Schluss mit Wachstum Teil 5 – Schluss mit Werbung

Konsum ist das Fundament unseres Wirtschaftssystems. Immer mehr Menschen müssen immer mehr Dinge kaufen, damit die Wirtschaft wächst. Dabei geht es tatsächlich zunehmend mehr um das Erstehen, weniger um das Nutzen. Der Käufer soll nach Möglichkeit nicht gebrauchen, sondern verbrauchen und dann so schnell wie möglich das Nächste kaufen und sei es auf Pump.

Vor einigen Tagen schrieb jemand, dem ich auf Twitter folge (sinngemäß): „Wie heißt das Gefühl, wenn man hofft, dass das alte IPhone endlich kaputt geht, damit man sich ohne schlechtes Gewissen ein Neues kaufen kann?“ Und wer kennt das nicht? Man empfindet regelrechte Vorfreude darauf, ein neues Gerät, Kleidungs- oder Möbelstück zu kaufen. Tatsächlich sind die Vorfreude und das kurze Hoch beim Kauf oft das Einzige, was einem die Neuerwerbung bringt, wenn sobald die Beute in den Alltag integriert wird, ist die Erfahrung damit in der Regel nicht anders, als vorher.

Nehmen wir das Beispiel des Handys. Abgesehen davon, dass sich die Innovationen von einer Generation zur Nächsten bei den meisten Herstellern mittlerweile eher in Grenzen halten – selbst wenn wir mal annehmen, die Geräteleistung hätte sich tatsächlich verbessert: Wie viele Nutzer werden das Gerät tatsächlich anders nutzen, als den Vorgänger? Die Meisten von uns telefonieren, schreiben Textnachrichten und surfen auf Social Media Apps und im Internet. Kaum jemand nutzt die Rechenleistung seines Mobiltelefons tatsächlich aus, und eigentlich würden viele wohl auch noch mit ihrem letzten oder vorletzten Vorgängermodell auskommen.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Mir ist dieses Gefühl nicht fremd. Auch ich habe mir schon Tests für neue Mobiltelefone angeschaut – auf meinem noch vollkommen funktionsfähigen Handy (dessen einziges Manko ist, dass es vor eineinhalb Jahren das letzte Mal ein Update erhalten hat).
Seit Wochen schaue ich mir Tests und Angebote für E-Bässe an, dabei habe ich einen Mittelklasse-Bass, der absolut in Ordnung und für meine Ansprüche und Fähigkeiten mehr als ausreichend ist. Schlimmer noch: Ich spiele im Moment nicht mal in einer Band, sondern übe mit Kopfhörern auf dem Sofa.

Natürlich gibt es auch Dinge, bei denen eine Neuanschaffung und eventuell ein Upgrade auf ein höheres Qualitätsniveau Sinn ergeben und eine spürbare Verbesserung mit sich bringen. (Auch wenn man sich ehrlicherweise fragen sollte, ob man sich selbst auf dem Level bewegt, dass man das auch tatsächlich benötigt oder auch nur einsetzen kann.) Es bleibt aber die Tatsache, dass viele unserer Anschaffungen rational keinen Sinn ergeben. Das gilt um so mehr für Artikel, die überhaupt nur für einen kurzfristigen Gebrauch gedacht sind, aber eben auch für das Ersetzen noch vollkommen funktionierender Waren und nicht zuletzt Dinge, die wir anschaffen und dann überhaupt nicht nutzen und die dann irgendwo im Keller Staub ansetzen.

Die Frage ist, warum tun wir das alles? Die meisten Menschen verbringen den Großteil ihrer wachen Zeit in einem Job, der sie mehr oder weniger befriedigen mag, um sich genau diesen Konsum leisten zu können.  Wenn die Idee der Martwirtschaftler korrekt wären und wir es mit rationalen Käufern zu tun hätten, die ihre objektiven Bedürfnisse gut informiert und auf dem günstigsten möglichen Weg befriedigten, dann hätten wir in den Industrienationen schon seit Jahren kein Wachstum mehr erlebt, denn der steigende Lebensstandard verbessert die Lebensqualität bei uns schon eine Weile nicht mehr. Doch der Mensch überschätzt seine Fähigkeit zum rationalen Denken, verfügt oft gar nicht über das Werkzeug, Information und Werbung zu trennen und zu bewerten und will oft nicht wahrhaben, wenn er beeinflusst wird.
Demgegenüber sitzt eine Armada von Werbefachleuten, die darauf trainiert ist, jede psychologische Schwachstelle auszunutzen, die uns oft gar nicht bewusst ist. Der Mensch ist ein soziales Wesen, sucht nach Prestige, will Status erlangen und zeigen. Genau da setzt die Werbung an. Ständig wird uns eingetrichtert, dass mit uns etwas nicht stimmt, dass wir unzulänglich sind und nur dieses eine Produkt uns davon befreien kann. Das führt zu einer doppelten Belastung. Zum einen verfängt die Botschaft und die Menschen fühlen sich minderwertig, zum anderen schafft der Kauf des Produkts in aller Regel natürlich keine Abhilfe und die Lebensqualität verbessert sich nicht dramatisch, wenn man das neue Handy, Parfum oder Auto gekauft hat. Nach einem kurzen Hoch im Kaufrausch geht der Alltag ganz normal weiter.

Dazu kommen drei Entwicklungen, die die Lage verschärft haben:

  1. Die Werbung hat sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr darauf verlegt, nicht nur das eigene Produkt als die beste Option in den Vordergrund zu stellen, um ein Bedürfnis zu erfüllen, sondern Bedürfnisse gleich neu zu kreieren und das in immer kürzeren Abständen mit immer neuen Trends und Moden, deren Produkte von Anfang an nur auf einen kurzen Lebenszyklus ausgelegt sind.
  2. Die Zielgruppe ist im gleichen Zeitraum immer jünger geworden bzw. auf Jüngere ausgeweitet worden. Natürlich gab es schon länger Produkte für Kinder und soziale Unterscheidungen zwischen Kindern mit teurer Kleidung und teurem Spielzeug und denen, deren Familien sich das nicht leisten konnten. Aber die Menge an Produkten und die Menge an Geld, die junge Menschen zur Verfügung haben, ist stark angewachsen. Der Markendruck ist kontinuierlich in jüngere Jahrgänge gewandert. (Bei mir fing es Ende der Grundschule langsam an, dass nur bestimmte Turnschuhe cool waren und ab der fünften Klasse wurden Marken und Kleidungsstil zu einem wichtigen Ausdrucksmittel)
    Das führt aber auch dazu, dass mittlerweile ganze Generationen keinen anderen Zustand mehr kennen, als um die Wette und ihren sozialen Status zu kaufen und aus dem Hamsterrad entsprechend schwer ausbrechen können.
  3. Die Präsenz von Werbung hat massiv zugenommen. Von Plakaten und Anzeigen in Zeitungen und Zeitschriften über öffentlich rechtliches Fernsehen und Radio zu Privatsendern bis zu Internet und sozialen Netzwerken ist das Volumen gestiegen und die Werbung personalisierter und professioneller geworden. Heute sind es Algorithmen, die versuchen und zu lenken und unsere ganz persönlichen Schwachstellen zu finden, während wir ihnen pausenlos Futter für ihre Analyse geben und die Geräte, über die sie uns erreichen, durchgehend in Betrieb haben und ihnen immer mehr unserer Aufmerksamkeit widmen.

