Reale und eingebilde Verschwörungen um Abtreibung, Brasilien, Parteispender und Sprachverfall – Vermischtes 21.11.2018

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) Trump wird nie verlieren

Die Vermutung, dass diese Leute einfach sturzbekloppt seien, ist auf gefährliche Weise falsch, und das beweist ausgerechnet Hans-Georg Maaßen. Dem kann man viel nachsagen, aber mangelnde Intelligenz gehört definitiv nicht dazu, im Gegenteil. Maaßen hat mit seiner bestürzenden Rede vor europäischen Geheimdienstchefs gezeigt, dass er nicht bloß Verschwörungstheoretiker ist – sondern Verschwörungsideologe. Anders lässt sich „Linksradikalismus“ in der SPD – der Partei gewordenen Pendlerpauschale – schlicht nicht erkennen. Das ist keine Verschwörungstheorie mehr über Juso-Kevin, der den sozialistischen Umsturz plant zur Errichtung eines protomarxistischen Kühnertismus. Nein, das ist Ideologie. […] Denn es geht bei einer Verschwörungsideologie nicht darum, was genau man glaubt – sondern um die Rechtfertigung der eigenen Reaktion darauf. Verschwörungsideologien wollen keine Erklärungen für die Geschehnisse und Verwerfungen in dieser Welt, das ist nur austauschbares Mittel zum Zweck. Verschwörungsideologien bestimmen das Handeln ihrer Anhänger, um vermeintliche Gegenmaßnahmen zu legitimieren, die Basis jeder Opfererzählung. Das macht sie so gefährlich – denn in jeder Verschwörungsideologie ist automatisch ein Appell zur Aktivierung und Mobilisierung verborgen: Verbreite mich weiter, werde aktiv, vernetze dich, organisiere dich, wehre dich! Es ist kein Zufall, dass Maaßen in die Politik gehen möchte, es ist im Gegenteil die Erfüllung seiner Weltsicht. […] Verschwörungsideologien führen zur Autokratie, sie öffnen die Gemüter für Erlöser- und Heldenerzählungen, in denen allein ein starker Mann über die verschworene Feindesmacht von innen, außen, oben und unten siegen kann. Wir sehen die perfekte, politische Instrumentalisierung der Trump’schen Verschwörungsideologie. Trump hat nicht verloren, er wird nie verlieren, er kann gar nicht verlieren. Er wird höchstens Opfer einer Verschwörung. (Sascha Lobo, Spiegel)

Lobo beschreibt hier wichtige psychologische Prozesse. Was wir an den populistischen Ränder beobachten können, und zwar tatsächlich einmal an beiden Seiten, ist der Versuch, eine eigene Realität zu schaffen, die gegenüber abweichenden Informationen praktisch immun ist. Ich finde das sieht man gerade an den NachDenkSeiten sehr gut, wo auf ständig irgendwelche bösartigen Einflüsse von außen dafür schuld sind, dass sich die bevorzugte policy der Autoren nicht durchsetzt; immer irgendeine Verschwörung, die die Aufklärung der Bevölkerung verhindert, die sonst natürlich geschlossen diese Position übernehmen würde. Und auf der AfD haben wir das Gleiche, wo „das Volk“ ja immer eine ganz andere Meinung hat als „die da oben“, und praktischerweise kennt die AfD diese geheime Meinung und kann sie direkt umsetzen. Immer der gleiche Mist bei der NachDenkQuerfront.

2) „They don’t really want us to vote“

Restrictions on voting, virtually all imposed by Republicans, reflect rising partisanship, societal shifts producing a more diverse America, and the weakening of the Voting Rights Act by the Supreme Court in 2013. […] Voting-rights advocates in Missouri are arguing in court that the state underfunded efforts to educate residents on a voter ID law. In North Carolina, the legislature’s regulation of early-voting hours has shuttered polling places across the state, even as it purports to increase voting opportunities. […] Nathaniel Persily, a Stanford University law professor and elections scholar, said what was going on reflected a shift from a belief in shared rules of democracy toward one that sees elections as struggles for power “in which you need to push up against the rules to win.” He added, “We’ve reached a situation in which the fight over the rules and who gets to vote is seen as a legitimate part of electoral competition.” (Danny Hakim/Michael Wines, New York Times)


Ich zitiere diese Artikel aus der New York Times weniger wegen des Inhalts als wegen der Exemplarität von ungeheuer schädlichen journalistischen Mechanismen: dieser furchtbare Bothsiderism und die verlorene falsche Objektivität, die die Zeitung auch zwei Jahre nach 2016 weiterhin mit voller Kraft betreibt, sind ein Desaster. Da wird so getan, als ob die „Polarisierung“, die natürlich beide Seiten quasi passiv und gleichermaßen betrifft (was völliger Unfug ist) natürlicherweise in voter suppression mündet. Die NYT hat panische Angst davor, die Verantwortlichen klar zu benennen. Dabei sind die Artikel selbst gar nicht so schlimm und liefern alle Fakten, aber immer mit diesen Relativierungen, mit denen sie sich gegen Subjektivitätsvorwürfe absichern. Das hat furchtbare Konsequenzen, gerade weil die NYT als objektiv gilt. Auf die Art machen sie die Arbeit ihrer Gegner, wie ein neutrales Land im Zweiten Weltkrieg.

3) Abortion may be more mobilizing to Democrat than to Republican voters now

The partisan struggle over abortion has been an enduring feature of American politics. But the parties have not prioritized it equally — the issue has consistently animated Republican voters more than Democrats. Two new surveys, however, reveal a remarkable shift in how important the issue of abortion is to Democrats and Republicans ahead of the 2018 midterm election. […] Democrats are also increasingly likely to say abortion is an important voting issue. A recent Pew poll showed that abortion is a far more central voting concern for Democrats today than it has been at any point in the last decade — 61 percent of Democratic voters said abortion is very important to their vote this year. In 2008, only 38 percent of Democratic voters said the same. That’s roughly the same percentage of Democratic voters who say terrorism, taxes, immigration, the federal budget deficit or trade policy is an important voting issue. […] Another likely reason for the rising concern among Democrats is the years-long campaign to curb abortion access at the state level. […] A final factor that may be contributing to the sharp rise in concern about abortion is that reproductive health care has taken a more central place in the Democratic agenda as women, particularly young women, have taken on more prominent roles in the party. […] Whatever the immediate political fallout from the 2018 election, Democrats are likely to continue to prioritize the issue of abortion so long as its legal status appears to be threatened and access is limited. In the short term, this may mean that fewer Republicans campaign on their uncompromising opposition to abortion. Conservative Christians, a group that has worked for decades to overturn Roe v. Wade, have been conspicuously tight-lipped about abortion in recent months — an indication that they are worried about the possible political fallout of discussing their views. The 2018 election will tell us if that strategy comes too late and the abortion issue has given Democratic voters an additional reason to head to the polls. (Brian Cox, 538)

Passend zum letzten Vermischten ein weiteres Beispiel dafür, dass identity politics ein wirksames Mittel der Politik und eben nicht Gedöns-Beiwerk sind. Das gilt auch für die USA. Der öffentliche und prominente Protest führt zu einer Umschichtung der öffentlichen Meinung, und das ist ein wertneutraler Prozess. Deswegen ist es auch so wichtig, dass man den entsprechenden rechten Narrativen so entschlossen entgegentritt. Ein Seehofer’sches Zündeln am rechten Rand ist eben kein harmloses Wahlkampftaktieren, sondern leistet aktiv einer Zunahme von Fremdenfeindlichkeit Vorschub. Es zeigt auch, wie wichtig positive Narrative sind, an denen sich ein solcher Wandel entzünden kann und die gegen Furcht und Hass immunisieren.

4) The Saruman trap

Conservatives in distress turn to ancient texts. In the current circumstance, those of us of a Hebraic cast reach for the prophet Isaiah in his darker moods, or the even fiercer denunciations of Amos. Devout Christians despairing of a society in full malodorous rot look to The Rule of St. Benedict. Classicists might pick up a volume of Seneca, sighing wistfully as they contemplate the philosopher’s fate at the hands of his mad pupil, Emperor Nero, who, unlike President Donald Trump, at least played a musical instrument competently. A more twisted few will reach for Machiavelli. For those undergoing real tests of the soul, however, the place to go is J. R. R. Tolkien’s modern epic, The Lord of the Rings. […] erstwhile NeverTrumpers who wryly describe themselves as “OccasionalTrumpers,” or who attempt to cleanse themselves of the stain of having signed letters denouncing candidate Trump by praising President Trump’s achievements and his crudely framed, rough-hewn wisdom, deploring his language but applauding at least some of his deeds. It is the temptation to accommodate oneself to the nature of the times, as Machiavelli would have put it, and to ally—cautiously but definitely—with the Power that is rather than the principles that were. And that is where Tolkien comes in. His masterwork—the six books in three volumes, not the movies with their unfortunate elisions, occasional campiness and spectacular computer-generated images—addresses many themes relevant to our age, not least of which is that temptation. […] And there you have it. Ally with the rising power (Sauron is making his ashen, desolate homeland, Mordor, great again) and use your wisdom to contain and guide it. Your old friends and allies are fools or weaklings. Go along with the inevitable, and you may shape the new world; oppose it, and you will simply fail and perish. […] The stakes are not nearly as high for conservative thinkers as they were for the inhabitants of Middle Earth, but the basic idea is worth pondering. Some of them wish to walk back their condemnation of Trump, the animosities that he magnifies and upon which he feeds, the prejudices upon which he plays and the norms he delightedly subverts. They do so not because their original judgments have been proved unjust—far from it—but because, weary of unyielding opposition, they would like to shape things, or at least to hold communion with those who are in the room where the deals are done. But as Gandalf and Galadriel could teach them, the height of wisdom is to fear their own drive for power, to fight the fight in a darkening world even if it looks likely to end in failure, and, above all, to choose to remain their better selves. (Eliot A. Cohen, The Atlantic)

Ich finde das nicht nur aus Nerdstream-Gesichtspunkten eine interessante Metapher. Tatsächlich finden sich diese Quisling-Konservativen in wahren Massen, und nur eine verschwindend geringe Minderheit hat die Größte besessen, ihre Karrieren und ihre wirtschaftlichen Interessen für ihre Überzeugungen zu opfern. Das ist auch verständlich. Aber den Betroffenen muss klar sein, dass sie als „OccasionalTrumpers“, ganz egal was sie sich selbst einbilden, unverbrüchlich mit dem Ruch der Trump-Ära behaftet sein werden. Man konnte bei der Austreibung der Neocons während der Primaries 2015 – ironischerweise durch Trump selbst – gut beobachten, wie schnell das gehen kann. Letzten Endes machen diese Saruman-Trumpers die Wette, dass die GOP auf lange Sicht hinaus nun zu Trumps Partei geworden ist, auch wenn der Mann selbst geschwunden ist.

