Warum Hillary verlor, Teil 3: Warum sie nicht verlor

logo_general_fin_webEs gibt eine Reihe von Gründen, die von Verteidigern wie Kritikern von HRC gerne genannt werden um ihre Wahlniederlage zu erklären, die aber wenig Erklärungsgehalt haben. Ich möchte im nächsten Schritt der Analyse daher erläutern, welche dieser Faktoren – obwohl sie oft genannt werden – letztlich irrelevant für ihre Wahlniederlage waren, bevor wir zu den tatsächlich wichtigen Faktoren kommen.

Einer der meistgenannten Faktoren ist, dass sie einen schlechten Wahlkampf führte. Die Kritik lautet dabei in etwa wie folgt: Clinton hatte in katastrophales Messaging. Sie besuchte zwei der drei Staaten, die am Ende entscheidend sein sollten – Wisconsin und Michigan – in den letzten Wochen des Wahlkampfs nicht mehr. Sie tat zu wenig, um die Stimmen der weißen Arbeiterklasse zu gewinnen. Sie allokierte ihre Ressourcen nicht richtig. Sie äußerte sich despektierlich über die Trump-Wählerschaft. Und so weiter. Und so manches davon ist auch wahr. Wir müssen nur vorsichtig sein, das „gut“ und „schlecht“ Label bei der Bewertung von Wahlkämpfen einfach nur deswegen zu vergeben, weil jemand gewonnen oder verloren hat.

Was meine ich damit? Nehmen wir Trump. Hat er einen guten Wahlkampf gemacht? Keine Sekunde. Trumps Wahlkampf war schlechter als Clintons, er hatte nur Glück. Oder 2012. War der Wahlkampf Mitt Romneys schlecht, oder hatte er nie eine echte Chance? Oder McCain 2008? Wie gut war John Kerry? War Al Gores Wahlkampf schlecht, weil ihm die Wahl gestohlen wurde? Oder nehmen wir einen der einseitigsten Wahlkämpfe der jüngeren Geschichte, Bill Clintons Wiederwahlkampagne 1996. Die Republicans hörten seinerzeit effektiv auf, Wahlkampf für ihren Kandidaten Bob Dole zu machen, weil praktisch keine Chance gegen Clinton bestand. Lag das daran, dass der so brillant wahlkämpfte, oder waren strukturelle Faktoren im Spiel?

(Um das nicht nur als rhetorische Fragen hängen zu lassen, hier kurz die Auflösung: Obama machte zwei gute Wahlkämpfe, aber nur einer war entscheidend, 2012. 2008 hätte er schon argen Mist machen müssen um zu verlieren. Dazu machte McCain tatsächlich einen schlechten Wahlkampf (allein Sarah Palin bringt dieses Label), während Mitt Romneys Wahlkampf am ehesten mit dem von HRC vergleichbar ist: insgesamt kompetent, mit Fehlern, aber mittelmäßig. Kerrys Wahlkampf war nicht gut. Al Gore machte Fehler im Wahlkampf, sah sich aber auch ernsthaften strukturellen Problemen ausgesetzt – nicht zuletzt der Tatsache, dass das Wahlergebnis gestohlen wurde. Clinton genoss 1996 solch strukturelle Vorteile, dass bei auch nur halbwegs kompetenter Wahlkampfsführung der Sieg kaum zu nehmen war.)

Ich habe bereits gesagt, dass Trumps Sieg ein Zusammenkommen einer perfekten Kombination von Faktoren war, die teilweise in Clintons Macht zu verhindern gewesen wären und teilweise nicht. Das Wahlergebnis war trotzdem ungeheur knapp. Das zeigt, dass – angesichts der strukturellen Nachteile Clintons wie der Third-Term-Problematik und ihrer miesen Beliebtheitswerte – ihr Wahlkampf nicht komplett schlecht gewesen sein kann. Dies als Vorbemerkung.

Kommen wir damit zum ersten Faktor, der keine Rolle für die Niederlage gespielt hat. Von Clinton-Kritikern wird fast nichts so häufig genannt wie ihr Nicht-Besuchen von Wisconsin und Michigan in den finalen Wochen des Wahlkampfs. Doch die Wahlkampfauftritte von Politikern werden in ihrer Wirkung heillos überschätzt. Ja, ein Stadion voller jubelnder Menschen ist ein gutes Bild für Spots und Abendnachrichten, aber es ist nur anekdotischer Beweis. Das Romney-Team 2012 etwa ignorierte lange Warnhinweise und war auch deswegen vom eigentlichen Ausgang so überrascht, weil man die gefüllten Wahlkampfveranstaltungen in Staaten, die Obama dann (wie in den Prognosen vorhergesagt) gewann, als Indikator für seine Chancen nahm. Trump hatte selbst in Staaten wie New York, die Clinton spielend gewann, begeisterte Anhänger.

