Harry Potter und der Unterhaltsvorschuss – Wo der Staat versagt

Die Geschichte von Harry Potter beginnt mit der Schilderung seiner Lebensumstände bei seiner Pflegefamilie den Dursleys. Während der berühmte Zauberer nach dem Buch von J.K. Rowling bis zu seinem zehnten Lebensjahr in einer Abstellkammer hausen muss, wird sein Cousin Dudley nach Strich und Faden verwöhnt. Und als er einmal zum Geburtstag nur 35 Geschenke erhält, ist er unwirsch und beschwert sich über die geringe Zahl. Kinder, denen die Geschichte vorgelesen wird, erkennen sofort, wie schlecht der kleine Waisenjunge behandelt wird. Mehr noch, der Spross von den Dursleys weiß mit dem Geschenkten nichts anzufangen, er ist dumm und macht kaputt, was so teuer ist.

Die Geschichte bietet Parallelen zu unserem Verständnis zum Staat und zu dem, was wir als sozial empfinden. Ein Kind sieht, was die meisten Erwachsenen nicht mehr zu sehen vermögen. Was sozial ist und was funktioniert, ist oft nicht eine Frage des Geldes, sondern des Umgangs. Dagegen erzeugt ein Überfluss an Geld eine falsche Sicherheit. Für den jungen Dudley Dursley hat das ferngesteuerte Modellflugzeug keinen Wert an sich, schließlich hat nicht er es bezahlt, wenn es kaputt ist, bekommt er mit etwas Jammern ein Neues und sowieso weiß er es nicht richtig zu bedienen. So what?

Ähnlich verhält sich zunehmend unser Staat und die Bürger sind die Dursleys, die bereitwillig alles bereitstellen, was von der Politik gefordert wird und sich selbst genügsam geben. Passend dazu die Meldungen dieser Woche. Da ergibt die Steuerschätzung des Statistischen Bundesamtes die nächsten Rekordeinnahmen des Fiskus. Der rekordhoch belastete Steuerzahler hat davon nichts. Da stellte der Bund im Sommer 2017 3,5 Milliarden Euro für die Sanierung von Schulen zur Verfügung, nachdem in einer Debatte der vermeintliche Skandal von Ekel-Toiletten angeprangert worden war. Ein Jahr später haben 7 (in Worten: sieben) von 16 Bundesländern auf diesem Gebiet keinen Handschlag gemacht. Und die neue italienische Regierung aus unfähigen Rechts- und Linkspopulisten prangert die EU und den privaten Eigentümer für die Toten der zusammengebrochenen Brücke von Genua an, während Vertreter der Parteien aus Arroganz zuvor jede Sanierung verweigert hatten.

Die Einfallslosigkeit von Politik und Gesellschaft, wenn ein vermeintlicher Missstand behoben werden soll, ist schon frappierend. Wahlweise wird nach mehr Geld in den relevanten Bereich oder neuen Gesetzen gerufen. Hinter dem Ruf nach höheren Budgets steht der allzu schlichte Gedanke, mehr würde auch mehr helfen. Das ist in einer komplexen Welt allerdings nicht nur schlicht, es ist sträflich ignorant. Mit der gleichen Ignoranz wurden bereits Staaten und Institutionen zugrunde gerichtet. Die Vereine der englischen Premier League mit ihren milliardenstarken Geldgebern dachten ebenfalls so schlicht und mussten lernen, dass Geld vor allem in smarte Organisationen gesteckt werden muss. Fässer ohne Boden haben unendliches Volumen.

Die große Mehrheit hat verlernt, was die originäre Aufgabe von Demokratie in einem Staatswesen ist, nämlich die Kontrolle der Verwaltung. Demokratisch gewählte Politiker sind jedoch völlig überfordert, wenn sie selbst Behörden effektiv aufstellen und neu organisieren sollen. Der gemeine Bürger denkt schon gar nicht so weit, für ihn ist der Staat mit seinen Institutionen wie er ist und damit Gott gegeben. Dieser Fatalismus gegenüber dem Gemeinwesen zeigt eben kein besonderes Verantwortungsbewusstsein des mündigen Bürgers, sondern das Gegenteil. Wir haben ein gesellschaftliches Problem? Der Staat nimmt doch Steuern ein und kann sich ansonsten bei den Reichen bedienen.