5) Endlich ganz und national

Die Fragen sind nur: Verfügen die Bewerber über ein Programm? Und ist es jenes „Konservative Manifest“, das Mitschs Werteunion im Frühjahr unters Volk brachte? Wenn es so sein sollte, dann hätten die Bewerber außer dem naturtrüben Evergreen „Mehr Vaterland, mehr Landesverteidigung, mehr Kernfamilie“ nicht viel zu bieten. Tatsächlich aber bringen konservative Köpfe weitaus radikalere Ideen in Umlauf, und zwar solche, die die Union nicht bloß mit Werte-Schaum aufpolstern, sondern die Deutschland selbst substanziell verändern sollen. […] Interessant daran ist: Wie Dobrindt, so attackiert auch Jens Spahn nicht die Person Angela Merkel, sondern das liberale mentalitätsgeschichtliche Erbe, das sie für ihn verkörpert. Diese Kritik erinnert an eine Geschichtsauffassung, die in der Vor-Merkel-Ära nicht nur unter bekennenden Rechten, sondern auch unter Unionschristen die Runde machte, zum Beispiel im rechtskonservativen Weikersheimer Kreis. Im Kern läuft sie auf die Behauptung hinaus, die Bundesrepublik sei leider nicht das echte, sondern nur das unechte Deutschland – eine Erfindung der Siegermächte, ein der Nation wesensfremdes, auf den Namen „Liberalismus“ getauftes Konstrukt. […] Und was dann? Dringend erwünscht erscheint ein Politiker mit Lizenz zum Durchregieren; für Horst Seehofer war es anfangs Donald Trump, er rühmte die „Konsequenz und Geschwindigkeit“, mit der dieser seine Versprechungen wahr machte („in Deutschland würden wir da erst mal einen Arbeitskreis einsetzen, dann eine Prüfgruppe und dann noch eine Umsetzungsgruppe“). Unterdessen hat Seehofer seine Meinung geändert, dafür bleibt, eigentlich unfassbar, Viktor Orbán ein gern gesehener Gast der CSU. Der ungarische Ministerpräsident saniert gerade seine Gesellschaft, er verbindet Marktwirtschaft mit autoritärer Leitkultur und treibt eine Demokratie ohne Liberalismus voran, also eine Demokratie, die bald nur noch so heißt, aber keine mehr ist. Noch freundlicher, beinahe liebevoll, ist das Verhältnis zum österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz. Als die Union im Dauerstreit versank, schlug sich Kurz auf die Seite der CSU und bewies für Jens Spahn damit offenbar genau das schneidige Talent, das der Bundeskanzlerin in der Stunde der Entscheidung fehlt. Es ist ja nicht nur der Spiegel, dem Spahns „öffentlich zelebrierte Nähe zu Kurz“ auffällt. […] Wie die Landtagswahlen in Hessen gezeigt haben, gibt es für ein Krisenbewältigungsprogramm nach österreichisch-ungarischem Muster in Deutschland keine Mehrheit, das ist beruhigend. (Thomas Assheuer, Die Zeit)

Das ist ein langer Artikel, es lohnt sich daher mehr als nur den obigen Ausschnitt zu lesen. Ich halte es als eine Langzeitperspektive auf das, was innerhalb des konservativen Spektrums vor sich geht, für wertvoll. Aktuell irrlichtern diese Ideen am Rande des Spektrums der CDU/CSU herum, bei den berühmten Hinterbänklern. Da gab es diese Ideen natürlich immer schon. Wie der Artikel ja auch zeigt gibt es für diese Ideen auch keine Mehrheit; wenn sie Erfolg haben wollen, müssen sie sich an andere, populärere Forderungen anheften – etwa eine restriktivere Flüchtlingspolitik. Es bleibt deswegen auch so wichtig, dass die Union ihre bisher überwiegend erfolgreiche Abgrenzung nach rechts fortsetzt, auch wenn das bedeutet, dass es entgegen früherer Zeiten eine Partei rechts von ihr im Parlament gibt.

Ich möchte deswegen auch betonen, dass diese Bewegung und diese Ideen aktuell zwar marginalisiert sind, aber dass die Gefahr eben besteht, dass jemand (Spahn etwa) das Bündnis mit diesen Leuten sucht, um an die Macht zu kommen, und sie dadurch legitimiert. So was kann für Außenstehende ruckartig vor sich gehen (auch wenn es sich innerparteilich schon länger abgezeichnet hat, siehe GOP). Manche werden sich daher umgucken, wenn die je gewinnen, gerade auch Kommentatoren hier im Blog, die das häufig zu sehr framen entweder als eine reine policy-Frage (etwa die konkrete Ausgestaltung des Asylrechts) oder als reine Wahlkampftaktik.

6) Sunday, Bloody Sunday

Kann die SPD sich also trotz allem auch in der Regierung erneuern? Das zu glauben fällt schwerer denn je. Und das hat nichts mit dem sehr sozialdemokratischen Koalitionsvertrag zu tun, sondern maßgeblich mit einem schlimmen Tripple: Grenzzurückweisungen, Maaßen und Diesel. […] Der „Dieselkompromiss“ hat den Eindruck verschärft, dass die Regierung nicht auf der Seite der Verbraucher, sondern der Bosse steht. Verkannt wird dabei, dass beiden – Regierung und Bossen – bei dem Blick in die Zukunft der deutschen Automobil- und Zulieferindustrie der nackte Angstschweiß auf der Stirn steht. Wir stehen hier vor einem möglichen Fiasko, wogegen sich die große Stahlkrise der 80er und 90er Jahre wie ein leises Rumpeln ausmachen könnte. […] Gleiches gilt natürlich für die Braunkohle, die kein Mensch mehr braucht, außer denen, die unmittelbar davon ihren Lebensunterhalt bestreiten. Dass der Staat es nicht schafft, Hand in Hand mit der Industrie in Boomzeiten den Betroffenen eine vernünftige Alternative anzubieten, ist ein Armutszeugnis. […] Die dritte bedeutende Baustelle ist die Frage einer solidarischen EU, die angesichts neuer ökonomischer wie militaristischer Bedrohungen aus dem Osten wie dem Westen die einzige Antwort sein kann. Auch hier tritt allen Beteiligten der Angstschweiß auf die Stirn. Mehr EU ohne mehr Solidarität geht nämlich nicht. Und mehr Solidarität bedeutet natürlich auch engere Kooperation und Verantwortung. Die Bundesregierung hat sich bisher entschlossen, die Initiativen von Macron weitgehend zu ignorieren. Man kann diese in Teilen gut oder schlecht finden, aber die Frage bleibt dann, welche Initiativen denn von dieser Großen Koalition ausgehen, damit sie den Namen „Groß“ verdient. […] Deutschland steht nicht vor einem Rechtsruck. Auch das haben die letzten Wahlen gezeigt und die Umfragen ebenso. Die große friedliche und demokratische deutsche Mitte – rund 75-85%, sortiert sich zwischen CDU/CSU, SPD, Grünen, FDP und in manchen Bundesländern, wie etwa Thüringen, zähle ich die Linke mit zur demokratischen Mitte. Das Pendel schlägt zurzeit eindeutig in Richtung des modernen Deutschlands. Dafür muss die Politik die Zukunft der Arbeit mit der Zukunft der Welt, in der wir leben und der Art, wie wir in dieser Welt zusammenleben wollen, verbinden. Welche progressive Partei sich hierfür am besten aufstellt, wird die Zukunft gewinnen. Eine tolle Aufgabe. Man sollte irgendwas mit Politik machen. (Frank Stauss)

Die These, dass gerade die Diesel-Affäre der SPD besonders schade, ist sicherlich originell, aber ich finde sie durchaus bedenkenswert. Schließlich betrifft das eine frühere Kernwählerschaft der Partei. Die Verbindung zwischen dieser Krise auf der einen Seite und dem Gegensatz Vorstände und Arbeiterschaft, den Stauss hier aufmacht, ist eigentlich auch offensichtlich; umso verwirrender, dass die SPD einmal mehr nicht in der Lage ist, diesen auszunutzen. Es scheint, als hätte die Partei panische Angst davor, einen klassenkämpferisch angehauchten Wahlkampf zu machen.

Ich habe über das Disruptionspotenzial des Niedergangs der Autoindustrie bereits in meinem Artikel Finis Baden-Wuerttembergiae geschrieben. Die deutsche Politik macht hier viel zu wenig und versucht, einer todgeweihten Industrie, die sich weigert sich zu reformieren, durch massive staatliche Intervention das Ableben hinauszuzögern. Die Milliarden, die in die Subventionierung der Autoindustrie gehen, werden uns bei der Bewältigung des Strukturwandels nachher bitter fehlen. Das Ruhrgebiet und das Saarland können ein bitteres Lied davon singen. Vielleicht sollten die Ministerpräsidenten Niedersachsens, Bayerns und Baden-Württembergs mal mit ihren Kollegen sprechen.

7) Wer hat Angst vorm Sprachverfall?

Interessant finde ich es in diesem Zusammenhang allerdings immer wieder, wenn Menschen sich Sorgen machen, dass unsere Sprache (oder ihre Sprache) bedroht ist, zu degenerieren. Menschen reden nun schon seit mehr also 50 000 Jahren, und bisher ist keine Sprache, die von einer Vielzahl von Menschen gesprochen wird, degeneriert. Sprachen können vergessen werden, ja, sie können aussterben, und ihr Tod ist traurig, da er sich im Vergessen zeigt, wenn Sprecher ihre Muttersprache nicht mehr verwenden können oder wollen, und sie ihren Kinder nicht mehr beibringen. Aber die großen Sprachen wie Deutsch und Englisch, Russisch und Chinesisch, Spanisch und Französisch, sie sind alle nicht davon bedroht, von ihren Sprechern aufgegeben zu werden, und solange das nicht passiert, kann eine Sprache auch nicht degenerieren. Sprachen verändern sich so lange sie existieren, immer, ohne Unterlass, das wissen wir schon sehr lange, aber Sprachen degenerieren nicht. Sie können nur anfangen, von dem abzuweichen, was wir persönlich als ästhetisch ansehen. Aber gerade wenn sich Sprachen in bestimmten Bereichen ändern, die einigen Menschen nicht passen, dann liegt das ja auch daran, dass es viele Menschen gibt, die mit den neuen Änderungen keine Probleme haben. Und wenn eine Mehrheit der Sprecherinnen und Sprecher einer Sprachgemeinschaft eine neue Sprachpraxis akzeptiert und praktiziert, dann ist das die neue Norm, und es ist vermessen, sich als einzelner Sprecher hinzustellen und sich darüber aufzuregen, wie dumm doch die Mehrheit ist, die unsere Sprache langsam aktiv in den Abgrund treibt. […] Sprachen ändern sich, so lange sie existieren, das hat schon August Schleicher gesagt (Schleicher 1863). Solange es jedoch genug Menschen gibt, die eine Sprache aktiv sprechen und sich ihrer bedienen, um zu kommunizieren, solange ist eine Sprache auch nicht gefährdet zu degenerieren. Es ist schade, dass Vorstellung, dass Sprachen wie das Deutsche bedroht sein können, immer noch in den Köpfen einiger Menschen herumspukt, die sich als Sprachpfleger berufen fühlen, dem schrecklichen Verfall entgegenzutreten. Man kann sich über Floskeln aufregen, die Menschen benutzen, man kann sich auch darüber aufregen, wenn Menschen mit ihrer Sprachwahl unachtsam sind und unnötig andere Menschen verletzen, aber Angst vor einer Degeneration unserer Sprachen zu schüren, nur weil die Mehrheit von unserer gefühlten, idiosynkratischen und lediglich emotional begründeten Norm abweicht, das muss man nicht tun. Es gibt weitaus wichtigere Probleme, derer wir uns annehmen sollten, als die Wörter, die unsere Mitmenschen benutzen, um bestimmte Dinge auszudrücken. (Johann-Mattis List, Von Wörtern und Bäumen)

Das Entgegentreten gegen die Idee des Sprachverfalls ist auch so ein Hobby von mir. Ich weiß nicht wie das bei anderen ist, aber ein ganz häufiges Ding in meinem Umfeld ist die wahnsinnig innovative Feststellung, dass im Deutschen die Formulierung „das macht Sinn“ ja eigentlich „nicht richtig“ sei, weil es „richtig“ schließlich „Sinn ergeben“ heißen müsse. Ich frage dann immer pointiert zurück ob mein Gegenüber denn verstehe, was ich meine, wenn ich „Sinn machen“ sage. Das wird natürlich bejaht. Wo also liegt das Problem? Das gilt für viele Sachen. „Richtige“ Sprache ergibt sich aus ihrer Benutzung. Zahllose Worte fallen aus der alltäglichen Nutzung heraus, und das gleiche gilt für Formulierungen. Ich merke das ja auch in der Schule, wo ich beim Lesen von Literatur oder Quellen im Geschichtsunterricht zahllose Begriffe mit Fußnote angeben muss, um die Texte überhaupt verständlich zu halten.

Davon abgesehen würde dem Deutschen ein Trend zur Vereinfachung ähnlich dem PSE im englischen Sprachraum (Plain Simple English) auch gut tun. Ich erwische mich ja selbst immer wieder beim Bauen von Schachtelsätzen und unnötigen Verwenden von Fremdworten. Das spricht weniger positiv über meinen Bildungsstand als negativ über meine Formulierungsfähigkeit. So, Selbstkritik beendet.

