Anders als Steuersenkungen soll die Abschaffung bürokratischer Hemmnisse den Staat kein Geld kosten. So zumindest erklären es seit einigen Jahren Regierungspolitiker von links bis rechts. Aber nichts in dieser Welt ist kostenlos und es ist nur zu bedauern, dass der Staat jahrzehntelang Milliarden an Steuergeld für den Aufbau von Bürokratie verwendet.
Bürokratie entsteht durch Bürokraten. Bürokraten sind Menschen, die nicht an der Front arbeiten, also keine, die mit Kunden Geschäfte abschließen, mit Zulieferern Einkaufskonditionen verhandeln, Produkte entwickeln und die Logistik organisieren. Sie sind prinzipiell Ballast und im wesentlichen ein Kostenfaktor. Der legendäre Daimler-Manager Jürgen Schrempp nannte die Verwaltung in Stuttgart plakativ „Bullshit Castle“. Bürokraten suchen sich einen Daseinszweck und der besteht darin selbstreferenzielle Vorschriften für ihre Mitmenschen zu entwickeln, um sich der eigenen Wichtigkeit zu versichern. Doch es ist ganz erstaunlich, wenn als erstes nach einem unternehmerischen Meteoriteneinschlag wie einer Insolvenz die Bürokraten verschwinden und die Produktiven zurückbleiben.
Der Staat verfügt über ganz besonders viele Bürokraten, die meist als Beamte ihren Dienst tun. Sie sind keine Polizisten, Richter, Lehrer, sondern arbeiten in Finanzämtern, in Rathäusern oder gleich dem größten Bullshit Castle der Welt, bei der EU-Kommission in Brüssel. Der Staat ist in Deutschland der einzige Sektor, der in den letzten zehn Jahren seine Beschäftigung deutlich ausgeweitet hat. Allein in diesem Jahrhundert nahm die Zahl der Staatsdiener um 0,7 Millionen (+15 Prozent) auf 5,4 Millionen zu. Spoiler: Der Zuwachs findet sich nicht bei Polizei und Lehrern.
Staatsdiener, die nicht direkt für den Bürger arbeiten, beschäftigen sich wie die Bürokraten in Unternehmen mit dem Schaffen von Regelungen und damit Bürokratie. Und entsprechend wuchs die Gesetzeslawine, unter der inzwischen alle begraben werden, die nicht für den Staat arbeiten. Allein für die Bauwirtschaft wurden die Bauvorschriften um den Faktor 5 auf 20.000 erhöht, die meisten davon für Energieeffizienz, Klimaschutz und Mietpreisgestaltung. Nun leben die Deutschen energieeffizient und klimaschonend in den nichtgebauten Wohnungen und versuchen mit Mietpreisbremsen und Enteignungsforderungen dem letzten Bauherrn den Garaus zu machen. Die Geschichte von den Schildbürgern.
Die vielen Staatsfreunde meinen auf einen Trick gekommen zu sein, wie sich die Beamten schonen lassen und die Bürokratie erhalten, in dem Bürokratieabbau simuliert wird. Jede der unzähligen Vorschriften müsse durch eine Behörde auf ihre Sinnhaftigkeit abgeklopft werden. Wenn deutsche Satiresendungen nicht zu den größten Fans des Staates zählen würden, wäre allein der Ansatz bereits eine geniale Vorlage für die heute-show. Preisfrage: Wieviel Beamte würde es benötigen, allein die abertausend Bauvorschriften nach ihrem Nutzen zu bewerten? Lisa Paus, die fachlich etwas unterbelichtete grüne Familienministerin der schmählich gescheiterten Ampelregierung, gab dazu eine Idee. Allein um die familienpolitischen Leistungen, die Kinder betreffen, bürgerfreundlich administrieren zu können, benötigte sie nach Einschätzung ihres Ministeriums eine neue Behörde mit 5.000 Beamten. Auf die Idee, einfach sämtliche Leistungen zu streichen und sie durch einen einzigen Pauschbetrag im Sozial- wie Steuerrecht zu ersetzen, kam die Linke nicht. Wahrscheinlich hätte es zu viele Staatsdiener arbeitslos gemacht.
Angst vor Eigenverantwortung und Lebensrisiko bemisst sich an der Anzahl der Vorschriften. Die Mitbloggerin Ariane brachte es auf den Punkt:
Hygienevorschriften und Leute, die die Einhaltung kontrollieren, sind auch nur solange der letzte Rotz, (und Antikorruptionsvorschriften, um Schmu zu vermeiden), bis man mal sowas wie den BSE-Skandal hat und auffällt, dass Lebensmittelsicherheit ganz cool ist.
Natürlich, es ist ja bekannt, dass Bauern und Fleischereien kein Eigeninteresse an Hygiene haben. Bei einer Infektion schlachtet man einfach die ganze Herde und baut sich eine neue auf. Besser lässt sich der beschränkte Blick der Deutschen nicht zusammenfassen. In den USA gibt es nicht mehr Umweltskandale, obwohl der Staat deutlich weniger reguliert. Bürokratische Regeln werden einfach durch hohe Klagerisiken für Umweltschädiger ersetzt.
Die Bürokratie in Schach zu halten und zurückzustutzen, ist immer eine Führungsaufgabe. Auch wenn Fachkenntnisse unabdingbar sind, können Politiker naturgemäß nicht über so viel Wissen verfügen, dass sie jede Norm in ihrem Fachbereich tatsächlich bewerten können. Es ist mit Sicherheit kein Zufall, dass die Bürokratie in Zeiten wuchert, wo im Bundestag und den Landesparlamenten immer mehr Politiker sitzen, die außer einem Langzeitstudium meist keinerlei nennenswerte Berufserfahrung vorweisen können. Mit solchen Politikern fährt die Verwaltung Schlitten. Die fachliche versierte Bärbel Bas, selbst ein Kind der Verwaltung, führt die Union regelmäßig bei den Gesetzesentwürfen zur Rente und Bürgergeld vor, wo die eigentlich Aufsicht führenden Fachpolitiker nicht merken, wenn ihnen Regelungen untergeschoben werden, die nicht durch den Koalitionsvertrag gedeckt sind.
