Was von einer steuerfinanzierten Rente zu halten ist

Die staatliche Altersvorsorge gehört zu den Themen in Deutschland, die am meisten emotionalisieren. Kein Wunder, schließlich geht es für jeden um den eigenen Geldbeutel und die Frage, ob mit der gezahlten Rente ein sorgenfreier Ruhestand möglich ist. Das ist rein aus mathematischen Gründen selten der Fall, mit einer durchschnittlichen Rente von knapp 1.200 Euro monatlich sind große Sprünge nicht möglich. Es verwundert daher nicht, dass Sozialpolitiker, Lobbygruppen und politisch Interessierte sehr erfindungsreich nach neuen Einnahmequellen für die staatliche Versorgung fahnden, um das Rentenniveau zu heben, das nach heutiger Vorausschau bis zum Jahr 2030 auf 43% des durchschnittlichen Einkommens sinken soll. Zusätzlich fühlen viele ihre Altersgelder durch die Veränderung der Arbeitswelt bedroht, die Digitalisierung vieler Prozesse gefährdet viele alte Arbeitsplätze. Ein Kommentator hat hierzu die Forderung aufgestellt, die Rente nicht allein über den Faktor Arbeit zu finanzieren. Da die Antwort auf diese Frage möglicherweise viele interessiert, antworte ich mit diesem Artikel. [click to continue…]

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Dies ist der letzte Teil einer Serie. Teil eins findet sich hier. Teil 2 befindet sich hier. Teil 3 befindet sich hier. Teil 4 befindet sich hier. Teil 5 befindet sich hier. Ich möchte zwei Bemerkungen voranstellen. Erstens ist dieser Artikel Teil einer Serie, die sich mit Aufstieg und Niedergang der Sozialdemokratie vorrangig in den USA und Deutschland beschäftigt. Dieser Fokus entspringt meinen persönlichen Interessen und meinem persönlichen Interessengebiet. Jegliche Verallgemeinerung bleibt deswegen notwendigerweise mit dem breiten Pinsel gezeichnet. Zweitens wird „Sozialdemokratie“ hier nicht im engen deutschen Sinne verwendet, sondern steht für alle reformistischen Parteien links der Mitte. Darunter fallen etwa die Labour Party, die Parti Socialist oder die Democrats, nicht aber die KPD oder die DSA. 

Wie bereits zuvor unter den New Dealern ging die Sozialdemokratie nach dem Tod des Dritten Wegs auch am eigenen Erfolg zugrunde. Alle ihre politischen Siege – Minderheitenrechte, Umwelt- und Klimaschutz, Arbeitsmarktreform, etc. – gingen in den Mainstream über und wurden von ihren konservativen Rivalen übernommen, so wie die Sozialdemokraten ab 1992 den rechten Konsens übernommen hatten – und die Rechten ab 1952 den sozialdemokratischen. Nirgendwo ist das deutlicher zu sehen als in Deutschland, wo Angela Merkel 2005 den Fehler beging, diese Erfolge offen anzugreifen und dafür beinahe die sicher geglaubte Kanzlerschaft verlor. Das würde ihr nie wieder passieren. Stattdessen überließ sie diese Aufgabe bei der nächsten Gelegenheit 2009 dem Unglücksraben Westerwelle, der auch prompt über zwei Drittel seiner Wählerschaft verlor. Merkel hingegen warf die Rolle als toughe Reformerin ab, entmachtete politisch unbequeme Weggefährten wie Friedrich Merz und legte sich jene Aura der mütterlichen Zuverlässigkeit zu, die sie seither noch über jede Wahl gebracht hat. Wechselnd inszenierte sie sich als Wegbereiterin eines größeren Sozialstaats (Elterngeld), Klimakanzlerin (lang, lang ist’s her), Hüterin Europas (lang, lang ist’s her) und Flüchtlingsretterin (auch nicht mehr en vogue).