Die Frage der Produktivität öffentlicher Dienstleistungen stellt sich vornehmlich in akademischen Zirkeln. Die politische Zurückweisung solcher Kriterien ist so banal wie falsch. Zwar funktioniert der öffentliche Dienst nicht nach den Regeln der Privatwirtschaft, dem Verlangen nach Profitabilität und häufig Schnelligkeit. Dennoch gibt es Anforderungen, die letztendlich bestimmen, wie produktiv das Gemeinwesen eigentlich funktioniert. Hier ist es in Deutschland nicht zum Besten bestellt und dies gerade im Sozialen. Egal ob es um Altersvorsorge, Gesundheit, Pflege, Betreuung von Arbeitslosen oder Bildung geht – stets sind die öffentlichen Ausgaben im internationalen Kontext vergleichsweise hoch und der Output mittelmäßig. Erstaunlicherweise scheint das nur wenige wirklich zu stören.

In meinem beruflichen Leben habe ich zahlreiche Abteilungen übernommen, denn meine Aufgabe besteht regelmäßig darin, Organisationen besser zu machen. Bisher hat dabei noch jedes Team über das hohe Arbeitsvolumen geklagt, wo der dringlichste Wunsch sei, mehr Personal einzustellen, nicht selten mit dem Goodwill der jeweiligen Geschäftsleitung. Meine wiederholte Erfahrung jedoch ist eine andere, nicht selten stellen sich bei genauerer Betrachtung Leerkapazitäten heraus. Beharrungskräfte und Phantasielosigkeit verhindern Verbesserungen, wo der Einsatz von Know-how und Technik die Produktivität des einzelnen ungemein erhöhen würde.

Leitung bedeutet Organisation und Führung von Menschen. Und damit ist das größte Defizit des öffentlichen Dienstes beschrieben. Apple und Google beschäftigen nicht deswegen die besten Programmierer, weil ihre Produkte so super sind. Tatsächlich bezahlen sie die höchsten Gehälter im kalifornischen Silicon Valley. Und die führenden Investmentbanken haben nicht deswegen exzellent verdient, weil sie beim Company-in besonders überzeugten. Sondern weil ihre finanziellen Konditionen derart bestechend waren, dass sie eine Generation der besten Mathematiker und Informatiker von den Hochschulen absahnen konnten.

Der Staat kann mit den Gehältern der Privatwirtschaft nicht mithalten. Er bekommt nur dort die besten Talente, wo er nicht in unmittelbarer Konkurrenz zu den Privaten steht, im diplomatischen Dienst, im Sicherheitsbereich und teilweise im wissenschaftlichen Bereich. Doch aus dem Nachwuchs rekrutiert sich die spätere Führungsschicht, die Behördenleiter. Gerade bei Führungskräften ist relevant, worauf sich ihre Macht, ihr Einfluss und am Ende die Sicherheit ihrer Position gründet. In Unternehmen sind Ziele und Maßstäbe damit klar, bei Behördenleitern liegen die Dinge anders. Es passiert nicht selten, dass jemand, der sich mit dem eigenen Personalrat zur Verbesserung der Leistung angelegt hatte, seine weitere Karriere begraben konnte.

