Alice Schwarzer tritt mit Rammstein in die EVP ein und Axel Voss schaut in Arktis Youtube – Vermischtes 08.04.2019

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) Europe’s Largest Party Suspends Its Resident Autocrat—for Now

Practically speaking, the measure accomplishes less than meets the eye. Fidesz will stop participating in internal EPP party business, but its MEPs will mostly go on as if nothing has changed, and their valuable votes and delegates will still benefit the EPP. The reason for the EPP’s soft-handed approach is simple: the party knows it stands a better chance of coming out on top in this May’s European elections if it doesn’t expel Fidesz outright. By opting for a cosmetic measure, the EPP has chosen ambition over principle. That decision may come back to haunt it. […] Yet power politics have kept the EPP from taking more drastic action. The EPP wants to appear responsive to critics inside and outside the party who have long accused it of sanctioning a rogue government within the EU. But with elections looming, it also wants the big prize that comes with remaining the largest party in the European Parliament: the ability to name the next European Commission president, who wields tremendous agenda-setting power in the EU. Manfred Weber, the EPP’s candidate for the job, knows he may need Fidesz on board to realize his dream. […] The EPP’s willingness to tolerate Orban may come down to naked political ambition. Orban has been flirting with the idea of creating his own coalition of anti-immigration and Euroskeptical forces to wrest control of the EU’s institutions from centrist parties. Projections put the number of Euroskeptical MEPs in the next parliament as high as 250. Although many of these MEPs would probably be divided across different political groups, Orban might unite enough of them to create a powerful populist force. Orban’s strategy is to campaign on two tracks. He can use the EPP to shield himself from criticism while mulling a run as the leader of a Europe-wide populist insurgency. (Kim Lane Scheppele, Foreign Affairs)

Die Dynamik, die sich in der EVP mit Orban abspielt, ist ein Grunddilemma jeder politischen Organisation: was machst du mit Radikalen in der eignenen Gruppe, besonders dann, wenn sich die Radikalisierung über längere Zeit vollzieht? Dass Fidesz es mit Rechtsstaat und Demokratie nicht unbedingt den EVP-Grundsätzen entsprechend nimmt,  ist ja keine Überraschung und schon länger bekannt. Theoretisch gesehen hätte da schon längst ein Bruch stattfinden müssen.

Aber Fidesz bringt der EVP eben auch einen nicht unerheblichen Teil ihrer Stimmen im Parlament, was ein machtpolitisches Argument für die Tolerierung der Partei ist. Und zudem kann die Partei auch die Hoffnung formulieren, Fidesz innerhalb der EVP harmloser zu halten als außerhalb, wo es überhaupt keine Begrenzungen für die Radikalisierung mehr gäbe. Die linken Parteien haben dieses Problem ja hauptsächlich deswegen nicht, weil der Linken liebste Beschäftigung das Spalten ist. Warum sollte eine sich radikalisierende linke Partei in der S&D bleiben, wenn sie sich mit anderen Splitterfraktionen zusammentun könnte? Aber das grundsätzliche Problem ist nicht gerade ein konservatives.

Eine einfache Lösung dafür gibt es nicht. Einerseits ist es eklig, mit Autoritären wie Orban eine Partei zu teilen und ihm auf diese Art legitimatorische Deckung zu geben. Auf der anderen Seite braucht er die nicht wirklich; er könnte wie viele andere seiner Gesinnungsgenossen Ungarn auch völlig außerhalb des EU-Konsens laufen. So widerspricht er zwar den Idealen, aber die Türe zur Rückkehr des Landes ist offen und Orban tut sich schwerer damit, im eigenen Land eine Wir-gegen-Sie-Propaganda aufzubauen, so dass seine Opposition sich offener zu demokratischen Werten bekennen kann. Aber: Inzwischen ist Handeln notwendig geworden.

2) Der Fluch des vorschnellen Urteils

Wer der Band unterstellt, sie arbeite mit rechten Chiffren, ist wirklich ahnungslos. Rammstein entlarvt diese – in Wort und Bild. Und als Germania, das mythisch verklärte Bindeglied einer romantisierenden deutschen Geschichtsklitterung, firmiert ausgerechnet Ruby Commey, Schauspielerin am Berliner Ensemble – und pechschwarz. Sie ist es, die als Wechselbalg-Gebärende die Geschichte der Pippinschen Reichsteilung und der Multhiethnizität des Transitlandes Deutschland all denen als Friss-oder-Stirb-Argument entgegen schleudert, die von einem Dritten oder sonstigen rassereinen Reich träumen mögen. Diese Träume verwandeln Rammstein in „Deutschland“ nämlich mit Regietheater-Präzision in blutig-verhurte Albträume. Und sie taugen in ihrer Komplexität auch eher nicht zu einem Trailer. Die „Deutschland“-Inszenierung ist eine wirklich meisterhafte Metapher auf alles, was so seit der Varus-Schlacht für deutsch gehalten wird und wurde. Teils rauschhaft durcheinander, teils scheinbar chronologisch – aber immer große Kunst. All diejenigen, den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden eingeschlossen, die eingedenk des Trailers in Schnappatmung verfielen, sei das Statement von Iris Rosenberg, der Sprecherin von Yad Vashem ans Herz gelegt: „Yad Vashem kritisiert nicht generell künstlerische Arbeiten, die an Holocaust-Bilder erinnern. Wir glauben, dass eine respektvolle künstlerische Darstellung des Subjekts legitim sein kann, solange es die Erinnerung an den Holocaust keinesfalls beleidigt, herabsetzt oder schändet. Und nicht nur als bloßes Werkzeug dient, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu gewinnen. Deshalb fordert Yad Vashem Künstler auf, verantwortungsvoll zu handeln und die Erinnerung an die Opfer des Holocaust sowie die Überlebenden zu respektieren, die die Schrecken der Epoche überstanden haben.“ Genau das haben Rammstein getan. Und all die Empörten, sie hätten sich mal besser zu den jüngsten unerträglichen Äußerungen des deutschen UN-Botschafters im Kontext mit Gaza und Israel geäußert. Bei dessen unerhörten Vergleichen von Tätern und Opfern, der Gleichstellung von islamistischen Terroristen mit einem demokratischen Land, da schwieg die Nation – und besonders laut der Zentralrat der Juden. (Daniel Killy, Salonkolumnisten)

Rammstein war schon immer sehr gut darin, den Grat zwischen den politischen Fronten zu wandeln und Anspielungen zu verwenden, um Bezugspunkte für alle möglichen Richtungen zu finden. Sonst wären sie auch nicht so erfolgreich. Ich kann problemlos Rammstein hören und die „neue deutsche Härte“ ironisch lesen, während jemand auf der Rechten das deutlich wörtlicher nehmen und stattdessen die Bekenntnisse zu offener Gesellschaft und linker Politik als ironisch gebrochene Deckung gegenüber der doofen Mainstreamgesellschaft sehen. Das hat Rammstein schon immer so gemacht, und das ist Kern ihres Erfolgs.

