Warum 2016 ein Duell Clinton vs. Bush wird

Die Gerüchteküche läuft heiß dieser Tage. In den USA bringen sich die Kandidaten für den Präsidentschaftswahlkampf 2016 in Stellung, was Journalisten aller Couleur ermöglicht, Spekulationen anzustellen, Erklärungsmuster zu kreieren und Erzählungen zu spinnen. Der Eindruck, der dabei durchaus gezielt erweckt wird, ist, dass es ein Rennen mit vielen Kandidaten und Unsicherheiten ist, das in jede Richtung gehen kann. Es ist verständlich, dass dieser Spin angewendet wird, denn er garantiert viele atemlose Klicks. Besonders realistisch ist es nicht, denn die riesige Vorwahlshow, die sich über die nächsten 12 Monate ziehen wird, ist hinter den Kulissen bereits so gut wie entschieden. Das mag angesichts fast 20 republikanischer Kandidaten, von denen keiner über einstellige Umfrageergebnisse hinauskommt, etwas verwundern. Um das zu verstehen, muss man hinter die Kulissen blicken. 

Zuerst eine kurze Auffrischung über das amerikanische Vorwahlsystem: in den so genannten „Primaries“ (und in manchen Staaten „Caucasses„) stellen sich Kandidaten für die offizielle Nominierung entweder der Democrats oder der Republicans zur Wahl (dritte Parteien und Unabhängige spielen zumindest dieses Mal keine Rolle) und versuchen, die meisten Stimmen der Delegierten zu gewinnen, die dann auf dem offiziellen Parteitag im Sommer 2016 den Kandidaten bestimmen. Manche Bundesstaaten verteilen diese Delegierten proportional auf alle Teilnehmer, andere nach dem Mehrheitswahlrecht. Zusätzlich zu diesen gewählten Delegierten haben außerdem diverse Parteioffizielle eine Stimme, die so genannten superdelegates. Gewinnt im ersten Wahlgang auf dem Parteitag niemand eine Mehrheit, beginnt das große Taktieren, denn es wird im Zweifel solange gewählt, bis ein Sieger feststeht. Das ist aber eher selten der Fall.

Warum bin ich mir nun trotz des zumindest bei den Republicans großen Kandidatenfeld so sicher, dass es auf Clinton vs. Bush hinauslaufen wird? Weil, wie so oft in Demokratien, der Kampf um die Stimmen nur die halbe Miete ist. Mindestens ebenso wichtig sind Geld und Unterstützung durch die Parteinetzwerke. Und hier haben Clinton und Bush klar die Nase vorn. Um das zu verdeutlichen möchte ich kurz im Sauseschritt die wichtigsten Kandidaten vorstellen.

Democrats:

Hillary Clinton. Sie wird gewinnen, darüber diskutiert niemand. Es bräuchte schon einen wirklich ernsthaften Skandal, um sie noch aufzuhalten.

Bernie Sanders. Sanders ist kein Demokrat, sondern bezeichnet sich selbst als Sozialist. Er greift Clinton von links an und versucht, sie zu einer progressiveren Politik zu zwingen. Er wird niemals gewinnen.

Patrick O’Malley. Gourverneur von Maryland. Spätestens seit den Unruhen von Baltimore sind seine Chancen gleich null; bereits vorher hatte er keine große Aussicht, gegen Clinton bestehen zu können.

Alle anderen Kandidaten werden nicht einmal wahrgenommen.

Republicans:

Jeb Bush. Jüngerer Bruder George W. Bushs. Ehemaliger Gouverneur von Florida, seit fast zehn Jahren aus der aktiven Politik ausgeschieden. Hat eine hinpanische Ehefrau.

Scott Walker. Gouverneur von Wisconsin. Starke konservative credentials, baut seine Reputation vor allem auf seine effektive Zerstörung der Gewerkschaften in Wisconsin.

Marco Rubio. Senator aus Florida. Jung, kubanischer Migrationshintergrund. Versucht sich vor allem als außenpolitischer Falke zu gerieren.

