Der entscheidende Punkt ist, dass diese potenziellen Gegner bereits im Frühjahr 1938 selbst umfangreiche Aufrüstungsprogramme durchführten. Diese wurden sowohl durch die Aggression Deutschlands als auch durch Italiens Angriff auf Äthiopien 1935/36 und Japans Invasion Chinas 1937 ausgelöst. Sobald diese Programme einmal angelaufen waren, hatte Deutschland kaum eine Chance, mitzuhalten. Im maritimen Bereich zeigen zeitgenössische Quellen, dass die britische Royal Navy seit 1933 etwa 30 Prozent mehr ausgegeben hatte als die deutsche Kriegsmarine. Großbritannien baute damit seinen ohnehin überwältigenden Vorsprung an Kriegsschiffen weiter aus. Noch bedrohlicher waren die Vereinigten Staaten: Am 17. Mai 1938 unterzeichnete Präsident Roosevelt ein Gesetz über ein Flottenausbauprogramm im Wert von 1,15 Milliarden Dollar, das „sicherstellte, dass die Vereinigten Staaten jeden ihrer Rivalen im weltweiten Flottenrüstungswettlauf übertreffen würden“.
Zur gleichen Zeit begann London auch ein ehrgeiziges Programm zur Erweiterung seiner Luftstreitkräfte und produzierte innerhalb von zwei Jahren 12.000 moderne Kampfflugzeuge. Frankreich startete ebenfalls ein großes Programm im Umfang von 12 Milliarden Francs zur Stärkung seiner Streitkräfte, von denen 9 Milliarden Francs für die Produktion von 4.700 neuen Flugzeugen vorgesehen waren. Nach dem Münchner Abkommen nahm auch Roosevelt eine härtere Haltung gegenüber Deutschland ein. Ende 1938 akzeptierte er eine französische Einkaufskommission, die bis zu 1.000 amerikanische Kampfflugzeuge erwerben sollte. Roosevelt sprach sogar davon, den westlichen Mächten bis zu 20.000 Flugzeuge liefern zu können. Gleichzeitig verhängte er einen Strafzoll von 25 Prozent auf deutsche Importe – eine Maßnahme, die in Berlin „als einer wirtschaftlichen Kriegserklärung gleichkommend“ angesehen wurde.
Deutschland blieb jedoch ebenfalls nicht untätig. Nach der Maikrise befahl Hitler eine erneute massive Aufrüstung, die Deutschland auf einen Krieg mit den westlichen Mächten vorbereiten sollte. Doch konnte die deutsche Wirtschaft diese Belastung überhaupt tragen? Bereits im Juni 1936 hatten Militärplaner eine Reihe von Ausbauprojekten entworfen, die der Wehrmacht bis Oktober 1940 insgesamt 102 Divisionen mit mehr als 3,6 Millionen Soldaten verschaffen sollten. So beeindruckend diese Pläne auch waren – sie hätten „die deutsche Wirtschaft bis an ihre Grenzen gedehnt“. Um eine Streitmacht von 102 Divisionen innerhalb von vier Jahren auszurüsten, wäre „eine enorme Beschleunigung der Militärausgaben“ erforderlich gewesen.
Wie General Friedrich Fromm erklärte, hätte allein das Heer jährlich 9 Milliarden Reichsmark benötigt – doppelt so viel wie zuvor für die gesamte Wehrmacht vorgesehen war. Selbst wenn ausreichende Devisen verfügbar gewesen wären – was höchst zweifelhaft war –, hätte das Rüstungsprogramm eine massive Erweiterung der Produktionskapazitäten erfordert. Gleichzeitig stellte sich die Frage, was mit diesen Kapazitäten geschehen sollte, sobald die Ziele der Wehrmacht erreicht wären. Die Fabriken hätten entweder auf zivile Produktion umgestellt werden müssen – zu hohen Kosten – oder sie hätten weiter Rüstungsgüter produziert und damit einen gewaltigen Überschuss erzeugt, es sei denn, die Wehrmacht befände sich tatsächlich im Krieg.
Nach der Maikrise von 1938 ordnete Hitler an, diesen gesamten Ausbauplan auf April 1939 vorzuziehen. Gleichzeitig sollte das Heer Vorräte anlegen, die für drei Monate Krieg ausreichen würden. Allein zwischen dem 25. und 31. Mai verdreifachte sich der zusätzliche Stahlbedarf des Heeres von 400.000 auf 1,2 Millionen Tonnen. Auch die Luftwaffe verpflichtete sich zu einem massiven Ausbauprogramm. Ihr Oberbefehlshaber Hermann Göring bestellte eine Flotte von nicht weniger als 7.000 Ju-88-Bombern. Diese Programme veränderten die Struktur der deutschen Wirtschaft grundlegend – auf Kosten des privaten Konsums, der stagnierte oder sogar zurückging. Zwischen März und Juli 1938 wurde der Stahl, der nicht für die Wehrmacht bestimmt war, um 25 Prozent gekürzt. Die wichtigste Wachstumsbremse der deutschen Wirtschaft blieb jedoch weiterhin „die äußere Begrenzung durch die Zahlungsbilanz“.