Tatsächlich kommen zu solchen Veranstaltungen ja nicht unentschlossene Wähler, die sich ein Bild vom Kandidaten machen wollen. Sie sind Instrumente zur Mobilisierung der eigenen Basis, und sie nehmen Zeit, Energie und Kosten in Anspruch. In einem Staat einen Auftritt zu halten, der am Kandidaten und seinen Finanzen zehrt, in dem man ohnehin gewinnt – wie alle Prognosen inklusive der internen Analysten BEIDER Wahlkampfteams es auch für Michigan und Wisconsin vorhergesagten – ist völliger Blödsinn. So etwas macht ein schlechter Wahlkampf, wie etwa der Trumps. Vor dem Wahltermin wiesen viele Beobachter daraufhin hin, dass dessen Auftritte in Staaten, die er entweder sicher hatte (im Süden) oder kaum eine Chance zu gewinnen (wie Wisconsin) Zeit- und Geldverschwendung waren. Und ohne den Umschwung in der Wahlwoche selbst hätten sie auch recht behalten, und jeder wüsste „natürlich“, dass Trump ob seiner offensichtlichen Fehler keine Chance hatte. Ich betone das immer wieder, aber Trump gewann TROTZ, nicht WEGEN seines Wahlkampfs.

Das Argument der Besuche in diesen drei Staaten lässt sich auch leicht entkräften. In Pennsylvania etwa hatte Clinton bis zuletzt Wahlkampfauftritte, und sie unterperformte ihre Umfragen dort um praktisch denselben Wert wie in Wisconsin und Michigan. Spielten die Auftritte eine Rolle, so hätte sie dort besser abschneiden müssen – was sie aber nicht tat. Umgekehrt hatte Clinton allein in Michigan 200 Vollzeitkräfte; wie im Wahlkampf generell war ihre Organisation in Michigan auf einem praktisch nie dagewesenen Niveau.

Wir sollten an dieser Stelle ohnehin kurz über die Organisation sprechen. Eine der Stärken Clintons war schon immer ihr Auge fürs Detail und ihre Bereitschaft, lang, ausdauernd und hart zu arbeiten. Ihre Kontakte zur Wallstreet und der Großwirtschaft, die ihr noch zum Verhängnis werden würden (wir kommen noch darauf zurück), brachten ihr das Geld, um diese Organisation auf die Beine zu stellen. Einer der Hauptgründe für meine eigene Sicherheit in der Prognose gegen Trump war, wie bei vielen anderen Beobachtern auch, gerade dessen katastrophal schlechte Organisation. Clinton hatte in jedem relevanten (d.h. gewinnbaren) Staat eine große Zahl Vollzeitkräfte, die auf dem aktuellsten Stand der Wahlkampftheorie waren (vor allem was direkte Wählerkontakte betraf). Allein in Wisonsin sprachen Clinton-Wahlkämpfer mit doppelt so vielen Wählern persönlich wie Trumps Leute. Die hervorragende Organisation Clintons, die sie teilweise auch von Obama geerbt hatte, glich viele ihrer anderen Nachteile aus.

Ich habe nun schon öfter die Prognosen erwähnt. Zu denen sollte man auch noch kurz ein Wort verlieren; die Prognosengenauigkeit zu kritisieren gehört ja zum billigen Repertoire jedes Hobby-Kommentators unserer Tage. Die Voraussagen haben einen besonders mit früheren Zeiten verglichen hohen Präzisionsgrad. Die Wahl 2016 war ungewöhnlich volatil. Aber die Voraussagen 2008, 2010, 2012, 2014 und 2018 waren ziemlich präzise (besonders 2008 und 2012) und hatten sehr viele Experten sehr blöd dastehen lassen, die aus Wahlkampfauftritten oder andekdotischen Diner-Gesprächen heraus verkündeten, dass die Umfragen falsch lägen. Und das hätte auch für 2016 gestimmt, wenn die nicht bereits erwähnten Umfragelücken und Last-Minute-Entwicklungen nicht gewesen wären. Man darf nie vergessen, wie überrascht Trump und sein Team davon waren, zu gewinnen – sie waren ebenfalls bis zur letzten Sekunde von einem Sieg von HRC überzeugt, und das nicht, weil sie den Mainstream-Umfragen glaubten, sondern weil ihre eigenen Experten ihnen dasselbe vorhersagten. Wenn also einer von sechs Umfragenzyklen bei einer Wahrscheinlichkeit von 80% danebenliegt, ist das genau das zu erwartende Ergebnis. Das Narrativ der unzuverlässigen Vorhersagen sollte daher endlich auf den Müllhaufen geworfen werden, auf den es gehört.

Schnell in Vergessenheit geraten ist bei allen Beobachtern der Benghazi-Untersuchungsausschuss. Die Republicans dachten, dass sie aus der Tragödie um die getöteten Angehörigen des Botschaftspersonals bei einem Anschlag in Benghazi würden politischen Weizen dreschen können. Sie inszenierten einen gewaltigen Untersuchungsausschuss und füllten ihre Partei-Presse mit reißerischen Berichten. Dass Clinton am Ende nicht wegen Benghazi verlor ist relativ klar, aber das stand damals bei weitem nicht fest: Es war vor allem Clintons überzeugende und wohl vorbereitete Performance in der 11-stündigen Marathonsitzung, die die Republicans inszenierten, die diese scheinbare republikanische Stärke in eine eigene verwandelte. Nie war Clinton so beliebt bei so großen Teilen der Bevölkerung, nie wirkte sie so präsidial wie hier.

