Jugendliche nehmen mit Joe Biden Elternzeit auf eine Fahrradtour nach Georgia – Vermischtes 22.12.2019


Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) Ausufernde Jugendgewalt?

In der Diskussion um diese Tat wird allerdings auch von verschiedenen Seiten vorgebracht, in Deutschland zeige sich derzeit ein Trend zu mehr (öffentlichen) Gewaltakten. Männliche Jugendliche und Heranwachsende seien gewalttätiger als früher, insbesondere der höhere Anteil von jungen Männern mit Migrationshintergrund trage seit der vermehrten Aufnahme von Flüchtlingen seit 2015 dazu bei. Die Rede ist sogar von „ausufernder“ Gewalt. […] Die Studie kommt dabei zu differenzierten Beobachtungen und Folgerungen, bestätigt aber einen 10-Jahres-Trend: Die Gewaltdelinquenz Jugendlicher und Heranwachsender ist im Rückgang begriffen. Schon seit dem Jahr 2000 im Dunkelfeld, seit 2007 auch im Hellfeld, ist eine klare Tendenz zur Reduktion der Gewaltdelinquenz von Jugendlichen und Heranwachsenden erkennbar. […] Über die Ursachen des Rückgangs können bislang nur Vermutungen angestellt werden: Angeführt werden in der oben genannten Studie, dass wohl einige im Zusammenhang mit Jugendgewaltdelinquenz beobachtete Faktoren betroffen sein können:
– weniger delinquenter Freunde
– reduzierter Alkoholkonsum
– Rückgang von Elterngewalt/gewalttätiger Erziehungsstile
– Zunahme höherer Schulabschlüsse
– verändertes Kommunikationsverhalten aufgrund neuer Technologie […]

Dass wir uns über Gewaltakte entrüsten, ist keineswegs kritikwürdig oder gar falsch. Gerade die weit verbreitete Empörung belegt ja, dass unsere Gesellschaft inzwischen eine ist, in der Gewalttätigkeiten zu recht tabuisiert und geächtet werden – und das bleibt sicherlich nicht ohne Wirkung auch auf potentielle Gewalttäter. Aber Fälle, die hohe Aufmerksamkeit der Medien bekommen, sind für die Trendbeschreibung einer Gesamtentwicklung ungeeignet. Die Jugend ist in der vergangenen Dekade nicht gewalttätiger geworden, sondern Jugendgewalt ist  – im Gegenteil – deutlich zurückgegangen. Derzeit spricht viel dafür, dass dieser Trend anhält, auch wenn die Utopie einer gewaltfreien Gesellschaft wohl eine bleiben wird. (Henning Ernst Müller, Beck Community)

Die Debatte um Gewalt und Kriminalität kennt dieses Problem generell: Es geht um gefühlte Wirklichkeiten. Auch bei Kriminalität sinkt die Zahl der Straftaten seit den 1990er Jahren beständig, aber sicherer fühlen sich die Leute deswegen nicht zwingend. Das würde erfordern, dass in der Berichterstattung Zurückhaltung geübt wird, aber das ist illusorisch. Sex und Gewalt sind und bleiben die besten Verkaufstreiber, und die Leute WOLLEN diese gruseligen Horrorgeschichten haben und sie sich gegenseitig erzählen und sie so noch aufbauschen. Die Menschen sind einfach so gestrickt, und nur wenige können sich dem entziehen und den Kontext herstellen.

Bei Jugendlichen kommt noch die Komponente dazu, dass die meisten Leute älter als Jugendliche und daher geneigt sind, sich positiv abgrenzen zu wollen. Über „die Jugend“ wird immer das Schlimmste geglaubt und behauptet, denn „wir damals“ waren ganz anders. Das ist auch eine Konstante der menschlichen Psychologie. Mir erzählen jedes Jahr Zwölftklässler im heiligem Ernst, wie viel tugendhaftere Elftklässler sie waren und dass alles den Bach runtergeht.

2) LBJ’s Great Society Won the War on Poverty

In other words, taking a bird’s eye view of the economy, the Great Society worked. Material deprivation of the kind that was still common in midcentury America — a desperate lack of food, shelter and basic medical care — is much rarer today. That’s probably one reason political unrest usually doesn’t explode into violence the way it once did. The lesson is that government redistribution works. Although some social programs have been poorly designed — for example, the Aid to Families with Dependent Children program probably discouraged people from working — most government benefits alleviate true hardship. On that basis, the conservative argument that welfare traps poor people in poverty is simply wrong. Of course, that doesn’t mean that doubling down on LBJ’s approach is appropriate now. Modern poverty is often more about insecurity, risk, and a lack of personal dignity than it is about absolute material hardship. Addressing that will require new and innovative approaches toward poverty reduction. But the successes of the past, and the importance of government programs for lowering poverty in the present day, needs to be acknowledged. (Noah Smith, Bloomberg)

LBJ ist und bleibt einer der unterschätztesten Präsidenten. Viel davon ist der Schatten von Vietnam. Johnsons Eskalation des Konflikts und die völlig fehlgeleitete Strategie Westmorelands trugen wie kaum etwas dazu bei, die USA Ende der 1960er Jahre völlig aus der Bahn zu werfen. Die Erfolge seiner Präsidentschaft aber bilden eine Basis, die sich als so wirkungsvoll und widerstandsfähig erwiesen hat, dass die Republicans es trotz Aufbietung all ihrer Energie in den letzten 40 Jahren nicht geschafft haben, sie vollständig zu zerschlagen. Die Vision von der Great Society jedenfalls könnte eine Neuauflage vertragen.

3) GOP-Led Voter Purges in Wisconsin and Georgia Could Tip 2020 Elections

On Friday, a state judge in Wisconsin ruled that the state could begin canceling the registrations of 234,000 voters—7 percent of the electorate—who did not respond to a mailing from election officials. The Wisconsin Elections Commission, a bipartisan group overseeing state elections, had planned to wait until 2021 to remove voters it believes have moved to a new address. But in response to a lawsuit from a conservative group, the Wisconsin Institute for Law & Liberty, Judge Paul Malloy, a Republican appointee, said those voters could be purged 30 days after failing to respond to a mailing seeking to confirm their address. On Monday night, Georgia Secretary of State Brad Raffensperger removed 309,000 voters from the rolls—4 percent of the electorate—whose registrations were labeled inactive, including more than a hundred thousand who were purged because they had not voted in a certain number of previous elections. These numbers are large enough to swing close elections. Donald Trump carried Wisconsin by 22,000 votes; the number of soon-to-be purged voters is more than 10 times his margin of victory. Democrat Stacey Abrams failed to qualify for a runoff against Brian Kemp in the 2018 governor’s race by 21,000 votes; the number of purged voters in Georgia is 14 times that. These purges appear to disproportionately affect Democratic-leaning constituencies, including voters of color, students, and low-income people who tend to move more often. In Wisconsin, 55 percent of those on the purge list come from municipalities where Hillary Clinton defeated Trump in 2016. Nine of the 10 areas with the highest concentration of voters slated to be purged voted for Clinton. Milwaukee and Madison, the state’s two most Democratic areas, account for 14 percent of the state’s registered voters but 23 percent of those on the purge list, according to the Milwaukee Journal Sentinel. (Ari Berman, Mother Jones)

Diese Leute wissen, dass sie eine normale demokratische Wahl nicht gewinnen können. Entsprechend tun sie alles, um das Pendel in ihre Richtung ausschlagen zu lassen. Mich erstaunt immer wieder, wie wenig Widerstand die Democrats dagegen leisten. Die Propaganda-Maschinerie der GOP würde überhaupt nicht mehr zum Stillstand kommen, wenn auch nur ein Bruchteil solcher Maßnahmen gegen sie laufen würde. Und angesichts dessen, wie knapp die (im Fall Georgias ohnehin von Unregelmäßigkeiten geplagten) Wahlen ausgingen, sollte man echt meinen, dass hier ein verstärkter Fokus sinnvoll wäre.

4) Democrats are sleepwalking into a Biden disaster

If Biden is nominated in 2020, Trump is going to repeat the formula that made Hillary Clinton’s emails the dominant story of 2016. He’ll say „BIDEN UKRAINE CORRUPT“ 90 billion times, and the New York Times political reporters with Both Sides brain poisoning will helplessly validate the narrative. The rest of the press will follow their lead. Biden will take on the vague appearance of being The Corrupt One despite Trump being monumentally worse in every possible respect. Even observers who share Biden’s basic political outlook are extremely worried about this possibility. Some of Biden’s support seems to come from the perception that, like Trump, he is somehow immune from the normal laws of politics. Several scandals and gaffes that would have ended a typical campaign dented his support not at all — which is to say his backers are creating a self-fulfilling prophesy that if they support him no matter what he does then he will continue to be supported. In reality, nominating Trump in 2016 was a terrific gamble by the Republican Party. His base of riled-up kooks sticks with him through thick and thin, but his constant scandals and unhinged tweeting really did sap his support among the broader population — making him the most unpopular nominee in the history of polling. Even today, presiding over the strongest economy in two decades, he remains markedly unpopular. (Ryan Cooper, The Week)

Ich halte Biden auch nicht gerade für den bestmöglichen Vertreter, aber Stand jetzt ist er der Kompromisskandidat einer sehr breit aufgestellten demokratischen Partei. Seine Chancen sind sehr gut. Leider bin ich auch deutlich skeptisch, was seine Chancen in der general election angeht. Man muss allerdings fairerweise sagen, dass Trump eine mindestens 50:50-Chance auf die Wiederwahl hat. Das hier ist kein 2008, wo sowohl Obama als auch Clinton (oder Edwards oder Biden) als deutliche Favoriten ins Rennen gehen.

Deswegen ist jeder der aktuell debattierten Kandidaten ein Risiko. Mit Joe Biden haben wir einen wenig begeisternden Vertreter des Establishments mit Establishment-Positionen, der einer deutlich linkeren Parteibasis vorsitzt. Das ist effektiv eine Wiederholung von 2016, nur dass es dieses Mal keine Frau ist und seine Chancen deswegen besser sind. Dann haben wir Bernie Sanders, dessen Identität als Sozialist eine völlig unbekannte Größe darstellt. Elizabeth Warren ist eine Frau und vertritt vergleichsweise radikale Positionen. Bloomberg ist ein zentristischer Radikaler und Milliardär, der aus seiner Verachtung gegenüber dem demokratischen Prozess wenig hehl macht.

So oder so hat jede(r) KandidatIn seine/ihre Pluspunkte und Risiken, und jede(r) KandidatIn ist eine Wette darauf, welche dieser Pluspunkte am ehesten zum Tragen kommen werden und welche Stimmung in der Bevölkerung vorherrschen wird. Das ist aktuell schlicht nicht abzusehen. Wir können unsere Präferenzen kundtun, aber viel mehr auch nicht. Alles weitere ist Prinzip Hoffnung. Fakt ist nur eins: Jeder der Genannten ist besser als Trump.