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Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. [click to continue…]

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Rezension: Die Totengräber

Kürzlich beendete ich die Lektüre des neu erschienenen „Die Totengräber: Der letzte Winter der Weimarer Republik“ von Rüdiger Barth und Hauke Friederichs. Das Buch beschreibt die Ereignisse von der Regierungsübernahme Kurt von Schleichers im November 1932 bis zur „Machtergreifung“ Hitlers am 30. Januar 1933. Um diese Periode zu veranschaulichen, bedient sich das Werk der für historische Betrachtungen eher ungewöhnlichen Darstellung, die Ereignisse chronologisch und Tag für Tag aus der Sicht der jeweilig handelnden Personen aufzuzeigen. Jeder Tag der Kanzlerschaft Kurt von Schleichers, der so etwas wie der Hauptcharakter dieser Schilderung ist, ergibt so ein Kapitel, und jedes dieser Kapitel wird von zwei Schlagzeilen eingeleitet, die in einer der großen Zeitungen dieser Epoche tonangebend waren, meistens die Vossische Allgemeine, der Völkische Beobachter, der Vorwärts und die Rote Fahne (Abonnenten des Zeitungszeugen-Projekts dürften zumindest einige dieser Organe durchaus bekannt sein). Das so entstehende Produkt liest sich komplett anders als praktisch jede andere Historiographie zur Epoche. Ob der Ansatz gewinnbringend ist, soll die folgende Rezension zeigen. [click to continue…]

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Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. [click to continue…]

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In eigener Sache: Umfrage Auswertung

Zuerst einmal vielen Dank an alle Teilnehmer der Leser-Umfrage. Ich wollte kurz einige Ergebnisse vorstellen.

  • Wenig überraschend ist die grundsätzliche Ausrichtung des Blogs bei der Themenwahl und Artikel-Stil positiv zurückgemeldet worden, andererseits würden die Leser ja vermutlich auch nicht lesen. Etwas überrascht hat mich ehrlich gesagt die starke Präferenz für die langen Erklärt-Artikel gegenüber den anderen Artikelarten, denn von der Rezeption derselben in den Kommentaren konnte man das wahrlich nicht schließen.
  • Speaking of which, die Kommentare sind offensichtlich nicht repräsentativ für die Leserschaft, da die ein überraschend großer Anteil der Leser überhaupt nicht kommentiert. Diejenigen, die hier elaboriert haben, nennen vor allem Zeitgründe. Das spricht keinesfalls gegen die Kommentare, deren vergleichsweise freie Meinungsvielfalt als Plus des Blogs hervorgehoben wurde. Die moderierenden Eingriffe von Stefan Pietsch und mir wurden von fast niemandem als Problem erachtet. Ich sehe daher keine Notwendigkeit, am System der Kommentare etwas zu ändern.
  • Das Vermischte als Kategorie wurde insgesamt ebenfalls sehr positiv aufgenommen, sofern es als zusätzliche Kategorie verstanden wird, die nicht zulasten der eigentlichen, hauptsächlich gewünschten langen Erklär-Artikel geht. Das ist auch meine Intention. Zur Erklärung für die Leser: ich habe die „Vermischtes“ hauptsächlich eingeführt um zu den vielen Dingen schreiben zu können, die keine „normalen“ (langen) Artikel hergeben. Früher fiel das immer unter den Tisch, jetzt habe ich ein Format dafür. Aber die langen Artikel brauchen lang (hoho), deswegen sind die „Vermischtes“ für mich eine gute Gelegenheit, im Gespräch zu bleiben und nicht wie früher das Blog wochenlang brach liegen zu lassen.
  • Beim Ranking der Artikelkategorien belegte das Vermischte denn auch (nach Deutscher Politik) den zweiten Platz als beliebteste Kategorie. Am unbeliebtesten war „Wirtschaft“, was mich etwas überrascht hat – vielleicht will da ja noch jemand in den Kommentaren elaborieren? Ebenfalls abgeschlagen waren „Bildung“ und „Medien“, aber beide sind ja auch keine häufigen Kategorien hier im Blog. Ziemlich in der Mitte lagen die USA-Themen.
  • Für mich erleichternd war, dass praktisch niemand eine Bebilderung und Belinkung der großen Artikel wünscht. Das spart mir einiges an Arbeitszeit.
  • Für mich etwas enttäuschend war, dass praktisch niemand die Artikel teilt. Deliberation Daily ist ein ziemlich kleines Blog, und eine größere Leserschaft ist natürlich der Wunsch jedes Autors. Daher wäre mein Wunsch an die Leser, ruhig großzügiger im Bekannten- und Influencer-Kreis der sozialen Netzwerke auf das Blog hinzuweisen. 🙂

Noch einmal danke an alle Teilnehmer! Ich fühle mich durch die Umfrage im grundsätzlichen Kurs bestätigt und wiederhole noch einmal die Aufforderung zu helfen, das Blog bekannter zu machen. Wenn jemand Ideen hat, wie wir im Autorenteam das erreichen können, immer her damit. Auf furchtbare Ideenanreize und Diskussionen auch in Zukunft!