Fragt man linke Kritiker Clintons, was der wichtigste Grund für ihre Niederlage war, erfährt man, wenig überraschend, dass sie nicht links genug im Wahlkampf war. Aber das ist nicht das Problem. Clintons Koalition war eine Weiterentwicklung von Obamas Koalition. Ihr Wahlkampfteam setzte darauf, Wähler aus den republikanisch geprägten Vorstädten abziehen zu können, um das Abwandern des weißen Mittleren Westens auszugleichen (ein Konzept übrigens, das 2018 bei den Midterms sehr erfolgreich aufging). In dieses Wahlkampfkonzept passen aber klassenkämpferische Töne nicht hinein. Man sehe sich nur die Bundestagswahl 2013 an, wo Peer Steinbrück an so einem tonalen Problem scheiterte. Die Frage, ob man nicht stattdessen wie Obama 2012 hätte mit eben solchen klassenkämpferischen Tönen eher den Mittleren Westen hätte umgarnen sollen, ist eine der politischen Präferenz. Entweder das eine oder das andere. Clintons Konzept war ein anderes, und es war grundsätzlich eines, das auf eine wachsende Wählergruppe setzte statt eine schwindende zu halten, also eigentlich zukunftsgewandt und relevant. Diese Entscheidung mag man aus den eigenen politischen Präferenzen heraus bedauern, aber sie ist nicht grundsätzlich schlecht.

Von der anderen Seite wird den Linken gerne vorgeworfen, dass sie mit ihrem harten Wahlkampf unter Bannerträger Bernie Sanders und ihrer Kritik an Clinton sie geschwächt hätten. Das ist genauso Unsinn. Bernie Sanders‘ harter Vorwahlkampf kostete Clinton mehr Ressourcen als vorgesehen, das ist richtig, aber er gab zugleich unschätzbar wertvolle Praxiserfahrung und Daten über Unterstützergruppen. Zwar ist es richtig, dass Sanders‘ Wahlkampf dafür sorgte, dass Clintons Establishment-Charakter und Wallstreet-Beziehungen herausgestellt wurden, aber anzunehmen, dass dies im Wahlkampf später unangesprochen geblieben wäre ist in höchstem Maße naiv.

Dasselbe gilt für die spätere Wahl selbst. Zwar wanderten einige Sanders-Anhänger ins Lager der Nichtwähler ab oder machten ihr Kreuz bei der Linksalternativen Jill Stein. Zwar investierte der russische Geheimdienst, wie wir heute wissen, erhebliche Ressourcen, Sanders-Unterstützer zur Wahl Steins zu bewegen und Clinton in diesem Umfeld madig zu machen. Zwar wechselten einige Bernie-Fans das Lager zu dem anderen Anti-Establishment-Kandidaten, Trump. Aber diese Faktoren spielen praktisch keine Rolle. Einige von Sanders‘ Anhängern unterstützten ihn aus genau demselben Grund wie sie später Stein unterstützten: weil sie dem Establishment nicht trauen. Diese Wähler hätte Clinton nie gehabt, ob mit oder ohne Bernie. Zwar wählten einige Sanders-Unterstützer nachher Jill Stein, aber deren Wahlergebnis war nicht ungewöhnlich hoch, jedenfalls nicht entscheidender als das des Libertären Johnson, der auf republikanischer Seite den einen oder anderen „wahren Gläubigen“ auf sich zog.

Zuletzt müssen wir uns den am häufigsten genannten Faktoren zuwenden, die für das Ergebnis nicht verantwortlich sind.

Das erste ist die viel bemühte economic anxiety, also wirtschaftliche Existenz- oder Abstiegsangst, die von den Kommentatoren besonders der Leitmedien wie New York Times ad nauseam bemüht wurde. In diesem Narrativ stellt die Wahl 2016 einen Aufstand der Arbeiterschicht dar, die, enttäuscht von der „neoliberalen“ Programmatik Obamas und Clintons, ihr Heil im Populisten Trump suchten, der sie und ihre „Sorgen und Nöte“ ernst nahm. Was für dieses Narrativ spricht ist, dass Clinton ihre größten Erfolge in den Regionen feierte, die wirtschaftlich erfolgreich sind, während Trump vor allem in den abgehängten Gebieten des Landes triumphierte.

Aber man muss vorsichtig sein, das nicht überzuinterpretieren. Die Wählerschaft Trumps verdient rund 20.000 Dollar im Jahr mehr als die Wählerschaft Clintons. Zwar leben viele republikanische Wähler in wirtschaftlich eher nicht relevanten Gegenden, aber das liegt nicht zwingend daran, dass sie arm sind. Dies trifft zwar manchmal zu – West Virginia ist hier ein gutes Beispiel -, hängt aber häufig eher an der republikanischen Stärke in den ländlichen Regionen. Hier werden nicht viele wirtschaftliche Werte geschaffen, die positiv ins BIP oder die Außenhandelsbilanz eingehen würden, aber das macht die Leute dort nicht zu armen Arbeitern.

Unter Menschen, die weniger als 40.000 Dollar im Jahr verdienen, hatte Clinton eine überdeutliche Mehrheit. Auch 2016 war die GOP eine Partei der Gut- und Bessersituierten, nicht der Blue-Collar-Arbeiter. Diese wählten mehrheitlich immer noch die Democrats. Wo sie das nicht taten, erfordert dies eine Erklärung – aber es handelte sich definitiv nicht um ein US-weites Phänomen, sondern um ein örtlich und, vor allem, kulturell klar eingrenzbares. Es wird deswegen bei der folgenden Untersuchung der Faktoren, die den Ausgang tatsächlich beeinflussten, zu untersuchen sein.