Trotz der enormen Belastungen betrachteten führende NS-Politiker wie Göring diese Anstrengungen als überlebenswichtig. Am 8. Juli erklärte er in einer großen Rede vor Vertretern der deutschen Flugzeugindustrie, Deutschland stehe möglicherweise vor einem „Weltkrieg“, in dem seine Gegner – Frankreich, England, Russland und Amerika – auf ein „gewaltiges Reservoir an Rohstoffen“ zurückgreifen könnten. Angesichts dieser Bedrohung stehe Deutschland nun vor der „größten Schicksalsstunde seit es eine deutsche Geschichte gibt“. Nach der Sudetenkrise im September 1938 kündigte Göring ein noch umfassenderes Aufrüstungsprogramm an, „gegenüber dem alle bisherigen Leistungen unbedeutend erscheinen“. Das Heer sollte weiter expandieren und verlangte nun für 1939 ein Viertel der gesamten deutschen Stahlproduktion – rund 4,5 Millionen Tonnen. Gleichzeitig plante die Luftwaffe eine Verfünffachung ihrer Stärke auf über 21.000 Kampfflugzeuge. Auch die Marine begann ein neues Programm, um mit der Royal Navy zu konkurrieren und bis 1948 eine Flotte von 797 Schiffen aufzubauen – zu Kosten von 33 Milliarden Reichsmark. Die infrastrukturellen Anforderungen dieser Programme wären enorm gewesen.
Nach Tooze war jedoch klar, dass diese Pläne „niemals eine Chance hatten, verwirklicht zu werden“, da sie die industrielle Leistungsfähigkeit Deutschlands massiv überschätzten. 1939 teilte die Reichsbank Hitler sogar mit, dass „Gold- oder Devisenreserven der Reichsbank nicht mehr vorhanden“ seien. Göring und Hitler riefen die Bevölkerung bereits dazu auf, „exportieren oder sterben“. Dennoch wurden Ende 1938 und Anfang 1939 die Rüstungsziele drastisch reduziert. Das grundlegende Problem war daher, dass Deutschland angesichts einer britisch-französischen Allianz – die nach der vollständigen Besetzung der Tschechoslowakei im März 1939 endgültig gefestigt war – und der Unterstützung der Vereinigten Staaten strategisch unterlegen war. Jede konventionelle strategische Analyse deutete darauf hin, dass Deutschland materiell unterlegen war.
Je länger Deutschland wartete, desto schlechter würden seine militärischen Aussichten werden. Gleichzeitig wusste Hitler im Sommer 1939, dass Deutschland „die größte und kampfbereiteste Armee Europas sowie die beste Luftwaffe“ besaß. Die Eroberung Polens erschien problemlos möglich. Nach Tooze ließ sich daher allein aus der Dynamik der Aufrüstung eine rationale Begründung für einen Krieg im Herbst 1939 ableiten. Wenn Krieg ohnehin unvermeidlich war – wie Hitler glaubte –, hatte die Wehrmacht wenig zu gewinnen, wenn sie wartete. Hitler entschied sich daher im September 1939 bewusst für den Krieg, obwohl er wusste, dass ein Angriff auf Polen höchstwahrscheinlich eine Kriegserklärung Großbritanniens und Frankreichs auslösen würde. Tooze widerspricht damit der Vorstellung, Hitler habe Polen angegriffen, ohne einen größeren Krieg zu erwarten. Da er diese Konsequenzen erwartete – warum handelte er dennoch? Nach Tooze lautet die Antwort: weil es nichts mehr zu gewinnen gab, wenn man wartete.
Wenig überraschend gelang der Sieg über Polen recht schnell. Das Problem war die Westfront. Kapitel 10, „Going for broke: the first winter of the war„, befasst sich vor allem mit den deutschen Planungen für diesen Krieg. Das strategische Dilemma war ja weiterhin ungeklärt: ein Krieg gegen Frankreich würde vermutlich einen Abnutzungskampf erfordern, für den Deutschland wirtschaftlich noch schlechter aufgestellt war als 1914, und der Kampf gegen Großbritannien erforderte den Aufbau einer starken Luftwaffe und Marine; auf beiden Feldern aber konnte Großbritannien durch seinen Vorsprung (vor allem bei der Marine) und seinen Zugriff auf die Ressourcen des Empire und, entscheidender, der USA zurückgreifen. Damit Deutschland Großbritannien überhaupt herausfordern konnte, brauchte es Zugang zur Kanalküste, sowohl für Marine- als auch Luftwaffenbasen.