Spätestens hier treffen sich die Beharrungskräfte der Verwaltung mit dem Desinteresse der Gesellschaft. Viel hilft … nicht immer. In den vergangenen Tagen wurde dies an anderer Stelle dieses Blogs am Beispiel des Unterhaltsrechts darlegt. Der sozial sensible Teil der Gesellschaft, also fast alle, meint in der vergleichsweise hohen Kinderarmut in Deutschland einen Skandal zu erkennen. Der vermeintliche Skandal ist in der öffentlichen Debatte ein statistisches Phänomen, der seine Ursache in einem hohen Anteil Alleinerziehender hat. Dieser Erscheinung lässt sich dadurch abhelfen, indem mehr solche Kinder im alten Familienverbund verbleiben oder in Patch-Work-Families aufgehen. Es ist ehrenwert, dass eine Mehrheit es ablehnt, Frauen in Beziehungen zu halten, in der sie nicht mehr glücklich sind.

Der Alternativschritt ist jedoch auch politisch nicht opportun, nämlich Alleinerziehenden einfach mehr Unterstützungszahlungen zu leisten. Ein wesentliches Problem, welches Kinderarmut verursacht, ist die Weigerung eines beharrlichen Anteils von Männern, die sich ihrer väterlichen Pflichten sowohl in partnerschaftlicher als auch finanzieller Hinsicht entziehen. Geht eine Beziehung in die Brüche, bleiben vor allem verletzte Gefühle. Das Vorenthalten des Unterhalts ist ein Mittel, den eigenen Rachegefühlen Ausdruck zu verleihen.

Es ist nicht Aufgabe des Staates, sich in solche Nachwehen der Beziehung einzuschalten, wohl aber, die Kleinsten der Gesellschaft als Opfer einer kaputten Liebe zu schützen. Genau hier versagt der Staat eklatant. Und die politische Linke gleich mit. Es lässt sich lange darüber streiten, wer eigentlich schutzwürdig in diesem Land ist. Zeitgenossen, die sich selbst als sozial engagiert empfinden, nehmen sich gerne Langzeitarbeitslosen an, die sich im Hartz-IV-Bezug befinden. So, als wäre ein prinzipiell sozial abgesicherter Bürger grundsätzlich schutzbedürftig. Der Vorwurf ist da klar: die wahren schutzbedürftigen Wesen werden nicht gesehen, schon gar nicht, wenn sie nicht volljährig sind.

Der politische Lösungsvorschlag zur Beseitigung der Misere Kinderarmut ist von linker Seite so einfältig wie falsch. Mehr Geld ins System, wo auch immer. Es ist immer Lobbypolitik zu Lasten der Bürger und der Betroffenen. Mehr öffentliches Personal ist keine Gewähr für sinnvolle Aktivitäten. Dabei ist es mit einigem guten Willen nicht schwer, unterhaltsprellenden Männern beizukommen, die meisten sind zwar voller Enttäuschung, aber ohne Phantasie. Verweigerung der Vaterschaftsanerkennung und Unterhalt, Versteckspiel um den Wohnsitz – viel mehr steckt nicht im Köcher. Das ist zwar genügend, um Mutter Beimer zu zermürben, Profis ringt es jedoch nur ein müdes Lächeln ab.

Und was tut der Staat gegenüber einer hilfesuchenden Alleinerziehenden? Heftpflaster Unterhaltsvorschuss, der beispielsweise bei einem Kleinkind mit 153€ lächerlich niedrig ist gegenüber den 401€, die es von seinem Durchschnittsvater zu erwarten hätte. So wird Kinderarmut gemacht. Es darf für Behörden kein nennenswertes Hindernis sein, die Vaterschaft feststellen zu lassen, den Wohnsitz in den Daten der Meldeämter herauszufiltern und dann dem Säumigen den Gerichtsvollzieher auf den Hals zu hetzen, das Gehalts- oder Bankkonto zu pfänden. Die wenigsten wissen, dass dies zu den Nebenleistungen des Rechtsstaates gehört. Mit jedem Gerichtsurteil und jedem Unterhaltstitel ist auch das Recht verbunden, sämtliche Zwangsmaßnahmen in Anspruch nehmen zu dürfen.

