Im Kern verbrecherisch – Kann man bei der Wehrmacht Leistungen würdigen?

Eine Forderung, die in rechten Kreisen periodisch immer wieder aufs Tablett kommt, ist, „Leistungen der Wehrmacht zu würdigen“. Die dahintergehende Idee ist erst einmal eingängig. Zwar waren Wehrmachtssoldaten immer wieder in Kriegsverbrechen verstrickt, aber nicht jeder von ihnen. Deswegen müsse man trennen zwischen den Verbrechen von Wehrmachtssoldaten und der Wehrmacht als Institution. Die militärischen Leistungen letzterer, die unter Militärhistorikern in Grundzügen relativ unumstritten sind, könne man dann würdigen. Eine ähnliche Diskussion liegt den Traditionen der Bundeswehr zugrunde; zuletzt geriet sie im Zusammenhang mit einem Bild des jungen Leutnants Helmut Schmidt in die Kritik (hier im Blog thematisiert).

Die Bundeswehr hat geregelt, dass die Wehrmacht als Ganzes „nicht traditionsstiftend“ sein kann:

„Der verbrecherische NS-Staat kann Tradition nicht begründen. Für die Streitkräfte eines demokratischen Rechtsstaates ist die Wehrmacht als Institution nicht traditionswürdig.“

Zum ersten Mal legte sie dies in dieser Deutlichkeit 1982 fest. Seither wurde der Traditionserlass immer stärker auf eine Trennung der Wehrmacht aus dem Traditionskorpus hinaus ausgelegt. Die Bundeswehr beruft sich darauf, dass die Tradition deutschen Militärs vor die Zeit des Grundgesetzes reicht. Das ist notwendig, um einen Anknüpfungspunkt für die Reichswehr, die kaiserliche Armee, die preußische Armee und die verschiedenen anderen Armeen des Deutschen Bundes sowie, natürlich, die Freiwilligenverbände der Befreiungskriege zu schaffen. Meines Wissens nach werden die Traditionslinien nicht über 1813 hinaus geschrieben.

Traditionslinien jenseits des Hakenkreuzes

Das Problem, das sich dabei offenkundig auftut, ist, dass diese Armeen nicht immer, sagen wir, für die vorbildlichsten Regierungen antraten. Wir tun uns heute glücklicherweise schwer mit der preußischen Obrigkeitshörigkeit und sehen die Aspirationen der Wilhelm’schen „Weltpolitik“ auch nicht unbedingt als nachahmenswert. Für die Marine etwa ist es somit schwierig, sich in eine direkte Linie mit einem imperialistischen Instrument wie der kaiserlichen Marine zu stellen, während das Heer durchaus Probleme damit haben dürfte, sich in eine direkte Linie mit „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten“ zu stellen. Auch die Ablehnung von Militäreinsätzen im Inneren hat eine lange, aus der Geschichte begründete Tradition.

Deswegen versucht sich die Bundeswehr seit mindestens 1982 an der Quadratur des Kreises.

Zum einen möchte man nicht darauf verzichten, sich auf die historischen Erfolge deutscher Militärtradition zu berufen. Von Clausewitz bleibt bis heute grundlegend relevant. Das Lützower Freikorps dient unserer Fahne als Inspiration. Die deutschen Armeen legten stets einen großen Fokus auf Infrastruktur und Mobilität, der sich mehrfach auszahlte. Und so weiter.

Zum anderen aber wurden dieselben Erfolge dazu benutzt, demokratische Revolutionen niederzuschießen, Nachbarn zu überfallen, Völkermorde zu verüben, aktiv mitzuarbeiten, einen Weltkrieg zu entfesseln und die erste deutsche Demokratie zu verraten. Und das ist, bevor die Nazis überhaupt ins Bild rücken.

Die Lösung der Bundeswehr hierfür ist, die Institutionen von den jeweiligen Einzelleistungen zu trenne. An und für sich ist das ein völlig normaler Vorgang; wir tun dasselbe in praktisch jedem anderen Bereich auch. So kann die Bundeswehr in ihren Seminaren problemlos von Clausewitz‘ strategischen Sachverstand hervorheben und gleichzeitig kritisch die Funktion der preußischen Armee als Repressionsinstrument betrachten.

Im Kern verbrecherisch

Die Wehrmacht allerdings, und damit sind wir beim Kern der Sache, konstituiert einen Sonderfall. Es ist nämlich problemlos möglich, die kaiserliche Armee zu loben und deren militärische Leistungen hervorzuheben (sie ist die vermutlich beste deutsche Armee, die je existiert hat), obwohl diese einen Anteil am Ausbruch des Weltenbrands des Ersten Weltkriegs hatte. Das liegt darin, dass der Hauptzweck der kaiserlichen Armee die Landesverteidigung darstellt. Dass das strategische Verteidigungskonzept den Präventivkrieg gegen Frankreich vorsah können wir kritisieren und verdammen und kritisieren, aber es disqualifiziert nicht die Marschleistungen des linken Flügels an der Marne.

Das gilt auch für die Frage von Kriegsverbrechen. Jede Armee verübt Kriegsverbrechen. Sie können praktisch nicht ausbleiben, wo mehrere Millionen junger Menschen tagtäglich von Gewalt umgeben sind. Legendär sind die Kriegsverbrechen deutscher Soldaten in Belgien 1914. Es wäre naiv anzunehmen, dass französische Soldaten sich signifkant anders verhalten hätten, wenn Plan XVII der erhoffte Erfolg beschieden gewesen wäre und die französischen Truppen auf Freiburg vorgerückt wären.

Die Wehrmacht aber ist ein gänzlich anderer Fall. Hier handelt es sich nicht um eine Armee zur Landesverteidigung, die auch Kriegsverbrechen begangen hat. Die Wehrmacht ist in ihrem Kern eine verbrecherische Organisation. Ihre gesamte Konzeption war von Beginn an auf Verbrechen ausgerichtet. So war sie dezidiert zur Vorbereitung und Durchführung eines Angriffskrieges ausgelegt. Vor diesem Hintergrund wurden in Nürnberg die Generäle wie Jodl abgeurteilt. Seit 1927 war dies nämlich durch eine auch von Deutschland unterzeichnete Übereinkunft – der Kellog-Briand-Pakt – illegal.

Doch damit nicht genug. Die Wehrmacht war außerdem von Beginn an für die Planung und Durchführung von Kriegsverbrechen ausgelegt. Hitler konzipierte seine Kriege von Beginn an als Rassenkriege. Der Vernichtungsaspekt war ihnen damit immanent. Von der ersten Stunde des Grenzübertritts nach Polen in den Morgenstunden des 1. Septembers 1939 war die Wehrmacht aktiv an Kriegsverbrechen beteiligt, bereite diese vor und führte sie in Teilen auch durch.

Dass die Hauptlast dieser Verbrechen bei nachgeordneten Einheiten der SS lag – den so genannten Einsatzgruppen – spielt dafür keine besondere Rolle. Denn sämtliche NS-Mordverbände waren für ihr Funktionieren unabdingbar auf die bedingungslose Zusammenarbeit der Wehrmacht angewiesen. Dass in der Frühphase des Krieges die Wehrmachtssoldaten und -offiziere sich die Finger selbst nicht schmutzig machten, ist ungefähr so bedeutsam wie die Ausrede der KZ-Wache, dass sie persönlich ja nicht gemordet habe.