8) Alice Weidel bezahlte Wahlkämpfer mit Spende

Demnach schickte ein Kölner Medienanwalt, der von Weidel beauftragt worden war, gegen Journalisten vorzugehen, seine Rechnungen an die Bundesgeschäftsstelle der AfD. Von dort wurden sie mit Weidels Einverständnis an den Kreisverband Bodensee weitergeleitet, wo die Kreisgeschäftsführerin mit der Bearbeitung von Weidels Rechnungen betraut war. Für die Begleichung wurde ein Unterkonto verwendet, auf dem die rund 130.000 Euro aus der Schweiz lagerten. Das Unterkonto wurde geschaffen, um die Wahlkampfausgaben von den übrigen Ausgaben des Kreisverbandes zu trennen. Nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ forderte der Anwalt eine fünfstellige Summe. Ebenso wurde ein für Weidels Wahlkampf in sozialen Netzwerken zuständiger Mitarbeiter instruiert, seine Rechnung direkt an den Kreisverband zu richten. In Parteikreisen ist von Beträgen zwischen drei- bis zehntausend Euro im Monat die Rede, davon soll der Mitarbeiter unter anderem sogenannte Facebook-Likes gekauft und Inhalte erstellt haben. Weidels Sprecher bestätigte die Rechnungsstellung an den Kreisverband. Dass zur Bezahlung auch das Spendengeld verwendet wurde, erklärte er damit, dass „die Kreisschatzmeisterin davon ausgegangen ist, dass diese Spende völlig ordnungsgemäß ist“. Auch Weidel habe das gedacht. (FAZ)

Inzwischen hat sich die AfD-Spendenaffäre ja noch deutlich ausgeweitet; ich will daher auf zwei ganz andere Aspekte eingehen. Das erste, was zwar ständig berichtet, aber irgendwie nicht thematisiert wird, ist dass die AfD mit dem Geld Likes gekauft hat. Wie bei Trump, Farage, Le Pen und Konsorten auch ist die angebliche Stärke im Netz teilweise eine Mirage, unterstützt von Armeen von Bots und ähnlichen Hilfestellungen, mit denen eine Minderheitenbewegung sich größer zu machen versucht als sie ist – ein bisschen wie Fidel Castro, der im Interview einen Boten hereinplatzen ließ, der atemlos von einer „zweiten Kolonne“ berichtete, die gar nicht existierte. Im Times-Artikel stand es dann die unter 100 Köpfen zählende Truppe nachher dann als inselumspannende Armee.

Der zweite Faktor ist die übliche Ausrede, dass man nur Fehler gemacht habe. Die Crux ist, dass das sogar möglich ist. Die AfD als relativ neue Partei ist schnell groß geworden und hat keine gut eingespielten und mit kompetentem Personal ausgestatteten Institutionen. Da kann so Quatsch schon vorkommen. Aber: Die Beträge, die hier bei kleinsten Ortsverbänden hereingekommen sind, stehen in keinem Verhältnis zu deren Spendenhistorie. Wenn die gedacht hätten, dass das alles völlig sauber und stressfrei ist, hätten sie doch damit angegeben.

9) Die trennende Brücke

Liessmanns Diagnose, wonach die Weltoffenheit symbolisierende Bevorzugung des Englischen der Selbsterhöhung einer sich kommunikativ abschließenden Elite dient, betrifft nicht nur das Verhältnis der Wissenschaft zur Öffentlichkeit, sondern auch das Selbstverhältnis des akademischen Personals. Wer nicht seine Bildungssozialisation hindurch bilingual aufgewachsen ist, vermag in der Regel Gedanken, Interpretationen und Urteile in seiner Erstsprache prägnanter und selbstsicherer zu formulieren denn in einer Zweitsprache, so routiniert er diese auch beherrscht. Er muss also, um nicht gegen die kommunikativen Verkehrsregeln zu verstoßen, gleichsam die Erstsprache auf die Verkehrssprache herunterbringen und auf all jene Nuancen verzichten, die sich nur in der Erst-, nicht in der Verkehrssprache formulieren lassen. Dadurch aber tritt in den Geisteswissenschaften – mit Adorno und Gadamer gesprochen –„das Entscheidende“ tendenziell in Widerspruch zu dem, was „praktisch“ ist. Fungiert statt der Erstsprache die allen Gesprächspartnern vertraute Zweitsprache als einzige Verkehrssprache, avanciert jenes „Praktische“, die Sphäre instrumenteller Mitteilung, zum wichtigsten Maßstab eines gelingenden Gesprächs. […] Würde demgegenüber das trennende, unterscheidende Moment von Sprache stärker ins Bewusstsein gehoben, könnte das nicht nur der Genauigkeit des Ausdrucks, sondern auch dem kommunikativen Potential von Sprache nützen. Adornos Satz, „das Entscheidende, was unsereiner zu sagen hat“, könne „von uns nur auf Deutsch gesagt werden“, lässt sich nämlich auch als Einladung lesen: Andere, aber eben nicht er selbst, könnten das Gleiche anders, aber ebenso angemessen in einer anderen Sprache formulieren. Damit ist der Konnex von historischem Gedächtnis, lebensgeschichtlicher Erfahrung und sprachlicher Form benannt, den jede Erkenntnis voraussetzt und der durch die Fetischisierung des Englischen als allgemeine Verkehrssprache verdrängt wird. (Magnus Klaue, FAZ)

Ich empfinde diesen Text als Satire, muss ich ehrlich sagen. Er ist auch so ein Gegenstück zu meinem Fundstück 7. Da beschwert sich jemand in höchstem Akademiker-Duktus mit Verweisen auf Adorno darüber, dass ausgerechnet die Verwendung des Englischen den akademischen Diskurs unverständlich mache. Are you fucking kidding me? Ich erzähle diese Geschichte gerne, deswegen sorry wenn ihr das von mir schon gehört habt, aber als ich 2006 angefangen habe, Politikwissenschaften zu studieren, waren die allerersten zwei Einführungs-Proseminare ein Albtraum: die Grundlagentexte im Reader waren völlig unverständlich, und die Behandlung im Seminar half nicht, das zu ändern. Als die nächsten Texte Englisch waren hatte ich völlig Panik: ich hatte ja bisher schon nichts verstanden, wie dann jetzt auch noch auf Englisch? Obwohl meine Sprachkenntnisse damals mehr so mittel waren, verstand ich sie problemlos, PSE sei dank. Die deutschen Texte blieben unverständlich. Noch schlimmer war die Einführungsvorlesung Lyrik im Deutsch-Studium; ein Saal von hunderten Studenten, teils im Dritten Semester, verstand NICHTS. Wirklich nichts. Der Dozent sprach technisch gesehen Deutsch, aber ich kannte jedes dritte Wort nicht. Es war ein Albtraum. Magnus Klaue sollte daher mal aus dem Elfenbeinturm herauskommen. Und vielleicht ein paar englische Texte lesen.

10) The yawning divide that explains American politics

A gender gap has been a durable feature of American politics, most easily seen in presidential election results. Since 1980, American women have consistently backed Democratic candidates for president at higher rates than have men, while men have favored Republicans—a gender split not seen in the earliest national exit polls, conducted in the 1970s. […] Now, educational attainment has supercharged that split among white voters, who account for more than 70% of the electorate. Those with bachelor’s degrees have shifted toward the Democratic Party, while the Republican Party has gained among voters who don’t have four-year college degrees. The educational divide isn’t strong among nonwhite voters, who lean heavily toward the Democrats. In fact, minority voters with and without bachelor’s degrees have become more politically aligned in recent years. […] Differences in cultural values and views of government widened during President Obama’s time in office, when he promised to build an activist government that would increase spending on education and social programs. Among white voter groups, women with college degrees were by far the most supportive of Mr. Obama’s governing philosophy, while men without degrees have grown more skeptical of it, especially in the past three years. […] The differences between the two groups are stark on many of the issues dominating the midterm campaign: immigration, gun control and health care. In each case, white men without college degrees support Mr. Trump’s policy stance, while white women with degrees are opposed. (Brian McGill, Wall Street Journal)

Dieser Artikel ist, man entschuldige die Wortwahl, bigotte Scheiße. Während die Bestandsaufnahme selbst komplett richtig ist (wer mehr von den Statistiken sehen will, klicke den Artikel), ist die Analyse völlig unbrauchbar. Woher kommt das? Es ist die ideologische Scheuklappe des Autors, der in der Hauspostille der GOP schreibt. Man merkt das im zweiten Teil des obigen Zitats, wo er von „Unterschieden in kulturellen Werten und Ansichten von Regierung“ spricht, die zu einer Ablehnung des „aktivistischen Politikstils“ Obamas geführt habe. Dieser Unfug wurde 2016 ja auch zur Genüge verbreitet, unter dem Schlagwort der „economic anxiety„, die ja angeblich diese Wahlentscheidungen lenke. Aber es sind identity politics, nichts anderes. Die Wähler haben kein Problem mit aktivistischem Regieren; sie wollen nur, dass die aktivistische Regierung IHRE bevorzugte Politik durchsetzt statt die der anderen. Das ist, wie ich in einem früheren Vermischten gezeigt habe,. völlig normal, aber es macht die Wall-Street-Journal-„Analyse“ praktisch wertlos.

11) Jair Bolsonaro Is Elected President of Brazil. Read His Extremist, Far-Right Positions in His Own Words.

In short, every major political institution has been increasingly discredited as Brazil has spiraled deeper and deeper into a dark void. And from the abyss emerged a former army captain and six-term congressman from Rio de Janeiro, Jair Bolsonaro, with the slogan “Brazil above everything, God above everyone,” and promises to fix everything with hard-line tactics. Seven years ago, Bolsonaro was a punchline for the political humor program CQC, where he’d make outrageous statements. A former presenter, Monica Iozzi, said they interviewed him multiple times “so people could see the very low level of the representatives we were electing.” Now, it’s Bolsonaro who is laughing, and Iozzi says she regrets giving him airtime. Riding the wave of public discontent, Bolsonaro campaigned against the Workers’ Party, corruption, politicians, crime, “cultural Marxism,” communists, leftists, secularism, and “privileges” for historically marginalized groups. Instead, he favored “traditional family values,” “patriotism,” nationalism, the military, a Christian nation, guns, increased police violence, and neoliberal economics that he promises will revitalize the economy. Despite his actual political platform being short on specific proposals, the energy around his candidacy was enough to win the presidency and turn his previously insignificant Social Liberal Party into the second-largest bloc in Congress. But what has frightened his opponents, many international observers, and even some fervent Workers’ Party critics, are Bolsonaro’s repeated declarations in favor of Brazil’s military dictatorship, torture, extrajudicial police killings, and violence against LGBTQ people, Afro-Brazilians, women, indigenous people, minorities, and political opponents, as well as his opposition to democratic norms and values. (Andrew Fishman, The Intercept)

Es lohnt sich, den obigen Artikel anzuklicken um die vielen Zitate Bolsonaros im Artikel direkt zu lesen. Ansonsten ist denke ich klar, warum ich diesen Ausschnitt zitiere. Genauso wie in Brasilien war es in den USA ein massiver Fehler, einen rechtsextremen Clown wegen seines Unterhaltungswerts zu normalisieren und nicht ernst zu nehmen, bis der Clown dann plötzlich die Kontrolle über einen ausgewachsenen Staat in die Hände bekommt. Da hört der Spaß dann nämlich ganz schnell auf.

{ 73 comments… add one }
  • Hias 21. November 2018, 06:55

    zu 6.) Naja,das Thema Diesel spielt ne wichtige Rolle bei den Pendlern, die im Fettgürtel um die Städte oder aufm Land wohnen. Die haben halt meistens nen Diesel und machen sich jetzt Sorgen und fühlen sich verarscht.

    Was die Automobilindustrie angeht, da gibt es schlicht keine Alternative zur Subventionierung. Die E-Antriebe werden sich in den nächsten Jahren (zumindest im Massenmarkt) ohne Subventionierung oder Regulierung nicht durchsetzen. Das hat auch z.B. China erkannt und eine E-Auto-Quote eingeführt.
    Prinzipiell sehe ich das Problem sowieso eher in der Zulieferindustrie als bei den großen Automobilherstellern. Da wird das große Sterben beginnen und selbst Firmen, die man im ersten Moment nicht dort einordnet (z.B. OSRAM, KUKA, Infineon), werden massive Probleme kriegen.
    Und hier liegt die Schwierigkeit, den im Endeffekt geht es hier um die wichtigste Säule des Industriestandortes Deutschland und egal was man macht (E-Autoproduktion fördern oder Probleme ignorieren), es wird zu einem massiven Arbeitsplatzverlust kommen.

    • Stefan Sasse 21. November 2018, 08:01

      Ich wohne im Speckgürtel und ich hab nen Diesel. Von der Politik verarscht fühle ich mich trotzdem nicht, allenfalls von den Herstellern.

  • R.A. 21. November 2018, 10:02

    „Die E-Antriebe werden sich in den nächsten Jahren (zumindest im Massenmarkt) ohne Subventionierung oder Regulierung nicht durchsetzen.“
    Und das liegt daran, daß E-Autos eben NICHT die Zukunft sind. Echte und wirklich gebrauchte und zukunftsfähige Entwicklungen setzen sich immer ohne Subventionen durch.
    E-Autos werden eine gewisse Nische im innerstädtischen Verkehr abdecken, aber keine Massenlösung sein (alleine schon, weil die „alternative“ Stromproduktion das nie hergeben wird).

    Die deutsche Autoindustrie braucht keine Subventionen, sondern eine realitätsgerechte Umweltpolitik. Die nicht nur blind und ohne Rücksicht auf technische Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit (für den Konsumenten!) immer niedrigere Grenzwerte erfindet, die zu Umwelt- oder Gesundheitschutz schon längst nichts mehr beitragen.

