Schweigende Herero, verlorene Männerinteressen und in eine glorreiche Zukunft blickende Amtskirchen – Vermischtes 27.07.2018

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) Alles ist politisch. Auch das Schweigen.

Es gab mal eine Zeit – und die ist gar nicht so lange her – da kam man mit dem Satz: „Ich interessiere mich nicht so für Politik “ noch einigermaßen unbeschadet durch den Tag. Es interessierte sich ein gutes Jahrzehnt lang zwischen 2005 bis 2015 ja noch nicht einmal die Politik besonders für Politik. Merkel regierte mal mit diesem, mal mit jenem Partner emotions- und geräuschlos vor sich hin, Konfliktpotential gab es kaum und für das globale Wohlempfinden sorgte Barack Obama im Weißen Haus. Fußball war Fußball, die multikulturelle Nationalmannschaft eilte vom Sommermärchen zum WM-Titel und die Wirtschaft von der Finanzkrise zu neuen Rekorden. Europa hatte zwar ein großes Problem in Folge der Finanzkrise, aber alles in allem blieb man doch zusammen und griff Spanien, Portugal und Griechenland unter die Arme. Wie jeder Blick zurück romantisiert auch dieser, um den Blick auf die Gegenwart zu dramatisieren. […] Es hat scheinbar einige gegeben, die darauf gewartet haben, dass man endlich wieder von Kopftuchmädchen, Messerstechern, Asyltouristen oder Sozialschmarotzern sprechen darf – und gleichzeitig für AfD, CDU oder CSU im Parlament sitzen kann. Und diese, die gewartet haben, mühen sich jetzt, das Rad weiter zu drehen. Sie mühen sich nun, dem Hass, der Ausgrenzung und der Sündenbockpolitik den philosophischen Unterbau nachzureichen. Oder sie nutzen die neue Verrohung, um sich schnell selbst aus der Schusslinie zu nehmen und andere in diese zu schubsen. Und zwar gerne die, die sowieso schon anders sind. […] Es ist das Jahr 2018 und es gibt kein unpolitisches Leben mehr. Es sei denn, wir wollen von der Nachwelt später zu denen gezählt werden, die so lange auf dem Vulkan tanzten, bis er sie verbrannte. Aber vorher hatten wir unseren Spaß und unser bequemes, unpolitisches Leben auf der Tribüne. (Frank Stauss)

Ich bin zwiegespalten. Als politisch denkender Mensch, für den Nachrichten nur kurz hinter dem täglichen Brot kommen, stimme ich dem natürlich zu. Auf der anderen Seite hast du aber immer das Ding, dass zu einer Demokratie gehört, sich nicht für Politik interessieren zu müssen. Es ist furchtbar verzwickt. Die Lage wäre einfacher wenn die Leute, die sich nicht beteiligen und nicht interessieren, sich hinterher auch nicht beklagen würden, aber dem ist natürlich auch nicht so.

Und Stauss hat natürlich Recht damit, dass in extremen Zeiten das Schweigen tatsächlich tief politisch wird. Ich würde mir diese Eskalationsstufe noch etwas aufbewahren wollen. Ja, wer schweigt hilft aktuell CSU und AfD, weil die behaupten eine schweigende Mehrheit zu vertreten. Aber wir sind halt (noch) nicht in einer 1932-Parallele. Nicht dass ich glauben würde, es würde sich signifikant etwas bessern, sobald es tatsächlich übler wird, aber im Interesse der intellektuellen Ehrlichkeit sei es erwähnt.

2) Es wird schlimmer, Tag für Tag

Wer in den letzten sechs Monaten dennoch das Gefühl hatte, da habe sich an Frequenz, Gefährlichkeit und Dreistigkeit antisemitischer Übergriffe etwas verändert, von der Verhöhnung von Juden auf offener Straße über die öffentliche Prämierung von Hass-Rappern bis zu verbalen und tätlichen Angriffen auf Träger der Kippa, wird sich durch die soeben vorgestellte Langzeitstudie der Technischen Universität Berlin bestätigt fühlen. […] Zu den wahrhaft beunruhigenden Funden der Studie gehört, dass sich die Sprach- und Verunglimpfungsmuster der historischen und der zeitgenössischen Judenfeindschaft frappierend ähneln. Antisemitische Klischees wie „Fremde“, „Verschwörer“, „Wucherer“, „Landräuber“ oder „Kinder- und Christusmörder“ sind durch die Jahrhunderte weitergereicht worden und erscheinen unrelativiert und kontextfrei in Netzkommentaren. Man kann dergleichen schreiben, und nichts passiert. Die AfD wurde in diesem Zusammenhang kaum erwähnt; aufschlussreicher ist die Verankerung antisemitischen Denkens in linken, rechten und muslimischen Kreisen allgemein. (FAZ)

Jedes Mal wenn ich in der Schule Antisemitismus thematisieren, vor allem außerhalb des Kontexts des Holocausts, fragen die Schüler – oft mit leicht genervtem Unterton – warum immer die Juden Opfer von Hass und Unterdrückung wurden. In dieser Frage schwingt dann immer unterschwellig die Annahme mit, dass sie irgendetwas an sich haben müssen, irgendetwas getan haben müssen, um diese Verfolgung zu rechtfertigen. Dieser psychologische Mechanismus taucht in der Schule auch bei Mobbing immer auf, da suchen auch alle nach dem, was das Mobbing-Opfer „falsch“ gemacht hat, weswegen jede Mobbingprävention auch immer einbläut, dass Mobbingopfer (analog zu Vergewaltigungsopfern oder Opfern rassistischen Hasses oder oder oder) nicht selbst Schuld sind, sondern dass es die Täter sind.

Aber diese Idee ist kaum totzukriegen. Ich bin kein Experte für Antisemitismus, aber ein Gutteil der oben im Artikel angespochenen Klischees scheint einen ziemlich universellen Appeal zu haben. Was bei Antisemitismus spezifisch noch problematisch ist ist paradoxerweise sein öffentliches Profil: wer irgendetwas zum Thema googelt findet eine solche Menge an so genannter „Israel-Kritik“ oder revisionistischem Mist, dass einem bange wird. Ich vermeide inzwischen so gut ich kann, dass Schüler ohne Anleitung irgendein Thema zum Judentum oder Holocaust recherchieren, weil man da so schnell so unglaublich viel Mist findet (ernsthaft, sucht mal bei Youtube nach „Holocaust“ und klickt euch ein bisschen durch…), vor allem bei konkreteren Fragestellungen – da wundere ich micht nicht, warum das so persistent ist. Und dazu wirkt man immer so wunderbar kritisch, wenn man das in Frage stellt.

3) Es geht nicht um Fraueninteressen

Viele denken noch immer, dass feministische Positionen in erster Linie damit zu tun hätten, die Situation von Frauen zu verbessern oder Diskriminierungen abzubauen. Deshalb glauben viele Männer, feministische Debatten gingen sie nichts an oder beträfen sie nicht. In Wirklichkeit geht es aber nicht so sehr um das Verhältnis von Frauen und Männern, sondern um das Verhältnis von Frauen zur Welt. Ausgehend von den eigenen Erfahrungen und im Nachdenken darüber, wie Geschlechterdifferenzen die Welt beeinflussen, haben Frauen viele gesellschaftliche und politische Erkenntnisse gewonnen, die in eher männlich dominierten Kontexten fehlten. Man denke, als ein Beispiel, nur an den ganzen Komplex der „Care-Arbeit“. Diesen Punkt, dass es uns um die Welt geht und nicht bloß um „die Situation der Frauen“, müssen wir immer wieder vermitteln. Die Zeit dafür ist gut, weil es heute ja immer deutlicher wird, dass die traditionellen männlichen Analysen und Ideen, die den Aspekt der Geschlechterdifferenz missachten, in vielen Fällen schlicht nicht mehr funktionieren. Es gibt einen großen und dringenden Bedarf an anderen Ideen und Vorschlägen. (Antje Schrupp)

Dieses Vorurteil ist ja auch unter der Leserschaft hier einigermaßen verbreitet. Feminismus, das sind die Anderen, das ist der Feind, das sind die, die einem was wegnehmen wollen. Nichts könnte ferner von der Wahrheit liegen. Wir Männer profitieren massiv vom Feminismus, wenn wir es nur zulassen. Das Patriarchat und toxische Maskulinität schaden allen, auch Männer, die ja ostentativ die Nutznießer sind. Das muss man sich wieder und wieder klar machen.

4) How I lost my past

Yet it is very difficult to tell these other stories. History is written, we are told, by the victors and stories that do not fit the pattern narrative are rejected. This is especially the case, I have come to believe, in the United States that has created during the Cold War a formidable machinery of open and concealed propaganda. That machinery cannot be easily turned off. It cannot produce narratives that do not agree with the dominant one because no one would believe them or buy such books. There is an almost daily and active rewriting of history to which many people from Eastern Europe participate: some because they do have such memories, some because they force themselves (often successfully) to believe that they do  have such memories. Others can remain with their individual memories which, at their passing, will be lost. The victory shall be complete. […] Thinking of those years in political terms, one moment now, perhaps strangely, stands out for me. It was the Summer of 1975. The Helsinki conference on peace and stability in Europe was just taking place. It was closing a chapter on the World War II. It came just months after the liberation of Saigon. And I recall being on a beach, reading about the Helsinki conference and thinking, linking the two events: there will be no wars in Europe in my lifetime, and imperialism has been defeated. How wrong was I on both accounts. (Global Inequality)

Der hier beschriebene Mechanismus ist auch in der Ostalgie sichtbar: Der Spagat zwischen der Notwendigkeit einer Vergangenheit mit eigenen Höhepunkten und der revisionistischen Verklärung derselben ist ungeheuer schwierig, und meistens schlägt das Pendel sehr stark in eine Richtung. Die Geschichte der DDR etwa wird tatsächlich extrem stark auf ihre negativen Aspekte reduziert. Das wahrlich auch nicht zu Unrecht, aber darüber wurde oft vergessen, wie viele Menschen in diesem System ihr komplettes Leben oder doch einen großen Teil verbracht haben, vor allem ihre formativen Jahre.

Das Gegenstück ist dann eine ungeheure Verharmlosung, wo die Mangelwirtschaft zum solidarisierenden Element verklärt und Stasi und Eiserner Vorhang mehr oder weniger mit Vergessen gestraft werden. Noch viel extremer kann man das in Russland beobachten, wo der Stalin-Kult fröhliche Urständ‘ feiert, als ob es die Entstalinisierung unter Chruschtschow nie gegeben hätte.