5) Kabinett beschließt Verbot von Konversionstherapien

„Homosexualität ist keine Krankheit, daher ist schon der Begriff Therapie irreführend“, sagte Spahn. „Ein Verbot ist auch ein wichtiges gesellschaftliches Zeichen an alle, die mit ihrer Homosexualität hadern: Es ist okay so, wie du bist.“ Ziel des neuen Gesetzes sei es, die Pseudotherapien „so weit wie möglich zu verbieten“. Dem Gesundheitsministerium zufolge sollen Behandlungen an Minderjährigen generell verboten werden und an Volljährigen dann, wenn deren Einwilligung zur Behandlung auf einem „Willensmangel“ beruht – also etwa auf Zwang, Drohungen, Täuschung oder Irrtum. […] Wie am Dienstag bekannt wurde, hatte der Gesundheitsminister seinen ursprünglichen Entwurf noch einmal verschärft, bevor er ihn dem Kabinett übergab. Ausnahmen des Verbots für Heranwachsende wurden gestrichen. Spahn begründete diesen Schritt damit, dass gerade in dieser Altersphase die meisten Therapieversuche stattfänden. Die angebliche Behandlung sei „viel zu gefährlich für Leib und Seele, als dass man Graubereiche zulassen dürfte“. Das Verbot soll zudem für alle gelten – also nicht nur für Menschen, die berufsmäßig handeln. Auch Eltern können „bei gröblicher Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht bestraft werden“, teilte das Gesundheitsministerium mit. (dpa, SpiegelOnline)

An solchen Gesetzesvorlagen kann man sehen, welchen Wert Diversität im Kabinett hat. Jens Spahn war die treibende Kraft, die hier genug persönliches Interesse und Priorität einbringen konnte, um verkrustete konservative Widerstände in der eigenen Partei zu überwinden. Es handelt sich um ein absolutes Nischenthema, aber Spahns persönliches Interesse und, vor allem, seine eigenen Erfahrungen haben geholfen, das politische Kapital aufzubringen, das dafür notwendig war. Deswegen sind Frauen- und Migrantenquoten auch so relevant.

6) We Need a Massive Climate War Effort—Now

None of this should surprise us. Fifteen years ago, UCLA geography professor Jared Diamond wrote a book called Collapse. In it, he recounted a dozen examples of societies that faced imminent environmental catastrophes and failed to stop them. It’s not because they were ignorant about the problems they faced. The 18th-century indigenous inhabitants of Easter Island, Diamond argues, knew perfectly well that deforesting their land would lead to catas­trophe. They just couldn’t find the collective will to stop. Over and over, human civilizations have destroyed their environments because no one—no ruler, corporation, or government—was willing to give up their piece of it. We have overfished, overgrazed, overhunted, overmined, overpolluted, and overconsumed. We have destroyed our lifeblood rather than make even modest changes to our lifestyles. We need the kind of spending that wins wars. And make no mistake, this is a war against time and physics. […] So how much should we spend? For argument’s sake let’s be modest and aim for only 10 percent of peak World War II–level spending. That’s $700 billion per year in today’s dollars—a hundred times more than we currently spend on energy R&D, but barely 15 percent of what we spent to defeat the Axis. It also amounts to not quite 16 percent of our current federal budget. (Kevin Drum, Mother Jones)

Ich mag an Kevin Drum, dass er sowohl die Notwendigkeit weitreichender, massiver Maßnahmen anerkennt und gleichzeitig tatsächlich (ganz im Sinne Stefan Pietschs und Konsorten) nicht auf eine Myriade von Einzelmaßnahmen setzt, sondern den technologischen Umschwung will. Nur dass er eben nicht auf darauf hofft, dass die Magie des Freien Markts es schon irgendwie richten wird, irgendwann, sondern dass er proaktive Politik in diese Richtung will. Ich wäre gespannt, was gerade Stefans oder Erwins Feedback zu Drums (langem und ausführlichen und hier nur sehr ausschnittsweise rezipierten) Artikel wäre und ob sie sich hinter so was stellen könnten.

7) Lassen Sie mich durch, ich habe Schulkinder!

Ich bin ein gelebtes Elterntaxi. Viele äußere Umstände wie Timing, Vereinbarkeit und Anforderungen vonseiten der Schulen an die Eltern zwingen mich dazu, es zu sein. Sicher könnte ich mir auch einen großen Rucksack umschnallen oder gleich mit einem Bollerwagen randvoll mit Rucksäcken, Essen und meiner Laptoptasche bei Wind und Wetter in die öffentlichen Verkehrsmittel steigen – und mein Pech, wenn der Busfahrer mich wegen Überfüllung nicht mitnimmt. Meine Kollegen im Büro würden mich vermutlich als Sonderling auslachen, fraglich auch, ob ich bei Schneematsch oder dank der körperlichen Anstrengung (nicht alle U-Bahnhöfe in Berlin haben Aufzüge) den Dresscode im Büro einhalten würde. Ja, könnten jetzt böse Stimmen behaupten, es ist alles eben eine Frage der O-R-G-A-N-I-S-A-T-I-O-N. Und ich gebe ihnen recht, vieles wäre ohne Doppelbelastung (Beruf, Erziehung und Haushalt) auch ohne Auto möglich. Ich könnte morgens meine Kinder mit einem Lastenfahrrad fahren, auf dem Rückweg die Einkäufe machen, noch mal nach Hause, kochen und in aller Ruhe gegen 14 Uhr wieder los und gut gelaunt die Nachmittagsaktivitäten der Kinder abfahren. In Zeiten, in denen jede zweite Frau mit Kindern unter drei Jahren mindestens Teilzeit, wenn nicht 80 Prozent arbeitet, ist diese Realität der schönen Rama-Familie, in der Mutti mittags kocht, jedoch nicht mehr abzubilden. (Caroline Rosales, ZEIT)

Geht mir genauso. Ich habe es dieses Jahr geschafft, mir Zeit für einmal in der Woche mit dem Rad ins Geschäft aus den Rippen zu schneiden. An jedem anderen Tag muss ich die Kinder fahren. Meine Frau muss früher aus dem Haus als ich, und meine einzige Chance, rechtzeitig auf Arbeit zu sein, ist die Kinder mit dem Auto zur Kita/in den Hort zu bringen. Beide öffnen um 7 Uhr morgens. Keine Chance ohne Auto. Selbst mit Auto ist das brutal, gerade auch für die Kinder, aber nicht anders machbar. Der Artikel geht noch viel weiter auf die Gründe und Lösungsmöglichkeiten und das Versagen der Kommunen ein, ich will das hier gar nicht wiederholen.

Stattdessen soll noch eine Betonung auf der widerlichen Gender-Ungleichheit liegen. Nicht umsonst schreibt Risales von Müttern, die morgens diese Probleme haben. Ich bringe die Kinder morgens und hole sie abends wieder ab (an den meisten Tagen der Woche), schlicht, weil meine Frau wesentlich längere Arbeitswege hat als ich (unter anderem, weil sie auf die Öffentlichen angewiesen ist, und wer Stuttgart kennt, weiß was das heißt). Aber überwiegend bleibt dieser Stress an den Frauen kleben, die deswegen in Teilzeit gezwungen sind.

Es war ein mehrjähriger Kampf, bis unsere Vorgesetzten diese Rollenverteilung akzeptiert haben; die Vorgesetzten meiner Frau haben mehrfach reichlich aggressiv versucht, sie in Teilzeitmodelle zu drängen (wäre ja besser für sie und ihre Familie, Sie wissen schon…) während ich dafür kritisiert wurde, nicht 24/7 zur Verfügung zu stehen, warum meine Frau das nicht machen könne. Wir haben noch sehr viel Arbeit vor uns als Gesellschaft.

8) Was darf eine Basler Gugge? Natürlich alles.

Das ist aber schnell eskaliert. Mitte letzter Woche ärgerte sich ein junger Mann über das Plakat einer Basler Fasnachtsclique – wegen des stereotypen, kolonialen Logos der Gruppe und wegen des Namens selbst: «Negro-Rhygass» hatten zum «Negro-Fescht» geladen. In die Kritik geriet auch eine zweite Basler Fasnachtsgruppe: die «Guggemusig Mohrekopf». Und schon demonstrierten am Wochenende rund 800 Personen. Weil sie ihr Recht in Gefahr sahen, sich das Gesicht schwarz zu färben und Schaumküsse «Mohrenköpfe» zu nennen. Es sollte keine politische Kundgebung sein, sondern ein «Solidaritätsmarsch» für die beiden Guggen. Am Ende wurde es eine ziemlich hässliche Angelegenheit: gesponserte «Mohrenköpfe» zur Belustigung, Neonazis im Umzug, Angriffe von Rechtsextremen vor dem linksalternativen Restaurant «Hirscheneck». Die spannende Frage in diesem ganzen Theater: Warum nur seid ihr so verdammt scharf darauf? […] Dabei ist es eigentlich nicht so schwer zu begreifen: Diskriminierung folgt herrschenden Machtverhältnissen. Und da hat sich als Faustregel bewährt: Im Zweifel sollte man dem ganz genau zuhören, der sich diskriminiert sieht – und nicht in jedem Fall dem, der partout nicht erkennen will, dass er jemanden beleidige. Die Meinungsfreiheitspolizei ruft sofort: Halt! Man wird ja wohl noch sagen dürfen … Natürlich. Man darf. Man muss bloss das «Arschloch!» ertragen, das einem dann vielleicht entgegenschallt. «Darf man das?», ist die falsche Frage. Es ist ja offensichtlich: Man darf «Mohrekopf» sagen, man darf ein «Negro-Fescht» aufführen – man tut es ja die ganze Zeit. (Carlos Hanimann, Republic.ch)

Der Autor stellt hier tatsächlich die entscheidende Frage. Warum um Gottes Willen bestehen so viele Leute auf ihrem Recht, Minderheiten diskriminieren zu dürfen? Als ob es daran hinge. Der psychologische Faktor darin ist relativ klar. Man sieht das ja daran, wie man plötzlich eine Fraktion fanatischer Verfechter alter Glühbirnen bekommt, wenn man selbige verbietet. Es ist beknackt, aber so ist der Mensch gestrickt. In diesem Fall muss man sich eben deutlich machen (und es anderen deutlich machen) dass hier für nichts anderes gekämpft wird als das Recht, ein Arschloch zu sein. Und ich bin absolut für das Recht, ein Arschloch zu sein. Jedes Arschloch sollte sich öffentlich jederzeit als Arschloch outen dürfen. Nur dürfen Arschlöcher dann halt auch nicht mimosenhaft weinen und einen Angriff auf ihre Meinungsfreiheit beklagen, wenn man sie Arschlöcher nennt.