„Deutschland“ ist eine so offensichtlich inszenierte Kontroverse, dass ich mich dafür nicht erregen kann. Die Veröffentlichung des Trailers, der die KZ-Szenen aus dem Zusammenhang riss, war genau dafür konstruiert, nun mit dem Video einer schwarzen Germania die lange Nase zu drehen und zu sagen „Siehst du, was regst du dich so auf!“ Das eigentliche Lied ist so ungeheuer ambilvalent, dass jeder alles hineininterpretieren kann. Auch das ist der Kern von Rammsteins Erfolg. Zu versuchen, die Band auf eine klare Aussage oder politische Richtung zu definieren ist wie der Versuch, Marmelade an die Wand zu nageln. Sie hat ihr Ziel jedenfalls erreicht: der Song war kontrovers in den Schlagzeilen, es gab viel kostenlose Werbung, und nichts Genaues weiß man nicht.

3) The President As Adolescent Bully

Trump’s use of bullying tactics against his rivals for the Republican nomination in 2015–2016 played a critical role in endearing him to the Republican base. Trump’s rollouts of new terms of abuse for his rivals have become mini-events celebrated by his fans. The Trump campaign capitalized on the new insult by hawking celebratory T-shirts. His continued use of these methods, and the delight it gives his supporters reveals something important about what binds them together. […] Trump’s innovation of winning the election through adolescent-style bullying has carried over to his presidency. Presidents traditionally inculcate the virtues of decency, gentleness, and generosity as part of their role as ceremonial head of state. One little-noticed feature of Trump’s presidency is how little time and attention he devotes to what used to be the banal presidential work of celebrating charitable good works and public service. Speeches and photo ops with volunteers, do-gooder business leaders, hospital visits and the like, once the barely noticed daily bread of presidential messaging, has all but disappeared. […] The explanation — or to put it more sharply — rationalization for Trump’s effect on the national discourse is that his white working-class supporters have suffered economic and social injuries. The wounds of their closed factories, or the disdain of the coastal snobs, have driven them into the arms of a man who will strike back at the elite on their behalf. […] The message of any bully is that he is a winner — as are, to a pointedly lesser degree, his flunkies — and his targets are the losers. What is so remarkable about Trump is that he has no interest or need to conceal his cruelty. Trump is a highly familiar social type: the leader of a gang, taunting his targets while his flunkies guffaw. Before he came along, it was never possible to imagine such a person occupying the Presidency of the United States. (Jonathan Chait, New York Magazine)

Man kann natürlich entscheiden, all das zu ignorieren. Aber nichts ist so sehr der Kern von Trumps Id wie die Projektion von „Stärke“, die sich in gewalttätigen Männerbildern ausdrückt. Stark ist, wer seine Umwelt dominiert, offenkundig und ohne jede Subtilität. Für Trump und seine Anhänger wird alles durch das Prisma von Stärke gelesen, wird alles in Gewinner und Verlierer eingeteilt. In Trumps Welt kann es keine Win-Win-Situation geben und keinen Kompromiss. Aus jeder Situation muss ein klarer Sieger und muss ein klarer Verlierer hervorgehen.

Man sehe sich etwa an, wie Trump und seine Basis die Brexit-Verhandlungen betrachten. Dass unter Umständen einfach für beide Seiten keine befriedigende Lösung herauskommt, ist unvorstellbar. Einer muss siegen. Für hochkomplexe Verhandlungen ist das, milde ausgedrückt, nicht gerade eine sinnvolle Ausgangssituation.

Die andere Auswirkung dieser Sichtweise ist, dass Grausamkeit zum Selbstzweck wird. Das ist besonders im Umgang mit Migranten zu beobachten. Stärke wird dadurch projiziert, dass die Migranten möglichst schlecht behandelt werden. Wenn sich dann Progressive und Liberale darüber echauffieren, umso besser. Das gilt auch als Zeichen des Siegs.

4) Bis zu fünf Grad mehr in der Arktis

Die Erwärmung in den nördlichen Polargebieten geht deutlich schneller als im weltweiten Durchschnitt. Während sich die globale Atmosphäre seit 1880 bisher um 0,8 Grad Celsius erwärmt hat, steigen die Temperaturen in der Arktis doppelt so schnell an. Schon bis 2050, so „Global Linkages“, werden sie im Winter um 3 bis 5 Grad steigen – selbst dann, wenn sofort mit drastischen Reduzierungen bei den Emissionen begonnen werde. […] Die Erwärmung ist laut Unep-Bericht in Teufelskreisen gefangen: Weniger Schnee und Eis bedeuten mehr dunkle Land- und Meeresgebiete, die sich stärker aufheizen, weil sie weniger Wärme reflektieren als weiße Flächen. Mehr Wärme führt zu einem Auftauen der bislang ewig gefrorenen Permafrostböden, die die Klimagase Kohlendioxid und Methan ausgasen – was wiederum die Erwärmung der Atmosphäre befeuert. „Ein schlafender Riese erwacht“, warnt der Bericht: „Neue Daten legen nahe, dass der Permafrost viel schneller auftaut als bisher gedacht.“ Die Fläche von Permafrost, die bislang 15 Millionen Quadratkilometer umfasse, werde bis 2040 auf 12 Millionen zusammenschmelzen – und bis 2080 sogar auf 5 bis 8 Millionen Quadratkilometer zurückgehen. […] Die ungewohnte Wärme am Pol bringt offenbar auch zunehmend das Wetter in Eurasien und Nordamerika durcheinander. Anfang des Jahres belegte eine Studie der US-Klimawissenschaftlerin Jennifer Francis eine „robuste Beziehung“ zwischen einer sich schnell erwärmenden Arktis und einem Abschwächen des „Jet-Streams“. Dieses Band aus starken Winden in der Atmosphäre dominiert das Wetter rund um die Arktis und speist sich teilweise aus dem Temperaturunterschied zwischen Arktis und Tropen. Weil sich die Arktis schneller erwärmt, lässt dieser Unterschied nach. Die Folge: Das Windband beginnt nach Nord und Süd zu „flattern“, wärmere Luft gelangt weiter nördlich als normal, kalte Luft weiter südlich. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass sich die Häufigkeit von Extremwetterereignissen durch dauerhafte Jet-Stream-Muster erhöhen wird, wenn die Arktis sich als Reaktion auf steigende Konzentrationen von Treibhausgasen weiter schneller erwärmt als anderswo“, lautet das Fazit der Studie. (Bernhard Pötter, taz)