Das ist auch wahrlich kein Phänomen, das nur den Osten betrifft, auch wenn die wegen der Niederlage im Systemkonflikt ganz besonders damit zu kämpfen haben. Man sehe sich nur die Probleme der USA an, ihre Vergangenheit bezüglich des Umgangs mit der Sklaverei, den Ureinwohnern oder den asiatischen Einwandern aufzuarbeiten, oder die Verherrlichung der kolonialen Vergangenheit in Großbritannien…

5) Are things getting better or worse?

A final reason for doubting progress is the future, in all its terrifying potentiality. One of Pinker’s most persistent critics is the statistician and risk analyst Nassim Nicholas Taleb, the author of “The Black Swan,” “Fooled by Randomness,” and other explorations of uncertainty. For the past few years, in a relentless barrage of tweets and Facebook posts, Taleb has responded to Pinker’s optimism by distinguishing between “thin-tailed” historical trends—picture the trailing ends of a bell curve—which are likely to continue indefinitely, and “fat-tailed” ones, which retain their capacity to surprise. Pinker shows that, during the past century, per-capita deaths from fire have declined by ninety per cent in the United States. In Taleb’s view, this is a thin-tailed trend, since it’s the result of innovations, such as better materials and building codes, that are unlikely to reverse themselves. By contrast, the decline in deaths from terrorism—far more people were killed by terrorists in the nineteen-sixties and seventies—is a fat-tailed trend; as Taleb writes on Facebook, “one biological event can decimate the population.” Pessimists of the Taleb school argue that we underestimate the number of fat-tailed trends. In a review of “Enlightenment Now,” the theoretical computer scientist Scott Aaronson imagines a hypothetical book, published in 1923, about “the astonishing improvements in the condition of Europe’s Jews.” The authors of such a book, Aaronson writes, would have reassured themselves that “an insane number of things would need to go wrong simultaneously” for that progress to be reversed—which, needless to say, is what happened. […] Problems and progress are inextricable, and the history of improvement is also the history of problem-discovery. Diagnosis, of course, is an art in itself; it’s possible to misunderstand problems, or to overstate them, and, in doing so, to make them worse. But a world in which no one complained—in which we only celebrated how good we have it—would be a world that never improved. The spirit of progress is also the spirit of discontent. (New Yorker)

Äußerst spannender Artikel. Ich bin generell ein großer Fan von Steven Pinker und seinem Optimismus über die aktuelle Entwicklung. Tatsächlich ging es der Welt im Schnitt noch nie so gut wie heute, und die ganzen „Make Great Again“ und „Früher War Alles Besser“-Leute liegen komplett falsch. Auf der anderen Seite ist aber dasArgument über die „thin-tailed“ vs. „fat-tailed“-Trends ein sehr spannendes. Prognosen sind ja bekanntlich besonders schwer, wenn sie die Zukunft betreffen, und eine größere Katastrophe von Asteroideneinschlag über neuartige Seuche hin zu einer Killer-KI und natürlich der allgegenwärtigen Bedrohung durch den Klimawandel (oder die Zombie-Apokalypse) könnte unsere Gesellschaft sehr schnell komplett aus den Angeln heben. Was wir allerdings als gesichert annehmen können ist, dass eine Million syrischer Flüchtlinge uns nicht in unserer Existenz bedroht, egal wie sehr sich die Rechten in diese Vision hineinsteigern. Diese Unvorhersehbarkeit der richtig heftigen Bedrohungen ist auch ihre eigentliche Gefahr.

6) AfD-Schmierenkomödie um versteckte Wahlkampfhilfe

Meuthen versucht aber, diese direkte Unterstützung durch die Goal AG nicht als Parteispende zu werten. Das ist aus Sicht von LobbyControl sachlich abwegig – und es ist politisch hochbrisant, weil Meuthen und die AfD damit versuchen, die Transparenzregeln für die Parteienfinanzierung auszuhebeln. Falls Meuthen und die AfD Erfolg hätten, könnten Konzerne, Vermögende oder ausländische Regierungen Wahlkampagnen für eine Partei unter Mitwirkung von Politikern dieser Partei organisieren, ohne dass die Öffentlichkeit erfährt, wer dahinter steckt. Partei und Politiker müssten nur behaupten, die Kampagne nicht offiziell beauftragt zu haben. […] Klar ist: Wenn die AfD für die Wahlwerbung Verantwortung übernehmen muss, drohen ihr Millionen-Strafen wegen illegaler Parteienfinanzierung. Im Fall von Jörg Meuthen geht es um die Frage, ob es sich am Ende um illegale anonyme Parteispenden handelt (mehr dazu siehe in unserem Bericht von Juni 2018). Die Bundestagsverwaltung ist jetzt in der Pflicht, die Untersuchungen voranzutreiben – und sich keinen Sand in die Augen streuen zu lassen. (LobbyControl)

#DrainTheSwamp hieß das bei Donald Trump, und wie immer wenn Kandidaten lauthals verkünden, dass sie allein rein und ehrlich sind und den Sumpf austrocknen wollen, den alle ihre politischen Gegner geschaffen haben, ist das oft viel Getöse, das nur die eigenen und oft genug krasseren Verfehlungen verdeckt. Das Ausmaß an Korruption in der Trump-Regierung ist ja jetzt schon beispiellos, aber die eigenen Anhänger kümmert’s nicht, sofern ein paar Latinas die Babys weggenommen werden. Auch bei der AfD dürfen wir uns sicher sein, dass ihre Anhänger großzügig über diese Hexenjagd der Medien und etablierten Parteien, die ja eh alle unter einer Decke stecken um die einzig wahre Vertretung der Deutschen und der schweigenden Mehrheit…ach, ihr wisst, wie es weitergeht. A propos, schweigende Mehrheit:

7) Die stille Mehrheit kann mich mal // Wir schweigen die Extremisten an die Macht

„Hau hier ab, du Scheißkanake!“ Ich starrte ungläubig in das wutverzerrte Gesicht des Mannes, der hinter mir an der Kasse stand und plötzlich begonnen hatte zu schreien. Mich anzuschreien. Ein sonniger Montagnachmittag. Der Rewe in Berlin-Mitte war vollgepackt mit Menschen. „Ich bin Deutscher, ich darf hier stehen! Du Scheißausländerin, geh zurück, wo du herkommst, Türkei, Spanien, mir scheißegal!“ Ich wollte gerade meine Einkäufe aufs Band legen. Der Mann war jung, vielleicht Mitte dreißig. Seine Freundin stand stumm daneben. Alle anderen Kundinnen und Kunden in der Schlange hinter uns auch. „Du kommst nur her, um unsere Arbeitsplätze zu klauen und Hartz IV zu klauen, du Scheißkanake!“ Er schrie weiter. […] Das war sie wohl, die berühmte „stille Mehrheit“, die damals um uns herum im Supermarkt stand und zuschaute, wie eine Frau angegriffen wurde, weil sie offensichtlich nicht aus der Vereinigung zweier blonder, blauäugiger Deutscher abstammte. Vielleicht waren die Menschen, die zuschauten, innerlich empört darüber, was sie sahen. Vielleicht fanden sie falsch, was der Angreifer sagte und tat. Vielleicht hatten sie Angst. So gerechtfertigt ihnen ihre Gründe in jenem Moment scheinen mochten – mir war das alles egal. Das Gefühl, das ich noch fünf Jahre nach diesem Erlebnis habe, ist: Wenn es darauf ankommt, bist du allein. […] Für mich persönlich bleibt nach meiner Begegnung mit dem Rassisten vor fünf Jahren: Der Mann verließ den Supermarkt im Bewusstsein, alles richtig gemacht zu haben. Mit seinem Handeln lediglich dem Willen der stillen Mehrheit Ausdruck verliehen zu haben. Ich erinnere mich nicht mehr daran, wie der Mann aussah, der mich angriff. Ich werde aber nie das Gesicht der Kassiererin vergessen, die nichts sagte. Ich werde mich für immer daran erinnern, wie die zwei Männer aussahen, die an der Kasse direkt hinter uns standen und stumm blieben. Die stille Mehrheit macht sich mitschuldig an dem, was zurzeit passiert, wenn sie weiterhin still bleibt. Die stille Mehrheit kann mich mal, denkt man sich an solchen Tagen. Wenn sie still ist, bringt es überhaupt nichts, dass sie die Mehrheit ist. (SpiegelOnline)

Diese Katastrophe, diese Unfähigkeit oder Unwilligkeit Deutschlands zur echten Integration, hängt unmittelbar mit der deutschen Angst zusammen. Denn jedes öffentliche Schweigen in öffentlichen Debatten und Situationen, wo es darauf ankäme, wird gefüllt von den Immerlauten. Zum Beispiel von der „Bild“-Zeitung, die eine Kampagne gegen Özil fuhr, wie man sie gegen Gauland noch nie gesehen hat. In ihrem Özil-Furor hat diese Zeitung die Vorwürfe zu seiner Erklärung – „Im Internet!“ und „Auf Englisch!“ – auf den Titel gehoben. Das heißt übersetzt: Özil hat über soziale Medien direkt mit seinen Fans kommuniziert, er hat nicht mit uns gesprochen, er hat der „Bild“-Zeitung Wissensvorsprung und Deutungshoheit über das deutsche Fußballgeschehen genommen. Rache! Hier schließt sich der Schweigekreis, denn die Stille des DFB und der Nationalmannschaft haben sehr viel mit der deutschen Angst vor der „Bild“-Zeitung zu tun. […] Wenn zu viele Menschen ihren Mund halten, obwohl sie laut sein sollten, können die Immerlauten sich und der Öffentlichkeit einreden, sie repräsentierten die Mehrheit. Und so traurig das ist, es handelt sich um eine selbst erfüllende Prophezeiung. Die schweigende Mehrheit ist in einer liberalen Demokratie keine Mehrheit. Eine stumme Mehrheit kann ohne großen Aufwand Extremisten an die Macht schweigen. (SpiegelOnline)

Beide Artikel von SpiegelOnline beleuchten wichtige Dimensionen der Schweigespirale. Wie ich in meinem Artikel zu der erstmaligen politischen Verwendung des Begriffs durch Richard Nixon beschrieben habe: wer schweigt, stimmt zu. Das Wort von der Zivilcourage ist etwas aus der Mode gekommen, aber der Widerstand der anständigen Bürger gegen diese braune Soße, gegen den Alltagshass, ist umso wichtiger, je mehr er sich in die Mitte der Gesellschaft schleicht. Es ist die Fraktion des „Ja Aber“, die hier am aktivsten schweigt. „Ja, schon schlimm der Rassismus, aber irgendwie ist der Ärger der Leute ja verständlich“, ihr kennt die Leier. Verständnis hab ich auch, aber stehen lassen kann man den Dreck halt leider nicht. Und das ist extrem unangenehm. Aber auch das gehört dazu, wenn man anständig sein will.