9) Ist es radikal, alle Väter in Elternzeit zu schicken?

Was mich jedoch immer wieder nachdenklich macht, ist, dass die Impulse für diesen Rollenwandel vor allem von Feminist*innen und der Familienpolitik kamen, aber sehr viel seltener von Männern selbst. Väter scheinen sich mehrheitlich damit abzufinden, dass sie in den ersten Lebensjahren ihrer Kinder wenig Zeit mit ihnen verbringen. Man hört in persönlichen Gesprächen sowie in politischen Debatten selten ein Bedauern von Vätern, dass sie keine oder nur wenig Elternzeit nehmen können oder noch immer in Vollzeit arbeiten. Der winzigen Minderheit von Vätern, die sich wirklich gleichberechtigt um ihre Kinder kümmern, steht eine Mehrheit von Männern gegenüber, die sich an einem traditionellen Männlichkeitsbild orientieren und darauf basierend Entscheidungen treffen. Der Sozialforscher Carsten Wippermann beschreibt in einer Studie von 2014 die nach wie vor traditionellen Sichtweisen auf Geschlechterrollen, die bei vielen kinderlosen Männern zu finden sind, so: »Sie nehmen die beruflichen Ambitionen ihrer Partnerin ernst, sind aber nicht bereit, für ein Kind ihr zeitliches und persönliches Engagement für ihren Job und ihre Karriereperspektiven zu reduzieren oder gar auf Teilzeit zu gehen. Männer gehen selbstverständlich davon aus, dass sie bei einer Familiengründung der Haupternährer sind und ihre Partnerin dann als ›(gute) Mutter‹ selbst das Bedürfnis haben wird, sich überwiegend um ihr Kind zu kümmern. Insofern kommt für Männer mit mittlerer und hoher Berufsqualifikation im Alter unter 30 Jahren eine Familiengründung aktuell noch nicht infrage, sondern erst dann, wenn ihre Partnerin dazu bereit ist, ihre eigenen beruflichen Ziele und ihren Erwerbsumfang zu reduzieren.« (Theresa Bücker, SZ)

In einem Land, das ernsthaft darüber debattiert, alle 18jährigen ein Pflichtjahr absolvieren zu lassen, damit man weiterhin um die angemessene Bezahlung von Pflegekräften herumkommt, ist so eine Forderung natürlich nicht zu radikal, um die Frage aus der Überschrift zu beantworten. Die Überlegung ist vielmehr, wie sinnvoll es ist.

Da sämtliche dieser Geschlechterrollen soziale Konstrukte sind, werden sie sich auch nur durch soziale Prozesse und sozialen Druck verändern lassen. Offensichtlich haben sanfte Anreize wie das bisherige Modell nicht gewirkt, und wie der Artikel überzeugend argumentiert, würde eine Verdopplung der Vätermonate (also 10+4 statt wie bisher 12+2) dank der sexistischen Strukturen in den Führungsetagen der Unternehmen eher zu weniger Elternzeit insgesamt führen statt zu mehr Elternzeit für Väter.

Ich denke, die skandinavischen Länder weisen uns den Weg hier ziemlich deutlich. Die Elternzeit wird 50:50 aufgeteilt, und beide Parteien nehmen sie zu gleichen Teilen. 7+7 lautet hier das Zauberwort, und wenn die scheinbare Wahlfreiheit (die de facto auf weitere Einkommenseinbußen auf dem Rücken der Frauen hinauslaufen wird) beseitigt ist, kann auch die jeweilige Führungskraft im Unternehmen den männlichen Arbeitnehmer nicht mehr diskriminieren und kann selbiger sich nicht unter Verweis auf die zu fürchtenden (sehr realen) Repressalien aus der Verantwortung ziehen. Und gleichzeitig schaffen wir auch noch eine offenere Wirtschaftsstruktur mit besseren Chancen, Produktivitätsgewinnen und größerer Lebenszufriedenheit. Win-win für alle.

10) Tweet

Bothsiderismus ist eine wahre Krankheit bei der New York Times. Keine andere Zeitung macht das so extrem. Und es ist und bleibt für den Diskurs toxisch, weil es es unmöglich macht, die Gefahren, denen wir aktuell ausgesetzt sind – siehe nächstes Fundstück – angemessen zu diskutieren. Ich will gar nicht zu viel auf die NYT schimpfen; ihre Kolumnen etwa bieten eine sehr große Bandbreite an Meinungen und ermöglichen großartigen Autoren ein gutes Forum (und leider auch einigen langweiligen Idioten), aber diese Tendenz sollte sie so schnell wie möglich loswerden.

11) Tweet

Habe ich schon mal erwähnt, dass die GOP keine demokratische Partei ist? Ich glaube, mich erinnern zu können. Das Szenario, nach dem Trump entweder 2020 verliert oder halt 2024 qua Verfassung gehen muss und einfach nicht geht, und in dem die GOP dann irgendwelche Argumente erfindet, warum er nicht gehen sollte und eine gewaltige Verfassungskrise losbricht, ist nicht unwahrscheinlich. Auch nicht wahrscheinlich, mind you, aber die Idee, dass Obama 2016 einfach gesagt hätte „Nö, da gab es russische Einflussnahme, das Ergebnis ist illegitim, ich bleibe“ ist so unvorstellbar lächerlich. Dagegen ist es eine absolut vorstellbare Möglichkeit, dass das bei Trump passiert. Und dann kann die älteste Demokratie der Welt sehr, sehr schnell auseinander brechen.

12) „Einige meinen, die Straße sei nur für Autos da“ (Interview mit Andreas Mandalka)

ZEIT ONLINE: Was haben die gegen Sie?

Mandalka: Ich weiß es nicht genau. Dass sie wegen mir bremsen müssen? Dass ich überhaupt auf der Straße bin? In den Facebook-Kommentaren zu meinen Beiträgen meinen einige, die Straße sei nur für Autos da. Die erwarten von Radfahrern, dass sie mitten durch den Wald fahren. Einer hat gefragt, wo ich denn rumfahre, weil ich wohl mal „eine Lektion“ bräuchte. Ein anderer hat dann sogar drunter geschrieben, wo ich unterwegs bin.

ZEIT ONLINE: Machen Sie sich Sorgen, dass sich dieser Hass auch auf der Straße zeigen könnte?

Mandalka: Wenn mich einer absichtlich knapp überholt, dann ist das ja schon Hass. Es gibt auch Menschen, die immer wieder den Scheibenwischer anmachen, wenn sie mich überholen, um mich nass zu machen. Ich wohne hier recht ländlich, da sind es oft dieselben Autos, bei denen ich das erlebe. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, spreche ich die Fahrer darauf an. Dann sagen sie: Ist doch meine Sache, wann ich meine Scheibenwischer anmache. Manche, die mich knapp überholen, entschuldigen sich aber auch, die wussten es nicht besser. […]

ZEIT ONLINE: Sie gehen mit den Videos auch immer wieder zur Polizei, wie reagiert man dort auf Sie?

Mandalka: Die Polizisten haben mich erst nicht ernst genommen. Es sei ja nichts passiert und man könne mit dem Video nicht messen, ob der Abstand groß genug war. Selbst als ich ein Video gezeigt habe, wie einer meinen Abstandshalter streift, hieß es: Wir erkennen da keine Gefährdung. Anfangs wollten sie meine Anzeigen nicht mal aufnehmen, stattdessen haben sie die Autofahrer oder Busfahrer nur angerufen. Die sagen dann: Ich kann mich an nichts erinnern – und die Sache ist erledigt. Ich kenne viele andere Radfahrer, die dieselben Erfahrungen gemacht haben. Inzwischen nimmt die Polizei zwar einige meiner Anzeigen an, aber weiterhin nur wenige und die auch nur, weil ich mittlerweile meine Rechte besser kenne und darauf bestehen kann. (Sören Götz, ZEIT)

Ich habe hier vor einiger Zeit schon mal geschrieben, dass die Polizei das Recht in Deutschland nicht durchsetzt, wenn es um Autofahrer geht. Stefan Pietsch hat die Idee damals empört verworfen. Das hier ist nur eines der vielen Beispiele. In letzter Zeit ist es ein richtiges Genre auf Twitter geworden, Polizisten zu dokumentieren, die Verstöße gegen die STVO nicht ahnden, wenn sie gegen Fahradfahrer oder Fußgänger gerichtet sind. In unserem Land herrscht ein Kult des Autos, der immer wieder lebensgefährlich ist, und die Polizei setzt das bestehende Recht schlicht nicht um.

{ 37 comments… add one }
  • Ralf 22. Dezember 2019, 14:08

    zu 4)

    Bidens größtes Problem ist, dass er – genau wie Hillary – keine enthusiastische Basis hat. Er ist mehr als Clinton es je war, ein ungeliebter Kompromisskandidat, der nur deshalb in der Pool Position sitzt, weil viele annehmen, dass andere ihn wohl am wahrscheinlichsten wählen werden. Ein „Electability“-Argument, das von den mächtigen Mainstream-Medien in den vergangenen Monaten massiv befeuert worden ist.

    Am Wahltag ist es wahrscheinlich, dass für einen Kandidaten, der niemanden begeistert, auch nur wenige zu den Urnen gehen werden. Daran ist ja bereits Hillary Clinton gescheitert, die Michigan z.B. wegen des schwachen Turnouts unter African Americans in Wayne County, nahe Detroit, verlor. Joe Biden blüht vermutlich das selbe Schicksal. Ich persönlich kenne mehrere Aktivisten der Demokraten. Also die, die in den Wochen vor den Wahlen stundenlang an Türen klopfen, egal ob es kalt ist, regnet oder stürmt. Aktivisten, die stundenlang, tagelang, wochenlang vor dem jeweiligen Urnengang auf der Straße stehen, mit Passanten diskutieren und sich nicht selten dort beschimpfen lassen müssen. Also mit anderen Worten Aktivisten, die mit ihrem Enthusiasmus und Idealismus um jede Stimme kämpfen und deren Engagement in knappen Wahlkämpfen, und manchmal sogar in nicht so knappen Wahlkämpfen, absolut entscheidend ist. Ausnahmslos alle meine Bekannten sind extrem frustriert über die Führung von Joe Biden und werden, sollte er der Kandidat werden, keinen Finger für die Partei rühren. Und viele Unterstützer hat der Frontrunner schon heute nicht. Kürzlich musste er sein Versprechen brechen kein Geld von Großspendern anzunehmen, weil sich im Vergleich zu den anderen Kandidaten einfach nicht genug Bürger fanden, denen er einen kleinen Beitrag zum Wahlkampf wert war. All das sind sehr bedenkliche Zeichen und deuten auf nochmal vier Jahre Trump hin. Danach ist dann vielleicht wenigstens der Mythos tot, dass greise weiße Männer am wählbarsten sind.