Wenn wir eine Chance haben wollen, den Klimawandel und die Umweltzerstörung aufzuhalten, müssen wir beginnen, sehr viel rationaler zu konsumieren. Das bedeutet vor allem, Überflüssiges gar nicht erst zu produzieren. Solange wir der Illusion vom rationalen Käufer anhängen, wird das nicht passieren. Wie bei vielen Fragen in diesem Komplex reicht es nicht, das Thema auf persönliche Konsumentscheidungen runter zu brechen und zu hoffen, dass die Menschen jeder für sich die richtige Entscheidung für das Ökosystem trifft. Das ist dem einzelnen gegenüber unfair und auch unrealistisch, wenn man die mentalen Hürden betrachtet, die unsere Konsum-Prägung dem in den Weg stellt. Zu den dringendsten Verboten, die wir benötigen, um in dieser Krise voran zu kommen, gehört daher das Verbot von Werbung.
Die Chancen dafür sind freilich gering. Deutschland hat es bis heute nicht geschafft, sich zu einem Tabak-Werbeverbot durchzuringen, selbst offensichtliche Falschaussagen zu verhindern oder Werbung, die sich an Kinder richtet, abzustellen. Aber wenn wir der Wirtschaft einen Handlungsrahmen stecken wollen, in dem sie sich nicht mehr gesellschaftsschädlich, in diesem Umweltschädlich, verhalten kann, werden wir kaum darum herum kommen.

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  • R.A. 14. Dezember 2019, 16:45

    „Konsum ist das Fundament unseres Wirtschaftssystems. Immer mehr Menschen müssen immer mehr Dinge kaufen, damit die Wirtschaft wächst.“
    Das stellt die realen Zusammenhänge auf den Kopf. Unser Wirtschaftssystem ist das Fundament, das unseren Konsum möglich macht. Die Menschen müssen nicht kaufen, sie wollen. Wenn sie es nicht mehr wollten, wäre das gesamtwirtschaftlich kein Problem.

    „Dabei geht es tatsächlich zunehmend mehr um das Erstehen, weniger um das Nutzen.“
    Den Spaß an neuen Erwerbungen gab es schon immer. Es gibt keine Belege dafür, daß diese Motivation zugenommen hat.

    „Tatsächlich sind die Vorfreude und das kurze Hoch beim Kauf oft das Einzige, was einem die Neuerwerbung bringt, wenn sobald die Beute in den Alltag integriert wird, ist die Erfahrung damit in der Regel nicht anders, als vorher.“
    Bei manchen Leuten mag das so sein. Verallgemeinern läßt sich das bestimmt nicht. Ab einer gewissen Lebenserfahrung kaufen sich die Leute normalerweise nur Sachen, die ihnen auch etwas bringen.

    „Nehmen wir das Beispiel des Handys.“
    Richtig – der Zusatznutzen von neuen Versionen nimmt ab. Deswegen nimmt ja auch die Zahl der neu verkauften Geräte ab. Wie bei anderen Gebrauchsgeräten (z. B. Fernsehern) vorher wird sich der Markt bald auf niedrigem Niveau einpendeln, weil eben nur noch der nötige Ersatz gekauft wird.

    „Die Meisten von uns telefonieren, schreiben Textnachrichten und surfen auf Social Media Apps und im Internet.“
    Wenn ihr Handy schon alle diese Funktionen hat. Das ist bei vielen noch nicht der Fall, deswegen wird es noch einige Jahre bis zur Marktsättigung brauchen.

    „Es bleibt aber die Tatsache, dass viele unserer Anschaffungen rational keinen Sinn ergeben.“
    Überhaupt nicht. Nur ganz wenige Menschen haben so absurde Konsumgewohnheiten.
    Der größte Teil des Konsums dient sowieso nicht echten Neuanschaffungen, sondern dem täglichen Lebensunterhalt, also der Anschaffung von Verbrauchsgütern. Und ansonsten achten schon die meisten Leute darauf, ihr schwer verdientes Geld nicht zum Fenster hinaus zu werfen.
    Es gibt immer Ausnahmen – aber die reichen nicht um eine allgemeine Aussage zu belegen.

    „Die meisten Menschen verbringen den Großteil ihrer wachen Zeit in einem Job, der sie mehr oder weniger befriedigen mag, um sich genau diesen Konsum leisten zu können.“
    Nein. Den größten Teil ihres Verdiensts wenden die Menschen für ihren Lebensunterhalt auf, für Steuern, Sozialabgaben, Wohnung, Nebenkosten, Nahrung, Kleidung, Transport. Ein paar Stunden Arbeit im Monat für Handykauf etc. sind da Nebensache.

    „denn der steigende Lebensstandard verbessert die Lebensqualität bei uns schon eine Weile nicht mehr.“
    Sagt wer?
    Dieser Eindruck mag subjektiv bei einigen Leuten aufkommen, weil der jährliche Fortschritt relativ klein ist verglichen mit dem schon erreichten Niveau und man sich sehr schnell an bessere Lebensbedingungen gewöhnt und sie als selbstverständlich nimmt.
    Die meisten Leute würden sich aber extrem wundern, wenn sie wieder zu den Bedingungen z. B. der oft verklärten 70er Jahre leben müßten. Da wird nämlich deutlich, wie groß der über die Jahre akkumulierte Wohlstandszuwachs ist.

