Das wackelige theologische Fundament der ISIS

Im Atlantic ist eine sehr lange, detaillierte und mehr als nur interessante Analyse der theologischen Grundlagen von ISIS und ihrer Idee vom Kalifat erschienen, die man zur Lektüre nur empfehlen kann. Inmitten der sehr detaillierten und logisch untergliederten Argumentation voller informativer Teile über islamische Theologie, deren Kenntnis in der westlichen Welt leider nicht sonderlich weit verbreitet ist, findet sich allerdings ein intellektueller Irrtum, der Woods Analyse selbst nicht beschädigt, aber letzten Endes ISIS in die Hände spielt und, wenn man ihn aufdeckt, deren ohnehin wackeliges theologisches Fundament (das Wood deutlich aufzeigt) noch mehr ins Schwanken bringt.

Die Argumentation des Autors, Graeme Wood, ist dabei dass die ISIS den Islam und seine schriftliche Grundlage, den Koran, extrem ernst nimmt – wörtlich – und deswegen eine auch in der islamischen Welt extreme Nische ohne Breitenwirkung besetzt. Die überschnelle Bereitschaft von ISIS, andere als „ungläubig“ abzustempeln und damit pauschal aus der Gemeinschaft der Muslime auszustoßen (takfir), wird von Wood als eine eklatante Schwäche der Bewegung gedeutet. Dasselbe gilt für das Anerkennen von Autoritäten außerhalb Gottes selbst (shirk), was das Anerkennen von politischen Institutionen, ihre bloße Benutzung selbst für die eigenen Ziele und sogar die Anerkennung von Grenzen und das Schließen von Verträgen beinhaltet.

Wood kommt daher zu dem Schluss, dass die beste Strategie gegen ISIS ist, ihre zentrale Theologie, die Expansion eines bereits ausgerufenen Kalifats, gegen sie arbeiten zu lassen, indem man ihnen genau dies verwehrt, und sie so zu einem gescheiterten nahöstlichen Staat unter vielen zu machen. In diesem Kontext sind die US-Luftschläge eine den Umständen entsprechend effiziente Taktik. Zu diesem Schluss kommt auch von einem säkular-militärischen Standpunkt Gary Brecher, der in seinen Kolumnen immer wieder die Wichtigkeit betont, den Hype um ISIS zum Platzen zu bringen und sie nicht stärker zu machen als sie sind.

Wo also liegt Woods Irrtum, der dieses Ziel konterkariert? Wood weist daraufhin, dass ISIS eine extreme und wörtliche Auslegung des Koran propagiert. Diese extreme Lehre einer extremen Lehre (die Sunniten sind ja ohnehin schon der Religionszweig, der den Text so wörtlich wie möglich zu nehmen versucht) basiert auf einer zeitgenössischen Anwendung frühmittelalterlicher Prinzipien: der Koran als ein Werk des 7. Jahrhunderts gibt auch dessen Wertvorstellungen und Regeln wieder. ISIS wird in Woods Narrativ so zu einer reaktionären Extremistenschar, die die „reine Lehre“ umzusetzen versucht, mit dieser aber nur wenige wirklich überzeugte Anhänger findet (für die es in den „Stillen Salafisten“ zudem noch eine gewaltfreie Alternative gibt).

Der Fehler allerdings ist ISIS zuzugestehen, überhaupt eine reine oder extreme Version des Islam umzusetzen, wie er im 7. Jahrhundert gepredigt und gelebt wurde, unter der (korrekten) Annahme, dass hierfür in unserer Zeit schlichtweg keine Basis mehr bestehe. Das Problem bei dieser Lesart des Korans ist, dass weder wir noch ISIS noch sonst irgendwer weiß, wie die Realität im 7. Jahrhundert wirklich aussah. Alles was wir wissen ist, wie die Autoren des Koran aufschrieben, dass die Realität sein sollte. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Regeln und Vorschriften des Koran auch in seiner Frühzeit nie wörtlich befolgt sondern von Situation zu Situation neu ausgelegt wurden, ist hoch – schon allein, weil dies immer und mit allen heiligen Texten zu allen Zeiten so war, ob Torah, Bibel oder US-Verfassung.