Unterhalt wird länger geprellt als es Gesetze gibt, die den Unterhaltsanspruch festlegen. Keine Organisation – ob Unternehmen, NGO, Partei, Gewerkschaft, Verein – kann es sich leisten, säumige Zahler nicht zu verfolgen. Forderungsmanagement ist eine originäre Aufgabe, zu der jeder Kaufmann, jeder Vereinsmeier per Gesetz verpflichtet ist. Es ist schon ein arg seltsames Argument, dem Staat mit seinen Millionen Beschäftigten einzuräumen, jeden Anspruch auf gute Organisation fahren zu lassen. Jemand, der seine ureigenen Aufgaben nicht erfüllen mag, hat kein Vertrauen und kein Geld verdient.

Und für so manchen würde der Staat halt einfach die Falschen verfolgen, nämlich irrlichtende Hartz-IV-Empfänger, die sich Meldeversäumissen schuldig gemacht hätten. Das Argument der Verteidigung: Die Zahlen belegten, dass bis auf eine verschwindende Minderheit sich alle ordentlich verhielten. Doch ist erst eine Sanktion ein echtes Vergehen, das eben statistisch erfasst wird oder nicht bereits ein vereinbarungswidriges Verhalten, das halt nicht verfolgt wird? Nach demselben Muster verhalten sich die meisten säumigen Väter korrekt, schließlich hätten die Jugendämter lediglich 200 Millionen € von gezahlten 1,1 Milliarden Euro Vorschüssen wieder eintreiben können. Bei allen anderen war möglicherweise nichts zu holen.

Solche Spielchen berühren nicht den Kern der Probleme. Wie in vielen anderen Bereichen des Gemeinwesens Das Angebot des Staates geht oft am Bedarf vorbei. Die Alleinerziehende, die mit einem Almosengeld abgespeist wird, während der gut verdienende Vater eine lange Nase dreht, steht da nur stellvertretend. Der Staat versagt in seinen Kernkompetenzen der Projektplanung, der Aufsicht über sensible Märkte wie den Banken und nicht zuletzt dem Bildungs- und Erziehungswesen. Wer dies auf mangelhafte Ressourcen zurückführt, macht es sich zu einfach.

Bei öffentlichen Dienstleistungen hängt das Meiste am Personal. Mit 4,8 Millionen Beschäftigten ist der Personalstand auf Rekordhöhen in diesem Jahrtausend, aber es werden die Falschen eingestellt. Und so müssen trotz vieler Mitarbeiter und trotz hoher Einnahmen mehr Aufgaben an Private übergeben werden. Oder sie bleiben unerledigt. Im Unterhaltsrecht tun das diejenigen, die es sich leisten können. Sie pfeifen auf die Unterstützung durch Jugendämter und gehen zu Anwälten. Die nehmen sich immerhin ihrer Sache an. Zurück bleiben jene, die mit den schlechten Leistungen mäßig motivierter und begabter Beamter Vorlieb nehmen müssen.

Der Staat als Lotse und Dienstleister für den Bürger – die wenigsten haben diesen Anspruch.

 

Anmerkung: Ich danke den Kommentatoren, die mich zu diesem Artikel angeregt haben.

{ 21 comments… add one }
  • DerNamenlose 25. August 2018, 14:20

    Ein überzeugenderes Argument für die Vasektomie habe ich bisher noch nie gelesen. Danke, lieber Autor, du hast mir die Augen geöffnet und mir eine vorzügliche Brille gegeben.

    Ich werde mein Liebesleben auch weiterhin auf den reinen Lustgewinn ausrichten und darauf vertrauen, dass andere Leute schon die Kinder haben, die mich im Alter betreuen.

    • Wolf-Dieter Busch 25. August 2018, 18:04

      Bei meinem Rentenantrag wollten sie die Geburtsurkunde eines Kindes sehen, dafür gabs finanzielle Pluspunkte.