    Übrigens: Die aktuell diskutierten Fahrverbote haben nur sehr indirekt damit zu tun, daß manche Hersteller bei den Emissionswerten ihrer Modelle gemogelt haben. Der faktische Unterschied zu den korrekt eingestellten Motoren ist nicht groß und bei den gemessenen Innenstadtwerten ziemlich irrelevant.

    Es ist ein zentrales Versagen der Politik, die Immissionsgrenzwerte so absurd und unnötig niedrig festgelegt zu haben, daß nun dubiose Abzock-Unternehmen wie die DUH Fahrverbote durchsetzen können.
    Und dieses politische Versagen trifft in erster Linie die SPD, weil deren Wähler am schlechtesten auf die Fahrverbote reagieren können.

  • R.A. 21. November 2018, 10:09

    5) Ich finde den Artikel etwas wirr.
    Daß es eine konservative Reaktion auf den linken Vormarsch der letzten Jahre gibt ist normal. Bezieht sich aber eher auf Bereiche, die der Autor nicht erwähnt, insbesondere Genderfragen und die Dominanz grüner „Umwelt“-Politik.
    Ansonsten gibt es natürlich ganz zentral das Migrationsthema. Da geht die Unzufriedenheit mit dem planlosen Vorgehen der Bundesregierung aber weit über konservative Kreise hinaus.

    Ansonsten sehe ich nicht viel Gemeinsamkeiten zwischen z. B. Spahn und dem autoritären Vorgehen Orbans. Auch irgendwelche wirren Deutschland-Theorien spielen in der Union m. E. keine Rolle, da besteht auch nicht die Gefahr, daß sich das ausweitet.

    Eigentlich wird der Autor nur in einem Punkt konkret, was denn nun die von ihm befürchtete konservative „Machtübernahme“ bewirken könnte: Eine Abwendung der Union von der Europa-Politik.
    Das sehe ich aber nicht. Weder bei Spahn noch bei anderen relevanten Unionspolitikern.
    Die EU-Ablehnung gibt es stark bei der AfD (und der Linken), das folgt deutlich der Putin-Hörigkeit dieser Kreise. Aber weder in CDU noch in CSU gibt es da nennenswerte Unterstützung.

    • Stefan Sasse 21. November 2018, 10:22

      Die CDU hat das Migrationsthema in den 1980er, 1990er und 2000er Jahren zu Tode debattiert und den kompletten Diskurs nach rechts verschoben. Von der angeblichen Asylantenflut zu Sozialbetrug zu Statusneid (doppelte Staatsbürgerschaft) war alles dabei, nur was man nie gemacht hat war mit der Realität klarzukommen: dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Entsprechend unvorbereitet waren Partei und Republik jedes Mal über die Folgen; stattdessen gedachte man durch legislativen Fiat, das Problem loszuwerden (Dublin II). Aber dass das geht, glauben auch nur Vollblutjuristen wie Wolfgang Schäuble.

  • derwaechter 21. November 2018, 11:50

    2 in deinem Zitat heisst es „Restrictions on voting, virtually all imposed by Republicans, reflect rising partisanship,“ das ist doch kein bothsiderism sondern verortet das Fehlverhalten klar bei den Republicans. Oder verstehe ich da was falsch?

    7 Mich stört diese Einseitigkeit auf beiden Seiten. Während die einen fortwährend nur den Untergang der Sprache (und gleich des ganzen Abendlandes) sehen, kommt die Gegenseite mit dem Argument, dass es doch schon immer Veränderungen gegeben habe und daher alles gut sein müsse.
    Beides ist doch quatsch.
    Dein Beispiel geht mir genau wir Dir auch immer auf die Nerven. Aber es gibt auch Beispiele von ganz klarer sprachlicher Verarmung. Ich denke da z.B. an den Konjunktiv oder Futur II. Oder konkrete Begriffe wie „billig“ vs „günstig“ und „scheinbar“ vs „anscheinend“. Hier gehen Nuancen verloren oder man weiß sogar wirklich nicht mehr genau, was eigentlich gemeint ist.

    • Stefan Sasse 21. November 2018, 12:17

      2) JEin. Das „rising partisanship“ wird zu einer Macht, die quasi beide hervorgebracht haben. Aber das waren ja auch die Republicans. Die Mobilisierung war ja bis 2016, sehr zum Schaden der Democrats, einseitig.
      7) Ich wehre mich gegen die Idee der „Verarmung“, schließlich bekommt die deutsche Sprache auch massenhaft neue Worte, die Nuancen ermöglichen, die vorher nicht möglich waren. Und wie oft bist du, ganz ernsthaft, ob des Mangels an Futur II (der zu keiner Zeit aktiv genutzt wurde) oder dem Unterschied von „günstig“ und „billig“ verwirrt?

      • derwaechter 21. November 2018, 13:13

        2. guter Punkt!

        7 Natürlich kommen an anderer Stelle auch neue Worte. Neue grammatikalische Formen wohl eher selten. Ob es in Summe aber zu einer Verarmung oder Bereicherung führt ist m.E. nicht klar. Daher lehne ich sowohl die Aussage alles wird immer schlechter als auch die Aussage alles wird immer besser ab.

        Futur II nutze ich gerne und fände schade wenn er verschwunden sein wird.
        Ich mag es einfach, wenn man sich genau ausdrückt und ich mag die Variation in der Sprache. I.d.R verwirrt der (mangelnde) Gebrauch nicht, das stimmt. Aber sollte das wirklich das einzige Kriterium sein?

        „Die Steffan schreibt einer tollen Block.“ verstehst Du ja auch 😉

        Habe mal kurz gegoogelt, um sicher zu gehen, dass ich da nichts durcheinander bringe und bin auf folgende Beispiele für Futur II gestoßen. So wird das durchaus aktiv genutzt:

        „Warum baut Matthias sein Fahrrad auseinander?“
        „Er wird wohl gestürzt sein oder eine Panne gehabt haben.“

        „Oh nein, wir wollen in einer Stunde eine Radtour machen.“
        „Keine Angst! Bis dahin wird er das Fahrrad repariert haben.“

        Bei „billig“ und „scheinbar“ bin ich schon manchmal verwirrt und es ist ja auch anstrengend sich immer auf den Kontext verlassen zu müssen. „Er hat sich scheinbar einen billigen Kühlschrank gekauft“. Was heißt das denn?

        • Stefan Sasse 21. November 2018, 14:54

          Ich verstehe bei Futur II das Problem nicht.

          Scheinbar und anscheinend – finde die Nuancen nicht so wichtig. Den Punkt für billig vs. preiswert geb ich dir an der Stelle, da müsste ich nachfragen bei dem Satz, daher hast du recht.

          • derwaechter 21. November 2018, 15:24

            Futur II: Kein Problem im Sinne von unverständlich aber eine stilistische Verarmung. Finde ich.

            Scheinbar und anscheinend sind nicht nur Nuancen.

            „Er hat sich einen scheinbar günstigen Kühlschrank gekauft“ War der Kühlschrank nun tatsächlich günstig oder nicht?

            „Stefan ist scheinbar krank“

            Ist er nun wirklich krank oder nicht?

            Ohne Kontext oder nähere Umschreibung bleibt das unklar.

            Das ist nicht furchtbar schlimm aber eine sprachliche Verarmung ist es m.E. schon

            • Stefan Sasse 21. November 2018, 16:58

              Ich finde da wird es aus dem Kontext klar.

              • derwaechter 21. November 2018, 17:01

                Du meinst, es wird scheinbar aus dem Kontext klar. 🙂

              • derwaechter 21. November 2018, 19:44

                Anscheinend wird es aus dem Kontext klar. Oder doch nur scheinbar ? 🙂

  • Stefan Pietsch 21. November 2018, 14:26

    ad 8)

    Ich habe Schwierigkeiten, die Begründungen der AfD zu glauben. Buchhalter sind sehr ordentliche und akkurate Menschen. Wenn eine solche Großspende kommt, wird genauestens geprüft, welche Aufwendungen gegen gebucht werden. Ich halte es für nicht vorstellbar, dass diese Entscheidung von der Buchhaltung getroffen wurde.

    ad 11)

    Das Interessante ist: auch in Brasilien glauben viele Wähler Bolsonaros nicht, dass ihr Präsident alles so meint, wie er es sagt. Die Parallelen zu Trump sind offensichtlich.

    • Stefan Sasse 21. November 2018, 14:55

      Die sind ziemlich offensichtlich gelogen, ja. Vor allem bei einem obskuren Landesverband, der plötzlich eine Spende bekommt, die alle bisherigen Spenden zusammen übersteigt.

      Absolut!

    • R.A. 21. November 2018, 18:54

      „Ich habe Schwierigkeiten, die Begründungen der AfD zu glauben.“
      Bei der allgemeinen Glaubwürdigkeit der AfD bin ich auch extrem skeptisch.
      Aber im konkreten Fall sind die bisher bekannten Details noch nicht zwingend mehr als ein relativ harmloser Fall von Verspätung.

      „Buchhalter sind sehr ordentliche und akkurate Menschen.“
      Mag sein. Aber hier geht es im Zweifelsfall nicht um einen Buchhalter. Sondern eher um einen unerfahrenen ehrenamtlichen Kassenwart. Da sind in allen Parteien (außer den beiden bisher als große Volksparteien geltenden – die haben hauptamtliches Personal) ziemlich erstaunliche Fehler möglich und üblich.

      „Wenn eine solche Großspende kommt, wird genauestens geprüft, welche Aufwendungen gegen gebucht werden.“
      Ich bezweifele, daß es eine Zuordnung von konkreten Rechnungen zu bestimmten Spenden gab. Das steht auch nicht im Text. Sondern nur, daß alle Geldflüsse im Zusammenhang mit dem Wahlkampf über ein Unterkonto liefen (das ist ja auch korrekt so).
      D.h. da gingen alle möglichen Einnahmen rein (u.a. die fraglichen Spenden), und davon wurden alle Ausgaben bezahlt, und natürlich wurde von diesem Konto dann auch (verspätet) die fragliche Spende zurücküberwiesen.
      Wenn nicht noch weitere Details dazu kommen, sieht das bisher relativ harmlos aus.

      Insofern hat Stefan völlig recht, auf den eigentlich peinlichen Punkt hinzuweisen: Daß die AfD mit gekauften Likes Stimmung und Wahlkampf macht. Ist zwar legal, aber doch sehr unseriös.

      • Stefan Pietsch 21. November 2018, 19:26

        Die Kassenführung einer Partei (Vereins) übernimmt auch nicht der letzte Hiwi. Auch die AfD wird in Ortsvereinen Mitglieder haben, die der buchhalterischen Sprache mächtig sind. Sie stellen das schon ein bisschen naiv dar. Denn am Ende des Tages muss so ein Verein seine Buchhaltung prüfen lassen, weswegen sie im Zweifel eher noch die Hilfe eines Steuerberaters nehmen – der ist auch nicht besonders teuer. Wenn die Buchhaltung jedoch in-house gemacht wird, müssen wir davon ausgehen, dass da eine gewisse fachliche Kompetenz vorhanden ist.

        Selbst die einfachsten Buchhaltungsprogramme bieten eine Kostenrechnung. Und natürlich ist es da leicht möglich, Großspenden als Kostenträger zu nutzen oder auch als Profit-Center. Das ist dann notwendig, wenn Spenden und andere Einnahmen einer Zweckbindung unterliegen. Ich gehe eher davon aus, dass diese Basics bei AfD-Ortsvereinen vorhanden sind – angesichts der Erfordernisse des Parteiengesetzes und der existenzgefährdenden Konsequenzen bei Verstößen ohnehin erforderlich – als dass ich den Beteuerungen einer um ihr eigenes politisches Überleben kämpfenden Fraktionsvorsitzenden Glauben schenke.

        Ein Vereinsvorstand ist persönlich haftbar für Verstöße gegen einschlägige Gesetze. Soweit Weidels Ausführungen der Wahrheit entsprechen würden, hätte sie schlicht selbstmörderisch gehandelt. Keine fachlich kompetente Person, die bei Trost ist, hätte sich auf solche Manöver eingelassen. Und wie gesagt, backhand gibt es fachliche Kompetenz bei unterstützenden Steuerberater, Wirtschaftsprüfer wie der Parteizentrale. Mich würde interessieren, was der WP dazu gesagt hat. Dummerweise unterliegt er der Schweigepflicht.

