Heinrich August Winkler – Deutungskämpfe. Der Streit um die deutsche Geschichte (Teil 3)

Heinrich August Winkler – Deutungskämpfe. Der Streit um die deutsche Geschichte

Nazi-Soziologie

Zu den entscheidendsten Fragen jüngerer deutscher Geschichtsschreibung gehört die nach dem „Warum“. Warum kam Hitler an die Macht, und wie? Die konservativen Apologeten favorisierten lange eine Erklärung von der Wahl radikaler Spinner, die quasi allein verantwortlich waren, durch verelendete Massen. Doch bereits in den 1960er Jahren begann eine vor allem soziologisch unterfütterte Analyse Raum einzunehmen.

Den Anfang macht eine in Kapitel 10, „Warum die Bauern Hitler wählten„, erst 1963 auf Deutsch erschienen, aber bereits in den 1930er Jahren abgefasste Studie aus Schleswig-Holstein. Darin wurde herausgearbeitet, dass die Bauernschaft Schleswig-Holsteins viel entschiedener und umfänglicher dem Nationalsozialismus verfiel als andere Gruppierungen. Den Grund dafür sieht Winkler vor allem in den vormodernen patriarchalischen Strukturen, die auf dem Land auch zu dieser Zeit noch weitgehend herrschten. Diese Argumentation wird dann in seinen Betrachtungen der Sonderwegsthese später immer wieder aufgegriffen: für ihn ist der entscheidende Unterschied zwischen Deutschland und den westlichen Ländern der starke Agrarsektor mit seiner Adelselite und ihrer Beharrung auf vormodernen Strukturen, weswegen er auch wesentlich bereitwilliger einen Sonderweg zu erkennen bereit ist und von all seinen Kritikern einfordert, diesen Strukturunterschied anders zu erklären (was niemand zu seiner Zufriedenheit tun kann). Ich sehe an dieser Stelle eine leichte Schwäche in Winklers Argumentation, weil er in seiner Betonung des Industrialisierungsgrades Deutschlands – die ja wegen der Vergleichbarkeit zum Westen, von dem sich Deutschland sonderweglerisch entfernt – wirtschaftshistorische Erkenntnisse, etwa in Adam Toozes „Ökonomie der Zerstörung“ (hier besprochen) nicht vorkommen: Deutschland war eben wirtschaftlich nicht auf demselben Entwicklungsstand wie Großbritannien und sowieso nicht wie die USA. Dies modifiziert Winklers Argumentation aber eher, als dass es sie untergräbt.

Kapitel 7, „Unfolgsame Proletarier„, aus dem Jahr 1981 bespricht das Wahlverhalten der Arbeiterschaft. Winkler bespricht hier eine zeitgenössische Pionierstudie von Erich Fromm, die durch die Diktatur nicht mehr in den 1930er Jahren erscheinen konnte und deswegen erst damals bekannt wurde. Sie machte deutlich, dass die Arbeiter zwar als Klasse am unempfänglichsten gegenüber den Nazis waren, was traditionellen linken Narrativen entsprach. Sie waren aber bei weitem nicht die Verteidiger eines progressiven demokratischen Gedankens, als den vor allem die progressive Linke sie gerne zeichnete. Vielmehr zeitigte die Studie ein differenzierteres Bild: einerseits radikalisierten sich viele Arbeiter in Richtung der Kommunisten, andererseits hatten sie entgegen zu der sich offensichtlich nur hauchdünn bekannten Ideologie der Sozialisten ein patriarchal-autoritär gesprägtes, von starkem Nationalismus bestimmtes Weltbild.

Dieses zeichnete sich dann auch maßgeblich für die in Kapitel 12, „Vom Drachentöter zur Droge„, ebenfalls 1981 abgefasste Untersuchung der Volksstimmung in NS-Deutschland, aufgestellte These aus, dass Hitler eine gewaltige Popularität genoss, die jedoch nicht auf seine Partei oder seine Paladine abstrahlte. Hitlers Erfolge und seine Volksgemeinschaftsideologie vermochten durchaus in vielen Schichten der deutschen Bevölkerung Anklang zu finden. Für Winkler ist dies ein Beleg dafür, dass die Strukturalisten und nicht die Intentionalisten die Oberhand in der Debatte hätten. Diese These wird durch den aktuellen Stand der Geschichtswissenschaft mehr als bestätigt: 40 Jahre später wird wohl niemand noch das Dritte Reich vor allem aus der Person Hitlers zu erklären versuchen, wie es zur Zeit dieses Artikels (man denke an die Fest-Biografie) noch gang und gäbe war.