    Und ganz ehrlich: Nochmal vier Jahre Trump und dann wirklich ein Wechsel mit einer echten Wende und einem jungen, enthusiastischen Kandidaten ist vielleicht wirklich besser als vier Jahre uninspirierter Stillstand mit Joe Biden mit anschließend gesicherten acht Jahren Republikanerherrschaft und einem GOP-Präsidenten, der seiner eigenen Agenda weniger inkompetent im Weg steht als Donald Trump. Das wird auch taktische Wähler nachdenklich machen …

    • Stefan Sasse 22. Dezember 2019, 18:17

      Ich wäre vorsichtig, den Medien zu viel Gewicht zu geben. Ja, sie unterstützten das electability-Argument, aber genauso die ganzen surge-Hypes von Warren zu Buttigieg zu Harris.

      Und erneut, es kann sein, dass deine Vorhersage bezüglich des Türklopfens sich als richtig erweist. Aber Clintons Team war da 2016 deutlich, deutlich besser als Trumps…ich denke, das wird wieder so was wo es nachher alle am besten wussten. Aktuell muss jede(r) KandidatIn raten. Und wir als Beobachter auch.

      Das halte ich für eine sehr gefährliche Fehleinschätzung.

  • Ralf 22. Dezember 2019, 18:47

    zu 6)

    Also zunächst mal: Keiner wird widersprechen, dass es eine gute Idee ist, viel Geld in Forschung zu investieren. Damit rennst Du überall offene Türen ein. Das Problem liegt im Detail.

    Erstens hinkt der Vergleich mit einer Kriegsanstrengung gewaltig. Wenn Du einen großen Krieg führen willst, brauchst Du neben einem Haufen Material etwa 100.000 Dummköpfe, die nicht allzu viele Fragen stellen und sich leicht radikalisieren lassen. Das ist dann Deine Armee. 100.000 Dummköpfe lassen sich immer auftreiben. Solltest Du einen noch größeren Krieg führen wollen, benötigst Du vielleicht sogar 200.000 Dummköpfe. Auch das ist in einem größeren Land kein riesiges Problem. Egal wie groß am Ende Deine Armee werden soll, die Zahl an Dummköpfen im Land wird voraussichtlich nicht der limitierende Faktor sein.

    Das sieht in der Wissenschaft ganz anders aus. Schon heute fehlen in unserer Gesellschaft Ingenieure und Physiker, Spezialisten für Chemie und Techniker. Die Forschungsausgaben zu verzehnfachen mag Dir erlauben eine massiv ausgeweitete Infrastruktur aufzubauen. Ein weiterer Test-Fusionsreaktor zum Beispiel. Aber Dir fehlen die Wissenschaftler und Experten, die all das Equipment bedienen sollen. Anders als bei einer Armee kriegst Du in der Forschung nicht einen proportionalen Output relativ zum Investment, sondern die Outputkurve wird recht bald scharf abflachen, so dass jeder zusätzlich einsetzte Euro nur noch einen Bruchteil an zusätzlichen neuen Erkenntnissen erwirtschaftet.

    Der zweite Haken an der Geschichte ist, dass keiner weiß, was bei der Forschung rauskommt. Es ist ein absolut realitätsnahes Szenario, dass wir etwa das Forschungsbudget für Fusionsreaktoren verhundertfachen und in 30 Jahren ist das Ergebnis, dass wir lernen, dass die gesamte Technologie eine Sackgasse war. Deshalb argumentiert der Autor, man solle in viele Bereiche parallel investieren. Aber auch hier ist es ein absolut realitätsnahes Szenario, dass keine der erhofften Innovationen sich einstellt oder dass der Leistungsgrad dramatisch niedriger ausfällt als erhofft oder dass die Produktreife einfach viel zu spät kommt, um den Klimawandel aufzuhalten. Wenn man mal auf die Zeiten schaut, die eine neue Technologie normalerweise braucht, um sich am Markt durchzusetzen, dann liegt das weit jenseits dessen, was wir uns gegenwärtig leisten können.

    Im Gegenzug würde z.B. eine harte Rationierung von Flügen auf meinetwegen ein Zehntel des heutigen Ausmaßes klare, relativ vorhersehbare Ergebnisse in der CO2-Vermeidung liefern. Ähnlich sieht es mit einem Verbot der Kohleverstromung oder einer Nichtmehrzulassung von Verbrennungsmotoren aus. Auch höhere Steuern auf Fleischprodukte oder Kerosin, Fahrverbote oder auch die Förderung und der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs würden einigermaßen kalkulierbare Ergebnisse liefern.

    Heißt das wir sollen besser nicht in Forschung investieren? Natürlich nicht! Ich bin absolut dafür, dass wir jetzt massiv großes Geld in die Hand nehmen und soweit noch ein plausibler Return zu erwarten ist dort investieren. Aber den Anfang müssen wir mit Maßnahmen machen, deren Wirkung gesichert ist und deren Erfolg jetzt und heute stattfinden kann und die den CO2-Ausstoß im jetzt und heute begrenzen. Wenn es dann durch verstärkte Investitionen zu den tollen Innovationen kommt, die wir uns alle erhoffen, dann kann die Verzichtsschraube wieder gelockert werden. Das wünschen wir uns schließlich alle. Im Best Case-Szenario erfinden wir einen klimaneutralen Fusionsreaktor, der alle Energieprobleme der Erde für alle Zukunft löst. Wenn das passiert, bin ich der erste, der Applaus klatscht und zur Feier des Tages in einen Flieger nach Australien steigt, um dort ein saftiges Rindersteak zu essen. Aber es ist unverantwortlich unsere Zukunft jetzt starrsinnig und beschleunigt zu verkonsumieren, weil wir uns nicht einschränken wollen, ohne zu wissen, ob diese erhofften Innovationen überhaupt irgendwann kommen. Und wann sie kommen, wenn sie kommen. Und wie effizient sie dann tatsächlich sein werden. Der Gesetzgeber ist jetzt im hier und heute gefragt zu reagieren. Und das geht nicht eindimensional über höhere Budgets für R&D in der Hoffnung auf ein Wunder. Alles andere wäre dasselbe, wie wenn ein Schuldner anstatt zu sparen seine Ausgaben stetig ausweitet und das damit rechtfertigt, dass er jetzt eben auch 10 Mal mehr Lotterietickets kauft. Andersrum wird ein Schuh draus. Richtig wäre, wenn der Schuldner vor allem spart, solange bis er entweder wieder ein ausgeglichenes Konto hat oder er überraschend einen Millionenlottogewinn einstreicht. Nach dem Millionengewinn darf er dann auch gerne wieder guten Gewissens in Saus und Braus leben …

    • Stefan Sasse 22. Dezember 2019, 20:25

      Gerade wegen der Probleme die du nennst ist sein Vorschlag ja auch, die Forschung nicht auf ein Gebiet wie Fusionsreaktoren festzulegen. Wenn wir tonnenweise Geld in Forschung investieren, um den Klimawandel anzugehen, erwarte ich, sehe ich geradezu als Voraussetzung, dass mindestens die Hälfte der Forschungsprojekte zu nichts führt. Wenn das nicht passiert, dann wurde nicht weit genug out of the box gedacht. Die Vorstellung, dass Grundlagenforschung erfolgreich sein muss, ist der völlig falsche Denkansatz. Dann kannst es gleich mit Pietsch der Wirtschaft überlassen, da braucht der Staat nicht mitmischen. Nur in wahrscheinlich erfolgreiche Sachen investieren kann tatsächlich der private Sektor wenigstens gleich gut.

      • Ralf 22. Dezember 2019, 20:46

        Nochmal, ich bin absolut für Investitionen in Forschung und Entwicklung. Aber selbst wenn wir in all die dutzenden Bereiche investieren, dann ist es absolut denkbar, dass keiner dieser Ansätze (ausreichend schnell) ein Ergebnis liefert. Ein Produkt zur Marktreife zu bringen, braucht normalerweise viele Jahre. Und das ist eher mehr, je neuer und revolutionärer die Technologie ist. Manche Technologien brauchen massive Investitionen in Infrastruktur, selbst dann, wenn sie theoretisch sehr leistungsstark sind und diese Infrastruktur baut sich nicht über Nacht auf. Denk z.B. mal an die Ladeinfrastruktur für die E-Mobilität.

        Das Problem ist, dass wir die Zeit nicht mehr haben. Der Point-Of-No-Return wird in 10-15 Jahren überschritten sein. Anschließend werden wir nur noch Schaden begrenzen können – und Schaden werden wir genug haben, so dass das viele Geld, das Du gern investieren möchtest, dann stattdessen in Schadensbegrenzung fließen wird. Oder wir werden mittels Geoengineering die Atmosphäre reparieren müssen, aber das ist aus heutiger Sicht wirklich nicht mehr als eine Science Fiction-Spinnerei ohne jede plausible realitätsnahe Basis. Dazu mit dramatischen Risiken verbunden.

        Und für wirkliche „Mega-Investitionen“ in die Wissenschaft fehlen Dir auch noch die benötigten Wissenschaftler. Schon heute finden die Unternehmen kaum noch Ingenieure, Techniker, Physiker oder IT-Spezialisten.

        Uns bleibt letztlich nichts anderes übrig als in Vorleistung zu treten und den Klimawandel zumindest so weit hinauszuzögern, bis die neuen Technologien – so es sie denn überhaupt irgendwann geben wird – ausgereift, effizient und voll einsatzfähig sind.

        • Stefan Pietsch 22. Dezember 2019, 20:57

          Erklären Sie doch bitte nochmal, wie Sie mit Ihren Vorschlägen auf Null Emissionen kommen wollen.

          • Ralf 22. Dezember 2019, 21:54

            Gern.

            Zunächst geht es darum Zeit zu gewinnen. Zeit, um den Point-Of-No-Return hinauszuzögern. Und es geht darum den Ausstoß von CO2 stabil und permanent zu senken. Nicht auf null. Aber das Problem wird schon mal deutlich verkleinert.

            Das verkleinerte Problem ist dann erheblich wahrscheinlicher angehbar mit einer der vielen neuen Technologien, von denen Kevin Drum spricht. Massive, breit angelegte Investitionen in Grüne Technologie sind wie gesagt völlig unstrittig und werden irgendwann wohl eine Klimadividende bringen, auch wenn gegenwärtig niemand sagen kann, wie hoch die ausfallen wird und wann die neuen Technologien einsatzbereit sein werden. Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir einen satten Zeitpuffer gewinnen. Die Hoffnung wäre, dass wir langfristig mit einem Mix aus Verzicht, Verhaltensänderung und neuen Technologien dann irgendwann tatsächlich auf null Emissionen kommen können. Ob das klappt wird sich zeigen. Da niemand den Erfolg von zukünftigem R&D vorhersagen kann, erübrigt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt übrigens jede Kalkulation, die diese Entwicklungen miteinbezieht. Das einzige mit dem wir im Augenblick kalkulieren können, ist die Technologie, die wir bereits haben sowie unsere Einsparungspotentiale durch Verzicht und/oder Verhaltensänderungen. Damit alleine kommen wir nicht auf null, aber ein Ausnutzen dieser Potentiale macht es deutlich realistischer später mal die null zu erreichen.