Und Anstand ist ja immer ein wichtiges Thema der Bürgerlichen. Deswegen ist es gerade wichtig, dass Konservative sich distanzieren – ich schreibe da gerade immer wieder darüber, ich weiß, aber es sind Signale aus der CDU und der CSU, die im politischen Bereich hier die wichtigsten sind, nicht der Grünen. Die Union ist es, die der Mitte signalisieren kann, was satisfaktionsfähig ist und was nicht. Und hier wurde schon viel zu viel zugelassen. In dem Zusammenhang ist auch das nächste Fundstück sehr erfreuchlich.

8) Wegen AfD: Dominikaner distanzieren sich von Ockenfels // Kirche muss die „Anstößigkeit“ des Kreuzes erklären

Die Dominikaner nehmen laut Stellungnahme eine besorgniserregende Entwicklung in den europäischen Gesellschaften wahr. „Nationalistische Tendenzen werden zunehmend über die Idee eines gemeinsamen Europas gestellt – so auch festgehalten im Grundsatzprogramm der AfD“, so Kreutzwald. Damit einher gehe eine verrohende und plakativ-vereinfachende Sprache der Abgrenzung und Abschottung. Auffällig sei eine Fokussierung auf die europäische Flüchtlingsthematik, die seit Monaten andere wichtige gesellschaftliche Fragestellungen ins Abseits dränge, heißt es weiter. „Rechtsgerichtete Parteien wie die AfD profitieren davon und suchen mit vereinfachender Polemik, Menschen an sich zu ziehen.“ Allerdings sei die Sachlage so komplex, dass sie viele Länder und politische Zusammenhänge beträfe. Daher könne sie nicht national, sondern nur gemeinsam angegangen und gelöst werden. „Dabei kann nicht oft genug deutlich gemacht werden, dass es nicht um eine ‚Sache‘ geht, sondern um Menschen“, schreibt Kreutzwald. Die  Aufgabe des Ordens sehe man zudem ausdrücklich in der Verkündigung der guten Botschaft Jesu „zum Heil aller Menschen“. (Katholisch.de)

Gegenwärtig werde das Kreuz entweder „in Talkshows verharmlosend als Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Konfession diskutiert, so Mertes. „Oder es wird kulturkämpferisch instrumentalisiert, am sinnenfälligsten wenn es schwarz-rot-gold angestrichen wird, um das Abendland gegen die ‚Islamisierung‘ zu verteidigen.“ Aber in keinem der beiden Fälle werde die Kreuzigung Jesu als der „Skandal“ begriffen, für den ein christlicher Missionar wie Paulus noch ein Gespür gehabt habe. Sogar klar ablehnende Äußerungen gegenüber dem Kreuz könnten für die öffentliche Diskussion „hilfreich“ sein, betont der Jesuit. „Sie fordern gerade Christen im guten Sinne des Wortes heraus, das Kreuz ernst zu nehmen – oder wenigstens zu überprüfen, ob das Gespür für den Skandal des Kreuzes bei ihnen wirklich noch da ist.“ Dieses Gespür sei ein „Schlüssel für gelingende missionarische Kommunikation in der Welt“. (Katholisch.de)

Ich bin ja wahrlich nicht der größte Fan der Amtskirchen, aber sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche fallen in den letzten Monaten äußerst positiv auf, was ihre entschiedene Abgrenzung nach rechts angeht. Die Amtskirchen leisten gerade genau das, was sie immer für sich beansprucht haben: Dass sie das Gewissen der christlichen Mehrheitsgesellschaft verkörpern. Offensichtlich wird diese klare Haltung, in der sie sich bewusst gegen die billige und populistische Kooptierung der AfD und CSU wehren, auch belohnt. Zum ersten Mal seit langem hat sich 2018 der Trend umgedreht und die Zahl der Kircheneintritte übertrifft den der Austritte. Diese Entwicklung kann übrigens auch in anderen kirchlichen beziehungsweise mit den Amtskirchen affiliierten Einrichtungen beobachtet werden, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren.

Dieser Trend unterscheidet sich in Deutschland auch augenfällig von den USA, wo gerade die Evangelikalen (von denen es in Deutschland dankenswerterweise nur wenige gibt) zu den größten Treibern der Radikalisierung gehören und dabei mehr und mehr zu einer Karikatur ihrer selbst werden. Bei aller berechtigten Kritik an der Verflechtung und Verfilzung der Amtskirchen mit dem deutschen Staat, wenn die Amtskirchen sich in der Krise dann wenigstens bewähren statt einfach umzufallen ist das sehr erfreulich.

9) The Future is going to be great!

So prepare yourself for a few things:

  • We will discover the genetic wellsprings of things like memory, artistic talent, mathematical ability, extroversion, laziness, aggression, ability to swot up foreign languages, and a hundred other things. And that’s not even counting fast-twitch muscles, balance, speed, stamina, and other traits that make great athletes.

  • Thanks to CRISPR (or perhaps CRISPR+) we’ll be able to fine-tune these abilities in babies. Maybe in adults too. The era in which we argued about the ethical implications of this stuff will be over. We’ll just do it and see the results.

  • How much does parental upbringing affect any of this? I’m going to put my money on “not much,” but it’s hardly worth making guesses anymore. In a decade or two we’ll know.

  • How much effect does the entire environment outside the womb have starting with the day a baby is delivered? I’m going to put my money on “some,” but that’s as far as I’ll go.

  • The effects on social justice will be profound. Once it becomes irrefutable that certain people just flatly have more talent than others, and furthermore, that they can probably buy even greater talents, the philosophical justification for paying the talented more than the untalented disappears. In what way do the talented deserve any more money if we can literally draw a map showing where their talents are located on their genomes and where their ambition, focus, and zeal for hard work comes from? (Mother Jones)

Ähm…nicht die Überschrift, die ich gewählt hätte. Wenn das tatsächlich eintrifft und wir im Endeffekt „Gattaca“ Realität werden lassen, dann bin ich mir ganz und gar nicht sicher wie klasse das ist. Wenn es möglich wird, durch Gentherapie „Talent“ (was auch immer der Begriff dann noch wert ist) in Babys einzuspeisen, dann wird das garantiert eine Menge Geld kosten, die nicht jedermann zur Verfügung steht – und warum Unternehmen nicht NOCH MEHR als vorher dieses „Talent“, das sich nun betriebswirtschaftlich zweifelsfrei quantifizieren lässt, als Grundlage für Bezahlung hernehmen und damit die Reproduktion einer Elite garantieren sollten, ist mir völlig unklar.

10) So raffiniert wie zwielichtig

Zur erfolgreichen deutschen Geschichte gehört aus AfD-Sicht auch die Kolonialzeit. Das hat Höcke in seinem neuen Buch „Nie zweimal in denselben Fluss“ klargestellt. Man dürfe „Kolonisation“ (gemeint ist der Kolonialismus), „nicht ausschließlich negativ betrachten“, schreibt er und schwärmt vom „Wohlstandsaufbau, der in der Zeit von 1850 bis 1918 aus dem Geist und der praktischen Tüchtigkeit der Deutschen“ in den Kolonien erwuchs. Kein Wunder also, dass sich die AfD auch in die Debatte um die aus der Kolonialzeit stammenden Objekte im künftigen Humboldt-Forum einschalten würde. Im März schrieb Marc Jongen: „Die Parteigänger des ‚Postkolonialismus‘ versuchen den Eindruck zu erwecken, die ethnologischen Sammlungen … seien samt und sonders gestohlen und müssten restituiert werden. … Am Pranger stehen der angebliche westliche ‚Rassismus‘ und der ‚Kolonialismus‘ als Quellen alles Bösen.“ […] Das AfD-Papier funktioniert nicht zuletzt deshalb so gut, weil es die Entwicklung der Debatte Schritt für Schritt nachvollzieht. Statt sich wirklich mit den Theorien der Postkolonialisten zu beschäftigen, statt über Machtverhältnisse im Museum oder die Konstruktion des Fremden nachzudenken, setzen die meisten Tonangeber der deutschen Kulturpolitik darauf, das Thema auf die Verfahrensebene hinunterzukochen, an Kommissionen zu delegieren und im Kleinklein minutiöser Untersuchungen versickern zu lassen. So fällt es der AfD leicht, erst Widersprüche zwischen Absichten und Umsetzung zu entlarven und dann mit der mangelhaften Umsetzung die Absichten zu diskreditieren. Und auch die Tatsache, dass es in der AfD-Anfrage nur um Deutschland geht und kaum um Afrika, ist kein Zufall. Es gab die eine oder andere Politikerrede, es gibt ein paar Sätze im Koalitionsvertrag. Doch keine Angela Merkel, keine Monika Grütters, keine Michelle Müntefering hat laut gesagt, worum es bei der Frage nach den geraubten Objekten in den Museen wirklich geht: weder um Wiedergutmachung noch um akademische Theorien oder bloße Eigentumsfragen, sondern darum, das Verhältnis zu Afrika auf eine grundlegend neue Basis zu stellen. (SZ)

Es verwundert nicht, dass die AfD neben der Zeit des Nationalsozialismus auch gerne die deutsche Kolonialgeschichte in ein positiveres Licht gerückt sehen möchte. Die Argumentation von den großen zivilisatorischen Segnungen der Kolonialzeit ist aus deutschem Mund genauso großer Unsinn wie von britischen oder französischen Kolonial-Apologeten. Auch der im Artikel angesprochene Strategiewechsel der AfD ist sehr interessant, ich empfehle ihn ganz zu lesen.

Ich möchte an dieser Stelle aber etwas mehr auf den Wechsel im Verhältnis zu Afrika eingehen. In den Schlagzeilen war das hauptsächlich auf Basis der Frage, ob Deutschland Reparationen für den Völkermord an den Herero zahlt. Ich halte das wegen der juristischen und finanziellen Folgen im Hinblick auf andere solche Forderungen für unwahrscheinlich. Es wäre allerdings absolut begrüßenswert, wenn Deutschland – wie sich das aktuell abzeichnet – die Verantwortung für diese Taten übernimmt und Restitution über die Rückgabe von Raubgut und kulturelle und wirtschaftliche Zusammenarbeit leistet. Eventuell könnte hier auch ein Modellfall entstehen, wie man mit der kolonialen Vergangenheit umgeht, der gerade auch für Großbritannien lehrreich sein könnte.