Schilda ist inzwischen überall: Betreiber einer gewerblichen Küche müssen umfangreiche Regeln beachten. Die Hygienevorschriften verlangen, dass dort, wo Lebensmittel verarbeitet werden, die Flächen glatt sind, damit sich keine Bakterien ablagern können. Das gilt auch für die Fliesen in der Küche. Problematisch wird es für Gastronomen, wenn sich in ihren Küchen Köche und Hilfskräfte herumtreiben, was ja manchmal vorkommen soll. Dann kommt die Arbeitsstättenverordnung hinzu, wonach in Arbeitsbereichen die Böden rau gefliest sein müssen, um Arbeitsunfälle zu vermeiden. Sollten Sie in Deutschland also Gastronom sein, beschäftigen Sie lieber die Wanderratte Rémy aus dem Disney-Film Ratatouille. Sie hält ihnen eine Fülle von staatlichen Kontrolleuren vom Hals.
Jede dieser Vorschriften hat ihre Berechtigung. In Summe erwürgen sie jede Eigeninitiative. Politiker sind dafür gewählt zu entscheiden, welche Priorität genießt. Und die Bürger müssen aushalten, wenn ihnen gesagt wird, dass es für ihr schlechtes Essen leider keine passende Gesetzesnorm gibt.
Bürokratieabbau ist nur mit der Kettensäge eines Milei erfolgreich. Schließlich betrachtet sich ein Gärtner auch nicht jede Pflanze in seinem Wildwuchs. Und was wäre auch der Unterschied, würde man die Bauvorschriften auf den Stand des Jahres 2000 zurücksetzen? Weniger Energieeffizienz in nicht gebauten Wohnungen ist sicher schlechter als Billigwohnungen, die nicht zehnmal gedämmt sind. Außer man sieht Obdachlosigkeit als Beitrag zum Klimaschutz.



Ich fände es besser, den Polit-Diskurs der 80er referenzieren statt Milei.
Ich schreibe nun länger dazu, weil ich mich oft damit beschäftige. Zu Argentinien verstehen viele Leute in Deutschland nicht mal die basics, neigen aber zu starken Meinungen äussern die dann triumphalistisch. Die beiden Volkswirtschaften sind auch nicht vergleichbar. Der heiße Scheiß in Argentinien sind die bereits realisierten und v.a. erwarteten Kupfer, Gas, Öl, Seltene Erden und Lithium Exporte. (https://x.com/arg_endatos/status/2000676792697254245/photo/1) . In der Reihenfolge und auch damit werden die nächsten 10 Jahre kein Ponyhof.
Ich diskutiere seit Juli immer wieder auf twitter einige der ansprechbaren deutschen Milieiisten, von beiden Seiten im Ton durchaus respektvoll, geduldig, nicht polemisch und nicht kämpferisch. (https://x.com/LemmyCaution/status/2002764393340416501). Am meisten konsumiere ich liberale und libertäre Ökonomen und Wirtschaftsjournalisten aus Argentinien selbst, d.h. als Favoriten Ricardo Cachanosky, Amilcar Collante, Marina Dal Poggetto, Miguel Kiguel, Maxi Montenegro und Naty Motyl. Ich lebe damit in der Info-Beschaffung das Subsidiaritätsprinzip.
ChatGpt: „Vergleiche die kummulierten BIP Wachstumsraten von Argentinien, Chile, Bolivien, Brasilien, Paraguay und Uruguay in 2024 und 2025. Stelle die Ergebnisse tabelarisch da und sortiere absteigend.“
BIP ist nicht alles, aber es ist der aggregierteste Wert, die wir für den Vergleich von Volkswirtschaften haben. Milei wurde Mitte Dezember 23 zum Präsidenten vereidigt. Das Zeitfenster beinhaltet also praktisch die gesamte Präsidentschaft des Hundeflüsterers. Das overhypte Argentinien ist in dem Vergleich aller Nachbarn knapp Vorletzter vor Bolivien, das sich in einer Wirtschaftskrise befindet. Es gibt einen zunehmenden Verlust Arbeitsplätze im nicht informellen Sektor. Bei 57% Wachstum der Importe aus China kann das nicht verwundern. Die Milei-Regierung macht nicht alles schlecht, aber es gibt keinen Grund zu jubeln. 2025 war das erste Jahr der Republik Argentinien mit NEGATIVEN Direktinvestitionen aus dem Ausland.
Ich bin sehr für Deregulierungen, aber dann halt Otto Graf Lambsdorff statt Javier Milei. Deutschland braucht einen realistischen kritischen Blick, ganz sicher kein doomscrolling und Polemik. Sowas hier: https://x.com/arg_endatos/status/2000676792697254245/photo/1
Zwei Sachen, Lemmy: Mir ist kein Beispiel umfangreichen Bürokratieabbaus bekannt, indem Beamte, die zuvor die Regeln geschaffen haben, diese auf Sinnhaftigkeit prüfen und zur Abschaffung vorschlagen. Das ist keine sinnvolle Strategie. In diesem Sinne halte ich Mileis Vorgehen, einfach unzählige Beamte zu entlassen, die gerade in den letzten Jahren eingestellt wurden. Bürokraten schaffen Bürokratie.
Ich halte es auch für absurd anzunehmen, ein insolventes Land ließe sich binnen ein oder auch zwei Jahren in eine prosperierende Volkswirtschaft drehen. Selbst China brauchte dafür mehr als zwei Dekaden, um das Schlimmste zu überwinden.
Der Doge Wahnsinn in den USA hat nicht wirklich funktioniert.
Ein vernünftiger Bürokratieabbau ist besser gemeinsam mit den willigen Bürokraten möglich. Ich habe ja auch für Behörden gearbeitet. Klar haben die teilweise den Schuß nicht gehört. Es gibt da aber auch gute Leute.
