Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ erhalten ausführlichere und thematisch gegliederte Hinführungen zu verschiedenen Artikeln aus den Weiten des Netzes dar. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels empfohlen; ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Zusammenfassungen. Für den Bezug in den Kommentaren sind nummerierte Zwischenüberschriften eingezogen, bitte auf die referieren. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.
Fundstücke
1) Klimaschutz
Das Bundesverfassungsgericht hat das Klimaschutzprogramm 2023 für verfassungswidrig erklärt und wesentlich einschneidendere Klimaschutzmaßnahmen gefordert. Ich habe schon länger prophezeit, dass das so kommen wird. Einerseits sind die deutschen Klimaschutzmaßnahmen offensichtlich unzureichend, um die propagierten Ziele zu erreichen; die Politik sagt dies ja auch offen (weswegen das BVerfG nicht eben auf unsicherer Beweislage ruht). Andererseits steht das Ganze in einem offensichtlichen Ziel- und Normenkonflikt. Ein Zielkonflikt, weil gleichzeitig Schuldenbegrenzung und massive Klimaschutzmaßnahmen ohne Steuererhöhungen erreicht werden sollen, ein Normenkonflikt, weil einschneidende Maßnahmen in einer möglichst freiheitlichen Grundordnung geschehen sollen. Das ist die Quadratur des Kreises.
In der Welt schreibt Axel Bojanowski vor allem unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten: solange der Rest der Welt nicht mitziehe, würden deutsche Maßnahmen nur zu Industrieabbau führen. Ich halte das für zu kurz gesprungen, denn Klimaschutz und Wirtschaftswachstum schließen sich nicht automatisch aus, auch Klimaschutz und energieintensive Branchen sind, wenn man die Energie denn „grün“ gewinnt, kein Widerspruch. Ich halte seine These, es sei „zerstörerisch, daraus ein verfassungsrechtliches, nationales Prinzip abzuleiten, anstatt das Klimaproblem in globalen Verhandlungen zu lösen – als spieltheoretisches Problem ist es anders gar nicht lösbar“ für pure Fantasie. Es wird niemals globale Verhandlungen geben, in denen alle Staaten verbindlich eine Einigung treffen. Aktuell schon gleich dreimal nicht, denn wir verabschieden uns von jener wertebasierten Weltordnung, die dafür erforderlich wäre; unter dem Beifall der Welt übrigens. Wer also effektiven Klimaschutz auf eine globale Einigung verschiebt, der sagt nur, dass er keinen will. Dass das ein derzeit unlösbares Problem ist, steht auf einem anderen Blatt.
2) CDU und LINKE
In der ZEIT hat Nora Zabel (ich habe mit ihr im Podcast gesprochen) einen Grundsatzartikel veröffentlicht, in dem sie für ihre Heimat Mecklenburg-Vorpommern die CDU auffordert, sich gegenüber der LINKEn zu öffnen und eine Koalition in Betracht zu ziehen. Angesichts der Mehrheitsverhältnisse seien das durch die CDU-Beschlüsse ausgeschlossene Blau-Schwarz und Rot-Schwarz-Rot vermutlich die einzigen Alternativen. Sie begründet dies ausgerechnet mit Adenauer: dessen kompromisslose Haltung gegenüber der fünften Kolonne aus Moskau 1952 überträgt sie auf die heutige AfD, die genauso Handlanger Moskaus sei wie die damalige SED, während die heutige LINKE sich in den Jahren der Regierungsbeteiligung abgeschliffen und zu einer normalen linken Partei gemausert habe, mit der man sich einigen könne (und Schwesig als Konservative mit Verwurzelung im Land (!) blocke den Rest erfahrungsgemäß eh).
Die CDU steht tatsächlich vor einem Scheideweg. Sie hat nur drei Optionen: Neuwahl bis der Arzt kommt, eine Koalition mit der LINKEn als schwächstem Glied oder einer Koalition mit der AfD als stärkstem Glied und Ministerpräsidenten. Dass keine dieser Optionen attraktiv ist, ist auch Nora klar, die das im Artikel auch entsprechend ausdrückt. Aber nur eine dieser Optionen ist demokratieverträglich. Egal, wie abscheulich man sie auch finden mag.
