Die verlorene Generation

Eines der beliebtesten Bonmots der politischen Demographie ist das Churchill zugeschriebene Zitat: „Wer mit 20 nicht liberal ist, hat kein Herz; wer mit 30 immer noch liberal ist, hat keinen Verstand.“ In unzähligen Abwandlungen ist die Formel von „Jung=Progressiv, Alt=Konservativ“ in den Wissensbestand der Gesellschaft übergegangen. Wie so häufig bei Dingen, die „jeder weiß“ entbehrt es jeglicher Grundlage. Vielmehr haben politikwissenschaftliche Studien ergeben, dass die politische Prägung der Jugend und des frühen Erwachsenenalters in den allermeisten Fällen beibehalten wird. Die Generation der Millenials wird also wohl auch im Rentenalter noch grünen Parteien zuneigen.

Diese Geschichte hat natürlich eine Moral. Wenn der Terroranschlag von Halle etwas gezeigt hat, dann, dass wir drauf und dran sind, eine Generation von jungen Männern an die extreme Rechte zu verlieren. Und wenn die Politikwissenschaftler Recht haben – wonach alles aussieht – dann verlieren wir sie nachhaltig.

Innenminister Horst Seehofer hat viel Spott für seine direkt nach dem Anschlag geäußerte Forderung geerntet, die Gamerszene stärker zu überwachen. Gleich einer kaputten Uhr, die zweimal am Tag richtig geht, ist der CSU-Minister damit aber ausnahmsweise einmal grundsätzlich auf dem richtigen Weg, wenngleich man bezweifeln darf, dass Seehofer das wirklich klar ist und er nicht davon spricht, alle zu überwachen, die einen Account bei Steam, Origin oder im Epic Store haben. Die gute Nachricht für die Sicherheitsbehörden ist, dass die zu überwachende Gruppe wesentlich kleiner ist als die Millionen, auf die Seehofer abzielt.

Der Terrorist von Halle hat sich im Internet radikalisiert. Seine politische Blase befand sich im Morast der Messageboards um 4Chan und 8Chan (letzteres mittlerweile dankenswerterweise offline). Diese Foren sind voller extremistischen Unrats. Subforen, in denen Mord-, Vernichtungs- und Gewaltfantasien, auch sexualisierter Natur, Raum gegeben wird, unmoderiert und unkontrolliert. Austauschforen für Memes extremistischen Inhalts. Einschlägige YouTube-Kanäle, Discord-Kanäle und Twitch-Streams. Es handelt sich um einen einzigen gärenden Nährboden für rechtsextreme Ansichten.

Man sollte dabei nicht den Fehler machen, sich ein Message-Board von Nazi-Glatzen vorzustellen. Das Bild, das man sich vor dem geistigen Auge halten muss, sind die College-Buben von Charlottesville mit ihren Tikifackeln. Diese neuen Rechten kommen nicht aus den heruntergekommenen Verlierervierteln des Ostens, erfüllen nicht das Klischee von Hartz-IV, Springerstiefel und Bierflasche. Es sind junge Männer, die durch einen Prozess der Selbstradikalisierung liefen, der von ihrer (digitalen) Umgebung mitgestaltet wurde:

Die Ausläufer dieser Radikalisierung finden sich – und hier deckt sich die aktuelle Uhrzeit mit Seehofers kaputten Chronometer – beispielsweise in der Gamerszene. Homophobe und sexistische Beleidigungen sind ebenso gang und gäbe wie rassistische Bemerkungen. Diese sind von den Leuten, die sie in Momenten der Wut eintippen oder direkt in den VoiceChat speien, nie so gemeint. Aber sie werden auch nicht sanktioniert. So findet eine Enthemmung statt, die, wenn moderierende Einflüsse fehlen, Rückwirkung auf die restliche soziale Umgebung hat.

Hierzu dienen denn etwa die Chan-Foren oder die zahllosen Meme-Generatoren und -Multiplikatoren des Internets. Hier finden sich zahllose lustig gemeinte Memes, die fast durch die Bank in sexistische, homophobe oder rassistische Richtung gehen. Das zieht sich vom Feiern des Sturmtrupplers aus „Star Wars – Das Erwachen der Macht“, der den (schwarzen) Rebellen Finn einen „Verräter“ schimpft und mit einer Science-Fiction-Variante eines Polizeischlagstocks attackiert über gewalttätige alternative Enden des „You and me“-Comicstrips zu zahllosen Vergewaltigungsfantasien bezüglich Frauen, die mit halbnacktem oder nacktem Körper mit der Aufschrift „Still not asking for it“ genau gegen solche Fantasien protestieren.

Oft genug werden solche Memes „nur ironisch“ konsumiert. Genauso ironisch, wie man die Hasskommentare beim Spielen und Streamen ja gar nicht meint. Aber es ist ein merkwürdiger psychologischer Effekt, dass Dinge, die man ironisch gut findet, binnen Jahresfrist Teil der eigenen Identität werden. Das ironische Feiern der Popkultur der 1980er Jahre hat nicht ohne Grund binnen kürzester Zeit zu einem der größten nostalgiegetriebenen Unterhaltungstrends unserer Zeit geführt.

Diese Desensibilisierung gegenüber Rassismus, Sexismus und Homophobie ist in der Gamerszene weit verbreitet. Sie wird durch die tiefe Unsicherheit des Wandels der Szene und des Mediums befeuert. Rund 30 Jahre lang, vom Entstehen der Szene in den 1980er Jahren bis in die frühen 2010er Jahre, gehörte es stets zum Selbstverständnis, zu einer kleinen, ab- und ausgegrenzten Minderheit zu gehören.

Die Älteren werden sich noch an die Flut von stupiden Debatten erinnern, die besonders zu Beginn der 2000er Jahre über die Bundesrepublik hinwegrollten, als die ersten Amokläufe wie in Erfurt aufkamen und exklusiv Videospiele verantwortlich gemacht wurden. Die FAZ entblödete sich seinerzeit nicht, zu erklären, dass in dem Spiel Counter-Strike Bonuspunkte durch das Schießen auf Großmütter und Kinderwägen erzielt werden konnten, in einem Spiel, in dem es an Bonuspunkten ebenso mangelte wie an Großmüttern und Kinderwägen. Man war beständig missverstanden und fühlte eine Solidarität untereinander. Doch wie bei allen Phänomen des Nerdstreams, so öffnete sich auch das Medium der Games für breitere Schichten. Gelegenheitsspieler noch und nöcher trieben die Gewinne der Entwicklerstudios in die Höhe. Gaming wurde vom sozialen Stigma zur allseits akzeptierten Freizeitbeschäftigung.

Man könnte naiv sagen, dass das ja etwas Gutes sei. Aber für eine Kerngruppe sich als Gamer begreifender und identifizierender Hardcore-Spieler handelt es sich um den Verlust des Paradieses, ein Eindringen ungewaschener Barbaren in den Garten Eden. Denn wie jeder Neuankömmling stellten auch die Millionen neuer „Gamer“ Ansprüche an das Medium. Und diese Ansprüche vertrugen sich nicht mit den eingeübten, oft arkanen Praktiken der Originalszene.

Diese Spannungen explodierten 2014 an die Oberfläche. Eine Generation weiblicher Entwickler und Gamer – Zoe Quinn und Anita Sarkeesian seien pars pro toto genannt – gingen neue Wege und kritisierten lange tradierte Formen des Gamings. Die Reaktion war ebenso virulent wie gewalttätig. Hasspostings und Hassvideos fluteten die einschlägigen Kanäle. In den Chan-Foren wurde ein programmiertes Mini-Game durchgereicht, in dem man Sarkeesian blutig schlagen konnte. Die reale Aktivistin brauchte ob der zahlreichen Morddrohungen Polizeischutz.

Die Reaktionen der Gamerszene reichten von Ignoranz über Leugnung zu Relativierung und direkter Unterstützung der Täter. Diese Phänomene haben sich seither nicht verbessert. Die Subkultur fühlt sich attackiert und führt die Attacke auf eine sich wandelnde Gesellschaft zurück, in der Frauen und Minderheiten gleiche Rechte und Repräsentation einfordern – was in einem einst so männlich dominierten Medium wie Videospielen zu ähnliche Verwerfungen und Sinnkrisen führen muss wie die Herausforderung der männlich dominierten Vorstandsetagen durch #metoo.

Es ist dieser Nährboden, der bei einer winzigen Splittergruppe dieses so profund verunsicherten Spektrums dazu führt, in der Sprache dieser Subkultur zu Terror zu greifen. Die Zahl dieser Täter ist klein; ihre Einhegung und Überwachung, ganz im Seehofer’schen Sinne, Aufgabe der Sicherheitsbehörden.