Wesentlich weniger freundlich geht Winkler in Kapitel 15, „Mehr Agitation als Analyse„, in einer 1997 erschienenen Rezension von Sebastian Haffners „Geschichte eines Deutschen“ (im Original: Germany: Jeckyll and Hyde) ins Gericht. Das damals aus dem Nachlass des Publizisten zusammengesetzte Werk, das zudem mehr schlecht als recht rückübersetzt wurde, hält er für nicht sonderlich erhellend und nutzt das auch gleich zu einem Rundumschlag gegen Haffner: dieser habe natürlich auch nicht als Geschichtswissenschaftler geschrieben, sondern als Publizist und Aktivist, der ein klares Ziel verfolgte. Dass dieses Ziel im Lauf seiner Karriere sich immer wieder wandelte und mal ins linke Lager wechselte (die in Kapitel 26 thematisierte These von der Schuld der SPD am Scheitern der Revolution hatte wohl keinen eloquenteren Verteidiger als Haffner) und mal ins rechte (sein Buch über Hitler ist voll von den falschen Gleichsetzungen, die Winkler ständig kritisiert) oszillierte, sieht Winkler auch eher kritisch. Für mich bedeutet dieses Kapitel einen schmerzhaften Stich, weil ich in meinen Zwanzigern ein großer Haffnerfan war; mittlerweile sehe ich allerdings seine Schwächen deutlich. Ein bisschen wie Joachim Fernau, was das angeht.

Wiedervereinigung

Der letzte Abschnitt dieser Rezension beschäftigt sich mit den Kapiteln zur Wiedervereinigung. Den Anfang macht Kapitel 17, „Wollte Adenauer die Wiedervereinigung?„, eine Frage, die 1988 relevant gewesen sein mag, aber mittlerweile eigentlich auch eindeutig beantwortet ist: nicht mit vollem Herzen und sicher nicht so, wie sie 1952 vielleicht vorstellbar gewesen wäre. Ich bin völlig bei Winkler, wenn er Adenauer bescheinigt, eine Wiedervereinigung gerne genommen zu haben, wenn diese wie 1990 als eine Übernahme des Ostens abgelaufen wäre. Aber alles andere war für den Rheinländer, der Berlin speziell und Ost- und Mitteldeutschland generell nicht ausstehen könnte, völlig inakzeptabel. Ich habe ehrlich gesagt auch wenig Geduld für Linke, die glauben, damit das Ansehen des ersten Kanzlers angreifen zu können, oder Konservative, die glauben, hier durch Leugnung eine Ehrenrettung vornehmen zu müssen. Adenauer hatte einen sehr guten Blick für das Mögliche und Realistische, und seine Entscheidung für die Westbindung und das Bekenntnis zur parlamentarischen Demokratie statt gesamtdeutscher Spielereien ist uns sehr gut bekommen.

Ebenfalls eine aus heutiger Sicht kaum mehr relevante Frage wird in Kapitel 18, „War Kurt Schumacher Nationalist?„, im Jahr 1995 verhandelt. Die Antwort ist ein klares „Jein“. Schumacher war eine Person, die mit ihrem schnarrenden Ton und aggressiven Auftreten viel aneckte, aber ein Nationalist war er trotz der insgesamt die CDU überflügelnden nationalistischen Töne nicht; er war für Winkler eher ein Verteidiger deutscher Souveränität. Zwar führte dies die SPD außenpolitisch in eine Sackgasse, aus der sie erst in Bad Godesberg entkam, aber Winkler kann dem Positives abgewinnen, verhinderte Schumacher doch das Aufkommen eines erneuten Mythos von den Sozialdemokraten als vaterlandslosen Gesellen.

In Kapitel 25, „Mehr als ein Zusammenbruch„, bespricht Winkler die sehr persönliche Rückschau eines Leipziger Historikers. Im Jahr 1993 nimmt er wohlwollend dessen Charakterisierung der Revolution von 1989 als unvermeidbare Folge der „Selbstzerstörung“ des DDR-Regimes auf und reflektiert die Rolle der Opposition im Land, um von dort in eine Betrachtung des weiteren Ganges der Revolution überzuleiten: er macht eine demokratische Phase aus, die maximal bis März 1990 gedauert habe, als sowohl die Trägerschichten des ostdeutschen Wandels als auch ihre Parolen sich mit der Wahl der Volkskammer zu einer nationalen Phase wandelten, die nicht mehr Reform, sondern Wiedervereinigung als Ziel hatte. Winkler streicht heraus, dass die Intellektuellen in dieser zweiten Phase praktisch keine Rolle mehr gespielt hätten, sondern dass hier die breite Masse das Ruder übernommen und einmal mehr gezeigt habe, dass sie an theoretischen Überlegungen kein großes Interesse besaß.

