Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ werden mit einem Abschnitt des Textes, der paraphrasiert wurde, angeteasert. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels empfohlen; ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Zusammenfassungen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann. Alle Beiträge sind üblicherweise in der Reihenfolge aufgenommen, in der ich auf sie aufmerksam wurde.
Fundstücke
1) Die Ungeduld des Kanzlers wird uns teuer zu stehen kommen
Im Kommentar wird dargestellt, Friedrich Merz habe im Rentenstreit unnötig politische Risiken erzeugt, indem er auf eine Kanzlermehrheit gedrungen habe. Im Text wird erläutert, diese Entscheidung sei weniger Ausdruck strategischer Klugheit als Resultat einer allgemein um sich greifenden Ungeduld – sowohl im politischen Umfeld als auch in konservativen Milieus, die sich ein „Durchgreifen“ ersehnten. Beschrieben wird, Merz habe der AfD unfreiwillig Raum verschafft, weil die Debatte sich auf das Machtspiel statt auf Inhalte konzentriert habe. Zugleich werde betont, wirtschaftliche Akteure schürten Erwartungsdruck und klagten über den „freien Fall“, ohne eigene Versäumnisse zu reflektieren, was eine gefährliche Nachfrage nach quasi-autoritärem Regieren begünstigen könne. Im Artikel wird ausgeführt, der Kanzler befeuere diesen Mechanismus selbst durch vollmundige Ankündigungen, die Erwartungen überhöhten und Enttäuschung erzeugten. Die Folge sei Vertrauensverlust, während eigentlich wichtige Entscheidungen – etwa zur Wehrpflicht – in der Wahrnehmung verblassten. Abschließend wird konstatiert, Merz fehle es an Erwartungsmanagement, was seine Autorität langfristig schwäche. (Nikolaus Blome, Der Spiegel)
An der Kritik ist nichts grundsätzlich Neues; spannend finde ich eher die bürgerliche Perspektive, die Blome hier einbringt. Ich halte es nämlich schon für auffällig, dass Merz und große Teile der CDU diese bürgerlichen Verhaltens- und Habitusformen überhaupt nicht mehr pflegen. Ich will das an der Stelle gar nicht werten; ich hatte selbst nie Zugang zu dieser Bürgerlichkeit und konnte damit nichts anfangen, deswegen will ich hier keinen Schwanengesang dafür starten. Aber sowohl die FDP als auch die CDU vertreten das nicht mehr, und die AfD hat es sowieso nie gehabt. Ich weiß nicht, wie man das nennen will, was die „bürgerlichen“ Parteien heute vertreten, aber ich denke, die aktuelle Obsession der Welt mit dem Rechts-Begriff gibt da den Hinweis: „Mitte-Rechts“ ist vermutlich die passendste Beschreibung, oder einfach schlicht „die rechten Parteien“, sobald die unvermeidliche Kooperation mit der AfD Realität wird. Aber „bürgerlich“ und „Mitte“ wird mehr und mehr unpassend für das, wohin sich die entwickelt haben.
2) Australien sollte kein Vorbild für Deutschland sein
Im Leitartikel wird beschrieben, die australische Regierung habe in rasantem Tempo ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige durchgesetzt und feiere dies nun als Erfolg. Im Text wird jedoch betont, der schnelle Eingriff beruhe auf zweifelhaften Annahmen und begünstige vor allem die Plattformen. So werde erläutert, dass sich Facebook, YouTube oder Reddit weitgehend auf selbst gemeldete Altersangaben stützen dürften und sogar die Altersverifikation primär über Algorithmen erfolge. Im Artikel wird zudem hervorgehoben, dass Jugendliche den Bann leicht umgehen könnten – sei es durch falsche Angaben oder durch Hilfe älterer Bekannter. Zugleich werde darauf hingewiesen, dass ein Ausschluss von Social Media gesellschaftliche Teilhabe mindere und letztlich nur den Eindruck von Schutz erzeuge. Auch werde ausgeführt, der Ansatz könne Tätergruppen wie im Fall „White Tiger“ begünstigen, da betroffene Kinder ohne jugendspezifische Schutzmechanismen agierten. Im Fazit warnt der Kommentar, Deutschland solle kein Hauruckverfahren übernehmen, sondern eine demokratische Debatte führen und Jugendliche selbst einbeziehen.
Da sind wir wie im letzten Vermischten wieder bei der Debatte um sinnvolle Regulierung. In dem Fall kann man gut sehen, wie die zu starke Rücksichtnahme auf die Betroffenen Megakonzerne das eigentliche Vorhaben ad absurdum führt. Aber natürlich ist nicht nur das Lobbying der Internetriesen dafür verantwortlich. Dem ganzen Vorhaben steht auch ein Grundsatzproblem im Weg: die Identifikation im Internet. Dafür gibt es ja nach wie vor kein geeignetes System, und es ist, milde ausgedrückt, auch sehr unklar, ob wir das haben wollen. Ohne ein technisch allgemein aufgesetztes Verifizierungssystem aber kann ich natürlich auch nur schwer die Jugendlichen mit Maßnahmen treffen. Da beißt sich die Maus selbst in den Schwanz. Wahrscheinlich kommt da am Ende jetzt nur ein weiteres Kästchen raus, das man ähnlich den AGB anklicken muss, vielleicht mit einer Art Videoidentifikation, die sich leicht umgehen lässt.
3) Polygloom – What’s wrong with Germany?
Im Artikel wird beschrieben, Deutschland stecke in einem vielschichtigen Stimmungstief, das der Autor als „polygloom“ bezeichnet. Adam Tooze zeichnet das Bild einer Wirtschaft, deren Wachstum seit vor Corona stagniere und deren Industrie unter Energiepreisen, Konkurrenz aus China und schwacher Binnennachfrage leide. Zugleich wird erklärt, die apokalyptische Rhetorik in Medien verstärke das Gefühl eines allgemeinen Niedergangs und spiele der AfD in die Hände, deren Wählerschaft besonders häufig einen „Systemwechsel“ fordere. Historisch erinnert der Text an die Reformzeit unter Schröder, die zwar Wettbewerbsfähigkeit gebracht, aber Ungleichheit verschärft und die Linke gespalten habe. Heute gehe es weniger um Arbeitslosigkeit als um geopolitische Risiken, den Wandel der Globalisierung und eine stark gewachsene, diverse Bevölkerung, in die der Staat zu wenig investiert habe. Tooze betont, notwendig seien groß angelegte öffentliche Investitionen – in Infrastruktur wie in Bildung, Wohnen und Integration –, um wirtschaftliche Stagnation und politischen Rechtsruck zugleich anzugehen. (Adam Tooze, Chartbook)
Ich halte den Punkt der apokalyptischen Rhetorik hier für besonders wichtig. Und es sind ja nicht nur die Medien. Das Dauergenörgel wird zu einem Grundton, der nicht dazu angetan ist, die zweifellos vorhandenen Probleme anzugehen. Das erinnert mich ein wenig an das Dauergenörgel der 1990er zum „Reformstau“ und dem „sick man of Europe„. Das schafft keine Atmosphäre, in der Tatendrang gedeihen könnte. Und wie Tooze zurecht betont, hilft es jenen, die einen Totalangriff auf das System fahren. Ich nehme diese negative Grundstimmung auch um mich herum wahr. Leute reden ständig vom Auswandern (was dann eh kaum einer macht), jammern über die Höhe der Abgaben, die Wirtschaften unmöglich mache (als ob die nicht vor fünf Jahren genauso hoch gewesen wären), dass die Rente nicht reicht (die über Abgaben finanziert wird) und so weiter. Überall ist nur Katastrophenstimmung, immer mit „die Politik“ versagt und „alles“ klappt nicht und so weiter. Dieses undifferenzierte „alles ist scheiße“ ist nicht gesund.
