Ich habe ein neues Format ausprobiert, bitte teilt mir mit, was ihr davon haltet.
Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ erhalten ausführlichere und thematisch gegliederte Hinführungen zu verschiedenen Artikeln aus den Weiten des Netzes dar. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels empfohlen; ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Zusammenfassungen. Für den Bezug in den Kommentaren sind Zwischenüberschriften eingezogen, bitte auf die referieren. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann. Alle Beiträge sind üblicherweise in der Reihenfolge aufgenommen, in der ich auf sie aufmerksam wurde.
Fundstücke
Deutschlands Moral in Afghanistan
Die FAZ berichtet unter der Überschrift „Als Richter verurteilte er Taliban – jetzt soll er zurück zu ihnen“ darüber, wie Afghanen, die während der ISAF-Mandats mit der NATO zusammenarbeiteten, nun nicht nach Deutschland gelassen werden. Das Verhalten der Bundesregierung in Bezug auf die Leute in Afghanistan, die uns jahrelang auf unserem Einsatz unterstützt haben, ist einfach nur widerlich. Nicht nur, dass man Leuten, deren Leben bedroht ist, weil sie damals auf unserer Seite standen, nicht Asyl zu bieten bereit ist (und wo wäre es angebrachter als hier?). Selbst solchen Menschen, die bereits, teils seit Jahren, eine Zusage hatten und den zermürbenden Warteprozess der deutschen Bürokratie durchlebten (welch bessere Vorbereitung für eine Integration in Deutschland kann es geben?) werden nun um diese Zusage betrogen, damit die Regierung sich als harter Hund in Migrationsfragen profilieren kann. Das ist einerseits ein gigantisches moralisches Versagen: wir haben diesen Menschen Zusagen gemacht, und sie haben uns vertraut und im Vertrauen auf uns ihr Leben riskiert. Es ist aber auch realpolitischer Irrsinn. Es geht um einige hundert Menschen; das fällt in Deutschland nicht einmal auf. Würde man blanko allen Betroffenen die Einreise ermöglichen, reden wir von einigen tausend. Eine Belastung stellt das kaum dar. Es sendet aber ein Signal an die ganze Welt. Wenn wir einmal wieder auf die Zusammenarbeit einer lokalen Bevölkerung vertrauen wollen, wenn wir wieder einmal für Demokratie und Freiheit einstehen wollen, werden wir ziemlich alleine dastehen.
Feinde der Freiheit
Indessen sind auch in Deutschland die Feinde der Freiheit weiter auf dem Vormarsch. Der Antisemitismus ist erneut hoffähig geworden, ein Phänomen, in dem sich die Deutschen über alle politischen Lagergrenzen hinweg deprimierend einig zu sein scheinen. Der Präsident des Zentralsrats der Juden, Josef Schuster, warnt jedenfalls in einem Interview in der Jüdischen Allgemeinen vor den katastrophalen Zuständen und fordert einen „Aufstand der Anständigen“. Ich fürchte nur, dass dieser ausbleiben wird. Ein Grund dafür liegt sicher auch in der präzedenzlosen Polarisierung dieser Frage, vor allem über den unsäglichen Gazakrieg, über dessen innenpolitische Dimensionen Ariane und ich letzthin im Podcast gesprochen hatten. Für die Bürgerlich-Rechten ist der Antisemitismus vor allem ein Knüppel, um die Linken zu schlagen, und die ducken sich weg und leugnen das Phänomen und jede Verantwortung rundheraus, während umgekehrt der Anstieg des Antisemitismus im rechtsradikalen Lager weitgehend ignoriert wird. Wie umfassend das Phänomen inzwischen ist, zeigt sich auch daran, dass bereits affiliierte Kreise in die Spirale des Hasses gezogen werden: so berichtet etwa der Tagesspiegel über einen Anschlag auf den brandenburgischen Antisemitismusbeauftragten. Die Delegitimierung des staatlichen Schutzes von Minderheiten schreitet massiv voran. Ein Rechtsstaat kann aber nicht funktionieren, wenn es No-Go-Areas gibt oder bestimmte Identitätsmarker nicht getragen werden können, ohne dass mit Gefahr für Leib und Leben zu fürchten ist.