11) Natürlich blond

Denn klar, die Ostdeutschen „kehren zurück“. Sie tun dies aber, weil in den neuen Ländern inzwischen gute wirtschaftliche Bedingungen herrschen. Die aber sind eine Folge der unvorstellbaren Summen, mit denen unsere Brüder und Schwestern in den Westzonen nach 1990 – erfolgreich – die rauchenden Trümmer der jahrzehntelangen DDR-Misswirtschaft abgelöscht haben. Die AfD war da noch Quark im Schaufenster. Und auch wenn heute im Landkreis Eichsfeld die Arbeitslosenquote unter vier Prozent liegt, so zieht es doch nur wenige „Rückkehrer“ oder Zuzügler in Orte wie Heilbad Heiligenstadt und weit mehr in die ostdeutschen Schmelztiegel wie Leipzig. Dessen Stellung als kulturell herausragende und wirtschaftlich aufstrebende Stadt verdankt sich denn auch weniger ethnischer Homogenität oder einer besonders facebookkachelkompatiblen Altstadt. Nein, dass Leipzig heute überhaupt wieder auf den Radarschirmen auftaucht, ist Folge einer Eigenschaft, die das genaue Gegenteil der von der AfD so brachial appropriierten DDR-Identität darstellt und die Leipzig genau wie andere Städte im Osten sich überaus mühsam zurückerkämpfen musste: Internationalität. Das kosmopolitische Flair, das Städte wie Leipzig, Jena, Potsdam, Erfurt und, ja, auch Dresden heute mindestens abschnittsweise durchweht, ist die auf kommunale Ebene heruntergebrochene Variation der gesellschaftlichen Öffnung, in die die gesamte ehemalige DDR mit dem Ende ihres gemischten Geschäftsmodells aus wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Unterdrückung hineingezwungen wurde – sehr wohl zu ihrem eigenen Besten. Der Erfolg wenigstens der großen Städte ist nicht darin begründet, dass sie ethnisch blütenweiß geblieben wären, sondern an den konstruktiven Reibungen, die ein gesteigertes Maß an Vielfalt bekanntermaßen mit sich bringt. […] Denn was bewirken solche, eine wirr zusammenimaginierte „Ostidentität“ abfeiernde Posts anderes, als dass Deutsche sich auch heute, im Jahr 28 nach der Wiedervereinigung, noch immer zuvörderst als „Ossis“ oder „Wessis“ verstehen und damit alles hintertreiben, wofür die „Ossis“ damals unter Gefahren auf die Straße gegangen sind? Ist das der „Mut zu Deutschland“, von dem die Gaulands dieser Welt uns immer vorschwärmen? Die AfD ist, das haben schon mehrere Kommentatoren zurecht festgestellt, eine Schande für Deutschland. Sie ist dies aufgrund der geistigen Beschränktheit ihres Programms, aufgrund der Lust, mit der sie alsbald nach der Gründung den politisch-moralischen Grundkonsens der Bundesrepublik über Bord geworfen hat, sie ist es aufgrund ihrer Xenophobie, und sie ist es eben nicht zuletzt auch, weil sie – das verbindet sie mit der Linkspartei – die Emanzipation der Deutschen vom Trauma der jahrzehntelangen Teilung behindert. (Salonkolumnisten)

Genauso wie der Ausländerhass immer dort am Größten ist, wo (fast) keine Ausländer sind, so ist der Zorn auf den Westen nirgendwo so groß wie dort, wo die ganze Region eigentlich nur wegen großzügiger Wirtschaftshilfen von eben dort überlebt. Das gleiche Phänomen kann man ja auch in anderen Ländern bewundern. Gerade die Bundesstaaten, die die größten Wirtschaftshilfen von Washington erhalten, hassen den Bund am meisten. Die Regionen Englands, die am meisten von der EU-Strukturförderung profitierten, lärmten für den Brexit. Das Mezzogiorno beklagte sich jahrzehntelang über die böse Politik in Rom, die die Region am Tropf hatte. Und so weiter.

Der Artikel nennt auch die richtige Gegenmaßnahme dafür: Kosmopolität, ein Aussetzen der Leute für fremde Kulturen, Offenheit. Wo das gegeben ist, beginnen Vorurteile zu schmelzen. Es ist kein Zufall, dass gerade die Regionen Deutschlands, in denen die meisten Flüchtlinge tatsächlich leben, diejenigen sind, die am wenigsten AfD-Wähler aufweisen – und umgekehrt. Auch der Anklang im Artikel auf die großen offenen Städte als Fortschrittsmacher gegenüber dem geschlossenen, unter sich bleibenden Land ist absolut richtig.

{ 66 comments… add one }
  • Martin 27. Juli 2018, 06:32

    Zu 5) Jetzt bist auch Du endlich drauf gekommen! Statt Dich immer nur mit diesem ganzen unwichtigen Zeug zu beschäftigen, solltest Du Dein ganzes Augenmerk auf das einzig wichtige lenken: Die Zombie-Apokalypse!

    • Stefan Sasse 27. Juli 2018, 09:19

      Sehr relevant. Hast du Pläne? Zugang zu fließendem Wasser ist wichtig.

      • Martin 27. Juli 2018, 11:56

        Ich empfehle auf jedem Fall die Bücher von Max Brooks zur vorsorglichen Information.

        • Stefan Sasse 27. Juli 2018, 15:29

          Hab mal versucht World War Z zu lesen fand es aber wenig ansprechend.

          • Martin 29. Juli 2018, 14:28

            Ich habe nur das deutsche Hörbuch konsumiert. Gefallen hat mir, dass neben dem genretypischen Grusel auch (globale) gesellschaftspolitische Entwicklungen beschrieben (und kritisiert?) werden.

            Sei es die Vermarktung eines wirkungslosen Impfstoffes, das Totschweigen des Problems und das Vermeiden unbequemer Maßnahmen, weil Wahlen bevorstehen; der Ausbruch eines Krieges zwischen eigentlich befreundeten Nationen, weil keine diplomatischen Kanäle existierten; die bald umgesetzten Rettungsstrategie, die mit der Erkenntnis beginnen, dass man nicht alle Menschen retten könne und sogar die nicht zu rettenden Menschen als Köder einplant, um die Zombies von den sicheren Oasen wegzulocken…

            Ich bin aber auch schon mit einfacher intellektueller Kost leicht zufrieden zu stellen.

            • Stefan Sasse 29. Juli 2018, 16:39

              Vielleicht sollte ich dem Ding dann doch noch mal ne Chance geben.

              • Martin 29. Juli 2018, 18:21

                Ich will die Früchte aber nicht zu hoch hängen. Viele Werke die mir gefallen, finden andere zu anspruchslos. Ich bin kein großer Literaturkonsument.

  • Gerd Heiner 27. Juli 2018, 06:52

    ad 5)

    a) Mit Sicherheit gehoere ich nicht zu den „Frueher War Alles Besser“-Leuten, aber ob deines zarten Alters, Stefan, wage ich zu bezweifeln , dass du das Lebensgefuehl der Jugendlichen in der 60ern und 70ern des vorigen Jahrhunderts dir vorstellen kannst. Andersrum ausgedrueckt: Heutzutage, genauer gesagt, heutzutage in Deutschland moechte ich weder Jugendlicher geschweige denn Lehrer sein.

    b) Bitte etwas mehr Praezision bei der Satzzeichensetzung: Statt ‚eine Million syrischer Fluechtlinge‘ muss es heissen: „eine“ Million „syrischer“ „Fluechtlinge“.

    • Stefan Sasse 27. Juli 2018, 09:20

      a) Warum?
      b) Hahhahahaaaaaaaaaaa….

      • Gerd Heiner 27. Juli 2018, 10:22

        zu a) You’ll find out on your own, when reality catches up with you…
        zu b) I’m happy that I made your day!

        • bevanite 27. Juli 2018, 12:01

          zu a) You’ll find out on your own, when reality catches up with you…

          Mit zynischer Ironie einer Frage auszuweichen scheint ja bei den aelteren Generationen dieser Tage sehr en vogue zu sein.

          Möchten Sie vielleicht nicht doch mal praezisieren, was Sie damit meinen, heutzutage „weder Jugendlicher geschweige denn Lehrer“ sein zu wollen? Ansonsten hört sich Ihr Kommentar leider mehr nach altklugem „Junge, was weißt Du schon von unserer glorreichen Jugend damals“-Pathos als nach fundierter Gesellschaftskritik an. Sind Ihnen die Jugendlichen von heute zu lasch, weil sie alle „snowflakes“ sind? Oder zu gewalttaetig? Ich komme bei den ganzen apokalyptischen Visionen gegenüber „der Jugend“ gar nicht mehr mit.

          • Gerd Heiner 27. Juli 2018, 15:53

            Nein, nein, nein!
            Da ich nicht zu langatmigen Kommentaren neige, laufe ich wohl Gefahr, missverstanden zu werden.
            Ich habe an den heutigen Jugendlichen keineswegs etwas zu bemaekeln; sie dauern mich lediglich, dass sie im jetzigen Umfeld in diesem, unserem Lande aufwachsen muessen.

    • R.A. 27. Juli 2018, 12:47

      > … du das Lebensgefuehl der Jugendlichen in
      > der 60ern und 70ern des vorigen Jahrhunderts
      > dir vorstellen kannst.
      Ich war Jugendlicher in dieser Zeit.

      > heutzutage in Deutschland moechte ich weder
      > Jugendlicher geschweige denn Lehrer sein.
      Und ich wäre sehr gerne heute Jugendlicher in Deutschland.
      War auch nett damals, aber heute hat man als Jugendlicher so viel mehr Möglichkeiten.

      Lehrer wollte ich schon damals nie sein. Zu wenig persönliche Entwicklung.

      • Stefan Sasse 27. Juli 2018, 15:34

        ICH wäre gerne heute Jugendlicher, und meine Jugend liegt gerade 20 Jahre zurück.

        • Gerd Heiner 27. Juli 2018, 16:00

          Sag‘ ich doch, dir die Stimmung als Jugendlicher der 60er und 70er nahebringen zu wollen, ist wie der Versuch, dem Blinden die Farben zu beschreiben.

      • Gerd Heiner 27. Juli 2018, 16:12

        „heute hat man als Jugendlicher so viel mehr Möglichkeiten.“

        Ja und nein.

