Filmbesprechung „Unsere Mütter, unsere Väter“

Es ist das Fernsehereignis des Jahres, wenn man der Eigenwerbung von ZDF glauben darf: der monumentale Dreiteiler „Unsere Mütter, Unsere Väter“, 14 Millionen Euro schwer und ein Triumph des gebührenfinanzierten Fernsehens. Für deutsche Verhältnisse ist die Miniserie tatsächlich monumental, und für deutsche Verhältnisse ist sie sehr gut gelungen. So sehr einige Exponenten der Öffentlichkeit die Serie in den Himmel loben – etwa Frank Schirrmacher, der in ihr gar die letzte Gelegenheit für einen generationenübergreifenden Dialog erblickt, oder Christian Buß, der ins selbe vom ZDF bereitwillig hingehaltene Horn stößt – so sehr kritisieren andere, ob in taz, beim Kölner Stadtanzeiger oder im Cargo-Blog, für seine überzeichneten Klischees und die völlig anachronistischen Hauptfiguren, die von ihrer Mentalität her so gar nicht nach 1941 passen wollen. Um den Film aber bewerten zu können, muss ich eigentlich in zwei Rollen schlüpfen: die des Historikers, der versucht, die historische Faktentreue und Intepretation einzuordnen, und die des Filmkritikers, der die Serie aufgrund ihrer dramaturgischen Kriterien durchleuchtet.

Denn eines wird beim Ansehen bewusst: das Projekt ist ambitioniert, wesentlich ambitionierter, als man es vom deutschen Geschichtsfernsehen gewohnt ist (siehe dazu auch mein Beitrag „Zum Elend des deutschen Geschichtsfernsehens„), und muss fast zwangsläufig an äußerst widerstreitenden Erwartungen und Zielrichtungen scheitern. Aber ein Ereignis ist es, eines, das man gesehen haben muss und das eine Zeitenwende im deutschen Geschichtsfernsehen einläuten könnte. Warum, wird im Folgenden zu zeigen sein. Bevor ich beginne, nur eine kurze Spoiler-Warnung: wer den Film noch nicht gesehen hat, sollte das nun nachholen, denn ich werde Details aus der Geschichte verraten. Er ist etwa bei Amazon auf DVD und Blueray erhältlich.

Sezieren wir zu Beginn erst einmal, welches Ziel sich der Film eigentlich setzt, der ähnlich wie „Das Boot“ ein Gesamt-Oevre ist und nur aus Gründen der Sendezeit-Ökonomie in drei Teile gespalten wurde. Zum Einen hat er ein klares pädagogisches Ziel, das das ZDF in seiner Werbung auch besonders hervorstreicht. Er soll Generationen ins Gespräch bringen, soll zeigen, wie es damals war und gleichzeitig Fragen stellen. Zum anderen ist es ein historisches Werk, das einen Authenzitätsanspruch aufstellt und diesen mit aufwändigen Produktionswerten und penibler Recherche unterstreicht. Und zum dritten soll es auch dramaturgisch überzeugen; beständig wird der Vergleich zu HBOs „Band of Brothers“ (erhältlich als DVD oder Blueray) bemüht, einer amerikanischen Miniserie zum Schicksal einer Fallschirmjägereinheit im Zweiten Weltkrieg, die zehn Folgen hat und als absoluter Klassenprimus gilt. Dummerweise lassen sich von diesen Zielen nur zwei gleichzeitig erreichen, obwohl alle drei angestrebt werden, und die Sequenzen, in denen dieser Widerspruch offensichtlich wird, gehören zu den schwächsten des Films. Aber beginnen wir bei der historischen Authenzität.