Zu Argentinien: Ich finds sehr transparent. Wir hatten vergleichbare Liberalisierungsprogramme in den letzten 50 Jahren in vielen Ländern der Region. Argentinien hat sehr gute Ökonomen und Wirtschaftsjournalisten, die den Prozess kritisch begleiten. Das Niveau hatten wir nie in vergleichbaren Prozessen. Deren in den letzten 7 Monaten meist kritischen Beiträge faszinieren mich, wird aber von der deutschen Fancrowd wirklich null rezipiert, auch weil denen Spanischkenntnisse, eine formale volkswirtschaftliche Ausbildung und wirtschaftsgeschichtliche, kulturelle, soziologische und politologische Kenntnisse zu Lateinamerika fehlen. Ich bin nett zu denen, weil ich bewußt nicht polemisch/bößartig argumentieren will und nicht, weil ich mich nicht über vieles da ärgern würde. Für ersteres ist mir mein Leben zu kurz. Mileis Massenentlassungen unter Bürokraten fand ich ja deutlich eher positiv, weil da wirklich gerade in der letzten kirchneristischen Amtszeit viele angestellt wurden. Aber das ist halt nur EIN Thema für einen funktionierenden Entwicklungspfad. Ich bin neoliberal genug, dass ich vermute, dass die nun geplanten Reformen im Arbeitsrecht etwas bringen könnten. Die geplanten Liberalisierungen im Außenhandel kommen aus meiner Sicht auch wegen China zu früh.
Deutschland hat Probleme, muss aber von Deutschland ausgehen, nicht von rioplatensischen Traumwelten. Da ist da viel Eskapismus und ‚fast thinking‘ (Daniel Kahneman).
Ich halte nun Unternehmer nicht für die besseren Politiker. Aber Deine Vorstellung hat einen großen Haken, an dem keiner vorbeikommt: Wie entdeckt man die „willigen“ Bürokraten (übrigens ein Euphemismus)? Politik und Behörden haben viele Auswahlkriterien vom Geschlecht (weit über die Hälfte der Beschäftigten sind Frauen, gleichzusetzen mit risikoavers), Ethnie, Parteizugehörigkeit. Nur Kompetenz findet sich nicht. Meine, wenige, Innenansicht aus Behörden ist die, dass Behördenleiter ihre Mitarbeiter zu Lasten der Bürger und der fleißigen Leute schonen.
Ich habe das Beispiel der Bauwirtschaft gewählt, weil ich da etwas die Zahlenrelationen kenne. Du hast viel Projekterfahrung, wie baut man ein erfolgreiches Projekt auf? Zeithorizont ist elementar und Milestones. Ich kann ein großes Team kurzfristig für ein ehrgeiziges Ziel verpflichten oder ich kann ein kleines Team langfristig binden. Aber ich kann nicht ein großes Team lange auf ein ehrgeiziges Ziel einschwören.
Wir haben es in den letzten zwanzig Jahren mehrfach mit Kommissionen versucht mit dem Ergebnis, dass nichts Spürbares für die Bürger abgeschafft wurde. Wir wissen also, wie es nicht geht. Die Politik sagt selber, dass aufgrund der EU-Regeln für den ETS-Zertifikatehandel die Bürger ohnehin immer klimafreundlicher werden bauen und wohnen müssen. Damit wurde übrigens von Ricarda Lang zu Regierungszeiten das Heizungsgesetz verteidigt, als zusätzlicher Schutz und Fingerzeig für die Bürger. Sehr nett. Damit können aber sämtliche klimaschutzgerichteten Regelungen in den Baugesetzen weg: Entweder es gilt die Eigenverantwortung der Bürger oder der Verwaltung.
Apropos: Mein Beispiel im Artikel zeigt doch das Problem überdeutlich. Arbeitsschutz ist elementar, Hygiene ist es auch. Mit den Vorschriften, welche die Bürger drangsalieren, exkulpieren sich Politik und öffentliche Verwaltung von jeglicher Verantwortung. Den Schwarzen Peter hat doch ohnehin der Bürger, dann soll ihm die Politik bitte auch keine Vorschriften machen.
Erfolgreiches Projekt: Du denkst zumindest für Software aus meiner Sicht sehr hierarchisch. Ein Projekt Manager kann ein Team nicht auf etwas „einschwören“. Die müssen selbstmotiviert sein. Ein guter Projekt Manager hört den Fachleuten zu. Er entwickelt über Jahre ein Verständnis für Software-Architektur. Projekte laufen heute oft in mehreren Subprojekten mit eigenen Teams, also muss der Projektmanager die Interessen des Gesamtprojekts gegen dysfunktionale Teams verteidigen. Gut ist wenn jeder sein eigenes Ego in check hält. Das gilt für Projektmanager und auch einen gewissen Herrn Caution. Hier eine super-Doku zur Geschichte von Node, einem Framework für serverseitiges JavaScript, das vieles durcheinandergewürfelt hat (Event-driven, non-blocking I/O). https://www.youtube.com/watch?v=LB8KwiiUGy0 . Das ist natürlich ein Produkt, also kein Business-Projekt, aber vieles lässt sich ableiten. Der letzte, sehr zurückhaltend agierende Manager ist der wahre Profi.
Meilensteine ist ein Thema, aber ein Stolperstein. Agil wollte eigentlich Meilensteine eher abschaffen. Ein Projekt ist dann ein Entdeckungsverfahren, in dessen Fortlauf von technischen und funktionalen Team-Mitgliedern gemeinsam neue Business Opportunities entdeckt werden. Das funktioniert in normalen Business-Projekten meist nicht, weil Kostenrahmen und eine gewisse Vorraussagefähigkeit wichtig sind.
Kostentreiber sind oft technisch und das bleibt so über die rasante evolutionäre Entwicklung der Technologie.
Man muss die Bürokraten ins Boot holen.