        Mit 14 nach Paris zu „trampen“, wie das damals hieß, und tagelang unter den Seinebruecken im Schlafsack neben den Clochards zu naechtigen waere wohl heute mehr als tollkuehn.

        Und monatelang mit dem Motorrad nach Indien und durch all die Laender dazwischen zu bummeln ist heuer auch nicht mehr ratsam.

        Lehrer nicht werden zu wollen, verstehe ich, aber wieso hat man da „zu wenig persoenliche Enwicklung“?

        Vielleicht kann unser Stefan das erlaeutern!?

        • Stefan Sasse 27. Juli 2018, 19:00

          Ich behaupte so was ja nicht ^^ Und warum sollte das alles heute gefährlicher sein als früher?

          • Gerd Heiner 27. Juli 2018, 19:45

            Paris im Schlafsack, aber nur mit einem Feuerloescher in Reichweite.

            Durch Anatolien, Iran, Irak und Afghanistan mit meinem Maedel im Seitenwagen!?! Get real! Absolut unverantwortlich!

            Oder bin ich einfach nur zum Angsthasen mutiert?

            • Stefan Sasse 28. Juli 2018, 10:05

              Vermutlich.

              • Gerd Heiner 28. Juli 2018, 14:04

                Rhetorische Fragen beduerfen keiner Antwort, du Dummerle…

            • Erwin Gabriel 30. Juli 2018, 07:03

              @ Gerd Heiner 27. Juli 2018, 19:45

              Paris im Schlafsack, aber nur mit einem Feuerloescher in Reichweite.

              Durch Anatolien, Iran, Irak und Afghanistan mit meinem Maedel im Seitenwagen!?! Get real! Absolut unverantwortlich!

              Die Liste ließe sich beliebig verlängern. 🙂

              Wobei ich Stefan dahingehend zustimmen muss, dass früher nicht ALLES besser war.

              es grüßt
              E.G.

              • Gerd Heiner 30. Juli 2018, 09:56

                Nein, natuerlich war frueher nicht „Alles“ besser!

                Aber wer erst seit wenigen Jahren fliegt, weiss garnicht, dass man frueher mit seinem Koefferchen einfach so in den Flieger gestiegen ist und wer erst seit ca. 3 Jahren Weihnachtsmaerkte, Karnevalsumzuege, Strassenfeste und Silvesterfeiern im oeffentlichen Raum besucht meint vielleicht, da haetten schon immer massive Strassensperren und Securityhundertschaften dazugehoert!

        • R.A. 28. Juli 2018, 10:53

          > Mit 14 nach Paris zu „trampen“, wie das damals hieß,
          > und tagelang unter den Seinebruecken …
          Damals wie heute: Möglich, war und ist aber für 99% der 14-Jährigen eine ziemlich absurde Vorstellung.
          Mit 18 ist das dann schon völlig anders (und eben nicht so unverantwortlich), und da machen die heutigen Jugendlichen deutlich mehr.

          > Und monatelang mit dem Motorrad nach
          > Indien und durch all die Laender dazwischen …
          Das hat aber nichts mit unseren Lebensumständen in Deutschland zu tun sondern damit, daß einige der Länder dazwischen Krieg und Bürgerkrieg betreiben (Indien selber wäre problemlos).
          Dafür gibt es heute andere Länder, die man bereisen kann und die früher dicht waren. Unterm Strich dürften heute mehr Länder für Individualreisen in Frage kommen als früher.

          > aber wieso hat man da „zu wenig persoenliche Enwicklung“?
          Man geht auf die Schule, dann ein paar Jahre auf die Hochschule, dann geht man zurück in die Schule. Das ganze Leben immer nur diese Klassenraumatmosphäre, kein Perspektivwechsel, keine Erfahrung mit dem „normalen“ Berufsleben.
          Und dann erzählt man halt über Jahrzehnte jedes Jahr den gleichen Sermon, lernt fast nie neue Inhalte kennen.

          Ich habe noch eine ganze Weile Kontakt mit meiner alten Schule gehalten, die war gut und die Lehrer meistens auch. Und da habe ich mich immer wieder mal eine Stunde hinten rein gesetzt um zu sehen, was heute so abgeht.
          Es war schrecklich. Die gleichen Texte, die gleichen Fragen, die gleichen Diskussionen, die gleichen Witze an denselben Stellen.
          Gerade als Akademiker will man doch in seinem Berufsleben ab und zu mal neue Anregungen.

          • Gerd Heiner 28. Juli 2018, 11:44

            Bitte meine beiden Aussagen nicht beliebig durcheinender wuerfeln.

            Wie haelt der Stefan diese Endlosschleife nur aus?

        • bevanite 29. Juli 2018, 11:26

          Mit 14 nach Paris zu „trampen“, wie das damals hieß, und tagelang unter den Seinebruecken im Schlafsack neben den Clochards zu naechtigen waere wohl heute mehr als tollkuehn.

          Haben Sie als Jugendlicher mal versucht, mit dem Transitzug nach Ostberlin zu trampen und Ihren Schlafsack unter dem Fernsehturm zu plazieren? Ich vermute mal, dass dies noch wesentlich tollkühner waere als eine solche Aktion in Paris…

          Abgesehen davon ist das heute vielen Jugendlichen eher zu unspektakulaer.

          Und monatelang mit dem Motorrad nach Indien und durch all die Laender dazwischen zu bummeln ist heuer auch nicht mehr ratsam.

          Ein anderer User schrieb bereits, dass dies eher an geopolitischen Umstaenden liegt. Es ist richtig, dass der alte „Hippie-Trail“ heute weitgehend nicht mehr als solcher bereisbar (Iran, Afghanistan) oder durchkommerzialisiert (Ibiza, Goa, Tanger) ist. Dafür konnten Sie damals nicht an die Masurischen Seen, ins Riesengebirge, an die istrische Adria, ans Schwarze Meer, mit dem Transsib quer durch Russland oder in Staedte wie Krakau, St. Petersburg, Budapest, Prag, Lemberg/Lviv oder Shanghai fahren.

          Und für die Menschen, die damals hinter dem Eisernen Vorhang lebten, waren Woodstock, Altamont oder das „Swinging London“ der Sechziger ohnehin nicht erreichbar.

          • Gerd Heiner 29. Juli 2018, 22:06

            Also in Ostberlin war ich damals schon , aber nicht per Anhalter mit dem Transitzug, denn dass ein Zugfuehrer fuer einen daumenschwingenden Rucksacktraeger anhielte, dafuer fehlte mir zugegebenermassen der notwendige Optimismus. Und ohne Schlafsack, da ich bei der Verwandtschaft herzlich aufgenommen wurde.

            Hippies auf dem „Hippie Trail“ ist aber jetzt ganz grosser Quatsch, die flogen damals schon mit den Billigbombern in ihre Paradiese.

            Und genauso Quatsch ist die Aufzaehlung angeblich damals nicht zugaenglicher Reiseziele; Prag, Budapest, die istrische Adria, am Schwarzen Meer, da habe ich mich ueberall rumgetrieben.

            Da draengt sich mir ob derartiger Uninformiertheit die Frage auf: Wie alt bist du und wo haust du?

  • CitizenK 27. Juli 2018, 08:33

    Zu 11:
    Ich sehe die Ursache dafür in einer Mischung von Abwehr aus Unterlegenheitsgefühl und mangelnder Bereitschaft nachzudenken.

    Wie kommt Kosmopolitisches aufs Land?

    • Stefan Sasse 27. Juli 2018, 09:38

      Das ist die große Frage. Ich habe nicht die geringste Ahnung. Vielleicht geht es einfach gar nicht, und du musst die eine Generation abwarten, die es braucht bis gesellschaftliche Änderungen komplett durchgesickert sind.

  • Stefan Pietsch 27. Juli 2018, 11:38

    Schon interessant: vor Wochen schreibst Du, das Migrationsthema sei völlig überbewertet, weshalb Du Dich anderen Komplexen zuwenden möchtest. Dafür arbeitest Du Dich aber, hier echt exzessiv, an der AfD ab und versteigst Dich zu der Behauptung, die CSU stände nicht für die schweigende Mehrheit.

    Die bayrische Volkspartei steht für die absolute Mehrheit der Wähler in ihrem Bundesland. Addierst Du die Umfrageergebnisse von CSU und AfD in Bayern wenige Monate vor der Landtagswahl zusammen, bist Du wieder bei einer deutlichen absoluten Mehrheit. Darüber hinaus hätte die CSU Chancen, bei einer bundesweiten Vertretung zweitstärkste Partei zu werden. Wahrscheinlich haben die Christsozialen weit mehr Legitimation für „die schweigende Mehrheit“ zu sprechen als SPD und Grüne zusammen. An deren überhöhten moralischen Anspruch arbeitest Du Dich aber weit weniger ab.

    Feminismus, das sind die Anderen, das ist der Feind, das sind die, die einem was wegnehmen wollen. Nichts könnte ferner von der Wahrheit liegen. Wir Männer profitieren massiv vom Feminismus, wenn wir es nur zulassen.

    Feminismus ist vor allem eine Ideologie und eine Ideologie hilft nicht wirklich. Wenn meine Frau mir mein Abendessen macht, dann ist das Chauvinismus. Wenn meine Frau sich weigert, am Wochenende Auto an meiner Stelle zu fahren, was ist das dann?

    • bevanite 27. Juli 2018, 12:05

      Die bayrische Volkspartei steht für die absolute Mehrheit der Wähler in ihrem Bundesland.

      Und Bayern ist nicht Gesamtdeutschland. Betrachtet man den Anteil der CSU an der Gesamtwaehlerschaft, dann nimmt sich Seehofer ganz schön viel Sonderrechte heraus. Ich finde es erstaunlich langmutig von Merkel, dass sie ihm das durchgehen laesst. An ihrer Stelle haette ich Seehofer schon laengst zurück an den Tegernsee gejagt.

      Feminismus ist vor allem eine Ideologie und eine Ideologie hilft nicht wirklich.

      Wenn Sie die Gleichberechtigung von Maennern und Frauen als „Ideologie“ bezeichnen, stellt sich die Frage, ob Sie selber nicht der eigentliche Ideologe sind…

      • Stefan Pietsch 27. Juli 2018, 13:37

        Zur Bewertung, wie begehrt ein Ferrari ist, hilft auch der Blick in die Verkaufszahlen wenig. Denn viele Menschen, die gerne einen Ferrari hätten, können ihn sich schlicht nicht leisten.