Ein großes Problem der Klimaerwärmung ist, dass die Dynamiken exponenziell sind: die Erwärmung gebiert weitere Erwärmung. Dies ist wichtig für die Wahrnehmung des Problems: Genauso wie die großen Zeiträume, um die es geht, sind diese Kaskadeneffekte schwer zu fassen und erschweren die Kommunikation der Dringlichkeit. Zudem konzentriert sich die Ikonographie des Klimawandels auf abschmelzende Polkappen; kein Bericht über die Erderwärmung ohne den Eisbär auf der Eisscholle. Dass der Klimwandel auch ganz andere Regionen wie die Permafrostböden der Taiga betrifft, geht da schnell unter.

5) Pyrrhussieg heißt jetzt Voss-Sieg

Und jetzt? Der Pyrrhussieg wird umbenannt werden müssen in Voss-Sieg, nach Axel Voss (CDU), dem wichtigsten Akteur hinter der Reform. Denn sie wird kaum jemandem substanziell nützen, aber Kollateralschäden mit sich bringen. Die Befürworter zeichnet ein für präfaktische Politik typisches, magisches Denken aus. Sie hoffen, dass auf bisher völlig unklare Weise alles gut werde. Dafür spricht: nichts. So lautet die Warnung der Wissenschaft. Das europäische Leistungsschutzrecht wird ein Debakel, wie das deutsche zuvor, weil die Medienlandschaft abseits jeder Realität argumentierte. Google News wird wahrscheinlich einfach abgeschaltet, dann wird geheult und geschrien. Uploadfilter werden einen von Google kontrollierten Markt eröffnen, auf dem – absurde Wendung! – Medienkonzerne wahrscheinlich selbst Google-Technologie kaufen werden, wenn sie je eigene Plattformen gründen oder sich daran beteiligen. Was sie vermutlich tun werden, auch weil die Werbegelder der Welt massiv in diese Richtung strömen. Und in der Richtlinie steht, ein Unternehmen müsse nachweisen, dass es „nach Maßgabe hoher branchenüblicher Standards für die berufliche Sorgfalt alle Anstrengungen unternommen hat, um sicherzustellen, dass bestimmte Werke … nicht verfügbar sind“. Die „branchenüblichen Standards“ für Uploadfilter setzt niemand anders als Google. Die Entwicklung von YouTubes Filtertechnik „Content ID“ hat mehr als 100 Millionen Euro gekostet. Googles Wissensvorsprung eingerechnet könnte die Kreativwirtschaft auch mit 500 Millionen Euro diesen Standard nicht erreichen und stattdessen auf neue oder bereits existente, aber sicherlich nicht bessere Technik zurückgreifen. Der Preis für diesen Unfug ist ein bestürzender Vertrauensverlust einer digital geprägten Generation in die Wirksamkeit ihres Engagements, in demokratische Politik und in die EU. Denn diese Menschen durchschauen ja die Lügen, Beschimpfungen und Absurditäten, die man ihnen zugemutet hat. Ab der wievielten uninformierten, beleidigenden Lüge zur digitalen Welt glaubt man der Politik nicht mehr, dass sie in allen anderen Bereichen demokratisch effizient entscheidet? (Sascha Lobo, SpiegelOnline)

Ich lese dieser Tage unter technikaffinen Menschen viel davon, wie groß die Auswirkungen der Artikel-13-Debatte auf das Wahlverhalten der jungen Generation (bis 35 Jahre) sein werden. Angesichts der dräuenden Europawahlen erhofft man sich da vielerorts eine Art Abstrafen der EVP und S&D durch diese Gruppe. Ich bin da skeptisch. Ich glaube, die Aufregung über Artikel 13 ist ein Blasenphänomen. Ja, es ist hauptsächlich ein Thema junger Menschen, aber innerhalb dieser Demographie interessiert sich halt auch nur eine kleine Minderheit dafür, und ob diese Minderheit das dann auch tatsächlich als Wahlanlass nutzt, sei mal dahingestellt. Die Influencer selbst würden die EVP ohnehin nicht wählen. Ich glaube jedenfalls nicht, dass wir wegen Artikel 13 große Verwerfungen sehen werden. Oder bin ich da zu pessimistisch?

6) The Supreme Court’s Conservatives Just Legalized Torture

Russell Bucklew is a death row inmate in Missouri who suffers from a rare medical condition called cavernous hemangioma. Due to this disorder, his body is covered with tumors filled with blood vessels. Tumors in Bucklew’s neck and throat, his lips and uvula, which make it difficult for him to breathe. They are highly sensitive and frequently squirt blood. A medical expert, Dr. Joel Zivot, has testified that if Missouri administers a lethal injection to Bucklew, he will die a slow, agonizing death. His tumors will rupture and fill his mouth with blood, and he will suffocate to death in unbearable pain, choking and convulsing on the gurney as he dies. To forestall this fate, Bucklew sought to block his execution by lethal injection, arguing that it would violate the Eighth Amendment’s bar against “cruel and unusual punishments.” […] In Monday’s Bucklew v. Precythe, the court rejected his claim by a 5–4 vote. Justice Neil Gorsuch’s opinion for the court, however, does much more than condemn Bucklew to a harrowing demise. It also quietly overrules, or at least erodes, more than 60 years of precedents, including several written by Justice Anthony Kennedy. Gorsuch embraced a vision of the Eighth Amendment supported by Justices Clarence Thomas and Antonin Scalia that has consistently been rejected as dangerously extreme by a majority of the court.  […] A majority of the court did not adopt Thomas’ view in either case. And in Bucklew, Gorsuch writes that “revisiting that debate isn’t necessary here.” But he then does exactly that—and adopts Thomas’ interpretation of the Eighth Amendment, effectively overruling 60 years of precedent.  […] Why does this matter? Because since 1958, the Supreme Court has rejected an originalist interpretation of the Eighth Amendment—which would, after all, permit the hanging of children, among other ghastly punishments. Instead, the court has asked whether a punishment violates the “evolving standards of decency” of a “civilized society.” Baze and Glossip did not embrace this standard, but they did not reject it, either. After all, by forcing states to use the less painful of two execution methods, the court adopted a resolutely nonoriginalist view that the Eighth Amendment may require a more “civilized” death. In Bucklew, Gorsuch gutted that logic and replaced it with Thomas’ hard-line originalism. (Mark Joseph Stern, Slate)

