Rezension: Jonathan M. Katz – Gangsters of Capitalism

Jonathan M. Katz – Gangsters of Capitalism (Hörbuch)

Jonathan Katz‘ „Gangsters of Capitalism“ hat einigen Wirbel verursacht und wurde mit zahlreichen positiven Kritiken besprochen; der Autor war auch in einer Folge von „Why is this happening“ zu Gast, wo er einen Teil des Buchs mit Chris Hayes diskutiert. Ich sage hier bewusst „einen Teil“, weil ich vom Podcast und auch anderen Besprechungen den Eindruck hatte, dass das Buch vor allem als Biografie Smedley Butlers zu verstehen ist und anhand seines Lebens diese Epoche des amerikanischen Kapitalismus‘ nachvollzieht, doch das ist nicht ganz korrekt. Katz ist die Stationen von Butlers Leben nachgefahren und erforscht im journalistisch-essayistischeren Teil des Buchs die Gegenwart von diesen Stationen Butlers Wirkens. Das macht das Buch eher besser als schlechter. Aber der Reihe nach.

Smedley Butler war ein Marine, der seinen ersten Kriegseinsatz im zarten Alter von 16 Jahren (er log bei bezüglich seines Alters) im amerikanisch-spanischen Krieg bei der Eroberung Kubas erlebte und seither eigentlich keinen kriegerischen Konflikt ausließ, ehe er 1928 zum letzten Mal zum Einsatz kam. Der mit zahlreichen Medaillen ausgezeichnete Kriegsheld ist einer der Säulenheiligen Quanticos, ein Vorbild für viele Marines bis heute. Gleichzeitig ist er aber auch ein von Linken gerne zitierter Kritiker des Imperialismus: in den 1930er Jahren erlebte er eine wahre Sinnkrise, schrieb mehrere Bücher (unter anderem „War is a Racket„), bezeichnete sich in einer berühmten Rede als einen „Racketeer for Capitalism“ (wovon sich auch Katz‘ Titel des etwas zeitgenössischeren „Gangsters“ ableitet, der sich auf das ganze Marine Corps bezieht) und verhinderte quasi im Alleingang einen Putsch von Rechtsextremisten und Businessleuten gegen Roosevelt 1933. Ein bewegtes Leben, wahrlich.

Katz folgt Butlers Biografie von den Anfängen im Krieg gegen Spanien 1898 bis in die 1930er Jahre, aber er nutzt sie mehr als Aufhänger fü ein wesentlich ambitionierteres Programm, weswegen ich vom journalistischen Teil sprach. Während Katz‘ intensive Forschungen sich in der Qualität und Tiefe der historischen Betrachtung deutlich bemerkbar machen – der Autor recherchierte über fünf Jahre in Archiven und las sich offensichtlich gewaltige Wissensbestände an – befasst sich ein guter Teil des Buches damit, wie diese Orte heute aussehen und welche Langzeitfolgen das Engagement der USA dort hatte.

Die Struktur des Buches schwingt daher zwischen biografischer Geschichtserzählung (und auch auf die Gefahr hin, dass wir die olle Diskussion wieder aufmachen, es ist trotz der extensiven Recherche eine Geschichtserzählung, während Brockschmidt etwas ganz anderes unternommen hat) auf der einen Seite und der journalistischen Berichte Katz‘ selbst, der diese Orte besucht und mit Menschen vor Ort spricht. Letzteres gleitet teilweise etwas ins Alberne ab, wenn Katz etwa versucht, einen nächtlichen Boot-Trip Butlers über eine philippinische Bucht nachzuvollziehen, nach dem dieser einen Nervenzusammenbruch erlitt, nur um festzustellen, dass er (Katz) sich nicht in seinen (Butlers) Kopf versetzen kann. Es sind solche Albernheiten, die angelsächsischen Geschichtsforscher*innen ihren schlechten Ruf in der deutschen Geschichtswissenschaft einbringen.

Auf der anderen Seite ist diese Struktur sehr flüssig geschrieben und macht das Buch unglaublich unterhaltsam, was man bei der Thematik nicht vermuten sollte. Die Zeit vergeht bei der Lektüre wie im Flug, und Katz findet einen hervorragenden Rhythmus im Wechsel zwischen den Passagen von vor 100 Jahren, in denen Butler als „Gangster“ im Dienst des Kapitalismus agiert, und heute, wo viele dieser Länder die Geschehnisse von damals, in den USA längst verdrängt, als Gründungsmythen neu inszenieren und sich gegen die USA stellen.