Selbst in den ersten beiden Kriegsjahren war der Pfad der Wehrmacht bereits von Kriegsverbrechen gesäumt. Vor allem auf dem Balkan kämpfte die Armee von Beginn an einen wahren Vernichtungsfeldzug mit der geplanten Ermordung zehntausender von Zivilisten, eine Praxis, die auch auf Griechenland überschwappte, als das Land 1941 in einem improvisierten Feldzug überrannt wurde. Gerade die Fallschirmjäger, die sich lange als unpolitische Elitetruppe verstanden, vermieden es krampfhaft, sich mit den massenhaften Verbrechen ihrer Vorgänger auf Kreta auseinanderzusetzen, die ebenfalls von Beginn an von oben befohlen worden waren.

Dammbruch im Osten

Jeglicher Versuch, die Wehrmacht von den offensichtlich mörderischen Institutionen des NS-Verbrecherstaates zu trennen, wird spätestens 1941 zur Makulatur. Mit dem Unternehmen „Barbarossa“, dem Überfall auf die Sowjetunion, erhielt die Wehrmacht mehrere Befehle aus ihrer obersten Heeresleitung (OHL), die auch nach damaligen Maßstäben klar verbrecherisch, illegal und jenseits jeder Menschlichkeit waren und ihren Charakter als im Kern verbrecherische Organisation festschrieben.

Die wichtigsten dieser Befehle will ich kurz anreißen. Berühmt-berüchtigt ist der Kommissarbefehl, der alle Wehrmachtssoldaten dazu verpflichtete, Politkommissare der Roten Armee sofort nach Gefangennahme und Verhör zur ermorden. Gleiches galt für die Bekämpfung von „Partisanen“, ein Sammelbegriff, der in seiner bewussten Unbestimmtheit unterschiedslosen Massakern Tür und Tor öffnete und für Hunderttausende von Opfern aus den Händen von Wehrmachtssoldaten sorgte.

Am offenkundigsten aber wird der verbrecherische Charakter der Wehrmacht mit den Hungerbefehlen. Die Planung des Russlandfeldzuges sah vor, dass die Wehrmacht nicht aus Deutschland versorgt würde, sondern alle benötigte Nahrung requirierte. Der millionenfache Hungertod in den besetzten Gebieten wurde nicht nur billigend in Kauf genommen; er war im Geiste des Vernichtungskriegs erklärtes Ziel. Auch Planung und Durchführung des Holocaust wären ohne logistische Unterstützung der Wehrmacht nicht möglich gewesen.

Alliierte Kriegsverbrechen

Wir erkennen also, dass der wichtigste Unterschied der Wehrmacht (und übrigens auch der japanischen Armee) zu den alliierten Armeen in der Zielsetzung bestand. Auch die Rote Armee verübte auf ihrem Vormarsch nach Westen in flächendeckendem Ausmaß Kriegsverbrechen. Diese waren allerdings nicht das erklärte Ziel Stalins; entsprechende Befehle, etwa eine Analog für NS-Führungsoffiziere zum Kommissarbefehl, wird man vergeblich suchen. Es wäre zu viel Naivität anzunehmen, ein brutaler Massenmörder wie Stalin hätte auch nur einen Gedanken daran verschwendet, die Praxis einzudämmen.

Er gab aber nie Befehle für Massenmorde aus, ließ nie absichtlich die Genfer Konvention brechen (die er nicht unterzeichnet hatte). Stalins Kriegsverbrechen entstehen aus reiner Ignoranz, aus einem Unterlassen jeden Versuchs, die Wirkung des Krieges auf Zivilisten oder Gefangene einzuhegen. Angesichts der Brutalität gegenüber seiner eigenen Bevölkerung und den Morden an der Elite der ostueropäischen Länder ist diese Zurückhaltung mehr als bemerkenswert. Es sprengte den Rahmen dieses Artikels, eine entsprechende Untersuchung für die Rote Armee zu unternehmen, aber sie ist bestenfalls partiell als eine im Kern verbrecherische Organisation einzustufen. Dass man als Betroffener wenig Unterschied zu einem schwedischen Kriegshaufen des Dreißigjährigen Krieges verspürt haben dürfte, ist davon unbenommen.

Anders sieht es bei den Westalliierten aus. Die Kriegsverbrechen, die in ihren Reihen verursacht wurden, sind in Europa überwiegend spontane Ereignisse auf individueller Truppenebene, die bestenfalls nachlässig verfolgt wurden. Schwieriger einzuordnen sind die Aktionen der Luftwaffe, deren unterschiedsloses Flächenbombardement den größten Vergleich zu deutschen Kriegsverbrechen hervorruft. Es ist schwer von der Hand zu weisen, dass hier der Tod von Zivilisten zumindest billigend in Kauf genommen wurde. Die Briten zumindest betrachteten das „moral bombing“ auch explizit als Strategie, wenngleich sie im Verlauf des Krieges wie die USAAF auch immer wieder schwankten und unterschiedliche Zielsetzungen ausprobierten.

Der Bombenkrieg, der seine ultimative Steigerung im Atombombenabwurf von Hiroshima und Nagasaki im August 1945 fand, ist allerdings in der Logik einer Eskalationsspirale einzuordnen, die sich wesentlich von der Natur deutscher Kriegsverbrechen unterscheidet. Zur Erinnerung: Die Wehrmacht betrachtete die Vernichtung von Zivilisten als ihre Kernaufgabe. Hitler plante seine östlichen Feldzüge explizit als Vernichtungskriege. Das ist für die Alliierten nicht der Fall. Sie betrachteten den Tod von Zivilisten als akzeptablen Preis zum Erreichen ihrer Ziele.

Diese Ziele bestanden darin, das Morden der verbrecherischen Wehrmacht so schnell wie möglich und, das ist entscheidend, unter so wenig Verlusten wie möglich für die eigene Seite zu beenden. Besonders die Briten waren durch die gewaltigen Verluste des Ersten Weltkriegs nachhaltig traumatisiert. Die komplette britische Strategie im Zweiten Weltkrieg sah die Vermeidung von Verlusten als höchste Priorität; eine Priorität, die von den USA als demokratischer Nation, die sich auch im Krieg Wahlen stellen musste, geteilt wurde.

Die Konsequenz war, dass die Westalliierten grundsätzlich so viel Feuerkraft wie möglich konzentrierten. Das führte, wie etwa in Crailsheim 1945, zur völligen Vernichtung von Städten oder Dörfern, die nicht kapitulierten, weil man den Verteidigern nicht den Gefallen tun wollte, einen Häuserkampf zu führen, der riesige eigene Verluste bedeutete. Wo diese Logik für die Artillerieabteilungen der jeweiligen Heere galt, galt sie in verstärktem Maße für die Luftwaffen.

Der Luftkrieg

Seit den 1920er Jahren hatten Theoretiker des Luftkriegs das strategische Bombardement als Lösung aus der Falle gesehen, wie im Ersten Weltkrieg einen „Fleischwolf“ zu entwickeln. Verfechter dieses Bombardements sahen es als Mittel zur Verlustvermeidung auf beiden Seiten (natürlich mehr auf der eigenen, aber grundsätzlich beiden). Dass dies nicht funktionierte, war den Beteiligten nicht klar. Erst Studien nach dem Krieg belegten zweifelsfrei die Wirkungslosigkeit von moral bombing (und, was gerne vergessen wird, die Effektivität strategischen Bombardements gegen Verkehrsanlagen und Industrie).