Ich habe dazu zwei Anmerkungen. Zum ersten strafen diese Vorgänge all diejenigen Lügen, die der Überzeugung waren, dass die Democrats die Wahl Gorsuchs auf den gestohlenen Sitz im Supreme Court unterstützen sollten, weil Gorsuch ja einfach nur ein normaler, moderat-rechter Jurist sei. Das ist offensichtlich nicht der Fall. Selbstverständlich stellen die Republicans keinen moderaten Richter auf. Das machte Obama. Aber im Geiste ständigen Bothsiderismus musste der Unsinn natürlich hundertfach gedruckt werden.

Zum zweiten sehen wir einmal mehr die bereits im letzten Vermischten angesprochene Radikalität der conservatives in den USA, die immer auch mit der in 3) angesprochenen Grausamkeit verknüpft ist. Hier geht es weder um die Bewahrung von alterhergebrachten Grundsätzen (also das, was man eigentlich konservativ nennen würde), noch um eine originalistische Auslegung. Das Ziel ist die radikale Umgestaltung der juristischen Landschaft. Dafür wurden diese Leute in den Supreme Court gebracht, und das tun sie.

7) Hass ist Geld

Die Technosoziologin Zeynep Tufekci beschreibt im März 2018 YouTube als „große Radikalisierungsmaschine“. Vorschlagsfunktion und Autoplay führten in immer schlimmere Tiefen: „YouTube leitet Zuschauer herunter in eine Parallelwelt des Extremismus, während Google die Werbeeinnahmen einfährt.“ […] Schon länger bekannt ist, dass YouTube eine wichtige Rolle bei der Propagandaverbreitung des „Islamischen Staats“ spielte. Auch frühere Rechtsextremisten sagen, dass YouTube von zentraler Bedeutung für ihre Radikalisierung war. Ex-Googler Chaslot weist darauf hin, dass die Empfehlungssoftware, an der er mitarbeitete, sogar den Brexit begünstigte. „Streit und Entzweiung erhöhen die Zuschauerzeit, und mehr Zuschauerzeit ergibt mehr Anzeigen.“ Also mehr Geld. Sechs Jahre nach dem Mord an seiner Tochter ist Jeremy Richman am Ende. Er hatte mit anderen Eltern ermordeter Kinder Alex Jones verklagt. Der Hass, die Angriffe wurden noch stärker, er erhielt immer wieder Todesdrohungen. Tage vor seinem Suizid töteten sich zwei Teenager, die das Parkland-Shooting überlebt hatten. Auch sie wurden auf YouTube immer wieder als „crisis actors“ beschimpft und in sozialen Medien bedroht. Am 25. März 2019 tötete sich Jeremy Richman. Am 29. März behauptete Alex Jones in einem Gerichtsverfahren, er sei Opfer einer Psychose, deshalb habe er die Verschwörungstheorien über Sandy Hook verbreitet. YouTube entschied sich erst im August 2018, Alex Jones zu sperren. Am 31. März endete das erste Geschäftsquartal. Das Ergebnis von YouTubes Mutterkonzern Alphabet wird demnächst bekannt geben, Experten erwarten für die ersten drei Monate des Jahres 2019 einen Rekordumsatz von etwa 37 Milliarden Dollar. (Sascha Lobo, SpiegelOnline)

Die Rückwirkung, die die Algorithmen der Sozialen Netzwerke und anderen großen Seiten auf die Politik und Gesellschaft haben, scheint mir immer noch weitgehend unterschätzt. Das liegt glaube ich unter anderem daran, dass es sich um private Akteure handelt. Wir wissen, wie wir Propganda und Steuerungsversuche staatlicher Akteure einzuordnen haben. Wenn etwa China ihr riesiges Social-Credit-Programm aufzieht, ist klar, dass hier eine diktatorische Regierung ihre totalitären Ansprüche durchzusetzen versucht. Es passt in ein Schema, das sich historisch auf klare Vorbilder beziehen kann. Stalinismus mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts, gewissermaßen.

Aber wenn es um Facebook und Google geht, reden wir von privaten Unternehmen, die offiziell keine politische Agenda verfolgen, sondern „nur“ Geld machen wollen. Und ein Kernbestandteil unserer Wirtschaftsordnung ist, dass sie das in so freiem Rahmen wie möglich tun dürfen. Nur verfügen diese Unternehmen wegen ihrer gewaltigen weltumspannenden Größe auf der einen und der Zentralität der Services, die sie anbieten, auf der anderen Seite über ein bisher ungekanntes Wirkungspotenzial. Wahrscheinlich muss man sie eher als völkerrechtliche Subjekte denn als Konzerne begreifen, wenn man mit diesen Themen klar kommen will, aber ich weiß auch nicht wirklich, wie das funktionieren soll. Das normale Wettbewerbs- und Handelsrecht jedenfalls ist für diese Konzerne nicht ausgelegt.