            • Stefan Pietsch 22. Dezember 2019, 22:52

              Danke.

              Ihr Ziel ist also nicht Null, nicht einmal annähernd, sondern Zeitgewinn. Die schlechte Nachricht haben Sie also noch nicht bekommen. China beansprucht bis 2030 60% des errechneten Budgets, dazu kommen Indien und der ostasiatische Raum. Das ist weder etwas für die USA noch die EU übrig. Nur China und Indien, die großen Bulletpoints, kommen in Ihrem Ansatz gar nicht vor. Damit ist dieser mitsamt der propagierten Zielsetzung unwirksam, wo er formuliert ist.

              Dann kommen Sie mit ominösen Technologien, die uns retten sollen. Das Prinzip dabei, wir werfen irgendwo Milliarden rein und bekommen Wunderlösungen heraus. So funktioniert Erfindergeist und Unternehmertum nicht. Schon vom reinen Ablauf nicht. Es beginnt mit Forschung, die ist ziellos. Daraus erwachsen Erkenntnisse, die zu Entwicklung und am Ende Marktreife führen. Sie überspringen gleich ein paar Abschnitte – passt. Passt eben nicht.

              Die Forschung läuft gerade. Unternehmen bringen sich jetzt in Stellung, Technologien werden erprobt. Diese jungen Unternehmen und Ansätze müssen Sie pauschal unterstützen, nicht Investitionen. Die sind in dem Moment veraltet, wo Sie darüber reden. Und Sie müssen Anreize bieten, den Jackpot zu gewinnen. Dazu bedarf es Substanz. Ein Unternehmen ohne Substanz, ohne die Thesaurierung entstandener Gewinne, ohne die schnelle Nutzung von Verlustvorträgen wird es erheblich in der Anlaufphase erschwert, Substanz zu gewinnen.

              All das schwebt Ihnen nicht vor. Lieber halten Sie an einer Albernheit wie dem Soli fest, der genau Unternehmen mit einem Jahresgewinn von 100.000 Euro+ belastet. Der Soli, der da entrichtet wird, geht nicht ins Eigenkapital, stärkt nicht die Eigenkapitalanteil von jungen Unternehmen, führt zu Cash-Abfluss, wo Liquidität benötigt wird.

              Sie zerstören das, was Sie erhalten wollen. Das ist mein Problem mit dem Ansatz.

              Apropos: haben Sie ausgerechnet, wieviel CO2 der Verzicht von 10% der Flüge in der EU und den USA einspart? Wieviel die Reduzierung des Individualverkehrs um 15% erbringt? Wohlgemerkt, nicht außerhalb von Nordamerika und der EU, denn Ihr Ansatz ist allein auf den Westen gerichtet. Wissen Sie nicht? Es wird Zeit zu rechnen um zu sehen, ob der Ansatz ein Minimum an Plausibilität besitzt.

              • Ralf 22. Dezember 2019, 23:56

                Schon klar. Jetzt kann das Klima nicht gerettet werden, wegen dem Solidaritätszuschlag …

                Ihr Ziel ist also nicht Null, nicht einmal annähernd, sondern Zeitgewinn.

                Da haben Sie mal wieder nicht genau gelesen. Mein Ziel ist Zeitgewinn, um in einem nachfolgenden Schritt eine Ausgangsposition zu haben, in der man realistischerweise überhaupt auf Null kommen kann.

                Ihr Gegenvorschlag jetzt auf vollen Touren weiter zu konsumieren und zu hoffen, dass irgendwann alle mächtigen Wirtschaftsnationen in Verhandlungen treten und sich auf ein wirksames Cap-And-Trade-Verfahren verständigen können, an das sich dann auch noch alle halten, ist hingegen pure Illusion. Erstens haben wir gerade in Madrid gesehen wie konsens- und kompromissfähig die Länder dieser Welt sind. Nämlich garnicht. Zweitens zeigt die Vergangenheit, dass man sich auf gemachte Zusicherungen nicht verlassen kann. Noch nicht mal im soliden Deutschland. Und auch andernorts rechnet man sich notfalls die Zahlen schön, trickst und manipuliert. Drittens verlassen immer wieder auch Länder unterschriebene Verträge. Die USA machen das gerade vor. Da kann man 20 Jahre lang verhandelt haben und dann ist das gesamte Ergebnis vom einem auf den anderen Tag wieder hinfällig. Viertens habe nicht nur ich, sondern auch Ihr Cap-And-Trade-System ein massives Problem, wenn – wie Sie selbst schreiben – China 60% des vorhandenen CO2-Budgets für sich alleine beansprucht und Indien die restlichen 40% will. Ihr Vorschlag führt folglich vor allem zu einem: Nichtstun.

                Und das deckt sich auch damit, dass Sie ja hier nun bereits mehrfach die Folgen des Klimawandels als harmlos und beherrschbar bezeichnet haben. Wenn ich das glauben würde, wäre mir auch egal, ob sich die Staatschefs die nächsten 50 Jahre untätig bei Kaffee und Kuchen auf Gipfeln hin und her diskutieren. Aber das ist für die Erde leider keine Option. Wir haben keine Zeit mehr. In zehn bis fünfzehn Jahren ist die rote Linie durchschritten. Höchste Zeit also, dass die, die etwas tun können, auch etwas tun.

                Sollten sich wider aller Erwartungen ihre Staatschefs auf irgendetwas Produktives verständigen können, können wir gerne andere Optionen erörtern. Bisher ist da nur heiße Luft, die keine Diskussion wert ist. Im übrigen wird es im unwahrscheinlichen Fall, dass sich wirklich die ganze Welt auf ein Cap-And-Trade-System verständigen kann und dieses System auch noch wirksam ist (!), genau das einstellen, was Sie am meisten fürchten: Nämlich massiver erzwungener Verzicht bei den Bürgern. Die Wundertechnologien, auf die Sie hoffen, existieren nämlich nicht und werden selbst wenn sie mal erfunden werden, viele Jahre bis zur Marktreife benötigen. Bis dahin werden zum Einsparen von CO2 nur Verzicht und Verhaltensänderungen bleiben. Dass Sie davor keine Angst haben, bestätigt nur, dass Sie selbst nicht an daran glauben, dass ein wirksames Cap-And-Trade-System kommt. Sie werfen das lediglich in die Diskussion, weil es politisch ablenkt und Ihnen jedes Jahr, dass die Staatschefs mit ergebnislosen Gipfeln verplempern politisch recht kommt.

                • Stefan Pietsch 23. Dezember 2019, 19:24

                  Eines der Probleme ist, dass Sie nicht wissen, wie Entwicklung geht. Ein Unternehmen mit weniger Liquidität und niedrigem Cash Flow wird immer weniger forschen, entwickeln und investieren als ein Unternehmen mit hohem Cash Flow. Und bei kleinen und mittelgroßen Unternehmen mit Jahresgewinnen zwischen 100.000 – 10.000.000 Euro ist der Mittelabfluss durch solche Steuerarten wie den Soli nicht unbedeutend für die Bildung von Eigenkapital.

                  Es gehört zur Ernsthaftigkeit, dem anderen nicht Dinge zu unterstellen, die er nicht gesagt noch gemeint hat. Das ist eine unangenehme Form der Bösartigkeit. Ich schlage vor, Sie treten entweder Beweis für folgende Behauptungen an oder rudern ganz kräftig zurück.

                  Ihr Gegenvorschlag jetzt auf vollen Touren weiter zu konsumieren

                  Und das deckt sich auch damit, dass Sie ja hier nun bereits mehrfach die Folgen des Klimawandels als harmlos und beherrschbar bezeichnet haben.

                  Sie behaupten, Verzicht einzufordern um Zeit zu gewinnen. Basierend auf Ende 2017 steht noch ein Budget von 420 Milliarden Tonnen zur Verfügung. Inzwischen sind wir also runter auf 350 Milliarden Tonnen, die wir noch verbrauchen dürfen, wenn wir das 1,5°-Ziel einhalten wollen.

                  Sie setzen keine Priorität auf Abstimmungen, sondern erhoffen sich nennenswerte Effekte durch Einsparungen in Deutschland, dem vielleicht einige EU-Länder folgen mögen (der Rest wird rausgeschmissen). Deutschlands Emissionen liegen bei 850 Millionen Tonnen pro Jahr. Nun haben Sie auch keine Sekunde auf die Fragen verschwendet, was denn eine angenommene Reduzierung des Flugverkehrs um 10% oder des Autoverkehrs bringen könnte. Greifen wir als ganz tief in die Kiste und nehmen eine Fantasiezahl an. Uns gelingt durch Ihre unspezifizierten Sparverschläge ein Rückgang um 30% ab sofort.

                  Der Rest der Welt emittiert immer weiter. Der deutsche Beitrag zur Schonung des Budgets beläuft sich auf 2,5 Milliarden Tonnen in 10 Jahren. Das gesamte Budget wird nach heutigem Ermessen in 10 Jahren ausgeschöpft sein, ohne den deftigen deutschen Beitrag wird es sich um gut einem Monat verlängern. Das ist selbst unter fantastischen Annahmen der Beitrag, den ein drastischer Verzicht in Deutschland leisten kann.

                  Leider ziehen Sie keine Schlüsse aus dem Offensichtlichen. Ohne Kooperationen und ohne internationale Vereinbarungen wird nichts gehen. Und ohne neue Technologien auch nicht. Das sagen uns nicht die Klimaforscher, das sagt uns die Mathematik.

                  Nun spotten Sie über Cap & Trade. Mir ist schleierhaft warum. Es gibt nicht den geringsten Hebel, die EU-Mitgliedsländer zu Einsparungen anzuhalten, sei es im Flugverkehr, der individuellen Mobilität, der Ernährung. Für Drittländer gilt das umso mehr. Die UN hat keine Möglichkeit der Einwirkung auf ihre Zeichnerstaaten außer Appellen. Jedes Rechtssystem müsste in sehr schwierigen Verhandlungen erst geschaffen werden. Völlig ausgeschlossen, dass sie die meisten Länder vorschreiben lassen, wie sie den Flugverkehr und ihr nationales Wachstum gestalten.

                  EU ETS ist bereits durch Gesetze und EU-Richtlinien implementiert und funktioniert. Im Rahmen der Kyoto-Regularien haben fast alle UN-Mitgliedsländer Verrechnungssysteme implementiert. China und die USA haben bereits gesetzliche Regelungen für ein Emissionshandelsystem.