Zudem sollte man nicht vergessen, dass es die deutsche Luftwaffe war, die das strategische Bombardement als Mordmittel gegen Zivilisten begann. Von den ersten Septembertagen 1939 an war die Luftwaffe in mörderischer Absicht Bomben auf Warschau; Rotterdam und Coventry standen später als Symbole für deutschen Vernichtungswillen und Barbarei. Die Alliierten nahmen daher nicht völlig zu Unrecht für sich in Anspruch, nur auf deutsche Praxis zu reagieren. Dass die ineffektive deutsche Kommandowirtschaft nie in der Lage war, das Ausmaß alliierten Bombardements zu erreichen, liegt sicherlich nicht am fehlenden Willen der Kommandeure zur Vernichtung.

Fazit

Wir wollen daher zusammenfassen. Die Wehrmacht ist im Zweiten Weltkrieg singulär in ihrer Anlegung als Instrument des Vernichtungskrieges. Sie spiegelt damit die Singularität des Holocausts: Konzentrationslager waren per se keine neue Idee. Die Briten nutzten sie im Burenkrieg, und Stalin verwandelte mit den Gulags sein Land in ein einziges riesiges Lager. Der Unterschied war die Zielsetzung. Die Deutschen waren allein darin, ihre Institutionen als Vernichtungsinstrumente zu begreifen.

Die Festlegungen der Bundeswehr sind daher ein wichtiger Präzedenzfall, und sie ist nicht nur für die Armee relevant. Auch die deutsche Gerichtsbarkeit tat sich lange Zeit schwer damit, sich nicht in eine Tradition mit der Nazi-Justiz zu stellen. Man denke nur an Filbingers völliges Unverständnis von „Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein“. Selbstverständlich kann es das. Das anzuerkennen war für alle betroffenen Institutionen ein schmerzhafter und anstrengender Prozess.

Das anzuerkennen ist aber entscheidend dafür, die Frage nach den Leistungen der Wehrmacht zu klären. Sicherlich gab es auch brillante Juristen im dritten Reich. Aber sie standen im Dienst eines Unrechtssystems. Wir würdigen auch nicht die herausragenden Leistungen der DDR-Grenzer im Abschotten ihres Staates oder die beeindruckend Spitzel-Abdeckung der Stasi. Leistungen der Wehrmacht lassen sich nicht würdigen, weil sie im Dienste eines verbrecherischen Systems für verbrecherische Ziele in einer verbrecherischen Institution errungen wurden.

Jeder Versuch, dies trotzdem zu tun, ist ein Versuch, den epochalen Einschnitt, die Singularität der Verbrechen des Nationalsozialismus‘ zu relativieren. Es ist der berüchtigte „Fliegenschiss“ Gaulands. Ebenso wie sich jeder LINKE-Politiker außerhalb des demokratischen Konsens‘ stellt, der versucht, den Mauerbau als notwendige strategische Maßnahme zu relativieren, so stellt sich jeder außerhalb des demokratischen Konsens, der den Kern des NS-Regimes verleugnet.

Und das tut, ob bewusst oder unbewusst, jeder, der glaubt, die Leistungen dieser Epoche würdigen zu wollen.

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  • Ralf 21. September 2019, 16:28

    Ich finde Deine Argumentation reichlich selektiv.

    Zunächst einmal störe ich mich – unabhängig von Deinem Text hier – ganz grundsätzlich an Feststellungen wie „die Deutschen haben den Zweiten Weltkrieg begonnen“. Denn die Deutschen sind eine sehr große Gruppe. Diese Gruppe schließt deutsche Sozialdemokraten ein, die unter Lebensgefahr gegen das Ermächtigungsgesetz der Nazis stimmten. Sie schließt deutsche Juden ein, die zu Millionen von den Nazis in Vernichtungslagern ermordet wurden. Sie schließt deutsche Widerstandskämpfer ein, die systematisch von den Nazis verfolgt und getötet wurden, wenn man ihrer habhaft werden konnte. Sie schließt Zeugen Jehovas ein, die den Dienst an der Waffe verweigerten und deshalb von den Nazis in Konzentrationslagern gequält wurden. Und so weiter, und so weiter. Offensichtlich können wir die Schuld für den Zweiten Weltkrieg nicht diesen Menschen auf die Schultern laden. Wer aber hat dann den Krieg begonnen? Die Antwort ist eigentlich recht naheliegend. Die Nazis haben den Krieg begonnen. Nicht „die Deutschen“.

    Aus den selben Gründen – und hier ist es dann nicht mehr unabhängig von Deinem Text – ist auch die Aussage „die Wehrmacht hat den Zweiten Weltkrieg begonnen“ falsch. Es sei denn man macht aus der simplen Umbenennung der Reichswehr in „Wehrmacht“ 1935 einen Riesenvorfall und tut so, als hätten die Nazis dabei de novo eine komplett neue Organisation aus der Taufe gehoben. Tatsächlich sah es zu Beginn der Naziherrschaft eine Weile so aus, als ob genau das passieren könnte. Teile der SA träumten davon die Reichsarmee faktisch zu ersetzen. In dem Szenario wäre die Reichswehr dann vollständig aufgelöst worden und an ihre Stelle wäre eine Nazi-Armee getreten. Hitler entschied sich aber dagegen, weil er die Unterstützung der Generalität für seine Pläne brauchte und weil die Auflösung der Reichswehr extrem unpopulär in der konservativen Bevölkerung gewesen wäre. Also löschte er stattdessen im Rahmen des „Röhm-Putsches“ die SA aus, die ab dann zu einer reinen Folklore-Truppe ohne Machtbasis wurde. Und setzte eben voll auf die Reichswehr, die zwar umbenannt wurde, die aber keine bedeutenden strukturellen Veränderungen durchlief. Die Folge ist, dass die Wehrmacht und die Reichswehr identisch sind. Wer zuvor ein hohes Tier in der Reichswehr gewesen war, war auch nach der Umbenennung der Truppe in „Wehrmacht“ ein hohes Tier. Wer zuvor ein kleiner unbedeutender Soldat in der Reichswehr gewesen war, war auch nach der Umbenennung der Truppe in „Wehrmacht“ ein kleiner unbedeutender Soldat. Wenn die Reichswehr also traditionsstiftend ist, dann muss das auch für die Wehrmacht gelten. Andernfalls wäre es das selbe, als wenn Du die Verwandtschaft zu Deiner Schwester selektiv ab dem Zeitpunkt abstreitest, bei dem sie durch ihre Heirat den Nachnamen gewechselt hat. Philosophisch lässt sich natürlich alles irgendwie begründen, aber auf der Basis von harten Fakten – also genetisch gesehen – ist das ein nicht haltbarer Standpunkt.