4) Die AfD muss sich entscheiden
Im Artikel wird geschildert, die AfD stehe zugleich unter politischem Druck und vor einer inneren Richtungsentscheidung. Andreas Rosenfelder hebt hervor, dass Weidel einerseits berechtigte Kritik an Versuchen äußere, die Partei durch Gewalt oder administrative Manöver – etwa die Einstufung als „extremistische Organisation“ in Rheinland-Pfalz – zu marginalisieren. Andererseits werde erläutert, dass Weidel sich weigere, klare Distanz zum Höcke-Lager und dessen völkischem Vokabular zu ziehen. Ihre sarkastische Reaktion auf die bei der Gießener Jugendgründung zitierte Parole „Jugend muss durch Jugend geführt werden“ erscheine als Versuch, problematische Signale herunterzuspielen. Im Artikel wird betont, dass diese Doppelstrategie den Eindruck verstärke, die radikale Strömung präge die gesamte Partei. Zugleich werde die AfD in einer Lage beschrieben, in der ihr Wachstum die politische Blockade verschärfen könnte, sofern sie keine Koalitionsfähigkeit anstrebe. Rosenfelder warnt, dass die zunehmende Debatte über Parteiverbote den demokratischen Grundkonsens gefährden könnte und dass die AfD entscheiden müsse, ob sie reale Macht oder symbolische Gegenkultur anstrebe. (Andreas Rosenfelder, WELT)
Ich sehe nicht, dass die AfD sich entscheiden muss. Aktuell zwingt sie niemand dazu. Sie ist Schrödingers Partei, gleichzeitig der Wunschpartner der Rechten und andererseits eine Protestpartei. Das ist auch eine Folge des substanzlosen Dauerangriffs auf die Brandmauer (und ihre leider genauso uninspirierte Verteidigung). Ist die AfD nun eine Partei, mit der die CDU eine Koalition eingehen kann, oder nicht? Und wenn nein, warum nicht? Die Botschaft ist überhaupt nicht klar. Merz hat nun (dankenswerterweise!) wieder eine rote Linie gezogen und die Brandmauer bestärkt, aber mit welchem Grund? Die CDU kommuniziert keinen. Kein Wunder kann Jens Spahn nebenher beständig daran arbeiten, doch mit der AfD zusammenzuarbeiten (und dazu steuerfinanzierte, rechte NGOs nutzen, was allerdings, da es keine linken NGOs sind, nicht schlimm ist). Es ist wahrlich nicht so, als ob es keine Gründe gegen die Zusammenarbeit gäbe, Gründe, für die man gar nicht das große Rad der Nazivorwürfe drehen muss. Die außenpolitischen Positionen der AfD sind völlig indiskutabel, viele innenpolitische lachhaft. Die CDU kann den Kulturkampf mit der AfD führen, aber keinen Staat machen. Warum hält sie die Brandmauer nicht genauso aufrecht wie die gegen die LINKE? Da war auch immer die außenpolitische Inkompatibilität das Totschlagargument.
5) Mette Frederiksens Stern sinkt
Im Artikel wird beschrieben, dass Mette Frederiksen nach Jahren sozialdemokratischer Dominanz erheblich an Rückhalt verliere. In den Umfragen rutschten die Sozialdemokraten auf ein Rekordtief, und die kommunalen Niederlagen hätten laut Julian Staib den Eindruck verstärkt, Frederiksen habe den bisherigen Balanceakt zwischen harter Migrationspolitik und sozialpolitischem Profil nicht mehr halten können. Im Artikel wird ausgeführt, die Ministerpräsidentin setze weiterhin auf Verschärfungen – etwa durch Forderungen nach Änderungen der Menschenrechtskonvention –, damit jedoch inzwischen sowohl Mitte-Wähler als auch klassische linke Unterstützer verliere. Zugleich erhielten rechtspopulistische Parteien Zulauf, was die Begrenztheit dieser Strategie verdeutliche. Weiter wird erläutert, dass Frederiksen in der breiten Koalition seit 2022 kaum noch sozialpolitische Akzente setze, während steigende Lebenshaltungskosten und als bevormundend empfundene Appelle an die Arbeitsethik ihren Ruf beschädigt hätten. Der Unmut im Land richte sich zudem gegen Entscheidungen wie die Abschaffung eines Feiertags zugunsten höherer Verteidigungsausgaben sowie gegen die umfangreiche Ukrainehilfe. Im Artikel wird betont, dass Frederiksen zunehmend als abgehoben wahrgenommen werde und ihre neuerliche Annäherung an die linke Volkspartei kaum geeignet erscheine, den Vertrauensverlust zu stoppen. (Julian Staib, F.A.S.)
Ich glaube nicht, dass diese Entwicklung die „wir müssen es wie Dänemark machen“-Fraktion beeinflussen wird, die der SPD ständig rät, sich innenpolitisch deutlich nach rechts zu bewegen. Ich würde es aber auch selbst nicht als Gegenargument sehen. Für mich bleibt die dänische Sozialdemokratie ein Rätsel. Keine andere sozialdemokratische Partei hat es geschafft, dieses Rezept zu wiederholen; am offenkundigsten scheitert gerade Keir Starmer damit. Es scheint, als sei sie ein Phänomen sui generis – oder aber sehr unzureichend verstanden. Der FAZ-Artikel liefert Hinweise darauf, dass der Mix aus hart linken und hart rechten Positionen für Frederiksen das Erfolgsrezept war, aber es scheint auch, dass ihre Persönlichkeit eine große Rolle spielt. Mir fehlen aber schlicht die Kenntnisse über Dänemark, um das beurteilen zu können, und leider bietet die deutsche Medienlandschaft die auch nicht. Ich brauche nicht noch einen rosinenpickenden Welt-Artikel, der die SPD auffordert, endlich rechter zu werden. Ich hätte gerne echte Informationen und Analysen dazu, konnte aber bisher nichts Vernünftiges finden. Wenn wer was hat, gerne in die Kommentare.
Resterampe
a) Die Unterwerfung (Welt). Die verlieren einfach jedes Maß.
b) Ein linker Renten-Pakt (Welt). Geld ausgeben ist nicht per se links. An der Mütterrente etwa finden sich wenig linke Ideen. Aber so was sieht man in dem Laden einfach gar nicht mehr.
c) Mehr Lässigkeit wagen (Welt). Als Nachtrag zum Thema vom letzten Vermischten mit der Empörung.
d) Der Verderber der Demokratie (Spiegel).
e) Christian Stöcker zum Netzausbau (Twitter).
f) Habeck all along (Twitter).
g) Direkte Demokratie ist immer nur gut, wenn sie die gewünschten Ergebnisse bringt. (Weltwoche)
Fertiggestellt am 15.12.2025



zu 3) Auf Basis einer falschen Analyse kann man keine Wirtschaftspolitik machen, die zu einer signifikanten Verbesserung der wirtschaftlichen Situation führt. Und da 40 Jahre Unternehmenssteuersenkungen nicht zu Investitionen geführt haben (was nach der herrschenden Ideologie ja einfach so passieren müsste!), kommt man eben jetzt mit der Trilogie des laufenden Schwachsinns «Energiepreise», «Bürokratie» und «mangelnde Wettbewerbsfähigkeit» (wobei der intellektuelle Bankrott hier angesichts der riesigen Leistungsbilanzüberschüsse besonders offensichtlich ist) um die Ecke und glaubt tatsächlich damit Investitionshemmnisse ausgemacht zu haben. Gut, manche kommen noch mit einer um die «die Migranten sind Schuld» verlängerten Tetralogie an. Was natürlich absoluter ideologischer Nonsens ist. Es verwundert da auch wenig, dass unseren obersten Wirtschaftslobbyistin Reiche nichts anderes einfällt als zu verlangen, die Senkungen der Unternehmenssteuern vorzuziehen. Als ob das auch nur einmal die Investitionen der Unternehmen gesteigert hätte.