    „Genau da setzt die Werbung an.“
    Ach ja, der von der Werbung manipulierte willenlose Konsument.
    Das sind Ammenmärchen aus dem letzten Jahrhundert und längst widerlegt.
    Natürlich hat Werbung Wirkung, sonst gäbe es sie nicht. Aber sie ist nicht in der Lage, Leute gegen ihren Willen zum Konsum zu bringen.

    „Das führt aber auch dazu, dass mittlerweile ganze Generationen keinen anderen Zustand mehr kennen, als um die Wette und ihren sozialen Status zu kaufen und aus dem Hamsterrad entsprechend schwer ausbrechen können.“
    Auch so ein uraltes Ammenmärchen, das wurde uns schon vor 50 Jahren so erzählt. War aber damals so wenig wahr wie heute. Natürlich gibt es immer wieder mal Konsum, der der Prestigesteigerung dienen soll – sonst gäbe es keine „Bio“-Läden. Aber das sind Nischen und deswegen geht fast niemand in ein „Hamsterrad“.

    „Heute sind es Algorithmen, die versuchen und zu lenken und unsere ganz persönlichen Schwachstellen zu finden ..“
    Gähn. Diese geheimnisvollen Algorithmen. Da kauft man bei Amazon eine Kaffeemaschine und bekommt dann drei Monate lang Werbung für weitere Kaffeemaschinen eingeblendet. So raffiniert ist das nicht.
    Und auf jeden Fall nicht schlimmer als wie früher blind irgendwelche Werbung gezeigt zu bekommen für Sachen, die man nie gekauft hat und nie kaufen will.

    „Solange wir der Illusion vom rationalen Käufer anhängen, wird das nicht passieren.“
    Es wird auch nicht passieren wenn man den Käufer für doof erklärt und ihm vorschreiben will, was er gefälligst zu kaufen oder nicht zu kaufen hat.
    Denn in der Regel sind die Urheber solcher Verbote noch dööfer, weil sie die Lebensrealität und die Bedürfnisse des Käufers deutlich weniger kennen als der selber.

    • CitizenK 14. Dezember 2019, 17:44

      Also alles kein Problem?

      Aber was ist mit den Verpackungs-Müllbergen, dem in Drittweltländer exportierten Elektroschrott, der Vergiftung von Boden, Luft und Grundwasser? Der Ressourcen- und Energieverschwendung?

      Alles kein Problem?

    • TBeermann 14. Dezember 2019, 19:19

      Das stellt die realen Zusammenhänge auf den Kopf. Unser Wirtschaftssystem ist das Fundament, das unseren Konsum möglich macht. Die Menschen müssen nicht kaufen, sie wollen. Wenn sie es nicht mehr wollten, wäre das gesamtwirtschaftlich kein Problem.

      Das erklär mal denjenigen, die schon vollkommen in Panik verfallen, wenn das Wirtschaftswachstum unter ein Prozent rutscht.

      Und sie haben innerhalb des aktuellen Systems absolut Recht damit. Das System ist auf Wachstum ausgelegt, da nur mit Wachstum die immer weiter gehende Optimierung ausgeglichen werden kann. Wenn der Output gleich bleibt, fallen immer mehr Menschen aus dem System heraus, weil sie nicht mehr gebraucht werden, mit alle gesellschaftlichen Folgen. (ich hatte mich in dem Ursprungstext dieser Reihe 2011 mal mit dem Modell des „Mengerschen Würfels/Schwamms“ befasst).

      „Nehmen wir das Beispiel des Handys.“
      Richtig – der Zusatznutzen von neuen Versionen nimmt ab. Deswegen nimmt ja auch die Zahl der neu verkauften Geräte ab. Wie bei anderen Gebrauchsgeräten (z. B. Fernsehern) vorher wird sich der Markt bald auf niedrigem Niveau einpendeln, weil eben nur noch der nötige Ersatz gekauft wird.

      „Die Meisten von uns telefonieren, schreiben Textnachrichten und surfen auf Social Media Apps und im Internet.“
      Wenn ihr Handy schon alle diese Funktionen hat. Das ist bei vielen noch nicht der Fall, deswegen wird es noch einige Jahre bis zur Marktsättigung brauchen.

      Es ist zwar richtig, dass die Absatz-Stückzahlen bei Smartphones nach einem Ausschlag 2015 wieder leicht zurückgegangen sind, allerdings flacht der Abfall der Kurve seit drei Jahren auch schon so weit ab, dass die Veränderungen minimal sind (und im Vergleich noch über dem Stand von 2012). Von einem niedrigen Niveau sind wir weit entfernt und bewegen und auch nicht darauf zu.

      „Es bleibt aber die Tatsache, dass viele unserer Anschaffungen rational keinen Sinn ergeben.“
      Überhaupt nicht. Nur ganz wenige Menschen haben so absurde Konsumgewohnheiten.
      Der größte Teil des Konsums dient sowieso nicht echten Neuanschaffungen, sondern dem täglichen Lebensunterhalt, also der Anschaffung von Verbrauchsgütern. Und ansonsten achten schon die meisten Leute darauf, ihr schwer verdientes Geld nicht zum Fenster hinaus zu werfen.
      Es gibt immer Ausnahmen – aber die reichen nicht um eine allgemeine Aussage zu belegen.

      „Die meisten Menschen verbringen den Großteil ihrer wachen Zeit in einem Job, der sie mehr oder weniger befriedigen mag, um sich genau diesen Konsum leisten zu können.“
      Nein. Den größten Teil ihres Verdiensts wenden die Menschen für ihren Lebensunterhalt auf, für Steuern, Sozialabgaben, Wohnung, Nebenkosten, Nahrung, Kleidung, Transport. Ein paar Stunden Arbeit im Monat für Handykauf etc. sind da Nebensache.

      Das Handy war ein Beispiel. Sie können den Strohmann wieder einpacken und aufhören so zu tun, als ginge es in diesem Text nur um Smartphones.

      Und ja, es gibt Untersuchungen, dass die Lebensqualität sich seit knapp vier Jahrzehnten praktisch nicht mehr gesteigert hat und das gilt für praktisch alle westlichen Industrienationen. Das ist eigentlich auch nicht verwunderlich, denn mit dem Lebensstandard sind auch die Opportunitätskosten gestiegen, um diesen Lebensstandard zu erreichen. Gleichzeitig ist der als erstrebenswert dargestellte Lebensstil aber auch (noch mehr als die tatsächliche Steigerung des Lebensstandards) nach oben geschossen uns ist für die Meisten weiterhin unerreichbar, während die Gefahr eines gesellschaftlichen Abstiegs sich deutlich vergrößert hat.

