Check your privilege

Der US-Präsident ist verpflichtet, dem Kongress Rechenschaft abzulegen. Seit Jahrzehnten hat sich die Norm etabliert, dass dies in einer Rede vor den Kammern geschieht, der „State of the Union“-Rede. Sie ist stets ein Beweihräuchern der eigenen Leistungen bei maximalem Kontrast mit dem Zustand, in dem man das Land aus den Händen der gegnerischen Partei übernahm. Diese antwortet dann in einer vorgefertigten Rede und erklärt, wie schrecklich alles ist und wie viel besser es früher war. Die Rede dieses Jahr war ein groteskes Schauspiel. Nicht so sehr wegen dem, was Donald Trump gesagt hat – er las eine belanglose Rede auf gelangweilte Art vor – sondern wegen der Reaktionen darauf. Die Leitmedien, ob Print oder TV, reagierten geradezu euphorisch. Trump hatte eine Rede gehalten ohne abzuschweifen, jemanden zu beleidigen oder kompletten Humbug zu erzählen. So präsidentiell! So erwachsen! So normal! Wie toll. Das hielt natürlich nicht einmal 24 Stunden, denn am darauffolgenden Morgen stellte sich heraus, dass Generalstaatsanwalt Jefferson Beauregard III. Sessions bei den Anhörungen im Kongress über seine Kontakte nach Russland gelogen hatte. Die Shitshow der Trump-Regierung geht also genauso weiter wie sie bisher lief: inkompetent, voller Widersprüche und immer mit Volldampf voraus. Aber darum soll es hier und heute überhaupt nicht gehen. Denn die Reaktionen der professionellen Beobachterszene – von CNN zu Fox, vom Wallstreet Journal zur New York Times – zeigen eine Abgehobenheit, eine nicht einmal wahrgenommene Privilegiertheit, die hier im Blog bereits einmal thematisiert worden ist. Trumps Rede aber bietet einen hervorragenden Praxisfall dafür.

Denn während Chris Wallace auf Fox News mit Gravitas erklärt, dass die beeindruckende Leistung Trumps, während einer halbstündigen Rede niemanden zu beleidigen – eine Messlatte, über die mein vierjähriger Sohn mit Regelmäßigkeit zu springen vermag -, ihn nun „zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gemacht“ habe, und Expertenpanels auf CNN und Leitartikler in den großen Zeitungen dasselbe verkündeten, gehen die Planungen im West Wing weiter:

  • Trump forderte jüngst die Einrichtung einer Behörde zur Untersuchung von Verbrechen, die von Migranten verübt wurden.
  • Zusätzlich forderte er nun eine weitere Behörde, die Verbrechen von Ausländern gegenüber einheimischen Frauen untersuchen soll.
  • Die Einwanderungsbehörde (ICE) bricht geltendes Recht, reißt Familien auseinander und wird von Trump explizit in die militärische Sphäre gehoben, als würde sie eine Art Guerilla- oder Bürgerkrieg führen („military operation„).
  • Das Justizministerium nimmt sich komplett aus der Sicherung der Minderheitenrechte heraus.
  • Die Regierung beschränkt arbiträr die Einreiserechte von Bürgern muslimischen Hintergrunds. So wurden etwa Khizir Khan, der Trump während des DNC Parteitags wortgewaltig kritisierte, „die Reiseprivilegien gestrichen“ – das ist eine Sprache, die man eher im DDR-Beamtenapparat vermutet als im Land of the Brave and the Free.

Das ist nur ein kleiner Ausschnitt der Marschrichtung dieser Regierung. Gewichtig zu erklären, das fehlerfreie Vortragen einer Rede, die andere ihm geschrieben haben, qualifiziere Trump nun dazu, sich als offizieller Repräsentant der gesamten Bevölkerung zu fühlen, ist nur möglich, wenn man durch das eigene Privileg von diesen Entwicklungen völlig abgehoben ist.

Chris Wallace, Wolf Blitzer, Jake Tapper und wie die immergleichen weiß-männlichen Gesichter heißen, die die Berichterstattung auf sämtlichen großen TV-Kanälen dominieren, haben völlig andere Maßstäbe an eine „Normalisierung“ Trumps. Ihre Reaktionen zeigen deutlich, dass die Vorwürfe ihrer Kritiker wahr waren: nicht Rassismus, Sexismus und proto-faschistische Maßnahmen sind ihr Problem. Ihr Problem ist der Stil. Solange Trump salbungsvolle oder doch wenigstens unprovizierende Worte findet, ist ihre Theaterkritik befriedigt. Man frage einmal die Latino-communities in Arizona, ob sie sich durch Trumps fehlerfreien Vortrag einer vorgefertigten Rede sicherer oder akzeptierter fühlen.