      Wenn du mit Kindern nichts am Hut habe willst, ist Vasektomie sicher angesagt; und ich kenne Leute, die das gemacht haben. Ist aber eine Sache mit Endgültigkeitswert. – Letztes deshalb interessant, weil sich die Einstellung ändern kann. In meinem Fall waren es zwo Wunschkinder. Meine persönliche Schlussfolgerung, erst dadurch bin ich von innen raus zufrieden. – Das soll nicht vom Stress ablenken, der damit verbunden ist. War nur ein Hinweis.

  • R.A. 25. August 2018, 15:03

    Eine sehr schöne Darstellung, vielen Dank.

    Ich finde es wirklich bestürzend wie naiv viele Menschen davon ausgehen, daß die nächsten Steuermehreinnahmen aber diesmal wirklich dazu führen würden, irgendwelche seit vielen Jahren bestehenden Mißstände abzustellen.

    • Erwin Gabriel 28. August 2018, 09:24

      🙂

      I like!

  • Wolf-Dieter Busch 25. August 2018, 17:59

    Also Unterhaltsvorschuss gibts nach meinem bescheidenen Verständnis für solche Kinder, deren Erzeuger sich ins Ausland gemacht haben, also nicht greifbar sind. Beispielsweise GIs, so einen Fall kenne ich.

    Unterhaltsvorschuss für säumige Erzeuger, die greifbar sind? Ist mir neu. Quelle?

    • In Dubio 25. August 2018, 20:34

      Mensch, Horst, äh, Wolf-Dieter! Du hast gerüchteweise etwas gehört und das ist Gesetz, selbst wenn es keine Logik besitzt. Warum sollte es nur Unterhaltsvorschuss für im Ausland ansässige Väter geben? Schließlich sind die nach geltendem EU-Recht inzwischen so greifbar als wären sie im Nachbarort. Und 1,1 Milliarden Euro für Auslandsflüchtlinge? Die Größenordnung passt nicht. Weil Du’s bist, ein Klick:

      § 1 UhVorschG (kurz: Unterhaltsvorschussgesetz)
      (1) Anspruch auf Unterhaltsvorschuss oder -ausfallleistung nach diesem Gesetz (Unterhaltsleistung) hat, wer (..) nicht oder nicht regelmäßig a) Unterhalt von dem anderen Elternteil (..) erhält.

      Da steht nix von Ausland.

      • Wolf-Dieter Busch 25. August 2018, 20:46

        Danke für den Link, ich habe den Text diagonalisiert. – In den zwei mir persönlich bekannten Fällen waren es in Deutschland stationierte GIs, die sich dünne gemacht haben. Also nix EU.

        Im einem Fall hat das Mädel geheiratet und merkte erst Jahre später, dass mit der Ehe der Vorschuss hinfällig wurde. – Ist aber auch schon ein paar Jahre her.

        Was die Zahlen (1,1 Mrd. €) anbetrifft, glaub ich dir alles. Weil, andernfalls müsste ich selbst recherchieren. Nicht am Samstag abend.

        • In Dubio 25. August 2018, 21:09

          Mensch Wolf-Dieter, alles nur einen Klick bei Google entfernt. Gebe einfach die Dir bekannten Informationen ein: „Unterhaltsvorschuss“, „1,1 Milliarden Euro“.

          • Wolf-Dieter Busch 26. August 2018, 05:51

            Welchen Teil von „ich glaub dir alles“ hast du nicht verstanden?

            • In Dubio 26. August 2018, 06:27

              😉 War nur ein Hinweis auf das Buch „Googeln leicht gemacht“.

  • CitizenK 25. August 2018, 18:35

    Lieber Herr Pietsch, Ihr Ressentiment gegen Beamte (oder ist das schon Hass?) verstellt Ihnen den Blick: Beamte seien unfähig oder zu faul, Forderungen einzutreiben, weil ihnen „die nötige Härte fehlt“?

    Hatten Sie noch nie mit dem Finanzamt (oder auch nur dem Bafög-Amt) zu tun? (Ich kann mich an Posts von Ihnen erinnern, in denen Sie die Härte jener Beamten scharf kritisiert haben, die teilweise zum Ruin von Kleinunternehmen geführt hat.)