Wesentlich weitreichender aber ist die Radikalisierung breiter Schichten dieser jungen Männer, die zwar nicht die ultimative terroristische Konsequenz, sehr wohl aber das sie speisende Unbehagen am gesellschaftlichen Wandel teilen, dieses ständige, unterbewusste Gefühl, etwas teilen zu müssen, das man vorher alleine innegehabt hat. Die jungen Männer driften vermehrt nach rechts.

In Deutschland können wir dies ebenso an den Wahlergebnissen ablesen wie in den USA. Männer unter 30 tendieren wesentlich stärker zu AfD oder Donald Trump, als es ihre weiblichen Gegenparts tun; in Deutschland ist die Zuwendung zu der rechtsradikalen Partei bei jungen Männern mittlerweile stärker als bei alten Männern. Hier wächst eine verlorene Generation heran, die auf Jahrzehnte hinaus für Demokratie, Pluralismus und Freiheit verloren sein könnte. Es ist ein bedrückendes Bild, das Handeln und Vorbilder erfordert – gerade aus der Szene, aus der sie sich speisen.

{ 69 comments… add one }
  • Martin 26. November 2019, 13:37

    Die immer wiederkehrenden Fehlinterpretationen und „Narrative“ sind entlarvend und wirklich lächerlich.
    Es ist ja nun wirklich recht einfach: Der größte Teil der Wertschöpfung wird im „Westen“ von vorwiegend weißen, vorwiegend etwa jungen bis mittelalten Männern erbracht. Jahrzehnte an Frauenförderung haben minimale Ergebnisse erbracht, bei MINT Berufen ist der prozentuelle Anteil kaum gestiegen. Frauen wollen auch da eher die „weichen“ Jobs, bei denen sich die Freizeit prima regeln läßt und man keinen harten Bewertungskriterien unterliegt. Bestens abgesichert sein, „teilhaben wollen“, aber dasselbe bekommen, wie die Risikoträger.

    Ähnlich bei anderen Gruppen, unter allerlei Vorwänden und Vorwürfen wird immer mehr Teilhabe an etwas gefordert, zu dem man bestenfalls unterdurchschnittlich beiträgt. Ob es „Neue deutsche Medienmacher“ sind oder wer auch immer, durch immer mehr minderleistende Gruppen und Grüppchen wird immer mehr von der nicht selbst erbrachten Leistung, dem Wohlstand zu dem man nichts oder nur sehr wenig beigetragen hat, beansprucht. Das Ganze regelmäßig unter Beschimpfungen, Herabwürdigungen usw. usf. .

    Jede „Teilhabe“ an etwas, die nicht dem Grad der erbrachten Leistung entspricht, ist Parasitismus.

    Und irgendwann reicht es dann mit der Ausbeutung halt auch dem „liberalsten“ ehemals junglinken. Jedenfalls dann, wenn er kein durch Steuergelder bezahlter Geistes- oder Sozialwissenschaftler oder ÖR oder sonstiger Hansel ist.

    • Rauschi 26. November 2019, 15:20

      Ob es „Neue deutsche Medienmacher“ sind oder wer auch immer, durch immer mehr minderleistende Gruppen und Grüppchen wird immer mehr von der nicht selbst erbrachten Leistung, dem Wohlstand zu dem man nichts oder nur sehr wenig beigetragen hat, beansprucht. Das Ganze regelmäßig unter Beschimpfungen, Herabwürdigungen usw. usf. .
      Darf ich das jetzt so verstehen, das die Männer einfach gute und bessere Gründe als früher haben, Gewalt gegen Frauen und andere auszuüben?
      Minderleister, in Bezug auf was? Weniger als wer?
      Warum lassen diese tollen Männer eigentlich diese Minderleister die Kinder erziehen, da bieten sich doch Mehrleister wie Männer eigentlich viel eher an. Oder als Krankenpfleger oder Grundschullehrer oder Erzieher. Warum machen die das nicht?
      Mal so ganz naiv gefragt?

      • Erwin Gabriel 29. November 2019, 12:09

        @ Rauschi 26. November 2019, 15:20

        Darf ich das jetzt so verstehen, das die Männer einfach gute und bessere Gründe als früher haben, Gewalt gegen Frauen und andere auszuüben?

        Nein

        • Rauschi 29. November 2019, 14:17

          @Erwin Gabriel
          Das könnnen Sie gar nicht beurteilen, denn ich habe den Autor der Zeilen gefragt. Und nur der weiss, was er meint, sonst niemand.

          Wenn ich seine sonstgen Ausführungen
          [Und irgendwann reicht es dann mit der Ausbeutung halt auch dem „liberalsten“ ehemals junglinken. Jedenfalls dann, wenn er kein durch Steuergelder bezahlter Geistes- oder Sozialwissenschaftler oder ÖR oder sonstiger Hansel ist.]
          lese, ist das sehr wohl eine legitime Auslegung der Worte von Martin.

          • Erwin Gabriel 8. Dezember 2019, 18:29

            @ Rauschi 29. November 2019, 14:17

            … ist das sehr wohl eine legitime Auslegung der Worte von Martin.

            Noch einmal: Nein, ist es nicht.

            Die korrekte Frage müsste lauten „Wie meinen Sie das?“, anstatt die Bestätigung oder den Widerruf einer unterstellten Aussage einzufordern.

    • Stefan Sasse 26. November 2019, 18:18

      Hey, ich will dich nicht daran hindern, weiter in deiner Blase an Sexismus zu leben.

  • Floor Acita 26. November 2019, 14:50

    „in Deutschland ist die Zuwendung zu der rechtsradikalen Partei bei jungen Männern mittlerweile stärker als bei alten Männern.“

    Hast Du dazu Zahlen, Statistiken, Links? Und „wie jung“? Mich erstaunt das ehrlicherweise, bei bisherigen Wahlen hat sich das, Ausnahme Thüringen, aber noch nicht so manifestiert, oder? Ist das wirklich auf ganz Deutschland bezogen? Und ist Deutschland hier eine Ausnahme oder siehst Du hier wirklich einen weltweiten Trend?

    Zum Kernthema fehlen mir leider als nicht-Gamer Erfahrungen/Kenntnisse. Was ich aner sagen kann ist, dass ich schon wieder deja vus habe. Wie so oft in letzter Zeit erinnert mich Dein Artikel an Mitte/Ende 90er Jahre so konkret das Phänomen auch sein mag – ersetze Gamer durch Comedian und es fühlt sich ähnlich an. Und hier auch gleich der Knackpunkt, so dunkel der Ausblick damals auch schien und auch wenn ich selbst einen gewissen Teil meiner eigenen Generation tatsächlich als Wegbereiter der neuen Rechten gesehen habe und sehe, die Generation unmittelbar danach, keine 5 Jahre später geboren wurde zur progressivsten Generation in Dekaden … Hoffnung stirbt zuletzt 🙂

  • derwaechter 26. November 2019, 14:53

    Die von Dir genannten Leistungsträger sind aber auch nicht überdurchschnittlich oft rechts.
    Es sind mehr die jungen Männer die eben nicht diese Leistung erbringen können oder wollen, um die es hier geht. Oder habe ich den Artikel falsch verstanden?

    • Stefan Sasse 26. November 2019, 18:22

      Was meinst du mit Leistungsträger?

      • derwaechter 26. November 2019, 19:35

        Das war als Antwort auf Martin gemeint. Ist leider verrutscht

  • Stefan Pietsch 26. November 2019, 15:04

    Leider unterscheidest Du nicht in Ost und West. Für den Osten gilt Deine Feststellung am Ende, für den Westen gerade nicht. Verallgemeinerungen helfen nicht bei der Problemlösung.

  • Rauschi 26. November 2019, 15:23

    Ich weiss ehrlich gesagt gar nicht, worauf der Artikel hinaus will.
    Warum verloren? Weil sich Meinungen und Einstellungen nicht mehr ändern lassen?
    Dann wäre auch jede Diskussion überflüssig.
    Ich bezweifle allerdings, das die Diagnose stimmt, ich habe da etwas ganz anderes als Ursache im Kopf. 😉

    • Stefan Sasse 26. November 2019, 18:23

      Hey, ich liege selten so gerne falsch wie hier.

    • Floor Acita 28. November 2019, 02:21

      „Ich bezweifle allerdings, das die Diagnose stimmt, ich habe da etwas ganz anderes als Ursache im Kopf.“

      Bedeutet genau was? / Können Sie uns an Ihren Überlegungen teilhaben lassen?