      „Genau da setzt die Werbung an.“
      Ach ja, der von der Werbung manipulierte willenlose Konsument.
      Das sind Ammenmärchen aus dem letzten Jahrhundert und längst widerlegt.
      Natürlich hat Werbung Wirkung, sonst gäbe es sie nicht. Aber sie ist nicht in der Lage, Leute gegen ihren Willen zum Konsum zu bringen.

      „Das führt aber auch dazu, dass mittlerweile ganze Generationen keinen anderen Zustand mehr kennen, als um die Wette und ihren sozialen Status zu kaufen und aus dem Hamsterrad entsprechend schwer ausbrechen können.“
      Auch so ein uraltes Ammenmärchen, das wurde uns schon vor 50 Jahren so erzählt. War aber damals so wenig wahr wie heute. Natürlich gibt es immer wieder mal Konsum, der der Prestigesteigerung dienen soll – sonst gäbe es keine „Bio“-Läden. Aber das sind Nischen und deswegen geht fast niemand in ein „Hamsterrad“.

      „Heute sind es Algorithmen, die versuchen und zu lenken und unsere ganz persönlichen Schwachstellen zu finden ..“
      Gähn. Diese geheimnisvollen Algorithmen. Da kauft man bei Amazon eine Kaffeemaschine und bekommt dann drei Monate lang Werbung für weitere Kaffeemaschinen eingeblendet. So raffiniert ist das nicht.
      Und auf jeden Fall nicht schlimmer als wie früher blind irgendwelche Werbung gezeigt zu bekommen für Sachen, die man nie gekauft hat und nie kaufen will.

      „Solange wir der Illusion vom rationalen Käufer anhängen, wird das nicht passieren.“
      Es wird auch nicht passieren wenn man den Käufer für doof erklärt und ihm vorschreiben will, was er gefälligst zu kaufen oder nicht zu kaufen hat.
      Denn in der Regel sind die Urheber solcher Verbote noch dööfer, weil sie die Lebensrealität und die Bedürfnisse des Käufers deutlich weniger kennen als der selber.

      Man kann sich natürlich einreden, dass das alles nicht stimmt. Es ändert aber nicht viel und wenn man sich und seinen Konsum mal ehrlich betrachtet, dann dürften nur die Wenigstens unter uns zu dem Schluss kommen, tatsächlich unempfänglich (gewesen) zu sein.

      Wir uns unsere „Echsen-Hirne“ sind nicht ansatzweise so weit entwickelt, wie wir uns das gerne einreden. Es gibt einen Haufen Schwachstellen und Mechanismen, an denen man Hebel ansetzen kann. Bedürfnisse entstehen nicht nur aus uns selbst, sondern können auch gezielt geweckt und verstärkt werden.

      Und ja, der einzelne Konsument ist ziemlich doof (ich schließe mich da selbst gar nichts aus), sonst würde es viele Produkte, Moden und Trends nicht geben können.

      Zum Thema Algorithmen werde ich vermutlich früher oder später noch mal schreiben, aber nur ein paar Worte an dieser Stelle: Es geht bei weitem nicht nur personalisierte Werbung. Die Algorithmen der sozialen Netzwerke haben den Ansatz, bestehende Tendenzen zu verstärken und wirken so zum einen an der politischen Radikalisierung mit, aber eben auch am Konsum.

      • R.A. 15. Dezember 2019, 19:03

        „es gibt Untersuchungen, dass die Lebensqualität sich seit knapp vier Jahrzehnten praktisch nicht mehr gesteigert hat“
        Diese Untersuchungen hätte ich gerne mal verlinkt – das ist letztlich der Kern dieser Diskussion.

        Ich halte es für ziemlich abstrus, daß wir seit 40 Jahren keine Steigerung der Lebensqualität mehr gehabt haben sollen.
        Die Lebenserwartung ist gestiegen, die medizinische Versorgung besser geworden, die Wohnfläche pro Kopf hat deutlich zugenommen, die Leute fahren mehr und weiter in den Urlaub, gehen viel häufiger essen, kaufen viel raffiniertere Speisen und Getränke in den Supermärkten, haben einen Riesenflachbildschirm mit Riesenprogrammwahl statt einer Röhre mit ARD/ZDF, die vielen Möglichkeiten gar nicht gerechnet, die wir völlig neu durch Smartphones, Tablets, Internet haben.
        Man stelle alleine mal einen aktuellen Golf neben seinen Vorgänger von vor 40 Jahren – ein Riesenunterschied in Fahrkomfort, Sicherheit und Umweltfreundlichkeit.

        Also: Wo ist die Studie die behauptet, alle diese Verbesserungen hätte nichts mit Lebensqualität zu tun?

        • Rauschi 16. Dezember 2019, 08:52

          Wo ist die Studie die behauptet, alle diese Verbesserungen hätte nichts mit Lebensqualität zu tun?

          Wie sollte sowas absurdes auch aussehen? Als wäre es nicht total subjektiv, was der einzelne unter Lebensqualität versteht.
          Das an technischem Schnick Schnack fest zu machen, kann auch nur von einem Neoliberalen kommen, dem sonst nichts einfällt.

          Die Werbung hat also für den Fortschritt gesorgt? Ach ja? Wie das?
          Das Kontrabeispiel ist VHS, das war das technisch schlechteste, aber mit der aggressivsten Vermarktung. Betamax war sehr viel besser. Nur wussten das die meisten Kunden nicht.

          Vor allem, sind die Menschen echt zufriedener mit Ihrem Leben, weil der neue Golf andere Funktionen hat? Oder weil man sich am Flachbildschirm berieseln lassen kann? Das wäre dann wirklich ein Armutszeugnis für die Gesellschaft.

          • R.A. 16. Dezember 2019, 11:56

            „Wie sollte sowas absurdes auch aussehen? Als wäre es nicht total subjektiv, was der einzelne unter Lebensqualität versteht.“
            Eben. Deswegen frage ich ja nach den konkreten Quellen für diese „Studien“.