Ich glaube ja schön länger, dass Merz’ «Wirtschaftsprogramm» darin bestand, dass Merz Kanzler ist. Merz dachte wahrscheinlich tatsächlich, dass sich die Stimmung im Land bis zum Sommer alleine wegen seiner Kanzlerschaft verbessern wird.
Aber unter dem aktuellen geldpolitischen und wirtschaftspolitischen Regime ist keine signifikante wirtschaftliche Verbesserung zu erwarten und das ist tatsächlich etwas, von dem «nur die Angst-für-Deutschland» profitiert. Ungeachtet der Tatsache, dass die Rechtsextremen immer offensichtlich der verlängerter Arm gleich mehrerer ausländischer Regierungen sind.
@ DerDieDas 16. Dezember 2025, 08:25
3) Polygloom – What’s wrong with Germany?
… bla,bla,bla … Makroökonomie … bla, bla, bla …
Alle doof nur ich nicht
Es wurden nicht „40 Jahre Unternehmenssteuern gesenkt“, es wurde in den letzten 40 Jahren durchaus investiert (wenn auch nicht so sehr vom Staat), und auch die größten Leistungsüberschüsse kriegt man mit hohen Energiepreisen, einem Übermaß an Bürokratie, hohen Löhnen und geringen Arbeitszeiten (alles im Vergleich zum Wettbewerb) kaputt.
Wenn Du die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit nicht wahrnimmst, schau mal nach den letzten großen deutschen Innovationen: (Spöttisch formuliert) war das Auto …
Die letzte große deutsche Innovation, die mir einfällt, waren die von BioNTech entwickelten mRNA-Vakzine.
Ansonsten – Zustimmung.
Will Dir diese spezifische Negativsicht nicht kaputtmachen 🙂 , aber die Stärke der deutschen Industrie lag schon seit mehr als 50 Jahren nicht in Innovation, wir haben schon seit Ende des zweiten Weltkrieges kaum noch irgendwo technisch geführt. Unsere Stärke war seitdem die Adaption, kontinuierliche Verbesserung, Kundenorientierung im B to B Markt und die frühe Einbindung selbst kleiner mittelständischer Unternehmen in den Weltmarkt.
Gruss,
Thorsten Haupts
Ist das immer noch so und wenn nein, warum nicht?
@ Thorsten Haupts 18. Dezember 2025, 09:25
… aber die Stärke der deutschen Industrie lag schon seit mehr als 50 Jahren nicht in Innovation, …
Schrieb ich doch; das letzte große Ding war die Erfindung des Automobils 😉
Ich meine, dass Bürokratie Kosten verursacht und die Energiepreise ein Riesenproblem sind, sollte ziemlich unkontrovers sein?
g) Link ist der gleiche wie bei FS f)
1) Die Ungeduld des Kanzlers wird uns teuer zu stehen kommen
Zugleich werde betont, wirtschaftliche Akteure schürten Erwartungsdruck und klagten über den „freien Fall“, ohne eigene Versäumnisse zu reflektieren, …
Ich bin stets genervt, wenn ich so etwas lese. Blome, den ich sonst schätze, macht doch nichts anderes hier. Fast die komplette Medienlandschaft ist doch Kanzlerin Merkel auf den Leim gegangen und hat ihr Loblied gesungen, ohne auch nur halbwegs gleichwertig auf ihre frühzeitig erkennbaren Schwächen hinzuweisen.
Was sollen diese eigenen Versäumnisse der vielen wirtschaftlichen Akteure denn sein? Sie haben sich in einem Rahmen bewegt, der von der Politik vorgegeben wurde. Atomkraft abschalten und billiges Gas war ein „wasch mich, aber mach mich nicht nass“ der Politik, ein amerikanischer Präsident namens Trump war wie der Ukraine-Krieg nicht mal bei der deutschen Regierung vorstellbar, und mit Corona ist, bleiben wir höflich, die deutsche Wirtschaft keinesfalls schlechter umgegangen als die Regierung.
Das Umfeld für deutsche Unternehmen hat sich in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert, und die Reaktion der deutschen Politik waren Tatenlosigkeit höhere Abgaben, mehr Vorschriften, und das „Versprechen“, dass das „Gutmenschentum“ der Deutschen die Welt retten wird – ohne negative Konsequenzen.
https://www.iwkoeln.de/presse/pressemitteilungen/michael-groemling-jedes-dritte-unternehmen-plant-2026-stellen-abzubauen.html
• BASF: weltweit werden 3.300 Stellen gekürzt, gut 2.500 davon in Deutschland
• Bosch: 5.500 Stellen, davon 3.800 in Deutschland
• Continental: 7.150 Jobs sollen gestrichen werden
• Lufthansa: Hat 4.000 Jobs auf der Streichliste.
• SAP: Plant weltweit 10.000 Stellen abzubauen, davon 3.500 in Deutschland.
• Schaeffler: insgesamt 4.700 Stellen, davon 2.800 in Deutschland
• Thyssenkrupp Steel: Sieht 11.000 Stellenstreichungen vor.
• Volkswagen: Kündigt den Abbau von 35.000 Jobs an.
• ZF Friedrichshafen: Plant, bis zu 14.000 Arbeitsplätze zu streichen.
Diese Übersicht ist WEIT entfernt von Vollständigkeit. Knapp die Hälfte der Immobilienprojektentwickler ist Pleite, die Bauindustrie verliert Jobs, die Architektenbüros schließen, das Gastronomiegewerbe knirscht aufgrund von höherem Mindestlohn, Inflation und krisenbedingter Kundenzurückhaltung.
Einher gehen steigende Zinsen (das Geld braucht der Staat) und eine deutlich eingeschränkte Investitionstätigkeit. Gleichzeitig verlagern praktisch alleUnternehmen, die es sich leisten können, ihre Produktion ins billigere Ausland.
Eigene Versäumnisse? Spielen in der Regel nur auf der Nachkommastelle eine Rolle.
Von den 9 Unternehmen in der Liste haben 6 einen direkten Bezug zur Autoindustrie. Dazu Adam Tooze (in einem Gespräch mit Paul Krugman):
„So 10, 15, 20 years ago, investment was heavily concentrated in R&D in the German automotive sector, and last year it was still heavily concentrated in the German automotive sector, which is now being overtaken by the Chinese EV manufacturers“.
Aber das ist wahrscheinlich auch wieder Habecks Schuld.
@ CitizenK 16. Dezember 2025, 13:16
Von den 9 Unternehmen in der Liste haben 6 einen direkten Bezug zur Autoindustrie. …
Ja. Der Autoindustrie geht es auch nicht gut. Aber deren Problem habe nicht nur ich schon öfter hier aufgelistet: Wir sind mit dem klassischen (Verbrenner-)Autobau sehr viele Jahre sehr gut gefahren. Das lässt sich aber nicht 1:1 durch den Bau von Elektro-Autos kompensieren. China zahlt weniger fürRohstoffe,hat niedrigere Löhne, und mehr Subventionen vom Staat. Wenn jetzt die deutsche Autowirtschaft schwächelt, denn deswegen, weil weltweit weniger Verbrenner-Autos gekauft werden. Wenn der Markt in Richtung E-Auto tendiert, haben wir zu hohe Kosten, sind wir zu groß = sind wir zu teuer. Die Arbeitsplätze wären so oder so weggewesen – ob wir nun zu wenig Kunden für Verbrenner-Autos haben oder unsere „alten“ Strukturen und unsere unbefriedigende Rohstoff-Situation der Grund dafür ist.