Da die deutsche Armee aber kaum über Reserven verfügte, war die Frage nach einer Allokation von Ressourcen eine entscheidende. Tooze betont, dass die Wehrmacht nicht dem Klischee der Blitzkriegsarmee entsprach: die Panzertruppe war relativ klein und bestand weitgehend aus veralteten Modellen (Panzer I und Panzer II); für eine Aufrüstung standen nicht genug Ressourcen bereit. Hitler befahl deswegen einen konzentrierten Ausbau der Produktion von schwerer Artillerie – basierend auf den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs – und Munition.
Letztere befand sich in einer absoluten Produktionskrise. Die deutsche Wirtschaft war nicht in der Lage, genug Munition für einen längeren Krieg zu produzieren. Der Verbrauch der Wehrmacht lag deutlich höher als die Produktion, und die Vorräte waren sehr gering. Diese Munitionskrise wird von Tooze als Zäsur in der NS-Führung beschrieben. Nie wieder sollte ein ähnliches Problem auftauchen, weswegen es nötig schien, die Kriegswirtschaft umzustellen. Die Bürokratie wurde reformiert, und zahlreiche Zuständigkeiten wanderten von der Wehrmachtsbeschaffung zur neu gegründeten Behörde Fritz Todts. In den Ränkespielen innerhalb des NS-Staates verlor die Wehrmacht hier zentrale Kompetenzen zugunsten eines von NS-Personal besetzten Parallelapparats, der sich wiederum gegen andere Parallelautoritäten wie die Vier-Jahresplan-Behörde durchsetzen musste. Die einzige Chance bestand daher darin, einen schnellen Sieg im Westen zu erringen, der nicht in einen Abnutzungskrieg abglitt, und so Großbritannien zum Friedensschluss zu zwingen, bestand doch kein glaubhaftes Szenario, mit dem man das Inselreich militärisch besiegen konnte.
Dieser Feldzug wird in Kapitel 11, „Victory in the west – Sieg im Westen„, beschrieben. Der Krieg selbst verlief im ersten Jahr für die Wehrmacht außerordentlich erfolgreich. Die deutsche Armee errang spektakuläre Erfolge im Westen, besetzte eine Reihe europäischer Staaten – darunter vor allem Frankreich – und vertrieb die Briten innerhalb weniger Wochen vom Kontinent. Der Blitzsieg Deutschlands im Westen war ein erstaunlicher Coup, der den materiellen Kräfteverhältnissen zu widersprechen schien, mit denen das Dritte Reich zu diesem Zeitpunkt konfrontiert war – und die keineswegs eindeutig zu seinen Gunsten ausfielen.
Dies verführt leicht zu einer voluntaristischen Deutung der Ereignisse, in der Faktoren wie élan oder die „überlegene Kampfkraft“ der deutschen Truppen wichtiger erscheinen als ihre materielle Ausgangslage. Aus diesem Grund betrachtet Tooze den Westfeldzug als eine „große Herausforderung für jede ökonomische Analyse des Zweiten Weltkriegs“, insbesondere für seinen eher materialistischen Ansatz, der sich bewusst von solchen voluntaristischen Erklärungen absetzt. Daher widmet er ein eigenes Kapitel der Frage, wie es der Wehrmacht gelang, in ihrem Westfeldzug einen derart raschen Erfolg zu erzielen.
Eine mögliche Erklärung für Deutschlands erstaunlichen Erfolg im Westen lautet, dass das Land eine äußerst wirkungsvolle Strategie des Blitzkriegs eingesetzt habe – also einen hochgradig mechanisierten Militärapparat, der speziell für diese neue Form der Kriegführung geschaffen worden sei und sich deutlich vom zermürbenden Stellungskrieg des Ersten Weltkriegs unterschieden habe. Eine solche Deutung würde den Westfeldzug tatsächlich materiell erklären, insofern sie auf eine überlegene deutsche Streitmacht verweist. Zugleich würde sie jedoch Toozes These untergraben, dass Deutschland im Frühjahr 1940 keinen entscheidenden militärischen Vorteil gegenüber Großbritannien und Frankreich besaß. Deshalb unterzieht er zunächst die Blitzkrieg-Hypothese einer kritischen Prüfung, bevor er seine eigene Erklärung für den deutschen Sieg darlegt.
Weiter geht’s in Teil 4.