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In einer beeindruckenden Reihe über Glanz und Elend der Sozialdemokratie widmet sich Stefan Sasse dem langen Niedergang vornehmlich der US-amerikanischen Democrats und der deutschen SPD. Ausführlich werden die sie tragenden Milieus beleuchtet und in den Kontext der jeweiligen Lebenssituation linkliberaler Milieus gesetzt. Doch je näher sich die Geschichtsbeschreibung der heutigen Zeit nähert, kann der Leser auf seine eigenen Erfahrungen zurückblicken. Wann ist etwas Geschichte? Gilt die Kohl-Ära bereits als eine Phase, wo Historiker bemüht werden müssen? Eine schwierige Frage, wenn genau diese Historiker noch um Erkenntnisse jener Jahre ringen und auf der anderen Seite nicht vergilbte Dokumente, sondern Zeitzeugen befragt werden können. Gerade die Gegenwart mit ihren kurzen geschichtlichen Ausläufern ist mehr als das Spielfeld von Geschichtsstudierten. Es ist das Gebiet, wo interdisziplinärer Austausch gefragt ist. Hier haben Politologie, Soziologie und nicht zuletzt die Wirtschaftswissenschaften einiges beizusteuern. Das ist dann am Ende auch die Schwäche des fünften Teils der Serie, die zunehmend stark von den Werten des Herausgebers beeinflusst sind, nicht jedoch von den damals gegebenen Verhältnissen. [click to continue…]

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In eigener Sache: Umfrage

Hallo zusammen,

ich habe eine kleine Umfrage erstellt und würde die Leser darum bitten, diese auszufüllen. Das gibt mir hoffentlich ein strukturiertes Feedback. Vielen Dank!

 

Link zur Umfrage

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Dies ist der fünfte Teil einer Serie. Teil eins findet sich hier. Teil 2 befindet sich hier. Teil 3 befindet sich hier. Teil 4 befindet sich hier. Ich möchte zwei Bemerkungen voranstellen. Erstens ist dieser Artikel Teil einer Serie, die sich mit Aufstieg und Niedergang der Sozialdemokratie vorrangig in den USA und Deutschland beschäftigt. Dieser Fokus entspringt meinen persönlichen Interessen und meinem persönlichen Interessengebiet. Jegliche Verallgemeinerung bleibt deswegen notwendigerweise mit dem breiten Pinsel gezeichnet. Zweitens wird „Sozialdemokratie“ hier nicht im engen deutschen Sinne verwendet, sondern steht für alle reformistischen Parteien links der Mitte. Darunter fallen etwa die Labour Party, die Parti Socialist oder die Democrats, nicht aber die KPD oder die DSA. 

Für die Sozialdemokraten stellte sich die Lage in den 1980er Jahren düster dar. Die Ideen des New Deal waren tot, abgelöst von einer neuen, alten Ideenwelt: individuelle Verantwortung in einer flexiblen, von staatlicher Regulierung so weit wie möglich freien Wirtschaftswelt. Natürlich war dies keine vollständoge Rückkehr in die Gilded Age. Das sozialdemokratische Zeitalter ließ sich nicht so einfach ungeschehen machen, und vielfach wollten die Konservativen das auch gar nicht. Aus deren Perspektive ging es vielmehr um eine Kurskorrektur, um das Zurückschneiden eines außer Kontrolle geratenen Wohlfahrtsstaats. Für viele Sozialdemokraten bedeutete das freilich einen sozialen Raubbau und eine Zerstörung des Erreichten. Wie so oft hatten beide Seiten gute Gründe für ihre jeweilige Sichtweise.

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Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. [click to continue…]

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