            „Das an technischem Schnick Schnack fest zu machen, kann auch nur von einem Neoliberalen kommen …“
            Ich würde Lebenserwartung, Wohnraum und Urlaub nicht als „technischen Schnickschnack“ bezeichnen.
            Und im übrigen sind es die Leute selber, die diese Sachen positiv bewerten – es steht eben weder „Neoliberalen“ noch Sozis zu, da ihre persönlichen Maßstäbe zu verallgemeinern.

            „Das Kontrabeispiel ist VHS …“
            Ist doch schon bezeichnend, daß viele Jahre nach Ende der Video-Äre immer noch dieses Uralt-Beispiel rumgereicht wird. Weil es halt eine seltene Ausnahme war.

            „Vor allem, sind die Menschen echt zufriedener mit Ihrem Leben, weil der neue Golf andere Funktionen hat?“
            Nur extrem wenige Leute kaufen sich lieber einen Golf aus den 70er Jahren als einen aktuellen. Fast alle ziehen ein modernes Auto vor. Wieso sollten sie das tun, wenn sie damit unzufrieden wären?

            • Rauschi 16. Dezember 2019, 15:24

              Und im übrigen sind es die Leute selber, die diese Sachen positiv bewerten – es steht eben weder „Neoliberalen“ noch Sozis zu, da ihre persönlichen Maßstäbe zu verallgemeinern.
              Strohmann wieder einpacken, das hat niemand behauptet, natürlich gibt es positve Aspekte.

              Die Beweislast ist bei Ihnen, das durch Werbung etwas verbessert wurde, darum ging es, oder das sich das bessere durchgesetzt hat.

              Wieso sollten sie das tun, wenn sie damit unzufrieden wären?
              Muss ich jetzt ernsthaft den Unterschied zwischen nicht unzufrieden und zufriedener erklären? Wenn ich mit einem Auto zufrieden bin (wir haben ein neues, das hat enorm viele Features und es macht Spass, damit zu fahren), heisst das doch überhaupt nicht, das ich meinen würden, meine Lebensqualität wäre dadurch gestiegen!
              Ich würde immer noch lieber mit einer vernüftigen Bahnverbindung die Strecke fahren, für die ich jetzt ein Auto brauche. Ein komfortables Auto, aber immer noch ein Auto, das jemand fahren muss.
              Ich muss länger arbeiten und die Termine werden immer enger, die Erreichbarkeit runf um die Uhr wird nicht nur fürs Pucket erwartet, das nenn ich nicht gesteigerte Lebensqualität.

              Also,wo ist Ihre Studie, das die Mehrheit das anders sieht?

          • CitizenK 16. Dezember 2019, 17:24

            Lieber zugeben, dass R. A. da einen Punkt hat.

            Mit hochauflösenden Flachbildschirmen sind auch Natur-Dokus sehr viel schöner anzusehen, und meinen – wenn auch inzwischen 8 Jahre alten – Computer möchte ich gewiss nicht mit meinem aller ersten aus den 90ern tauschen.

            Dass technischer Fortschritt mit Wettbewerb und Gewinnstreben zu Verbesserungen des – materiellen – Lebensstandards führen, kann man doch nicht bestreiten. Nicht mal Marx hat das getan.

            Das Thema hier ist doch: Was hat die Werbung dazu beigetragen?
            Und allgemein: Zu welchem Preis?

            • Rauschi 17. Dezember 2019, 08:53

              Das Thema hier ist doch: Was hat die Werbung dazu beigetragen?
              Eben genau deswegen hat er auch keinen Punkt, Thema verfehlt.

              Natürlich gab es Entwicklung, das bestreitet doch keiner, aber sind die Menschen deswegen wirklich mit der Lebensqualität mehr zufrieden? Oder hat die Entwicklung nicht auch einen viel zu hohen Preis, Stichwort Klima?

              Die Entwicklung ist und war immer die positive Seite des Kapitalismus, aber die Pervertierung durch den Neoliberalismus hat das ganze auf die Spitze getrieben. Aber den Erfindungsreichtum der Menschen kann man auch ohne den ständigen Wachstumszwang nutzen.
              Wobei ja einige Bereiche weiter wachsen müssen und andere schrumpfen, ein generelles „kein Wachstum mehr“ ist ja auch falsch. Die Cradle to cradle Produktion muss wachsen, die Wegwerf-Industrie muss schrumpfen.

          • Erwin Gabriel 17. Dezember 2019, 11:55

            @ Rauschi 16. Dezember 2019, 08:52

            Das Kontrabeispiel ist VHS, das war das technisch schlechteste, aber mit der aggressivsten Vermarktung. Betamax war sehr viel besser. Nur wussten das die meisten Kunden nicht.

            Betamax war nur etwas, nicht aber sehr viel besser.
            Betamax wurde von Sony entwickelt, VHS von JVC. Der Grund für den Markterfolg von VHS lag darin, dass JVC, um sich gegen Sony (und gegen Grundig/Philips mit deren System „Video 2000“) durchzusetzen, nur sehr geringe Lizenzgebühren verlangte, so dass JEDER Hersteller sich in die Lage versetzt sah, VHS-Recorder anzubieten. So stand Sony mit dem technisch aufwändigeren und besseren, aber auch etwas anfälligeren Betamax-System gegen eine Flut deutlich billigerer VHS-Geräte.

            • Stefan Sasse 17. Dezember 2019, 12:05

              Davon abgesehen – der Qualitätsunterschied war auch nicht hoch genug, als dass hier ein ernstes Problem vorläge.

            • Rauschi 18. Dezember 2019, 10:44

              Das hätten doch so viele Hersteller fertigen könne, wie man will, wenn es keinen Absatz gegeben hätte. Der sich durch den Preis erklärt, aber nicht durch die Werbung. Das war die These von R.A., das sich wegen der Werbung das bessere durchsetzt. Mir wäre kein Fall bekannt, wo das so wäre. Etwas gutes setzt sich meist auch ohne Werbung durch. Und die Werbung ist ja nie der Grund für eine Verbesserung, das sind technische Entwicklungen, die unabhängig von der Werbung ablaufen.
              Das Thema hier ist Werbung!

              • Erwin Gabriel 20. Dezember 2019, 14:52

                @ Rauschi 18. Dezember 2019, 10:44

                Das Thema hier ist Werbung!

                Dann ist Betamax das falsche Beispiel. Betamax scheiterte an verfehlter Lizenzpolitik.

  • CitizenK 14. Dezember 2019, 16:49

    Ja, aber wo ansetzen?