Aber das ist wahrscheinlich auch wieder Habecks Schuld.
Warum reibst Du MIR das unter die Nase? Für mich war Habeck nie der Schrecken des Abendlandes gewesen.
Er hat zwar – aus meiner Sicht – zwei maßgebliche Fehler gemacht: Viele gute Fachleute in seinem Ministerium durch Ideologen ersetzt, und seine Kommunikation war nicht wirklich optimal.
Aber dass man jetzt z.B. gegen das Verbrenner-Aus kämpft, halte ich für einen Fehler (erinnert mich stark an Merkels unsägliches Agieren in Sachen Atomkraft), und seine Politik in Richtung Wärmepumpe fand ich vom Ansatz auch OK. Also die Politik in Richtung „Heizen mit erneuerbaren Energien“ war OK; der Versuch, dazu die Wärmepumpe festzuschreiben, war falsch; das hätte man dem Markt überlassen müssen.
@ Erwin Gabriel
Entschuldige, die Habeck-Spitze war nicht auf Dich bezogen. Ich weiß, dass Du ihn fair beurteilst/kritisierst.
Dass man ein „Verbrenner-Aus“ politisch beschließen muss, leuchtet mir auch nicht ein. Obwohl Norwegen das schon länger getan hat – und afrikanische Staaten jetzt auch. Es geht um das Verhältnis von Staat und Wirtschaft. Wenn der Staat (die Politik) sich raushalten soll, kann man ihm das jetzt nicht allein anlasten.
In dem erwähnten Gespräch weist Tooze darauf hin, dass selbst in den USA (auch in China) die Investitionen in die öffentliche Infrastruktur höher waren als in D. Der Zustand der Bahn (und der Brücken) wurde zum Symbol für deren Zustand, das selbst in den USA registriert wird. (Tooze gibt allerdings zu, dass selbst die Berliner S-Bahn besser sei als die in New York). Die Vernachlässigung der Bahn in den zurückliegenden Dekaden hat nun wirklich mit der Auto-Fixierung zu tun. Ist an der Nokia-Parallele nicht doch was dran?
@ CitizenK 16. Dezember 2025, 15:23
Aus meiner (sehr subjektiven) Wahrnehmung ist unser Hauptproblem, dass die regierenden Parteien sich immer wieder an der Wählerbestechung versuchen. Ob die CSU mit der Mütterrente, die SPD mit Bürgergeld, die Grünen mit der Energiewende und hast Du nicht gesehen – alle sind so davon überzeugt, den einzig richtigen Weg zu gehen, dass sie einen Haufen Steuergeld dafür ausgeben, IHRE politischen Vostellungen umzusetzen und möglichst unumkehrbar zu machen. Man schaut nicht „was braucht der Staat“, sondern nur „was, glaube ich, braucht mein Wähler, um beim nächsten Mal sein Kreuzchen bei mir zu machen“.
Und da ist irgendein beliebiger Sozialkram für die Mittelschicht eben wichtiger als Autobahnen, Schienen, Bildung, Verteidigung whatever. Und der Staat bzw. die jeweiligen, den Staat regierenden Parteien suhlen sich förmlich darin „zu helfen“, anstatt Möglichkeiten zu schaffen, dass man sich selber helfen kann. M.M.n. komplett der falsche Weg.
Du kannst halt auch nur was TUN, wenn du irgendwas reinbutterst. Deswegen hast du bei der Umsetzung von Dingen immer diesen Einschlag. Ist ja überall so: ein neuer CEO wird auch immer irgendwas umstoßen, anders machen, anstoßen, auch wenn es vielleicht nur Kohle kostet.
@ Stefan Sasse 17. Dezember 2025, 09:06
Du kannst halt auch nur was TUN, wenn du irgendwas reinbutterst.
Keine Frage; Zustimmung dazu.
Aber wenn Du Jahr für Jahr mehr Geld reinbekommst, als Du zuvor hattest, und Du butterst zu Lasten wichtiger Investitionen bzw. auch nur Instandhaltungen alles in die Art vonKonsum, die Dir (Deiner Hoffnung nach) beim nächsten Mal Wählerstimmen bringt, machst Du was falsch.
„Ob die CSU mit der Mütterrente, die SPD mit Bürgergeld, die Grünen mit der Energiewende und hast Du nicht gesehen“
„Du butterst zu Lasten wichtiger Investitionen bzw. auch nur Instandhaltungen alles in die Art vonKonsum, die Dir (Deiner Hoffnung nach) beim nächsten Mal Wählerstimmen bringt“
Der Vorwurf geht bei den Grünen und z.B. der genannten Energiewende ins Leere. Das sind ja Investitionen, z.B. in Energieproduktion und Infrastruktur.
@ derwaechter 18. Dezember 2025, 09:21
Der Vorwurf geht bei den Grünen und z.B. der genannten Energiewende ins Leere. Das sind ja Investitionen, z.B. in Energieproduktion und Infrastruktur.
Ich verstehe Deine Wahrnehmung, aber ich bewerte das anders.
Meine Ausgangs-Aussage war: „… alle sind so davon überzeugt, den einzig richtigen Weg zu gehen, dass sie einen Haufen Steuergeld dafür ausgeben, IHRE politischen Vostellungen umzusetzen und möglichst unumkehrbar zu machen.“
Die Idee der Energiewende finde ich grundsätzlich gut; die Umsetzung halte ich für mangelhaft, da zuviel Ideologie dabei ist. Da ist ein Riesen-Moloch entstanden, komplett überregelt.
Ähnliche Wahrnehmung zum Atomausstieg: Die ursprüngliche Variante von Schröder und Trittin fand ich OK, da die Industrie ausreichend langen zeitlichen vorlauf hatte. Merkel hat’s versaut, aber auch mit dem Wiedereinstieg konnte ich leben. Der zweite Ausstieg, das Beharren auf dem Abschalten und das teilweise zurück auf fossile Energien war schlichtweg albern.
Das, was mich an den Grünen am meisten stört (aber das gilt genauso für ALLE anderen Parteien), ist, dass ich michmit den grundsätzlichen Zielen – Verbrenner-Aus, Atomausstieg, raus aus fossilen Heizungen,Häuser dämmen etc. – sehr gut identifizieren kann; ichk riege aber immer Magenkrämpfe, wenn ich die viel zu theoretisch / ideologisch angelegten Umsetzungen und die dazugehörige Kommunikation sehe.
Kein Widerspruch. Aber ich sag es nochmal, es waren gerade die Linken, die Investitionen in Infrastruktur etc. forderten. Die Mütterrente kam ja nicht von denen.
„Möglichkeiten zu schaffen, dass man sich selber helfen kann“
Wie könnte das konkret aussehen? Was ist konkret „beliebiger Sozialkram für die Mittelschicht“?
@ CitizenK 16. Dezember 2025, 13:16
Nachtrag: Es gehen auch extrem viele Jobs im Bereich Bauen oder Dienstleistungen verloren. Das hat mit Auto nichts zu tun.