Und das ist die eigentliche, halb verdeckt laufende Linie von Katz‘ Buch. Es ist eine längst überfällige Aufrechnung mit der eigenen Vergangenheit, der sich auch etwa Großbritannien, Belgien oder Frankreich bisher nur höchstens unvollständig stellen. Im Interesse geradezu lächerlich spezifischer und kleiner Wirtschaftsinteressen (worüber sich bereits Butler in seinem ersten politischen Moment 1909 in einem Brief an seine Mutter echauffiert) werden amerikanische Soldaten in ferne Länder geschickt und richten ungeheuere Bluttaten an.

Der Krieg gegen Spanien 1898 führt zum ersten Erwerb von Kolonien, aber er weckt eigentlich erst den Appetit der USA. In einem mehrjährigen, blutigen Krieg, der in einer Ära ohne Luftwaffe fast eine Dreiviertel Million ziviler Opfer kostet, werden die Philippinen unterworfen (was eigentlich nur gelingt, weil der philippinische Präsident viel zu lange Feldschlachten schlägt und zu spät auf Guerillakriegsführung umschwenkt, womit die USA in Südostasien noch so ihre Erfahrungen machen werden). Amerikanische Marines schlagen mit den Boxeraufstand nieder und führen sich in Honduras, Nicaragua, Panama und Bolivien auf, als wären sie die Herrscher dort.

Diese weitgehend vergessene Geschichte ist das eine; sie gewinnt ihre pointierte Bedeutung aber in den Besuchen des heutigen Katz, der etwa den Ort eines Massakers der amerikanischen Truppen in den Philippinen besucht und dort Zeuge eines Reenactments wird, in dem die Philippinos nachspielen, wie US-Soldaten Frauen vergewaltigen und Alte bajonettieren, ehe sie mit Begeisterung mit Macheten auf die Invasoren losgehen und sie in Stücke schlagen, oder wenn er in China ein Museum besucht, in dem die Niederschlagung der Boxer als gewaltige historische Lektion für Generationen chinesischer Schulkinder aufbereitet wird, dass man ein starkes Militär brauche, das gegen die USA bestehen kann. Oder wenn er in Nicaragua die Propaganda des örtlichen Diktators beschreibt, der sich vor allem dank eines stets mehrheitsfähigen Anti-Amerikanismus an der Macht hält – ein Anti-Amerikanismus, der angesichts der Geschichte des Landes leider wohl begründet ist.

Generell fällt auf, dass die rassistische Unterscheidung in „zivilisierte“ Staaten, die eine völkerrechtlich kodifizierte Behandlung verdienen, und „unzivilisierte“ Staaten, gegenüber man ungebunden ist, so zeittypisch sie auch war, für die Betroffenen verheerende Effekte hatte. Die von Lady Liberty ausgesandten Dough Boys haben genauso wenig Inhibitionen, Massaker zu verüben, wie Leopolds Privatarmee im Kongo oder die mörderische Truppe von Trothas in Namibia. Die Verbrechen, die die amerikanischen Soldaten verüben, sind in ihrer Regelmäßigkeit und in ihrem Umfang einfach nur schockierend.

Genauso schockierend ist, wie es zu den Invasionsentscheidungen kommt. Wer auch nur die geringste Berührung mit Kolonialismuskritik hatte, dürfte beim Namen „United Fruit“ aufstehende Nackenhaare bekommen, aber die Geschäftsinteressen, die in den USA die Politik bestimmen, sind von einer ganz eigenen Qualität und werden von Katz sehr gut nachgearbeitet. Auffällig ist auch der Export des amerikanischen Rassismus‘; nicht nur werfen Butler und die Politiker mit rassistischen Begriffen um sich, sie löschen die Leistungen schwarzer Soldaten und örtlicher Verbündeter aus der Geschichtsschreibung und segregieren die Länder, die sie erobern, nach amerikanischem Vorbild. Die Folgen dieser Politik prägen die Gesellschaft dieser Staaten bis heute und hinterließen ein jahrzehntelang wirkendes, giftiges Erbe – wie auch in den USA selbst, die immer noch mit diesem Erbe ringen und das wohl angesichts der Radikalisierung der Konservativen und der Zentralität des Rassismus für die Bewegung noch für Jahrzehnte tun werden.