    Beim Verbraucher, also bei uns? „Maßhalten“-Kampagnen wie einst von Ludwig Erhard? Der wurde, obgleich hoch angesehen, dafür verspottet.
    „Konsumscham“ – gibt es schon, in gewissen Zirkeln. Breitenwirkung ist nicht zu erwarten.

    Freiwillige Selbstbeschränkung der Unternehmen? Kann man vergessen.

    Also die Politik? Höhere Verbrauchsteuern? Verbot von „hidden persuaders“? Durch eine Kommission, die nicht-informative Werbung nicht zulässt? Unrealistisch.

    Was tun? Die Wahrheit ist immer konkret. Das Ziel ist kaum noch umstritten. Der Streit kann nur um die Mittel gehen.

    • TBeermann 14. Dezember 2019, 18:49

      In meinen Augen wird man, wenn man das Ruder noch herumreißen will, nicht um ordnungspolitische Maßnahmen herum kommen. Sowohl auf die Konsumenten, als auch auf die Industrie braucht man dabei nicht zu setzen. Beide wissen seit Jahrzehnten (die erste Weltklimakonferenz fand 1979 in Genf statt, zugegeben da noch als Außenseiter-Event) im Großen und Ganzen, was wir anrichten und welche Folgen das haben wird. Unser Wissen wird detaillierter und wir merken, dass es wohl schneller vonstatten geht, als wir vermutet hätten, aber es hätte als absolutes Minimum knapp 30 Jahre für eine graduelle Umstellung unseres Lebensstils gegeben.

      (Nebenbei: Dass „die Wirtschaft“ trotz dieses Wissens nichts getan hat, um umzusteuern und bis heute nur darauf schaut, noch den letzten möglichen kurzfristigen Gewinn herauszuholen, sollte den „der Markt regelt das“ Unsinn eigentlich ein für alle mal begraben).

      Es bleibt also nur der Staat, also wir alles als Gesellschaft und nicht als individuelle Akteure, um uns selbst einen Riegel vorzuschieben.

      Das Problem dabei ist, dass die Chancen dafür verschwindend gering bis nicht existent sind. Das fängt damit an, dass kein politischer Akteur da ist, der sich dafür einsetzen würde. Die Grünen sind vielleicht am nächsten an der Gravität des Problems, aber eben auch nur relativ näher als die anderen Parteien. Auch sie fordern nicht ansatzweise, was nötig wäre und haben nach dem Debakel 2013 so viel Angst vor der nächsten Springer-Kampagne, dass die eigentlich niemandem mehr irgendwas zumuten wollen.

      • CitizenK 15. Dezember 2019, 10:26

        Eine solche „Verordnete Mäßigung“ würde allenfalls „nach einer Katastrophe“ akzeptiert:
        http://sociodimensions.com/files/universit__t_heidelberg__studium_generale__luxus_und_nachhaltigkeit__schipperges_1.pdf
        (Folie 28)

        Auch Madrid stimmt nicht optimistisch. Resignieren? Nach uns die Sintflut?

        • TBeermann 15. Dezember 2019, 11:54

          Das wäre eine durchaus verständliche Reaktion. Das Zeitfenster, um zu reagieren, bevor wir verschiedene Tipping-Points erreichen, schließt sich relativ schnell und die notwendigen Reaktionen werden drastischer, je länger wir sie aufschieben und unser Budget jedes Jahr weiter überstrapazieren. Die Frage, wie das durchsetzbar sein soll, wenn selbst minimale Einschränkungen, die nicht ansatzweise ausreichen würden, schon von (mindestens lauten) Teilen der Bevölkerung empört zurückgewiesen werden.

          Man könnte das Pferd natürlich auch von der anderen Seite aufsatteln und argumentieren, dass es eh schon zu spät ist und wir uns lieber darauf konzentrieren sollten, wie wir unter den neuen Bedingungen am besten leben können und auch dieser Ansatz ist durchaus rational. Nur muss man dann auch ehrlich sein, was das beinhaltet. Wer mit einer Million Flüchtlinge 2015 schon nicht klar gekommen ist und darin den Untergang der Gesellschaft gesehen hat, darf sich auf das freuen, was uns in dieser Variante erwartet.

          Und klar, „nach uns die Sintflut“ ist auch eine Option. Ich habe keine Kinder und nicht vor, daran etwas zu ändern. Ich gehe davon aus, in meiner Lebenserwartung noch lange nicht die heftigsten Folgen der Entwicklung zu erleben, da wir das Glück haben, dass in unseren Breiten voraussichtlich erst relativ spät direkte Auswirkungen spürbar sein werden. Also könnte ich mich eigentlich recht entspannt zurücklehnen und darauf hoffen, dass Europa sich von den indirekten Folgen so lange abschottet, bis ich tot bin.

    • Ralf 15. Dezember 2019, 16:24

      Ja, aber wo ansetzen?

      Werbeverbot im Fernsehen. Werbeverbot im Kino. Inklusive Verbot von Product Placement. Werbeverbot im Internet. Verbot von Werbeemails. Werbeverbot auf Plakaten, Litfaßsäulen, Wänden in der Öffentlichkeit.

      (Nichts davon wird passieren, aber das sind die Punkte, an denen man ansetzen müsste ^^)

      • R.A. 15. Dezember 2019, 19:05

        Werbeverbote würden NICHT dazu führen, daß die Leute weniger konsumieren. Sie würden nur andere Produkte konsumieren. Und im Zweifelsfall schlechtere.

        Denn am wirksamsten ist Werbung, wenn sie neue Vorteile eines Produkts bekannt macht. Mit Werbeeinsatz schlechte Produkte gegen bessere durchzusetzen ist extrem schwierig und selten.

        • Ralf 15. Dezember 2019, 19:24

          Selbstverständlich würde ein Werbeverbot zu dramatisch verringertem Konsum führen, weil Werbung Begierden nicht selten überhaupt erst auslöst und nicht lediglich ohnehin bestehende Begierden kanalisiert.

          Und dort wo eine Kanalisierung stattfindet, gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass uns das im Durchschnitt in die Richtung der “besseren” Produkte lenkt. Es lässt sich sogar ein gegenteiliges Argument aufmachen: Je schlechter und makelbehafteter ein Produkt ist, desto mehr Werbung braucht es, um abgesetzt zu werden. Werfen Sie einen Blick in Ihren Spam-Ordner und Sie werden verstehen, was ich meine …

        • TBeermann 15. Dezember 2019, 20:23

          Daran würde ich großen Zweifel anmelden. Ein Werbeverbot würde dazu führen, dass viele unsinnige Artikel gar nicht mehr konsumiert werden bei bei anderen notwendigen Waren nicht mehr das IN-Produkt, sondern das tatsächlich beste (bzw. den eigenen Bedürfnissen entsprechende).