Zu 3)
Ich kann mich nach sorgfältiger Überlegung der Überzeugung nicht anschliessen, es würde zu viel gejammert und alles schlecht geredet, die Du (Stefan S) hier vetrittst.
Nur ein Beispiel: Ich stiess bereits 2007 (!) über OECD Daten darauf, dass Deutschland bei Investitionen in Infrastruktur das Schlusslicht Europas darstellte. Schon damals für einige Jahre. Und fand das ziemlich besorgniserregend. Daran hat sich weitere 18 Jahre lang (!) nichts geändert. Ja, das IST grossflächiges Politikversagen, was denn sonst?
Ähnliches gilt für die schleichende Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit deutscher Schlüsselindustrien, die Nichtzurkenntnisnahme der sichtbaren Veränderung aussenpolitischer Rahmenbedingungen, unserer idiotischen Migrationspolitik etc.
Das Jammern und Meckern war in der Vergangenheit also erkennbar zu leise und nicht durchschlagend. Einzige Abhilfe in Mediendemokratien ist: lauter meckern. Wenn Dir eine bessere einfällt, gerne her damit, ich zerlege sie dann 🙂 .
Gruss,
Thorsten Haupts
Ich finde auch, man muss hier unterscheiden: Der Deal war in der Vergangenheit – ja in Deutschland läuft nicht alles rund, aber im wesentlichen geht es uns gut wir Jammern auf hohem Niveau.
Ein Teil haben wir uns als Wähler selbst zuzuschreiben: Obwohl wir es besser wussten, haben wir mehrheitlich immer diejenigen gewählt die uns bedeutet haben, dass wir uns nicht ändern müssten und der Laden wieder ans Laufen kommen würde. Wir erleben aber immer mehr, dass dies nicht der Fall ist: Unternehmen bauen Jobs ab, immer größere Staus, immer mehr Nachrichten, dass Projekte der öffentlichen Hand teils spektakulär scheitern, deutliche Mehrkosten für Energie, Wohnen und Lebensmittel. Stadtverwaltungen die wirklich nur noch verwalten, statt zu gestalten. Kämmerer denen das Wasser so zum Hals steht, dass Sie nur mit der Steuerschraube agieren können, Bildungseinrichtungen für Kinder und Jungendliche die immer mehr verfallen, Unterrichts- und Betreuungsausfall.
Reagiert die Politik: Nein, statt in kleinen Schritten konsequent Modernisierung anzustreben gibt es Phantomdebatten über die Schuldigen,: je nach politischer Colör sind es dann die Reichen, die Ausländer, die Weltwirtschaft, die faulen Arbeitnehmer, Trump, die Maßanzüge. Was nicht mehr passiert: Führung – Perspektiven aufzeigen.
Es gibt in diesem Land die breite Einsicht, dass es nicht so bleiben kann. Aber die Politik findet nicht die richtige Priorisierung: Wenn ich eine Rentendebatte am Kochen habe, sollte ich als Politik beim Thema Diätenerhöungen einfach mal auf der Bremse stehen (um den Leuten nicht noch eine Steilvorlage zu geben). Ich rede über Stärkung der Bahn und erlaube wieder den Parlamentariern Kurzflüge in der Business-Class. Das Timing ist völlig unzureichend, aber man hat das Gefühl, die Kritik daran verfängt bei der politischen Elite nicht mehr. Da hat sich etwas komplett entkoppelt.
Die Politik darf nicht viel versprechen, aber sie muss sich ehrlich machen. Und das Bedarf einer ganz anderen Kommunikation. Man darf uns als Wähler etwas zumuten, wenn auch die Politik für Zumutungen bereit ist.
Naja, da muss ich halt klar sagen, dass die Linken schon 2007ff. auf die fehlenden Investitionen hingewiesen haben. Ständig.
Wie unwirsch StefanP auf die Nennung von Mehdorn (Protegé des bei Konservativen inzwischen so beliebten Genossen der Bosse) als eine Ursache der Misere bei der Bahn. Keine ollen Kamellen – langfristige Folgen. Weichen, Ausweichstrecken, Stellwerke – heute spotten gerade diejenigen, die damals kein Geld dafür ausgeben wollten.
Jepp!
@ Stefan Sasse 17. Dezember 2025, 09:03
Wenn DU unbedingt willst,kann man da ja wieder eine Rechts-Links-Debatte draus machen – warum auch immer … 😐
Naja, da muss ich halt klar sagen, dass die Linken schon 2007ff. auf die fehlenden Investitionen hingewiesen haben. Ständig.
Ja, und? Wenn die Linken (die letzten Jahrzehnte also maßgeblich die SPD) mit Merkel an der Regierung war, wurden trotzdem die Investitionen gekürzt und die Sozialausgaben erheblich ausgeweitet. Und die Grünen haben viele Wege gefunden, eigentlich wichtige Richtungsentscheidungen möglichst überreguliert, kompliziert und teuer auf den Weg zu bringen.
Die Union halte ich da übrigens für keinen Deut besser. Kanzlerin Merkel hatte keinen eigenen Plan, hat die SPD-Anliegen 1:1 übernommen und als ihre Leistung verkauft; ist fast noch schlimmer.
Ich meinte auch weniger die SPD, von denen kam und kommt so was ja nicht.
@ Stefan Sasse 18. Dezember 2025, 12:47
Ich meinte auch weniger die SPD, von denen kam und kommt so was ja nicht.
Dann weiß ich nicht, was Du meinst.
Teile der LINKEn und die ökonomisch linke Bubble. Denk Flassbeck und Co.
Aber wie kam denn das? Haben wir mit Absicht nur noch Politiker gewählt, die primär Einschlafbegleitung praktizieren, oder geht einfach kaum einer mehr in die Politik, der nicht harmoniesüchtig ist? Ich wusste gar nicht, was ich hätte protestwählen sollen, und für eine gewisse Partei war ich mir zu fein.
Um fair zu bleiben: Ich wüsste tatsächlich nicht, wie sich das vermeiden liesse. Es ist leider eine Menschheitskonstante, dass Völker und ihre Führungen in einer langen Friedens- und Wohlstandsperiode träge werden und Weckrufe (zu) lange ignorieren. Es hätte in Deutschland nach meiner Erinnerung keine Partei gegeben, die man als Gegengift hätte wählen können und es gibt sie nach wie vor nicht (die AfD sehnt sich kurioserweise nach Merkelzeiten unter den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der achtziger).
In Demokratien kommt verschärfend hinzu, dass Politiker tatsächlich aus der Mitte der Gesellschaft kommen, d.h., in keiner Weise dazu erzogen oder ausgebildet wurden, eine Führungsrolle zu übernehmen. Westliche Politiker sind grosso modo ein Abbild ihrer Gesellschaften, nicht herausragende Abweichler.
Gruss,
Thorsten Haupts
Hat auch viel mit den Parteien selbst zu tun – insbesondere in der Union gibt es starke Beharrungskräfte – Funktionsträger üben ihre Rolle über Jahrzehnte aus. Das führt zwangsläufig zu Seilschaften, Kungelei und Erstarrung.
Das beste Beispiel ist der Söder in Bayern – 2028 wird er 10 Jahre lang Ministerpräsident gewesen sein. Es wäre Zeit jetzt einen Nachfolger aufzubauen. In Sachsen Anhalt bleibt Haselhoff so lange im Amt, bis er bei der nächsten Wahl nicht mehr antritt und verbaut so dem Nachfolger wichtige Profilierungsmöglichkeiten.
Hierdurch wird Aussitzen befördert und innerparteiischer Wettbewerb gelähmt.
zu 4)
Naja, könnte ja auch dran liegen, dass jegliches konstruktives Gespräch darüber direkt als „Öffnen des Tors zur Hölle “ geframt würde.