        Die CSU verzichtet darauf bundesweit anzutreten, weil sie die absolute Mehrheit in ihrem Heimatland Bayern nicht gefährden will. Daraus lässt sich ableiten, was möglichweise passiert, sollte die Partei ihre strukturelle Mehrheitsfähigkeit verlieren.

        Fakt ist nicht nur, dass die CSU regelmäßig mit absoluter Mehrheit regiert und damit die erfolgreichste Partei Deutschlands ist. Vor 5 Jahren sprach sich eine Zweidrittelmehrheit dafür aus, dass die CSU allein regieren möge. Ansonsten müssten wir Umfragen heranziehen, um eine Bewertung darüber abzugeben, ob die CSU-Positionen mehrheitsfähig sind. Da sieht es aber auch nicht so schlecht aus.

        Wenn das grundgesetzliche Erfordernis der Gleichberechtigung von Mann und Frau das Kernelement von Feminismus ist, dann sind mindestens 95% der Deutschen Feministen. Und auch das Grundgesetz ist das Werk von Feministen. Ich halte eine solche Universalbewertung für Blödsinn.

        Tatsächlich geht es beim Feminismus um Lobbyismus und das wird durch solche allgemein anerkannten Forderungen vernebelt.

        • Stefan Sasse 27. Juli 2018, 15:35

          Es steht dir natürlich frei, Begriffe beliebig so umzudefinieren, dass sie deine Argumentation stützen.

          • Stefan Pietsch 27. Juli 2018, 20:48

            Du bist also der Ansicht, dass Feminismus nichts anderes ist als das, was an prominenter Stelle im Grundgesetz steht?

            Wikipedia beschreibt dies unter anderem so:
            Daneben verweist Feminismus auf politische Theorien, die – über einzelne Anliegen hinaus – die Gesamtheit gesellschaftlicher Verhältnisse, einen grundlegenden Wandel der sozialen und symbolischen Ordnung und der Geschlechterverhältnisse im Blick haben. Gleichzeitig erlauben sie Deutungen und Argumente zur Gesellschaftskritik.

            Das ist, wenn man Wert auf Differenzierung legt, doch ein bisschen anders als einfach nur die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Angela Merkel ist ja nicht so eine erklärte Feministin, anscheinend steht eines unserer Verfassungsorgane mit der Verfassung auf Kriegsfuß. Die Soziologin Marianne Schmidbaur meint dann noch:
            Eine Feministin zeigt Solidarität und kämpft nicht nur für sich. Das bedeutet auch, den Mut zu haben, sich einzumischen, wenn man Zeuge von ungerechter Behandlung wird.
            http://www.bento.de/politik/feminismus-heute-was-der-begriff-bedeutet-und-ab-wann-jemand-feministin-ist-1331261/

            Hört sich dann doch irgendwie nach Ideologie an. Unsere Familienministerin meint:
            Unter Feminismus verstehe ich, diese Steine wegzuräumen und zu zeigen, dass Frauen wirklich alles können, nicht nur in der Theorie, sondern im Alltag, in der Praxis, im Leben.

            Theorie? Alles können? Steine wegräumen?

            Und die F.A.Z. weiß auch etwas beizusteuern:
            Sie nennen es Emanzipation – doch es ist nur die Verwandlung der Frauen in Karrieremonster. Laurie Penny, die britische Feministin, will da nicht mehr mitmachen.
            http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/feminismus-die-angst-in-den-augen-der-frauen-13482920.html

            Ich weiß nicht, wo Du Dich da einordnest. Aber ich sehe mich in der Haltung, dass es sich bei Feminismus um Ideologie und Lobbyarbeit geht, bestätigt.

            • Stefan Sasse 28. Juli 2018, 10:09

              Selbstverständlich tust du das.
              Ich sehe die Wikipedia-Definition durchaus als zutreffend. Denn die Gleichstellung von Mann und Frau IST ein grundlegender Wandel in sozialer und symbolischer Ordnung. Und die Kritik am „Karriere-Feminismus“ habe ich selbst schon dutzendfach an dieser Stelle und früher im OeF geäußert. Du verwahrst dich ja auch gegen schwarz-weiße Reduzierungen von Ordnungspolitik.

          • techniknoergler 27. Juli 2018, 21:58

            „Es steht dir natürlich frei, Begriffe beliebig so umzudefinieren, dass sie deine Argumentation stützen.“

            Siehe hierzu auch die folgende Erläuterung einer alten beliebten Diskussionstaktik:
            https://youtu.be/aqOZcG3pjYM?t=5m5s

      • Stefan Sasse 27. Juli 2018, 15:30

        Ideologisch sind immer die anderen.

    • Erwin Gabriel 30. Juli 2018, 07:07

      Zustimmung!

  • R.A. 27. Juli 2018, 12:44

    3)
    > Tatsächlich ging es der Welt im Schnitt
    > noch nie so gut wie heute, …
    Absolut richtig. Und damit ist „Früher war alles besser“ schlichter Unsinn.
    Wohingegen „Make great again“ schon auf gewisse Bereiche (oder Länder) bezogen wahr sein kann (nur so von der Logik her, ich will keinen konkreten Fall argumentieren).

    > dass eine Million syrischer Flüchtlinge
    > uns nicht in unserer Existenz bedroht,
    Sicher nicht. Wobei man aber fairerweise zugestehen sollte, daß die Bedrohungsszenarien sich nicht so sehr auf diese eine Million beziehen sondern darauf, daß die Entwicklung immer weitergeht und trotzdem der derzeitigen Abnahme der Zuwandererzahlen beständig mehr „Flüchtlinge“ ins Land kommen.

    7)
    > „Hau hier ab, du Scheißkanake!“ …
    Ganz ehrlich: Ich glaube diesen Bericht nicht. Alleine schon weil völlig ausgeblendet wird, was die Vorgeschichte dieses Konflikts war.

    > wer schweigt, stimmt zu.
    Nein. In manchen speziellen Situationen paßt das, aber generell nicht. Es gibt sehr viele Gründe zu schweigen, viele davon legitim und verständlich.

    10)
    > Die Argumentation von den großen zivilisatorischen
    > Segnungen der Kolonialzeit ist aus deutschem Mund
    > genauso großer Unsinn …
    Vorsicht! Es ist faktisch nicht zu bestreiten, daß es diese Vorteile gab. Wenn man das schon ableugnet, ist das Wasser auf die Mühlen von AfD und Co. – weil die ihre Sicht belegen können.
    Entscheidend ist doch, daß diese Vorteile in Relation zu den massiven Nachteilen und Grausamkeiten gestellt werden müssen – und sich dann zeigt, daß die Vorteile nicht wirklich ins Gewicht fallen oder als Rechtfertigung dienen können.
    Aber diese nötige und alleine diskussionentscheidende Abwägung kann man nicht mehr machen, wenn man vorher die Fakten ableugnet.

    • Stefan Sasse 27. Juli 2018, 15:34

      3) In dem Fall „müsste man zugestehen“, dass es für dieses Horrorszenario aktuell keine Grundlage gibt. Das passiert aber nicht, weil eine rationale Diskussion ohnehin nicht gewünscht ist. Sieht man an den Kommentaren hier ja oft genug.
      7) Warum misstraue ich einer solchen Geschichte erst einmal? Ist mir unklar. Es gibt tausende derartiger Geschichten.
      Und wer schweigt, stimmt zu, nicht weil er dies aktiv gutheißt (oder auch passiv), sondern weil dann Leute wie Stefan Pietsch von einer absoluten Mehrheit reden, die angeblich dafür ist. Schweigen ist IMMER Zustimmung, ob du das willst oder nicht. Klar hast du legitime Gründe. Aber es ist genauso legitim, dir dieses Schweigen dann vorzuwerfen. Oder mir. Ich schweige auch viel zu oft.
      10) Ist natürlich korrekt, da habe ich mich unklar ausgedrückt. Gemeint ist natürlich „netto positiv“ in dem Sinne dass die Kolonialzeit besser war als keine Kolonialzeit, und das ist Quatsch. Selbst die NS-Zeit hat irgendwelche positive Effekte gehabt, aber das macht sie nicht insgesamt als eine positive Zeit.

      • R.A. 30. Juli 2018, 08:22

        3) > dass es für dieses Horrorszenario
        > aktuell keine Grundlage gibt.
        Wenn sich „aktuell“ darauf bezieht, daß in diesen Wochen die Zuwandererzahlen eher niedrig sind, wäre das keine seriöse Grundlage um gegen die Befürchtungen zu argumentieren. Es gibt über die letzten Jahre dauernd Schwankungen, hängt von den benutzten Wegen ab und anderen externen Faktoren. Aber im Schnitt haben wir schon länger etwa eine halbe Million Zuwanderer pro Jahr. Das kann man schon hochrechnen, die Diskussion geht eben nicht über die Million „Syrer“ aus 2015 als isoliertes Ereignis.
        Welche Befürchtungen man dann als berechtigt einstuft und ob man gewisse Problem als „Horrorszenario“ bewertet ist eine ganz andere Frage.

        7) > Es gibt tausende derartiger Geschichten.
        Nein. Es gibt viele Geschichten mit Streit zwischen Einheimischen und Zuwanderern (oder Einheimischen mit Zuwanderungshintergrund). Es gibt viele Geschichten über echten Rassismus, weil es den selbstverständlich gibt in Deutschland (wie überall auf der Welt).
        Aber so ein Vorfall wie hier beschrieben, mit einem Konflikt bei dem einer völlig ohne Grund und Anlaß mitten unter Leuten einseitig zu pöbeln anfängt – den habe ich noch nie erlebt und auch keine glaubwürdigen Geschichten dazu gehört.

        > Und wer schweigt, stimmt zu
        Absolut nicht. Wer schweigt, nimmt keine Stellung.
        Man kann ja schon bei Nichtwählern nicht pauschal sagen, ob die nun besonders zufrieden sind oder besonders unzufrieden oder besonders desinteressiert – und eine Wahl ist ja immerhin ein Kontext, bei dem explizit zur Meinungsäußerung aufgefordert wird.
        Da kann man erst recht nichts hineininterpretieren, wenn jemand nichts sagt, der gar nicht gefragt wurde.

        > Schweigen ist IMMER Zustimmung,
        > ob du das willst oder nicht.
        Das ist alleine schon deshalb falsch, weil ja immer eine ganze Menge sehr verschiedener Positionen im Raum stehen und deswegen gar nicht entschieden werden kann, welcher davon der Schweigende angeblich zustimmt.