Ebenso auffällig ist, wie die Namen Roosevelt, Mahan und Hoover zusammen mit dem Butlers durch die Jahrzehnte gleiten. Herbert Hoover, der spätere US-Präsident, war finanziell an zahlreichen der zwielichtigen Operationen beteiligt. Dasselbe gilt für die Familie Roosevelt, die gleich zwei relevante Präsidenten dieser Ära hervorbrachte. Und die epochale Bedeutung Mahans sollte allen, die sich für die Zeit interessieren, geläufig sein. Roosevelts Außenpolitik in den 1930er Jahren war, an der wenig beachteten kolonialen Peripherie, dementsprechend auch bei weitem nicht so progressiv wie im Inland. Er betrachtete sich selbst stets ohne Scham als Imperialisten.

Doch die USA stürzten nicht nur Regierungen in Mittelamerika und im Pazifik, um die Interessen der Großunternehmen durchzusetzen. Sie führten auch neue Ordnungssysteme ein, die diese Länder auf Jahrzehnte belasteten – das bereits erwähnte toxische Erbe dieser Politik. Wohin die Marines zogen, folgte ihnen die Segregation und spaltete Gesellschaften, oft zum Punkt von Bürgerkrieg und Genozid in den folgenden Jahrzehnten. So zwang Butler nicht nur Haiti dazu, eine neue Verfassung einzuführen, die amerikanischen Geschäftsleuten Zugang zu den Plantagen gab – indem er mit einigen Marines und den Waffen im Anschlag das Parlament zur Demission zwang – und war so direkt verantwortlich für das furchtbare folgende Regime von Papa Doc, sondern gründete auch die erste Guardia National, eine militarisierte Polizei, die mit liberaler Gewaltanwendung die Kontrolle für die kapitalistischen Interessen aufrecht erhielt.

Dies führte in den USA zu einem Skandal, als diese kolonialen Methoden im Inland angewendet wurden. In den 1920er Jahren war Butler für eine Zeit lang Polizeichef von Philadelphia, und er strukturierte die Polizei als erste in den USA auf eine Weise, die uns heute bekannt vorkommt. Er trainierte sie in der kolonialen Sichtweise, erst zu schießen und dann meist nicht zu fragen, die Anwohner*innen als Feinde zu betrachten und die Minderheiten zu unterdrücken. Dieses Vorbild würde sich weit über die USA hinaus ausbreiten, auch wenn Butler selbst – der es sich mit der republikanischen korrupten „Maschine“ der Stadtpolitik verscherzte, als er auch gegen reiche Verbrecher vorging – nicht mehr involviert war.

Er selbst war aber mittendrin, als die kolonialen Methoden zum ersten Mal gegen Seinesgleichen angewandt wurden: als die betrogenen Veteranen des Ersten Weltkriegs 1933 nach Washington marschierten, um ihre Bonuszahlungen einzufordern, schoss das amerikanische Militär sie brutal zusammen – mit den eingeübten Methoden der Unterdrückung in den amerikanischen Kolonien. Den Zeitgenossen war das zutiefst bewusst, denn sie beschwerten sich lautstark darüber, so behandelt zu werden wie Menschen in „Bananenrepubliken“ – und unter denen, die sich lautstark beschwerten, war auch Butler.

Abgesehen von seinen irrlichternden Versuchen, seinen Ruhm zu Geld machen, endet damit Butlers Geschichte in den 1930er Jahren. Die Verschwörung gegen Roosevelt, die er aufdeckte, wurde nie ernsthaft verfolgt – zu gut vernetzt waren die reichen Interessen. Die Parallelen zum 6. Januar 2021 allerdings sind unübersehbar, und eine wenngleich gewundene Linie führt von den Gewalttaten der kolonialen Epoche der USA bis in die Gegenwart, ob für die „Bananenrepubliken“ oder die Vereinigten Staaten selbst.

Manchmal geht mir Katz hier mit seiner Linienziehung etwas zu weit, setzt Ereignisse zu sehr gleich und konstruiert arg simplifizierte Kontinuitäten; es ist in diesen Momenten, wo die journalistischen Instinkte klar über die des Historikers gewinnen. Aber das Buch bleibt insgesamt ungemein wertvoll, schon allein, weil es eine weitgehend vergessene – oder verdrängte – Epoche der Geschichte behandelt, die gleichzeitig aber ungemein wichtig für das Verständnis der heutigen Welt ist. Denn die Völker am receiving end des amerikanischen Imperialismus erinnern sich sehr gut.