3) Nathan der Weise in einfacher Sprache
Nachdem wir letzthin diskutiert haben, ob es zwingend das schriftliche Dividieren braucht, sind wir jetzt bei Nathan dem Weisen angelangt, dem berühmten Lessing-Drama. Die FAZ weiß im Untergang-des-Abendslandes-Modus darauf hinzuweisen, dass das auch in der Oberstufe zunehmend in einfacher Sprache unterrichtet werden würde. Ich kenne persönlich zwar niemanden, der das tun würde, aber ich würde niemals die penible Recherche der FAZ infragestellen. Was ich weiß ist, dass wir jahrelang in der 11. Klasse Nathan unterrichtet haben und vorletztes Jahr als Fachschaft beschlossen haben, es sein zu lassen. Der Text ist einfach sprachlich zu schwer. Die Schüler*innen verstehen einfach nicht, was da steht. Ich lasse einfach mal kurz dieses Beispiel da:
Tempelherr.
Mein frommer, lieber Mann! gebt Euch zufrieden.
Deswegen komm ich nicht; deswegen will
Ich nicht den Patriarchen sprechen. Noch,
Noch denk ich über jenen Punkt, wie ich
Gedacht, und wollt‘ um alles in der Welt
Die gute Meinung nicht verlieren, deren
Mich ein so grader, frommer, lieber Mann
Einmal gewürdiget. Ich komme bloß,
Den Patriarchen über eine Sache
Um Rat zu fragen …
Klosterbruder. Ihr den Patriarchen?
Ein Ritter, einen Pfaffen?
(Sich schüchtern umsehend.)
Tempelherr. Ja; die Sach‘
Ist ziemlich pfäffisch.
Klosterbruder. Gleichwohl fragt der Pfaffe
Den Ritter nie, die Sache sei auch noch
So ritterlich.
Tempelherr. Weil er das Vorrecht hat,
Sich zu vergehn; das unsereiner ihm
Nicht sehr beneidet. Freilich, wenn ich nur
Für mich zu handeln hätte; freilich, wenn
Ich Rechenschaft nur mir zu geben hätte:
Was braucht‘ ich Euers Patriarchen? Aber
Gewisse Dinge will ich lieber schlecht,
Nach andrer Willen, machen; als allein
Nach meinem, gut. Zudem, ich seh nun wohl,
Religion ist auch Partei; und wer
Sich drob auch noch so unparteiisch glaubt,
Hält, ohn‘ es selbst zu wissen, doch nur seiner
Die Stange. Weil das einmal nun so ist:
Wird’s so wohl recht sein.
Da sind Neologismen aus dem 18. Jahrhundert drin, Wortspiele, deren Grundlage heute niemand mehr kennt, Ideen und Konzepte, die schlichtweg eine große Breite an Hintergrundwissen erfordern. Dazu ist es natürlich eine lyrische Sprache. Ich muss wissen, was „die Stange halten“ heißt, was ein „Pfaffe“ ist. Und selbst ich lese die eingangs hier zitierte Ansprache des Tempelherrn zwei- oder dreimal, ehe ich sicher bin, was der von mir will. Wir haben versucht, neue Zugänge zu finden, aber das Ding ist einfach, die Schüler*innen haben die nicht. Ich kann das natürlich weiter im Unterricht besprechen und so tun, als hätten sie es deswegen verstanden oder etwas davon mitgenommen. Aber das tut leider nicht viel.
4) Kanada in die EU
In der Welt findet sich ein Plädoyer, Kanada in die EU aufzunehmen. Ich nehme das mal als eine literarische Zuspitzung und weniger als eine reale Forderung. Ich kenne diese Art von Argumentation noch, als es hieß, man solle Israel wegen seiner westlich-demokratisch-liberalen Orientierung in die EU aufnehmen, das war genauso virtue signalling wie jetzt mit Kanada und ungefähr genauso nachhaltig. Worin Valentin Weimer aber Recht hat ist, dass die EU engere Verbindungen zu Ottawa suchen sollte. Das muss ja nicht in Form eines EU-Beitritts sein, der ob der geografischen Verhältnisse auch albern wäre, aber die Kooperation innerhalb der NATO, das Nutzen der speziellen Verbindung mit dem UK und engere Handelsbeziehungen helfen ja alle und sind ein Win-Win.