      • Rauschi 28. November 2019, 09:42

        Können Sie uns an Ihren Überlegungen teilhaben lassen?
        Gerne!
        Allgemein wird eine Zunahme der Aggression beobachtet z.B. gegen Hilfskräfte, gegen Schiedsrichter und andere.
        Woran kann das liegen?
        Was ist verlässlich die Antwort der Medien und der beiden Stefans hier auf Konflikte?
        Konfrontation, Aggression, Verurteilung, Ruf nach Militär.

        Tja, wer das neo-liberale Mantra, „Jeder ist seines Glückes Schmied, jeder bekommt, was er verdient“ nicht pausenlos bekämpft, sondern im Gegenteil es entweder befeuert oder einfach hinnimmt als „Entwicklung“, der braucht sich doch über so eine Entwicklung nicht zu wundern. Wettbewerb als Selbstzweck, die scheinheilige Ablehnung von Autorität bei Staaten oder Menschen bei gleichzeitiger Befeuerung derselben bei Unternehmen und deren Chefs. Die Hinnahme der vielen Verlierer der Entwicklung, die ihre Wut aufs System irgendwo zum Ausdruck bringen wollen bei zeitgleicher Verwunderung über die Wahlergebnisse ist für mich hirnrissig, um es mal ganz drastisch zu formulieren.
        Mich wundert viel mehr, warum so wenige bereits sind, die echten Ursachen (abseits von Charaktereigenschaften) zu suchen.
        Die Gamer waren es, klasse, wie easy. Der Schuldige ist ausgemacht, das Problem aber weiter virulent.

        • Floor Acita 28. November 2019, 15:54

          Sie weisen zu Recht darauf hin, dass „Verlierer“ systematisch erzeugt werden und diese wiederum innerhalb bestimmter Grenzen (etablierte Parteien und Politiker) keine ausreichende Vertretung haben. Das ist Ursache für ständige Nährböden. Soweit stimme ich zu. Nur erklärt das allein halt noch nicht, warum wer AfD, Donald Trump, LePen oder Orban wählt. Denn ich sehe etliche Reaktionen auf die Ausgangslage:
          a) etliche Leute ziehen sich einfach zurück, gehen gar nicht mehr wählen
          b) einige Leute demonstrieren, protestieren friedlich und losgelöst von rassistischen oder sexistischen Parolen oder unterstützen linke „Aussenseiter“ – Sanders, Warren, Corbyn
          c) wieder andere gründen Initiativen wie Justice Democrats, Brand New Congress oder Momentum und versuchen Parteien zu kapern, die Führung zu übernehmen
          d) wieder andere gründen neue Parteien wie Piraten oder LINKE
          e) andere gründen oder treten in revolutionäre Parteien und Organisationen ein die versuchen das gesamte System aus den Angeln zu heben

          Man kann das ein oder andere oder all das ablehnen oder gut finden, kritisieren oder unterstützen, für genauso schlimm oder gefährlich oder gefährlicher halten oder für harmlos, wirkungslos oder effektiv. Aber jedenfalls würden die meisten dieser Leute, wenn nicht alle niemals eine offen rassistische oder sexistische Partei wählen, entsprechende Parolen und Propaganda verbreiten, entsprechend argumentieren oder gar offene Faschisten, den Faschismus als System oder Organisationen gleich welcher Art unterstützen die Faschisten in ihren Reihen haben. Woran liegt das? Worin liegt der Unterschied? Was sind die Ursachen der unterschiedlichen Reaktion..?

          • Rauschi 28. November 2019, 17:36

            Denn ich sehe etliche Reaktionen auf die Ausgangslage:
            a) etliche Leute ziehen sich einfach zurück, gehen gar nicht mehr wählen
            b) einige Leute demonstrieren, protestieren friedlich und losgelöst von rassistischen oder sexistischen Parolen oder unterstützen linke „Aussenseiter“ – Sanders, Warren, Corbyn
            c) wieder andere gründen Initiativen wie Justice Democrats, Brand New Congress oder Momentum und versuchen Parteien zu kapern, die Führung zu übernehmen
            d) wieder andere gründen neue Parteien wie Piraten oder LINKE

            Ich demonstrier und wähle, das machen die meisten so, nehme ich an, denn es gibt ja kaum Menschen, die nur demobstieren.
            Wenn aber auch die neuen Parteien nicht halten, was sie versprechen, wie die Linke oder sich gar selbstzerlegen, wie die Piraten, was dann? Protest, denn die Umfragen sagen, das die meisten AfD wählen, obwohl sie wissen, das die keine Lösung haben. Nicht, weil man so dringenst seinem Rassismus Ausdruck verleihen will.

            Ich fand den Vergleich von Ralf mit den ehemaligen Nazis nach dem Kriegsende gut, wie wurden die eingefangen? Mit einem Pranger? Oder mit Verständniss? Wurde zu vielen ohne Prüfung vergeben? Ganz sicher. Was wäre die Alternative gewesen? Jahrlange Aufarbeitung mit der entsprechenden Unsicherheit?
            Die Agression des Systems gegen die Menschen, das muss angegangen werden und nicht der einzelne Mensch. Wer hat, kann auch viel eher gönnen, das ist meine Erfahrung.

            Woran liegt das? Worin liegt der Unterschied? Was sind die Ursachen der unterschiedlichen Reaktion..?
            Charkater, Erziehung, Umfeld?

            Ganz viele, die vorher nicht gewählt haben, sind zur AfD gewandert. Deswegen sollten wir wirklich über die Funktion unserer Demokratie nachdenken. Warum wählen so viele nicht, wie kommt das Gefühl, eine wichtiger Teil des Ganzen zu sein und gefragt zu werden, wieder zurück?
            Ich finde den Ansatz, das die Trumpf Wähler nicht Trump wollten, sondern maximalen Schaden im System anrichten wollten immer noch am überzeugendsten. Was ist mit Ihnen?

            • Floor Acita 28. November 2019, 19:03

              „Ich finde den Ansatz, das die Trumpf Wähler nicht Trump wollten, sondern maximalen Schaden im System anrichten wollten immer noch am überzeugendsten. Was ist mit Ihnen?“

              Wir haben gerade eine parallele Diskussion hier in der eine Seite Schuld sucht, bei Migranten, bei Muslimen, oder denkt es ginge um Schuldzuweisungen an Männern, an Deutschen. Die andere Seite will aber einfach nur Verständnis schaffen, für Frauen die Gewalt erlebt haben, die Angst haben nachts in dunklen Gassen zu laufen, die ihre Drinks beschützen oder Angst haben läuft Ihnen ein Mann auch nur scheinbar hinterher…

              Trump Wähler wollen maximalen Schaden am System anrichten? Vielleicht, vielleicht ein Teil, vielleicht wirklich die meisten. Tun sie aber nicht, ganz im Gegenteil! Sie haben die schlimmsten Auswüchse des Systems auf die Spitze getrieben. Statt das Milliardäre Politiker kaufen regiert ein Milliardär, statt Kriege für Öl zu führen, hisst man amerikanische Flaggen auf Ölfeldern, erobert mit Panzern die man zum Schutz einer selbstorganisierten Demokratie abgezogen hat, Steuern für Superreiche wurden gesenkt, soziale Ausgaben sollen zusammengestrichen werden, Polizisten wurden ermutigt auf Ausländer und Minderheiten einzuschlagen, Gesundheitsversorgung zerschlagen, Verfassungsrichter eingesetzt die Grundrechte in Frage stellen und linke Politik blockieren wollen, Hispanics in Konzentrationslager gesperrt, Kinder von Ihren Eltern getrennt, in Hundekäfige gesperrt, ein Klima von Angst und Schrecken gegen Minderheiten und Frauen gefördert, Nazis als gute Menschen bezeichnet, Kriegsverbrecher begnadigt, Folterer in Amt und Würden gebracht! Ich will auch keine Schuld zuweisen, aber ich muss genauso erwarten können, dass Trump Wähler diese Wahrheiten wahrnehmen, auch als Konsequenz ihrer Handlung so wenig das vielleicht auch „gewollt“ war, es wurde und wird billigend in Kauf genommen… Und natürlich ist das auch ein gewisses Privileg, denn obwohl es Schwarzen und Latinos im Schnitt noch schlechter geht, sie noch mehr unter dem System leiden wählen diese nur vernachlässigbar Trump oder die republikanische Partei…