Es gibt da welche, die echt daran glauben, dass es voll super ist, dass Beamten im Rahmen der Beschlüsse der Volksvertreter optimale, gerechte Lösung vorgeben könnten, ohne dass sie auf Kritik eingehen müssten und dabei massig Geld verbrennen. Ein Grund, warum ich im neuen Jahr woanders mein Geld verdiene.
Aber es gibt eben auch andere. Das Problem ist, dass die top down Priester in bestimmten Behörden recht gut die Karriere-Leiter hochpurzeln. Im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge war es nicht so, vielleicht weil die Behörde kurz vor meinem Eintritt ins Projekt stark gewachsen ist, alles nicht so eingeschleift war und es in der IT Hierarchie starke erfahrene Quereinsteiger gab.
Naja, mir schwebte tatsächlich nicht der Ansatz vor „Jeder macht sein Ding“. Woran liegt es Deiner Ansicht nach, dass der Gastronom im Artikel nicht weiß, welche Fließen er legen muss? Dass man im Arbeits- und im Verbraucherministerium den Fachleuten nicht genügend zugehört hat? Meine Kritik – und übrigens auch nicht der Gastronomen – war nicht, dass die Gesetze selbst schlecht seien.
Und noch mal meine Frage: Wie wähle ich die richtigen Bürokraten aus? 60 Prozent Frauen? 40 Prozent Migrationshintergrund? 20 Prozent von den Grünen?
Problem ist wirklich Kommunikation und gegenseitige Wertschätzung. Ich mache ja selbst manchmal auch dicht und bleibe einfach im Projekt, weil man mich ja für bestimmte Sachen braucht und es für mich bequem ist. Frauen schaffen da übrigens nicht immer aber überdurchschnittlich oft mehr Teamgeist.
Neues Thema auf den techie-youtube streams ist: Wir können AI dazu nutzen, um besser mit non-technical managers (gibt viele) zu kommunizieren. query: „Erkläre bitte die trade-off dieser Architektur-Entscheidung einer nicht-technischen Person. Suche gute Analogien aus der realen Welt“. Ich werde das versuchen. Es gibt viele PMs, die sich für die eigentlichen Kreativen halten, sich aber nicht mit irgendwelchen technischen Einblicken belasten wollen. Das funktioniert nicht und die guten PMs sagen das auch.
Man kann sich entspannt breitbeinig zurücklehnen und sagen: „Die Beamten bauen alle aus Eigennutz ineffektive Strukturen auf“, „Die Politiker haben den Staat für sich eingenommen“, „Die Programmierer könnten 2x mehr performen, wenn sie wirklich commitet wären“, „Steuern sind Raub“, „Ich kann hier meine Arbeitsenergie massiv runterfahren, weil hier eh zu 85% Geld verbrannt wird“, etc. Man weiss es besser, betrachtet mit einem Lächeln den Niedergang und macht selbst absolut nichts. Es braucht aber einen Stoizistischen Mindset, in dem man andere einfach nicht mehr abwertet, sondern seiner eigenen Moral folgt.
Das mit den Quoten ist oft ein billiger Talking Point. Das schafft dann Opfergeschichten der unterdrückten Mehrheit. Vermutlich ist es in Unis mit Frauenquote anders, aber in meinem Umfeld sind Frauen stark unterrepräsentiert und in den Behörden stehen meist die Männer an der Spitze, weil die das eher wollen. Es gab beim BamF eine super-Ausnahme, die direkt nach Berlin in eine andere Behörde befördert wurde.
Lemmy, den ersten habe ich Dir noch durchgehen lassen, aber jetzt reicht’s. 😉
Ich spreche von den speziellen Anforderungen des Projektmanagements. Du antwortest mit, sorry, Plattitüden. Kommunikation und Wertschätzung sind allgemeine Kriterien für gute Führung. Und Du kannst es erweitern auf den guten Umgang in einem Team, was nicht nur die Führung betrifft.
Du kennst meinen Kommentarstil. Mein Punkt: Sowohl die politische als auch die administrative Führung haben Problem (=scheitern daran), Teams allein nach fachlichen Qualifikationsanforderungen zu besetzen. Ich halte es für eine reine Floskel die Anforderung aufzustellen, ein Team „Bürokratieabbau“ solle halt einfach mit guten, willigen Bürokraten besetzt werden.
Eine Besonderheit meines persönlichen Führungsstils ist, dass ich mich mit Persönlichkeiten, Charaktern und insbesondere Motivationsstrukturen meiner Mitarbeiter beschäftige. Ziele, Anreize und Kritik richten sich daran aus. Das ist ein Führungsstil, der im öffentlichen Bereich nicht praktikabel ist. So halte ich es nicht für Zufall, ob Menschen in großen, in kleinen Unternehmen, in der Selbständigkeit oder im öffentlichen Bereich arbeiten. Die Motivationsstrukturen sind verschieden. Ein Buchhalter hat auch eine ganz andere Persönlichkeitsstruktur als ein Vertriebler.
Findest Du es nicht seltsam, dass ein Beamter, der dafür eingestellt wurde, für einen bestimmten Bereich Regeln zu entwerfen, zu administrieren oder zu überwachen, diese Regeln im Zweifel (ersatzlos) abschaffen soll? Die meisten sehen das als Aufforderung, sich selbst überflüssig zu machen. Und wer macht so etwas schon?
Die Grünen haben eine harte Frauenquote, was dafür sorgt, dass mehr Funktionen mit Frauen als mit Männern besetzt sind, von Leitungspositionen bis Abgeordnetenmandaten. Trotz dieser enormen Bevorzugung sind nur 45 Prozent der Mitglieder weiblich. Die prägnantesten Figuren der Partei der Vergangenheit wie Gegenwart sind männlich: Joschka Fischer, Jürgen Trittin, Cem Özdemir, Robert Habeck, Felix Banazak. An der Frauenquote kann das nicht liegen.