          Die Idee, dass Werbung irgendwas mit ehrlicher Information zu tun hätte, ist fast schon niedlich.

          • CitizenK 15. Dezember 2019, 22:02

            Rührend, dieser Kinderglaube. Die Werbefuzzis lachen sich schlapp.

            • CitizenK 15. Dezember 2019, 22:23

              Aber Verbot? Das kann es natürlich nicht sein. Eine Marktwirtschaft funktioniert nicht ohne Werbung: „Selbst wenn du einen Dollar für 90 Cents verkaufen willst, musst du das den Leuten sagen“ Henry Ford (?).

              Informative von manipulativer Werbung per Verordnung zu unterscheiden, dürfte kaum möglich sein.

              • Ralf 15. Dezember 2019, 22:54

                Ich verstehe nicht, warum das nicht gehen soll. Früher gab es zum Beispiel strikte Beschränkung von Werbezeit im Fernsehen. Abends war gar keine Werbung erlaubt. In der Mitte von Sendungen auch nicht. Und zwischen Sendungen war die Gesamtwerbezeit scharf limitiert. Und wir lebten trotzdem in einer Marktwirtschaft.

                • CitizenK 16. Dezember 2019, 06:55

                  Okay, Missverständnis. Dachte du willst Werbung ganz verbieten.

                  • Ralf 16. Dezember 2019, 10:01

                    Ich würde Werbung gerne ganz verbieten. Bis auf Informationsmaterial, das der Kunde explizit selbst nachfragt. Wieso das die Marktwirtschaft zum Erliegen bringen soll, leuchtet mir nicht ein. Eine werbefreie Gesellschaft würde lediglich ein anderes Umfeld für den Markt schaffen. So wie das Umfeld Anfang der Achtziger mit nur minimaler Werbung im Fernsehen ein anderes war als das heutige, in dem wir aggressiv mit Werbung überschwemmt werden. In dem damaligen Umfeld haben die meisten, gerade kleineren Unternehmen keine Werbung im Fernsehen gemacht. Und die meisten Unternehmen haben auch keine Prospekte wahllos verteilt. Und es gab auch noch kein Internet. Bekannt wurde man durch Hörensagen, durch Empfehlungen von zufriedenen Konsumenten. Neue Laufkundschaft gewann man durch attraktive Auslagen. Oder auf Messen.

                    Mit anderen Worten: Wir als Gesellschaft haben das Recht selbst festzulegen, wie wir leben wollen. Wir als Gesellschaft haben das Recht selbst festzulegen, wie tief wir das Marktgeschrei auf unsere Straßen und in unsere Wohnzimmer kommen lassen wollen.

                    Eine andere Welt ist möglich.

          • R.A. 16. Dezember 2019, 11:59

            „Die Idee, dass Werbung irgendwas mit ehrlicher Information zu tun hätte, ist fast schon niedlich.“
            Werbung schafft in erster Linie Aufmerksamkeit. Dadurch erfahren die meisten Leute überhaupt erst, daß irgendetwas Neues zu kriegen ist.
            Und dann überlegen sie, ob sie dieses Neue interessiert – und die wenigsten nehmen dabei die Werbeaussagen für bare Münze. Ohne Werbung bleiben sie halt bei den alten Produkten und Neuerungen vebreiten sich nur ganz langsam.

            • Ralf 16. Dezember 2019, 12:45

              Ohne Werbung bleiben sie halt bei den alten Produkten

              Genau das gilt es zu erreichen. Sie erinnern sich? Wir müssen unseren Konsum drastisch verringern, wenn der Planet überleben soll.

            • Stefan Sasse 16. Dezember 2019, 17:54

              Viel Werbung ist nutzlose Information, aber ich bin durch Werbung auch (vor allem seit die Algorithmen so viel besser sind) auf viele Produkte aufmerksam geworden, die ich anderweitig nicht entdeckt hätte.

              • Ralf 16. Dezember 2019, 20:44

                Hat ja niemand was gegen Information. Ich finde auf Facebook in einer Musikcommunity z.B. viele Bands, die ich andernfalls nie entdeckt hätte. Aber da posten eben Fans ohne kommerzielle Interessen und ohne werbende Beibotschaft. Und wer Lust hat klickt halt auf die Videos.

                Und ansonsten geht es bei der Reduktion von Werbung ja gerade darum, dass Du Deinen Konsum zurückfährst. Produkte, die Du vor der Werbung nicht kanntest, brauchst Du sehr wahrscheinlich auch nicht wirklich dringend. Andersrum, wenn Du wirklich was dringend brauchst, dann wirst Du schon selber aktiv werden. Du hast Hunger? Im Internet findest Du sicher die nächste Pizzeria. Dein Telefon funktioniert nicht mehr? Zeit den Apple-Shop aufzusuchen. Und wenn wirklich neuartige tolle Produkte auf dem Markt erscheinen, die Dir Dein Leben signifikant einfacher machen werden, dann wird sich das schon bis zu Dir durchsprechen. Als sich z.B. der CD-Player Ende der Achtziger durchsetzte, geschah das, ohne dass Werbung für CD-Player im Abendprogramm über den Bildschirm flimmerten und ohne dass großflächig auf Litfaßsäulen für CD-Player geworben wurde.

                • Stefan Sasse 17. Dezember 2019, 08:07

                  Ich verstehe deine Argumentation, aber ich bin einfach zu sehr Konsumtier um darauf ernsthaft anzuspringen, fürchte ich.

                  • Ralf 17. Dezember 2019, 13:17

                    Ja, gut. Aber dann sind wir wieder beim Problem, wo alle wollen, dass endlich was gegen den Klimawandel gemacht wird, aber sobald man selbst von der Wende betroffen ist und verzichten soll, argumentiert man, es solle doch besser alles so bleiben wie es ist …

                • Erwin Gabriel 17. Dezember 2019, 12:03

                  @ Ralf 16. Dezember 2019, 20:44

                  Als sich z.B. der CD-Player Ende der Achtziger durchsetzte, geschah das, ohne dass Werbung für CD-Player im Abendprogramm über den Bildschirm flimmerten und ohne dass großflächig auf Litfaßsäulen für CD-Player geworben wurde.