              • Rauschi 29. November 2019, 09:16

                Statt das Milliardäre Politiker kaufen regiert ein Milliardär, statt Kriege für Öl zu führen, hisst man amerikanische Flaggen auf Ölfeldern, erobert mit Panzern die man zum Schutz einer selbstorganisierten Demokratie abgezogen hat, Steuern für Superreiche wurden gesenkt, soziale Ausgaben sollen zusammengestrichen werden, Polizisten wurden ermutigt auf Ausländer und Minderheiten einzuschlagen, Gesundheitsversorgung…
                Ja, die haben nicht das bekommen, was sie erwartet haben und was versprochen wurde.
                Unterscheidet das Trump von anderen? Wer in BW Grün gewählt hat, wurde auch massiv enttäuscht, wer 2001 SPD gewählt hat, wurde massiv enttäuscht, denn statt sozialer Ausgleich heisst die Devise, maximal neo liberal agieren und sich hinter beschweren, wie unfair es wäre, an der Versprechen von vor der Wahl gemessen zu werden.
                Mir geht es um einen Ausweg.
                Ich will auch keine Schuld zuweisen, aber ich muss genauso erwarten können, dass Trump Wähler diese Wahrheiten wahrnehmen, auch als Konsequenz ihrer Handlung so wenig das vielleicht auch „gewollt“ war, es wurde und wird billigend in Kauf genommen…
                Warum funktioniert das System immer schlechter, sodass immer mehr Menschen sich nicht vertreten fühlen? Da braucht keiner mit einem Moralappell zu kommen, der Zug ist abgefahren.
                Schaden wird in Kauf genommen, wenn das System einem Wähler Schaden zugefügt hat, relativ einfache Psychologie.

                • Stefan Sasse 29. November 2019, 12:37

                  Solange die Leute widersprüchliche Erwartungen an die Politik haben, werden sie zwangsläufig enttäuscht.

                  • Rauschi 29. November 2019, 14:24

                    @Stefan Sasse.
                    Was war an den Erwartungen an die SPD widersprüchlich? Oder an denen an die Grünen?
                    Es steht auch nicht im GG, das die Gewalt nur dann vom Volk ausgeht, wenn die Erwartungen kongruent sind, da gibt es gar keine Einschränkung.
                    Aber nicht mal das Minmum wird erreicht, sagt gerade wieder eine Umfrage:
                    [Das Marktforschungsinstitut Forsa hat im Auftrag des Forums New Economy eine repräsentative Umfrage durchgeführt, an der 1009 Personen teilnahmen. Die meisten Menschen wünschen sich laut Umfrageergebnisse vom Staat eine gewichtigere Rolle in der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Die Angst vor dem persönlichen Abstieg ist stark verbreitet.
                    87 Prozent der Umfrageteilnehmer sehen die derzeitige wirtschaftspolitische Ausrichtung als falsch an. Das wachsende Gefälle zwischen Arm und Reich sei gefährlich für die Gesellschaft.
                    Mehrheit sieht Reichtum als nicht selbst verdient an.
                    Nur ein Drittel der Befragten sahen es als berechtigt an, wenn Menschen in Deutschland sehr reich sind. Sie gehen davon aus, dass der angehäufte Reichtum “in aller Regel selbst verdient” sei. Ebenfalls nur ein Drittel der Befragten sehen in Deutschland einen sozialen Ausgleich. Die Mehrheit der Befragten sahen das nicht so.
                    Während neoliberal ausgerichtete Parteien wie die AfD oder FDP für die fortschreitende Deregulierung des “freien Marktes” sind, lehnt die Mehrheit der Deutschen diese Politik ab. 78 Prozent der Teilnehmer sagen, die Privatisierung und damit der Rückzug des Staates aus öffentlichen Angelegenheiten sei viel zu weit gegangen.]
                    https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/deutsche-wollen-mehr-staat-statt-allzu-freien-markt-a-1293966.html

                    Was ist da widersprüchlihc?

                • Floor Acita 29. November 2019, 13:59

                  „Ja, die haben nicht das bekommen, was sie erwartet haben und was versprochen wurde.“

                  Darum ging es mir nicht, sondern darum die Verantwortung für ganz konkrete Konsequenzen zu übernehmen! Sie haben gedacht sie attackieren das System, haben sie aber nicht! Stattdessen habensie alles nur noch schlimmer gemacht und wenn jetzt wieder mehr Schwarze zu Opfern von rassistischer Gewalt werden und Familien gon ihren Kindern getrennt, dann möchte ich das Trump Wähler auf das sehen und anerkennen und reflektieren und annehmen, dass es ihre konkrete Erscheinung war die dafür verantwortlich ist. Schliesslich könnte ein Wutausbruch auch in einem Amoklauf enden, ein Amoklauf eine Verzweiflungstat sein. Soll ich dann auch Verständnis für den Täter haben? Und macht es ein Unterschied ob das dann ein Moslem ist oder jemand wie in Charlottesville linke Aktivisten überfährt oder in Ostdeutschland Ausländer jagt?

                  • Rauschi 29. November 2019, 14:33

                    Sie haben gedacht sie attackieren das System, haben sie aber nicht!
                    Und? Das ist kein Widerspruch zu anderen Wahlen, da wurden die Erwartungen auch enttäuscht.

                    Was erwarten Sie? Das die jetzt meinen :“Oh, schade, wir haben das System nicht zerstört, sondern stärker gemacht? Dann lass uns doch als nächstes wieder einen von denen wählen, die wir kennen und die uns auch nur Versprechungen machen, die sie nicht einhalten können“.
                    Echt, ist das schon mal passiert?

                    Soll ich dann auch Verständnis für den Täter haben? Und macht es ein Unterschied ob das dann ein Moslem ist oder jemand wie in Charlottesville linke Aktivisten überfährt oder in Ostdeutschland Ausländer jagt?
                    Kein Ahnung, Sie sollen gar nichts, ich schildere nur meine Sicht.
                    Wenn aber die Wähler wieder eingefangen werden sollen, im Sinne von „Normales Wahlverhalten“, dann führt an Analyse und Verständniss kein Weg vorbei.
                    Verstehen, nicht entschuldigen, Herr im Himmel!
                    Wenn Sie aber meine, mit“ Pfui Trump Wähler“ sagen wäre der Drops gelutscht, dann ist das eben so. Dann werden sich auch die Verhältnisse nicht mehr ändern.

  • Ralf 26. November 2019, 21:46

    Also zunächst mal liegst Du meines Wissens nach falsch mit der These, dass die AfD deutschlandweit besonders gut bei jungen Menschen abschneidet. Das war bei der Wahl in Thüringen so, aber weniger ausgeprägt in Sachsen und Brandenburg und noch weniger ausgeprägt im Westen.

    Das zweite Problem ist dieser Bezug der Gamer-Szene und 8Chan mit jungen AfD-Wählern. Ich kann mich natürlich irren, aber mein Bauchgefühl ist, dass die Nazi-wählende Demographie von jungen Männern eher weniger gamingaffin ist, sondern eher den mindergebildeten Pöbel repräsentiert, der sich über Facebook und andere soziale Netzwerke radikalisiert. Viele davon dürften auch keine strammen Faschisten sein, wie die fackeltragenden Neonazis in Charlottesville, auf die Du im Text Bezug nimmst, sondern dürften eher den klassischen „Es-denen-da-oben-mal-zeigen“-Protestwähler darstellen.

    Deshalb zweifele ich auch an Deiner Schlussfolgerung, dass wir hier eine ganze Generation junger Menschen irreversibel für die Demokratie verlieren. (Möglicherweise rede ich mir natürlich auch einfach nur die Welt schön). Die jungen, idealistischen Menschen, die in den Achtzigern bei den Grünen andockten, taten das, weil sie dort ideologische Übereinstimmungen vorfanden. Da ist es eher wahrscheinlich, dass man diese ideologischen Übereinstimmungen bis ins Alter hinein pflegt. Bei den jungen AfD-Wählern ist die Wahl meiner Meinung nach aber mehr ein gedankenloser Ausdruck von Protest. Das kann sich wieder verschieben, sobald sich das politische Umfeld verschiebt. Die richtige Analogie wären die Sechziger Jahre, als es in Deutschland plötzlich keine Nazis mehr gab und alle behaupteten die NSDAP dreißig Jahre zuvor nicht gewählt zu haben.

    • TBeermann 27. November 2019, 06:25

      Ich denke, wir sollten uns endlich dringend von der Idee verabschieden, dass die Mehrzahl der AfD-Wähler diese Partei trotz und nicht wegen ihrer Inhalte aus irgendwelchen anderen Gründen wählt.