Man könnte ja sehr sachlich mit der AfD sprechen und denen sagen: eine Koalition käme für uns dann in Betracht und man zählt seine unverhandelbaren Positionen auf. Dann zwingt man die AfD in die Sachdiskussion und säht ggf. auch den Spaltpilz in die AfD hinein- diejenigen die nur einen auf Protest machen und denjenigen die ggf. doch regieren wollen und mit Herrn Höcke überhaupt nichts anfangen könnnen.
In Österreich hat man genau das gemacht. Die rechtsextreme FPÖ wurde sogar mehrfach auf Landes- und sogar auf Bundesebene in Regierungskoalitionen eingebunden. Insbesondere im Bund endete das jedesmal im Desaster. Und heute führt die FPÖ in den Umfragen trotzdem mit meilenweitem Abstand vor allen anderen Parteien. Tatsächlich hat die FPÖ gegenwärtig mehr Stimmen als Konservative und Sozialdemokraten zusammengenommen.
Die AfD ist aktuell kein Koalitionspartner für die Union – aber hier ein konkretes Beispiel um die AfD inhaltlich zu stellen:
https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/ordnungsverfahren-lucassen-afd-100.html
Die ach so nationalkonservative AfD ist gegen eine Dienstpflicht für Deutschland aus Angst Zustimmung in Landtagswahlen im Osten zu verlieren. Das müssen SPD und Union jetzt inhaltlich rein und die AfD-Position anhand der Realität grillen.
Wo genau soll dieses Grillen denn stattfinden? Die Wähler der AfD lesen keine Mainstreammedien, sehen keine Politiksendungen oder Bundestagsdebatten. Die Bundestagspräsidentin war kürzlich bei Markus Lanz zu Gast und erzählte, wie AfD-Abgeordnete im Bundestag jede Diskussion verweigerten. Stattdessen würden am Redepult Beleidigungen und wüste Beschimpfungen rausgehauen, die anschließend zu einem kurzen TikTok-Video für’s Internet zusammengeschnitten würden. Das ist alles was die Partei aus der Bundestagsdebatte will. Die Debatte im Plenum verliert sie inhaltlich. Aber ihre Unterstützer sehen davon nichts außer dem martialischen TikTok-Video. Exakt das gleiche geschieht in TV-Sendungen. Da verlieren die AfD-Vertreter jede Debatte, werden inhaltlich bloßgestellt, haben keine Argumente. Aber es reicht immer für ein 30-sekündiges TikTok-Video. Das nimmt die Partei mit und damit den Sieg.
Ja, das ist mein Punkt.
zu 5:
Wegen Artikeln zum Sonderweg der dänischen Sozialdemokratie:
https://larso.dk/wp-content/uploads/2025/04/In-an-Age-of-Right-Wing-populism-april-2025.pdf (Artikel aus der NY Times)
Danke!
2) Es ist schade, dass der Artikel (stellvertretend für große Teile des deutschen Kommentariats) nicht die australische Regelung als das sieht, was sie ist: Ein Testlabor. Man merkt, dass gar nicht die Funktionsweise des Online Safety Amendment Act 2024 bekannt ist – es geht genau darum, dass die Verantwortung für die Alterskontrolle bei den Digitalkonzernen liegt. Auch wäre es sinnvoll, auch einmal abzuwarten, wie sich die Regelung tatsächlich auf die Gesundheit der Jugendlichen auswirkt (und ob sie rechtlich durchgehalten werden kann, Reddit hat schon dagegen Klage eingereicht).
Denn letztlich ist das stichhaltige Argument „Jugendliche werden Wege finden, es zu unterlaufen“ ein Argument, das auf jeglichen Jugendschutz angewandt werden kann. Wie sehr das in der Praxis getan wird, wird sich zeigen.
3) Tooze sieht den wesentlichen Punkt richtig: Das Problem sind nicht katastrophal schlechte Kennzahlen in einem Bereich, sondern in allen Gebieten eine „gleichmäßig“ schlechte Entwicklung. Aber dann ist es eher hilflos, auf den Überbringer schlechter Nachrichten zu schimpfen. Noch deprimierender ist doch das Fehlen guter Nachrichten (Oder fällt dir konkret irgendeine positive Wirtschaftsmeldung der letzten Zeit ein).
Und natürlich sollte die Wirtschaftspolitik für einen Stimulus sorgen, der den „Slump“ überwindet. Stattdessen investiert sie in ein e Branche, die einen lächerlichen Fiskalmultiplikator liefert [aber dafür reichlich Korruption und Mitnahme].
4) Du hast komplett recht, die AfD hat am wenigsten Grund, an der Situation etwas zu ändern. Sie ist in einer komfortablen Nische, die ihr einen signifikanten Teil der Wähler sichert. Aber du übersiehst (vielleicht), dass diese Situation (machtpolitisch betrachtet) auch für die Union ziemlich komfortabel ist. Sie gewinnt allein durch die Option „Wir könnten auch mit der AfD regieren, wenn wir denn wöllten“ einen Hebel, andere Parteien gegen die eigene Überzeugung stimmen zu lassen.
2) Fair!
3) Was meinst du?
4) Ich halte das für eine Fehlwahrnehmung. Die gab es in den 2000ern schon mal zur SPD, und für die hat das auch nicht gestimmt.
3) Da habe ich zu viel in den Post reingestopft. Der Reihe nach:
i) Es geht nicht zentral um ein schlechtreden, sondern um eine (nach mehreren unterschiedlichen Kriterien) objektiv messbar schlechte Situation.
ii) Die natürlich zu einer schlechten Stimmung führt -auch weil es so wenig gibt, was sich positiv vermelden lässt.
iii) Und es ist Aufgabe der Wirtschaftspolitik, gegen diesen Teufelskreis aktiv zu wirken – typischerweise indem Geld in den Wirtschaftskreislauf gebracht wird, wie bei Obamas Stimulus Package oder Bidens IRA.
iv) Aber die Regierungen Scholz und Merz haben zwar durchaus hohe schuldenfinanzierte Investitionen getätigt, diese waren jedoch in einem Bereich, wo der „keynesianische Return“ schwach bis nicht vorhanden ist.
4) Der Unterschied: die 2000er SPD hatte ihren „Linksblinker“ Lafontaine gegangen werden lassen, während die 2020er CDU ihren „Rechtsblinker“ Spahn voll integriert behält.
3) Soweit klar, aber welcher Bereich wäre besser gewesen und warum war denn Infrastruktur so schlecht? (Davon abgesehen ist es IMHO noch viel zu früh, um die Auswirkungen des Programms zu untersuchen, das hat ja kaum begonnen).
4) Naja, Lafontaine hat sich ja selber rausgekegelt.
„. Aber du übersiehst (vielleicht), dass diese Situation (machtpolitisch betrachtet) auch für die Union ziemlich komfortabel ist. Sie gewinnt allein durch die Option „Wir könnten auch mit der AfD regieren, wenn wir denn wöllten“ einen Hebel, andere Parteien gegen die eigene Überzeugung stimmen zu lassen.“
Das sehe ich ehrlich gesagt jetzt noch gar nicht. Im Gegenteil: Die anderen haben einen Hebel über die CDU und die CDU über sich selbst. Die SPD konnte in den Koalitionsverhandlungen ziemlich viel durchsetzen, da die CDU sonst mit zu wenig Stimmen dagestanden hätte
Die politische Praxis der letzten 12 Monate gibt eher Ihnen als cimourdain Recht. Denn die nahezu einzige Frage, in der die Union diesen „Hebel“ einsetzen kann, ist Migration. Auf vielen weiteren Gebieten ist die AFD noch bescheuerter, als selbst die jetzigen Oppositionsparteien.