ISIS zuzugestehen, das Wissen über diese Epoche zu haben, ist daher ein Fehler, weil es implizit die Legitimation von ISIS stärkt, die eine angebliche reine Lehre vertreten und leben wollen. Was es stattdessen braucht ist der beständige Hinweis, dass Texte Produkt ihrer Zeit sind und dass wir sie immer und nur aus dem Spiegel unserer eigenen Zeit lesen können (und ja, ich weiß, dass der Islam den Koran als direkt von Gott diktiert sieht und Revisionen damit erschwert, aber auch die biblischen Propheten und Evangelisten wurden einmal betrachtet, als hätten sie die direkte Verbindung zum Himmel und wir sind davon abgekommen). Die Vorstellung, dass es eine perfekte Zeit mit einer perfekten Anleitung für das perfekte Leben gab, ist Grundlage des blutigen Wahns. Ihr muss man beikommen, und dieses Fundmanent muss man beständig angreifen.

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  • Wolf-Dieter 16. Februar 2015, 19:33

    Der Hinweis auf damalige Verhältnisse ist gut. Erinnert mich an das Mem, dass die Anweisung Auge um Auge, Zahn um Zahn seinerzeit fortschrittlich insoweit war, als es Rache-Aktionen begrenzte auf das Maß ihres Auslösers. (Ob es so stimmt, weiß nicht nicht, aber es kommt mir plausibel vor.) (Bin ein Otto Normalo, kein Historiker.)

    • Stefan Sasse 16. Februar 2015, 20:17

      Ja, dem ist so. Wie du aber korrekt schon anmerkst, damals fortschrittlich ist nicht auch heute fortschrittlich.

  • David 17. Februar 2015, 14:19

    „Der Fehler allerdings ist ISIS zuzugestehen, überhaupt eine reine oder extreme Version des Islam umzusetzen, wie er im 7. Jahrhundert gepredigt und gelebt wurde, unter der (korrekten) Annahme, dass hierfür in unserer Zeit schlichtweg keine Basis mehr bestehe. “

    Wie soll man der IS ihre Sichtweise des Islam widersprechen, wenn das, was sie tun, genau das ist, was in den religiösen Quellen Koran/Hadith geschrieben stehen? Selbst für das Verbrennen des Piloten gab es eine plausible koranische Erklärung.

    „Was es stattdessen braucht ist der beständige Hinweis, dass Texte Produkt ihrer Zeit sind und dass wir sie immer und nur aus dem Spiegel unserer eigenen Zeit lesen können.“

    Und genau damit ziehen wir leider den Kürzeren. Das Spiel „Meine Interpretation vs deine Interpretation“ ist im Kontext der derzeitigen theologischen Mainstream-Rezeption des Islams bei intellektuell ehrlicher Betrachtung für den modernen „Schönredner“ nicht zu gewinnen.

    Die Reform müsste daher vielmehr bei der grundsätzlichen theologischen Rezeption erfolgen, also nicht nur bei den Interpretationen. Aber wie auch der engl. Artikel darlegt, ist dies durch das derzeitige islamische Selbstverständnis (absoluter Text, absolutes Rollenvorbild des Propheten) eine schwierige Aufgabe. Wenn’s nicht so traurig wäre, könnte man glatt bewundernd sagen: Alles sehr geschickt eingefädelt, Mohammed.

    • Stefan Sasse 17. Februar 2015, 15:13

      Ja, aber das ist ja genau der Punkt. Wenn ich jetzt Lust hätte, meine Frau zu steinigen, müsste ich nur den Leviticus ausgraben und hätte eine tolle Bibelstelle dazu. Das gleiche gilt für die Wiedereinführung der Sklaverei und Ähnliches. Und, erneut, dass wir nicht einen theologischen Streit mit den ISIS-Immanen gewinnen ist klar. Wir müssen uns aber selbst klar machen, dass der Islam kein monolithisches Ding ist, den man dadurch erfasst, dass man den Koran liest. Ich kann auch aus der Lektüre der Bibel keine Gesellschaftsstudie der EU erstellen, und die nennt sich selbst auch gerne „christlich“. Wir gestehen aber irgendwelchen wirren Sekten wie den 12 Stämmen oder Opus Dei auch nicht zu, „das Christentum“ oder eine besonders reine Lehre zu praktizieren, die irgendwie viel näher und toller am Urchristentum ist als wir heute. Warum also für ISIS?