      Sicher kann ein Teil davon wieder für den demokratischen Diskurs gewonnen werden und zwar in meinen Augen durch Konfrontation und dadurch, dass es einen sozialen Preis haben muss, sich als Rassist zu outen. Aber es werden auch Menschen hängen bleiben, wenn sie sich erstmal radikalisiert haben und dabei spielen diese scheinbar ironischen Formen heute eben eine wichtige Rolle, weil sie Ansatzpunkte für die nächsten Eskalationsstufen schaffen.

      Wer erstmal „Witze“ normal findet, in denen Minderheiten herabgesetzt werden, der findet potenziell auch körperliche Gewalt irgendwann nicht verwunderlich.

      • Stefan Sasse 27. November 2019, 07:02

        Genau das.

      • Rauschi 27. November 2019, 10:43

        Sicher kann ein Teil davon wieder für den demokratischen Diskurs gewonnen werden und zwar in meinen Augen durch Konfrontation und dadurch, dass es einen sozialen Preis haben muss, sich als Rassist zu outen.
        Wie soll das denn bitte gehen? Konfrontation, weil denen nicht bewusst ist, wie sehr diese Partei abgelehnt wird? Oder was ist damit gemeint?
        Einen sozialen Preis? Der über das hinaus geht, was die schon bezahlen, weswegen die überhaupt eine Partei aus Protest wählen?
        Halte ich beides nicht für zielführend, ganz ehrlich.
        Diese Diffamierungskampagne gegen vermeintliche AfD Wähler, die man beim Arbeitgeber anschwärzen sollte, halte ich auch für total daneben.
        Wenn die was strafbares tun, anzeigen, ansonsten sind die ohne Arbeit und immer noch wütend, denn die Einstellung ändert sich doch deswegen nicht.
        Also ob der moralische Zeigefinger je gewirkt hätte.

        • TBeermann 27. November 2019, 21:05

          Also zunächst sind es den Daten die ich kenne nach eben nicht die tatsächlich Abgehängten, die den Kern der AfD-Wählerschaft ausmachen.

          Aber diese Perspektive ist in meinen Augen schon ein Teil des Problems und eine Verdrehung der Realität, indem ständig Entschuldigungen und Erklärungen gesucht werden, warum diese Menschen eine offen rassistische Partei wählen und sich am laufenden Band rassistisch und anderweitig minderheitenfeindlich äußern, nur um die naheliegendste Erklärung nicht sehen zu wollen: Es sind Rassisten.

          Auch beim moralischen Zeigefinger würde ich widersprechen. Wir hatten von den späten 90ern an eine Zeit, in der man vieles nicht mehr unwidersprochen sagen konnte, was vorher noch Gelächter und zustimmendes Schulterklopfen geerntet hat.
          Richtig begonnen hat der Spuk aber erst, als man plötzlich anfing, die angeblichen Sorgen ernst zu nehmen und Rassisten als „besorgte Bürger“ verhätschelte. Da kamen sie alle wieder aus ihren Löchern und der ganze Diskurs hat sich wieder weit nach rechts verschoben.

          Was ich mit einem sozialen Preis meine ist zum einen ständiger Widerspruch, aber auch klares Äußern von Abneigung. Diese Menschen sollten so weit wie möglich spüren, dass sie mit ihren Ansichten allein stehen, in Familie, Freundeskreis, unter Kollegen. usw.

          • Rauschi 28. November 2019, 10:28

            Aber diese Perspektive ist in meinen Augen schon ein Teil des Problems und eine Verdrehung der Realität, indem ständig Entschuldigungen und Erklärungen gesucht werden, warum diese Menschen eine offen rassistische Partei wählen und sich am laufenden Band rassistisch und anderweitig minderheitenfeindlich äußern, nur um die naheliegendste Erklärung nicht sehen zu wollen: Es sind Rassisten.
            Aha, das waren die also schon immer und das muss man so hinnehmen?
            Wer keine Erklärung (warum können so wenige unterscheiden zwischen Erklärung und Entschuldigung, weil ich etwas erklären kann, entschuldige ich es noch lange nicht?) haben will, der braucht tatsächlich nur die Moralkeule zu schwingen.
            Bringt nur so gar nichts, immer noch!

            Was ich mit einem sozialen Preis meine ist zum einen ständiger Widerspruch, aber auch klares Äußern von Abneigung. Diese Menschen sollten so weit wie möglich spüren, dass sie mit ihren Ansichten allein stehen, in Familie, Freundeskreis, unter Kollegen. usw.
            Boah, tolle Idee und so hilfreich dabei, die wieder in die Gesellschaft zurück zu holen, keine Frage.
            Aber man fühlt sich halt besser als „die da“, das reicht ja den meisten. Da habe ich was anderes erwartet, denn mit dieser blöden Moralkeule droht auch ein Herr Pietsch pausenlos, der noch nie an Lösungen interessiert war, denn dabei hilft das NULL.
            Oder meint jemand, denen wäre nicht bewusst, das die rassistische Einstellung abgelehnt wird?

            • TBeermann 28. November 2019, 22:12

              Natürlich gibt es Erklärungen, warum jemand so einer Ideologie verfällt, aber ein großes Narrativ ist ja, dass das gerade nicht der Fall sei und es die Wähler gar nicht so meinen, ja sich geradezu zähneknirschend gezwungen sehen, diese Partei zu unterstützen und das halte ich für vollkommenen Unsinn.

              Und ja, ich sehe das als den richtigen Weg. Wir haben es jetzt fünf Jahre mit Appeasement und nach dem Mund reden versucht, viele ihrer Forderungen in Politik umgewandelt, mit dem Erfolg, dass sich die Stimmen mehrfach multipliziert haben.
              Ich denke übrigens tatsächlich nicht, dass ihnen das bewußt ist. Viele halten sich für den mutigen Teil einer schweigenden Mehrheit. Und das ist nicht mal verwunderlich. In der elektronischen Kommunikation kann man sich recht einfach eine homogene Filterblase aufbauen und im persönlichen Umfeld scheuen viele die Konfrontation um des lieben Friedens willen.

              • Rauschi 29. November 2019, 09:24

                Und ja, ich sehe das als den richtigen Weg. Wir haben es jetzt fünf Jahre mit Appeasement und nach dem Mund reden versucht, viele ihrer Forderungen in Politik umgewandelt, mit dem Erfolg, dass sich die Stimmen mehrfach multipliziert haben.
                Ich fasse es nicht, was haben wir gemacht?
                Kein Ausgrenzung, keine Demos gegen Rechts, keine immer wieder vorgekramte moralische Überlegenheitsreden?
                Damit auch ich Blödi das verstehe:
                Wenn jemand mitkriegt, das Rassismus und AfD wählen nicht angesagt ist, dann ändert der automatisch seine Einstellung?
                Sorry, aber ich habe mit so vielen Klimawandelleugnern debattiert, das ich Ihnen versichern, kann, das denen erstens) sehr bewusst ist, wie sehr diese Einstellung abgelehnt wird und
                zweitens) das die Ablehnung diese Truppe noch mehr zusammen schweisst, alles bekannte Phänomene, die man einfach man bewusst zur Kenntnis nehmen muss.

                Nein, das ist überhaupt kein Weg, die Menschen wieder zur Wahl einer mehr oder weniger normalen Partei zu bewegen. Echt nicht.

                • Stefan Sasse 29. November 2019, 12:38

                  Das Problem ist, dass „mit ihnen diskutieren“ ihre Einstellung nicht ändert, sondern sie nur als legitime Ansicht etabliert.

                  • TBeermann 29. November 2019, 18:21

                    Das ist die Wirkung nach Außen. Dazu kommt, dass sie selbst jede Antwort als Bestätigung er eigenen Position auffassen. Zustimmung ist klar und Widerspruch nur der Beweis, dass alle anderen gehirngewaschen sind oder sich nicht trauen, die „Wahrheit“ auszusprechen.

                    • Rauschi 30. November 2019, 09:52

                      Was unterscheidet das von Hnen, Herr Pietsch oder mir?
                      Warum sollten wir diskutieren dürfen, die Leute, von denen ich (und Sie und Herr Sasse) will, das sie Ihre Einstellung ändern und andere Parteien wählen, eben nicht?
                      Echt jetzt, das ist die Einstellung, Mund verbieten, schon kehren die zurück in Muttis Schoss?

                    • TBeermann 30. November 2019, 10:02

                      Wer spricht denn hier irgendjemandem ab, sich äußern zu dürfen?

                      Nur dürfen andere aus diesen Äußerungen eben auch ihre Konsequenzen ziehen und sei es, mit einer Person nicht mehr, nur noch das Nötigste oder nur noch sehr unhöflich reden zu wollen.