Obwohl häufig genannt, spielten die so genannten „identity politics“ 2016 keine entscheidende Rolle. Kritiker verstehen darunter, dass die Democrats zu sehr darauf beharrt hätten, dass Frauen und Minderheiten gleiche Rechte haben sollten und dass das Vergewaltigen von Frauen irgendwie nicht in Ordnung ist. Das habe die männlichen Wähler verschreckt, die sich dadurch in ihrer eigenen Identität angegriffen fühlten. Einmal abgesehen davon, dass es ein mehr als perveses und reaktionäres Argument ist, wird es durch die Wahlforschung auch nicht bestätigt. Nicht nur sind Identity Politics als großer, abturnender Faktor der Linken eine eingebildete Obsession der Leitartikler; viel mehr sind Identity Politics ein Phänomen von rechts. Es waren die Republicans, die diese Themen beharrlich aus Tablett brachten, und sie haben am Wahlergebnis nur wenig geändert, auf beiden Seiten des ideologischen Grabens. Dies war 2018 anders, aus Gründen, auf die wir um letzten Teil kommen werden.

Wo wir von kulturellen Faktoren sprechen, muss ein letzter Mythos der Wahl 2016 ausgeräumt werden: dass das Ergebnis sonderlich vom Rassismus Trumps und der GOP beeinflusst worden wäre. Das bedeutet nicht, dass Raassismus 2016 keine Rolle gespielt hätte. Trumps ganze Persona und die komplette Aufstellung der GOP ist durchtränkt von Rassismus und basiert auf der Mobilisierung weißer Wähler, besonders auf dem Land. Dabei werden rassistische Stereotype vor allem gegen zwei Gruppen in Stellung gebracht: Schwarze und Latinos. Üblicherweise verlegt sich die GOP dabei aber auf (mehr oder minder subtile) dogwhistle-Taktiken. Um etwa rassistische Instinkte gegenüber Schwarzen bei ihren Wählern wachzurufen, werden Worte wie „urban“ und „welfare“ (oder alternativ „entitlements„) in Stellung gebracht. Trump, in dessen Wörterbuch „subtil“ schlicht nicht vorkommt, übernahm dieses Framing etwa, indem er von „urban hellscapes“ sprach. Er war auch deutlich expliziter als seine republikanischen Kollegen darin, dass der Sozialstaat nur denjenigen offenstünde, die ihn verdienten – also Weißen.

Gegenüber Latinos hat die GOP eine schwierigere Vergangenheit. Unter George W. Bush stellte sich die Partei noch deutlich freundlicher gegenüber der Latino-Mehrheit auf, und sowohl 2008 als auch 2012 war eine der zentralen Lehren der Partei aus ihren Niederlagen, dass sie die Latinos mehr einbauen müssen, zumindest diejenigen, auf die der republikanische Konservatismus eine Anziehungskraft besitzt (was nach Schäzungen von GOP-Strategen auf rund 40% der Latinos zutrifft). Doch die Basis machte das nicht mit: grassierender Rassismus gegenüber dieser Minderheit zwang die Partei 2013 auf einen sehr feindseligen Kurs, der die auf Weiße ausgerichtete Mobilisierung der Partei bereits in den primaries 2015 erzwang und einer der ausschlaggebenden Faktoren für die guten Aussichten Clintons war. Es handelt sich hierbei um einen strukturellen Faktor, der unahängig von den jeweiligen Kandidaten wirkte (sowohl Trumps als auch Clintons).

Auch bei den Latinos machte Trump den bisherigen Subtext (man denke an Mitt Romneys Herumeiern um den Begriff der „self-deportation„, um nicht sagen zu müssen, dass man mehr Leute abschieben wolle) zu Text, indem er direkt bei deiner Antrittsrede davon sprach, dass die Mexikaner überwiegend Vergewaltiger und Drogendealer seien. Es zeigt allerdings die Radikalisierung der GOP bereits in den vergangenen 30 Jahren, die ich hier im Blog nachgezeichnet habe, dass selbst diese extremistischen Äußerungen keine signifikante Veränderung in der Wählerschaft mit sich brachten. Die Stimmen der Republicans waren 2016 auf direkten Rassismus angewiesen – nur war das 2012 und 2008 ebenfalls der Fall gewesen (wenngleich damals aus offensichtlichen Gründen mehr gegen Schwarze als Latinos). 2016 gab es keine signifikant höhere Mobilisierung der Rechten durch Rassismus als in den Jahren zuvor. Trump war und ist ein offener Rassist. Nur stört das keine Wähler der Partei mehr. Die Republicans sind die party of white supremacy, und sie mobilisieren damit zuverlässig ihre Basis.

Nur ist die Basis zu klein, um alleine dem republikanischen Kandidaten zum Sieg zu verhelfen. Die GOP ist eine Minderheitenpartei, und um als Minderheit zu siegen, brauchte es eine ganze Reihe weiterer Faktoren. Wir werden uns im Folgenden denjenigen unter diesen Faktoren zuwenden, die  zu neutralisieren in der Macht Clintons gestanden hätte – oder, um es prosaischer auszudrücken, den Fehlern und Schwächen von Clintons Kandidatur.

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  • Erwin Gabriel 6. Januar 2019, 11:23

    Hallo Stefan,

    Ich bin mal wieder unterwegs und habe nur kurz den Andang überflogen, schon standen die Nackenhaare hoch .

    Trump hatte „nur Glück“?

    Er hat, bevor er gegen Hillary antreten konnte, in den Primaries 15 teils harte Konkurrenten weggehauen, von denen jeder einzelne besser in der GOP verwurzelt war als er. Und selbst wenn er im regulären Wahlkampf um nur ein paar entscheide Stimmen an strategisch wichtigen Stellen vorne lag und bei den „popular votes“ sogar verlor, war er doch in etwa gleich stark.