        Nach den Erkenntnissen wurde der Betrag auf ein Sonderkonto gebucht. Es bestand darüber Kontakt mit dem Landesverband. Und nach dessen Schilderung liefen die Vorgänge nicht so losgelöst und naiv ab, wie es nun von Alice Weidel geschildert wird.
        https://www.stern.de/politik/deutschland/afd-spendenaffaere–der-beschuldigte-afd-schatzmeister-wehrt-sich-8448262.html

        • R.A. 22. November 2018, 10:17

          Lieber Kollege Pietsch, Sie machen sich wirklich keine Vorstellung davon, wie die praktische Arbeit an der Basis einer Partei aussieht!

          „Die Kassenführung einer Partei (Vereins) übernimmt auch nicht der letzte Hiwi. Auch die AfD wird in Ortsvereinen Mitglieder haben, die der buchhalterischen Sprache mächtig sind.“
          Nicht unbedingt.

          Erst einmal ist ein Ortsverein eine Mini-Untergliederung mit einer Handvoll Mitglieder und maximal einer Art Kaffeekasse, aus der mal ein Blumenstrauß bezahlt wird. Auf dieser Ebene können Sie gar nichts voraussetzen.

          Die Ebene um die es hier geht ist ein Kreisverband. Da wird vielleicht nicht der letzte HiWi Schatzmeister, aber der vorletzte kann es leicht sein. Voraussetzungen sind Lesen&Schreiben und Grundrechenarten, Prozentrechnung gilt schon als Bonus. Wenn ein Kreisverband Glück hat, läßt sich irgendein Gewerbetreibender breitschlagen die Kasse zu übernehmen, der hat dann etwas Ahnung von Buchhaltung. Üblich ist das aber nicht.
          Man sieht übrigens im Stern-Interview ganz gut, wie die Kreisschatzmeisterin bei ziemlich Null anfangend erst allmählich begriffen hat, was sie da eigentlich tut.

          „weswegen sie im Zweifel eher noch die Hilfe eines Steuerberaters nehmen“
          Steuerberater? Oder gar Wirtschaftsprüfer?
          Liebe Güte, Nein!
          So etwas gibt es auf Ebene Landesverband, aber doch nicht bei einem Kreisverband. Da gibt es den ehrenamtlichen Kassenwart und den ehrenamtlichen Kassenprüfer – mehr nicht.

          „Selbst die einfachsten Buchhaltungsprogramme bieten eine Kostenrechnung.“
          Das heißt noch lange nicht, daß der Kassenwart alle Funktionen des Programms nutzt.
          Ich fand es schon erstaunlich, daß überhaupt ein gesondertes Unterkonto für den Wahlkampf geführt wurde. Das ist NICHT üblich. Meist werden die wahlkampfbezogenen Ein- und Ausgaben nur per Schmierzettel oder Excel notiert, um am Ende sehen zu können, ob man draufgelegt hat.
          Kostenträger, Profit-Center, Zuordnung? Böhmische Dörfer.

          „wenn Spenden und andere Einnahmen einer Zweckbindung unterliegen.“
          Das ist ziemlich unüblich. Die Leute spenden anläßlich eines Wahlkampfs, aber fast nie mit einer expliziten Zweckbindung.
          Maximal erklärt sich jemand bereit, eine konkrete Sache zu finanzieren (z. B. Zeitungsanzeige). Dann kriegt er halt die Rechnung gezeigt und überweist diesen Betrag als Spende.

          „Ich gehe eher davon aus, dass diese Basics bei AfD-Ortsvereinen vorhanden sind“
          Gehen Sie mal eher davon aus, daß bei der AfD noch viel weniger Basics vorhanden sind als bei den Parteien, die schon etwas Erfahrung haben.

          „dass ich den Beteuerungen einer um ihr eigenes politisches Überleben kämpfenden Fraktionsvorsitzenden Glauben schenke.“
          Nur zur Klarstellung: Bei der Einschätzung Weidels und ihrer allgemeinen Glaubwürdigkeit sind wir uns durchaus einig.
          Aber die Erklärung über normale Fehler vor Ort ist viel naheliegender als die mit einer verbotenen Spenden-Einwerbung Weidels.
          Im Gegenteil: Wenn Weidel vorhatte, sich illegale Schweizer Spenden zu besorgen, dann hätte sie das m. E. nicht so völlig trottelig organisiert.

          Meine persönliche Vermutung (aber das ist wirklich nur Spekulation): Das Ganze ist eine Intrige aus Kreisen der AfD gegen Weidel. Von Leuten die genug über den Kreisverband wußten um annehmen zu können, daß mit einer guten Chance die unerwarteten Spenden falsch behandelt werden würden. Alleine schon die auffällige explizite Namensnennung bei jeder Überweisung scheint mir verdächtig.
          Und ein besonderes Risiko gehen die Intriganten ja nicht ein – schlimmstenfalls kriegen sie ihr Geld zurück und es passiert nichts weiter. Und bestenfalls stürzt Weidel über die Affäre.
          Es ist ja alleine schon die interessante Frage, wer eigentlich diese Buchungsdetails an das „Recherchenetzwerk“ durchgestochen hat.

          • Stefan Sasse 22. November 2018, 13:07

            Überzeugende Argumentation bezüglich des Professionalitätsgrads. Aber da brauche ich keine Verschwörung.

            • sol1 23. November 2018, 23:41

              Die Professionalität der Kreisschatzmeisterin spielt ja auch keine Rolle. So unbedarft kann sie gar nicht sein, um nicht die Einzahlung so hoher Beträge zugunsten von Frau Weidel unverzüglich dieser mitzuteilen.

              Ich weiß zwar nicht, ob der Landesschatzmeister im Interview mit dem Stern die Wahrheit gesagt hat, aber seine Version ist in sich stimmig – und die von Weidel nicht.

          • Stefan Pietsch 22. November 2018, 13:36

            Wie gesagt, die Frau hat sehr wohl gemerkt, dass bei der Spende alle Vorsicht anzunehmen ist. Deswegen hat sie sich ja Rat eingeholt. Und es ging bei den Fragen um Sonderfälle des Parteiengesetzes.

            Die AfD besteht aus vielen erfahrenen Funktionären, das macht ja ihre politische Professionalität aus. Und wenn heute solche Leute nicht wissen, wie der falsche Umgang mit Parteispenden eine Organisation die Existenz kosten kann, ist nicht mehr zu helfen.

            Ihre Verschwörungstheorie ist absolut aus der Luft gegriffen. Wer einem anderen Schaden will, tut dies unterschwellig und lässt irgendwann die Bombe platzen. Einen sechsstelligen Betrag an einen Ortsverein zu überweisen ist genau das nicht. Nur zur Erinnerung: die Zahl der Einzelspenden in diesem Bereich wird jährlich von Bundestagspräsidenten veröffentlicht und sie ist äußerst überschaubar. Wer da nicht Vorsicht walten lässt, merkt wohl auch nicht, wenn ihm alle Glieder amputiert werden.

            Auch das Stern-Interview zeigt: die Nutzung der Spende wurde von anderer Stelle als der Buchhaltung autorisiert.

            • Stefan Sasse 22. November 2018, 21:51

              An eine Verschwörung glaube ich auch nicht; mag aber sein, dass es Überforderung gab. Dass sie darüber gelogen hat macht diese Diskussion aber eh gegenstandslos, das ist ja der eigentliche Skandal. Wie so häufig ist es das cover-up. Nixon kann da ein Lied von singen.

            • R.A. 23. November 2018, 10:37

              „Deswegen hat sie sich ja Rat eingeholt.“
              Der aber NICHT so war, daß sie das fragliche Geld sofort zurücküberwiesen hätte. Die vom Landesschatzmeister dargestellte Email-Kommunikation über längere Zeit hinweg macht nicht den Eindruck, da wäre mit voller Sachkunde agiert worden – und es gibt auch Gründe, seine Sicht nicht komplett zu glauben.

              „Die AfD besteht aus vielen erfahrenen Funktionären“
              Es gibt viele politische Funktionäre, die machen seit Jahrzehnten Politik und können keinen Eigenbeleg ausstellen. Kassenangelegenheiten sind etwas, mit dem sich die meisten Parteimitglieder nur sehr ungern beschäftigen, das wird auf die Kassenwarte und -prüfen abgeschoben – Hauptsache die Rechnungen werden irgendwie bezahlt.

              „Ihre Verschwörungstheorie ist absolut aus der Luft gegriffen.“
              Es ist eine unbelegte Spekulation. Aber nicht absolut aus der Luft gegriffen. Denn es gibt ansonsten bisher keine vernünftige Annahme, woher eigentlich das Geld gekommen ist.
              Ich halte es für ziemlich unwahrscheinlich, daß wirklich Weidel selber einen Schweizer Spender organisiert hat – und dann so unfähig war, das ohne so offensichtliche Gesetzesverstöße zu organisieren. Es ist ja nun wirklich kein Problem für einen Schweizer, sich ein Konto in Deutschland zu besorgen.

              „Wer einem anderen Schaden will, tut dies unterschwellig und lässt irgendwann die Bombe platzen.“
              So war es doch. Der Betrag wurde unterschwellig, nämlich in kleinen Raten, überwiesen. Und einige Zeit später wurde es dann plötzlich öffentlich – woher das „Recherchenetzwerk“ die brisanten Infos bekam, ist ja ebenfalls ohne Erklärung.

              „Auch das Stern-Interview zeigt2
              Das Stern-Interview zeigt nur, daß der Landeskassenwart alle Schuld von sich schieben will. Kann wahr sein, muß aber nicht.

              • Stefan Pietsch 23. November 2018, 19:53

                Mal schauen, ob ich das zusammenbekomme.

                Eine Buchhalterin / Kassenwartin erfasst eine Spende, welche eine persönliche Widmung für die damalige Spitzenkandidatin enthält und die Ausgaben der Kompanie über Monate deckt. Ihr war die Sache so suspekt, dass sie den Betrag auf ein Sonderkonto buchte und angeblich nicht anfasste. Zusätzlich informierte sie den Landesverband und holte sich Rat.

                Auf der anderen Seite nehmen Sie an, dass der Ortsverein völlig arglos war. Wie Sie das mit den Informationen zusammenbringen, erschließt sich nicht, zumal Sie selber ja erstaunt waren, dass der Betrag auf ein Extra-Konto gebucht wurde.

                Angeblich kam man ja nach einem halben Jahr zu der Ansicht, dass es besser sei, den Betrag zurückzuüberweisen. Zu keinem Zeitpunkt schien man also in der kleinen Klitsche arglos zu sein, so wie Sie es annehmen.

                Und wie passt das mit einer Verschwörung? Wieder: der Ortsverein hat sofort gemerkt, dass das möglicherweise etwas nicht stimmt, dennoch glauben Sie an eine Verschwörung. Aber ist die gegenteilige Version nicht eher wahrscheinlich? Ein befreundetes Unternehmen von Weidel (Wohnsitz in der Schweiz) unterstützt die Kandidatin in einer heiklen Angelegenheit. Die Mittel wurden nach einer anderen Version schließlich für Weidels Kampagne direkt eingesetzt. Die Stückelung erfolgte, um nicht zu viel Aufsehen zu erzeugen. Allerdings wollte die Kassenführerin die Sache nicht auf die eigene Kappe nehmen, weshalb sie die Beträge auf ein Sonderkonto buchte und beim Landesverband vorfühlte.

                Übrigens: wäre es eine Intrige, wäre das Einfachste für Weidel, Strafanzeige gegen Unbekannt zu erstatten. Schließlich ist die illegale Parteienfinanzierung eine Straftat. So konnte sich die Fraktionsvorsitzende immerhin persönlich rein waschen.

                Sollte Ihre Version, an die Sie zu glauben scheinen, den Tatsachen entsprechen, so enthebt das die Partei nicht einer Bestrafung. Und da hier ein erheblicher Vermögensschaden entstanden wäre, wäre Weidel allein schon deshalb reif für den Rücktritt.

                • R.A. 24. November 2018, 16:50

                  „Ihr war die Sache so suspekt, dass sie den Betrag auf ein Sonderkonto buchte“
                  Nein. Es gab ein allgemeines Sonderkonto für den Wahlkampf, und da hat sie die Einnahmen mit Vermerk Wahlkampf draufgebucht.

                  „und angeblich nicht anfasste.“
                  Auf dem Konto liegt die Gesamtsumme aller Einzahlungen – wenn man davon etwas bezahlt kann man nicht sagen, welche konkrete Einzahlung angefaßt wurde.

                  „Zusätzlich informierte sie den Landesverband und holte sich Rat.“
                  Und bekam erst einmal die Auskunft, bei Spenden von Deutschen wäre alles ok. Und erst später wurde klar, daß die Stückelung ein Problem ist und die unklare Identität des Spenders auch.