                  Im Gegensatz zu Vereinbarungen über sehr vielfältige Wirtschaftsbereiche, die Kohlendioxid emittieren, reduziert sich der Verhandlungsaufwand bei Cap & Trade erheblich. Es müssen keine Regelungen über Systeme, Auslegungen etc. getroffen werden, sondern nur noch darüber, dass sämtliche Wirtschaftsbereiche zu erfassen sind und welches Volumen jährlich kalt zu stellen ist. Schon das ist eine Herkulesaufgabe, doch alles andere eine Totgeburt.

                  In der EU sind wir weit. Für das Handelssystem muss die EU-Kommission festlegen, welche Mengen auf Sicht kaltgestellt werden. Ich habe kein Problem damit, die verfügbare Menge jährlich um 8 oder 12 Prozent abzusenken (Sie können gern einen anderen Wert einsetzen). Das bedeutet, jeder Emittent, ob Mineralölproduzent, Stromerzeuger oder Bauer benötigt für seine Emissionen Erlaubniszertifikate. Jede Emission, die nicht mit einem Zertifikat hinterlegt ist, führt zu einer Strafzahlung in Höhe des Zehnfachen Marktpreises. Die Umsetzung könnte 2021 beginnen, das scheint der frühestmögliche Zeitpunkt.

                  Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum Sie sich mit einem solchen System nicht anfreunden können. Meinen Sie wirklich, selektive Verbote einzelner Verhaltensweisen oder nur Einschränkungen seien wirkungsvoller? Da liegt für mich keine Logik drin.

              • Stefan Sasse 23. Dezember 2019, 09:29

                Nachdem Ralf seine Karten auf den Tisch gelegt hat, kommuniziere doch bitte auch knapp, wie man bei dir auf null Emissionen kommt.

        • Stefan Sasse 23. Dezember 2019, 09:27

          Da bin ich bei dir. Es braucht ein Maßnahmenbündel.

        • CitizenK 23. Dezember 2019, 13:19

          @ Ralf
          Vernünftiger und durchdachter Ansatz, dem ich voll zustimme.

          Ein Einwand von Ex-Ifo-Chef Sinn beschäftigt mich allerdings noch: Wenn wir (D bzw. EU) weniger Öl und Kohle nachfragen, sinkt der Weltmarktpreis, zu dem dann Entwicklungs- und Schwellenländer mehr nachfragen. Der Gesamt-Verbrauch/Ausstoß bliebe gleich. Für das Klima sei nichts gewonnen, die Einschränkung beim Autofahren, Fliegen und Heizen also nicht nur unnötig, sondern unsinnig.

          Wie dem begegnen?

          • Stefan Sasse 23. Dezember 2019, 13:27

            Erneuerbare müssen billiger sein als Fossile, schlichtweg. Das ist ja einer der wichtigen Teile von Drums Ansatz: die Forschungsergebnisse komplett frei machen, damit jeder sie nutzen kann. In den Entwicklungs- und Schwellenländern besteht ja noch die Chance, deutlich dezentralere Infrastrukturen aufzubauen als sie hierzulande bestehen.

  • R.A. 23. Dezember 2019, 17:38

    4.) Biden war wahrscheinlich der Kandidat mit den besten Chancen gegen Trump.

    Aber das ist jetzt mit dem Impeachment vorbei. Egal wie das ausgeht und egal was mit Trump passiert – es wird bei den meisten Wählern kleben bleiben, daß Bidens Sohn einen lukrativen Job bekam und die Position seines Vaters dabei wesentlich gewesen sein kann.
    Und daß Trump (mit vielleicht unzulässigen Mitteln) versucht hat diese Vetternwirtschaft aufzuklären und die Demokraten versuchen diese Aufklärung zu verhindern.

    Biden wird es m. E. nicht mehr schaffen, dieses Thema bei den Vorwahlen zu neutralisieren.

    Und ich frage mich, ob das nicht auch Grund für diverse führende Demokraten war, dieses taktisch sehr zweifelhafte Impeachment durchzuziehen.

    • Stefan Sasse 23. Dezember 2019, 17:50

      Mit Sicherheit nicht. Glaubst du, Trump hätte diese Strategie nicht gefahren, wenn es kein Impeachment gegeben hätte? Das ist der Emailskandal 2.0. Eine Trivialität, hochgekocht und durch Bothsiderismus oben gehalten. Die lernen nie dazu.

      • TBeermann 25. Dezember 2019, 08:41

        Das sehe ich ähnlich. Ohne das Impeachment hätte man von dieser Geschichte eher noch mehr gehört, weil die Ukraine Trump nächstes Jahr die bestellten Schlagzeilen geliefert hätte (Eröffnung des Verfahrens, regelmäßige Updates, vielleicht sogar „Indizien“ direkt gegen Biden Jr.). Jetzt steht zumindest für den Moment Trumps Fehlverhalten im Mittelpunkt.

        Man muss sich auch klar machen, dass es im ganzen nächsten Jahr um eine relativ kleine Wählergruppe geht. Der Großteil der Menschen stimmt für „ihre“ Partei, praktisch egal, wie sie sich verhält und wen sie aufstellt (das haben gerade die Republikaner in den letzten Jahren mit wenigen Ausnahmen eindrucksvoll bewiesen).
        Dazu kommt, dass (wenigstens) 2020 auch nur recht wenige Bundesstaaten relevant sind. Ob in Kalifornien Republikaner zu den Demokraten überlaufen, ist vollkommen egal. Wichtig sind ein paar wenige Swing Staates. (Selbst die Frage, ob man etwa Texas langfristig drehen kann, ist jetzt gerade unerheblich.)

        Biden ist relativ ambivalent. Auf der einen Seite ist er für Wechselwähler weniger gewöhnungsbedürftig, als weiter links stehende Kandidaten. Andererseits bringt er eine Menge Altlasten mit, die gerade Kern-Wähler abstoßen könnten. Wenn seine Beteiligung an den Justizreformen der 90er oder seine Art, Menschen unangenehm nah zu kommen „richtig“ thematisiert werden, könnte das vielen linken Wählern missfallen (und gerade diese Demobilisierung könnte Hillary 2016 das Genick gebrochen haben).

        Eine entscheidende Frage ist, ob die Trump-Gegner aus der letzten Wahl gelernt haben und im Zweifelsfall jeden aussichtsreichen Gegenkandidaten unterstützen.

  • cimourdain 23. Dezember 2019, 18:40

    1)Ein kleiner Nebenaspekt, wie die Abgrenzung von ‚Anderen‘ in diesem Zusammenhang funktioniert: Fast nirgendwo wird der hohe Einfluss ( über 25 % bei ermittelten Tätern) von Alkohol bei Gewaltkriminalität erwähnt , während z.B. Videospiele jedes Mal wieder hervorgezogen werden.

    2)So geboten wie auch ich die Idee einer Neuauflage der ‚Great Society‘ sehe, ist es doch dabei ähnlich wie mit dem ‚Green New Deal‘. Es handelt sich um einen anspruchsvollen Begriff, der noch alles mögliche darstellen kann und der deshalb erst mit konkreten Inhalten gefüllt werden muss.

    6)Auch wenn ich Ralfs Zweifel an ‚Wenn wir nur genügend Geld reinstopfen, erledigt die Wissenschaft alles‘ teile, finde ich den Vergleich mit dem 2. Weltkrieg noch in einem anderen Aspekt interessant: Dieser zeigt, wie konsequent und in welchem Tempo auch freiheitliche Gesellschaften auf eine Gefahr reagieren konnten. Nicht nur wie schnell Mittel für den Krieg aufgebracht wurden, sondern auch wie radikal die gesamte Wirtschaft umgestellt wurde und auch welche Opfer und wieviel (böses Wort) Verzicht der Bevölkerung abverlangt werden konnte.

    10)Kleiner boshafter Whataboutism: War es nicht der Demokrat Franklin D. Roosevelt, der mit der Tradition (der Verfassungszusatz kam erst später), die Amtszeit des Präsidenten auf zwei Perioden zu beschränken, mit der Ausrede ‚Wichtiger Krieg‘ gebrochen hatte?

    12)Statistik: fast 2/3 der Radunfälle sind mit einem KfZ alss Unfallgegner, in 3/4 von diesen trägt der Autofahrer die Hauptschuld
    Recht:Die Abstandsregel beim Überholen (1,5 m innerorts, 2 m außerhalb, gilt auch für Schutzstreifen aber nicht für Radstreifen) ist als Gesetz erst seit der Novelle im Oktober 2019 eingeführt (Davor hieß es ‚angemessenen‘ Abstand). Neu und relativ kompliziert …wäre interessant, abzufragen wie viele Polizisten die überhaupt voll kennen 😛

    • Stefan Sasse 23. Dezember 2019, 18:50

      1) Diese Diskussion wäre für die Republik auch wesentlich unangenehmer.
      2) Klar, aber erst einmal musst du die Ambition dazu haben. Und ein Biden etwa hat die nicht.
      6) Ja, nur wäre es halt hier zu spät, wenn die ganze Scheiße erstmal da ist….
      10) Ja. Aber Tradition und Verfassungsrang sind zwei Paar Stiefel.
      12) Was sie nicht eben entlastet…

    • schejtan 25. Dezember 2019, 18:39

      10) War ja nicht das einzige „fragwuerdige“, was FDR getan hat. Er wollte ja zum Beispiel den SCOTUS reformieren mit dem Ziel mehr ihm gesonnene Richter ernennen zu koennen. Nur haben damals auch die Demokraten in der Legislative das nicht mitgemacht wird. Eine Haltung, von der die Republikaner heute weit entfernt sind.

  • Erwin Gabriel 28. Dezember 2019, 18:28

    Zu 1)

    Es geht um gefühlte Wirklichkeiten. Auch bei Kriminalität sinkt die Zahl der Straftaten seit den 1990er Jahren beständig, aber sicherer fühlen sich die Leute deswegen nicht zwingend.

    Mag sein, dass die Kriminalität sinkt, und dass einfach nur öfter darüber berichtet wird. Meine gefühlte Wirklichkeit ist derart, dass dort, wo Gewalt geschieht, sie exzessiver ausgelebt wird.

    Zu 5)

    Deswegen sind Frauen- und Migrantenquoten auch so relevant.

    Die Schlussfolgerung halte ich nicht für zulässig. Ich kann nicht Ungleichheiten dadurch beseitigen, dass ich neue schaffe.

    Zu 6)

    Ich wäre gespannt, was gerade Stefans oder Erwins Feedback zu Drums (langem und ausführlichen und hier nur sehr ausschnittsweise rezipierten) Artikel wäre und ob sie sich hinter so was stellen könnten.

    Ja.

    Ich habe mir das beeindruckende Buch von Jared Diamond gekauft, als es auf den Markt kam. Es ist mit ein Grund dafür, dass ich glaube, dass wir es nicht mehr gebacken kriegen.