    „Glück“ sieht anders aus.

    Sein Wahlkampf war – aus welchen Gründen auch immer – sehr erfolgreich. Mag sein, dass das letzte Prozent Glück war, aber das wäre es auch im Falle eines vergleichbar engen Clinton-Sieges gewesen.

    • Stefan Sasse 6. Januar 2019, 11:57

      Damit Trump gewinnt, muss 2016 jeder einzelne Faktor für ihn laufen. Und selbst dann verliert er das popular vote mit 2%. Dass das alles passt ist blankes Glück.

      • Erwin Gabriel 6. Januar 2019, 20:11

        @ Stefan Sasse 6. Januar 2019, 11:57

        Damit Trump gewinnt, muss 2016 jeder einzelne Faktor für ihn laufen. Und selbst dann verliert er das popular vote mit 2%. Dass das alles passt ist blankes Glück.

        15 GOP-Gegenkandidaten rausgekegelt – alles Glücksache. Ja, sicher …

        Die Wahrscheinlichkeit, dsas Dir etwas entgangen ist, liegt deutlich höher.

  • Stefan Pietsch 6. Januar 2019, 11:50

    Wie gesagt, informative Serie. Allerdings wären ein paar Quellenangaben hilfreich, genauso wie Erklärungen, wie Du zu bestimmten Bewertungen kommst. Was macht eine gute Wahlkampfführung aus wäre hilfreich um die Einschätzungen pauschal nachzuvollziehen.

    Zwischen Trump und Clinton gab es bei Wählern mit Einkommen über $100.000 praktisch keinen Unterschied, die Nachwahlforschung ergab Unterschiede von 1%, die im Rahmen der statistischen Fehlertoleranz liegen. Trump wiederum schmierte bei den unteren Einkommen nicht ab und hielt bei den Mittelklassewählern ($50.000-$99.000) gut mit.
    https://www.statista.com/statistics/631244/voter-turnout-of-the-exit-polls-of-the-2016-elections-by-income/

    Hier hat Hillary deutlich Boden gut gemacht gegenüber Obama, während sie Teile der Ärmeren an Trump verlor. Von den ärmsten wählten 10% weniger Clinton als zuvor Obama, von jenen darüber immer noch ein Minus von 6%.
    https://www.statista.com/statistics/631244/voter-turnout-of-the-exit-polls-of-the-2016-elections-by-income/

    Interessant ist auch, dass Trump im Vergleich zu 2012 nicht mehr Stimmen bei der weißen Mehrheitsbevölkerung holte, sondern bei den Schwarzen (sic!), den Latinos (sic! plus 2%) und dicke bei den Asian (von 26 auf 37 Prozent).
    https://www.statista.com/statistics/245878/voter-turnout-of-the-exit-polls-of-the-2012-elections-by-ethnicity/
    https://www.statista.com/statistics/631236/voter-turnout-of-the-exit-polls-of-the-2016-elections-by-race/

    Das passt nicht ganz zum Faden des Artikels.

    Es ist klar, dass sich die niedrigeren Einkommen eher außerhalb der overcrowded Areas finden und nicht in New York oder im San Fernando Valley, also genau dort, wo Clinton letztendlich die Wahlen verlor.

    • Stefan Sasse 6. Januar 2019, 11:59

      Ich schreibe im Artikel doch dezidiert, dass Rassismus keine besondere Rolle spielte; deswegen überraschen Schwarze und Latinos auch nicht. Letztere liegen übrigens auch im Bereich der Fehlertoleranz 😉

      Zum Thema Einkommen: https://www.washingtonpost.com/news/monkey-cage/wp/2017/06/05/its-time-to-bust-the-myth-most-trump-voters-were-not-working-class/?utm_term=.93165b16afca

      Was Kritieren für „guten Wahlkampf“ angeht versuche ich mal noch was zu liefern.

      • Stefan Pietsch 6. Januar 2019, 13:27

        Der Punkt ist, dass Trump sehr wohl eine Reihe von Punkten bei den einfachen Leuten gemacht hat. Er wirkt durchaus attraktiv auf diese Schichten. Wenn er bei denjenigen mit dem geringsten Einkommen 41:53 holt, dann ist das für einen Republikaner ein exzellentes Ergebnis. Du suggerierst jedoch dahinter eine Fabelgeschichte.

        • Stefan Sasse 6. Januar 2019, 13:45

          Moving-the-goalposts-fallacy. https://www.youtube.com/watch?v=KeswYJgf5mM Sammel sie alle!

          Mein Thema war: die Story, dass Trump besonders bei den Armen punktet, ist BS. Das ist nicht seine Base, das ist Hillarys Base. Wenn du sagst 41:53 sind für einen Republican toll, vielleicht (hab die Zahlen nicht überprüft), aber es hat mit meinem Argument nichts zu tun. Die Frage war nämlich nicht, ob Trump „für einen Republican“ in der Schicht besonders gut abschneidet, sondern ob er als Kandidat attraktiv für die ist. Und das ist er offensichtlich nicht über Gebühr. Genau das ist aber das Narrativ, das unter anderem du ständig raushaust (blue collar worker and all that). Und wenn es sich dann als falsch herausstellst, ging es plötzlich um was total anderes. I call BS.