8) F-Jugend – Flach spielen, hoch gewinnen

Bei den 8- bis 9-Jährigen gewannen meist die Teams, die den besten Weitschuss-Schützen in ihren Reihen hatten. FVM-Jugendreferent Oliver Zeppenfeld erklärt: „In einem zwei Meter hohen Tor sind die Keeper in diesem Alter angesichts ihrer Körpergröße einfach nicht in der Lage, hohe Bälle zu halten.“ Mit finanzieller Hilfe des 1. FC Köln erhielten im September 2018 alle Vereine spannbare Netze, mit deren Einsatz die Höhe der Tore bei den 8- bis 9-Jährigen von zwei Metern auf 1,65 Meter verkleinert wurden. Die Folgen waren erstaunlich: Statt weniger fielen mehr Treffer. Trotz kleinerer Tore. Aus durchschnittlich 4,68 wurden 5,27 Treffer pro Mannschaft pro Spiel. Die Verringerung der Torgröße hatte zudem eindeutige Konsequenzen für die taktische Vorgehensweise im Spiel. Es wurde häufiger geschossen. Allerdings aus kürzerer Distanz. Statt aus durchschnittlich fast elf Metern erfolgte der Abschluss gemittelt aus 8,69 Metern. Anders ausgedrückt: Die Mannschaften spielten sich näher vor das gegnerische Tor. […] Grundsätzlich konnte beobachtet werden: Aus Teams, die sich vormals auf einen starken Schützen verließen, wurden spielerisch bessere Mannschaften. Patrick Eßer weist auf einen weiteren Vorteil hin: „Die Alternativen bei der Auswahl des Torhüters werden größer. Statt des längsten Akteurs kann nun derjenige zwischen die Pfosten, der dazu am meisten Lust hat und vielleicht auch das größte Torwarttalent besitzt.“ […] „Die Konsequenzen sind vielfältig und positiv“, sagt FVM-Mann Zeppenfeld. „Langfristig werden Begabungen gezielter gefördert und die kleinen Fußballer erhalten eine spielerisch bessere Ausbildung.“ (Olaf Jansen, Sportschau)

In dem oben zitierten Artikel ist eine Metapher versteckt. Wir haben eine ähnliche Diskussion nämlich immer wieder im Bildungswesen, wo angenommen wird, dass ein Verändern der Bewertungsmaßstäbe zwangsläufig zu einem Niveauverfall führen müsse. Aber wie immer im Leben sind Aktion und Reaktion, Ursache und Wirkung nicht immer so deutlich und linear aufeinander bezogen. Wie im obigen Fall der Fußballspieler kann es durchaus sein, dass das Einziehen von Hilfestellungen zu verbesserten Ergebnissen und einem größeren Lerneffekt führt.

Oft genug werden solche Verbesserungen aber mit dem Argument bekämpft, dass eine Vereinfachung schlichtweg dafür sorge, dass die Ergebnisse inflationiert würden und so Leistung nicht mehr belohnt wird. Man denke nur an das permanente Händewringen über die Abitursquote. Aber das ist schlicht nicht der Fall. Zumindest nicht automatisch.

9) Without a Plausible ‘Theory of Change,’ Progressive Ideas Are Just Fantasies // Theory of change is disarmingly simple

But still, these differences matter, perhaps more than policy differences, since progressive ideas are nothing more than fantasies if you don’t have the means to achieve them. It’s easy for Sanders to say he will mobilize enough support for his policies to overwhelm congressional Republicans and force them to go along. But Obama had a similar theory (one that at the time I labeled “grassroots bipartisanship”), and it turned out simply to be wrong once the presidential election ended and things got real. (Ed Kilgore, New York Magazine)

It’s good that we’re talking about this, but less good that we’re making it more complicated than it really is. All you have to do is take a look at the past and ask what Democrats needed to pass big liberal legislation and the answer suddenly becomes easy: big Democratic majorities in Congress. That’s it. It’s what made the New Deal possible, the Great Society possible, and Obamacare possible. Its lack is what killed Bill Clinton’s health care plan. There are, it’s true, a few counterexamples of big things that were passed on a bipartisan basis: the Civil Rights Act, the Clean Air Act, ADA, the 1986 tax reform, and a handful of others. However, nearly all of these were passed under Republican presidents and all of them were passed more than 30 years ago. It’s been more than half a century since Republicans were willing to cross the aisle to vote for progressive legislation. So here’s the only theory of change that matters:

  • Get a Democratic majority in both houses.
  • Ditch the filibuster.
  • Pass whatever legislation is acceptable to the 50th most liberal senator.

This in turn suggests that two things are important:

  • The coattails of whatever Democrat runs for president, which is basically her ability to persuade the public to vote for liberal change.
  • The ability of the party and the grass roots to elect more liberal senators.

That’s really about it. The precise level of progressiveness of the president matters only slightly since the bottleneck for legislation will almost certainly be Congress. Elizabeth Warren may be more progressive than Kamala Harris, but Harris would still be the better choice if you think her coattails would be stronger, her public appeal for liberal change would be stronger, and therefore she’d be likely to produce a more liberal 50th senator. (Kevin Drum, Mother Jones)

Dass die Debatte in progressiven Zirkeln sich gerade zur „theory of change“ verschiebt, ist absolut notwendig. Die policy-Differenzen zwischen den einzelnen Kandidaten sind verhältnismäßig klein. Die Frage ist weniger, ob Bernie Sanders Medicare for All aufs Tablett bringt oder Kamala Harris. Die Frage ist, welche Version tatsächlich durchgesetzt werden kann. Und da hat Kevin Drum absolut recht. Es braucht eine Mehrheit in beiden Häusern, die Abschaffung des Filibuster und einen Konsens unter der Mehrheit der Democrats. Fehlt einer dieser Bestandteile wird nichts umgesetzt, völlig egal, wer Präsident ist. Die „theory of change“ war schon 2016 mein Hauptgrund, gegen Sanders zu sein. Ich finde seine Idee von der permanenten Grassroots-Mobilisierung einfach völlig wirklichkeitsfremd und zudem nicht sonderlich demokratiefreundlich.

Und da kommen wir zum Problem. Denn eine Mehrheit im Senat ist 2020 sehr unwahrscheinlich. Die Präsidentschaft zu gewinnen und das Haus zu halten ist aktuell jeweils eine 50:50-Geschichte, ohne Korrelation. Ob sich eine Mehrheit gegen den Filibuster findet ist unklar. Trotzdem müssen sich die Democrats auf das Szenario vorbereiten, wenn sie nicht mit heruntergelassenen Hosen erwischt werden wollen wie die Republicans 2016. Deswegen ist es auch so wichtig, dass etwa Elizabeth Warren einen wahren Sturm von policy-Vorschlägen entfacht und damit die Debatte dominiert.