      • David 18. Februar 2015, 10:31

        Wenn es nicht sowas wie das Neue Testament gäbe, würden sich fundamentale Christen unter Umständen ganz sichern sich auf Leviticus beziehen. Wie sich das alte Testament auswirken kann, sehen wir ja nur zu gut an den ultraorthodoxen Juden.

        Aber ganz so einfach ist der Vergleich nicht. Die Rezeption und das religiöse Selbstverständnis des mainstream Islam ist anders als im derzeitigen Christen- oder Judentums, von asiatischen Religionen ganz zu schweigen.

        Wir sollten uns nicht ständig vormachen, dass alle Religionen gleich sind. Sie sind es nicht. Sie unterscheiden sich in der Anzahl schlechter Ideen und in der Qualität schlechter Ideen und darüber hinaus in ihrem gelebten Selbstverständnis.

        Dass es unterschiedliche Strömungen im Islam gibt, ist selbstverständlich richtig. Der Punkt hierbei ist aber zu verstehen, dass es bei allen gravierende Gemeinsamkeiten in der theologischen Grundkonzeption gibt, die fundamentalistische Interpretationen begünstigen.

        Zu den wirren christlichen Sekten: Ich meine, man sollte hier schon Umfang und Ausmaß nicht aus dem Auge verlieren. Ob wir den wirren christlichen Sekten etwas zugestehen oder nicht, erscheint mir in diesem Zusammenhang nebensächlich. Das, was solche Gruppen aus der Religion an Ideen ziehen und wie sie diese begründen, ist zunächst einmal das massgebliche. Wie entzieht man der religiösen Idee, dass Kindserziehung durch Gewalt ratsam ist, den Boden? Durch rationale Argumentation? Nur bedingt. Was ganz sicher nicht dazu beiträgt, ist zB die Haltung der Katholischen Kirche in Form eines Papstes, der sich wie kürzlich öffentlich nicht gegen eine gewaltsame Erziehung ausspricht, ja sie sogar gutheißt.

        Im Grunde ist das exakt der gleiche Konflikt wie er sich im Islam mit dem IS darstellt. Der Unterschied ist nur, dass die Auswirkung einer religiös gepflegten Idee sich nicht derart krass auswirkt. Würde in der Bibel stehen, dass man sein Kind zwecks Erziehung verstümmeln muss, und ein Religionsoberhaupt fröhlich verkündet, dass eine angemessene Verstümmelung noch niemand wirklich geschadet hätte, dann hätten wir auch mit dem derzeitigen christl. religiösem Selbstverständnis sehr wohl ein erhebliches Problem.

        • Stefan Sasse 19. Februar 2015, 07:44

          Das mag ja alles sein, aber das ist nicht mein Punkt. Mein Punkt ist: wir müssen den Strömungen des Islam, die mit Menschen- und Völkerrecht vereinbar sind, unterstützen, und das tun wir eben nicht indem wir entweder alle in einen Topf werfen oder halt den Extremistenspinnern Glaubwürdigkeit verschaffen, indem wir sie als Vertreter „des Islam“ sehen. Denn bei allen Fehlern, die der Mainstream-Islam haben mag, auch für die ist ISIS völlige Randsekte von Idioten.

  • David 19. Februar 2015, 09:59

    Da bin ich ganz bei dir. Selbstverständlich müssen wir die Strömungen des Islam unterstützen, die mit Menschen- und Völkerrecht vereinbar sind, unterstützen.

    Aber sprechen wir hier vom mainstream Islam, wie er von Indonesien, Pakistan über Ägypten, Nordafrika bis in die Türkei und nach Europa gelehrt wird?

    Das scheint mir der Punkt zu sein. Wenn man sich anschaut, was für ein Idealverständnis von Menschenrechten eine Grosszahl muslimisch geprägter Staaten selbstbewusst vorstellen (siehe Kairoer Erklärung der Menschenrechte) oder wie Reformmuslime (zB Herr Khorchide) von Seiten der Muslimenverbände angefeindet werden, dann wird diese Frage eigentlich recht eindeutig beantwortet.

    Wir helfen den angesprochenen modernen Strömungen ganz bestimmt nicht, wenn wir ihnen mit dem sicherlich gut gemeinten Dogma „Das hat alles mit dem Islam nichts zu tun!“ oder „Das ist nicht der richtige Islam!“ quasi in den Rücken fallen und die notwendige intellektuelle Auseinandersetzung innerhalb der community mit dieser ach so praktischen Rechtfertigung schon im Keim ersticken.

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