 

Die fünf Freunde feiern, Frühsommer 1941
Es ist beeindruckend, dass die Filmemacher endlich eine wichtige Lektion bei der Umsetzung historischer Stoffe begriffen haben: penible Faktentreue ist kein Wert an sich. Über dieses Problem sind Großproduktionen wie „Der Untergang“ gestolpert und gescheitert. Stattdessen gibt der Film uns fünf fiktive Charaktere, Freunde allesamt und keine überzeugten Nazis, die in den Krieg hineingezogen werden, der – ein beherrschendes Motiv des Films – das schlechteste im Menschen hervorbringt. Das erlaubt eine gewisse Freiheit im Handeln der Figuren, anstatt ihnen schwerfällige verschriftlichte Worte in den Mund zu legen (die aber historisch verbürgt sind).
Auch fällt eine weise Selbstbegrenzung der Autoren auf (die ihnen von den Kritikern überwiegend negativ ausgelegt wird, aber dazu gleich mehr): die Geschichte spannt über die Jahre 1941-1945 und spielt sich praktisch ausschließlich an der Ostfront ab. Diese Entscheidung ist mehr als klug, denn die Ostfront ist für das kollektive Gedächtnis des Zweiten Weltkriegs prägend und für Deutschland wesentlich wichtiger gewesen als die Westfront, die wir in den amerikanischen Produktionen sehen. Bereits dieses grundsätzliche Setting wird massiv kritisiert, weil es sowohl die Sozialisation der früheren Hitler-Jahre sowie die ersten beiden Kriegsjahre ausspart, was es wirken lässt, als sei der Krieg eine von außen aufgezwungene Katastrophe, die die Protagonisten in sich hineinziehe. Hier ist klar der volkspädagogische Aspekt am Wirken: so was darf man nicht zeigen! Es ist eine Variation der irren Diskussion anlässlich „Der Untergang“ 2004, ob man denn Hitler als Menschen zeigen dürfe. Heilige Einfalt! Der Kern ist, dass der Krieg für die Menschen dieser Generation als eine von außen hereindräuende Katastrophe kam. Sie konnten nichts dagegen tun, sofern sie nicht den Mut zum individuellen Widerstand hatten (der überwiegend tödlich war), und den haben die Protagonisten klar nicht. Stattdessen sind die Frauen eher positiv gestimmt, einer pflichtbewusst, nur einer negativ (und eher aus persönlichen Gründen, weil er klarer als die anderen sieht, was Krieg eigentlich ist), und einer wäre gerne positiv gestimmt, darf es aber nicht sein (weil er Jude ist). Die Vorstellung, dass der Zuschauer hier die Moralkeule übergezogen braucht, die ihm noch einmal sagt, dass die Nazis böse waren und den Krieg angefangen haben, ist so typisch deutsch dass es wehtut. Man darf mittlerweile erwarten, und vom Publikum dieses Films sowieso, dass so grundlegende Fakten bekannt sind. Es ist nicht nötig, ständig die didaktische Keule übers Haupt des Publikums zu schwingen, dem ohnehin viel zu wenig eigene Denkleistung abverlangt wird – aber auch dazu später mehr.

 

Tom Schilling als Friedhelm Winter
Der Krieg im Osten beginnt mit dem schnellen Vormarsch Richtung Moskau („es ist eine Lust, vorzustoßen“) und findet eine erste Ernüchterung durch den Tod erster Kameraden im Feuergefecht und die Notwendigkeit, den Kommissarbefehl auszuführen. Leutnant Wilhelm Winter, der pflichterfüllte Berufssoldat, wird über die mögliche Sauberkeit des Krieges ernüchtert und muss sein schmerzendes Gewissen bekämpfen, während sein pazifistischer Bruder Friedhelm versucht, sich durch Dienst nach Vorschrift so weit als möglich zu entziehen. Beide Versuche, dem Grauen beizukommen – ob durch Rückzug auf den Befehlsnotstand oder die möglichst hohe Nichtbeteiligung – sind zum Scheitern verurteilt, was in der späteren Desertion Wilhelms und der zunehmenden Verrohung Friedhelms ihren Ausdruck findet: Eiskalt pragmatisch passt er sich jeder Situation an, entgeht immer wieder dem Tod, weil das Leben ihm nichts mehr bedeutet (Sophie Albers).