Diese drei Kandidaten sind die einzigen, die ernsthafte Chancen haben. Dazu kommen noch zwei weitere, die öffentlichkeitswirksam auftreten können:

Ted Cruz. Senator aus Texas. Mehr oder weniger der offizielle Posterboy der Tea-Party-Bewegung. Immer eins mehr als du in allen konservativen Politikfeldern.

Rand Paul. Senator aus Kentucky. Paul ist ein Libertärer, spricht sich für mehr Bürgerrechte, gegen die NSA und für weniger Militärinterventionen aus.

Was also braucht ein Kandidat, um die Vorwahlen gewinnen zu können? Drei Dinge. Geld, Verbindungen und Bekanntheit. Geld wird benötigt, um effektiven Wahlkampf betreiben zu können, was bei der Bekanntheit extrem hilfreich ist und es ermöglicht, Attacken der Gegner abzuwehren sowie eigene zu fahren und somit das eigene Image positiv und das der Gegner negativ zu beeinflussen. Verbindungen werden benötigt, um auf die Ressourcen der Partei zurückgreifen zu können. Dazu gehören Wahlempfehlungen durch bekannte Parteigrößen, die Erlaubnis auf die Ressourcen in einem Bundesstaat zurückzugreifen und vieles mehr. Bekanntheit letztlich ist absolute Grundvoraussetzung. Die meisten Menschen interessieren sich nur sehr peripher für Politik, und ein Kandidat, der nicht permanent zu sehen ist, wird niemals gewählt werden.

Von allen oben genannten Kandidaten besitzen nur Clinton, Bush, Walker und Rubio alle drei Aspekte. Sanders hat kein Geld und keine Verbindungen, O’Malley keine Bekanntheit. Cruz und Paul haben beide keine Verbindungen. Das allein ist Grund genug, ihre Chancen als extrem gering anzusehen.

Von allen genannten hat Rubio die schlechtesten Chancen. In der Theorie kann er auf ein Netzwerk von Unterstützern in seinem Heimatstaat Florida zurückgreifen, aber da Bush ebenfalls aus Florida kommt muss er hier gegen einen exzellent vernetzten Veteranen konkurrieren. Vermutlich hofft Rubio auf einen späteren Posten oder zumindest Bekanntheit, ernste Chancen hat er kaum. Walker ist dagegen besser aufgestellt, weil seine Unterschiede zu Bush größer sind und beide völlig andere Netzwerke innerhalb der Republicans nutzen. Bushs Netzwerke sind aber wesentlich größer, reicher und mächtiger, weswegen er der Frontrunner ist – trotz der vergleichsweise wenig beeindruckenden Umfragewerte.

Bei den Democrats ist dieses Missverhältnis noch viel größer. Clintons Verbindungen und Netzwerke sind im Vergleich zu O’Malleys so groß, dass überhaupt keine Frage darüber entstehen muss, ob sie die Kandidatin der Partei wird. Die einzige Frage die sie sich stellen muss ist, ob sie die eigentliche Wahl gewinnen wird. Und in der kann sie sich schon darauf einstellen, gegen Bush antreten zu müssen.

Aus dem Gesagten geht hervor, dass Bush vor allem eines tun muss: nichts falsch machen und es aussitzen. Bushs Kriegskasse ist deutlich größer als die seiner Rivalen (er hat in 100 Tagen seit Erklärung seiner Kandidatur bereits 100 Millionen Dollar an Spenden eingesammelt), und er kann auf die Unterstützung der Parteikader zählen, wenn er nicht in den Vorwahlen deklassiert wird. Macht er sich in den konservativen Staaten ordentlich und gewinnt den Rest, ist ihm die Nominierung sicher. Er könnte sich genausogut hinstellen und sagen „Habt Spaß mit den anderen Kandidaten. Wenn ihr dann in fünf Monaten eine ernsthafte Wahl braucht, bin ich da.“ Und wer jetzt denkt: „Hm, das klingt irgendwie nach Mitt Romney 2012…“ – Exakt. Genau das tut es. Und genauso wird es auch wieder laufen. Der große Unterschied zu 2012 ist, dass Bush mit Walker einen ernsthaften Gegner hat, wo Romney keinen hatte. Gewinnen wird er trotzdem.