          • Stefan Pietsch 6. Januar 2019, 14:43

            Du weißt, was ein Profil ist? Gut. Deine Story funzt nicht. Der Abstand von Hillary zu Trump bei den Einkommen 0-$50.000 ist überschaubar. Vorhanden, ja, aber nicht spektakulär. Das Profil beider Parteien, Du hast es selber betont, sagt etwas anderes. Trumps Vorsprung als Republikaner bei den über $100.000 liegenden Einkommen ist praktisch nicht vorhanden, dafür signifikante Gewinne bei den geringen Einkommen. Macht per Saldo Trump zieht bei Menschen mit geringem Einkommen und Nationalkonservativen in saturierten Stellungen.

            Reißen wir das noch nach Rassen auf, wird das überdeutlich. Da Trump weder bei Schwarzen noch den Latinos – den Gruppen, mit überdurchschnittlich hohem Anteil an Geringverdienern – nur wenig (Du sagst im Zufallsbereich) zugewonnen hat, muss er rein statistisch sehr stark bei weißen Geringverdienern gewonnen haben. Wir können das gerne noch anhand der Zahlen genauer beziffern. Ist aber reine Logik.

            Das ist meine Story. Hätte Trump bei den unteren über 50% geholt und dann auch noch bei den überdurchschnittlichen Einkommen, wäre es ein gradioser Wahlsieg geworden. Doch es ist nicht meine Story, das rechte Populisten für 45 oder mehr des Elektorats wählbar sind. Ich beziffere das regelmäßig mit 30-35 Prozent und günstige Bedingungen wie bei der Trump-Wahl mit der geringen Beteiligung können dafür sorgen, dass rechte Populisten gewinnen. Ich stimme Dir zu, selten, aber möglich. Auch Hitler ist – aus anderen Gründen – mit einer geringen Wahlbeteiligung auf 42% gekommen.

            • Stefan Sasse 6. Januar 2019, 14:47

              Ich verstehe ehrlich gesagt nicht wirklich, wo dein Konflikt mit mir liegt.
              – Clinton hat hauptsächlich in den Vorstädten gewonnen, einer früher traditionell republikanischen Schicht.
              – Trump hat hauptsächlich bei Weißen (aller Klassen) im Mittleren Westen zugewonnen, einer früher traditionell demokratischen Schicht.
              Diese Verschiebung war nicht symmetrisch, und dabei hatte Trump Glück. Dieses Glück war bereits 2018 nicht mehr im Spiel und wird, so Gott will, auch 2020 keine Rolle spielen.

              • Stefan Pietsch 6. Januar 2019, 15:29

                Ich habe kein Problem mit Dir, aber Deine Darstellung kehrt nach meiner Wahrnehmung ein Stück um, welchen Typus von Wähler Politiker wie Trump wirklich anspricht. Die rechte nationalistische Ideologie hat sowohl Appeal auf einfache Leute in ärmeren Verhältnissen wie auch auf nicht selten wohlhabende Nationalkonservative.

                Dazu wird bei der amerikanischen Persönlichkeitswahl der Typus noch von der Parteibindung mit beeinflusst. Viele Demokraten haben mit der Faust in der Tasche Clinton gewählt und umgekehrt. Bei Wahlen nennt sich das Parteibindung, bei anderen Organisationen wie Gewerkschaften, Kirchen, Sportvereinen halt anders.

                Ich finde Deine detaillierte Darstellung wie gesagt sehr interessant und ich bezweifle nicht die Verschiebungen in den Schichten. Und ich streite auch nicht dagegen, dass Trump günstige Umstände zur Hilfe gekommen sind. Das ist ja meine Story – gegen Trump, gegen AfD, gegen Front National: unter normalen Bedingungen können solche Formationen vielleicht ein Drittel der Wähler begeistern, das ist aber auch die Wall.

                • Stefan Sasse 6. Januar 2019, 18:59

                  Ja, da widerspreche ich dir gar nicht. Ich glaube wir sind uns nur in der Betonung des jeweiligen Aspekts nicht einig, weniger im generellen Bild. Mein Punkt ist auch eher: genauso wie Rassismus spielte Klasse keine übergeordnete Rolle als erklärender Faktor. 2016 ist auf beiden Feldern eine Fortschreibung eines mittlerweile dekadenlangen Trends.

  • Ralf 6. Januar 2019, 16:04

    Nehmen wir Trump. Hat er einen guten Wahlkampf gemacht? Keine Sekunde.