Ich denke wir reden aneinander vorbei.
Vermutlich ist das IT-Projektgeschäft auch anders als dein Feld. In meinen Teams sind meist 60% Freiberufler, die überdurchschnittlich selbstmotiviert sind und überdurchschnittlich zu Individualismus neigen. Die wollen keinen daddy, der ihre Schädel misst und sie gemäss ihrer vermuteten Präferenzen glücklich macht.
Vielleicht lebst Du auch selbst in einer Illusion, Du könntest das fuer deine Kollegen, die diese Illusion manipulativ nähren.
Menschen sind nicht so einfach auf Schemen zu pressen. Es gibt in allen Organisationen Leute, die Prozesse effektiver gestalten wollen, auch in der Beamtenschaft. Wichtiger als Qualifikationsanforderungen ist es, eine Umgebung zu schaffen, in der Leute wachsen koennen und wollen.
Gescheiterte Projekte sind in aller Regel darin gescheitert, dass man zwar alle Meilensteine erreicht, dabei aber ein irgendwann nicht mehr wartbares Monster geschaffen hat, das auch Neuerungen in der sich rasant aendernden Technologie nicht genutzt hat. Das Thema der non functional Requirements.
Mir geht es weder um spezielle IT-Projekte noch um den besonderen Kreis hochmotivierter Menschen. Die Mehrheit ist nicht hochmotiviert, schon weil für sie Arbeit Mittel zum Zweck ist.
Mir geht es um den Motivationsaspekt, egal ob der von einem selbst durch Identifikation mit einem anspruchsvollen Ziel oder durch die Führung kommt: Eine große Gruppe lässt sich nicht lange für ein großes Ziel einschwören. Und nach diesem mehrfachen Austausch gibt es immer noch keine Idee, wie man die „richtigen“ Bürokraten für den Bürokratieabbau finden könnte. Lemmy, da definierst Du selbst unausgesprochen das Problem. Du bist verwöhnt von einem Bereich, wo Dir die motivierten Leute wie Weihnachtsgänse zufliegen.
Frohes Fest!
Frohes Fest nachträglich.
Es sind ja nicht alle immer hochmotiviert. Ich will mich jetzt fachlich als Cloud dude & vibe engineer neu erfinden. Diese Brüche halten einen in der IT auf Trapp.
Es ist halt alles nicht so einfach, wie es sich manche machen. Einfache Patent-Rezepte gibt auch Frau Cotar raus, um mal *mein* aktuelles Feindbild zu nennen. Die wirklichen Führungspersönlichkeiten der Bundesrepublik waren eben nicht so einfach auf Freund-Feind-Schema gepolt.
Hans Werner Sinn fordert in diesem in vielerlei Hinsicht bemerkenswerten Beitrag die Vereinigten Staaten von Europa. https://www.youtube.com/watch?v=oUPXM8KiwG4
Meine Erfahrung mit selbständigen IT-Spezialisten ist, dass die weit überdurchschnittlich motiviert sind. Und auch besser als Festangestellte. Thorsten Haupts, der auch über jahrelange Projekterfahrung verfügt, hat den Punkt genau getroffen. Ich habe den Eindruck, Du wolltest mir den Punkt nicht geben.
Der Economist hat gerade Argentinien zum (Vice) Country of the Year gekürt:
Argentina’s improvement has been economic. Its president, Javier Milei, began far-reaching free-market reforms in 2023, hoping to jolt his country out of more than a century of statism and stagnation. Such reforms—abolishing price controls, curbing spending and ditching distorting subsidies—are exceptionally hard because they are exceptionally painful; many previous reformers have failed. Yet Mr Milei stuck to his chainsaw in 2025, and voters stuck with him. So did America, offering a $20bn lifeline to avert a financial crisis. The results have been impressive. Inflation has fallen from 211% in 2023 to around 30% now. The poverty rate is down by 21 percentage points since last year. The budget has been wrestled under control. Mr Milei has moved towards a floating peso, and removed most capital controls.
Argentina could still fail. The Peronists who misruled it for generations are itching to return, should Mr Milei stumble. And the president has many flaws: he is intolerant of critics and beset by corruption scandals. But if his reforms are sustained, they could permanently alter Argentina’s trajectory—and give hope to economic reformers everywhere.
The Economist doing the Economist things.
Ich versuch mal in Kurz: Die meisten Argentinier arbeiten in der Provinz Buenos Aires, d.h. um die Hauptstadt herum bis weit in den Westen und Süden. Die Fabriken dort sind nicht weltmarktffähig und werden das auch nicht schnell werden. Die Frau aus der Schuhfabrik in Quilmes kann nicht einfach in den Westen umziehen, um dort in der Kupfermine zu arbeiten, auch weil es in Kupferminen wenige, hochspezialisierte Arbeitsplätze gibt. Daran ist letztlich auch die liberale Revolution unter Menem in der langen Sicht gescheitert.
Der Economist fand in den 90ern auch Menem ganz grosses Kino. Ich übrigens auch. Ich habe dann durch die Krise 1998 bis 2002 gelernt, dass ich offenbar manche Sachen wegabstrahiert habe. Viele argentinische liberale Milei-Kritiker argumentieren aus einem viel tieferen Wissen über die argentinische Wirtschaft, Politik und Soziologie als US-Amerikaner, Engländer oder Europäer. Die finden nicht alles an Milei schlecht, kritisieren aber einige zentrale Punkte.
Vorherige Reformer scheiterten ja nicht nach ein paar Monaten sondern nach 4 Jahren oder mehr, José Alfredo Martínez de Hoz in den 70ern nach 6 Jahren, der Menenismo in den 90ern nach 11 Jahren.
Milei wird in weiten Kreisen im liberalen Deutschland als eine Art Kuscheltier-Maskottchen genommen. Ich denke, ein wenig tiefer zu graben. Ein kurzfristigeres Problem ist die absolut unbefriedigende Bereitschaft der Regierung, sich endlich mal Devisenreserven aufzubauen. Ohne die vom IWF, China und USA geborgten sind die nämlich negativ. Gesund wären 30% BIP oder mehr wie in Brasilien, Chile, Peru, Paraguay, Kolumbien oder Uruguay.