                  „Auf der anderen Seite nehmen Sie an, dass der Ortsverein völlig arglos war.“
                  Kreisverband. Und ich gehe von Ahnungslosigkeit aus.

                  „zumal Sie selber ja erstaunt waren, dass der Betrag auf ein Extra-Konto gebucht wurde.“
                  Nein. Ich war erstaunt, daß überhaupt für den Wahlkampf ein Sonderkonto eingerichtet wurde. Daß dort dann auch dieser Betrag gebucht wurde ist logisch.

                  „der Ortsverein hat sofort gemerkt, dass das möglicherweise etwas nicht stimmt,“
                  Nein. Er hat nur nicht gewußt, was man da machen soll.

                  „Ein befreundetes Unternehmen von Weidel (Wohnsitz in der Schweiz) unterstützt die Kandidatin in einer heiklen Angelegenheit.“
                  Und sowohl der Spender wie Weidel sind zu blöde, das geschickter zu organisieren? Was ja nun wirklich einfach ist!
                  Bei einer ehrenamtlichen Kassenführerin kann ich mir Unwissen über die Spendenvorschriften vorstellen, bei Weidel weniger.

                  „wäre es eine Intrige, wäre das Einfachste für Weidel, Strafanzeige gegen Unbekannt zu erstatten.“
                  Das würde ihr nicht viel bringen. Für den Schweizer Einzahler ist die Überweisung ja nicht strafwürdig. Und irgendwelche Hintermänner muß und wird er nicht nennen.

                  „so enthebt das die Partei nicht einer Bestrafung.“
                  Richtig. Aber es wäre eine reine Verspätung der Rückzahlung, also nicht sehr schwerwiegend.

          • Dennis 23. November 2018, 21:01

            Zitat R.A.:
            „Und ein besonderes Risiko gehen die Intriganten ja nicht ein – schlimmstenfalls kriegen sie ihr Geld zurück und es passiert nichts weiter.“

            Der Grund,warum mir Ihre Vermutung eher nicht so überzeugend erscheint:

            Von üblichen innerparteilichen Stänkerern würde ich eigentlich nicht erwarten, dass die solch hohe Beträge aufs Spiel setzen, nur um mal eben Frau W. zu entsorgen, denn der „bessere Fall“ im Vergleich zu „schlimmstenfalls“, nämlich dass der Kreisverband bzw. Weidel die Kohle dreist behält, wäre ja auch möglich gewesen. In dieser Version gäb’s bei einem etwaigen Auffliegen nach Durchstecherei an die Medien nix zurück. Die Kohle geht an die Staatskasse. Ganz schön riskant und ggf. ein verdammt hoher Preis für eine Intrige, die ja – außer Schadenfreude bzw. evtl. eine kindische ideologische Befriedigung – keinen Gewinn verspricht. Mir wäre das zu teuer^.

  • Blechmann 21. November 2018, 14:38

    zu 11)

    Ach du scheiße. Ich les grad die Zitate, der Kerl ist schlimmer als Trump. „Die Japaner sind eine Rasse mit Stolz, da gibts keine Penner.“ „Wenn mein Sohn schwul wäre, würde ich es ihm mit dem Lederriemen rausprügeln.“ Hätte auch von Adolf sein können. Und ich bin noch nicht mal halb durch. O_O

  • Ralf 21. November 2018, 17:47

    1)

    Was wir an den populistischen Ränder beobachten können, und zwar tatsächlich einmal an beiden Seiten, ist der Versuch, eine eigene Realität zu schaffen, die gegenüber abweichenden Informationen praktisch immun ist. Ich finde das sieht man gerade an den NachDenkSeiten sehr gut

    Ich musste zweimal hinschauen. Ich hätte wetten können, dies wäre ein In Dubio’scher Artikel. Denn dort werden ja mit unerfreulicher Regelmäßigkeit die politische Linke und die NachDenkSeiten gleichgesetzt, als seien Albrecht Müller und eine Handvoll weiterer Autoren die Inkarnation alles Linken. Zu Deiner Information: Nur eine Minderheit derer, die sich der politischen Linken zuordnen, lesen regelmässig die NachDenkSeiten. Die übergrosse Mehrheit selbst derer, die die NachDenkSeiten konsumieren, dürften auch andere Quellen lesen. Sogar der ehemalige Mitherausgeber Wolfgang Lieb hat sich übrigens öffentlich von dem Projekt distanziert. Wie Du aus der Attitüde irgendeines Blogs schliesst, die politische Linke schaffe sich eine eigene Realität, bleibt Dein Geheimnis.

    • Stefan Pietsch 21. November 2018, 18:14

      Klar, nicht alle Linke lassen sich mit Albrecht Müller über einen Kamm scheren. Doch Sie haben selbst zuletzt ein Beispiel geliefert für Stefans Argumentation, als Sie „die Mainstreammedien“ für verantwortlich zeichneten, dass Wagenknechts #Aufstehen-Bewegung nicht recht zünden mag.

      • Ralf 21. November 2018, 19:22

        Doch Sie haben selbst zuletzt ein Beispiel geliefert

        Ein Beispiel für was? Sie werden doch nicht abstreiten, dass die Mainstreammedien einen Einfluss auf Wahlen und Politik ausüben. Nehmen Sie mal ein Beispiel, das nicht aus der linken Ecke kommt, so dass nicht gleich Ihre Emotionen mit Ihnen durchgehen. Nehmen Sie meinetwegen die Berichterstattung, die mitten im Wahlkampf Rainer Brüderle 2013 wie einen weinseligen Grabscher da stehen liess. Oder die Fixierung der Medien auf die Aussage Guido Westerwelles zur spätrömischen Dekadenz, eine Aussage, die absolut konform ging mit Aussagen ähnlicher Art, die exakt die selben Medien zuvor jahrelang beklatscht hatten. Ich denke wir dürfen davon ausgehen, dass die FDP ohne die Fixierung der Mainstreampresse auf diese eigentlich völlig irrelevanten Themen, weder so dramatisch abgestürzt wäre, und schon garnicht aus dem Bundestag geflogen wäre. Oder nehmen Sie den Shitstorm um Friedrich Merz und seine Selbsteinordnung in die obere Mittelschicht. Jeder von uns dürfte in einer kniffligen Situation auf eine unangenehme Frage mal eine dämliche Antwort gegeben haben. Wer das abstreitet, denke mal an seine gesammelten Vorstellungsgespräche, die Abiturprüfung oder auch den letzten Streit mit der Partnerin zurück. Und jetzt wird das zu einem riesigen Ballon aufgeblasen, der jetzt möglicherweise Merz‘ politische Karriere unter sich begräbt. Ist das etwa fair?

        Nicht dass ich falsch verstanden werde. Ich bin dankbar für jede Minute, in der ich nicht fürchten muss, dass Friedrich Merz Bundeskanzler werden könnte und die FDP hätte aus meiner Sicht gerne für immer in der Versenkung verschwinden können. Aber dann bitte deswegen, weil diese Parteien und Politiker eine falsche, gesellschaftsfeindliche Politik machen und nicht weil die Medien Zeitungen zu verkaufen wollen und deshalb Skandale künstlich aufblasen.

        Ähnlich sieht das mit der Bewegung Aufstehen aus. Sie scheinen da irgendwie der Meinung zu sein, ich sei deren Anhänger. Ich habe mich da allerdings nie angemeldet. Und es gibt genug Grund diese Bewegung für den falschen Ansatz zu halten. Ich persönlich finde, das letzte was die politische Linke derzeit braucht, ist eine weitere Zersplitterung. Aber wenn die Medien über die Bewegung berichten wollen, dann bitte ausgewogen. Dann bitte objektiv Pro und Kontra gegenüberstellen.

        Wenn man die Berichterstattung hingegen liest, ist das pure Feindseligkeit. Das ist Hass. Das ist der Versuch der Vernichtung des politischen Gegners. Und das erfüllt nicht meine Vorstellung von der Funktion der Medien. Das zu kritisieren ist legitim und nicht gleichbedeutend mit der Erfindung einer Scheinwelt, in die man seine Verschwörungstheorien einbetten kann.

        • Stefan Pietsch 21. November 2018, 20:10

          Wie unterschiedlich wir doch die Dinge sehen. Ich gehe kein bisschen mit Ihren Ausführungen konform.

          Sehen Sie, die Öffentlich-Rechtlichen wie die seriösen Blätter von SPIEGEL bis F.A.Z. positionieren sich seit Gründung der Partei kritisch bis ablehnend zur AfD. Und dennoch haben es die Rechtspopulisten geschafft, zur drittstärksten Partei in Deutschland aufzusteigen. Gerade ARD und ZDF waren 2015 und 2016 sehr zurückhaltend, wenn es um Berichterstattung über Auswüchse der Zuwanderung ging. So gerechtfertigt man die Zurückhaltung finden mag, sie hat den Medien geschadet, die Glaubwürdigkeit ist stark zurückgegangen. Gerade daran zeigt sich, die Menschen glauben im Fernsehen und Zeitungen nur, was sich mit ihrem eigenen Empfinden deckt.

          So ist das mit all Ihren Beispielen. Brüderle war eine Kampagne einer einzigen (!) Journalistin, die jedoch genau das Image des Politikers traf. Die Mehrheit fühlte sich in seiner Ansicht bestärkt und bestätigt – und wahrscheinlich sogar zu recht. Das mag nicht fair gewesen sein, aber es war nicht wahlbeeinflussend. Zu der Zeit lag das Image der Liberalen im Keller, bei der zuvor stattgefundenen Niedersachsen-Wahl schämten sich viele FDP-Wähler, sich als solche zu outen. Doch Wähler wollen sich nicht für die Partei schämen, die sie wählen.

          Deswegen war es für die FDP so wichtig, einen Imagewandel herbeizuführen. Dabei müssen Sie jedoch beachten: Sie können am Ende nur verkaufen, was ist, nicht das Gegenteil. Das schadet lediglich der Glaubwürdigkeit. Die Liberalen hatten es sich allein selbst zuzuschreiben, dass sie nach 2009 so abgestürzt sind. Erst konnten sie trotz mit 15% verliehenen Muskelkraft nichts in Koalitionsverhandlungen durchsetzen, anschließend verblieben führende Vertreter in der Tonlage einer Oppositionspartei und konnten die Aufgabe, ein Land zu repräsentieren, nicht annehmen und zum Schluss zerlegte sich die Partei intern. Das bekommt niemanden (siehe z.B. die Piraten) und der FDP auch nicht. Da war nichts durch Medien verursacht, bestenfalls machten sie die Probleme transparent.

          Ähnlich verhält es sich mit Friedrich Merz. Die Deutschen haben eine Grundskepsis gegenüber einer marktwirtschaftlichen Ordnung und da haben Schulen eine weit stärkere Wirkung als Medien. Und die Bürger dieses Landes sehen zwar gerne den Reichen und Schönen zu, noch lieber jedoch bei deren Sturz als dass sie sie als Idole oder Vorbilder nehmen. Merz wusste darum, weshalb er sich tagelang geweigert hatte, über sein Einkommen zu sprechen.

          Seit Wochen sind Journalisten wie Bluthunde auf den Spuren der zehnjährigen außerparlamentarischen Tätigkeiten des Millionärs. Bis heute haben sie nichts Anklagbares gefunden, das wird jedoch auf das Image des Sauerländers nicht den geringsten Einfluss haben. Er ist Millionär und daher eher abzulehnen. Punkt.

          Es gilt die alte Weisheit: Man bringt sich nicht wegen eines Missgeschicks um Amt und Würden, sondern wegen der Reaktion darauf. Sollte Merz CDU-Vorsitzender werden, so wird er die saloppe Bemerkung über sein Einkommen überstehen. Bis zu einer Bundestagswahl wäre das längst vergessen. Entscheidender wird möglicherweise sein, dass ein Parteitag den Vorsitzenden wählen wird und nicht die Gesamtheit der Mitglieder.

          Zurück zu #Aufstehen: bitte geben Sie doch zwei, drei Beispiele, wo Ihnen Hass auf die Bewegung begegnet ist. Mein Eindruck der Berichterstattung ist ein völlig anderer. Obwohl die Bewegung nichts hat, nicht einmal eine Organisation, bekam sie viel öffentliche Aufmerksamkeit. Wegen dem Namen Wagenknecht. Ist das etwa fair gegenüber anderen Bewegungen, die auch gute Anliegen, aber keinen prominenten Namen haben?

          Ich finde die Idee nicht uninteressant. Sie hakte jedoch von Anfang an daran, dass sie eine reine Kopfgeburt war und kein gesellschaftliches Gefühl in der Bevölkerung aufzunehmen wusste. Im Grunde ist #Aufstehen das, was Lafontaine und Wagenknecht seit sehr langer Zeit vertreten. Da ist keine echte Offenheit für Diskurs, für einen Findungsprozess, für die Toleranz von Links, was eben nicht Wagenknecht ist.

