX. Ob die Quoten auch bei den Demokraten gestern so hoch ausgefallen sind, ist fraglich, fehlt bei ihnen doch dieses Jahr ein wenig der Wow-Knuff-Bäng-Faktor. Um so dankbarer sollten die Demokraten und vor allem Hillary Clinton aber über Bernie Sanders‘ Kandidatur sein. Denn seine Wahlkampfauftritte vor Zehntausenden, sein Kultstatus auf Reddit, insgesamt sein überraschender Erfolg in den Umfragen erst verleiht dem Vorwahlkampf eine Ahnung von Spannung und Energie – die immer wichtiger werden, um wahrgenommen zu werden und mobilisieren zu können.

Faktoren wie Konflikt, Überraschung, Personalisierung waren in Wahlkampf natürlich schon immer wichtig. Doch deutlich mehr als noch 2012 scheinen in diesem Election Cycle genau die Mechanismen, die auch die Online-Medienwelt derzeit so beschäftigen (und teils verzweifeln lassen) weiter an Relevanz zu gewinnen: Soundbites, kurze Videosequenzen, Zitate wollen geshared und geliked werden, müssen viral gehen, spontan anschlussfähig sein, einen Nerv treffen. Die Performance eines Kandidaten über die gesamte Dauer einer Debatte tritt in den Hintergrund, einzelne besonders starke oder konfliktreiche Momente und Gaffes werden wichtiger.

Wahlkampf im Facebook-Zeitalter

Es ist Donald Trump, übrigens nicht von ungefähr ehemaliger Moderator von „The Celebrity Apprentice“, der in diesem Jahr wie kein anderer ein Schlaglicht darauf wirft, wie sich Wahlkampf und Politik im Web-Zeitalter verändern. Der Immobilen-Mogul hatte in den vergangenen Monaten fast die gesamte Aufmerksamkeit der Medien und des Publikums aufgesogen – und war beinahe ohne Werbespots im TV an die Umfragespitze bei den Republikanern geschossen. Mit permanenten Provokationen, einem gigantischen Ego und Entertainerqualitäten hatten er genau die Bedürfnisse der neuen Medienwelt bespielt und klickbare Häppchen ohne Ende produziert.

Webseiten wie Mediaite haben in der Präsentation solcher Aufreger-Clips ihr Geschäftsmodell gefunden – und sind damit so erfolgreich, dass sich auch etablierte Medien dem Trend nicht entziehen können. Für sie wird es immer schwieriger, über etwas bewusst nicht zu berichten. Die Konkurrenz hat im Zweifelsfall schnell ein paar Zeilen zum Video geschrieben und fährt die Klicks ein. Oft erreichen solche kurzen Sequenzen am folgenden Tag noch deutlich mehr Wähler über Facebook als es die mehrstündige Debatte im TV vermocht hätte. Und das ist natürlich auch wieder für die Kampagnen relevant: Um ein Stück vom Aufmerksamkeitskuchen gerade des politikferneren Publikums zu bekommen, ist die Produktion solcher viralen News-Häppchen heute entscheidend.

Ohne Sanders, der sich gestern einige sachliche, aber nicht übermäßig harte Debatten (etwa über Schusswaffen und Außenpolitik) mit Clinton lieferte, gäbe es über Hillary derzeit – und über die Debatte gestern Abend im Speziellen – schlicht nichts, was berichtens- und zeigenswert im Sinne dieser modernen Web-Medienrealität wäre. Sie hätte gestern auf der Bühne ohne echten Herausforderer gestanden – nicht eben eine dankbare Situation. Sanders Anwesenheit und Relevanz verschaffen ihr die Chance, vor dem Hintergrund der unglücklichen letzten Monate zu überraschen, unter Druck zu überzeugen – das wurde gestern Abend deutlich.

Schlimmer für Clinton als ein starker Sanders wäre in diesem Sinne: Kein starker Sanders. Bernie dürfte sich dieser Rolle insgeheim bewusst sein und entgegen seiner Behauptungen („in it to win it“nicht wirklich damit rechnen, Kandidat der Demokraten zu werden. Trotz seines jahzehntelangen Status als sozialistischer Outsider bei den Demokraten spielt er fürs Team. Das bewies er gestern auch mit seiner Verteidigung Clintons in der E-Mail-Affäre, mit der er genau ein solches Zitat produzierte, das so gut in einer zweiminüten Zusammenfassung funktioniert (siehe Video). Sie sollte sich beizeiten dafür bedanken.

Ob und wie unter diesen Bedingungen noch ernsthafte Auseinandersetzungen über die wirklich relevanten Themen möglich sind (und das Publikum auch erreichen), wird eine spannende Frage sein. Die Debatte der Demokraten gestern jedenfalls macht diesbezüglich mehr Hoffnung als das Hunger-Games-artige Spektakel der GOP zuletzt.

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  • Stefan Sasse 14. Oktober 2015, 15:24

    Ich denke auch dass Hillary aktuell vor allem eins tun muss: keine Fehler machen und durch die Primaries segeln. Und danach sieht es aus, wie es immer aussah. Ich denke die Schwäche Hillarys war nur oberflächlich, wie ich hier im Blog ja auch dokumentiert habe, und die Debatte zeigt vor allem, dass Hillary auch eine gute Chance gegen Rubio oder Bush hat. Und diese zwei Ziele hat sie deutlich erfüllt.