    Und für die Reichswehr/Wehrmacht gilt das gleiche, was praktisch für jede Armee der Welt gilt. Sie ist sowohl für die Landesverteidigung als auch für Angriffe auf andere da gewesen. Die Angriffe nennt man zuhause halt nur meist nicht „Angriffe“, weil das in der Bevölkerung in der Regel unpopulär ist. Stattdessen heißt so etwas im modernen Orwell Neusprech „Friedensmission“ oder „Friedensintervention“. Auch die Nazis haben ja niemanden angegriffen, sondern lediglich „ab 5 Uhr 45 zurückgeschossen“. Aber der Inhalt ist immer der selbe. Manchmal ist eine Armee natürlich so klein und schwächlich, dass sie es sich schlicht nicht leisten kann Angriffskriege zu starten (und wahrscheinlich wäre sie dann auch zur Landesverteidigung untauglich). Manchmal – besonders nach einem langen, schrecklichen Krieg wie dem Zweiten Weltkrieg – ist die Bevölkerung des Krieges zu überdrüssig. Dann müssen die Regierenden wohl oder übel ein paar Jahrzehnte warten, bis sich diese Stimmung wieder entspannt. Aber praktisch jedes Land, das stark genug ist, setzt seine Armeen letztlich insbesondere offensiv ein. Entweder um neues Land direkt zu erobern. Oder aber um Einflusszonen zu sichern, Handelsrouten zu kontrollieren, politische Freunde zu stärken oder politische Gegner zu schwächen. Manchmal wird geschossen. Manchmal wird nur gedroht. Manchmal sterben nur ein paar wenige Opfer. Manchmal sterben Hunderttausende. Und das läuft seit Anbeginn der Menschheit so. Im antiken Rom war das nicht anders als im Frankreich Napoleons. Im Wilhelminischen Deutschen Reich war das nicht anders als in den heutigen USA. In der kommunistischen Sowjetunion war das nicht anders als in Hitlers Nazireich.

    Und was Armeen im historischen Wandel immer gemeinsam hatten, war dass die meisten Soldaten arme Teufel waren; Mitläufer, die viel lieber ihr eigenes Leben weitergelebt hätten, als hungernd in irgendeinem Schützengraben zu sterben. Wäre die Teilnahme an Kriegen freiwillig und könnte jeder Soldat, wann immer er will, nach Hause gehen, dann hätte es in der Geschichte herzlich wenig Kriege gegeben. Auch der Zweite Weltkrieg hätte so kaum stattgefunden. Armeen wissen schon, weshalb es Einberufungspflichten, Fahnenfluchtgesetze und Militärgerichte gibt. Und so sind es eben nicht die einfachen Soldaten, die die Entscheidung fällen die Sowjetunion zu überfallen. Oder Polen. Oder den Irak. Es sind die Regierenden, die die Verantwortung und die Entscheidungsgewalt haben. Es sind die Regierenden, die den Expansionsdrang vorgeben. Es sind die Regierenden, die Kriege beginnen. Nicht das Fußvolk. Und deshalb hat auch nicht die Reichswehr/Wehrmacht Polen überfallen. Sondern die Nazis. Ein kleiner, aber bedeutender Unterschied.

    Und so steht es uns nicht zu die Wehrmacht selektiv aus der Traditionslinie der Bundeswehr zu löschen. Wenn unsere Soldaten in irgendwelchen Einsätzen etwa am Hindukusch Menschen ermorden – entweder indem wir selber schießen oder indem wir anderen helfen, die schießen wollen – dann stehen wir in direkter Tradition der Verbrechen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, die wiederum in direkter Tradition der Verbrechen der Reichswehr im Ersten Weltkrieg steht und die wiederum in der Tradition der Verbrechen ihrer Vorläuferorganisationen steht.

    Darf man die militärischen Leistungen von Armeen würdigen? Diese Leistungen bestehen fast immer aus Massenmord und Verbrechen. Mir fällt kein gutes Argument für eine Würdigung ein. Aber wenn man die heutigen Verbrecher würdigen darf und die Verbrecher des 19. Jahrhunderts, dann leuchtet mir nicht ein, weshalb die Verbrecher des 20. Jahrhunderts da ausgenommen werden sollten.

    • Stefan Sasse 21. September 2019, 18:37

      Danke für den ausführlichen Kommentar.

      1) Ich verstehe, dass die Formulierung dich stört, aber das ist eine recht typische Formulierung, die ohne Kollektivschuld und Wertung daherkommt, sondern eher die handelnden Akteure zusammenfasst – eine Kurzform für „die Entscheidungsträger des Deutschen Reichs“, gewissermaßen. So wie auch „die Amerikaner“ auf Pearl Harbor reagieren, etc.

      2) Ich meinte die Reichswehr in der Weimarer Republik, das hätte ich klarer formulieren müssen, sorry. Es spielt allerdings faktisch keine große Rolle. Die Reichswehr bis 1935 war ohnehin nicht in der Lage, einen Angriffskrieg zu führen – das war nur die Wehrmacht. Daher ja auch die Reformen und die Umbenennung.

      3) Sorry, aber ich muss dir hier entschieden widersprechen. Wie im Text deutlich gemacht war die Wehrmacht dezidiert NICHT ein Instrument zur Landesverteidigung, sondern eines, das ausschließlich zum Angriff geschaffen wurde. Und das ist reichlich singulär.

      4) Wie gesagt, etwas anderes wollte ich nie zum Ausdruck bringen.

      5) Du verwechselst hier zwei entscheidende Ebenen: Niemand will etwas aus der GESCHICHTE löschen. Wir löschen die Wehrmacht aus der TRADITIONSLINIE der Bundeswehr, also dem positiven Bestand, aus dem sie ihre heutige Identität zieht. Das ist, um deine Worte zu verwenden, ein feiner, aber bedeutender Unterschied.

      6) Man kann sehr wohl die Leistung Moltkes in der Sedan-Schlacht würdigen. Du gehst hier ein bisschen arg in Relativismus über.

    • Kning4711 22. September 2019, 10:43

      Ich denke schon das militärische Leistungen von Armeen gewürdigt werden dürfen, sofern Sie einem übergeordneten Ziel dienen. So ist die Leistung der alliierten Soldaten die gegen die Wehrmacht zu Feld zogen durchaus zu würdigen. Wer schon mal an den Soldatenfriedhöfen der Normandie war kann ermessen, welche menschlichen Opfer gebracht wurden um der Nazi Tyrannei ein Ende zu setzen.
      Auch der Opfer der Sowjet-Soldaten sollten wir Gedenken, denn die Rote Armee trug hinsichtlich menschlicher Opfer die Hauptlast des Krieges.

      Wenn die Bundeswehr Traditionslinien aus der Wehrmacht ableiten wollte, dann sollte Sie den militärischen Widerstand bemühen. Ich meine damit nicht den Kreis um Staufenberg und Co, sondern diejenigen Soldaten niederer Ränge, die im Angesichts des Unrechts Juden und Verfolgte retten oder sich um die Schonung von Gefangenen und Zivilbevölkerung bemühten.

      Die Bundeswehr hat dem bereits Rechnung getragen, in dem Sie Kasernen nach Ihnen benannte, aber ich denke für das Selbstverständnis ließe sich mehr ableiten.

      • Ralf 22. September 2019, 11:57

        Ich denke schon das militärische Leistungen von Armeen gewürdigt werden dürfen, sofern Sie einem übergeordneten Ziel dienen.

        Auch Hitlers Krieg diente einem übergeordneten Ziel. Wir lehnen dieses Ziel nur heute als moralisch verwerflich ab. Und wenn Sie so argumentieren, machen Sie sich völlig abhängig von Moralmeinungen, die zu irgendeinem Zeitpunktpunkt mal geherrscht haben. Im Dritten Reich werden Sie etwa nur wenige Menschen gefunden haben, die eine „Eroberung von Lebensraum“ per se für moralisch falsch hielt. Ähnlich verhält es sich mit der Motivlage des Ersten Weltkriegs, der anfangs enorm populär war. Das Erobern des Gegners galt als inhärent positiv. Freiwillige haben sich in Massen mit Blumen am Gewehr zur Front gemeldet. Erst nach ihrer Ankunft dort und einigen Monaten im Schützengraben, realisierten die meisten, dass das Abenteuer eben doch nicht so großartig war wie versprochen. Aber auch dann wurden mehr die Mittel und Zustände kritisiert als das zugrundeliegende Ziel.