Its a „won’t get fooled again“ type of thing.
Ich kann mir das hier anhören https://www.youtube.com/watch?v=BKqOgxSLnaE und verstehe die Frau. Nur so bekommt man eine hollistischere Sicht zu den Entwicklungen im Land. Wenn man einmal auf B2 ist, verliert man die Fähigkeit des zuhören-können nicht so schnell. Ich pausiere mein Französisch aktuell wg challenges in Informatik durch KI-Bombe, aber ich höre manchmal Videos und lese ein wenig.
Die Leute auf twitter verlieren sich in ideologischen Kämpfen. Wichtiger ist mir mehr stakeholder zuhören und weniger Meinungen, weil die sehr manipulierbar sind.
Nun ja, Country of the Year ist Syrien, ganz ohne economic aspects. Das war’s schon mal nicht.
Ich habe Dir schon einmal geantwortet: Ich kann die Politik Mileis nur nach offiziellen Daten und Benmarks bewerten. Ich bin bekanntlich kein Inländer. Aber, und das sehe ich wie der Economist und ich weiß nicht, ob es da wirklich zwei Meinungen gibt: Argentinien ist derzeit das spannendste und möglicherweise folgenreichste volkswirtschaftliche Projekt der Gegenwart. Das sollte eigentlich unabhängig von der politischen Himmelsrichtung gelten. Tut es aber nicht. Bei den meisten Journalisten kann man in jeder Zeile die Hoffnung lesen, Milei möge so schnell wie möglich scheitern, damit die Staffagen des Kirchner-Imperiums wieder in die Casa Rosada zurückkehren können.
Ich habe oben viele liberale milei-kritische Oekonomen oben genannt. Rudi Bachmann sagt konsistent, dass er die Milei-Begeisterung nicht verstehen kann und man erstmal abwarten muss. Alle Daten basieren letztlich auf den vom INDEC (staatliche Statistikbehoerde) und der Zentralbank.
Kein einziger der von mir geschätzten argentinischen Analysten will die Peronisten zurück an der Macht. Das sind kindische Narrative für Europaer.
Was argentinische Analysten meinen, weiß ich nicht, da mir die Innenansicht fehlt. Aber ich behaupte das ja auch nicht.
Der Internationale Währungsfonds IMF erwartet, dass Argentinien auch 2026 das höchste Wirtschaftswachstum in Südamerika erzielen wird. Mit 4 Prozent (2025: 4,5 Prozent) sehe ich es auch noch nicht als überwältigend an, aber dazu braucht es schon so 5-8 Jahre Fundament. Nur, Lemmy: Schlecht ist das keineswegs. Erst recht, wenn man berücksichtigt, dass unter den Peronisten die Wirtschaft in dem Jahrzehnt zuvor geschrumpft ist.
Die 4% sind wirklich nicht doll, v.a. wenn man sie mit den Anfängen der Liberalisierungswelle unter Menem und des Linksperonismus vergleicht. 1991-3 und 1997 (Menem) sowie 2003 bis 2007 (Kirchner) waren das 8 – 9%.
chatGpt: „erstelle eine Tabelle der argentinischen Wachstumsraten pro Jahr von 1961 bis heute“.
Wo soll das Wachstum in 5 bis 8 Jahren herkommen? Industrielle aus der Provinz Buenos Aires klagen aktuell sehr lautstark.
Wenn Du dir ein wenig Mühe gibst, kannst Du spanische Beiträge von Analysten verstehen.
Dieses Programm: https://linguaverbum.com/ . Kostet ca 7 Euro im Monat.
Dort dann Inhalt importieren. Youtube Tab. Dann sowas hier: https://www.youtube.com/watch?v=uwL0kV3xyxo
Wähle zu Beginn 20 Minuten Videos. Das Programm zeigt dir in einen Bereich das Gesprochene als Text. Du kannst einzelne Vokabeln oder ganze Sätze übersetzen lassen. Klicke alle Vokabeln weg, die du kennst. Lese im ersten Durchlauf nur. Dann höre im zweiten Durchlauf nur.
Lerne die Vokabeln nicht unbedingt auswendig. Am Anfang ist das mühsam, aber Du wirst da schnell besser. Nach ca 3 Monaten wirst Du das gut verstehen. Solche Politikbeiträge nutzen nur eine Teilmenge der Worte.
Pro Tag nie mehr als 1 Stunde. 5 Stunden die Woche.
Mit den 4,5 Prozent in 2025 befindet sich Argentinien im oberen Bereich der Weltwirtschaft. Und das im zweiten Jahr Mileis nach einer langjährigen desaströsen Wirtschaftspolitik. Nummer eins in Südamerika.
Normal hast du nach einer langen Phase ohne Wachstum (in Argentinien seit 2012) nach einem Wechsel der Politik ein aufholendes Wachstum. Das sehe ich in Argentinien aktuell sehr wenig.
Cepal zu Argentinien:
2024: -1,3%. 2025: 4,3%, 2026: 3,8%
Cepal hat in aller Regel die besten Vorhersagen zu Lateinamerika.
https://repositorio.cepal.org/server/api/core/bitstreams/d36b03d7-df19-41e7-a01f-514792ae8818/content
Seite 16.
Das ist längst nicht mehr so einfach wie 1948. Damals waren die Volkswirtschaften noch sehr durch den Faktor Arbeit geprägt, heute sind sie im wesentlichen kapitalinduziert. Kapital braucht enorm Vertrauen in die Substanz und Zuverlässigkeit einer Volkswirtschaft, sonst fließt es nicht. Argentinien hat eine Reihe Defaults in den letzten Jahrzehnten hingelegt und die Rückkehr der ruinösen Politiker ist nicht ausgeschlossen.