 

Die vielfach geäußerte Kritik an dem Ensemble, das keinen einzigen überzeugten Nazi enthält, läuft vor diesem Hintergrund ins Leere. Zum Einen zeigt sie eine merkwürdige Vorliebe für Schwarzweiß-Zeichnung: als ob ausnahmslos alle Deutschen der Alterskohorte der frühen 1920er Jahre von der Nazi-Sozialisation restlos überzeugt gewesen wären! Und wie sollte ein echter Nazi in diesen Freundeskreis kommen, wo man Swing tanzt und pazifistische Gedichte schreibt? Dramaturgisch wäre dies nicht zu vermitteln, und es kann überhaupt nur einmal mehr mit der didaktischen Keule begründet werden, die einzusetzen es so viele in den Fingern juckt. Dabei ist doch gerade das Leitmotiv des Films, dass der Krieg nur das schlechteste im Menschen hervorbringe, mit diesen Charakteren, die ihm eher distanziert gegenüber stehen, so viel wirkmächtiger! Wie viel besser funktioniert doch „Im Westen nichts Neues“ mit Paul Bäumer als mit Ernst Jünger!

 

Viktor Goldstein und der Anführer der polnischen Partisanen
Berechtigte Kritik hingegen müssen sich die Filmemacher für ihre Figur des Viktor Goldstein gefallen lassen, des Juden im Freundeskreis, mit der schillernden Greta zusammen, die so gerne ein Star wäre. Seine offene Existenz im Jahr 1941 ist tatsächlich sehr unwahrscheinlich, und es drängt sich der Verdacht auf, dass er vor allem eingefügt wurde, um eventuelle Kritik an der Täterperspektive abzublocken, indem man auch ein Opfer mit einführt. Das Ergebnis ist allerdings ambivalent. Da Goldstein keine realistischen Berührungspunkte mit den anderen Charakteren mehr hat, ist sein Handlungsstrang von den anderen abgetrennt. Er flüchtet aus dem Zug nach Auschwitz, schließt sich notgedrungen polnischen Partisanen an, die genauso antisemitisch sind wie die Deutschen, und flüchtet schließlich zurück nach Deutschland. Obwohl unzweifelhaft hochspannend scheint seine Geschichte etwas losgelöst vom Rest, nicht nur örtlich, sondern auch in der Tonart. Hier vergreifen sich die Filmemacher auch am öftesten im Ton, etwa wenn der Partisanenführer mitten im Gespräch wie vom Erdboden verschwindet, als ob er Batman wäre. Viktors Odyssee fühlt sich bisweilen wie eine jüdische Variante von „So weit die Füße tragen“ an.

 

Gleichzeitig aber muss man den Filmemachern Lob dafür aussprechen, wie die Geschichte um die polnischen Partisanen uns einen doppelten Blick auf die Einsatzgruppen-Verbrechen hinter der Front in der Partisanenbekämpfung öffent. Massenexekutionen zur „Vergeltung“ von Partisanenangriffen und deren folgende Zweifel an ihrem eigenen Tun, der viel zitierte radikale Antisemitismus der Partisanen, die die Juden im Zug ins KZ eingesperrt lassen damit sie krepieren und die Beteiligung der Wehrmacht an all diesen Verbrechen (personifiziert ausgerechnet vom ehemaligen Feingeist und Pazifist Friedhelm, der jetzt ohne mit der Wimper zu zucken unschuldige Bauern hinrichtet) – solche Szenen wurden noch nie gezeigt. Wilhelm Winter exekutiert einen Politkommissar (unwillig, aber er tut es), Friedhelm schickt Bauern ins Minenfeld, um die eigenen Leute zu schützen – niemand kann sich dem Grauen entziehen, ob er es will oder nicht.

 

Friedhelms Einheit richtet „Partisanen“ hin
Warum so viele Kritiker dies nicht erkennen wollen und darin ein Reinwaschen der deutschen Schuld erkennen wollen, erschließt sich mir nicht. Die Darstellung der mordenden Soldaten als entfesselte stramm nationalsozialistische Soldateska wäre eine reine Karikatur. Stattdessen nehmen Menschen an diesen Verbrechen teil und führen sie aus, die dem Regime bestenfalls neutral gegenüberstanden. Diese Botschaft ist um ein vielfaches wirkmächtiger als die teils zu Abziehbilder degenerierten strammen Nazis aus „Der Untergang“, die gemeinsam mit Hitler an den Endsieg glauben. Als Greta sich endlich traut, den versammelten Soldaten ins Gesicht zu sagen, dass „der Endsieg leider ausfällt“, ist auf deren Gesichtern der Schock einer Erkenntnis zu sehen, der sie sich lange verschlossen haben. Szenen wie diese, und strukturelle Anlagen wie diese, heben „Unsere Mütter, unsere Väter“ weit über den bisherigen Nazi-Kitsch hinweg, den dieselben Kritiker wohl sogar vorziehen würden. Guido-Knopp-Betroffenheitsrhetorik scheint immer noch so vorzuherrschen, dass man die echte, viel tiefgreifendere Kritik nicht einmal mehr erkennt, wenn man direkt vor ihr steht, sie vielleicht nicht einmal erkennen will.