        Wer schon mal an den Soldatenfriedhöfen der Normandie war kann ermessen, welche menschlichen Opfer gebracht wurden um der Nazi Tyrannei ein Ende zu setzen.

        Ich habe die Soldatenfriedhöfe in der Normandie besucht. Der letzte Gedanke, den ich beim Anblick von Kreuzen bis zum Horizont hatte, war der von „Leistung“. Stattdessen ist dies ein Ort der Trauer. Ein Ort der tiefen Betroffenheit darüber, dass dieses Meer von Toten nötig war.

        Wenn die Bundeswehr Traditionslinien aus der Wehrmacht ableiten wollte, dann sollte Sie den militärischen Widerstand bemühen.

        Das klingt für mich sehr nach „aus der Verantwortung schleichen“. Für die Verbrechen der Vergangenheit sind andere verantwortlich. Wir haben nichts damit zu tun. Nein, wir sind sogar der Widerstand. Wir sind die, die immer auf der richtigen Seite standen …

        Geschichte kann man sich nicht aussuchen. Seine Verwandten kann man sich nicht aussuchen. Seine unmittelbaren Vorgänger kann man sich nicht aussuchen. Man kann nur streben, alte Fehler nicht zu wiederholen. Und das fängt damit an, dass man offen und ehrlich zu seiner Tradition steht und diese nicht klammheimlich sauberwäscht.

        • Stefan Sasse 22. September 2019, 19:44

          Die deutsche Gesellschaft war in der Frage der Kriegsziele des Ersten Weltkriegs tief gespalten und diskutierte diese auch während des Krieges heftig durch. Ein großer Teil der Bevölkerung sah den Konflikt als Verteidigungskrieg und wehrte sich gegen jede Annexionen (etwa große Teile der SPD). Im Bürgertum gab es zwar viele, die Annexionen forderten – aber teilweise erst im Verlauf des Krieges. Das ist wesentlich komplexer, als du es hier darstellst. Und erneut: schon im WK1 wussten die Leute, dass Krieg für Gebietsgewinn falsch war, weswegen ja alles auch entsprechend verbrämt wurde. Auch im WK2 war bekannt, dass Angriffskriege für Lebensraum falsch war, und sehr viele Deutsche lehnten das ab – und bezahlten diese Ablehnung mit ihrem Leben.

          Nun, dann ticken wir was die gefallenen Alliierten angeht offenbar anders.

          Erneut, es geht nicht um die Frage der Anerkennung der Geschichte, sondern ob du sie als sinnstiftend für dich siehst.

          • Ralf 22. September 2019, 19:59

            Und erneut: schon im WK1 wussten die Leute, dass Krieg für Gebietsgewinn falsch war, weswegen ja alles auch entsprechend verbrämt wurde. Auch im WK2 war bekannt, dass Angriffskriege für Lebensraum falsch war, und sehr viele Deutsche lehnten das ab – und bezahlten diese Ablehnung mit ihrem Leben.

            Ich halte Deine Einschätzung für reichlich aus der Retrospektive gefärbt. Du siehst halt selektiv, was Du sehen willst, nimmst aber nicht die Haltung des Durchschnittsbürgers wahr. Auch im antiken Rom gab es zum Beispiel Philosophen, die die Sklaverei als falsch und unmenschlich verurteilten. Aber zu keinem Zeitpunkt war das damals auch nur annähernd eine Mehrheitsmeinung. Ähnliches gilt für die Haltung zu Angriffskriegen im vorbundesrepublikanischen Deutschland. Ja, sicher hat es einzelne gegeben, die etwa die aggressive Expansion der Kolonialmächte für verwerflich hielten. Aber eine Mehrheitsmeinung ist daraus nie geworden. Sonst hätte man nicht offen “Platz an der Sonne”-Reden halten können. Und die Briten und die Franzosen blicken heute noch verklärt-nostalgisch auf ihr ehemaliges Weltreich zurück. Unsere Skepsis bezüglich Eroberungen ist eine direkte Folge des Zweiten Weltkriegs und blickt nicht auf eine jahrhundertealte Tradition zurück.

    • Erwin Gabriel 23. September 2019, 08:32

      @ Ralf

      Auch Dir meinen Dank für Deine Antwort, die vieles klarer und prägnanter formuliert, als ich es hätte ausdrücken können. Ich hätte nicht gedacht, dass wir an der Stelle so dicht beieinander liegen.

      Wo ich Stefan folgen kann, ist, dass die Intention der Wehrmacht die der Aggression war, bei anderen Armeen war vielleicht immer ein sowohl als auch. Wo ich Dir zu 100 % zustimmen muss: Jedesmal, wenn ein Staatenlenker der Meinung war, dass seine Armee einem Feind überlegen war, griff er auch an. Ich zumindest für die Neuzeit ein keinen anderen Fall parat.

      • Jens 23. September 2019, 12:02

        Bei anderen Armeen gab es in der Regel aber nicht das Ziel ganze Bevölkerungsgruppen auszulöschen. Diesem Ziel war letztlich auch die Wehrmacht verpflichtet und zwar schon bevor der erste Wehrmachtstiefel in Polen seinen ersten Schritt tat.

        Die Britische Armee war überall auf der Welt alles andere als ziemperlich. Deren Ziel war aber letztlich die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes aber nicht die Ermordung ganzer Bevölkerungsgruppen. Das gab es höchstens als Vergeltungsmaßnahme, war aber nie primäres Ziel.

        Insofern bin ich hier ganz bei Sasse.

        • Ralf 23. September 2019, 12:10

          Das Problem an dieser Argumentation ist, dass es für die betroffenen Bevölkerungsgruppen herzlich gleichgültig ist, ob sie unter dem Hintergrund eines Genozids ermordet werden oder “lediglich” unter dem Hintergrund des Raubs ihrer wirtschaftlichen Ressourcen.

          • Stefan Sasse 23. September 2019, 16:54

            Ja, aber nicht uns als den Nachkommen, die überlegen, ob sich daraus Traditionslinien ableiten lassen.

            • Ralf 23. September 2019, 20:59

              Mir ist nicht klar, wo Du da ableitungswürdige Traditionslinien siehst. Du stellst hier immer wieder als ein Alleinstellungsmerkmal heraus, dass die Wehrmacht ausschließlich dafür gegründet wurde Verbrechen zu begehen. Aber das ist historisch unrichtig. Die Wehrmacht ist nicht von den Nazis „gegründet“ worden. Sie ist lediglich unter den Nazis umbenannt worden. Die ganzen Verbrecher des Vernichtungskrieges, die Dir zurecht so übel aufstoßen – Friedrich Paulus, Erich von Manstein, Alfred Jodl, Hermann Göring, Wilhelm Keitel, Wilhelm List, um einfach nur mal ein paar Top-Namen zu nennen – waren alle Teil der Reichswehr in der Weimarer Republik vor der Umbenennung. Weshalb die Teil der Traditionslinie der Bundeswehr sind, die gewürdigt werden soll, während exakt die selbe Truppe ein paar Jahre später nur wegen eines geänderten Namens auf einmal nicht mehr erinnerungswürdig ist, bleibt Dein Geheimnis.