In Kapitel 32, „In Polen entscheidet sich das Schicksal Europas„, reminisziert Winkler 2016 über seine Bekanntschaft mit dem polnischen Historiker Geremek, den er in den Wirren der Achtziger Jahre kennen und schätzen lernte. Winkler betont die Andersartigkeit Polens im Ostblock, seine größere Unabhängigkeit und Vorreiterrolle über Lech Walesa und Solidarnosc und rückt das Land ins Zentrum des Beginns des annus mirabilis, wo am runden Tisch der Zusammenbruch des Ostblocks begann. So bildet das vorletzte Kapitel des Buchs auch eine interessante Klammer mit dem allerersten, das ebenfalls die Rolle Polens in einer europäischen Revolution streifte.

Fazit

Insgesamt empfand ich die Lektüre der Aufsatzsammlung als ungemein bereichernd. Gerade die Tatsache, dass manche der Texte so von der Zeit überholt wurden, dass manche dieser Debatten eigentlich wie Gespenster der Vergangenheit wirken, macht das historiografisch spannend, weil man sehen kann, wie weit sich die Geschichtswissenschaft entwickelt hat. Und sie hat sich entwickelt, und zwar nicht eben wenig! Das ist für mich eine wichtige Erkenntnis, die man aus diesem Buch ziehen kann: die Geschichtswissenschaft funktioniert. Ihre Debatten sind fruchtbar, sie produziert ständig neue Erkenntnisse und sie tut das alles mit wissenschaftlich sauberen Methoden.

Umgekehrt tauchen manche Debatten ständig wieder aus dem Nebel auf, sind quasi toxische Evergreens. Obwohl von der Geschichtswissenschaft hinreichend widerlegt beziehungsweise beantwortet, dreht sich besonders die radikale Linke immer noch gerne um die Frage der Schuld der SPD, der Alternativen zur parlamentarischen Demokratie oder Deutungsgeschichte der DDR (zu der Winkler überraschend wenig gesagt hat). Die Rechten indessen holen ständig die alte Leier von Hitler als vermeintlichem Sozialisten heraus oder versuchen zu beweisen, dass der Holocaust wahlweise zu wichtig genommen wird oder eigentlich doch eine linke Idee war (oder beides). All das ist Quatsch und Schnee von gestern. Die Wissenschaft ist weiter, aber der Deutungskampf tobt noch.

Gerade die Klarheit Winklers, dass es sich um Deutungskämpfe handelt, und seine Bereitschaft, in diese einzugreifen und sie mit wissenschaftlichen Mitteln und damit auch Offenheit und Angreifbarkeit zu führen, ist mehr als bewundernswert. Winkler selbst ist ja auch aktiver Kombattant, wenngleich wir ihn in diesem Essayband vielmehr in der Rolle eines Schiedsrichters beobachten dürfen. Sein eigenes magnum opus, „Der lange Weg nach Westen„, postuliert ja auch eine klare These: Deutschland gehört in den Westen und hat sich ihm lange verweigert. Winkler mag es etwas unangenehm sein, im Lager Wehlers und der anderen Sonderwegsjünger zu stehen, schon allein, weil diese oftmals linker ticken als er, aber ich sehe nicht, wie man ihn anderweitig einsortieren könnte.

Aus dieser klaren Haltung heraus kann er mit großer Schärfe all jene attackieren, die nicht in der Lage sind, seine eigene Erklärung für die Katastrophen des 20. Jahrhunderts zu ersetzen: die Existenz eines großen, feudal geprägten und antimodernistischen Sektors in Deutschland, der zentraler Träger für die faschistische Idee war. Dass er selbst dabei durchaus teleologisch argumentiert und der deutschen Geschichte eine Art Endpunkt im westlichen Lager gibt, macht ihn trotz aller argumentativer und sprachlicher Potenz angreifbar. Man fragt sich auch unwillkürlich, wie Winkler wohl angesichts des aktuellen Zerbrechens dieses Lagers, wenigstens aber des Ausscherens der USA, denkt, wie er das rechtspopulistische Polen einordnet und vieles mehr. Vielleicht beantwortet sein zweiter Aufsatzband diese Fragen; sie hätten hier auch klar den Rahmen gesprengt. Ich kann jedenfalls nicht erwarten, mehr solch kluge Gedanken und saubere Argumentation zu lesen und mich von den Meistern der historischen Kunst inspirieren und zum Denken anregen zu lassen.

 

 

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