          Falls Sie das bei mir unglaubwürdig finden: Ich finde Linke nicht schlimm – leider kommen sie meist hoffnungslos lebensnaiv daher. Ich möchte als Demokrat vor allem nicht, dass es bei Wahlen keine wirklichen Alternativen gibt und immer von vornherein feststeht, wer die Regierung anführt. Das finde ich langweilig und dem demokratischen Prinzip widersprechend. Sie scheinen auch hier andere Ansichten zu pflegen. Ihnen muss doch eigentlich klar sein, dass nicht jeder Mensch so denkt wie Sie und deswegen Anspruch und Anrecht auf demokratische Vertretung hat. Deswegen verstehe ich ihre große Abneigung gegen Personen und Parteien nicht.

        • Stefan Sasse 21. November 2018, 21:05

          Du überschätzt die mediale Diskursmacht da aber etwas. Manche Sachen landen halt auch, weil sie mit dem Präkonzept übereinstimmen. Spätrömische Dekadenz und Gehobene Mittelschicht sind halt so Dinger.

    • Stefan Sasse 21. November 2018, 21:02

      Klar, aber es gibt ja auch genug Leute auf der Rechten, die nicht Compact und den Abfall lesen. Ich denke, die NDS sind halt ein gutes Beispiel für das Abrutschen einer bestimmten Gruppe am linken Rand. Ich wollte nicht andeuten, dass sie synonym sind.

  • Wolf-Dieter Busch 21. November 2018, 20:45

    Zu (7) Sprachverfall

    „Ich frage dann immer pointiert zurück ob mein Gegenüber denn verstehe, was ich meine, wenn ich ‚Sinn machen‘ sage.“ – Nicht das Verständnis ist das Problem, sondern eine gewisse Ästhetik der Sprache. „Es macht Sinn“ ist nichts anderes als die Wort-für-Wort-Übersetzung von „it makes sense“, das im Englischen geläufig und korrekt ist. Mein spontaner Gedanke jedesmal: ein weiteres verschenktes Abitur.

    Andere Beispiele: „einmal mehr“ – im englischen Original: „once more“ – anstelle „schon wieder“. Und so weiter.

    Aber ich werde dir nicht reinreden. Alles ist gut!

    • Wolf-Dieter Busch 21. November 2018, 20:52

      Ich muss mich korrigieren. „Once more“ wird am besten eingedeutscht mit „wieder einmal“.

    • Stefan Sasse 21. November 2018, 21:07

      Ich weiß, woher das kommt, ich sage nur, das ist normal und ok.

      • derwaechter 21. November 2018, 22:11

        Das ist gar nicht so klar woher dass kommt und ganz sicher ist es kein moderner Anglizismus. Schon Lessing hat das wohl so gesagt
        https://scilogs.spektrum.de/sprachlog/max-frisch-macht-sinn/#comments

        Und man kann auch durchaus in Frage stellen, ob Sinn machen und Sinn ergeben wirklich das gleiche bedeutet.

        http://www.interkorrektor.de/sprachblog-sinn-machen-vs-sinn-ergeben.php

        Und zu guter letzt, wenn Bastian Sick etwas ganz schlimm findet, kann es so schlimm nicht sein 🙂

        • Stefan Sasse 22. November 2018, 13:02

          Spannend!

          Tut es. NIEMAND sieht einen Bedeutungsunterschied.

          Wohl wahr!

          • Wolf-Dieter Busch 22. November 2018, 13:47

            „NIEMAND sieht einen Bedeutungsunterschied.“ – Irgendwie scheint es untergegangen zu sein: ich habe ausdrücklich nicht Verständlichkeit oder Eindeutigkeit in Frage gestellt, sondern den Bildungsgrad. Warum also der Hinweis auf „Bedeutungsunterschied“?

            • derwaechter 22. November 2018, 17:35

              Ich fand die Beschreibung in dem Artikel interessant, zweifele aber auch daran, dass viele das bewusst so nuanciert benutzen.

            • derwaechter 22. November 2018, 17:37

              Also Lessing und Frisch waren deiner Meinung nach ungebildet?

              • Wolf-Dieter Busch 26. November 2018, 16:28

                Lessing? Frisch? Wie kommen die ins Spiel?

                • derwaechter 28. November 2018, 09:37

                  Kopiere einfach meinen Kommentar von oben noch mal hier her:

                  Das ist gar nicht so klar woher dass kommt und ganz sicher ist es kein moderner Anglizismus. Schon Lessing hat das wohl so gesagt
                  https://scilogs.spektrum.de/sprachlog/max-frisch-macht-sinn/#comments

                  Und man kann auch durchaus in Frage stellen, ob Sinn machen und Sinn ergeben wirklich das gleiche bedeutet.

                  http://www.interkorrektor.de/sprachblog-sinn-machen-vs-sinn-ergeben.php

                  Und zu guter letzt, wenn Bastian Sick etwas ganz schlimm findet, kann es so schlimm nicht sein

                  • Wolf-Dieter Busch 29. November 2018, 10:24

                    Zur deutschen Sprache achte ich nicht auf Autoritäten, sondern eher auf die Frage: ist die betrachtete Redewendung Mundart (also organisch aus der Praxis des Sprechens erwachsen)? Das wäre der Fall etwa bei „falschem“ Dativ – wegen „dem“ schlechten Wetter anstelle wegen „des“ schlechten Wetters.

                    Das wäre nicht der Fall bei Übersetzungsschwäche: „einmal mehr“ zeigt sich Darkwing Ducks geniales Ego – das englische „once more“ hätte korrekt mit „wieder einmal“ übersetzt werden müssen.

                    Ein Grenzfall ist das viel geschmähte „es macht Sinn“. Das geht dem Deutschen leicht von der Zunge, hat insofern mundartlichen Charakter.

                    • Floor Acita 29. November 2018, 11:03

                      Aber ist nicht die Mundart nicht auch (schon) immer stark vom Einfluss nicht-deutscher bzw. auch ausgestorbener oder auf anderen grösseren wie kleineren Gebieten, heute teilweise ausserhalb Deutschlands, gesprochenen Sprachen geprägt?

                      Dar Oifluss des Fronsösischn uff moi geliebtäs Monnemarisch boischbielswois kann ma schun schwer loigne duu…
                      [leugnen tun? deutsch?]

                      Heb mol moi Feier? [Feuerzeug]
                      Heben? Auf welches Niveau?
                      Oo hoalde hoald. [halten]

                      Schwäbisch/Allemanisch wäre ein anderes Beispiel. Und auch ausserhalb Deutschlands/Deutsch ist das ja so. Doktör oder Taksi im Türkischen sind Beispiele.

                    • derwaechter 29. November 2018, 12:24

                      Der „Grenzfall“ war weiter oben aber noch ein Zeichen von mangelnder Bildung. Ich zitiere: „ein weiteres verschenktes Abitur.“

                      Es hängt natürlich vom Kontext ab, aber „once more“ würde ich übrigens auch nicht unbedingt mit „wieder einmal“ sondern eher mit „noch einmal“ oder nochmals übersetzen. z.B. hier „I’ll explain it once more, but listen this time.“

                      Oder Shakespeare: „Once more unto the breach, dear friends, once more“ – „Noch einmal stürmt, noch einmal, liebe Freunde!“

                      „wieder einmal“ wird hingegen besser mit „once again“ oder „yet again“ übersetzt.

                    • Stefan Sasse 29. November 2018, 15:40

                      Ich gehe halt danach, ob aktive Verwechslungsgefahr besteht und es tatsächlich verwendet wird. Wenn also jemand darauf verweist, dass das Wort „Neger“ ursprünglich aus dem lateinischen kommt und nur „schwarz“ bedeutet, ist das zwar etymologisch richtig, aber irrelevant, weil niemand es in der Bedeutung verwendet.

                    • derwaechter 29. November 2018, 20:21

                      @stefan

                      Gutes Beispiel. Der Verweis auf Herkunft und ursprüngliche Bedeutung von Wörtern, die ihre Bedeutung im Laufe der Zeit verändert haben, ist oftmals irreführend. Wenn ich sage, Stefan ist ein toller Autor, meine ich ja auch nicht er sei verrückt. Auch wenn das Wort Toll früher mal diese Bedeutung hatte 🙂

                    • Stefan Sasse 29. November 2018, 20:51

                      War bestimmt kein zufälliges Beispiel von dir sondern Ausdruck deines Unterbewusstseins 😉

                    • Wolf-Dieter Busch 29. November 2018, 20:55

                      @Foor Acita – „(…) ist nicht die Mundart nicht auch (schon) immer stark vom Einfluss nicht-deutscher (…)“ – klassisches Beispiel dafür ist der Ruhrpott.

                    • Floor Acita 29. November 2018, 21:15

                      @Wolf-Dieter Busch
                      Ja! Und es gibt noch viele weitere Gemeinsamkeiten zwischen Mannheim und dem Ruhrgebiet..! 😉

            • Stefan Sasse 22. November 2018, 21:51

              Dann hab ich dich missverstanden.

      • Wolf-Dieter Busch 22. November 2018, 14:30

        @Stefan Sasse – „Ich weiß, woher das kommt, ich sage nur, das ist normal und ok.“ – gerade kommt mir dieser Gedanke: wird „einmal mehr“ eigentlich in der mündlichen Umgangssprache verwendet? Hand aufs Herz?

        • Stefan Sasse 22. November 2018, 21:52

          Ich benutze es, aber meine Sprache ist glaube nicht repräsentativ. Daher…weiß nicht? ^^

          • Wolf-Dieter Busch 24. November 2018, 09:09

            Wobei du dich augenscheinlich viele englischsprachige Texte durcharbeitest. Das färbt mehr ab als du denkst.

            Dazu ein Beispiel aus meiner verflossenen Firma – ich arbeitete in Abteilung Dokumentation und bekam mit Übersetzungsfirmen zu tun. Die arbeiten mit freiberuflichen Muttersprachlern. Beim gemeinsamen Essen kam die Rede darauf, dass etwa ein Brite ab dem zweiten Jahr, das er in Deutschland verbringt, so ans Deutsch gewöhnt ist, dass er zu Germanismen tendiert, die dir oder mir nie passieren würden. Im Jargon der Übersetzungsfirma ist der Mitarbeiter „verbrannt“. Klingt komisch, ist aber so.

            • Stefan Sasse 24. November 2018, 09:26

              Oh, das passiert ohne Zweifel. Ist sogar noch viel krasser. Ich habe praktisch jeden Tag die Situation, dass mir zwar der englische Begriff einfällt, aber nicht der deutsche. ^^ Meine Gesprächspartner kennen das inzwischen 😉

              • Wolf-Dieter Busch 25. November 2018, 12:38

                Ok. Das ist eine Erklärung.

              • Wolf-Dieter Busch 26. November 2018, 16:52

                Du bist dir darüber im Klaren, dass diese Schwäche dich für die Diskussion um gutes Deutsch disqualifiziert? (Ohne Wertung, versteht sich.)

                • Stefan Sasse 26. November 2018, 18:30

                  Sehe ich nicht so, nein.

                  • Wolf-Dieter Busch 26. November 2018, 22:01

                    Warum nicht? Die „Automatik sitzt nicht“, so wie ich dich verstehe.

                    • Stefan Sasse 27. November 2018, 05:41

                      Es ist wie so häufig der Unterschied von Analysieren und Machen. Ich kann beispielsweise problemlos erklären, wie ein Roman oder Film aufgebaut ist oder dir erklären, an welchen Stellen er besonders gut oder schlecht funktioniert oder gut. Aber einen selbst schreiben/produzieren könnte ich nicht.