5) Die moralische Dimension der Epstein-Files
Alan Posener stellt in der Welt die Frage, ob die Epstein-Files nicht ein Beleg für toxische Männlichkeit seien, die wir zu wenig im Griff haben. Besonders eine Frage, die er aufwirft, finde ich sehr bedenkenswert: Empören sich viele nicht auch nur deswegen so ohne eigene Schuld, weil sie nicht mächtig genug waren, eingeladen zu werden? Also quasi: was hättest du, lieber Mann, getan, wenn du die Möglichkeiten gehabt hättest, die Epstein Trump, Gates und Musk einräumte? Er denkt diesen unangenehmen Gedanken ziemlich konsequent und erwähnt in einem Nebensatz etwas, das mir besonders auffällt: dass wir vielleicht so viel besser als die muslimischen Männer eben nicht sind. Das würde in diesem Kontext auch Sinn machen: denn die westlichen Männer sind eben weitgehend im besten Sinne machtlos: sie haben keine Gewalt mehr über die Körper von Frauen, anders als dies muslimische Männer tun. Möglicherweise wäre also weniger die überlegene liberale Kultur, sondern vielmehr die rohe Macht entscheidend. Ein unangenehmer Gedanke.
6) A propos Muslime
Im letzten Welt-Artikel für dieses Vermischte äußerst sich Poseners Kollege Till Reimer zur Integrationsdebatte: scharf greift er all jene an, die immer noch mit grobem Pinsel und undifferenziert alle Muslime beleidigen; emphatisch erklärt er, dass der Islam selbstverständlich zu Deutschland gehöre. Gleichzeitig wehrt er sich aber gegen simple Dichothomien und verortet die Mehrzahl der Muslime in der „konservativen Mitte“, wodurch natürlich eine Prämisse angelegt wird, die dem eigenen Selbstbild entgegenkommt, aber mit der Realität auch ungefähr so viel zu tun hat wie grüne Multi-Kulti-Vorstellungen aus den 2000er Jahren. Ich glaube, auch mit diesem Versuch einer konservativen Vereinnahmung ist der Sache wenig geholfen; genauso lange wie Multi-Kulti gibt es ja das gegenläufige Luftschloss, dass die Muslime ein Wählendenreservoir sein könnten, das problemlos an christdemokratische Milieus andockbar ist (weil Familienwerte und so). Man muss diese Leute einfach als Muslime ernstnehmen, die eine eigene Identität haben, statt immer zu hoffen, dass sie sich in nicht allzuferner Zukunft in in Lokalkolorit getauchte Versionen des eigenen Lagers wandeln werden.
Resterampe
a) Der Leiter von Yad-Vashem erklärt, dass Antisemitismus mittlerweile verbindendes Element aller Extreme sei. Links, Rechts, Islamistisch, egal. Weil wir letzthin die Debatte hatten.
b) Die Skandale von Katharina Reiche würden bereits für drei grüne Minister*innen reichen. Merkwürdig still ist es da bei Springers.
c) The End of the Nuclear-Arms-Control Era. Tom Nichols hat sehr differenzierte und informierte Gedanken zu den aktuellen außenpolitischen Desastern der Trump-Administration.
d) Reza Pahlavi – der Moderator des Übergangs. Es ist schon ein bisschen sich reimende, ironische Geschichte, dass die Springerpresse für einen neuen Schah Pahlavi trommelt. Ich habe inhaltlich nichts zu sagen, mangels Sachkenntnis.
f) Sales of A SONG OF ICE AND FIRE surpass 100 million. Verdientermaßen.
g) Wait but Why hat eine interessante Taxonomie der amerikanischen Wählendenschaft heute.
h) BBC hat was zu einem Typen, der in China im Hotel Sex hatte und drei Wochen später das Video davon auf einer Pornohomepage gefunden hat. Dieses Land, echt.
Fertiggestellt am 06.02.2026