                    • Rauschi 30. November 2019, 16:49

                      Nur dürfen andere aus diesen Äußerungen eben auch ihre Konsequenzen ziehen und sei es, mit einer Person nicht mehr, nur noch das Nötigste oder nur noch sehr unhöflich reden zu wollen.

                      Es geht um den Umgang mit den Wählern, die man zurück bekommen möchte.
                      Mit Blödis muss niemand reden, aber es liest sich wie: Redet überhaupt nicht mit denen, das bestärkt die nur in deren Ansicht.

                      Wozu soll die Ausgrenzung gut sein?
                      Stärkt nur die Wagenburg, mehr nicht.

                    • Erwin Gabriel 8. Dezember 2019, 18:34

                      @ Rauschi 30. November 2019, 16:49

                      Es geht um den Umgang mit den Wählern, die man zurück bekommen möchte.

                      Wozu soll die Ausgrenzung gut sein?
                      Stärkt nur die Wagenburg, mehr nicht.

                      Zustimmung

                  • Rauschi 29. November 2019, 20:25

                    Ok, warum gibt es hier einen Kommentarbereich?
                    Sie sind also der Meinung, das sich Einstellung nie ändern?
                    Klar wollen die nicht mehr labern, die wollen endlich Taten sehen.
                    Sie kennen also alle Ansichten und können deswegen beurteilen, ob die legitime sind?
                    Wer berechtigt Sie dazu?
                    Also schreiben wir die hat ab, für die Gesell-schaft und für die normale Politik, klassse Idee!

                  • Stefan Sasse 30. November 2019, 09:07

                    @TBeermann: Eben.

                    • Rauschi 30. November 2019, 09:57

                      Wie das aber mit „Wir haben Meinungsfreiht nur keine Widerspruchsfreiheit“ zusammen passt, keine Ahnung.
                      Das war ja sowieso nur so eine oberflächliche Aussage, um mit dem Strom zu schwimmen, wie ich mehrfach angemerkt habe.
                      Jetzt endlich zeigt sich, was gemeint ist, „ich rede nur mit den richtigen, die falschen sind eh schon verloren, per Definition.“
                      Auch eine blöde Meinung oder eine rassitische, fällt das darunter, solange die Äusserungen nicht strafbar sind, so sieht es aus.
                      Das muss man im Blog nicht ertragen wollen, nur sollte man dann aber von der Meiungsfreihet schweigen.

      • Ralf 27. November 2019, 19:18

        Ich denke, wir sollten uns endlich dringend von der Idee verabschieden, dass die Mehrzahl der AfD-Wähler diese Partei trotz und nicht wegen ihrer Inhalte aus irgendwelchen anderen Gründen wählt.

        Donald Trump ist nicht primär wegen Inhalten gewählt worden, sondern weil er versprach Washington aufzumischen und dort Sand ins Getriebe zu streuen. Ein großer Teil seiner Wähler wollte jemanden, der dem Establishment mal zeigt, was Sache ist. Einer der komplett disruptiv das glatte und als korrupt empfundene politische System, das in den vergangenen Jahren zunehmend gegen den kleinen Mann gearbeitet hat, über den Haufen wirft. Die Motivation bei vielen AfD-Wählern dürfte ähnlich sein. Ehemalige CDU- und ehemalige SPD-Wähler, die sich wundern, dass immer Geld da war, wenn Banken und Superreiche einen Bailout auf Kosten der Gesellschaft brauchten. Dass auch für Flüchtlinge Geld da war. Nur für die Nöte des kleinen Mannes interessierte sich kein Mensch. Über neuen sozialen Wohnungsbau wurde z.B. erst diskutiert im Rahmen der starken Zuwanderung 2015. Aber auch zuvor konnten Niedrigverdiener keine bezahlbaren Wohnungen finden. Der Sozialstaat wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten dramatisch kollabiert. Wer mehr Geld forderte, dem wurde ein Hinweis auf die schwarze Null oder die Schuldenbremse gegeben. Gleichzeitig machte im Dorf der letzte Supermarkt zu, zog der letzte Arzt weg, wurde die einzige Buslinie eingestellt. Daraus ergibt sich meiner Meinung nach für die Mehrzahl der AfD-Wähler die Motivlage.

        Sicher kann ein Teil davon wieder für den demokratischen Diskurs gewonnen werden und zwar in meinen Augen durch Konfrontation und dadurch, dass es einen sozialen Preis haben muss, sich als Rassist zu outen.

        Ich kann mich aus der Geschichte an keinen einzigen Fall erinnern, wo Menschen durch Konfrontation zur Demokratie bekehrt worden wären. In der Regel geschieht das Gegenteil. Die Konfrontierten graben sich ein. Die gesellschaftliche Ächtung treibt die Geächteten in einer Wagenburg zusammen, gibt ihnen Identität und den Stolz sich gegen den Mainstream zu etablieren. Beobachten konnte man das in der Reaktion auf Hillary Clintons „Deplorables“-Rede. Das Trump-Wahlkampfteam bedankte sich für die kostenlose Werbung. Die Geächteten druckten sich T-Shirts mit „Deplorables“-Schriftzug und marschierten stolz durch die Stadt. Und gewannen weitere Fans.

        Tatsächlich ist das Gegenteil von Konfrontation notwendig: Türe aufhalten. Bereit sein zuzuhören. Vergessen und vergeben.

        So wurden nach dem Krieg Millionen deutsche Nazis zu Demokraten. So wurden nach dem Mauerfall Millionen Stasi-Zuträger zu Demokraten. So wurden ehemalige RAF-Terroristen zu aufrechten Staatsbürgern. Nicht mehr so genau hinsehen und ohne Gesichts- und Ehrverlust für die Betroffenen integrieren, ist der geschmeidigste Weg große Zahlen an schwarzen Schafen in die Gesellschaft zurückzuführen. Und sehr wahrscheinlich auch der einzige Weg.

        • Rauschi 28. November 2019, 10:51

          Ich kann mich aus der Geschichte an keinen einzigen Fall erinnern, wo Menschen durch Konfrontation zur Demokratie bekehrt worden wären.
          Volle Zustimmung, es ist mir unverständlich, warum das kaum einer wahr nimmt.

          • TBeermann 28. November 2019, 22:14

            Im Gegenteil. Das ist ein Narrativ der Rechten, dass die Linken ihnen angeblich die Leute in die Arme treiben und große Teile der Medien und selbst der Linken fällt darauf rein.

            • Rauschi 29. November 2019, 09:30

              Mehr als eine Behauptung sollte dann schon kommen.
              Das sind also immer schon verkappte Nazis gewesen, denen man nur in Antifa Manier die Leviten lesen muss und schon kommen die wieder zur Mutter SPD, oder wie soll ich das verstehen?
              Es geht nicht um die Bekehrung von Nazis, sondern vom zurückholen der Wähler, die aus Frust etc, die AfD wählen.
              Wenn es keinen Frustgrund mehr gibt, gibt es auch keinen Wahlgrund mehr.

              Wer aber nicht mal erklären (Analyse) will, warum die Menschen AfD wählen, der will auch das Problem nicht lösen.
              Tragisch, immer wieder.

              • Erwin Gabriel 8. Dezember 2019, 18:36

                @ Rauschi 29. November 2019, 09:30

                Es geht nicht um die Bekehrung von Nazis, sondern vom Zurückholen der Wähler, die aus Frust etc. die AfD wählen. Wenn es keinen Frustgrund mehr gibt, gibt es auch keinen Wahlgrund mehr.

                Wer aber nicht mal erklären (Analyse) will, warum die Menschen AfD wählen, der will auch das Problem nicht lösen.

                Zustimmung

                Tragisch, immer wieder.

                ja

      • Erwin Gabriel 29. November 2019, 12:19

        @ TBeermann 27. November 2019, 06:25

        Ich denke, wir sollten uns endlich dringend von der Idee verabschieden, dass die Mehrzahl der AfD-Wähler diese Partei trotz und nicht wegen ihrer Inhalte aus irgendwelchen anderen Gründen wählt.

        Das war halt mal anders, und viele dieser Wähler haben die anderen Parteien durch ihre Ignoranz verloren.

        Sicher kann ein Teil davon wieder für den demokratischen Diskurs gewonnen werden und zwar in meinen Augen durch Konfrontation und dadurch, dass es einen sozialen Preis haben muss, sich als Rassist zu outen.

        Das sehe ich komplett anders – so züchtest und verfestigst Du die Blase.

        Die meisten AfD-Wähler sind bei der AfD gelandet, weil man sie genau so behandelt hat! Man hat sie als Feinde behandelt, zu Rassisten gestempelt, sie ausgegrenzt und einen sozialen Preis bezahlen lassen.