    An der Faulheit oder Unfähigkeit von Beamten (meist sind das ja auch Angestellte, keine Beamten) kann es also nicht liegen.

    Und der fromme Glaube, das viele Geld locke die Besten? Ich nenne nur mal die Namen Mehdorn (HDM, DB, BER) oder Middelhoff. Das viele Geld lockt auf jeden Fall die ohne Skrupel und Gewissen.

    • In Dubio 25. August 2018, 21:06

      Ich hasse Menschen nicht, schlechtestenfalls solche, die Kinder in meinem Umfeld misshandeln würden. Allerdings würden sie das nicht unbeschadet überstehen, also nein.

      Ich habe viele Staatsdiener kennengelernt, doch außer per Dienstrecht zu vielen Überstunden verpflichtete Polizisten keine fleißigen erlebt. Mein Respekt vor Polizisten ist so hoch, dass ich mich regelmäßig bei ihnen für ihre Arbeit bedanke. Richter sind zwar keine besonders fleißige Naturen, aber sie machen im internationalen Maßstab einen guten Job. Ansonsten ist mein Blick auf Verwaltungsdiener, Richter, Lehrer durchaus kritisch. Und ja, Betriebsprüfer wandeln am Rande der Abgabenordnung, wenn der Schwerpunkt ihrer Prüfung danach festgelegt wird, wo Cash zu holen ist und nicht nach objektiven Kriterien. Allerdings lassen sich auch Betriebsprüfer für ihre Arbeit regelmäßig viel Zeit. Die Prüfung von 3 Geschäftsjahren eines mittelständischen Unternehmens mit 25 Millionen Euro Jahresumsatz kann da durchaus 4 Monate in Anspruch nehmen (mit längeren Unterbrechungen). Regelmäßig ist die in Anspruch genommene Zeit weit größer als den Zeitraum, den ein Wirtschaftsprüfer veranschlagt, obwohl beide einen gleichgerichteten Auftrag haben, nämlich die Ordnungsmäßigkeit der Buchhaltung zu prüfen.

      Mehdorn hat bei der DB und beim BER keine hohen Gehälter mehr kassiert. Und der letzte Job war ein Himmelfahrtskommando, den seit Jahren kein seriöser Luftfahrtmanager haben will. So etwas ruiniert nur die eigene Karriere. Aber wenn Sie mir nicht glauben, unterhalten Sie sich doch mal mit Mathematikprofessoren, wo denn ihre besten Absolventen in den Neunziger- und Nullerjahren hingegangen sind. Sie werden enttäuscht sein: der Staat wird in der Aufzählung fehlen.

      Was glauben Sie, warum Menschen ein langjähriges Studium aufnehmen und über Jahre auf Einkommen und Annehmlichkeiten verzichten? Um danach der Menschheit zu dienen? Dieser Idealismus überlebt nur bei den wenigsten. Und nur weil jemand wohlhabend werden und Karriere machen möchte, heißt das noch lange nicht, dass er skrupellos und ohne Gewissen ist. Nach dieser Argumentation sind Bildungsversager reine Vorbilder. Vorsicht, junger Mann. Ich bin dem Geld und dem Gewinn verpflichtet. Aber ich halte mich für einen werteorientierten Menschen.

      • Stefan Sasse 26. August 2018, 08:04

        Ich fürchte, du hast da tatsächlich einen irrationalen Hass. Klar gibt es faule Bastarde unter Staatsdienern (die wenigsten sind übrigens Beamte), aber die gibt es überall.

        • In Dubio 26. August 2018, 15:45

          Wo ist der Löschbutton, wenn man ihn braucht? 🙂

          Nun, wenn ich Deinen letzten Artikel lese, kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass Du einen ausgeprägten Hass auf die FDP hast. Wer das geschriebene Programm so verzerrt, dass er nur radikale Sparprogramme sieht, wo von Sparen nicht die Rede ist, muss einen enormen Hass empfinden.