    Trump hat einen sehr ordentlichen Wahlkampf gemacht. Andernfalls hätte er weder die republikanische Nominierung noch die Präsidentschaft gewonnen. Klar hatte er auch Glück. Insbesondere dass sich die Establishment-Lane der GOP auf politisch unglaublich dumme Art und Weise zersplitterte und damit selbst zerlegte. Selbst ein hervorragender Wahlkämpfer hätte unter normalen Bedingungen nämlich schlicht aus strukturellen Gründen keine Chance gegen das Parteiestablishment (das sieht man z.B. an Bernie Sanders). Und so war Trump in gewisser Weise ein Abstauber, der von den haarsträubenden Fehlern anderer profitierte. Aber es bedarf nichtsdestotrotz einer hervorragenden Wahlkampfstrategie, um diese Fehler zu nutzen. So hat z.B. niemand die Social Media, insbesondere Twitter, so erfolgreich für seine Kampagne genutzt. Das war preiswert, benötigte keine größere Infrastruktur oder Organisation und erwies sich als extrem effektiv. Weder HRC noch ein anderer Kandidat der GOP hat das so ausgezeichnet hinbekommen. Auch die Strategie die Medien konstant mit neuen Skandalen zu füttern, war hocherfolgreich. Ein bereits vor 2015 extrem skandalumwitterter Kandidat wie Trump hätte in einem normalen Umfeld keine Chance gehabt auch nur die GOP-Nominierung zu erlangen. Noch 2012 war das so. Erinnern wir uns etwa an Herman Cain, dessen politischer Höhenflug jäh endete, als ein Skandal aus langer Vorzeit bekannt wurde. Ein Kandidat wie Trump konnte nur in einem Umfeld gewinnen, in dem seine potentielle Wählerzielgruppe für solche Dinge praktisch keinerlei Aufregungsvermögen mehr besaß. Die Strategie des permanenten Skandals, die die amerikanische Wählerschaft Stück für Stück desensibilisierte, war insofern essentiell für den Sieg des Immobilienmoguls und politisch hocheffektiv. Sie nahm auch den Politikern des Establishments ihren Hauptvorteil weg. Romney war 2012 z.B. zwar langweilig und bei der Basis ungeliebt, aber am Ende war er der einzige Politiker, der nicht moralisch beschädigt war und den man „vorzeigen konnte“. 2016 war all das nichts mehr wert. Die Strategie des permanenten Skandals zwang auch die bothsiderisch orientierten Medien zur fortwährenden Kriminalisierung Clintons und zog die Beliebtheitswerte der Demokratin damit immer weiter in den Keller. Ob Trump das detailliert so geplant hat oder ob die Strategie ein Zufallsprodukt seiner chaotischen Natur und seines Charakters war, sei dahingestellt. Für die Frage der Wirksamkeit und Qualität seiner Kampagne ist das völlig unerheblich. Auch andere Elemente seiner Wahlkampfführung mögen uns zwar kindisch vorkommen, waren aber hocheffektiv, etwa die Moniker, die er seinen Gegnern zu verpassen pflegte. Sein „Low Energy-Jeb“, „Little Marco“ oder „Lying Ted“ hatten einen unübersehbaren Einfluss das Image dieser Konkurrenten in der Öffentlichkeit zu prägen und war entscheidend an deren Niedergang beteiligt. Niemand hätte damals gedacht, dass eine solch kindische Strategie aufgehen würde. Donald Trump belehrte uns eines besseren. Aber der wichtigste Faktor, und hier hat Trump als Wahlkämpfer herausragende Arbeit geleistet, war dass es dem TV-Star gelungen ist, praktisch die gesamte Medienberichterstattung auf seine Person zu bündeln. Das schnitt allen Konkurrenten inklusive Hillary Clinton später die Luft ab. Man mag Trump für die Art, mit der er das bewerkstelligte, verachten. Man mag die Medien schimpfen. Aber ohne diese massive Medienstrategie würden die Republikaner heute nicht im Weißen Haus sitzen. Und diese Medienstrategie ging wirkmächtig auf die politischen Instinkte Donald Trumps zurück. Zu sagen der heutige Präsident hätte einen schlechten Wahlkampf geführt, ist absurd und historisch schlecht analysiert.

    War Al Gores Wahlkampf schlecht, weil ihm die Wahl gestohlen wurde?

    Die Auszählung ist damals gestoppt worden. Ob Al Gore die Wahl tatsächlich gestohlen wurde, ob er also tatsächlich mehr Stimmen hatte als sein Konkurrent, ist bis heute umstritten.

    Das erste ist die viel bemühte economic anxiety, also wirtschaftliche Existenz- oder Abstiegsangst, die von den Kommentatoren besonders der Leitmedien wie New York Times ad nauseam bemüht wurde.

    Untersuchungen zeigen, dass weltweit Rechtspopulisten dort besonders erfolgreich sind, wo Verarmung durch Globalisierung besonders heftig zugeschlagen hat. Das gilt für den mittleren Westen der USA ebenso wie z.B. für den brexitbegeisterten Norden Großbritanniens. Allerdings scheint das Phänomen komplexer zu sein, als man in der simpelsten Form („wirtschaftliche Verlierer wählen rechts“) annehmen könnte. Vielmehr ist es so, dass die, die Zukunftsangst haben, rechts wählen. Also diejenigen, denen es heute noch gut geht, die sich aber auf der Verliererstraße wähnen. Die die nicht glauben, dass ihre Kinder noch eine Zukunft haben werden. Mit der Einschätzung liegt das Heer der bildungsarmen Weißen in abgehängten Regionen des Landes, das den Kern der Core-Wählerschaft Trumps bildet, im übrigen auch garnicht daneben. Deshalb ist es falsch zu erklären, Existenz- oder Abstiegsängste hätten keine oder nur eine untergeordnete Rolle beim Wahlsieg des Hotelmoguls gespielt. Das Gegenteil ist richtig.

    Obwohl häufig genannt, spielten die so genannten „identity politics“ 2016 keine entscheidende Rolle.