Bleibt nur die Frage, wer Präsident wird. Aber das ist ein Thema für einen anderen Post.

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  • Kning 12. Juni 2015, 14:18

    Bush vs Clinton – wie schätzt Du ein, dass die Amerikanische Öffentlichkeit ggf. von den beiden Dynastien die Nase voll haben könnte und es eben doch ein „unverbrauchtes“ Gesicht schaffen könnte (insb. bei der Partei mit dem Elefanten)

    • Stefan Sasse 12. Juni 2015, 16:40

      Gering. Dynastien sind ja nicht der amerikanische Normalfall – Bush und Clinton sind die ersten Dynastien seit Harrison (der nicht wirklich zählt) und den Adams, und beides war im 19. Jahrhundert. Das ist nicht Griechenland ^^
      Davon abgesehen unterschätzt diese Interpretationslinie denke ich den Bedarf an Sicherheit und Kontinuität bei den Wählern, und beide versprechen das.

  • Ralf 12. Juni 2015, 18:13

    Hmmm … Deiner Argumentation folgend hätte Obama nie der Kandidat der Demokraten werden dürfen, denn Hillary Clinton war vor 8 Jahren auch nicht schlechter vernetzt oder ärmer als heute. Dennoch kam es anders.

    Ich stimme Dir dennoch zu, was die Situation bei den Demokraten angeht. Bei den Republikanern aber würde ich Rubio nicht so schnell abschreiben. Sowohl Rubio als auch Bush würden Florida gewinnen und wahrscheinlich Hispanics mobilisieren. Aber Rubio duerfte bei Konservativen deutlich mehr Anhänger haben. Ausserdem ist er ein frisches Gesicht, kann packende Reden halten und erste Unterstuetzer sind bereits von Bush zu ihm übergelaufen. Bush hingegen hat sich bisher extrem dämlich angestellt, sehr erwartbare Fragen über das Engagement seines Bruders im Irak denkbar schlecht beantwortet. Seine Kampagne ist gegenwärtig ein politisches Desaster. Und der Vergleich mit Romney hinkt: Romney war das letzte Mal von Anfang an der einzig national waehlbare Kandidat. Er war „alternativlos“. Bush ist das nicht. Rubio wäre absolut eine Alternative und könnte Hillary schlagen …

    • Stefan Sasse 12. Juni 2015, 21:01

      Obama war AUCH vernetzt, hatte Geld und war bekannt. Deswegen war er (übrigens auch von Anfang an) eine Bedrohung für Hillary. Dieses Mal gibt es bei den Democrats nichts vergleichbares.
      Bei den Republicans sieht es anders aus: Rubio, Walker und Bush haben alle drei Geld, Verbindungen und Bekanntheit. Nur hat Bush beim Thema Verbindungen die Nase vorn, weswegen ich ihm die besten Chancen einräume. Wie ich im Artikel aber auch schon sagte ist es bei Hillary deutlich sicherer.
      Und wie du schon selbst sagst – der Wahlkampf dauert noch eine ganze Ecke. Im März weiß keiner mehr, was Bush im letzten Sommer getan oder gesagt hat. Bush wird mit der Zeit relativ zu den anderen stärker, wenn diese sich nicht profilieren können. Walker und Rubio haben aber eine Chance.

  • Kirkd 12. Juni 2015, 19:44

    Angesichts der Tatsache, dass mit Reagan, Clinton und Obama drei der letzten 5 Praesidenten zu Beginn der Vorwahlen keinen auf dem Schirm hatte, ist das eine zu diesem Zeitpunkt extrem gewagte Aussage. Das Hillary Lager sollte das eigentlich wissen. Welche Kandidaten wieviel Geld haben, stand in noch keinem Wahlkampf eineinhalb Jahre vorher fest.