10) Mit Rest-AfD im Blut

Oskar Helmerich, der in die SPD wechselte, ging jetzt offenbar mit Rest-AfD im Blut zur Sache, als er Thilo Sarrazin zu einer Lesung einlud, wenige Tage vor der Europawahl. Die Reflexe aus der SPD gegen den Mann, den die Partei seit Jahren loswerden will, waren vorherzusehen: Islamfeind ist noch der harmloseste Ausdruck, mit dem Sarrazin bedacht wird; um ihre korrekte Gesinnung aber unter Beweis zu stellen, stehen botmäßige SPD-Funktionäre viel lieber innerlich stramm („Haltung!“) und bevorzugen „Rassist“. Über die Thesen Sarrazins lässt sich trefflich streiten. Was ist aber aus der SPD geworden, dass sie dazu weder in der Lage noch willens noch fähig ist? Man fragt sich: Was ist intoleranter, die Islam-Feindschaft Sarrazins oder die Sarrazin-Feindschaft der SPD? Helmerich ist offenbar schon wieder in die falsche Partei eingetreten. Aber in welche soll er dann gehen? (Jasper von Altenbockum, FAZ)

Was für eine beknackte Fragestellung. Als ob die SPD ein Forum für Sarrazin zu bieten habe. Eine Gleichstellung krassen Rassismus auf beim einen, der einem signifikanten Teil der Bevölkerung Bleiberecht und Zugehörigkeit abspricht, und ein „der Verein, in dem du freiwillig Mitglied bist, will dich nicht“ auf der anderen gleichzustellen – und wozu? Mangelt es Sarrazin an Aufklärung? Gibt es ein gottgegebenes Recht für AfD-Nahe, Aufmerksamkeit zu bekommen? Gibt es einen Mangel daran? Und um Altenbockums beknackte Frage zu klären: in die CDU natürlich. Dass die SPD es nicht so geil findet, wenn einer der Ihren Sarrazin als Sprecher einlädt, sollte klar sein.

11) „Krampp-Karrenbauer ist eindeutig feministischer als Merkel“ – Streitgespräch zwischen Alice Schwarzer und Margarete Stokowski

Früher durften Männer ihren Ehefrauen verbieten zu arbeiten. Heute gehen Frauen freiwillig in Teilzeit oder ziehen sich aus der Arbeitswelt zurück, wenn sie Kinder bekommen.

Stokowski: Wenn wir von Freiwilligkeit reden, lenken wir davon ab, dass es nach wie vor Machtstrukturen gibt. Wir alle möchten weiter an das Bild der selbstbewussten emanzipierten Frau glauben. Und dann merken wir, die Gesellschaft ist darauf ausgerichtet, Ungleichheit zu erhalten – Frauen treffen immer wieder dieselben Entscheidungen und stehen immer wieder vor denselben Hürden. Wenn wir diese Entscheidungen einfach nur als freiwillig ansehen, ist es schwieriger, über die politische Dimension zu reden. Stattdessen heißt es, das ist doch der freie Wille, und wir können Frauen nicht zwingen, sich die Hälfte der Macht zu nehmen.

Schwarzer: Das mindestens 4000 Jahre währende Patriarchat lässt sich nicht in 40 Jahren aus den Angeln heben. Was man Frauen früher aufgezwungen hat, machen sie heute scheinbar freiwillig. Der gesellschaftliche Druck ist immer noch groß, ein bestimmtes Ideal zu erfüllen. Das läuft subtil ab, der Zwang ist weniger sichtbar. Die Schlacht spielt sich dabei wieder auf unserem Körper ab. Ich habe eine ähnliche Rückwärtsbewegung schon einmal Mitte der 70er Jahre erlebt. Da hat man auch innerhalb der Frauenbewegung von einer sogenannten „neuen Weiblichkeit“ oder der „neuen Mütterlichkeit“ geredet. Das war aber in Wahrheit die alte.

Gesellschaftliche Bilder von Weiblichkeit oder Männlichkeit prägen schon von Kindheit an. Heute gibt es unterschiedliches Lego für Mädchen und für Jungs, es gibt pinke und „normale“ Überraschungseier. Drängt unsere Konsumwelt Kinder stärker als früher in bestimmte Rollen?

Schwarzer: Das ist längst eine eigene Millionen-Industrie, die es vor ein paar Jahrzehnten noch gar nicht gab.

Stokowski: Bei Kinderspielzeug und Kinderkleidung ist es extrem. Aber das gibt es auch für Erwachsene. Der Drogeriemarkt DM hat jetzt ein Männerregal, damit Männer nicht aus Versehen Waschmittel kaufen, sondern nur Männercreme. Das macht im Kapitalismus natürlich Sinn, weil man Produkte in zwei Varianten herstellen kann. […] Gleichzeitig ist es gerade bei den Kindersachen eine extreme Klassen- und Geldfrage. Die billigen Sachen sind häufig viel stärker gegendert als die teuren. In einem Bio-Öko-Fairtrade-Kinderladen ist alles bunt, bei Kik oder anderen Textil-Discountern sind Sachen für Mädchen und Jungen klar unterteilt. Manche Leute haben gar nicht die Wahl, genderneutrale, nicht rollenkonforme Sachen zu kaufen. Die, die es sich leisten können, das zu vermeiden, sagen dann auch noch, naja, die Leute, die das kaufen, sind ein bisschen dumm und unemanzipiert und stecken ihre Mädchen in rosa Sachen. (Cordula Eubel/Anne Sauerbrey, Tagesspiegel)

Ich empfehle das Streitgespräch zwischen Schwarzer und Stokowski zur Gänze zu lesen. Die beiden streifen viele Themen, unter anderem den Generationenkonflikt und die Rolle des Islamismus, und beide Frauen haben ebenso überlegte wie gegensätzliche Positionen zu bieten. Ich will nur kurz einige der obigen Punkte kommentieren. Einerseits haben die beiden völlig Recht, wenn sie darauf verweisen, wie verwurzelt viele der Probleme sind und dass es einen Wandel von offensichtlicher Ungleichbehandlung hin zu subtileren Strukturen gab.

Fast noch spannender finde ich die Verweise auf die #Rosahellblaufalle, also das Gendermarketing bei Kindern, das diese in bestimmte Geschlechterrollen drängt. Ich finde Stokowskis Punkt, dass das zusätzlich auch noch eine Klassenfrage ist, an der Stelle sehr bedeutsam. Ein Vorwurf, den ich dem Feminismus ja schon öfter gemacht habe ist, dass er sich zu sehr mit Fragen auseinandersetzt, die nur für die obere Mittelschicht relevant sind (Stichwort Quote im Aufsichtsrat) und darüber andere ignoriert. Es ist gut zu sehen, dass es da ein Bewusstsein gibt.