          Das ist natürlich Quatsch. Meine Behauptung – und Erfahrung – ist, dass der Staat Faule und Bequeme weit überdurchschnittlich anzieht. Nehme mal jemanden mit Charaktermerkmal faul. Welche Jobempfehlung würdest Du ihm geben, wenn er irgendwie zum Broterwerb gezwungen ist? Wohl doch dort, wo er nicht sofort in der Probezeit (oder auch danach) rausfliegt, sondern im Zweifel durchgeschleppt wird. Das ist in großen Organisationen leichter, das wird in Einrichtungen des Gemeinwesens eher toleriert als in einem Wolfsrudel.

          Und Du glaubst, dass Menschen per Eingebung fleißig sind, selbst wenn es sich für sie nicht auszahlt. Doch gerade fleißige Menschen gehören selten in die Kategorie dumm. Auch ein fleißiger Mensch möchte, dass sich sein Fleiß für ihn persönlich auszahlt. Auf dem Gehaltskonto, bei der Karriere. Wie soll das gehen in einem System, dass streng nach Tarif und Seniorität bezahlt und Leute, die zu schnell fertig sind, lediglich mehr Arbeit aufgebürdet bekommen?

          Während meines Studiums lernte ich zwei Typen von Hochschullehrern kennen. Die Bequemen, die gerade die notwendigen Pflichtstunden gaben, ein Pflicht-Standardbuch publizierten, dass von ihren Assistenten regelmäßig aktualisiert wurde. Und die Ehrgeizlinge, die gerade die notwendigen Pflichtstunden gaben, mehrere Standardbücher herausgaben, welche in großen Teilen von ihren Assistenten geschrieben waren – und die einen Großteil ihrer Zeit in unternehmensberatende und gutachterliche Tätigkeiten steckten und so ihre Reputation und ihr Portemonnaie förderten.

          Und Professoren sind sehr kluge Menschen.

          • Stefan Sasse 26. August 2018, 18:06

            Du darfst natürlich deine Klischees gerne weiter pflegen.

            • In Dubio 26. August 2018, 18:39

              Ich denke, Du hast eher Schwierigkeiten Antworten auf nicht so einfache Fragen zu finden, die dann über 8-Wort-Sätze hinausgehen. 🙂

              • Stefan Sasse 26. August 2018, 21:30

                Das darfst du natürlich denken ^^

                Aber ernsthaft: du malst mit zu breitem Pinsel und argumentierst ohne Daten. Wenn du belastbares Material hättest können wir da reden, so bleibt es mehr Ressentiment.

                • Erwin Gabriel 27. August 2018, 15:46

                  @ Stefan Sasse 26. August 2018, 21:30

                  Wenn du belastbares Material hättest können wir da reden, so bleibt es mehr Ressentiment.

                  Wenn das ein entscheidendes Kriterium wäre, müssten fast alle hier (uns eingeschlossen) die Klappe halten 🙂

                  Mal im Ernst: Du bist Lehrer, und ich vermute mal (Beispiele, aus denen man das ableiten kann, hast Du hier ja schon des Öfteren genannt) ein engagierter Vertreter Deiner Zunft.

                  An der Schule, an der unsere letzten drei Kinder zur Schule gingen, haben wir auch engagierte Lehrer kennengelernt; drei, um genau zu sein. Der Rest war zwischen „Scheiße“ und „egal“. Da gab es einen Lehrer, der , wenn er einen schlechten Tag hatte, nur Noten zwischen „5“ und „6“ verteilt hatte. Klassenarbeiten durfte er am Schluß nicht mehr korrigieren, aber er unterrichtete noch. Natürlich gab den/die einen oder anderen Vertreter mit Alkoholproblemen. Da gab es das Lehrer-Ehepaar aus dem Osten, die so gammelig aussahen, als wären sie seit Ihren Bhagwan-Abenteuern in den 70ern an keinem Klamottengeschäft und keiner Drogerie vorbeigekommen. Der Direktor (ein Fall für sich, der – 1,90m hoch, 1,90 m breit – mal den Unterricht einer Klasse unterbrach, um ein 14jähriges Mädchen vor allen anderen so lange als „Lügnerin“ und „Schandmaul“ zu bebrüllen, bis sie heulte; ihre Eltern hatten wegen irgendetwas eine Beschwerde eingereicht) erklärte mir auf meine Nachfrage, dass er da gar nichts tun könne, da die beiden „gute“ Pädagogen wären, und wenn er sie anmaulte, würden sie gehen, und er hätte dann zwei weitere Lehrer zuwenig.