        > Aber es ist genauso legitim, dir dieses
        > Schweigen dann vorzuwerfen.
        Es ist legal, aber ziemlich sinnlos und unbegründet. Man kann jemanden auch vorwerfen, daß er kein Tischtennis spielt. Ist legal, aber das kann er mit in aller Ruhe ignorieren.

  • techniknoergler 27. Juli 2018, 21:37

    “ Es ist kein Zufall, dass gerade die Regionen Deutschlands, in denen die meisten Flüchtlinge tatsächlich leben, diejenigen sind, die am wenigsten AfD-Wähler aufweisen – und umgekehrt.“

    Hast du den Link auf die Quelle und werden in dieser Deutsche ohne Migrationshintergrund, Deutsche mit Migrationshintergrund und Ausländer jeweils getrennt aufgeführt?

    Wäre ein interessantes Phänomen, sofern es nicht nur selektive Wahrnehmung/Statistik ist. Deine These scheint aber postfaktisch zu sein:

    „In Westdeutschland war die AfD vor allem in den Wahlkreisen erfolgreich, wo die Haushaltseinkommen besonders niedrig sind. Im Osten dagegen wurde die AfD überdurchschnittlich stark in Wahlkreisen mit hohem Durchschnittsalter gewählt. Auch in den Wahlkreisen, wo mehr Industrie und Handwerksbetriebe ansässig sind, hat die AfD einen größeren Erfolg. Andere Faktoren wie die Arbeitslosenquote, der Ausländeranteil in einem Wahlkreis oder das durchschnittliche Bildungsniveau haben laut der Studie kaum Einfluss auf den Zuspruch.“
    Quelle:
    https://www.cicero.de/innenpolitik/diw-studie-afd-waehler-deutsches-institut-fuer-wirtschaftsforschung-berlin-alexander-kritikos

    Ein paar interessante Anmerkungen:

    a) Ich weiß, das in den Regionen um die Atomkraftwerke die Grünen unterdurchschnittlich abgeschnitten haben. Insbesondere auch in BW.

    b) An amerikanischen Universitäten mit „affermative action“ fühlen sich Minderheiten am meisten Unterdrückt. An den progressivsten Colleges werden die radikalsten Forderungen und Vorwürfe an die College-Leitungen und die Campus-Community gestellt.

    c) Bezüglich des afroamerikanischen Bevölkerungsanteils gilt es umgekehrt:
    In den Staaten und Regionen mit dem höchsten Anteil gibt es in der Tendenz die meisten Vorbehalte (unter Nicht-Afroamerikanern gegenüber Afroamerikanern).

    d) Korrelation ist keine Kausalität und falls es eine Kausalität gibt, so stellt sich die Frage nach der Richtung: hat A zu B geführt oder umgekehrt.

  • Martin 29. Juli 2018, 14:10

    Wie alle -ismuse ist auch der Feminismus keine homogene Bewegung, sondern setzt sich aus unzähligen, sich teilweise widersprechenden Strömungen zusammen.

    Von der Ermordung von 90 Prozent aller Männer, über deren Internierung in (Umerziehungs-)Lager bis zur Aberkennung deren Wahlrechts kann der Männerhass im Feminismus beliebig skaliert werden.

    Aber auch Frauen sollen laut mancher feministischer Stimmen an die Kandare genommen werden: Ob Frauen erlaubt werden soll, Sex gegen Bezahlung anzubieten, ob sie ein Kopftuch, oder aber zu freizügige Kleidung tragen dürfen, oder ob ihnen die Briefwahl erlaubt werden darf, wird von einigen Feministen verneint.

    Der Versuch, diese Widersprüche und dunklen Flecken durch Leugnung und Ignorieren zu übertünchen, indem man behauptet im Feminismus gebe es ja gar keinen Männerverachtung und DER Feminismus stehe doch nur für die Gleichberechtigung von Frau und Mann, sorgt letztlich dafür, dass diese Bewegung als Ganzes immer unglaubwürdiger wird und sich immer mehr Menschen – die für keinerlei Menschenverachtung etwas übrig haben – von ihm abwenden.

    Wenn man jeden, der Kritik an den obigen Punkten äußert, gleich als Antifeministen, Frauenfeind und Rechten brandmarkt, sorgt das nicht dafür, die eigene Position zu stärken, sondern macht nur Werbung für Rechts und treibt diesen weitere Anhänger zu.

    • Stefan Sasse 29. Juli 2018, 16:38

      Moment: es ging um MEINE Definition von Feminismus. Dass sich eine Menge Irrer (Valerie Solanas…) unter dem Label tummelt – unbestritten. Aber das gilt ja auch für jedes andere Label.

      • Martin 29. Juli 2018, 19:26

        Eben das schrieb ich ja: Die ganzen -ismuse sind einfach zu heterogen als das sie als Grundlage für eine gemeinsame Debatte dienen könnten.

        Man kann ganze Nächte in der studentischen WG-Küche verbringen und sich wunderbar über Kommunismus/Kapitalismus/Liberalismus/Feminismus streiten und dann ohne neue Erkenntnisse in die morgendliche Mittagsvorlesung aufbrechen.

        Mit Abschluss des Studiums ist damit aber Schluss, weil man spätestens zur Abschlussarbeit eingetrichtert bekommt, dass es eine „richtige“ Definition nicht gibt, sondern man am Anfang der Arbeit klar benennen soll, welche Definition eines Begriffes man nun im Rahmen dieser konkreten Arbeit verwenden möchte.

        Beenden wir diesen nostalgischen Exkurs und kommen zum eigentlichen Thema zurück:

        Wenn Du schreibst:
        „Dieses Vorurteil ist ja auch unter der Leserschaft hier einigermaßen verbreitet. Feminismus, das sind die Anderen, das ist der Feind, das sind die, die einem was wegnehmen wollen. Nichts könnte ferner von der Wahrheit liegen. Wir Männer profitieren massiv vom Feminismus, wenn wir es nur zulassen.“

        Von welchem Feminismus ist hier aber die Rede? Von Stefans? Von Antjes? Von dem des Lesers? Von welchem?

        „Gut“, könntest Du sagen, „mein Blog, meine Definitionen!“ Und ich würde Dir zustimmen, sofern Du nur Aussagen über eben diesen DEINEN Feminismus tätigst. Aber kannst Du diese Deine Definition zur Grundlage dafür hernehmen die Definitionen anderer als Vorurteile abzuwerten, wenn diese z.B. IHRE Definition von Feminismus aus der Lektüre der oben abgeführten „dunklen“ Stellen gewonnen haben?

        Ich schlage deswegen vor, auf solche missverständlichen Schlagworte zu verzichten (außer man schreibt explizit „der -ismus nach der Definition von …“, was aber mühsam werden dürfte [wenn auch lehrreich]) und statt dessen ganz konkrete Punkte anzusprechen („Abschaffen des § XYZ“, „dagegen angehen, dass Menschen glauben, dass alle A die Charaktereigenschaft B hätten“, „jeden Tag Q tun, um R zu ermöglichen“ usw.)

        • Stefan Sasse 29. Juli 2018, 20:29

          Gut, aber die Antwort kann ja nicht darin bestehen, einfach gar nicht mehr drüber zu reden, oder?

          • Martin 30. Juli 2018, 06:51

            Es gibt zwei Möglichkeiten:

            Zum einen können wir über konkrete Punkte sprechen.

            Reden wir z.B. über die Abschaffung der Wehrprlicht für Männer oder über deren Ausweitung auch auf Frauen. Dafür brauchen wir nicht den Begriff „Feminismus“ verwenden.

            Reden wir über geschlechtsunabhängige Gewaltschutzhäuser. Auch dafür müssen wir keinen Begriff „Feminismus“ bemühen.

            Reden wir über die geschlechtsspezifische Bildungs-, Berufs- und Gehaltschancen. Auch hier besteht keine Verwendung für einen -ismus-Begriff.

            Legen wir Zahlen auf den Tisch! Wägen wir sachbezogene Argumente gegeneindner ab! Verwenden wir Begriffe, über deren Bedeutung kaum Uneinigkeit besteht!

            Zum anderen können wir eine dogmentheoretische Begriffsdiskussion führen. Dann aber in dem Bewusstsein, dass ohne eine vorherige allgemein akzeptierte Einigung über die Begriffe, verschiedene Definitione aufeinander prallen.

            Da sind dann zwei Personen, die z.B. beide der Meinung sind, dass es keine geschlechtsspezifischen Gesetze oder sozialen Normen geben sollte und die beide der Überzeugung sind, dass intellektuellen und charakterlichen Fähigkeiten nicht geschlechtsabhängig sind und das alle Menschen ein Recht auf ein gewaltfreies Leben haben.

            Die eine hat jedoch Schriften von Feministen gelesen, die Feminismus mit den aufgezählten Werten verbinden, die andere Person las feministische Schriften, in denen von der (intellektuellen/moralischen) Überlegheit des einen Geschlechts über das andere gesprochen wird und die Gewalt gegenüber Menschen eines bestimmten Geschlechts als akzeptabel betrachtet.

            Die eine Person bezeichnet sich entsprechend als Feminist, während die andere sich als Feminismuskritiker (oder gar Antifeministen) bezeichnet.

            Beiden sehen daraufhin im jeweils anderen den Teufel persönlich, der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern (wieder)herstellen will und das eine Geschlecht (rechtlich oder moralisch) über das ander stellen will.

            Das mag unterhaltsam sein, aber was bewirkt das am Ende? Zwei Personen, die eigentlich die gleichen Werte teilen und gemeinsam dafür kämpfen sollten, dividieren sich auseinander. Und wer profitiert am Ende von diesem Streit?

            Genau jene, die die Werte vertreten, die von keinem unserer beiden ersten Personen geteilt werden. Die sammeln sogar noch die Menschen ein, die von den „echten Feministen“ als „Antifeministen“ und „Rechte“ beschimpt werden.

            „Kommt zu uns!“ sagen sie, „Auch wir kämpfen gegen den männerhassenden Feminismus (ignoriere einfach unser restliches Programm, das ist nicht so wichtig wie der Feminismuspunkt).“ Und das machen sie mit vielen Punkten, bei denen die Linke (aus Angst? aus Scham?) mit Ignoranz oder Verteufelung auf Kritik reagiert.

            Die linke Bewegung macht mit ihrem Begriffsfetischismus und der darauf folgenden „wer uns kritisiert ist Rechts“-Politik letztlich nur Werbung für die Rechten.