    Mit wem auch immer ich mich zum Thema Klimawandel unterhalte (meine Frau ist eher wie Stefan Pietsch unterwegs, meine Kinder eher deutlich aggressiver, dazu kommen viele Kollegen, Nachbarn, Verwandte etc.), stets treffe ich auf Gemeinsamkeiten:

    • Alle teilen die grundsätzliche Erkenntnis, dass es einen Klimawandel gibt und dass man etwas dagegen tun müsse.
    • Jeder ist bereit, (subjektiv so empfundene) Unbequemlichkeiten in Kauf zu nehmen, bzw. nimmt sie in Kauf; keiner ist bereit, an die Schmerzgrenze zu gehen.
    • Praktisch niemandem ist das Zeitproblem bewusst: Ein Jahr später angefangen heißt eben nicht, dass wir ein Jahr später fertig sind, sondern dass in der verbliebenen Zeit viel krasser agiert werden muss, um es noch zu schaffen.

    Zu 8)

    Der Autor stellt hier tatsächlich die entscheidende Frage. Warum um Gottes Willen bestehen so viele Leute auf ihrem Recht, Minderheiten diskriminieren zu dürfen?

    Diese Frage ist berechtigt! Berechtigt ist aber auch die Frage, warum sich immer mehr Leute bei immer mehr Kleinigkeiten diskriminiert fühlen. Dass inzwischen eine Faschingsverkleidung als Aladdin oder Winnetou als Nachweis für Rassismus gilt, ist in meinen Augen nur noch lächerlich. Da wird in beide Richtungen heftig übertrieben.

    Zu 9)

    Da sämtliche dieser Geschlechterrollen soziale Konstrukte sind …

    Nein

    Zu 10)

    Nur aus Trotz, und um dem Bothsiderismus zu frönen – fahr‘ mal mit dem Auto durch Münster

    • Stefan Sasse 28. Dezember 2019, 19:12

      1) Auch das lässt sich nicht belegen und ist eine rein gefühlte Wirklichkeit.
      5) Du hast zwei Möglichkeiten: die bestehende Ungleichheit lassen, oder eine andere machen. So oder so hast du eine Ungerechtigkeit.
      6) Danke!
      8) Mhm.
      9) Doch.
      10) Was erlebe ich dann? Nicht meine Hood. 🙂

      • Erwin Gabriel 30. Dezember 2019, 23:03

        @ Stefan Sasse 28. Dezember 2019, 19:12

        zu 5)
        Du hast zwei Möglichkeiten: die bestehende Ungleichheit lassen, oder eine andere machen. So oder so hast du eine Ungerechtigkeit.

        Zu banal. Du erklärst immer, dass die Leute entscheiden, die sich zeigen. Schau Dir den Anteil an Frauen in den Parteien an. Vergleiche das mit Frauen als Funktionsträge in den Parteien oder Regierungen. Da kneift was.

        zu 6)
        Danke!

        Nicht nötig. Ich habe mich nicht so geäußert, um Dir einen Gefallen zu tun, sondern weil das meine Meinung ist.

        9)
        Doch.

        Anbei ein Dual-Choice-Test: Bitte kreuze die richtige Lösung an und begründe sie:

        ▢ Dass nur Frauen Kinder kriegen können, ist ein soziales Konstrukt.

        ▢ Dass nur Frauen Kinder kriegen können, ist genauso biologisch begründet wie im Vergleich zu Männern unterschiedliche ‚Verdrahtung‘ im Gehirn, genetisch andere Ausstattung (XX-Chromosome vs. XY-Chromosome), andere Sexualorgane (Vagina vs. Penis) etc, aber all das führt zu keinerlei Unterschied bei irgendeiner Form von Verhalten/Emotionen etc.

        zu 10)
        Was erlebe ich dann? Nicht meine Hood.

        Meine auch nicht. Mir hat trotzdem schon ein Radfahrer gegen den Wagen getreten, als ich an einem Kreisel wartete, bis er und die vielen anderen vorbai waren. Er wollte andere Radler außen überholen, aber da war kein Platz mehr.
        Einen anderen hätte ich fast über den Haufen gerammt, als ich bei grüner Ampel losfuhr. Er knallte mit Volldampf über die bereits rote Fußgängerampel. Rate mal, wer wen beschimpfte 🙂

        Wie gesagt, nur Gemaule aus trotz. Ich bin in wärmeren Jahreszeiten auch oft mit dem Rad unterwegs. Ist offenbar hier auf dem land nicht so schlimm wie bei Dir in der Stadt, aber ich weiß ja, was Du meinst.

  • TBeermann 28. Dezember 2019, 19:16

    1.) Das ist es aber eben auch: Eine gefühlte Wirklichkeit. Früher haben nur die meisten Menschen von der meisten Gewalt nichts mitbekommen (wollen), weil über Gewalt in der Familie nicht geredet wurde und Gewalt in den „unteren Gesellschaftsschichten“ niemanden sonst interessiert hat.
    Das sind auch heute die Bereiche, in denen die meisten Taten geschehen, aber heute haben wir eine Medienlandschaft, die uns 24/7 mit Crime-Storys aus dem ganzen Land und wenn es sein muss, der ganzen Welt, „versorgt“ (oft ohne jeden Nachrichtenwert).
    Dazu kommt, dass das Interesse je nach ethnischer und sozialer Zugehörigkeit von Täter und Opfer auch sehr unterschiedlich ausfällt.

    8.) Von jemandem, der sich bei einer kritischen Erwähnung des Begriffs „konservativ“ regelmäßig angefasst fühlt, hätte ich eigentlich mehr Verständnis erwartet, wenn sich andere Menschen in ihrer Identität gekränkt sehen. 😉

    • Erwin Gabriel 6. Januar 2020, 19:35

      @ TBeermann 28. Dezember 2019, 19:16

      1.) Das ist es aber eben auch: Eine gefühlte Wirklichkeit.

      Unbestritten. Muss deswegen nicht falsch sein.

      8.) Von jemandem, der sich bei einer kritischen Erwähnung des Begriffs „konservativ“ regelmäßig angefasst fühlt, hätte ich eigentlich mehr Verständnis erwartet, wenn sich andere Menschen in ihrer Identität gekränkt sehen.

      Das Verständnis habe ich doch klar und eindeutig geäußert.

      Was ich aber auch sehe, ist nur allzuoft eine überkritische Reaktion. Wenn beispielsweise Barbara Schöneberger die Meinung äußert, dass Männer sich ihrer Meinung nach nicht schminken sollen, dann muss sich doch niemand in seiner Menschenwürde verletzt fühlen. Den darauf folgenden Shitstorm kann ich nicht verstehen, schließlich hat sie ja nicht auf einem Empfang der Sinti und Roma in Ungarn ein Zigeunerschnitzel bestellt. Wie klein müssen die Lichter sein, die auf eine derart banale Äußerung derart pompös reagieren.

      Das Gleiche gilt für das Beispiel Trudeau. Hat der sich doch vor Jahren mal als Aladdin verkleidet, und muss sich heute dafür öffentlich entschuldigen – als wäre das der Grund dafür, dass so viele „Araber“ Terroristen sind.

      Diese überzogene, selbstgerechte Empörungskultur ist aus meiner Sicht diskriminierender ist als das „Vergehen“ selbst: Westliche, vom Wohlstand gelangweilte, wichtigtuerische und selbst nicht betroffene Aufjaul-Süchtige maßen sich an, anderen zu erklären, wer sich worüber diskriminiert fühlt bzw. zu fühlen hat.

      Und ja, die Shitstorms in beiden Fällen verstehe ich als linkspopulistische, anmaßende Einschränkung von Meinungsfreiheit (nur zur Ergänzung: Das gleiche schwachsinnige Phänomen gibt es natürlich auch von rechtspopulistischer Seite, und ist auch dort Scheiße).

      • TBeermann 6. Januar 2020, 20:39

        1. Wenn unser komplettes Datenmaterial aber in eine andere Richtung deutet, dann sollte man diese „gefühlte Wahrheit“ vielleicht auf den Prüfstand stellen, statt sie weiter als Gegenpol zur Datenlage anführen zu wollen.

        Das ist ein großes Problem unserer Zeit. So kommt es, das nennenswerte (und sonst nicht vollkommen verblödete) Teile an Homöopathie glauben und (mit nicht unwesentlichen Überschneidungen) Impfungen für Gift halten. Und genau so kommen die Trumps dieser Welt an die Macht.

        8. Na ja, ein „Shitstorm“ ist ja erstmal nichts anderes, als eine größere Menge gegenläufiger Meinungen, die genau so geäußert werden dürfen, wie die Ursprungsaussage.

        Barbara Schöneberger verfolge ich ehrlich gesagt nicht so (Promi-Klatsch (¯\_(ツ)_/¯ ). Jetzt im Nachlesen fand ich ihre Aussage schon auch recht dumm. Es wäre das eine zu sagen, dass sie geschminkte Männer nicht attraktiv findet (wobei man selbst das auch als Positiv-Aussage – „natürlicher Typ“ oder so – geschickter formulieren könnte), aber als Medienprofi von“richtigen Männern, die Männer bleiben sollen“ zu schwadronieren, war entweder echt doof oder war kalkuliert und ist schief gegangen.
        Wobei ich dir hier so weit zustimme, dass man die Aussage auch mit einem Schulterzucken quittieren könnte und um Zweifelsfall mit dem Geldbeutel und der Fernbedienung abstimmen, wenn man möchte.

        Trudeau ist wieder ein anderer Fall. Er wurde auch nicht angegangen, weil er sich als Aladin verkleidet hatte (und diese Falschbehauptung kommt auch immer nur aus einer Ecke), sondern weil er sich (wohl bei mehreren Gelegenheiten) als dunkelhäutiger Mensch verkleidet hat.
        Das Thema Blackfacing hat gerade in Nordamerika eine spezielle Sensibilität und das auch schon lange genug, dass er zu den entsprechenden Zeitpunkten davon wissen konnte. Nachdem er sich entschuldigt hat, ist das Thema doch aber auch eigentlich relativ durch oder?

        • Erwin Gabriel 7. Januar 2020, 12:55

          @ TBeermann 6. Januar 2020, 20:39

          1. Und genau so kommen die Trumps dieser Welt an die Macht.

          Wenn ich die Hauptaussage zu 1) nicht bezweifle, aber vermute, dass speziell die jungen Männer zu stärkerer (nicht zu mehr) Brutalität neigen, dann könntest Du vielleicht fragen, voher ich das habe. Dann haben wir eine Diskussion. Mir stattdessen zu erklären, dass meine Art zu denken zu Regierungschefs wie Trump führt, zeigt genau den eklatanten Mangel an Denkvermögen, Respekt, vorurteilsfreier Betrachtung und Diskussionsvermögen, zeigt genau das Blasendenken und die Scheuklappen, die Du Andersdenkenden immer wieder vorschnell unterstellst.