                  Waren nicht alle so, und wir kannten natürlich nicht jeden Lehrer an der Schule. Aber die „Guten“ waren deutlich in der Unterzahl, der größte Teil machte Dienst nach Vorschrift.

                  In einem Unternehmen der freien Wirtschaft wären einige der Zustände, die wir auf dieser Schule erlebt haben, einfach nicht möglich.

    • Erwin Gabriel 27. August 2018, 15:22

      Meiner (durchaus eingeschränkten) Erfahrung nach ist es ein systemimmanentes Problem. Letztendlich werden Leistungsfähigkeit bzw. Leistung der/des einzelnen nicht bewertet. Man hat gewisse Standardvorgaben zu erfüllen, und niemand versucht, sich da großartig zu strapsen, weil sonst die Vorgaben erhöht und die höhere Schlagzahl als neuer Standard festgelegt würden.
      Gilt natürlich nicht für jeden Staatsdiener (etwa Polizei), aber für sehr viele.

  • Kning4711 26. August 2018, 12:06

    Für mich ist das grösste Übel die Undurchlässigkeit von Privatwirtschaft zum Staatsdienst. Im höheren Dienst kann auch Vater Staat Gehälter bezahlen die für Berufserfahrene attraktiv sind.
    Wenn man aber eben nur ein FH Studium hat,dann helfen selbst Jahrzehnete Beruferfahrung nicht um als Quereinsteiger im Staatsdienst ein Auskommen zu finden, dass einen Wechsel attraktiv machen würde. Zusätzlich sind Verwaltungen im mittleren Management mit Leuten besetzt, die zwar gute Verwaltungsexperten sind, jedoch Personalführung wenig oder gar nicht beherrschen. Zusätzlich kommen politische Seilschaften hinzu, die Parteibuch vor Kompetenz besetzen.
    Der Staat muss hier Gegensteuern, schon heute sind vielfach Verwaltunegn von Kommunen überfordert. Wenn er die richtigen Leute hätte, dann benötigt er nicht zwangsläufig mehr.

    • In Dubio 27. August 2018, 10:13

      Beispiel Steuerberater: wer einige Jahre im Staatsdienst gearbeitet hat, ist für internationale Steuerberatungsunternehmen i.d.R. verbrannt. Handicap ist die (unterstellte) Arbeitseinstellung. Allerdings gibt es derzeit einen großen Bedarf nach Steuerberatern, so dass die Branche nur bedingt wählerisch sein kann.

      Auch Top-Jobs im Öffentlichen Dienst werden nach Tarifvertrag vergütet. Das ist leidlich attraktiv, weswegen schon aus diesen Gründen viele abwinken.

      Führung muss gelernt werden, da unterscheidet sich die öffentliche Verwaltung nicht von Unternehmen. Jedoch wird ein Vertriebsleiter, ein Logistikchef, ein Produktionsvorstand anhand klarer Kriterien gemessen – und verliert seinen Job bei Nichterfüllung. Ein Amtsleiter muss sich vor allem gut mit der Belegschaft stellen – und wie gut solch eine Führung funktioniert, können Sie beim SPIEGEL-Verlag beobachten. Die wechseln ihre Chefredakteure wie andere ihre Unterwäsche, weil die Mitarbeiter sich gegen den Verlust von Privilegien wehren und das über die Leitung austragen.

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