              Auch ist das gezielte Aufstellen einer Armee allein zum Zwecke des Begehens von Verbrechen kein Alleinstellungsmerkmal der deutschen Wehrmacht. Die Kolonialtruppen der Deutschen, der Engländer, der Franzosen, der Belgier, der Spanier, der Portugiesen, der Niederländer und der Italiener sind ebenfalls ausschließlich zum Zwecke des Begehens von Verbrechen aufgestellt worden. Nämlich zur Plünderung, zur menschenrechtswidrigen Unterdrückung und zur systematischen Ausbeutung von Millionen Menschen. Wenn sich die in den Staub Getretenen nicht mit ihrer Rolle als Untermenschen abfanden, wurden sie wie Ungeziefer gezielt eliminiert. Bis hin zum Völkermord. Siehe etwa die Verbrechen der deutschen Kolonialtruppen an den Hereros in Deutsch-Südwestafrika. Aber diesen Morden wohnte mehr Profitstreben inne als Rassenfanatismus. Also eine Traditionslinie, die es zu würdigen gilt?

              Ich befürchte, Dein Problem ist hier das selbe, das jeder Historiker hat, der gerne stolz auf eine Armee sein möchte. Armeen sind eben Vernichtungsmaschinen. Sie sind zum Töten da. Morden, Metzeln, Einschüchtern sind ihre Aufgaben. Das passt so furchtbar schlecht mit unserem Selbstbild zusammen. Und so kann man Armeen und ihre Führer nur dann würdigen, wenn man ihr blutiges Tagesgeschäft, die tausenden Toten, die schwerverletzten Opfer, die Waisen, die zerbombten Häuser, all das Leid, all die Tragödien zur Seite wischt. Was nach dieser künstlichen Sauberwaschung übrigbleibt, ist nur noch die geographische Verschiebung von Grenzen, die siegreiche Unterwerfung von Gegnern, die Schaffung von Weltreichen. Interessiert eigentlich noch irgendwen mit welchen Methoden Alexander der Große sein Weltreich zusammeneroberte? Hauptsache großer Feldherr und großes Reich. Schon kann man stolz sein und sich über Traditionslinien freuen. Und man freut sich ja auch. In Griechenland. In Makedonien. Und in Frankreich freut man sich über Napoleon. In Russland über Peter den Großen. In Spanien über Francisco Pizarro. Alles kein Problem solange die Toten, die Sterbenden, die Trauernden nur farbige Spielfiguren auf einem Brett sind und am Ende ein Sieger den Arm zur Victory-Geste heben kann. Und da möchten wir Deutschen natürlich auch unsere Traditionslinien haben. Und nicht abseits stehen.

              Ich denke, es wird wirklich mal Zeit sich zu fragen, worin der Nutzen bestehen soll, dass wir Mörder auf ein solches Podest heben, nur weil sie eine fancy Uniform trugen. Es gibt nun wirklich genug Positives in unserer Geschichte, an dem wir unsere Identifikation festmachen können …

              • Stefan Sasse 23. September 2019, 22:33

                Eine Armee wird ihre Traditionslinien schon aus dem militärischen Bereich und nicht der freiwilligen Feuerwehr herleiten wollen. Mein Eindruck ist, dass du eher grundsätzlich gegen Militär bist, oder?

                • Ralf 23. September 2019, 22:38

                  Ich erkenne die Notwendigkeit eines Militärs an. Zur Landesverteidigung. Für rein garnichts jenseits dessen.

                  Und ich wende mich gegen jede Form von Glorifizierung des Militärs. Es ist ein notwendiges Übel. Aber auch eine permanente Bedrohung unseres Wertesystems und damit eine Gefahr für unsere Gesellschaft. Und es hat eine furchtbare Geschichte. Ob mit oder ohne Naziregime. Nostalgie ist da meiner Meinung nach völlig fehl am Platz.

                  • Stefan Sasse 24. September 2019, 07:26

                    In dem Fall gibt es aber gar keine Traditionslinie, die du akzeptieren würdest, oder?

                    • Ralf 25. September 2019, 20:51

                      In dem Fall gibt es aber gar keine Traditionslinie, die du akzeptieren würdest, oder?

                      Ich befürchte, wir haben nicht die selbe Definition von “Traditionslinie”. Für mich ist eine “Traditionslinie” die Geschichte, die hinter einer Organisation steckt. Und diese Geschichte sollte man nicht cherry-picken. Es gibt auch eine erhebliche Kontinuität zwischen der Bundeswehr und der Wehrmacht. Ist ja nicht so, dass die erste Generation an Offizieren der Bundeswehr alles Leute waren, die 1945 noch zu jung waren, um eingezogen zu werden. Unter dieser Hinsicht hat die Bundeswehr ein schweres Erbe, so wie die Bundesrepublik ein schweres Erbe hatte nach dem Krieg. Mit dieser Bürde gilt es umzugehen. Indem man seine “Traditionslinie” so selektiv auswählt, wie Du das vorschlägst, nimmt man hier aber die Abkürzung. Statt sich seinem Erbe und seiner Tradition zu stellen, löscht man Unbequemes einfach aus der Geschichte. Oder zumindest aus der Wahrnehmung.

                    • Stefan Sasse 25. September 2019, 22:37

                      Naja, ich war immer dafür, diesen Mist komplett rauszunehmen und sich nicht auf Wehrmachtstäter zu berufen, wie ich im verlinkten Titel ja an Helmut Schmidt schon durchexerziert habe. Dessen demokratische Reife sollte nicht in Frage stehen, aber als Wehrmachtsleutnant taugt er trotzdem nicht – nicht zwingend wegen seiner (umstrittenen) Taten in der Wehrmacht, sondern weil sie eben eine verbrecherische Organisation war. Ich hätte jetzt weniger Probleme damit, würde die Bundeswehr etwa die militärischen Leistungen eines Leutnants Friedrich Ebert würdigen (fiktiver Fall natürlich, aber sollte klarmachen was ich meine).

              • Erwin Gabriel 25. September 2019, 17:55

                @ Ralf 23. September 2019, 20:59

                Du stellst hier immer wieder als ein Alleinstellungsmerkmal heraus, dass die Wehrmacht ausschließlich dafür gegründet wurde Verbrechen zu begehen. Aber das ist historisch unrichtig. Die Wehrmacht ist nicht von den Nazis „gegründet“ worden. Sie ist lediglich unter den Nazis umbenannt worden. Die ganzen Verbrecher des Vernichtungskrieges, die Dir zurecht so übel aufstoßen – Friedrich Paulus, Erich von Manstein, Alfred Jodl, Hermann Göring, Wilhelm Keitel, Wilhelm List, um einfach nur mal ein paar Top-Namen zu nennen – waren alle Teil der Reichswehr in der Weimarer Republik vor der Umbenennung.

                Zustimmung

                Mir geht es nicht darum, Verbrechen oder Verbrecher zu glorifizieren. Ich sehe halt das Alleinstellungsmerkmal nicht zwischen den politischen/wirtschaftlichen Zielen „Lebensraum im Osten um jeden Preis“ oder „Kolonien erobern und ausbeuten um jeden Preis“.

                „Um jeden Preis“ bedeutet überall das Gleiche.

                • Stefan Sasse 25. September 2019, 17:59

                  Nun, sich daran zu machen die komplette Bevölkerung eines Landstrichs industriell zu ermorden war nun nicht eben Bestandteil kolonialer Politik.

                  • Erwin Gabriel 26. September 2019, 13:05

                    @ Stefan Sasse 25. September 2019, 17:59

                    Nun, sich daran zu machen die komplette Bevölkerung eines Landstrichs industriell zu ermorden war nun nicht eben Bestandteil kolonialer Politik.