  • Ralf 14. Oktober 2015, 18:08

    so überzeugend, sicher und auch endlich etwas relaxter segelte sie durch den Abend. Der starke Auftritt dürfte sowohl Bernie Sanders Momentum ausbremsen

    Also ich hab gestern unmittelbar am Anschluss an die Debatte alle Blitzumfragen zum Thema „Wer ist der Sieger der Debatte“ angeschaut, die im Internet verfuegbar waren – es waren so um die 10. In ausnahmslos allen lag Bernie Sanders mit deutlich ueber 70%, und in manchen mit ueber 80%, vorne. Die Washington Post erklaerte Sanders zum kristallklaren Sieger, nicht nur wegen der hervorragenden Zuschauerreaktionen in den ersten Umfragen, sondern auch wegen Internetdaten waehrend der laufenden Debatte, darunter etwa Google-Suchen nach Bernie Sanders etc.

    Heute morgen ist dann etwas merkwuerdiges passiert. Der urspruengliche Artikel auf der Washington Post ist nicht mehr auffindbar. Ausnahmslos alle grossen Medien. inklusive der Washington Post, haben Hillary Clinton den Umfragen zum Trotz zur klaren Siegerin erklaert. Bernie Sanders hingegen wird als Verlierer ausgemacht. Mit anderen Worten: Die Mainstream-Medien schreiben exakt das, was die superreichen Spender des demokratischen Establishments hoeren wollen. Und zwar unisono.

    Mich erinnert das stark an das Medienecho infolge der letzten republikanischen Debatte. Dort war ich mir als Zuschauer ziemlich sicher, dass Trump (nach Fiorina) einer der Gewinner der Debatte sein wuerde. Ich war mir ebenfalls aeusserst sicher, dass Jeb Bush bestenfalls eine sehr blasse Leistung abgeliefert hatte. Die Blitzumfragen nach der Debatte bestaetigten exakt diesen Trend. Trump fuehrte praktisch ueberall. Fiorina war auf einem starken zweiten Platz. Bush gerade mal einstellig. Uebernacht passierte dann eine voellige Umschreibung der Geschichte. Ausnahmslos alle Mainstream-Medien erklaerten Trump zum klaeglichen Verlierer und sagten einen heftigen Absturz in seinen Umfragewerten voraus. Zahlreiche Leitartikel erklaerten Jeb Bush zum strahlenden Sieger. In der vergleichenden Diskussion aller Kandidaten wurde in der Washington Post Bush sogar als einziger Debattenteilnehmer in zwei Kandidaten aufgespalten, den „Erste zwei Stunden-Bush“ und den „Dritte Stunde-Bush“, damit letzterer wegen eines einzigen gesagten Halbsatzes in die Reihe der Sieger eingereiht werden konnte. Mit anderen Worten: Die Mainstream-Medien schrieben exakt das, was die superreichen Spender des republikanischen Estabishments hoeren wollen. Und zwar unisono.

    Wer auf die Entwicklung der groesseren, statistisch aussagekraeftigen Umfragen schaut, die dann nach der republikanischen Debatte gemacht wurden, findet hingegen genau den Trend bestaetigt, der sich schon in den kleineren fruehen Blitzumfragen angedeutet hatte. Trump ist nach wie vor der unangefochtene Spitzenreiter. Bush krebst in vielen Umfragen bei einstelligen Werten rum.

    Bevor ihr Sanders zum Verlierer und Hillary zur Gewinnerin kuert, solltet ihr vielleicht auch erstmal die naechsten Umfragen abwarten.

  • Stefan Sasse 15. Oktober 2015, 06:31

    Meine Position ist, dass beide gewonnen haben. Deswegen widersprechen sich auch die Einschätzungen nicht. Dass Bernie aktuell der Darling der Basis ist ist denke ich deutlich geworden. Nur hat Jan in seiner Analyse absolut Recht damit, dass Sanders nicht um Sieg spielt. Er und Hillary spielen zwei völlig unterschiedliche Spiele, und daher können sie beide auch ihr jeweiliges Spiel gewinnen.

    Sanders will Druck von links auf die spätere Präsidentin Hillary ausüben. Das gelingt ihm hervorragend. Clinton musste in der Debatte zeigen, dass sie in der general election bestehen kann – und das hat sie getan. Relativ zu ihren Konkurrenten auf der Bühne musste sie „nur“ nicht implodieren; sie hat die Erwartungen hier übertroffen. Daher: wenn es um die Sympathien des Publikums geht gewinnt Sanders, keine Frage, das hast schon bei dem Jubel der Zuschauer gesehen. Aber darum geht es Hillary nicht. Die Unterstützung der Fans der Democrats hat sie eh, auch wenn die Sanders cool finden. Von daher hat sie nicht die Debatte in dem Sinn gewonnen dass ihre Performance der Sanders‘ überlegen gewesen wäre, sondern dass sie ihr Image neu definieren und einen Absprungpunkt für die general election schaffen konnte. Und das ist deutlich mehr, als alle Beobachter erwartet haben, weswegen sie sie zum „Sieger“ ernennen – was angesichts dessen, dass die beiden keine direkten Konkurrenten sind eh eine relative Kategorie ist.

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