    • Stefan Sasse 12. Juni 2015, 21:03

      Das ist schlichtweg falsch. Obama war seit 2004 ein High-Profile-Politiker innerhalb der Democrats. Seine landesweite Bekanntheit war geringer, aber das ist nicht der relevante Punkt – dazu gibt’s den Vorwahlkampf ja. Obama hatte Zugang zu einem guten Netzwerk und ausreichend Geld und hat seit 2004 langsam daraufhin gearbeitet.
      Das gleiche gilt für Reagan und Clinton auch. Das Problem ist vielmehr, dass (wie ich heute auch an einigen Beispielen getwittert habe) die Berichterstattung überwiegend nur Geschichten erzählen will, die möglichst spannend sind. Und da klingt der Dark-Horse-Kandidat einfach besser. Es entspricht aber schlicht nicht der Realität.

  • Kirkd 12. Juni 2015, 22:10

    Im Nachhinein stellt sich vieles anders dar. Die Eindeutigkeit, die Du hier zu einem derart frühen Zeitpunkt suggerierst, ja vehement vertrittst, wurde vor acht Jahren ausschließlich für Hillary und nicht für Obama suggeriert und vehement vertreten. Und deshalb halte ich Deine Analyse für anmaßend und kann niemandem raten, sich zum jetzigen Zeitpunkt so eine Analyse zu eigen zu machen.

    • Stefan Sasse 13. Juni 2015, 09:17

      Ja, aber das ist ja genau der Punkt: die Berichterstattung hat damals die gleichen Fehler gemacht wir heute. Davon abgesehen, erneut, war Hillary 2008 niemals so unangefochten wie heute. Schau dir zum Beispiel diesen Artikel von July 2007 an, also praktisch wie heute:
      http://edition.cnn.com/2007/POLITICS/07/02/campaign.money.schneider/index.html?iref=nextin
      Damals war Obama bereits eine klare Bedrohung für Clinton. Heute erzählt Clinton jedem, der es hören will, wie froh sie ist, dass Bernie Sanders, dieser tolle Typ, ebenfalls antritt. Unter der Voraussetzung, dass nicht wirklich ein politisches Erdbeben stattfindet – Krise oder Skandal von großen Ausmaßen – wird Clinton Präsidentschaftskandidatin.
      Das ist bei den Republicans anders. Hier reichen nämlich schon kleinere Beben, um Bushs Vorsprung einzuholen. Er ist eher in der Situation, in der Hillary 2007 war. Favorit, ja, aber nicht uneinholbar. Bush muss vor allem überleben, ohne unmöglich zu wirken.

  • Jan Falk 13. Juni 2015, 10:42

    Bush ist natürlich favorisiert, wie Du schreibst, wenn er nichts falsch macht. Aber das halte ich gar nicht mal für eine Selbstverständlichkeit. Neulich ist er schon über einfachste Fragen gestolpert („Hätten Sie den Irak-Krieg mit heutigem Wissensstand auch begonnen“? – „ja, äh, vielleicht, äh, nein“). Opposition research gräbt gerade alte Texte und Wahlkampfauftritte von ihm aus. Da kommt einiges unschönes bei rum -> „Jeb Bush In 1995: Unwed Mothers Should Be Publicly Shamed“ (http://www.huffingtonpost.com/2015/06/09/jeb-bush-1995-book_n_7542964.html) usw. Und dann ist da noch die Last des Bruders. Walker dürfte sehr viel weniger Ballast mit sich rumschleppen.

    • Stefan Sasse 13. Juni 2015, 15:20

      Seine Favoritenrolle kommt eben von dem großen Netzwerk, das er hat, und das wiederum hat er, weil er ein klassischer Konservativer ist. Jeder weiß, ob er unter Bush Kohle machen wird oder nicht. Bei Walker und Rubio…who knows?

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