                  Der Durchbruch für den CD-Spieler in Deutschland kam mit dem ersten Angebot bei Aldi. Vorher war es ein Eliten- bzw. Nerd-Thema.

                  • Ralf 17. Dezember 2019, 13:15

                    Ich kenne niemanden, der sich damals einen CD-Player im Aldi gekauft hat. Aber fast alle meiner Freunde – und das wohlgemerkt aus der unteren Mittelschicht – haben innerhalb weniger Jahre von Kassetten/Schallplatten auf CDs umgesattelt. Und das ohne, dass da merklich Werbung für gemacht worden wäre.

                    Ähnliches gilt für die meisten Prestigeprodukte meiner Kindheit, von Scout-Schulranzen über Lamy-Füller über BMX-Räder bis hin zu Polohemden, die alle nicht im Fernsehen oder auf Plakatwänden beworben worden sind. Fazit: Gute Produkte verkaufen sich auch ohne Werbung und Trends kommen auch ohne Werbung zustande. Vielleicht dauert es ein bisschen länger. Für einen Planeten, der seinen übermäßigen Konsum zurückfahren muss, eher eine gute Nachricht …

                    • Erwin Gabriel 20. Dezember 2019, 15:08

                      @ Ralf 17. Dezember 2019, 13:15

                      Ich kenne niemanden, der sich damals einen CD-Player im Aldi gekauft hat.

                      Die Verkaufszahlen waren horrend hoch. Und selbst wenn viele sich dann einen CD-Spieler von Denon, Marantz, Philips oder Sony kauften, bot erst der Aldi-CD-Spieler die Verkaufszahlen (auch für die Plattenhersteller), um die CD salonfähig zu machen.

                      Da der nur 150 Mark kostete, und CD den besten Klang von allen Geräten bieten sollte, gab anschließend kaum noch jemand 500 Mark für ein ordentliches Tape Deck aus (das kostete 4000 Mark). Hat die Branche erst getrieben, dann getroffen.

            • CitizenK 17. Dezember 2019, 17:06

              „…die wenigsten nehmen dabei die Werbeaussagen für bare Münze“

              Das ist wohl so. Aber was macht das aus uns, wenn wir die ganze Zeit mit Botschaften bombardiert werden, von denen wir wissen, dass sie zumindest einseitig oder übertrieben sind?

          • Erwin Gabriel 17. Dezember 2019, 12:01

            @ TBeermann 15. Dezember 2019, 20:23

            Ein Werbeverbot würde dazu führen, dass viele unsinnige Artikel gar nicht mehr konsumiert werden bei bei anderen notwendigen Waren nicht mehr das IN-Produkt, sondern das tatsächlich beste (bzw. den eigenen Bedürfnissen entsprechende).

            Letzteres halte ich für unrealistisch. Es wird immer In-Produkte geben (wie auch immer diese Produkte „in“ werden), und dass ein Kunde weiß, welches Produkt für ihn gut ist, ist zuviel der guten Hoffnung. Die meisten haben keine Ahnung und kaufen deshalb billig (oft genug = schlecht).

  • Ralf 15. Dezember 2019, 16:19

    Danke für den Artikel. Es gibt nichts hinzuzufügen. Spricht mir komplett aus der Seele. Leider inklusive des tiefen Pessimismus, was den politischen Willen in den Parteien angeht unsere Zukunft noch zu retten.

  • Cource 17. Dezember 2019, 15:22

    Früher gab es auf jedem Bahnhof einen Wärter der nur durch seine Anwesenheit, Vandalismus verhindert hat, heute haben wir Reinigungskolonnen, Sicherheitskolonnen, Reparaturkolonnen z.b. Für Aufzüge und so fort. Das System ist am Ende es werden vorsätzlich Probleme erzwungen nur um die Wegwerfgesellschaft und die Macht der profiteure zu garantieren

  • cource 18. Dezember 2019, 08:54

    die indirekte förderung von vandalismus/kriminalität/drogenkonsum/prekariat usw. ist die neue wirtschaftskraft/jobmotor insbesondere schafft sie aufträge/einkommen für den justiz-/sozial-/medizin-/pharma-/millitärsektor usw.—die perversion der pervertierung nur um ein system und die macht der profiteure zu sichern

  • CitizenK 21. Dezember 2019, 17:01

    @TBeermann

    Jetzt sind wir schon zu Dritt 😉
    „Ja, die Werbung wäre ein wichtiges Thema, nicht nur das Werbeverbot für Zigaretten und Alkohol, sondern der verrückte Warenfetischismus und die aberwitzige Manipulation hin zum Konsum… Deckelung der manipulativen Werbung …. eine Gesellschaft ohne aggressives Marketing“
    Leserbrief in meiner Lokalzeitung unter der Überschrift „(M)Ein Traum“.

    • TBeermann 21. Dezember 2019, 20:12

      Deutschlandweit vermutlich

      Ein erster wichtiger Schritt wäre in meinen Augen, jede Werbung zu verbieten, die sich an Kinder richtet.Denn genau da fängt die Konditionierung an und das hat innerhalb recht kurzer Zeit drastische Ausmaße angenommen.
      In meiner Kindheit war ich lange kaum Werbung ausgesetzt. Man fand vielleicht die Spielzeug-Seiten in Katalogen spannend, aber im öffentlich rechtlichen Fernsehen gab es zum einen wenig Werbung und fast nichts davon richtete sich an Kinder. Privatfernsehen kam bei uns relativ spät, aber da war dann schon plötzlich am Wochenende auf einigen Sendern rund ein Viertel des Programms, dessen ganzes Ziel es war, Kindern Dinge anzudrehen (sei durch Serien, die nur auf Merchandise angelegt waren oder eben die offiziellen Werbeblöcke dazwischen). Kinderzeitschriften sind mittlerweile mehr eine Anzeigensammlung als sonst irgendwas (das fing irgendwann in den frühen 90ern an, immer mehr zu werden).

      Das Problem ist, dass viele den heutigen Zustand als „natürlich“ sehen, weil sie selbst damit aufgewachsen sind und nichts anderes kennen. Alles davon weg wird als „Umerziehung“ empfunden. Mit der Realität hat das zwar wenig zu tun, aber vor der Hürde stehen wir.

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