Wie weit das auf den Koalitionsvertrag zutrifft, ist schwierig zu beurteilen, weil da viel subjektive Bewertung drinsteckt. Wo ich Ihnen aber recht gebe, ist die Personalbesetzung des Kabinetts: Die SPD hat 7 von 17 Resorts bekommen, das ist völlig normal für den Juniorpartner einer Koalition.
5) Unter „Denmark immigration“ gibts einiges in youtube.
Grundsätzlich gelten ja Skandinavier als mehr gemeinschaftsorientiert. Genau das macht die übrigens auch zu sehr angenehmen Kollegen oder Vorgesetzten. Das führt aber natürlich auch dazu, dass man eher bereit ist, bestimmte gemeinschaftsnervende Dinge mit radikalen Massnahmen auszuschliessen. Hat man sich einmal für eine härtere Gangart gegen Schutzsuchende entschieden, setzt die Pfadlogik ein und die Massnahmen werden radikaler.
Irgendwann sieht man die harte Asylpolitik als gegeben an und viele Leute wenden sich anderen Parteien zu.
In Schweden fahren die seit 2015 auch eine härtere Anti-Asyl-Politik.
Ich halte das inzwischen als Zeichen unserer Zeit.
zu 2) “Social Media-Verbot für Jugendliche”
Das Social Media-Verbot für Jugendliche in Australien erinnert mich stark an das Rauchverbot für Unter-16-Jährige in Deutschland in den 80er Jahren. Wir haben damals alle geraucht, obwohl wir jünger waren. Es gab null Probleme Zigaretten zu kaufen. Und oft haben wir Erwachsene gefunden, die uns Zigaretten geschenkt haben.
Dabei waren die jugendlichen Raucher nie das Problem. Das Problem waren die alten Raucher. Lungenkrebs und fatale Herzkreislauferkrankungen bekamen die 60- und 70-Jährigen, nicht die 15-Jährigen. Und wirksam zurückgedrängt wurden diese Geißeln der Menschheit erst durch breite Rauchverbote.
In den 80er Jahren hätte sich niemand solche Rauchverbote vorstellen können. Schließlich rauchten ja mehr als ein Drittel der Bevölkerung. “Die kann man ja nicht alle kriminalisieren”, hieß es. Und die Tabakkonzerne hatten eine extrem wirksame Lobby und endlos viel Geld.
So interessant die Analogie ist, deine Prämisse „jugendliche Raucher waren nie das Problem“ ist auf dem „Uns hat es auch nicht geschadet“ Niveau.
Natürlich bedeutet das Vergiften von heranwachsenden Organsystemen (Atemwege, Kreislauf, Gehirn) eine dauerhafte Schädigung für den Rest des Lebens.
Und natürlich wird in jungen Jahren Verhalten leicht, gründlich und nachhaltig gelernt. Das gilt eben auch für Suchtverhalten.
Wer mit dem Rauchen aufhört, senkt sein Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen sehr schnell. Und wer vor dem 35. Lebensjahr aufhört, dessen Lungenkrebsrisiko sinkt statistisch auf den basalen Wert eines lebenslangen Nichtrauchers.
Ja – schlechtes Verhalten wird in jungen Jahren erlernt. Aber wer rechtzeitig aussteigt, hat zumindest statistisch keine Folgen. Wer leidet und stirbt – und nebenbei hohe Gesundheitskosten für die Gesellschaft produziert – ist hingegen alt. Und für den alten Krebs- oder Herzpatienten ist es ziemlich egal, ob er mit 14, mit 17 oder mit 21 angefangen hat.
Oh – und der Hauptpunkt ist natürlich, dass wenn Dir das Verhindern des “Vergiftens von heranwachsenden Organsystemen (Atemwege, Kreislauf, Gehirn)” wirklich ein Anliegen ist, dann ist es interessant zu wissen, dass das Vergiften der jungen Menschen erst dann statistisch messbar zurückgedrängt worden ist, als der Staat breite Rauchverbote für alle erließ – also kein Rauchen mehr in öffentlichen Gebäuden, Verkehrsmitteln, Diskos, Clubs, Restaurants, Imbissbuden, Schulgeländen, Fußballplätzen, Bahnsteigen etc.. Während das selektive Rauchverbot für Unter-16-Jährige jahrzehntelang wirkungslos verpufft ist, haben die breiten Rauchverbote für alle die Zahl der Raucher und ihrer Krankheiten zum ersten Mal dramatisch gesenkt.
Die Statistik spricht eher gegen Ihre These – die Anzahl jungendlicher Raucher fiel vor der allgemeinen Verbreitung von Rauchverboten in den Bundesländern, war also davon offenbar unabhängig:
https://www.rauchfrei-info.de/die-gesellschaft/raucherquote-bei-kindern-und-jugendlichen/
Nein, der Anteil jugendlicher Raucher ist seit 1980 stetig und kontinuierlich bergab gegangen.
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/444502/umfrage/raucheranteil-unter-jugendlichen-und-jungen-erwachsenen-nach-geschlecht/
Die von dir angesprochenen Regularien waren eine Reaktion auf diesen Trend und kein Auslöser.
Der Statista-Link ist hinter einer Paywall. Kann ich leider nicht anschauen. Aber in Thorstens Link oben sieht man, dass die Raucherzahlen seit 2001 gesunken sind. Es ist richtig, dass das einige Jahre vor dem breiten Rauchverbot in Gaststätten und Verkehrsmitteln etc. in 2007 lag. Allerdings gab es auch in der Zeit vorher immer mehr kleinere Rauchverbote. Die Lufthansa verbot etwa im Jahr 1998 das Rauchen auf allen Flügen. In Flughäfen war das Rauchen vielerorts nur noch in gesonderten Kabinen erlaubt. Am Arbeitsplatz wurden viele Rauchverbote ausgesprochen. Etwa ab 2003 verbot etwa die Universität, an der ich damals arbeitete, das Rauchen auf dem gesamten Universitätsgelände. Raucher, die vorher bequem auf dem Balkon gequalmt hatten, mussten dann ihr Gebäude verlassen und 10 Minuten bis auf die öffentliche Straße laufen. An meiner ehemaligen Schule wurde ein Rauchverbot im (Außen-)Oberstufenbereich ausgesprochen. Viele dieser begrenzteren Maßnahmen haben mit Sicherheit dazu beigetragen, die Raucherzahlen langsam zu senken. Und ja – sie haben den Boden bereitet für die weitreichenderen flächendeckenden Verbote.
Ja, denke ich auch.
Wissen wir, was da genau Henne und was Ei ist?
Es sind beides „Eier“. Die „Henne“ ist der graduelle gesellschaftliche Imagewandel des Rauchens von „cool“ auf „gesundheitsschädlich“ und „rücksichtslos“.
In diesem Zusammenhang bemerkenswert: Seit eine (scheinbar?) weniger „gesundheitsschädliche“ und „rücksichtslose“ Variante (E-Zigarette) auf dem Markt ist, steigen die Raucherzahlen wieder.
Naja, der Erfolg der E-Zigaretten reflektiert nicht wirklich einen neutralen Imagewandel, sondern da stecken riesige kommerzielle Interessen und großangelegte Werbekampagnen dahinter.