 

Besonders beeindruckend ist in diesem Zusammenhang auch die in der zweiten Folge dargestellte Schlacht um Kursk, die für Friedhelm und Wilhelm zu einer Wasserscheide wird.
Wilhelm, von einer Panzerfaust temporär außer Gefecht gesetzt, zerbricht innerlich unter dem Druck, seine Männer für völlig sinnlose Ziele in den Tod führen zu müssen und desertiert, während Friedhelm den letzten Rest seiner einstigen Ideale über Bord wirft und schreiend, angetrieben vom scheinbaren Tod seines Bruders, das Ziel mit der Maschinenpistole in der Hand faktisch im Alleingang erobert – um dort weinend zusammenzubrechen, als er erkennt, für welch sinnloses Ziel die Kameraden um ihn herum gefallen sind. Seine Konsequenz ist genau das Gegenteil von Wilhelm. Wo der einstige Karrieresoldat, stets seine Pflicht tun, nun von Zweifeln völlig übermannt ist und den Entschluss fasst, aus dem Krieg auszusteigen (auch um den Preis seiner eigenen Vernichtung), wandelt sich Friedhelm zum „perfekten Soldaten“, der tut was man ihm sagt und nicht darüber nachdenkt, ob es nun das Erschießen von Bauernmädchen oder Hängen ihrer Mütter und Väter ist. Ohne mit der Wimper zu zucken arbeitet er mit dem SS-Mann zusammen, den er in der ersten Folge am liebsten noch umgebracht hätte, als er mit der ukrainischen Hilfspolizei Juden tötete. Seine völlige Entmenschlichung wird offenkundig, als er bei der Partisanenbekämpfung plötzlich Auge in Auge Viktor gegenübersteht und man nicht sicher sein kann, ob er schießen wird oder nicht.

 

Greta und Viktor
Während die Männer dem Grauen der Front direkt ausgesetzt sind, zeigt es sich für die beiden Frauen indirekter. Greta prostituiert sich mit einem Gestapo-Mann, um Viktor falsche Papiere zu besorgen und zerstört darüber die Beziehung. Im Gegenzug wird sie der Star, der sie so lange werden wollte. Sie wird arrogant und eingebildet und verliert jeden Blick für
die Realitäten, bis sie zurückgelassen im selben Feldlazarett strandet in dem ihre Freundin Charlotte ihre Illusionen längst verloren hat. Charlotte, das Nesthäkchen der Gruppe, denunziert in ersten Folge noch willig eine jüdische Hilfsärztin, ohne nachzudenken, weil es genau das ist, was die angeblich aus dem Film ausgesparte Nazi-Sozialisation mit den Menschen gemacht hat. Am Ende des Films riskiert sie ihr Leben für die Rettung einer anderen russischen Hilfsschwester, wird beinahe von russischen Soldaten vergewaltigt und arbeitet für die Rote Armee, ehe sie nach Deutschland zurückkehrt. In beiden Frauen bringt der Krieg das schlechteste hervor, und beide reifen über die Erfahrung und riskieren ihr Leben, um den Fehler nicht zu wiederholen. Greta wird es darüber verlieren, ein letztes Kriegsopfer, erschossen nur Tage vor der Kapitulation wegen Defätismus. Das Frauengefängnis, in dem sie sich befindet, ist eine wahre Hölle der Eintönigkeit und Hoffnungslosigkeit. Monate gehen ins Land ohne eine Nachricht von außen, ohne zu wissen was passieren wird, ohne Urteil und ohne Strafe. Irgendwann geht die Zellentür auf, man wird hinausgebracht und erschossen.