                    Nach dem, was ich verstanden habe, ging es auch nicht darum, die komplette Bevölkerung auszulöschen, sondern sie komplett zu unterwerfen, sie quasi zu Sklaven zu machen. So viel anders waren die Kolonialarmeen nicht unterwegs.

                    Nicht falsch verstehen: Ich finde widerlich, was im zweiten Weltkrieg im Osten geschah, und wenn mich irgendetwas dankbar gegenüber höheren Mächten macht, ist es die Tatsache, dass mir sowohl Opfer- als auch Täterrollen erspart blieben.

                    Ich glaube auch, dass wir bei der Bewertung der Taten einer Meinung sind, und dass die Diskussion über „Tradition“ und Gegenüberstellungen zu anderen Massakern irgendwie peinlich, kleinlich und belanglos sind.
                    Ich leugne auch nicht die besondere und schwere Schuld der Wehrmacht; ich sehe sie nur bei anderen auch.

                    Wenn es einen anständigen Weg gibt, die militärischen Leistungen der Wehrmacht vom Sonstigen zu trennen, so wie es die USA, UK, Frankreich etc auch schaffen, fände ich das gut.

                    Aber ich bin nicht die letzte Instanz, das zu entscheiden, und will die auch nicht sein.
                    Wie gesagt, vor Deinem Artikel war ich da etwas fester in meiner Meinung, also nochmal Danke für die nachdenklichen Stunden.

                    • Stefan Sasse 26. September 2019, 15:02

                      Teils teils. Die polnische Bevölkerung etwa sollte auf ein Niveau herunter ermordet werden, auf dem niemand mehr Bildung als etwa die vierte Grundschulklasse besitzt. Jeder Pole, der mehr gewusst oder gelernt hätte, wäre auch danach ermordet worden. Die Briten taten zwar wahrhaftig wenig für die Bildung der Inder, aber Ghandi studierte in Großbritannien. Das wäre im Deutschen Reich unmöglich gewesen. Und da fangen wir noch nicht mal mit den Juden an, für deren Ermordung es überhaupt keinen Vergleich bei den anderen Ländern gibt. Das ist singulär.

                      Danke!

      • Stefan Sasse 23. September 2019, 16:48

        Ist halt auch schwierig die vielen potenziellen Kriege, die nicht stattgefunden haben, gegen die stattgefundenen aufzuwiegen. Ich halte das für die fundamentale Fehleinschätzung. Krieg ist tatsächlich deutlich seltener geworden.

  • Erwin Gabriel 23. September 2019, 07:05

    Hallo Stefan,

    erst einmal vielen Dank für Deinen ausführlichen Artikel und für Deine sachliche Argumentation. Ich habe das Thema noch nie auf diese Art und in dieser logischen Knappheit präsentiert bekommen (werde in der Schule noch in der Bundeswehr), sondern stets mit Pathos und deutlich moralischem Überhang.

    Zumindest ist es Dir gelungen, die absolute Grundsätzlichkeit meiner Sicht ein wenig zu erschüttern. So unangehm dieses Gefühl auch ist – ich möchte mich dennoch bedanken für einen Artikel, der meine Sicht erweitert hat.

    • Stefan Sasse 23. September 2019, 16:47

      Sehr gerne, und danke für die offene Rezeption.

      • Erwin Gabriel 25. September 2019, 18:01

        @ Stefan Sasse 23. September 2019, 16:47

        Sehr gerne, und danke für die offene Rezeption.

        Auch nochmal in aller Klarheit:

        Ich verstehe und aakzeptiere das Prinzip der Tradition, weil eine „Bundeswehr“ mit emotionaler Bindung an den Staat wichtig ist; wir brauchen keinen besseren/schlechteren Bundes-Security-Dienst.

        Und mich stört die Ungleichbehandlung: DIe Deutschen haben die Polen und Russen als Untemenschen wahrgenommen und umgebracht, die Engländer eben die Afrikaner oder Inder, die Amerikaner die Vietnamesen etc.

        • Stefan Sasse 25. September 2019, 22:34

          Absolut korrekt. Aber die Briten und Amerikaner haben die von ihnen verachteten Einwohner umgebracht, weil ihr Tod ihnen egal war. Hätten sie ihre Ziele erreichen können, ohne jemanden umzubringen, hätten sie es gemacht (nicht, dass sie ihre Ziele mit umbringen immer erreicht hätten…). Die Wehrmacht dagegen hatte ALS ZIEL, diese Menschen umzubringen. DAS ist der Unterschied. Dass sie alle ein rassistischer Haufen waren, für den die Menschenleben nicht-weißer bzw. nicht-mitteleuropäischer Menschen im Dutzend billiger zu haben waren, bleibt davon unbenommen.

          • Stefan Pietsch 26. September 2019, 11:32

            Die Briten bombardierten im 2. Weltkrieg zu einem nicht unwesentlichen Teil Zivilisten. Der Oberkommandierende für die Zerstörung Dresdens im Februar 1945 Arthur Harris wurde für das Kriegsverbrechen später ausgezeichnet. Schau‘ Dir die Bilder der Zerstörung sämtlicher deutscher Großstädte an und beschreibe das mit: nicht das Ziel, diese Menschen umzubringen.

            Ich weiß sehr wohl warum und wieso. Aber Du misst mit zweierlei Maß.

            • Stefan Sasse 26. September 2019, 14:56

              Die Briten töteten diese Zivilisten, um den Krieg zu beenden. Das war ein Verstoß gegen jedes Kriegsrecht, und es ist sicherlich ein Kriegsverbrechen. Sie taten es aber NICHT, um Zivilisten zu töten. Das ist der entscheidende Unterschied. Hätten die Briten aus ihrer Sicht den Krieg beenden können, ohne einen Zivilisten in Hamburg zu töten, hätten sie es getan. Hätten die Deutschen den Krieg gewinnen können, ohne einen Polen in Warschau zu ermorden, hätten sie die Bevölkerung der Stadt immer noch ermordet. Dieser Unterschied ist zentral.

  • derwaechter 23. September 2019, 10:30

    Ich finde es völlig unproblematisch zu sagen Schlacht XY war eine militärisch gute Leistung. Als Militärstratege kann man davon auch gerne lernen. Egal wer da gekämpft hat und warum.

    Aber das Bedürfnis die Wehrmacht zu würdigen? Das lässt doch meist auf andere, problematische Motive schliessen.

    • Stefan Sasse 23. September 2019, 16:49

      Exakt.

    • Erwin Gabriel 25. September 2019, 18:05

      @ derwaechter 23. September 2019, 10:30

      Aber das Bedürfnis die Wehrmacht zu würdigen?

      Nicht die Wehrmacht als Ganzes, aber ihre militärischen Leistungen.

      Ansonsten alles auszu blenden und zu sagen „geht uns nichts an“, ist feige. Auch das ist eine geschichtliche Wurzel der Bundeswehr, und sollte mahnend in Erinnerung gehalten werden.