Ansonsten wundert mich, dass Du nicht die Frage stellst, warum sich eigentlich das Image von Zigaretten gewandelt hat. Dazu haben unter anderem massive Klagewellen gegen die Tabakkonzerne beigetragen – etwa das Master Settlement Agreement in den USA in 1998. Durch diese Klagen waren die Tabakkonzerne ständig negativ in den Medien. Aus meiner eigenen Generation kann ich sagen, dass der Hauptgrund dafür, dass Kinder geraucht haben, der war, dass man mit dem Rauchen das Erwachsensein assoziiert hat. Das Rauchverbot für Unter-16-Jährige hat also den Konsum von Tabak unter Jugendlichen massiv befördert. Nachdem meine Generation dann erwachsen war, fiel dieser Antrieb offensichtlich weg. Was blieb, war die Drogenabhängigkeit. In einem Umfeld von Klagen gegen Tabakkonzerne, Raucherschwernissen am Arbeitsplatz und einem sich wandelnden Gesundheitsbewusstsein, hörten dann die ersten auf zu rauchen. Und das schuf mehr und mehr Milieus, in denen die Zigarette nicht mehr selbstverständlich war. Das half wiederum anderen ebenfalls aufzuhören. Und je mehr Menschen aufhörten, desto lauter wurden die Rufe nach Verboten. Die Verbote machten es dann noch schwieriger weiterzurauchen und am Ende blieb nur noch eine kleine Handvoll qualmender Veteranen übrig.
Dass Image immer auch etwas mit PR zu tun hat, ist so richtig wie wichtig – keine Diskussion.
Interessant ist die unterschiedliche Wahrnehmung des damaligen Zeitgeistes. Uns trennen nur wenige Jahre (Ich war zweite Hälfte der 80er im „kritischen Alter“) und bei uns Schülern wurde Rauchen sehr kontrovers diskutiert.
Aber versuchen wir mal eine Zeitleiste, wie da PR, Zeitgeist und Regularien sich gegenseitig ergänzt haben:
60er und 70er: Medizinische Erkenntnisse über die schädliche Wirkung
1974 Altersgrenze 16 Deutschland, sehr kleine Warnhinweise auf Plakaten
80er: Passivrauchen wird auch als schädlich erkannt
Nichtraucherschutz im öffentlichen Dienst
frühe 90er: spektakuläre Prozesse gegen die US Tabakindustrie. Diese bekommt ein stark negatives Image.
ab 90er Rauchen verschwindet aus Filmen und Serien.
2001 Rauchverbot in Zügen
ab 2000er Rauchen werden zunehmend als Kontrollverlust, ungesund und „assi“ (verzeih den slur, aber das trifft es) wahrgenommen
2007 bis 2009 (nach Bundesland) Rauchverbot in Gaststätten
2010 Werbeverbote
ab 2010er Framing als Belastung für das Gesundheitssystem
2016 „Schockbilder“ auf Packungen, Altersgrenze 18
2017 Rauchverbot im Auto mit Kindern
Gehe mit Deiner Timeline d’accord. Aber eine Sache hast Du ausgelassen, nämlich die zunehmenden Raucherbeschränkungen am Arbeitsplatz. Die kamen auch vor dem großen Verbot in 2007 und haben sicher einen Effekt gehabt, die Zahl der Raucher nach und nach zu reduzieren. Bei uns an der Universität haben sich die Raucher zum Beispiel vor 2003 immer auf dem Balkon getroffen, der über den Sozialraum betreten werden konnte. Die Leute haben sich dann einen Kaffee geschnappt und gemütlich mit raus genommen. Die meisten werden so etwa einmal die Stunde eine Zigarette geraucht haben. Nachdem man aber ab 2003 das Gebäude und sogar das Universitätsgelände verlassen musste, um noch rauchen zu dürfen, war es mit der Gemütlichkeit vorbei. Einen Kaffee konnte man nicht mehr wirklich praktisch mitnehmen. Und im Regen oder in der Kälte wollte auch niemand ohne Dach stehen. Raucher haben mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Zahl ihrer Zigaretten reduziert. Und manche werden so genervt gewesen sein, dass sie aufgegeben haben. Dadurch fiel aber die “Rauchertruppe” auseinander, wodurch Rauchen noch unattraktiver wurde und noch mehr aufhörten.
Möglicherweise sind es solche Effekte gewesen, die zwischen 2002 und 2007 zu einer dramatischen Verringerung der in Deutschland gerauchten Zigaretten geführt haben, obwohl die Zahl der Raucher langsamer sank:
https://www.zavamed.com/de/zava-report-rauchen-in-deutschland.html?srsltid=AfmBOooe56CxJGwAoYlozUNKG-rC5KJC2PXS5J1Uw4BNTveFAsX0QAkj
Vielleicht haben die Menschen konfrontiert mit Verboten am Arbeitsplatz einfach weniger und weniger Zigaretten geraucht, bis einige komplett aufgehört und andere anschließend mitgezogen haben?
Jetzt sind wir ziemlich nah beieinander. Ich biete dir noch zwei Lesetips zur seltsamen Debatte um das (Nicht-) Rauchen in den 90ern
„Danke, dass Sie hier rauchen“ von Christopher Buckley: Satire aus der Sicht eines Tabaklobbyisten
(etwas weiter hergeholt) „The Ten-o-Clock People“ von Stephen King: Kurzgeschichte über Leute die in Ihrer Raucherpause anfangen, eine übernatürliche Bedrohung zu sehen
Jepp. Was uns auch mal wieder zeigt, dass nichts an Aufklärung und Verboten vorbeiführt.
Ja, wissen wir sogar präzise: Verbote brauchen eine demokratische Parlaments- und eine überwältigende Bevölkerungsmehrheit, sonst werden sie gar nicht erst Gesetz bzw. verpuffen wirkungslos. Erkenntnis und öffentlicher Druck existierten also bereits lange vor den Verboten.
Ja und nein. Das bedingt sich wechselseitig. Ein Verbot kann das Bewusstsein manchmal auch schaffen, wird am Anfang kaum befolgt und hilft den Meinungswandel mitgestalten. Denk mal an die Anschnallpflicht zB.
Good point.
zu 5) “Mette Frederiksen”
Angenommen Du bist ein Alien und bereist zum ersten Mal die Erde. In einem Land x regiert die Partei y. Welche Aussagen lassen sich unabhängig von konkreter Politik, Parteiausrichtung oder Personen machen? Zunächst wohl, dass die Partei y mal ausreichend überzeugend gewesen sein muss, um eine Mehrheit hinter sich zu scharen. Sonst wäre sie ja nicht gewählt worden. Und zweitens, dass die Menschen irgendwann der Partei y überdrüssig sein werden und dann die Umfragewerte der Opposition steigen werden. Simple politische Mechanik. Man braucht weder zu wissen, dass es um Dänemark geht, noch dass dort Sozialdemokraten regieren, noch dass die Regierungschefin Mette Frederiksen heißt.
5) Ein wichtiger Punkt ist, dass das politische System in Dänemark deutlich anders „funktioniert“: Das Folketing ist die einzige Parlamentskammer, es wird nach Verhältniswahlrecht gewählt. Das Parlament ist stark fragmentiert (12 verschiedene Parteien haben Sitze). Die atlantischen Regionen (Faröer, Grönland) haben Sonderrechte. Minderheitsregierungen sind die Regel (auch Frederiksens 3-Parteien Regierung ist seit 2024 ohne eigene Mehrheit). Der Ministerpräsident (Statsminister) und das Kabinett wird nach dem parlamentarischen Mehrheitsprinzip ernannt, regiert dann aber ohne feste Amtszeit so lange bis sich im Parlament eine Mehrheit für die Abwahl findet (auch über Legislaturperioden hinweg).