          Von uns beiden bist Du der Populist, nicht ich.

          8. Na ja, ein „Shitstorm“ ist ja erstmal nichts anderes, als eine größere Menge gegenläufiger Meinungen, die genau so geäußert werden dürfen, wie die Ursprungsaussage.

          Der Ton macht die Musik. Selbst wenn Frau Schöneberger keine Morddrohungen erhalten haben mag, ist der Stil und die Art das Gleiche wie etwa die Beschimpfungen gegen Frau Künast. Die mag ich zwar auch nicht, aber das hat nichts mit dem Stil zu tun, mit dem man auf sie losgegangen ist.

          Dieses ganze Bullshit-Gesabbel, wie schlimm und rmatisch „rechts“ doch sei, während man für (nur etwas) weniger intensive, aber genauso die Menschenwürde verletzende Bemerkungen Verständnis äußert, ist nur noch scheinheilig.

          Mich nervt nicht nicht, dass jemand Frau Schöneberger sagt, dass ihre bemerkung unpassend war. Mich nervt dieses hirnlose „Schlampe/Votze/man müsste mal …“-Gesabbel – egal, gegen wen, egal, von wem. So eine Aussage habe ich von Dir hier noch nicht mitbekommen, aber immer viel Empörungsgerechtigkeit gegen „rechts“, viel Verständnis für das fast gleiche Verhalten von „links“.

          Barbara Schöneberger verfolge ich ehrlich gesagt nicht so (Promi-Klatsch (¯\_(ツ)_/¯ ).

          Wenn Du meinst, dass das mein Thema ist, hängst Du noch weiter zurück, als ich dachte. Wenn das mit einem Sportler passiert wäre, fände ich das auch doof – nicht, weil ich Sport schaue, sondern weil mich interessiert, was in der Gesellschaft passiert.

          … aber als Medienprofi von“richtigen Männern, die Männer bleiben sollen“ zu schwadronieren, war entweder echt doof oder war kalkuliert und ist schief gegangen.

          Nun ja, das ist halt ihre Zielgruppe – Vollweib mit großer Klappe sucht echte Kerle, die sie aushalten. Losgelöst vom nicht vorhandenen Gehalt ihrer Aussage – rein medientechnisch passt das schon.

          Wobei ich dir hier so weit zustimme, dass man die Aussage auch mit einem Schulterzucken quittieren könnte und um Zweifelsfall mit dem Geldbeutel und der Fernbedienung abstimmen, wenn man möchte.

          Mein Punkt

          Trudeau ist wieder ein anderer Fall. Er wurde auch nicht angegangen, weil er sich als Aladin verkleidet hatte (und diese Falschbehauptung kommt auch immer nur aus einer Ecke), sondern weil er sich (wohl bei mehreren Gelegenheiten) als dunkelhäutiger Mensch verkleidet hat.

          Ich habe das Foto gesehen und habe ihn als Aladdin klar erkannt.

          Ansonsten hole meine Informationen aus allen Ecken, nicht nur aus einer. Dass Du beim Vortrag einer bestimmten Meinung zuerst einmal annimmst, dass sie nichts taugt, weil sie aus einer bestimmten Ecke kommt, lässt sich spiegeln. Vieles von dem, was Du raushaust, hat wahrscheinlich auch weniger mit Denkvermögen als mit Filterblase zu tun. Dennoch kriegst Du von mit vernünftige Antworten, so Du nicht wieder anmaßend wirst.

          Zu Trudeau: Stell Dir vor, unsere Kanzlerin wäre gezwungen, sich öffentlich im Fernsehen zu entschuldigen, weil sie von 18 Jahren ein „Zigeunerschnitzel“ bestellt hätte.

          Abstrus!

          • Stefan Sasse 7. Januar 2020, 15:31

            Ich halte keinen von euch für populistisch, falls das der Diskussion zuträglich ist 😉

          • TBeermann 7. Januar 2020, 17:27

            Wenn ich die Hauptaussage zu 1) nicht bezweifle, aber vermute, dass speziell die jungen Männer zu stärkerer (nicht zu mehr) Brutalität neigen, dann könntest Du vielleicht fragen, voher ich das habe. Dann haben wir eine Diskussion. Mir stattdessen zu erklären, dass meine Art zu denken zu Regierungschefs wie Trump führt, zeigt genau den eklatanten Mangel an Denkvermögen, Respekt, vorurteilsfreier Betrachtung und Diskussionsvermögen, zeigt genau das Blasendenken und die Scheuklappen, die Du Andersdenkenden immer wieder vorschnell unterstellst.

            Von uns beiden bist Du der Populist, nicht ich.

            Jetzt schlägst du aber wieder einen inhaltlichen Haken und wechselst zu einem vollkommen anderen Thema. Dass Gewaltkriminalität (wie übrigens fast alle Arten von Kriminalität) vor allem von Männern zwischen dem Beginn der Pubertät bis Mitte/Ende 40 Ausgehen, bestätigt dir so ziemlich jede Statistik zu diesem Thema.

            Das hat aber nichts damit zu tun, dass sowohl die Fallzahlen, als auch die Opferzahlen seit den frühen 90er Jahren praktisch durchgehend sinken. Es gab kaum je eine sicherere Zeit, um in diesem Land zu leben, als heute.

            Ich halte auch eine höhere Exzessivität der Gewalt pro Fall für sehr unwahrscheinlich und eher ein Produkt einer Verklärung der Vergangenheit. Die heere Idee des „wer am Boden liegt, wird in Ruhe gelassen“ war nie Realität. Es wurde immer mindestens noch ein paar Mal nachgetreten.
            Wenn man sich allein anschaut, was früher bei Dorffesten und Kirmessen los war, davon was sich diverse Subkulturen als Auseinandersetzungen geliefert haben, gar nicht zu reden. Nur wurde daraus eben nicht immer gleich ein bundesweites Medienereignis.

            Der Ton macht die Musik. Selbst wenn Frau Schöneberger keine Morddrohungen erhalten haben mag, ist der Stil und die Art das Gleiche wie etwa die Beschimpfungen gegen Frau Künast. Die mag ich zwar auch nicht, aber das hat nichts mit dem Stil zu tun, mit dem man auf sie losgegangen ist.

            Dieses ganze Bullshit-Gesabbel, wie schlimm und rmatisch „rechts“ doch sei, während man für (nur etwas) weniger intensive, aber genauso die Menschenwürde verletzende Bemerkungen Verständnis äußert, ist nur noch scheinheilig.

            Mich nervt nicht nicht, dass jemand Frau Schöneberger sagt, dass ihre bemerkung unpassend war. Mich nervt dieses hirnlose „Schlampe/Votze/man müsste mal …“-Gesabbel – egal, gegen wen, egal, von wem. So eine Aussage habe ich von Dir hier noch nicht mitbekommen, aber immer viel Empörungsgerechtigkeit gegen „rechts“, viel Verständnis für das fast gleiche Verhalten von „links“.

            Kann ich nicht beurteilen. Die Kommentare, die in den (wenigen) Artikeln zu diesem Thema zitiert wurden, die ich gestern überflogen habe, gingen nicht in diese Richtung, sondern waren ganz normale Fragen, was dieser sexistische Unsinn soll. Wenn es so solchen Ausfällen gekommen sein sollte, wäre das daneben. Ich werde jetzt aber nicht anfangen, nach Monate alten Tweets zu einem C-Promi zu suchen.

            Ich habe das Foto gesehen und habe ihn als Aladdin klar erkannt.

            Ansonsten hole meine Informationen aus allen Ecken, nicht nur aus einer. Dass Du beim Vortrag einer bestimmten Meinung zuerst einmal annimmst, dass sie nichts taugt, weil sie aus einer bestimmten Ecke kommt, lässt sich spiegeln. Vieles von dem, was Du raushaust, hat wahrscheinlich auch weniger mit Denkvermögen als mit Filterblase zu tun. Dennoch kriegst Du von mit vernünftige Antworten, so Du nicht wieder anmaßend wirst.

            Zu Trudeau: Stell Dir vor, unsere Kanzlerin wäre gezwungen, sich öffentlich im Fernsehen zu entschuldigen, weil sie von 18 Jahren ein „Zigeunerschnitzel“ bestellt hätte.

            Er war ja auch als Aladin verkleidet, aber das war nicht der Kern der Kritik, sondern dass er sich das Gesicht schwarz oder braun angemalt hat.

            Hätte er einfach Pluderhosen und ein Turban angezogen, hätte man ihn immer noch als Aladin erkannt (zumal der in den populären Interpretationen – Disney und Co – sowieso nicht wirklich arabisch aussieht). Das Problem war das Blackfacing.

            Und ja, dieses Narrativ, sich darüber lächerlich machen zu wollen, dass er für die Verkleidung als Märchenfigur „angegriffen“ worden wäre, kommt auch wieder nahezu ausschließlich aus dem rechten Milieu. Überhaupt scheint man sich auch nur dort immer noch mit dem Fall zu befassen. Von linker Seite habe ich dazu schon eine ganze Weile nichts mehr gehört oder gelesen.

      • Stefan Sasse 6. Januar 2020, 21:40

        1) Ist es aber, das zeigt der Beitrag ja deutlich!

        • Erwin Gabriel 7. Januar 2020, 12:25

          @ Stefan Sasse 6. Januar 2020, 21:40

          … das zeigt der Beitrag ja deutlich!

          Nein, genau das zeigt er eben nicht.

          Das viele Jugendliche ruhiger werden, mag ich nicht bestreiten. Das die Zahl der Gewaltverbrechen oder die Ausraster von Jugendlichen zurückgeht, mag ich nicht bestreiten. Dass es, wenn es knallt, oft heftiger wird („früher hat man aufgehört, wenn einer am Boden lag“), hat mit der Zahl der Vergehen ja erstmal nichts zu tun.

          Ist maßgeblich aus TV-Diskussionsrunden etc. aufgeschnappt, nicht stumpf aus den Fingern gesaugt. Mag trotzdem falsch sein, wird aber in dem Beitrag nicht geklärt:
          Die Studie kommt dabei zu differenzierten Beobachtungen u…

          • Stefan Sasse 7. Januar 2020, 15:30

            Ich verstehe jetzt dein Argument. Du hast natürlich völlig Recht, dass die Studie dazu nichts aussagt.

            Aber auch hier gilt: Gefühlte wirklichkeit. Es gibt keine Indikatoren außer allgemeinem Kulturpessimismus. Meine eigene Erfahrung ist völlig gegenteilig.

            • Erwin Gabriel 15. Januar 2020, 19:26

              @ Stefan Sasse 7. Januar 2020, 15:30

              Ich verstehe jetzt dein Argument.
              Danke

              Aber auch hier gilt: gefühlte Wirklichkeit.
              Wird wie gesagt von mir nicht bestritten. Mag trotzdem stimmen. 🙂

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