  • cimourdain 23. September 2019, 22:53

    Meiner Ansicht nach hättest du da zwischen drei Aspekten der Rückschau auf vergangenes Militär differenzieren müssen, um zu erkennen, dass die Formel Wehrmacht pfui, kaiserliches Heer o.k. nicht ganz so zu halten ist:
    1) Militärdoktrin: Da ist es erstmal in den Bereichen Taktik, Strategie und Logistik egal,ob #böse# Armee oder nicht, man kann aus Fehlern und Erfolgen der Vergangenheit lernen. Es gibt allerdings einen wichtigen Unterschied, nämlich dass sich die Bundeswehr dem Kriegsvölkerrecht unbedingt verpflichtet. Die Wehrmacht hatte es bewusst ignoriert, aber auch die OHL in WWI hatte sich nicht ( Ja, die anderen Kriegsparteien auch nicht) an die Haager Landkriegsordnung gehalten (z.B. Überfall auf Belgien, Behandlung von Kriegsgefangenen, Giftgaseinsatz… ).
    2) ‚Innere Führung‘ Hier ist in der Bundeswehr doch der Spagat da einerseits zwischen ‚Befehl und Gehorsam‘ und dem ‚Staatsbürger in Uniform‘ ( Da ist der berüchtigte ‚Kadavergehorsam‘ vergangener Krieger sicher kein Vorbild ) und andrerseits zwischen ‚Einsatz für Menschlichkeit im weitesten Sinne‘ und ‚Durchsetzen von Kriegszielen mit Waffengewalt‘ ( Hier finde ich die Idee von ‚Kning4711‘ und Ralf sehr interessant: Könntest du dich an irgendeinen Soldatenfriedhof hinstellen und wertfrei sagen ‚Ja, hier hat effiziente Leistung gezeigt.‘ ? Wohl kaum.)
    3) Traditionspflege: Brauchtum Rituale etc.. Hier ist ein Rückgriff auf den Nationalismus des 19. und frühen 20. Jahrhundert schon allein deswegen kontaminiert, weil sich eben auch die Nazis aus diesen Quellen gerne bedient hatten. Denke an die problematische Diskussion 2007 um die Wiedereinführung des Eisernen Kreuzes als Ehrenzeichen der Bundeswehr, die dann durch den Kompromiss gleiche Form, andere Farbe geelöst wurde. Aber auch nationalistisches Liedgut wie ‚Heil dir im Siegerkranz‘ oder ‚Wacht am Rhein‘ geht einfach nicht mehr.
    Fazit: Insgesamt wäre die Bundeswehr meiner mMeinung nach in allen Bereichen gut beraten, auf Vergangenheitspflege möglichst zu verzichten. Es tun sich, egal wo man hinschaut, zu viele potentielle Schmuddelecken auf.

    • Stefan Sasse 24. September 2019, 07:28

      Ich bin da gar nicht mal so fern, aber ich will jetzt auch nicht dafür argumentieren, radikal die Bundeswehr umzuformen. Wenn ich mir die Kommentare auf meine letzten Vermischten zum Thema anschaue, ist schon die Idee, die Bundeswehr nazifrei zu halten linksgrün-versiffter Radikalismus. Ich wollte in dem Artikel zeigen, warum die Wehrmacht spezifisch nicht traditionsstiftend sein kann. Ich nehme den Rest als notwendiges Übel.

      • cimourdain 25. September 2019, 20:18

        Da siehst du, wie sich das Overton-Fenster verschoben hat. Vor 20 Jahren war das einschlägige Tucholsky-Zitat salonfähig und der wilhelminische Militarismus galt als lächerlich (Hauptmann von Köpenick), menschenverachtend (‚Blutmühle‘ Verdun) und Vorstufe zum Faschismus. Heute must du selbst um die Nichtanerkennung der Nazi-Armee feilschen.

  • Maniac 24. September 2019, 17:21

    Weil es in den ersten Entgegnungen ein bisschen zu kurz kommt:

    Herzlichen Dank! Ähnlich wie bei Deinem Artikel zur SS vor einigen Monaten, ist es wichtig, das immer wieder so klar zu formulieren.

    Und ja, ich habe meinen betroffenen Großvater und den mir bekannten Ur-Großvater auch geliebt und kann bis heute nicht fassen, bei welchem Verbrecherverein die mitgemacht haben und ja, einer meiner Ur-Großväter war mit der Wehrmacht in Russland, insofern muss ich einfach davon ausgehen, dass auch er keine weiße Weste hat.

    Ansonsten bin ich bei Ralf. Ich sehe Militär als Notwendigkeit, vielleicht manchmal sogar über einen Einsatz zur Landesverteidigung hinaus. Jegliche Glorifizierung und Anknüpfung an gesamtgesellschaftliche „Traditionslinien“ finde ich zum Kotzen. Und ja, ich kann taktische und strategtische Meisterleistungen im Gefecht durchaus anerkennen, empfinde aber das, was damit verbunden ist, als zutiefst abstoßend und menschlich verstörend.

    Nie wieder Krieg!

    Gruß, M.

    • Stefan Sasse 24. September 2019, 18:24

      Da bin ich bei dir. Aber ich verstehe trotz meiner kulturellen Distanz dazu das Bedürfnis der Bundeswehr, sich da entsprechend zu verorten. Und der Große Zapfenstreich etwa ist ja jetzt kein Problem.

      • Maniac 25. September 2019, 11:22

        Hmm, ich weiß nicht so ganz, warum es solche pathetischen Gesten, wie etwa einen großen Zapfenstreich, braucht, mit denen man gegenüber Zivilisten davon ablenkt, worum es beim Militär eigentlich geht.

        Warum kann das nicht ein ganz normaler Job sein? Warum muss da immer so ein gesellschaftlicher Stellenwert mit verbunden sein? Eine etwaige Gefährlichkeit einzelner Arbeitsbereiche (nicht jeder militärische Bereich ist in gefährlichen Einsätzen) könnte man ja mit höherer Bezahlung angemessen ausgleichen. Stattdessen weitgehend lausige Bezahlung und mäßige Arbeitsbedingungen, die dann mit einer herbeifantasierten gesellschaftlichen Bedeutung („verteidigen uns, wenn der Ivan kommt“), die ich gar nicht will, kompensiert werden müssen.

        Gruß, M.

        • Stefan Sasse 25. September 2019, 11:59

          Das ist eine Grundsatzdebatte, die man durchaus führen kann.

          Mir ging es aber darum zu zeigen, warum unter der BESTEHENDEN PRAXIS die Wehrmacht nicht traditionsstiftend sein kann. Wenn du sagst, die Armee soll zu „polizei plus“ werden, ist das ja eine völlig andere Diskussion. Ich schwanke bei der Frage beständig, aber ich bin inzwischen deutlich vom Radikalpazifismus meiner früheren Bloggingtage abgekommen.

  • CitizenK 29. September 2019, 09:33

    In der Resolution des Europaparlaments gegen Gesichtsrevision und die Verharmlosung der totalitären Systeme im 20. Jahrhundert

    http://www.europarl.europa.eu/doceo/document/RC-9-2019-0097_DE.html

    ist die Rede, von „russischen Stellen“, die – Gegensatz zu früheren Äußerungen, Polen und „den Westen“ für den 2. Weltkrieg verantwortlich machten.

    Weiß jemand, wer diese „russischen Stellen“ sind und welche Bedeutung sie für die Geschichtspolitik dort haben?

    • Stefan Sasse 29. September 2019, 10:43

      Ja. Der offizielle Twitter-Account des Kreml etwa verbreitet am laufenden Band Geschichtslügen. RT, der Propagandasender des Kreml, tut es auch. Auch die sonstige Öffentlichkeitsarbeit des Kreml haut das permanent raus.

      Für die Geschichtspolitik dort sind sie von gewaltiger Bedeutung. Stalin-Verehrung und die Fantasieversion des 2. Weltkriegs, in der die SU nie mit Hitler verbündet war, sind dort Staatspolitik.

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