Trotzdem geht der IWF von einem stabilen Wachstumspfad aus, wie Du aus dem Link mit Schieber erkennen kannst. Und sonst: Wenn Milei auch nur der Glücksbringer gewesen wäre, mit dessen Wahl zufällig der Schalter umgelegt wurde, wäre es schon klug, ihn wiederzuwählen. 😉
Zu Beginn des Linksperonismus hatte Argentinien über 5 Jahre ein Wachstum von jährlich zwischen 8 und 9 Prozent. War damals die Wirtschaft so viel mehr durch den Faktor Arbeit geprägt?
Im Bereich der Analyse von Wirtschaftspolitik lassen sich viele meiner Mitbürger stark von Ideologie leiten und schalten das kritische Denken aus. Ich habe einfach zu viele Volkswirtschaften steigen und fallen gesehen, dass ich da vielleicht genauer hinschaue.
Ich finde ja eine Menge der Reformen in Argentinien gut. Nur eben andere nicht und die Ergebnisse wurden dieses Jahr von einigen Leuten massiv overhyped.
Als Milei gewählt wurde hat auf twitter so ein Typ den Beginn des Faschismus aufziehen sehen. Der hatte mich nach 2 Tagen geblockt.
Ich habe auf die Schnelle Wikipedia bemüht:
In der Phase zwischen 1955 und 1976 hatte die Wirtschaft Argentiniens neben der Versäumnisse der Perón-Regierung, insbesondere der Stagnation der Produktivität und des Außenhandels, auch unter einem ständigen Paradigmenwechsel zu leiden. Zwar konnte das Wirtschaftswachstum wieder etwas angehoben werden (3,5 % zwischen 1956 und 1976), doch angesichts eines relativ hohen Bevölkerungswachstums bedeutete dies nur einen geringen Fortschritt im Wohlstandsniveau.
Außerdem weißt Du, dass Argentiniens Wirtschaft sehr stark von der Landwirtschaft geprägt ist.
In der Sache wenig Widerrede. Man könnte noch den Föderalismus erwähnen, der dazu führt das Regelungen in 16-facher Auslegung gelebt werden. Hier wäre bereits mit der Straffung zu beginnen, aber immer wieder büchst ein Land aus opportunistischen Gründen aus.
Ich glaube nicht an Kettensäge sondern in Priorisierung. Man muss sich die Themen Ressort für Ressort vornehmen und durchackern. Darüber hinaus braucht es eine gemeinsame Priorisierung von Bund und Ländern über die vier wesentlichen Bremser: Datenschutz, Denkmalschutz, Umweltschutz und Geheimschutz. Solange wir hier 17 Auslegungen haben, wird sich in diesem LAnd nichts bessern können. Wenn es Uneinigkeit gibt, muss es eben politisch entschieden werden.
Ich bin gegen eine Regulierung ala USA über juristische Risiken, weil im Zweifelsfall erstmal ganz schön viel Unheil über die Verbraucher hineinbricht, bis dann in einem juristischen Verfahren ein Unternehmen (im Rahmen seiner beschränkten Haftbarkeit) zur Rechenschaft gezogen wird. Gleichwohl ist die bestehende Regulierung völlig überzogen, da sie noch so keine Lücken erfasst, die dann passend gemacht werden sollen. Auch hier hilft Priorisierung: Bei der Lebensmittelgesundheit bin ich sehr froh, dass wir keine amerikanischen Regeln haben – beim Baurecht haben wir es sicherlich völlig übertrieben.
Was wäre das Problem, würden wir die Bauvorschriften auf den Stand des Jahres 2000 zurücksetzen? Das ließe sich binnen Monaten bewerkstelligen. Nimmt dann die Bautätigkeit massiv zu, war der Ansatz richtig. Wird nicht mehr gebaut, ist nichts passiert, denn das Bauen liegt brach.
Ich habe jetzt angefangen Dominic Sandbrooks Bücher über UK zu lesen. Fängt 1956 an. Ende der 50er haben die tatsächlich Bauvorschriften runtergedimmt, um mehr zu bauen. So etwas wurde tatsächlich gemacht.
Energieeffizienz ist beim bauen schon ein Thema, aber man kann auch mit Bauvorschriften aus den 2000ern energetisch vernünftig bauen -gleiches gilt für den Brandschutz, der auch extrem zugenommen und sich zum Kostentreiber entwickelt hat.
@ Soeren Schmitz 23. Dezember 2025, 10:30
Energieeffizienz ist beim bauen schon ein Thema, aber man kann auch mit Bauvorschriften aus den 2000ern energetisch vernünftig bauen -gleiches gilt für den Brandschutz, der auch extrem zugenommen und sich zum Kostentreiber entwickelt hat.
Ja. Beim Brandschutz haben wir Deutschen, basierend auf EU-Vorgaben, eine Lösung (wie Stefan Sasse bei anderer Gelegenheit formulierte) mit Goldrand: Überall im Sinne des Machbaren eine Schippe mehr als erforderlich.
Beim Bau und Kauf von Immobilien stört der Übereifer der Vorschriften. Nachdem (sorry) die Regierungen Merkel zu sehr haben schleifen lassen, versucht man nun mit Gewalt Wiedergutmachung: beim Kauf alter Häuser besteht eine Modernisierungspflicht nach dem Gebäudeenergiegesetz (GEG), die bei Eigentümerwechsel greift und innerhalb von zwei Jahren umgesetzt werden muss; sie betrifft vor allem Dämmung von Dach/Geschossdecke, Heizungs- und Rohrdämmung sowie den Austausch alter Heizkessel (Standard- und Konstanttemperaturkessel über 30 Jahre).
Das Ergebnis ist halt, dass sich diese Häuser keiner mehr leisten kann (bzw. können sich diejenigen, die sich Neukauf und Modernisierung in einem Rutsch leisten können, gleich etwas Vernünftiges bauen). Auch muss, wer seine alten Ein-Scheiben-Gläser gegen wärmegedämmte Fenster austauschen will, gleich die gesamt Gebäudehülle mitmachen (Veränderungen von von 10% der Außenfläche oder mehr reichen), solange er nicht alle paar Jahre nur einzelne Fenster austauscht.