{ 24 comments… add one }
  • derwaechter 8. April 2019, 13:37

    Zu 8)
    Ich finde dieser Cartoon fasst die Fehlannahme, dass gleiche Bewertungsmaßstäbe automatisch sinnvoll und fair sind sehr schön zusammen.

    https://scholasticadministrator.typepad.com/.a/6a00e54f8c25c98834017c317442ea970b-popup

  • R.A. 8. April 2019, 13:51

    1.) Ist schon schade, Fidesz war am Anfang eine sehr interessante und progressive Partei und hat sich gerade in den letzten Jahren sehr negativ entwickelt. Die Frage ist halt, ob nach Orban auch wieder eine Wende zum Besseren denkbar wäre.

    5.) Kurzfristig läßt sich da schon ein Wahleffekt erwarten. Man denke da an „Zensur“-Ulla und die nachfolgende Welle an Wahlerfolgen für die Piraten. Was dann sofort wieder verpuffte, nachdem das Thema abgeräumt wurde. Aber immerhin – es wurde abgeräumt.

    7.) Gähn – die üblichen Vorurteile wieder. Was hier gegen Youtube vorgebracht wird, wurde vor 20 Jahren gegen Internet-Foren vorgebracht. Und vor einigen Jahrhunderten gegen den Buchdruck.
    Wahr ist daran nur, daß die neuen Kommunikationsmöglichkeiten logischerweise AUCH von manchen merkwürdigen Typen genutzt werden. Das ist eine unvermeidliche und aushaltbare Nebenwirkung, wenn man die gewaltigen Vorteile und Chancen der diversen Angebote an sozialen Medien nutzen möchte.

    11.) Stokowski wieder mal mit besonders realitätsfernen Mythen.
    „Wenn wir von Freiwilligkeit reden, lenken wir davon ab, dass es nach wie vor Machtstrukturen gibt.“
    Es gibt Machtstrukturen – ach so. Und die sorgen dafür, daß die freiwilligen Entscheidungen der Frauen eigentlich nicht freiwillig sind – und zwar immer genau dann wenn die Frauen sich nicht so entscheiden, wie Stokowski das gerne hätte.
    Was für ein Unfug. Da kann jemand nicht damit leben, daß die Welt anders ist als es den eigenen Vorurteilen entspricht – und dann werden Verschwörungstheorien mit „Machtstrukturen“ erfunden, um den Widerspruch zu erklären. Chemtrail-Niveau.

    „Manche Leute haben gar nicht die Wahl, genderneutrale, nicht rollenkonforme Sachen zu kaufen.“
    So ein Unfug. Selbst im billigsten Spielzeug- oder Klamottenladen ist der Großteil der Ware NICHT rosa oder hellblau oder sonstwie gegendert. Selbst mit sehr wenig Einkommen kann man „genderneutral“ bleiben – wenn man das will.

    • derwaechter 8. April 2019, 15:08

      Bei den beschriebenen Schicksalen von „aushaltbare Nebenwirkung“ zu sprechen und demonstrativ du Gähnen finde ich ein bisschen merkwürdig. Um es vorsichtig auszudrücken.

      • R.A. 9. April 2019, 09:02

        „Bei den beschriebenen Schicksalen von „aushaltbare Nebenwirkung“ zu sprechen …“
        Diese Schicksale haben nicht wirklich etwas mit Youtube zu tun und werden hier nur für Stammtisch-Vorurteile gegen neue Medien instrumentalisiert.

        • derwaechter 9. April 2019, 09:30

          Kann sein, ändert aber nichts an meinem Befremden.

    • Stefan Sasse 8. April 2019, 18:34

      1) Ich weiß dass Orban ein glühender Antikommunist war. Waren die wirkluc auch progressiv?
      5) Bin gespannt! Ich meine, ich hätte nichts dagegen.
      7) Gut möglich. Ehrlich gesagt hoffe ich dass es so ist.

      • R.A. 9. April 2019, 09:06

        „1) Ich weiß dass Orban ein glühender Antikommunist war. Waren die wirkluc auch progressiv?“
        Jeder Demokrat ist Antikommunist.
        Fidesz war am Anfang unter Molnár eine sehr liberale Partei und hat sich erst nach 1994 nach rechts gewendet.
        Bei genauem Überlegen also eine eher kurze progressive Phase und schon ziemlich lange eine konservative – da ist wohl keine Rückbesinnung mehr zu erwarten.

        • Stefan Sasse 9. April 2019, 11:19

          Schon, aber es gibt Leute, bei denen ist Antikommunismus zentraler Bestandteil des Id und bei anderen ist er eine natürliche Ablehnung alles Totalitären. Soweit ich weiß war Orban eher Kategorie 1.

          • R.A. 9. April 2019, 11:37

            Bei vielen Leuten die im real existierenden Sozialismus aufgewachsen sind ist Antikommunismus „zentraler Bestandteil der Id“. Das finde ich völlig nachvollziehbar und legitim.
            Aber die wenigsten landen anschließend so weit rechts wie Orban, da gibt es m. E. keinen echten logischen Zusammenhang.

            • Stefan Sasse 9. April 2019, 14:03

              Ich will auch überhaupt keinen herstellen. Es war nur eine Feststellung, dass das bei ihm der mir bekannte Hintergrund war. Also Systemgegnerschaft, meine ich. Da gibt keinen kausalen Zusammenhang. Das wäre ja noch schöner.

    • Cimourdain 9. April 2019, 16:15

      „Und vor einigen Jahrhunderten gegen den Buchdruck.“ ist verständlich: Der Buchdruck brachte vor 5 Jahrhunderten eine Welle von Verschwörungstheorien, Radikalisierung, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, Fanatismus, Polemik und Demagogie hervor.
      Und der größte Troll und Hater dieser Zeit wurde auch noch vor anderthalb Jahren mit viel Brimborium gefeiert.

  • Stefan Pietsch 8. April 2019, 14:06

    11) „Krampp-Karrenbauer ist eindeutig feministischer als Merkel“ – Streitgespräch zwischen Alice Schwarzer und Margarete Stokowski

    Ein ziemlicher Unsinn, der mit einem Etikettenschwindel beginnt und nicht zum Ausführlichlesen anregt. Der Ausschnitt zeigt kein Streitgespräch, sondern weitgehende Einigkeit. Und am Anfang steht die immer gleiche These, nämlich, dass die Geschlechter prinzipiell die gleichen Interessen in der gleichen Gewichtung hätten, weshalb Unterschiede sich nur durch Diskriminierung und falsche Erziehung begründen lassen.