  • sol1 24. November 2018, 00:02

    5) Im Essay verlinkt ist ein Artikel desselben Autors, in dem diese trefffende Passage zu finden ist:

    /// Rechte sind Rechte und keine Konservativen; ihr Ziel ist nicht Bewahrung, sondern Zerstörung. Sie wollen die liberale Öffentlichkeit nicht meinungstechnisch erweitern, sie wollen sie abschaffen. Die Rechte träumt vom ethnisch homogenen Volk, vom organischen Staat und von seiner machtpolitischen Souveränität – ohne Rechtsgleichheit, ohne freie Gerichte, ohne Migranten, ohne „Vergangenheitsbewältigung“ und ohne Einbettung in die Europäische Union. Ihre Helden heißen Wladimir Putin, Viktor Orbán und Jarosław Kaczyński. Und so kann man Rechten alles Mögliche vorwerfen, nicht aber Unaufrichtigkeit. Sie sagen, was sie wollen. Und wenn sie an die Macht kommen, dann tun sie es auch. ///

    https://www.zeit.de/2018/14/neue-rechte-nationalismus-konservatismus-zirkel/komplettansicht

    11) „Soon after, he stepped outside, made a brief statement to the media, and asked a key supporter, Sen. Magno Malta, to lead the group in prayer.“

    Diese Szene hat mir auch vor ein paar Tagen erst die brasilianische Chefin meiner Stammbäckerei geschildert. Ein wesentliche Stütze von Bolsonaro waren die evangelikalen Kirchen, die sie als eine Art von Entertainment-Konzernen beschreibt. Hinzu kam eine Flut von Fake News (siehe dazu diesen Artikel: https://www.heise.de/ct/ausgabe/2018-24-Wie-Brasiliens-neuer-Praesident-Bolsonaro-WhatsApp-im-Wahlkampf-missbrauchte-4212775.html), auf die der größte Teil ihrer (afro-brasilianischen!) Verwandtschaft hereinfiel. Auf die Bolsonaro-Zitate reagierten sie mit „Der hat das nicht gesagt“ und „Der hat das nicht so gemeint“. Das absurdeste war, daß sie sogar die Behauptung schluckten, Europa sei so sicher, weil hier jeder mit einer Waffe rumlaufen würde – obwohl ihre seit langem in Deutschland lebende Verwandte ihnen klarzumachen versuchte, daß das völliger Unfug ist.

    • Stefan Sasse 24. November 2018, 09:21

      Stimme dir völlig zu, danke für die ergänenden Informationen.

  • Floor Acita 24. November 2018, 07:59

    Steht Deine Aussage zu 1)
    „Was wir an den populistischen Ränder beobachten können, und zwar tatsächlich einmal an beiden Seiten, ist der Versuch, eine eigene Realität zu schaffen“

    nicht im Widerspruch zur Aussage zu 3)
    „Der öffentliche und prominente Protest führt zu einer Umschichtung der öffentlichen Meinung […] Ein Seehofer’sches Zündeln am rechten Rand ist eben kein harmloses Wahlkampftaktieren, sondern leistet aktiv einer Zunahme von Fremdenfeindlichkeit Vorschub.“?

    Wieso soll es Seehofer auf der Einen oder aber der liberalen Bewegung in den USA auf der anderen Seite möglich sein das Narrativ und damit langfristig die Realität durch ständige Agitation zu verändern, „den populistischen Rändern“ aber nicht? Zumal dann auch die Frage nach dem Unterschied zwischen dem Seehofer’schen Narrativ und dem der AfD im Raum steht, insbesondere wenn man die Frage Taktik oder „drank the Kool-Aid“ ignorieren soll..?

    • Stefan Sasse 24. November 2018, 09:24

      Ich verstehe nicht was du meinst, kannst du das umformulieren?

      • Floor Acita 25. November 2018, 00:29

        2 Fragen

        1) In 3 weisst Du darauf hin, dass beständige Agitation das gesellschaftliche Narrativ beeinflussen, ja ändern kann – einmal in die aus unserer Perspektive positive Richtung, aber auch in die reaktionäre Richtung selbst unter der Annahme (im Sinne von „benefit of the doubt“) die Agitation sei nicht ernst gemeint sondern taktischer Natur. In 1 scheinst Du das aber zu verneinen und stellst entsprechende Versuche sowohl der AfD als auch der NachDenkSeiten als (sinnlose Versuche) eigene Realität schaffen, im eigenen Saft schmoren, in einer Blase gefangen sein etc dar. Wo ist der Unterschied?

        2) Wenn es einen Unterschied gibt, worin besteht der zwischen AfD und Seehofer genau? Speziell bezogen auf das Resultat oder zumindest den Versuch das gesellschaftliche Narrativ zu verändern? Warum kann Seehofer darin erfolgreich sein, die AfD aber nicht..?

        • Stefan Sasse 25. November 2018, 06:33

          Du hast ja zwei Entwicklungen, die sich nicht ausschließen, nämlich die Narrativverschiebung hin zu radikaleren Positionen und die Schaffung der eigenen Realität. Bei letzterem geben sich die Ränder nicht viel, bei ersterem dagegen sehr wohl, das ist auch einer der größten Unterschiede von rechts und links dieser Tage. Figuren wie Trump, Le Pen, Orban und Konsorten haben es geschafft, dass statt geringen Minderheiten (10-15%, wie sie etwa auch die LINKE auf die Waage bringt) 30-40% der Leute ihre Positionen übernehmen. Das ist immer noch keine Mehrheit, aber bedenklich nahe dran.

          Der Hauptunterschied ist, dass die AfD das Ding lebt. Die sind da zuhause. Der Seehofer will nur durch entsprechende Rhetorik die Leute, die er selbst für ungewaschenen Pöbel hält, wieder als Wähler gewinnen. Da steckt offensichtlich rein taktisches Kalkül dahinter, quasi rechts blinken und geradeaus weiterfahren.

          • Floor Acita 26. November 2018, 11:37

            Und dennoch wirft das Fragen auf, beziehungsweise hat die Argumentation Lücken. Dazu 3 Blickwinkel:

            1) Trump, LePen, Orban, nicht aber die AfD. Und, dass Seehofer nicht der „reinen Lehre“ anhängt war ja gerade der Ausgangspunkt der Debatte. Du hast im Artikel selbst aber darauf hingewiesen, dass die Konsequenz die Selbe ist. Ich gehe noch einen Schritt weiter. Sind es am Ende genau diese „rechts Blinker“ die das eigentkiche Problem darstellen? Denn Schröder, Blair, Clinton, Obama, Pelosi, Schumer, Miliband hätten und können ja genauso links blinken wie Seehofer rechts. „Wollen Sie aber nicht“, hörte ich eins von Dir dazu, „die anderen Democrats würden das niemals mitmachen“ als Antwort auf Sanders. Vielleicht wäre es tatsächlich möglich durch zu harsche Sprache den gesellschaftlichen Grundkonsens zu gefährden. Vielleicht verlangt das von der Mitte verantwortliches Handeln, vielleicht muss man den Pivot in die Mitte machen weil rort Wahlen gewonnen werden. Nur während sämtliche Repräsentanten der links-lehnenden Mitte die ich nannte das so gesehen haben oder sehen, kann man das Ganze gon Seehofer aber nicht sagen. Auch nicht von Spahn oder Merz, schon gar nicht von Gingrich, McConnell, Ryan, Priebus oder auch May, ein Parade Beisoiel aus unserer Vergangenheit wäre Strauss, der den rechten Rand zu decken/zu bedienen gar zum Prinzip erhoben hat, Thatcher. Wäre nur zu fragen, wieso? Wieso hat die Mitte fiesen latenten Rechtsdrall, denn die Reaktion des linken Zentrums auf due linke Basis ist ja auch nicht gerade / nicht einmal emotionslos, gelinde gesagt. Dass hier nach links geschiehlt würde wie an anderer Stelle nach rechts? Beinahe unvorstellbar. Und doch gibt es auf anderer Seite eine Ausnahme: Angela Merkel! Der Fakt, dass es in der Liste des rechten Rands die AfD ist, die keine 30-40% rekrutieren kann ist vielleicht a) gar kein Zufall und macht b) Seehofers zündeln, aber eben auch diesen latenten Rechtsdrall des politischen Zentrums selbst zum eigentlichen Problem – nicht die politischen Ränder an sich! Die never Merkel Konservativen reagieren auf diese wie auf Obama oder Clinton, aber im Grunde nicht viel anders als „Linke“ auf „ihre eigenen“ Regierungs- und Parteichefs…

            2) Es gibt dennoch eine Ausnahme auf der linken Seite. Jeremy Corbyn hat das Potential des linken Randes genauso „auf 30-40%“ gebracht wie Theresa May auf bittere Weise erfahren musste. Der regiert zwar (noch) nicht, aber genausowenig LePen. Was eigentlich eine bittere Lehre für alle Zündler und Blinker sein sollte, denn den linken backlash gibt es doch prinzipiell auch, darauf weisen auch die midterms in den USA hin, 4 neue „sharp-left“ Abgeordnete sind nicht das ganze Bild. Über 400 gewonnene Sitze der Demokraten in den Staaten, 6 zurück eroberte Gouvernor Villen, Staaten wie Nevada mit blauem Haus wie Senat und die anfängliche Frustration auf der Linken wie, hoffentlich mittlerweile im Hals steckengebliebene, Erleichterung auf der Rechten aufgrund zweier verlorener Rennen mit denen absolut niemand vor einem Jahr überhaupt gerechnet hätte -ein Schwarzer 2016 Bernie supporter in Florida, sowie ein“echter Linker“, der vor 2018 nicht mal eibe Vorwahl gewonnen hätte in Texas sprechen eine mehr als deutliche Sprache. Hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen..!

            3) Das politische Zentrum scheint unvorbereitet und Kopf- / Ideenlos angesichts eines sich auflösenden Grundkonsens auf globaler Ebene wie eines eigentlich nach 20-25 Jahren erwartbaren „Regimewechsels“. Doch ebenfalls mit einer Ausnahme. Frankreich, Emanuel Macron. Ist der ein konservativer Regierunfschef der asymetrisch mobilisiert wie Merkel? Ein (linjs-)liberaler Regierungschef der asymetrisch mobilisiert wie Schröder/Blair/Clinton? Beides und zugleich keins von Beiden! Nicht in Fillons Partei, nicht in der von Hollande – neue Partei, von 0 zum Regierungschef, von 0 zur absoluten Mehrheit! Die / eine mögliche Lösung im Rest der Welt..?

            • Stefan Sasse 26. November 2018, 18:30

              1) Verstehe ich dich richtig dass deine These ist, dass Merkel im konservativen Lager im Endeffekt die Instinkte auslöst, die üblicherweise das linke dominieren?
              2) Stimmt.
              3) „Rechts“ und „links“ verlieren rapide an Erklärungsgehalt, so viel ist mal sicher.

              • Floor Acita 27. November 2018, 05:53

                zu 1)

                a) Wenn es eine neue Mitte gibt, gibt es auch eine alte
                b) So wie wir beide uns konkret von links kommend zur offenen Gesellschaft bekennen, muss es das auch auf der Rechten/konservativen Seite geben
                c) Aber auch die „alte Mitte“ hat demnach Pole
                d) Diese alte Mitte hat einen latenten „rechts“drall / Neigung zur geschlossenen Gesellschaft
                e) Dazu zähle ich auch die „nur rechts Blinker“, denn was McConnel, Ryan, Priebus, Seehofer, Spahn, Merz „wirklich“ wollen ist letztendlich irrelevant wenn deren Handlungen und Propaganda den „geschlossenen Pol“/“neuen Rand“/die Querfront aufbauen, unterstützen und ausbauen
                f) Diese Neigung und das „zündeln“ der alten Mitte (und dort gibt es nicht nur diese „rechts Blinker“ -zu denen ich auch deine tough love NYT zähle-, sondern sehr wohl, wie auf beiden alten Rändern auch, „true believer“ der reaktionären Richtung/geschlossenen Gesellschaft) sind letztendlich gefährlicher/verantwortlicher für die momentane Entwicklung als die „eigentlichen Ränder“
                g) Es ist diese alte Mitte, deren Drall/Neigung, die Handlungen und Propaganda deren reaktionärer Elemente, die den 10-15% zu den 30-40% verhelfen
                h) Angela Merkel gehört, wie AKK, zur Minderheit dieser alten Mitte, bildet eine Ausnahme unter konservativen Regierungschefs/Repräsentanten, da sie sich nicht nur „wirklich“, sondern tatsächlich und öffentlich zur offenen Gesellschaft bekennt und damit einen Gegenpol zu den reaktionären Elementen bildet
                i) das führt unter anderem, als kleiner Nebenaspekt, auch zu den, klassischerweise der linken Basis zugeschriebenen, Verhaltensweisen der rechten/konsevativen Basis, ja

                *Wichtiger Hinweis*
                Selbstverständlich wird es innerhalb des neue/offenen Spektrum ebenfalls wieder Pole geben (die links/rechts Achse im political compass, als auch eine neue offen/geschlossen Achse innerhalb bestimmter Grenzen). Die meisten, wenn nicht sogar jeder der, Kommentatoren hier im Forum gehören m.E. auf die „offene Seite“, in das „neue Spektrum“ wie auch immer wir es nennen wollen. Denn sonst würde die offene Deliberation abgelehnt/wären sie nicht hier. Ich sag das insbesondere mit Verweis auf b) um nicht den Eindruck zu erwecken, ich erklärte jeden der nicht 100% meiner Meinung ist zum Reaktionär…

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