 

Einzig Viktor geht ohne psychische Narben aus seinen Taten hervor, aber auch er hat alles verloren: in einer ungeheuer sensiblen Darstellung des Holocaust muss er feststellen, dass seine alte Wohnung mittlerweile von ausgebombten Deutschen bewohnt wird; von seinen Eltern gibt es keine Spur mehr. Die neuen Bewohner dagegen, die sich noch darüber beklagen, dass die Juden nicht ordentlich geputzt haben, bevor sie „weggezogen“ sind und bemerken, dass immerhin die Möbel brauchbar waren, stellen das Gesicht der hässlichen Deutschen in ihrem Alltags-Antisemitismus dar, ohne dass es dazu der Karikatur bedürfte, die solche Gestalten in anderen Filmen allzuoft werden. Als Viktor seiner Familie nachspüren will, sitzt am Behördenschreibtisch jener Gestapo-Mann, der ihn in den Zug nach Auschwitz brachte und seine Freundin hinrichten ließ, und die Amerikaner wissen es und belassen ihn doch dort, weil seine Expertise brauchen. Alles ist anders, und doch nichts, und als er in das Trümmerfeld der Bar zurückkehrt, in der 1941 mit seinen vier Freunden Abschied feierte, scheint er ein gebrochener Mann.

 

Ambivalenzen wie diese durchziehen den gesamten Film und regen zum Nachdenken und zur Reflexion an. Leider, und hier kommen wir zum Scheitern des Films, war den Produzenten beim ZDf, vielleicht auch dem Regisseur und Drehbuchschreiber selbst, das Konzept schon risikoreich genug, so dass das Drehbuch an vielen Stellen bewusst harmlos und auf der sicheren Schiene gestaltet wurde. Viele Nebencharaktere sind bestenfalls holzschnittartig dargestellt (hier finden sich endlich die karikaturesk bösen Nazis, die alle nur schlechten Sex haben und/oder dumm sind), und vor allem die Dialoggestaltung ist wesentlich zu explizit geraten. Es gibt ein wichtiges Prinzip beim Geschichtenerzählen: show,don’t  tell. Sachverhalte müssen durch die Geschehnisse deutlich werden. Wann immer ein Schauspieler in character etwas erklären muss, wird man aus der Immersion der Geschehnisse herausgerissen, die mit so viel Aufwand angestrebt wird.

 

Wilhelm Winter im Schützengraben
Mindestens einmal pro Episode spricht ein Charakter das Motto des Films direkt an die Zuschauer gerichtet aus: „Der Krieg bringt nur das schlechteste im Menschen hervor“. Es hätte dem Zuschauer durchaus zugetraut werden dürfen, diesen Schluss für sich selbst zu ziehen, denn die Handlung und die Bilder geben es problemlos her. Solche Situationen finden sich immer wieder. Selbst in den Gefechten verzichten Soldaten immer wieder auf Zeichensprache um eindeutige Befehle zu brüllen, damit der Zuschauer weiß als nächstes passiert (im Häuserkampf ein an Selbstmord grenzendes Verhalten), anstatt es einfach zu zeigen und darauf zu vertrauen, dass der Zuschauer es schon verstehen wird. Die auf den direkt-dabei-sein-Effekt ausgelegte Wackelkamera macht das Nachvollziehen der taktischen Situation ohnehin obsolet, und die Soldaten haben den Einblick ja selbst nicht. Warum also überhaupt versuchen, ihn dem Zuschauer zu geben? Auch die Dialoge leiden unter diesem Problem. Viel zu häufig reden die Charaktere viel zu viel über das, was sie tun, anstatt es einfach zu machen. In den gleichen Problemkomplex gehört die Druckreife, die die Dialoge öfter erreichen und sie steif und unnatürlich erscheinen lassen. Es ist ein plötzliches Aufblitzen einer geschliffen formulierten Reflexionsreife, die sonst überhaupt nicht zu finden ist und wie ein Fremdkörper wohnt, offensichtlich ans Publikum und nicht an andere Charaktere gerichtet.