        Der einzige Weg ist, sich sachlich mit den Themen auseinander zu setzen, die AFDler bewegen. Wenn ich Dich ein asoziales Arschloch nenne, redest Du auch nicht mehr mit mir. Wenn ich auf Deine Punkte eingehe (was nicht bedeutet, dass ich Deine Meinung teile), haben wir eine Diskussion.

        • Stefan Sasse 29. November 2019, 12:45

          Wobei auf die Themen der Wähler, die 2004-2007 zur LINKEn abgewandert sind, auch nicht eingegangen wurde. Die wurden auch ausgegrenzt. Und es hat funktioniert; die Partei blieb klein und von Regierungsverantwortung. Mir ist von seitens deines Arguments immer noch ungenügend erklärt, wie das zusammenpasst.

          • Stefan Pietsch 29. November 2019, 13:02

            Das ist doch eine Legende, Stefan! Natürlich haben die SPD, aber auch die Union ihre Politik angepasst. So wurde der Bezug von Arbeitslosengeld für ältere Erwerbstätige deutlich verlängert, das Schonvermögen bei Hartz-IV deutlich angehoben, die SPD ist zur Forderung nach einem Mindestlohn geschwenkt usw.

            Kannst Du einen ähnlichen Schwenk zu AfD-Forderungen ausmachen, die weit in das Wahlprogramm der Alternative eingehen?

            • Sebastian 29. November 2019, 14:19
            • Stefan Sasse 30. November 2019, 09:01

              Selbstverständlich. Grenzkontrollen, die Schließung der Balkanroute, der Flüchtlingsdeal mit der Türkei, beschleunigte und verschärfte Abschiebungen, just to name a few.
              Und wo wir dabei sind: wie viele Wähler haben SPD und CDU mit ihren Maßnahmen von denen zurückgewonnen, die sich da 2004 enttäuscht abgewandt haben? Wie viele Leute, die der SPD 2005-2009 erbost den Rücken gekehrt haben, sind seither zurück?

              • Erwin Gabriel 8. Dezember 2019, 18:46

                @ Stefan Sasse 30. November 2019, 09:01

                Selbstverständlich. Grenzkontrollen, die Schließung der Balkanroute, der Flüchtlingsdeal mit der Türkei, beschleunigte und verschärfte Abschiebungen, just to name a few.

                Ja. Und wie geht man damit um? Offensive Kommunikation á la „Wir haben das Problem verstanden“ oder gschamtes Wegducken, wenn die Sprache auf das Thema kommt, um Linke und Grüne nicht zu veschrecken?

                Wie reagiert Deutschland, wenn die Türkei die grenzen öffnet, oder ein anderes Ereignis wieder Hunderttausende durch Europa wandern lässt? Wird Deutschland sagen „wir haben genug aufgenommen, jetzt sind andere dran“, oder wird die Grenze wieder geöffnet? Ich denke, dass wir beide auf die gleiche Antwort kommen, was dann passieren wird.

                Und wer Merkel die letzten monate betrachtet, versteht auch, dass es ihr im Großen und Ganzen am Allerwertesten vorbeimarschiert, was in Deutschland passiert. Hinter der Innenpolitik hat sie einen Haken gemacht und kümmert sich nur noch um die „Stärkung“ der Institutionen, während alle Länder bis auf Deutschland in eine „me first“-Pose verfallen sind.

                • TBeermann 8. Dezember 2019, 19:47

                  Ja. Und wie geht man damit um? Offensive Kommunikation á la „Wir haben das Problem verstanden“ oder gschamtes Wegducken, wenn die Sprache auf das Thema kommt, um Linke und Grüne nicht zu veschrecken?

                  Hier wird das Grundproblem glaube ich recht deutlich. Was Teile des politischen Spektrums fordern, ist ein Eingeständnis, dass die Reaktion von 2015 ein Fehler gewesen sei, am liebsten mit ausführlicher Selbstkasteiung. (Das sieht man auch recht schön an der ewigen Weiterverwendung des „Grensöffnungs“-Narrativs, der auch du dich hier bedienst.

                  Angela Merkel (die ich aufgrund ihrer restlichen Politik bzw. der Weigerung über weite Strecken, Politik zu betreiben übrigens nur höchst ungerne verteidige) hat die Grenzen im Sommer nicht geschlossen, um ein humanitäres Debakel an der ungarisch-österreichischen Grenze bzw. in diesen beiden Ländern (nebenbei auf Flehen der dortigen Regierungen, die ihr dann später genau das vorgeworfen haben) zu verhindern. Dabei ging es um einige Wochen, um den Druck aus dem Kessel zu nehmen, der sich von den Lagern in Griechenland aufgebaut hatte. (Man könnte jetzt noch weiter ausholen, wie lange im Vorfeld man etwas hätte tun , um das zu verhindern, aber das würde zu weit führen).

                  Schon im Herbst wurden die Grenzen auf verschiedenen Ebenen praktisch wieder dicht gemacht. Der fragwürdige Deal mit der Türkei folgte im Frühjahr 2016.

                  Das Märchen von der unkontrollierten Zuwanderung seit Sommer 2015 ist genau das: Ein Märchen der Rechten.

                  Es gibt reichlich an diesem Zeitabschnitt zu kritisieren, etwa dass man im Vorfeld weder etwas gegen die Entwicklung unternommen, noch Vorbereitungen getroffen hat, obwohl die Flüchtlinge ja nicht von heute auf morgen an der Grenze standen. Oder, dass der deutsche Staate es über Monate praktisch komplett der Zivilgesellschaft überlassen hat, zu verhindern, dass die Herausforderung tatsächlich im Chaos endet.

                  Aber für einen kurzen Moment so etwas wie Menschlichkeit gezeigt zu haben, dafür ist nun wirklich keine Entschuldigung nötig.

                  • Stefan Sasse 8. Dezember 2019, 21:19

                    Die SPD gesteht inzwischen ein, dass die Agenda2010 ein Fehler war, zumindest so ein bisschen. Der elektorale Erfolg ist übersichtlich. Das wird auch für die CDU nicht besser sein.

                    • TBeermann 8. Dezember 2019, 21:51

                      Im Fall der SPD sind aus dieser Erkenntnis (die in den letzten Jahren ja immer mal wieder durchschimmerte) auch keine Konsequenzen gefolgt.

                      Bei der Union ist der Fall ja eher umgekehrt. Man ist längst (und nach kürzester Zeit) zu einer regressiven Einwanderungspolitik zurückgekehrt. Das einzige, was nicht erfolgt ist, ist der Kotau, der von den Rechten gewünscht wird.

                    • Stefan Sasse 9. Dezember 2019, 06:36

                      Das sieht die andere Seite jeweils komplett anders.

                • Stefan Sasse 8. Dezember 2019, 21:16

                  Sorry, aber Rücksichtnahme auf die Gefühle von Grünen und Linken ist jetzt wohl nicht gerade ein verbreitetes Phänomen.

          • Ralf 29. November 2019, 20:46

            Wobei auf die Themen der Wähler, die 2004-2007 zur LINKEn abgewandert sind, auch nicht eingegangen wurde. Die wurden auch ausgegrenzt. Und es hat funktioniert; die Partei blieb klein und von Regierungsverantwortung.

            Das ist nicht vergleichbar.

            Erstens sind damals wegen der breiten Hetzkampagne der gesamten etablierten deutschen Medien gegen die LINKE nur recht wenige Wähler von der SPD zur LINKEn abgewandert. Etwa 5%, was die Ergebnisse der LINKEn im Bund ungefähr verdoppelte. Der weitaus größere Teil enttäuschter Sozialdemokraten wanderte ab ins Lager der Nichtwähler, wo die Politik diese Menschen dann bequem ignorieren konnte.

            Bei der AfD haben wir hingegen in ostdeutschen Landtagen bereits ein Viertel Rechtsextreme sitzen. Das Problem, das sich bei der LINKEn noch kontrollieren ließ, ist bei der AfD dramatisch außer Kontrolle.

            Darüber hinaus gibt es, anders als bei der LINKEn, keine vereinigte Medienfront gegen die AfD. Die BILD-Zeitung betreibt laufend indirekte AfD-Propaganda und unterfüttert die Hetze, die die Menschen in die Arme der Rechtsextremen treibt. Auch die FAZ distanziert sich oft nicht wirklich. Und selbst in der Politik, insbesondere in der CDU, gibt es starke und prominente Kräfte, die den Schulterschluss suchen und damit die Nazis als “bürgerliche Kraft” legitimieren.