Dieser krasse Gegensatz, dieses Ignorieren der Probleme und Themen jeden Bevölkerungsteils der nicht der WASP-Elite angehört, wird noch dadurch verstärkt, dass es jedes Mal aufs Neue passiert. Jedes Mal tut Trump irgendetwas Bösartiges, Illegales, Dummes, und wird kritisiert. Dann redet er wie ein normaler Mensch, und die WASP-Kommentatoren fallen über ihre Füße um Trump für die Selbstverständlichkeit zu loben, einen absoluten Grundbestandteil seines Jobs für 20 Minuten fehlerfrei erfüllt zu haben. Bis zum nächsten Mal. Und es gibt immer, immer, immer ein nächstes Mal. Man darf gespannt sein, ob Tapper, Wallace und Blitzer das in den nächsten vier Jahren irgendwann einmal begreifen.

{ 9 comments… add one }

  • CitizenK 7. März 2017, 09:54

    Das ist nicht nur ein Problem der WASPs in den USA. Schwächer, aber auch in den Medien hierzulande war das so. Pfeifen in dunklen Keller? Nicht-Wahrhaben-Wollen-was-ist? Stockholm-Syndrom?

    Wenn die Medien die Pfeiler sind, auf denen die Demokratie steht (und das sind sie) dann ist hier noch eine Menge Reparatur nötig.

  • Floor Acita 7. März 2017, 10:09

    Volle Zustimmung! Was ich besonders „amüsant“ fand, war, dass die gleichen Leute einfach eine Pressemeldung übernommen hatten, nach der Trump frei von der Leber weg reden würde („he’ll speak from his heart“) – sie sagten nicht „das White House / Trump Vertraute haben uns gesagt er würde…“ sondern „Trump intends to speak…“ – einige meinten sogar nach der Rede, das habe er getan. Die Ironie ist kaum zu überbieten, sind seine bekannten Attitüden, die Beleidigungen, die endlosen Wiederholungen von nonsense, seine wilden Tweets mitten in der Nacht und seine Faszination mit der eigenen Person doch alle authentisch und „from his heart“, wogegen diese Rede eindeutig mittelmäßig vom Prompter abgelesen war und mit Sicherheit nicht von Trump (allein) verfasst wurde…

    Es offenbart ein grundlegenderes Problem wenn John King auf CNN als Antwort auf Sara Murrays Beschwerde die Presse wäre von der Trump Administration gespielt/manipuliert worden fragt „Heißt das wir sollen in Zukunft eine Stellungnahme eines hochrangigen Regierungsvertreters nicht mehr einfach so glauben?“ (und meine Übersetzung klingt mehr nach Ironie, es war keine).

    Das grundsätzliche Problem mit diesem Herangehen sehe ich darin, dass sich das overton window immer weiter verschiebt. Im Moment ist es chic Leute vom Schlage eines George Bush, Lindsey Graham, Sarah Palin und abgeschwächt sogar Ann Coulter und Phil Robertson als „moderat“ oder auch „reasonable“ zu bezeichnen. Wenn eine fehlerfrei vorgetragene Rede ihn nun plötzlich ernst und präsidentiell erscheinen lässt, wer garantiert mir, dass sollten die Republikaner in der Zukunft Adolf II. „The American“ Hitler aufstellen, der mit der Losung „Let’s make America hate jews again“ erfolgreich war, die gleichen Reporter nicht plötzlich Dinge sagen werden wie „erinnert ihr euch noch an Trump, Conway und sogar Steve Bannon? Das waren ja noch ganz vernünftige Leute“…

    Das Problem mit Trump ist, dass er zu allererst und vor allem ein Betrüger ist, jemand der seine offensichtlichen Schwächen erfolgreich verstecken konnte und jetzt seinen größten Coup begeht, so viel wie möglich finanziell aus dem Job rauszuholen. Alles andere ist zweitrangig. Das kann mal bedeuten, dass er andere regieren lässt, das kann mal bedeuten er macht etwas völlig unerwartetes, aber solange er jedes Wochenende ins Mar-a-Lago abtauchen kann – was den Steuerzahler Millionen kosten wird und vor seinen Buddies mit world leadern angeben kann ist das ganze Ding für ihn ein Erfolg. Das grundsätzlich nicht zu erkennen, geschweige denn auszusprechen ist das eigentliche Problem. Solange man sich so gegenseitig bei der Stange, anstatt verantwortlich, halten kann muss man sich nicht mit realen Problemen „der Welt da draußen“ beschäftigen.