 

Dramaturgisch aber erweist sich die scheinbare Unsterblichkeit der Hauptfiguren als größeres Problem. Dass Friedhelm an Ende der ersten Folge überleben würde war noch relativ klar; der Cliffhanger eher Routine. Als er aber den Brustschuss am Ende der zweiten Episode überlebte und Wilhelm gleichzeitig aus dem Hexenkessel von Kursk entkam, wurde die Glaubwürdigkeit bereits deutlich strapaziert. In der dritten Folge häuften sich dann die Zufälle, die die Charaktere überleben ließen. Die Ursache für diese Glaubwürdigkeitsprobleme liegen in zwei Ursachen begründet. Die erste ist die im Verhältnis immer noch geringe Dauer des Films mit dreimal 90 Minuten, die es angesichts des ambitionierten Zeitrahmens – von den Eröffnungsschlachten 1941 bis zur Niederlage 1945 – nicht erlauben, viele Nebenfiguren zu entwickeln. Deren Fehlen aber macht es nicht möglich, Charaktere sterben zu lassen, die dem Zuschauer etwas bedeuten, wodurch das Überleben der Hauptfiguren bis in die letzten Filmminuten wenig glaubhaft erscheint. Man denke im Vergleich an „Im Westen nichts Neues“, wo eine ganze Reihe von Figuren am Ende auf zwei herabschmilzt, oder „Band of Brothers“, wo wesentlich mehr Erzählzeit auf weniger erzählte Zeit kommt und so mehr Raum für menschliche Dramen abseits der Hauptfiguren lässt, so dass wir ein besseres Gefühl für das Ganze bekommen. Es wirkt deswegen etwas bemüht, wenn in den letzten zehn Filmminuten noch schnell Greta und Friedhelm sterben müssen, obwohl es für ihre Charakterentwicklung durchaus passend ist (dass überhaupt einer der Charaktere überlebt ist schon ein Wunder). Auch scheinen die Filmemacher vor manchem Grauen bisweilen zurückzuschrecken, wenn etwa Charlotte vor der drohenden Vergewaltigung durch eine russische Offizierin gerettet wird, die sie gut behandelt und dies vor Untergebenen damit begründet, ein „neues Deutschland“ aufbauen zu wollen.

 

Greta und Charlotte bei einem Frontauftritt Gretas
Aus dieser Problemstellung resultiert das zweite Problem: da man beim ZDF offensichtlich nicht risikobereit genug war, die insgesamt fünf Handlungsstränge unabhängig voneinander zu entwickeln – was das Publikum stark herausfordert – ließ man die Figuren sich immer wieder begegnen, was relativ schnell ebenfalls zu Verrenkungen in der Glaubwürdigkeit führt. Es sind diese dramaturgischen Probleme in der Serie, die „Unsere Mütter, unsere Väter“ das Ziel einer Vergleichbarkeit mit den amerikanischen Vorbildern verfehlen lassen, aber sicherlich nicht die grundsätzliche Struktur innerhalb der Geschichte. „Unsere Mütter, unsere Väter“ könnte, seiner moralischen Keule und seiner selbst auferlegten dramaturgischen Beschränkungen entkleidet, noch wesentlich mehr sein als es aktuell ist, und es ist bereits jetzt ein halbes Wunder, wenn man die Produktionen der letzten Dekade auf diesem Feld bedenkt. Ich würde gerne mehr solche Produktionen sehen und weniger „Die Flucht“, „Die Luftbrücke“ und ähnliche Schmonzetten. Fernsehen kann spannend sein und zum Nachdenken anregen, und „Unsere Mütter, unsere Väter“ hat gezeigt, dass auch Deutschland auf diesem Feld mitspielen kann. Wenn noch etwas mehr Risikobereitschaft bei den Produzenten zu finden wäre, die sich dank der Gebührengelder ohnehin nicht um die Quote sorgen müssen, dann wäre viel auf dem Weg zu einer echten historischen Vergangenheitsbewältigung im Fernsehen getan, ohne dass man das Projekt künstlich zur Bühne einer Generationenverständigung erklären müsste.

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