Schulpolitik
Sicher nicht in Gefahr ist indessen das Christentum in Bayern. Dort ignorieren zahlreiche Schulen, wie News4Teachers berichtet, das mittlerweile nicht mehr taufrische Bundesverfassungsgerichtsurteil, das das plakative Aufhängen von Kruzifixen verbietet. Wir erinnern uns; ein liberaler Staat muss sich religionspolitisch neutral verhalten. Die Partei von Recht und Ordnung verweigert sich dem; das von ihr geführte Kultusministerium sagt effektiv, paraphrasierend, dass man das Urteil ignoriere, bis man gezwungen werde. Da man die Landespolizei praktischerweise mit führt, ist es eher unwahrscheinlich, dass an dieser Stelle etwas geschieht. Positivere Schulnachrichten bekommen wir aus Niedersachsen: beim selben Portal wird unter der Überschrift „Podcasts statt Klausur: Wie der Weg zum Abitur künftig aussehen soll“ berichtet, dass die Abiturrichtlinien alternative Prüfungsformate beinhalten sollen. Nicht nur das: auch soll eine größere Wahlfreiheit der Schüler*innen bei den Fächern ermöglicht werden. Die üblichen Reflexe sind zu beobachten, wenn die CDU vor einem Niveauverlust warnt. Das Risiko dafür besteht natürlich grundsätzlich. Der reflexhaften Warnung aber liegt die Fehlannahme zugrunde, dass nur, weil Schüler*innen im Unterricht physisch anwesend sind, diese auch die Lernziele erreichen. Tatsächlich macht es durchaus Sinn, eine stärkere Konzentration auf Stärken zuzulassen, wenn – und das ist ein dickes Wenn – dem auch ein entsprechender Lernzuwachs gegenübersteht. Das deckt sich, worauf das Land Niedersachsen zurecht hinweist, auch mit den Maßgaben der Kultusministerkonferenz.
Deutschlands Niedergang und Chinavergleiche
Alles redet gerade davon, dass in Deutschland nichts vorangeht, aber für Anton Jäger, der einen Gastbeitrag in der New York Times unter der Überschrift „Europe Is in Decline. Good.“ veröffentlicht hat, sind die Vergleiche etwa mit China wenig hilfreich. Er argumentiert, dass wir uns auf uns selbst konzentrieren und in der Mittelmäßigkeit einrichten sollten. Er verwirft dazu die üblichen Rezepte von links wie rechts und spricht sich für ein Loslassen von moralischen Kategorien im Umgang mit China aus. Nicht jeder verlorene Vergleich, so Jäger, sei gleich ein Problem. Vielleicht dachte er dabei auch an solche Artikel, wie sie Adrian Geiges in der Welt veröffentlicht hat. Unter dem Titel „Die Legende vom grünen China“ beklagt er, dass die Fortschritte Chinas bei den Erneuerbaren Energien und dem Abschied von fossilen Brennstoffen aus Eigeninteresse erfolgen würden und nicht zur Rettung des Klimas. Das Witzige daran ist, dass genau die, die sonst immer gegen Moralisierung und Werte wettern, nun plötzlich entdecken, dass nicht nur Resultate wichtig sind, sondern auch die richtige Haltung dahinter. Mir doch völlig wumpe, ob Xi ein grünes Gewissen hat, solange es in die richtige Richtung geht! Hier sieht man auch einmal mehr die fehlende wirtschaftspolitische Kompetenz in Deutschland, in dem Sinne, als dass überhaupt keine betrieben wird. Man ist vor lauter Moralisieren und Aufstellen von Denkverboten überhaupt nicht in der Lage, eine eigene, sinnvolle zu entwickeln. Kein Wunder, dass so krude Ideologen wie Trump dieses Feld dominieren können.
Resterampe
a) In Politico finden wir die Forderung, dass die Democrats einen „Tech-Sceptic“ für 2028 aufstellen. Ich lasse das mal für Ralf da, für den ist das sicher Wasser auf den Mühlen.
b) In der ZEIT indessen findet sich ein lesenswerter Artikel zur Brandmauer. Ebenfalls die AfD betreffend ist ein Paper der DGAP zur AfD-Außenpolitik, das diese politikwissenschaftlich unter die Lupe nimmt und dabei einige mehr als beunruhigende Tendenzen aufzeigt; ich möchte hier vor allem darauf verweisen, dass ich nicht sehe, wie eine CDU hier auf Bundesebene koalitionsfähig sein soll. Das ist dasselbe Problem wie mit SPD und LINKEn. Im Spiegel bietet Nikolaus Blome einen alternativen Blick auf die Umfrageergebnisse. Unter der Überschrift „Dieser Stillstand will uns etwas sagen“ mutmaßt er, dass die Bürger*innen gerade vor allem abwarten und sehen wollen, wie sich die Regierung entwickelt, weil die Umfragen sich praktisch nicht bewegen. Er ist wohl ein Berufsoptimist.