 

{ 18 comments… add one }
  • CitizenK 2. März 2022, 19:05

    Wieder mal bass erstaunt: Von der Bonus Army und der brutalen Unterdrückung erst durch deine Buchbesprechung erfahren.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Bonus_Army
    Geht das anderen an Geschichte interessierten Zeitgenossen auch so?

    • cimourdain 3. März 2022, 06:45

      Nicht ganz , aber fast. Bin erst vor ein paar Jahren im Zusammenhang mit der Great Depression und den Hooverville Slums über die Leute gestolpert.
      Es sollte für ‚poor american history‘ ähnliche Awareness Projekte wie das 1619 Projekt geben.

    • Erwin Gabriel 3. März 2022, 08:43

      @ CitizenK 2. März 2022, 19:05

      Geht das anderen an Geschichte interessierten Zeitgenossen auch so?

      Der Umfang war mir nicht ganz bewusst. Mit der United Fruits Company (Markenname „Chiquita“) habe ich mich mal zu Zeiten des Sturzes von Allende beschäftigt; da haben die USA ziemlich in Südamerika gewütet. Von Massakern in den Philippinen wusste ich auch bereits.

      Aber schon die Ausweitung des Machtgebietes im frühen 19. Jahrhundert durch den Krieg gegen Mexiko oder der Ausrottungsversuch gegen die indigenen Völker Nordamerikas zeigen, dass die Amerikaner nicht gerade zimperlich sind.

    • Ariane 3. März 2022, 11:45

      Geht mir ganz oft so, gerade weil Stefan viel aus der neuesten Geschichte und/oder USA schreibt, was beides nicht so meine Steckenpferde sind.

      Hier wusste ich zb auch nur von Haiti ein bisschen, weil ich mich mal genauer in die Geschichte des Landes eingelesen hatte. (ja ich bin so eine, die bei Weltnews schnell gefährliches Halbwissen zusammensammelt^^).

    • Stefan Sasse 3. März 2022, 13:34

      Ich sag nur Tulsa Massacre.

    • Kning4711 3. März 2022, 19:04

      Same here, die Geschichte der USA nach 1865 und vor 1945 ist ein weißer Flecken auf meiner History-Knowledge Map. Ich wusste von der schlimmen Kolonialzeit der USA auf den Philippinen. Ich glaube ich bin in Zuge der Recherchen zur Kongogräuel drüber gestolpert.

      Die Bonus-Army war mir völlig unbekannt. Spannend finde ich an dem verlinkten Wikipedia, dass gewisse Herren dort involviert waren, die 10 Jahre später bedeutende Karrieren gemacht haben würden: Eisenhower, McArthur, Patton.

      • Stefan Sasse 4. März 2022, 12:39

        Ohja. Die sind auch bei der Kolonialisierung dabei übrigens.

  • cimourdain 3. März 2022, 06:48

    Tangiert das Thema nur am Rande, aber arte hat Anfang des Jahres eine exzellente Doku über den Zusammenhang zwischen Kolonialismus und Rassismus gebracht
    https://www.arte.tv/de/videos/095727-001-A/rottet-die-bestien-aus-1-4/

  • Lemmy Caution 4. März 2022, 11:54

    Hört sich sinnvoll an. Konnte es nie verstehen, warum die Geschichte der Unterlegenen unwichtiger sein sollte als die der Überlegenen.
    Allerdings kann ich persönlich mit dem politischen Führungspersonal auf der anderen Seite verschieden viel anfangen. Den mexikanischen General und häufigeren Präsidenten kann ich nicht leiden. Antonio Maceo – ein farbiger kubanischer General in den Unabhängigkeitskriegen Kubas – hat mich immer fasziniert (als Beispiel).
    Insgesamt sehe ich ein Kontinuum, in der wir uns vom Rassismus wegbewegen. Das war natürlich insbesondere in der Phase 1850 bis 1918 beileibe kein rein europäisches oder nordamerikanisches Thema.

    • Stefan Sasse 4. März 2022, 12:41

      Völlig richtig.

    • Lemmy Caution 4. März 2022, 14:41

      den mexikanischen General Santa Ana meinte ich.

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