Ergebnis ist, dass Fenster dann eben nicht saniert werden, und aus Sicht von Mietern und Verbraucherverbänden sind die Vermieter dann Schuld an hohen Heizkosten, Schimmel etc.; die Heizkosten können dann teilweise auf den Vermieter umgelegt werden. Wird dagegen alles gemacht, darf man es in der Regel nicht vollständig auf die Miete umlegen (obwohl nur der Mieter durch niedrigere Heizkosten profitiert).
In der Richtung kann ich folgen, imKonkreten bist Du mir zu schwarz-weiß
Als Überlegung möchte ich dem Bild vom „Wildwuchs, dem nur mit der „Kettensäge“ beizukommen ist, eine andere Metapher entgegenstellen: Chestertons Zaun.
Gilbert Chesterton schrieb in „The Thing: Why i am a Catholic“
In the matter of reforming things, as distinct from deforming them, there is one plain and simple principle; a principle which will probably be called a paradox. There exists in such a case a certain institution or law; let us say, for the sake of simplicity, a fence or gate erected across a road. The more modern type of reformer goes gaily up to it and says, „I don’t see the use of this; let us clear it away.“ To which the more intelligent type of reformer will do well to answer: „If you don’t see the use of it, I certainly won’t let you clear it away. Go away and think. Then, when you can come back and tell me that you do see the use of it, I may allow you to destroy it.“
(Quelle: Wikipedia)
Diese Idee – so wichtig sie ist – führt jedoch zu der Situation, die Sie beschreiben. Jeder einzelne Zaun hat, wenn man darüber nachdenkt, seinen Sinn. In der Summe sind es aber so viele Zäune, dass ein Fortkommen nur auf labyrinthisch verschlungenen Pfaden möglich ist.
Das spricht aber für Sören Schmitz‘ Priorisierung: Gezielt die Zäune wegreißen, bei denen das Verhältnis ihrer Störwirkung zum erkannten Nutzen am ungünstigsten ist -und das so lange wiederholen, bis die Wege wieder gut passierbar sind.
Ein paar Beispiele, beginnend mit dem aus dem Artikel:
Hygiene oder Arbeitsschutz in der Gastronomie? Und wenn wir auf den Arbeitsschutz verzichten, dann kann das nur generell gelten. Oder umgekehrt. Das spricht für die Kettensäge.
Baumaßnahmen: 22.000 Vorschriften auf ihren Nutzen nicht nur zu scannen, sondern auch in den Interessen abzuwägen, ist eine Lebensaufgabe. Wäre es da nicht ehrlicher zu sagen: Liebe Wähler, Wohnungen bekommen Eure Enkel? Und welchen Nutzen haben die vielen klima-/energetischen Vorschriften, wenn doch durch den ETS die Bauherren ohnehin zu einer energetischen Bauweise gezwungen werden sollen?
Weiter: Das Lieferkettengesetz stellt Anforderungen, die jeden seriösen Kaufmann überfordern. Ein Staat darf an seine Bürger aber nicht Anforderungen stellen, die de facto unmöglich zu erfüllen sind.
Tariftreuegesetz: Die Vorstellungen der SPD widersprechen dem Grundrecht auf Koalitionsfreiheit im Grundgesetz. Auch diese Regel ist nur erfüllbar für größere Konzerne. Dann soll der Staat sagen, dass er nur bei wenigen Konzernen bestellen will und die Rechnung aus verpachteten Märkten und hohen Preisen durch den Steuerzahler zu begleichen ist. Kettensäge ist das Bessere.
Insgesamt: Allein was zwischen 2000 und heute an zusätzlicher Bürokratie entstanden ist, brauchte 25 Jahre Gesetzesentwicklung und 5 Legislaturperioden. Nach der Sorgsam-Methoden müsste ungefähr die gleiche Zeit veranschlagt werden, um nur wieder auf ein etwas besser handelbares Niveau von Anfang des Jahrhunderts zurückzukommen. Ich gehe nicht davon aus, dass nur ein Unternehmen und nur eine Fachkraft, die es sich leisten kann, so lange wartet.
Das spricht aber für Sören Schmitz‘ Priorisierung: Gezielt die Zäune wegreißen, bei denen das Verhältnis ihrer Störwirkung zum erkannten Nutzen am ungünstigsten ist
Alle Vorschläge, die eine aufwendige Einzelprüfung verlangen, haben mindestens drei miteinander verbundene Nachteile:
1) Sie setzen motivierte, fähige und engagierte Fachleute voraus
2) Sie sind zeitaufwendig. In der Prüfungszeit wird es mindestens soviele neue Vorsachriften geben, wie im besten Fall abgebaut werden. Und die Prüfungszeit gibt interessierten Lobbyisten UND naiven Amateuren ausreichend Gelegenheit, das Vorhaben gezielt zu sabotieren
3) Ihre Laufzeit überschreitet meistens eine Legislaturperiode, sprich, sie sind von einem parteiübergreifenden Willen abhängig. Und der ist selten
Ich halte mich einfach an die beobachtbare Realität: Bürokratiereduzierung durch Kommissionen, Arbeitskreise und Einzelfallbetrachtungen waren bisher immer und ausnahmslos eines – wirkungslos! Über Jahrzehnte hinweg. Deshalb und weil mir meine langjährige Berufsergahrung als Projektmanager zeigt, was praktisch funktioniert und was nicht, neige ich seit einiger Zeit zur Kettensägenmethode.
Alle Einwände dagegen sind immer berechtigt, führen aber ebenso immer dazu, dass schlicht nichts geschieht.
Gruss,
Thorsten Haupts
Frohes Fest und einen guten Rutsch allen Mitkommentatoren und den Blogdamen und -herren.