            Auch das gesellschaftliche Umfeld ist heute ein anderes. Das Internet hat 2019 eine andere Schlagkraft als 2004-2007 und Ältere und Ungebildetere, die beeinflussbarer und verführbarer sind, weil sie das Medium nicht kennen, sind User geworden, was sie zuvor noch nicht waren. Dazu hatte ich einen Artikel geschrieben.

            Im übrigen habe ich das Gefühl, wir reden nicht über das selbe, wenn wir sagen “über die Themen der AfD-Wähler” zu reden. Mir geht es darum zu thematisieren, wie man die abgehängten Regionen des Landes wieder einbinden kann. Wie man die Menschen mitnehmen kann. Wie man die Menschen wieder in vernünftig bezahlte Arbeit bekommt. Denn das sind die Hebel, die Menschen wieder zurück in die demokratische Mitte zu führen. Worum es mir hingegen dezidiert nicht geht ist, dass die etablierten Parteien die ausländerfeindliche Sprache und die Xenophobie, die Frauenverachtung und den Hass auf Homosexuelle von den Nazis übernehmen sollen, um diejenigen Wähler, die sich davon angezogen fühlen, “abzuwerben”.

            • Stefan Sasse 30. November 2019, 09:09

              Im Endeffekt wollte ich darauf auch raus. Es gab eine vereinte Front, Ausgrenzung, und die LINKE wurde nie sonderlich stark.

              • Ralf 30. November 2019, 11:46

                Im Endeffekt wollte ich darauf auch raus.

                Naja, da hast Du Dich jetzt schon ein bisschen selektiv auf meinen Kommentar bezogen … ^^ 😀

                Die „vereinte Front“ und die „Ausgrenzung“ sind nicht der einzige Grund, weshalb die LINKE nie stark geworden ist. Und die „vereinte Front“ und die „Ausgrenzung“ haben auch nur im Westen gewirkt und hatten vornehmlich auch nur dort ihren Ursprung und wurden von dort aus orchestriert. Im Osten hingegen war die PDS/Linkspartei/LINKE immer Volkspartei und daran änderten auch obige Effekte nichts. Im Osten gab es auch die Ausgrenzung weit weniger, zumindest von Seiten der SPD. 1994 begann unter Reinhard Höppner das Magdeburger Modell. 1998 führte Harald Ringstorff Mecklenburg-Vorpommern in die erste Rot-Rote Koalition.

                Im übrigen ist auch der Vergleich zwischen LINKEr und AfD äußerst zweifelhaft. Ob ein Pakt mit der PDS 1994, so kurz nach der Wende, in Ordnung war, darüber kann man streiten. Aber zumindest muss man der PDS von damals zugute halten, dass sie alles tat, sich inhaltlich von der SED zu distanzieren und zu signalisieren, dass sie nicht mehr die betonkommunistische Honnecker-Partei war. Die AfD hingegen lässt keine Gelegenheit aus zu signalisieren, dass sie die neue NSDAP ist und dorthin zurück will, wo die NSDAP 1945 aufgehört hat. Die LINKE Mitte der 2000er Jahre mit politischen Schmierenkampagnen ausgebremst zu haben, ist kein Ruhmesblatt der deutschen Mainstream-Medien und -Politik. Die Anhänger von mehr sozialer Gerechtigkeit damit in das Lager der Nichtwähler gedrängt zu haben und sie damit rabiat aus dem politischen Prozess herauskatapultiert zu haben, ist ebenfalls kein Ruhmesblatt. Und genau das fällt uns ja auch gegenwärtig auf die Füße, wenn wir zur Kenntnis nehmen müssen, dass die AfD immer auch gerade aus dem Lager ehemaliger Nichtwähler neue Unterstützer gewinnt. Eine ehrliche und faire Auseinandersetzung mit der LINKEn als demokratischem Konkurrenten, der wichtige soziale Anliegen vertritt, wäre ungleich positiver für unser politisches System gewesen, hätte eine starke AfD heute wohl verhindert und hätte Rot-Rot-Grün im Bund möglich gemacht, was auch das Verschleißen von CDU und SPD in permanenten Großen Koalitionen verhindert hätte. Anders als von der LINKEn geht von der AfD, die sich gerade in den letzten Jahren zu einer lupenreinen Neonazi-Partei gewandelt hat, eine immense Gefahr aus für unser Land. Wenn diese Typen auch nur in die Nähe einer Regierung kommen, kann der Sturz unserer Demokratie nicht mehr ausgeschlossen werden. Du selbst hattest ja letztens einen Artikel mit einem Szenario gepostet, wie sowas ganz leicht passieren kann. Innerhalb ganz weniger Jahre. Vorbild Ungarn. Vorbild Polen.

                • Stefan Sasse 30. November 2019, 16:14

                  Ich stimme dir in der Analyse völlig zu. Aber die Ausgrenzung im Westen funktionierte. Dass es aus unserer Sicht keine gute Idee war, teile ich. Und ja, die LINKE ist wesentlich weniger schlimm als die AfD. Aber die Mechanismen und Stellung im Parteiensystem sind vergleichbar.

    • Stefan Sasse 27. November 2019, 07:01

      Gedankenloser Ausdruck von Protest ist eine Sache. Das Problem sehe ich eher woanders. Ich habe diverse Leute im Bekanntenkreis, die sich über die ganze #Gamergate-Geschichte radikalisiert haben und die völlig normal und unauffällig sind – es sei denn, du kommst auf das Thema, wo sie plötzlich radikalste Positionen vertreten. Die hätten ohne zu Zögern Trump gewählt, nicht, weil sie ihn für besonders fähig oder gut befunden hätten, sondern weil er da in ihrem Team war und sie den ganzen Feminismus aus tiefsten Zügen verachten. Diese Leute wählten aktuell vielleicht nicht die AfD, oder „nur aus Protest“ (was für das Ergebnis eh egal ist), aber wenn die dann irgendwann zur echten Alternative werden und die Wahl sich wie 2016 auf Anstand oder Schmutz verengt…

      • TBeermann 27. November 2019, 10:30

        Ich denke auch, dass die AfD als Projektionsfläche für diese Zielgruppe eher ungeeignet ist.

        Gefährlich könnte es aber werden, wenn eine passendere Strömung an Fahrt gewinnt, etwa die Identitären, die ein hipperes Image haben. Da könnten wir nur eine charismatische Führerfigur vom Wegbrechen eines weiteren Segments sein.

        • Stefan Sasse 27. November 2019, 11:06

          Die GOP war auch kein Vehikel für solche Leute, bis Trump daherkam.

  • Ariane 28. November 2019, 14:08

    Danke für den Artikel.
    Ich finde, wir haben hier vornehmlich das Problem, dass die neue Medienöffentlichkeit – vornehmlich durch das Internet – eine riesige Einladung zur Selbstradikalisierung ist.

    Das betrifft junge Männer und da ist imo die Gefahr am größten, dass da reale Gefahr draus wird und die rumballern, alle letzten Amokläufer hatten ja Bezug auf solch abgeschlossene Foren, die mit Gamern oder Preppern oder Incels zusammenhingen und die überlappen sich ja eh alle gegenseitig.

    Das betrifft ältere (Männer), du hattest ja neulich das Beispiel von Don Alphonso. Aber wenn ich sehe, dass jetzt die sogenannten Qualitätsmedien diese wahnwitzige Merkelverschwörung um Rainer Wendt weitererzählen, möchte ich auch ein bisschen weinen.

    Das betrifft auch Frauen, die meiner Erfahrung nach eher anfällig für Esoterik-Quatsch sind. Da hab ich ähnliche Erfahrungen gemacht wie du mit den Gamern, völlig normale Leute und bei irgendeinem harmlosen Thema sprudeln plötzlich die verrücktesten Verschwörungsmythen heraus. Klar, die rennen nicht los und zerlegen die nächste Apotheke, aber gerade wenns um Impfskepsis oder medizinische Behandlung von Kindern geht, ist es eben mehr als ein privater verrückter Spleen.

    Das ist im Kern und im Kleinen ja gar nicht so neu, dass man eine gewisse Filterblase hat. Ich geh ja auch nicht zum Bayern-Stammtisch um über meine feministischen Ideen zu diskutieren, sondern mache das eher mit halbwegs Gleichgesinnten. Aber das Internet scheint das so zu verstärken, dass sich zumindest in bestimmten Bereichen richtige Gegenrealitäten aufbauen.

    • Stefan Sasse 28. November 2019, 14:25

      Das mit dem Esoterik-Bullshit ist ein Super-Vergleich, das passt in unseren Text zur toxischen Femininität seinerzeit.

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