    Auch hier liegst Du falsch. Der Wahlkampf der Demokraten war von Geschichten geprägt, wie der Kampf darum, welches Geschlecht welche Toilette benutzen darf oder wer an Halloween welches Kostüm tragen darf. Für 98% der Bevölkerung sind diese Auseinandersetzungen hochgradig irrelevant. Gerade in den ärmeren Schichten haben die Leute oft zwei oder gar drei Jobs und können immer noch nicht ausreichend Essen für ihre Familie auf den Tisch bringen. Die Menschen haben kein Verständnis dafür, wenn Luxusprobleme einer winzigen Minderheit zur Kernbotschaft der Wahlkampagne gemacht werden. Sowas beeindruckt vielleicht die College-Kids an den Eliteuniversitäten der Ost- und Westküste. Aber für die Wählerschaft Michigans, Wisconsins oder Pennsylvanias ist das ein Demobilisierungsprogramm. Und genauso ist das auch wahrgenommen worden.

    spielten die so genannten „identity politics“ 2016 keine entscheidende Rolle. Kritiker verstehen darunter, dass die Democrats zu sehr darauf beharrt hätten, dass Frauen und Minderheiten gleiche Rechte haben sollten und dass das Vergewaltigen von Frauen irgendwie nicht in Ordnung ist. Das habe die männlichen Wähler verschreckt

    Dieses Statement ist eine Unverschämtheit!

    Ich bin z.B. ein Kritiker von Identity Politics. Dennoch weise ich entschieden zurück, dass ich mich für mehr Diskrimierung und Vergewaltigung einsetze oder durch Gleichberechtigung verschreckt würde.

    Wo wir von kulturellen Faktoren sprechen, muss ein letzter Mythos der Wahl 2016 ausgeräumt werden: dass das Ergebnis sonderlich vom Rassismus Trumps und der GOP beeinflusst worden wäre. […] Die Stimmen der Republicans waren 2016 auf direkten Rassismus angewiesen – nur war das 2012 und 2008 ebenfalls der Fall gewesen […] 2016 gab es keine signifikant höhere Mobilisierung der Rechten durch Rassismus als in den Jahren zuvor.

    Na und? Deshalb hat Rassismus und das Appellieren an die niedersten Instinkte seiner Wählerschaft beim Erfolg Trumps doch trotzdem eine riesige Rolle gespielt. Ein Faktor wird doch nicht unbedeutend, nur weil er in Vorjahren bereits auch schonmal bedeutend gewesen war. Und dass Rassismus nochmal so ziehen würde bei der Wählerschaft, war im übrigen unklar. 2012 hätten die meisten sogar in der GOP widersprochen. Romneys „Self-Deportation“-Aussage galt damals als schwerwiegender Fehler. Als einer der Hauptgründe für die verlorene Wahl, weil sie den Republikanern den Zugang zur wachsenden Latinoschicht versperrte. Trump erkannte (oder profitierte unbewusst davon), dass man mit blankem Rassismus eben doch noch Wahlen gewinnen konnte. Und er wob das in seinen Wahlkampf sehr geschickt ein. War das ekelhaft? War das schändlich? Klar! Aber es war politisch hochgradig erfolgreich. Und somit war Rassismus als Kernelement des Trump’schen Wahlkampfs ein ausserordentlich wichtiger Faktor.

    • Erwin Gabriel 6. Januar 2019, 20:35

      @ Ralf 6. Januar 2019, 16:04

      Finde ich plausibler als Stefan Sasses Beitrag.

      Nach dem, was ich während des Wahlkampfes in den US-Medien mitbekommen habe, ist Trump ein Meister des „Dog Whistle“ – und er hat sich eine Ebene weiter vorgearbeitet als die meisten anderen Politiker und Journalisten.

      Ich hatte das vor geraumer Zeit als Beispiel:

      Trump sagte im Wahlkampf, dass er 10 Mrd. Dollar schwer sei, und seinen Wahlkampf alleine finanzieren könne. Er werde als Präsident niemandem etwas schuldig sein.

      Daraufhin analysierten viele Kommentatoren das Trump’sche Vermögen, und kamen (wenn ich mich recht erinnere) auf Zahlen von 2,5 bis 4,x Mrd. Dollar – keiner kam auch nur ansatzweise auf 10 Mrd.

      Die reichen Trump-Fans verstanden, dass sie mit einer „normalen“ Spende keine Verpflichtung erreichen können. Die wenig- und normalverdienenden Trump-Fans verstanden, dass das immer nocht locker ausreicht, um den Wahlkampf selbst zu finanzieren, und dass mit Trump ein unabhängiger Kandidat in das Weiße Haus einziehen könnte. Die Demokraten verstanden, dass Trump mal wieder übertrieben oder gelogen hat, aber nicht, warum die GOP-Wähler das nicht einsehen wollen.

      Auch wer sich ein bisschen m it den asiatischen Mentalitäten näher beschäftigt, versteht, dass dort eine gehörige Portion Rassismus zu finden ist: Chinesen, Japaner, Inder, Vietnamesn, Koreaner (in der Regel überdurchschnittlich fleißig und entsprechend erfolgreich) lassen sich ungerne mit Farbigen oder Mexikanern in einen Topf werfen. Wenn also, wie Stefan Pietsch darlegt, bei den asiatischstämmigen Wählern ordentlich zugelegt wurde, scheint für mich der Punkt „Rassismus“ vielleicht nicht das einzige, aber doch ein recht wirksames Moment zu sein.

      Die Latinos wiederum, die legal in den USA leben, werden auch nur ungerne in den gleichen Topf wie die illegalen mexikanischen Zuwanderer geworfen. Ähnliche Effekte sind hier in Deutschland erkennbar; bei meinem Arbeitgeber gibt es zwei Türken und einen Palästinenser, die sich über schlechtes Benehmen von Flüchtlingen tierisch aufregen. Begründung: „Wir werden unvermeidbar in den gleichen Sack gesteckt.“

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