c) Wer den Weg auf Twitter nicht scheut, kann über eine billige, aber trotzdem lustige Gegenüberstellung schmunzeln oder sich mit wundern, was europäische Bauern und Bäuerinnen sich alles rausnehmen können.
d) Historisch interessierte (Thorsten?) finden bei Public History Vienna etwas zum Mythos des Tiger-Kampfpanzers.
e) Die Arbeitsbedingungen von Lehrkräften spielen einmal im im letzten Vermischten bereits angesprochenen Abstandsgebot eine Rolle, das in einem Artikel von News4Teachers erklärt wird. Erste Bundesländer erkennen die Realität bereits an und bilden Rückstellungen für mögliche Nachzahlungen. Die leidige Frage, wie viel Lehrkräfte eigentlich arbeiten, wird in einer neuen Studie untersucht; das relevanteste Ergebnis für mich ist dabei gar nicht die absolute Zeit, sondern dass „die reine Unterrichtszeit macht nur noch ein Drittel der Arbeitszeit aus”. Das ist das größte Problem: zu viel Kram, der nicht das Kerngeschäft ist. Vor allem die Korrekturen und der administrative Teil sind ein Graus.
f) Wie lange ich diese Kolumne nicht mehr geschrieben habe erkennt man daran, dass ich Artikel zu Weihnachten noch nicht verlinken konnte: die Welt hat einen amüsanten Artikel dazu, „Als Weihnachten verboten wurde“ und einen weniger amüsanten, weil ziemlich abseitigen, über die „Die Lüge von Jesus, dem Palästinenser“ Nicht, dass die Kritik an dieser Idee ein Problem wäre; das ist genauso albern wie der mitteleuropäische Jesus. Ich habe diesen Unfug nur noch nie von irgendwem gehört. Mir scheint das mal wieder so ein Kulturkampfding zu sein, in dem irgendeine Aktivistensplittergruppe ein Plakat aufgehängt hat, es über Rechtstwitter verteilt und dann in den Redaktionsräumen der Welt aufgegriffen wurde. Ähnlich selbstreferenziell ist man mit „Warum Jette Nietzard als Polit-Influencerin gerade alles richtig macht“. Man könnte auch schreiben: „Wir fallen voll auf ihre Tricks rein. Die würde niemand interessieren, wenn wir nicht drüber schreiben würden. Lesen Sie hier, wie Sie sich auch aufregen können, weil wir drauf reinfallen.“ Wen interessiert Jette Nietzard? Die existiert nur, weil sich Springers darüber aufregen.
g) Indessen schafft sich die Presse in den USA selbst ab. Der vorauseilende Gehorsam von CBS und Konsorten steht der willfährigen Selbstgleichschaltung vieler Institutionen im NS leider in nichts nach, und das umso mehr, als die Bedrohungslage bei weitem nicht so groß, Widerstand also viel weniger riskant wäre.
h) Letzthin hatten wir es noch von den chinesischen Bussen und wie ungeschickt es von einem Staatskonzern ist, chinesische Busse zu kaufen statt die lokale Wirtschaft zu fördern. Im Telegraph findet sich nun ein Bericht, dass in London, wo ebenfalls chinesische Busse gekauft wurden, Killswitches entdeckt worden sind. Es ist einfach so bescheuert.
i) Unterhaltsam im wahrsten Sinne des Wortes ist die Akquise von Warner durch Netflix, wodurch auch HBO an den Streaminganbieter fällt. Alan Sepinwall beschreibt in der NYT, dass Netflix gut daran täte, von HBO zu lernen, statt dem Sender das Format von Netflix aufzudrängen. Vermutlich werden die Vorstände das nicht machen, weil sie Innovation und Kreativität gegenüber Sicherheit und Markt zurückstecken, aber die Hoffnung wäre, dass wenigstens HBO weitermachen kann wie bisher.
Fertiggestellt am 14.01.2026