    Die Konsumgüterindustrie lebt ganz gut davon, dass es anders ist. Und nicht nur die. Frauen geben dreimal mehr für Schuhe aus als Männer, Frauen greifen zu dem doppelt so teuren Rasierer, nur weil der für Frauen pink oder sonst verziert und nicht schwarz ist, Frauen rennen dreimal so oft zum Psychiater wie Männer. Es ist die Frage, ob dies wirklich geändert werden sollte, durch Erziehung und so, und warum.

    Und warum regt sich das linke Deutschland eigentlich über spärlich bekleidete junge Models auf, die Werbung für Fahrradhelme machen, nicht jedoch über ebenso spärlich bekleidete junge Typen mit Callboy-Attitüde auf dem gleichen Plakat?

  • derwaechter 8. April 2019, 14:23

    11)
    Ich lese Stokowski ungern, da ich bei ihr immer wieder den Eindruck habe, dass sie sich die Dinge viel zu oft passend (und einseitig) macht, damit sie in ihre Argumentation passen.
    Das sind oft nur Kleinigkeiten aber es nervt.
    Hier auch wieder: 1: DM macht doch kein Männerregal, damit Männer kein Waschmittel kaufen. Waschmittel steht seit eh und je im „neutralen“ Haushaltsbereich und nicht etwa für Männer unerreichbar zwischen Lippenstift und Damenbinden.
    2: Stellt Sie Bio-Öko-Fairtrade mit teuer gleich. Die Sachen dort sind ja nicht weniger gegendert weil sie teuer sind, sondern weil deren Zielgruppe dem gendern eher kritisch gegenüber steht. Teure Markenkleider ohne „bio“ sind auch gegendert.
    Vergleiche z.B. Esprit für Kinder mit KIK für Kinder. Die Farb- und Themenwahl für die Jungs und Mädchenkleider sind nahezu identisch.

    Das manche Leute gar keine andere andere Wahl hätten als ihren Mädchen billige rosa Kleidung zu kaufen weil es nichts anderes gibt ist doch auch quatsch.
    Und wenn schon rosa dann doch lieber „this girl can be eveything she wants to be“ tshirt von kik für 3,99 https://www.kik.de/s/kinder-t-shirt-S1081534.html?c_id=380&colorId=108153415600 statt die „sweet inside“ Bluse von Esprit für 15,99 https://www.esprit.de/kids/maedchen/t-shirts-blusen/t-shirt-mit-glitzer-print-baumwoll-stretch-RN1036303_010
    🙂

    • Cimourdain 9. April 2019, 16:27

      11) Die Wortwahl „Bio-Öko-Fairtrade-Kinderladen“ legt eine Parallele zum Thema ‚bewusste Ernährung‘ nahe. Und ähnlich wie bei diesem Thema wäre dann die eigentliche Klassenfrage nicht die materielle Erfüllbarkeit, sondern die Tatsache, dass das gesamte Problem eher in den Bereich Selbstverwirklichung fällt und damit zum ‚Luxusproblem‘ (doppelter Wortsinn) wird.

      • Stefan Sasse 9. April 2019, 17:53

        Wie meinen?

        • Cimourdain 9. April 2019, 21:25

          Von der Ober- und ‚oberen Mittelschicht‘ ( Wobei Aufsichtsratposten in DAX-Unternehmen definitiv der ersteren Kategorie zuzurechnen sind) sind die wenigsten an einer ‚identitätsstiftenden‘ ( Das meine ich mit Selbstverwirklichung) Kleiderwahl interessiert. Da stehen pragmatische Gründe im Vordergrund.

          • derwaechter 10. April 2019, 07:29

            Die Luxusklamotten die man sich überhaupt nur als Angehöriger dieser Schichten leisten kann, sind doch gerade nicht pragmatisch, sondern beziehen ihren Wert nahezu ausschliesslich als Statussymbol. Ist nicht genau das ein gutes Beispiel für identitätsstiftend?

          • Cimourdain 10. April 2019, 19:41

            Korrektur:
            Von der Ober- und ‚oberen Mittelschicht‘ ( Wobei Aufsichtsratposten in DAX-Unternehmen definitiv der ersteren Kategorie zuzurechnen sind) ABGESEHEN sind die wenigsten an einer ‚identitätsstiftenden‘ ( Das meine ich mit Selbstverwirklichung) Kleiderwahl interessiert. Da stehen pragmatische Gründe im Vordergrund.
            Danke derwaechter für den Hinweis.

  • Cimourdain 8. April 2019, 16:12

    6) Für mich ist der geschilderte Fall vor allem ein weiteres Beispiel für die Empathielosigkeit gegenüber Strafgefangenen, wie sie sich im Gewährenlassen der privatisierten Gefängnisindustrie, politischen Karrieren von Hardlinern ( Joe Arpaio) oder Witzen über Gefängnisvergewaltigung äußert. Nur ist das kein exklusiv amerikanisches Phänomen. So musste z.B. 2016 der EGMR entscheiden, dass die bayerische Praxis, Heroinabhängigen Methadon zu verweigern, einen Verstoß gegen die Menschenwürde darstellt.

    8) Dieses Beispiel kann man genauso gut so lesen, dass erhöhte Anforderungen (kleinere Trefferfläche) dazu führen, dass sich die Betroffenen mehr anstrengen (koordinierter Sturm anstelle Distanzbolzen aufs Tor) und damit bessere Leistungen (mehr Tore) abliefern.

    7) und 2) und ein bisschen 10) Die Suchalgorithmen von Google und Youtube sind schlichtweg Verkaufsmaschinen, die einem Raucher eben weiterhin Zigaretten ( und zwar seine bevorzugte Marke ) anbieten. Ob man Ihnen das zum Vorwurf machen kann, ist fraglich. Aber menschliche Journalisten lassen sich genauso für ‚interessante‘ Schlagzeilen auf diese ganze Aufmerksamkeitsökonomie von Provokationen, Scheindebatten und Opferinszenierungen ein. Und denen werfe ich das wegen ihrem Selbstanspruch durchaus vor.

    • Stefan Sasse 8. April 2019, 18:35

      6) Stimmt.
      8) Guter Punkt.

      • derwaechter 9. April 2019, 06:36

        8)
        Oder noch allgemeiner, dass man die Rahmenbedingungen und Ziele so anpasst, dass die wichtigsten Fähigkeiten verbessert werden, nicht der kurzfristige Erfolg. Hier Teamspiel statt Distanzschuss ; in der Schule z.B. selber denken statt auswendig lernen.

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