    David Brooks hat gegen Ende des Vorwahlkampfs geschrieben „I’ve slipped into a bad pattern, spending large chunks of my life in the bourgeois strata — in professional circles with people with similar status and demographics to my own. It takes an act of will to rip yourself out of that and go where you feel least comfortable. But this column is going to try to do that over the next months and years. We all have some responsibility to do one activity that leaps across the chasms of segmentation that afflict this country.“ Mal abgesehen von den Privilegien die aus diesen Zeilen allein sprechen, wie viel ist von diesen Vorsätzen geblieben..?

    • Stefan Sasse 7. März 2017, 10:17

      Es bezog sich immer nie auf Minderheiten und ähnliches, nur Leute, mit denen man immer übereinstimmt hat, für deren Gesellschaft man sich aber immer zu fein war.

  • Ant_ 7. März 2017, 11:19

    Ich finde die Kritik sehr angemessen, und möchte dazu noch eines draufsetzen: Die Vertauschung von Stil/Agitation/politischen Forderungen, die weder etwas mit der Realität zu tun haben, noch umzusetzen sind, ist die einzige Art, wie die Medien überhaupt über die Republikaner berichten können, ohne dabei extrem parteiisch zu wirken. Die absolute Blokadehaltung der Reps gegen Obama hat dafür gesorgt, dass es nicht mehr um wirkliche Veränderung, sondern um lautes und überzeugtes Brüllen geht – das ist in den letzten Jahren belohnt worden, und darüber ist berichtet worden. Das Resultat kommentiert Krugman m.M.n. vollkommen korrekt, „a party not ready to govern“: https://www.nytimes.com/2017/03/06/opinion/a-party-not-ready-to-govern.html?partner=rss&emc=rss
    Wenn man jetzt als Medien den inneren Anspruch hat, beide Seiten gleich darzustellen, dann MUSS man über Stil usw. reden, weil Perfomanz ziemlich eindeutig ist – facts have a liberal bias.

    • Stefan Sasse 7. März 2017, 12:44

      Mein nächster Artikel wird sich exakt mit dem Problem beschäftigen, aber ich wollte den hier sauber halten und auf dieses Thema fokussieren.

  • Ralf 8. März 2017, 06:03

    Grundsaetzlich stimme ich Dir zu.

    Aber es gibt einen wichtigen zusaetzlichen Punkt zu bedenken. Die amerikanischen Medien hatten schon immer panische Angst davor parteiisch zu erscheinen. Und im gegenwaertigen Umfeld, in dem ihnen vom Praesidenten persoenlich offene und feindselige Parteinahme vorgeworfen wird, wird das Dilemma noch groesser. Nicht zuletzt deshalb duerften die Medien auf jede Gelegenheit anspringen die Trump-Administration auch einmal positiv darzustellen, wenn sich dieses auch nur halbwegs anbietet. Wird etwa der New York Times der Vorwurf gemacht negativ voreingenommen ueber Sessions‘ Luege vor dem Senatsausschuss zu schreiben, kann die Zeitung auf ihre positive Berichterstattung bezueglich Trumps Rede am Vortag verweisen. Und so fair und ausgewogen scheinen …

    (nicht dass ich persoenlich dieses Verhalten der Medien angemessen finde, aber ich glaube es erklaert zumindest teilweise warum die Berichterstattung so ist wie sie ist)

    • Stefan Sasse 8. März 2017, 09:53

      Definitiv! Auch das will ich im nächsten Artikel ansprechen, denn unsere Medien haben dasselbe Problem in abgeschwächter Form ja auch.

  • techniknoergler 10. März 2017, 14:00

    „weiß-männlichen Gesichter“

    Die etablierten Medien in den USA sind abgehoben und vom Rest des Volkes entkoppelt, da stimme ich zu. Sie sind es sowohl von demjenigen Teil der wie auch immer definierten Minderheiten, wie auch der (oh Schreck) weiß (und nicht nur männlichen) Nicht-Akademiker sowie Mittelamerika. Diese Fixierung, dies alles nur auf ein „die sind ja weiß und männlich“ zurückzuführen, zeigt jedoch die Filterbubble und Abgehobenheit einer privilegierten akademischen Mittelschicht, wie hier repräsentiert vom weiß-männlichen Stefan Sasse.

    Man gewinnt an Gewissen Aspekten der Formulierung fast den Eindruck, es sei ein Ekel gegen weiß-männlich entwickelt wurden.

    PS: Hier zwei Videos zur ekelbasierten Moral:

    https://www.youtube.com/watch?v=CYEu73fOPHY
    https://www.youtube.com/watch?v=mHNBCO8WMIE

  • techniknoergler 10. März 2017, 14:03

    Der Teil der wie auch immer definierten Minderheiten, die in den Medien repräsentiert werden sowie im akademischen Milieu herum spuken, sind ebenfalls von den Problemen ihrer nicht-akademischen Counterparts entkoppelt.

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