            „Du Kritisierst den Feminismus? Dann bist Du rechts!“ OK, wenn ihr das sagt…

            • Stefan Sasse 30. Juli 2018, 07:15

              Reden wir z.B. über die Abschaffung der Wehrprlicht für Männer oder über deren Ausweitung auch auf Frauen. Dafür brauchen wir nicht den Begriff „Feminismus“ verwenden.

              Reden wir über geschlechtsunabhängige Gewaltschutzhäuser. Auch dafür müssen wir keinen Begriff „Feminismus“ bemühen.

              Reden wir über die geschlechtsspezifische Bildungs-, Berufs- und Gehaltschancen. Auch hier besteht keine Verwendung für einen -ismus-Begriff.

              Legen wir Zahlen auf den Tisch! Wägen wir sachbezogene Argumente gegeneindner ab! Verwenden wir Begriffe, über deren Bedeutung kaum Uneinigkeit besteht!

              Es gibt keinen Grund, den Begriff hier nicht zu verwenden. Und die feministische Theorie hat ja durchaus einige Erkenntnisse, die für die ganze Debatte sehr erleuchtend sind. Deine Ablehnung des Begriffs und der Theorie scheint mir da eher dogmatischer Natur zu sein. Das möchte ich schon differenzierter gehandhabt sehen. Was die konkreten Diskussionsgegenstände angeht liegen wir glaube ich dagegen nah beieinander und streiten hauptsächlich über die Semantik.

              • Martin 30. Juli 2018, 09:08

                Ich lehne den Begriff nicht ab. Ich kann ihn auch gerne verwenden, nur verstehe ich unter ihm halt etwas anderes als Du.

                Ich betrachte die feministische Bewegung und Theorie in allen ihren mir bekannten schillernden Farben und da werde ich nicht nur die schönen heraustellen und die hässlichen ignorieren.

                D.h. gerade weil ich Gleichberechtigung, Vorurteilsfreiheit und freie Geschlechterrollenwahl befürworte, werde ich den Feminismus kritisieren, wenn er sich in Privilegierung, Klischees und Zwang äußert.

                Und ich werde – wie in diesem Kommentarstrang – gegen Beschönigungen dieser Theorie (und deren Praxis) anschreiben.

                Aber mal was versöhnlicheres zum Abschluss: Kennst Du das Buch
                „Die geschützten Männer“ von Robert Merle?
                Darüber könnte man auch einmal eine literarische Besprechung halten.

    • bevanite 30. Juli 2018, 14:59

      Klar gibt es diese verschiedenen Richtungen im Feminismus und die gab’s auch schon mindestens seit dem frühen 20. Jahrhundert. Eben aus dem Grund finde ich, dass man es nicht unnötig kompliziert machen muss und man einfach den kleinsten gemeinsamen Nenner als Definitionsgrundlage nimmt: und der ist seit den Tagen von Mary Wollstonecroft oder Olympe de Gouges: Gleichberechtigung von Mann und Frau. Darauf können sich von den liberalen bis zu den radikalen FeministInnen alle einigen.

      • Stefan Sasse 30. Juli 2018, 17:06

        Jetzt bin ich verwirrt. Wo liegt denn nun das Problem mit meiner Position?

        • Martin 31. Juli 2018, 06:19

          Was verwirrt Dich? bevanite vertritt Deine Position und ich vertrete eine andere. Was ist daran verwirrend, dass verschiedene Kommentatoren verschiedene Meinungen haben?

          • Stefan Sasse 31. Juli 2018, 06:44

            Man sollte auf den Namen schauen wenn man einen Kommentar beantwortet ^^ Mein Fehler.

            • Martin 31. Juli 2018, 06:57

              Das hatte ich schon vermutet 😉

      • Martin 31. Juli 2018, 08:39

        Nur zum besseren Verständnis:

        Du subsumierst geschlechtsspezifische Internierung oder geschlechtsspezifische Bekleidungsvorschriften unter „Gleichberechtigung von Mann und Frau“?

        Das ist doch einmal eine klare Aussage darüber, was der Feminismus unter „Gleichberechtigung“ versteht.

        Dass sich auf diese Definition „von den liberalen bis zu den radikalen FeministInnen alle einigen,“ glaube ich gerne.

        Ich gestehe, dass sich – im Gegensatz dazu – meine Definition von „Gleichberechtigung“ sehr naive an der Bedeutung von „gleich“ und „berechtigt“ orientiert.

        • bevanite 31. Juli 2018, 16:27

          Du subsumierst geschlechtsspezifische Internierung oder geschlechtsspezifische Bekleidungsvorschriften unter „Gleichberechtigung von Mann und Frau“?

          Höh? Wie kommst Du zu dieser Aussage? Stehe da gerade ernsthaft auf dem Schlauch.

          • Martin 1. August 2018, 07:07

            Guten Morgen bevanite,

            gerne möchte ich Dir meine Überlegungen nachzeichnen:

            Ich schrieb am 29.Juli, um 14:10, dass der Feminismus eine heterogene Bewegung sei, die sich aus mehreren verschiedenen Strömungen zusammensetze.

            Dabei zählte ich einige dieser Strömungen auf, wie z.B. jene um Julie Bindel, die über Männer schreibt:

            „I would actually put them all in some kind of camp […] Women who want to see their sons or male loved ones would be able to go and visit, or take them out like a library book, and then bring them back.“ [1]

            Ich gebe zu, ich sprach in meinem Kommentar nur über die Internierung in Lager und hatte noch keine Quellen genannt – aber ich meine „Internierung“ und „Lager“ ist auch schon eindeutig.

            Am 30. Juli, um 14:59 antwortetest Du auf mein Kommentar und bestätigtest mir, „klar gibt es diese verschiedenen Richtungen im Feminismus.“

            Da sind wir uns also einig.

            Damit schlossest Du aber auch die von mir exemplarisch ausgewählten Richtungen mit ein. Du forderstest weiterhin, die Sache nicht „unnötig kompliziert“ zu machen und „man einfach den kleinsten gemeinsamen Nenner als Definitionsgrundlage“ nehmen solle – also auch für jene von mir angeführten Strömungen.

            Dieser gemeinsame Nenner sei „Gleichberechtigung von Mann und Frau. Darauf können sich von den liberalen bis zu den radikalen FeministInnen alle einigen.“

            Eine solche radikale Feministin habe ich oben zitiert. Laut Deiner Aussage fußt auch ihr Feminismus auf der „Gleichberechtigung von Mann und Frau.“

            Gleichberechtigung ist demnach, wenn Männer in Lager interniert werden und dort von Frauen ausgeliehen werden können „like a library book.“

            Was glaubst Du? Sollte ich mich bei solchen Aussagen lieber als Feminist oder als Antifeminist bezeichnen?

            [1] http://www.radfemcollective.org/news/2015/9/7/an-interview-with-julie-bindel

            • Stefan Sasse 1. August 2018, 11:22

              Feminist. Einige Spinner diskreditieren nicht die ganze Bewegung.

              • Stefan Pietsch 1. August 2018, 11:27

                Nimm mal die Vorreiterin des deutschen Feminismus, Alice Schwarzer. Findest Du, dass das Kennzeichen von Schwarzers politischem Engagement die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist, dass Emma, ihr Lebenswerk, für Gleichberechtigung steht? Oder nicht eher für eine sehr spezifische Sicht von Frauen auf die Welt?

                • Stefan Sasse 1. August 2018, 18:30

                  Alice Schwarzer ist ein Fossil. Nein, ich finde das nicht, und sie ist auch nicht repräsentativ für den modernen Feminismus. Dass Leute ständig glauben sie zu allem befragen zu müssen ist eher Ausdruck von Bequemlichkeit.

                  • Stefan Pietsch 1. August 2018, 22:17

                    Also, Deine Argumentation verstehe ich nicht so richtig. Erst behauptest Du, Feminismus wäre nichts anderes als dem Erfordernis des Grundgesetzes und der UN-Menschenrechtskonvention Geltung zu verschaffen, wonach Männer und Frauen gleiche Rechte haben. Auf den ersten Vorhalt einer prominenten Feministin bügelst Du noch ab, Spinner gäbe es immer. Die deutsche Ikone der Frauenbewegung lässt Du auch nicht gelten, wir können noch einige führende Protagonistinnen benennen.

                    Wahrscheinlich sind Dir auch Leute wie die Journalistin Elissa Strauss suspekt, die die Sängerin Adele anpappte, weil diese Mutterschaft einer Musikerkarriere vorzog. Auch die Schauspielerin wurde schon mit ihrem feministischen Zorn überzogen. Selbst schreibt sie auf ihrer Homepage:

                    I’m a journalist and essayist who writes about women’s issues, primarily the politics and culture of parenthood. (Not parenting; I have no idea how you should be raising your children.)

                    Solche Menschen mag man, keine Ahnung, aber darüber schreiben.

                    Oder nehmen wir Simone de Beauvoir, die sich mit dem „anderen Geschlecht“ beschäftigte. „Sie wird immer in Abhängigkeit vom Mann definiert. Deshalb hat sie mit stärkeren Konflikten zu kämpfen als der Mann. Wenn sie ihrer „Weiblichkeit“ gerecht werden will, muss sie sich mit einer passiven Rolle begnügen, dies steht aber ihrem Wunsch entgegen, sich als freies Subjekt durch Aktivität selbst zu entwerfen.“ (Wikipedia) Auch zu Akt und Pornographie hatte sie wie Alice Schwarzer ein eher reaktionäres Verhältnis.

                    Ein Wesenszug des klassischen Feminismus ist eine signifikante Lustfeindlichkeit, weil Lust, wie diese Feministinnen es verstanden, vom Mann definiert ist.

                    Aber was das alles mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau zu tun hat, nun, das verstehe ich wahrlich nicht.

                    • Stefan Sasse 2. August 2018, 06:51

                      Du machst den Fehler, den Feminismus auf einige wenige Strömungen einzudampfen. Ja, diese Leute gibt es. Alles was du beschreibst ist korrekt. Aber du hast halt auch eine Masse von anderen Leuten, und für die meisten, die sich als Anhänger definieren, spielen die theroetisierten Spielarten eh keine große Rolle. Denk analog an den Liberalismus: wie viele verschiedene Denker hat der hervorgebracht? Wie viele Richtungen? „Den“ Liberalismus gibt es auch nicht, nur einige wenige Grundprinzipien, und ich kann dir auch immer einen Trottel aus einem Elfenbeinturm finden, der irgendwelche haarsträubenden Ideen ausgepackt hat. Aber die meisten Menschen, die sich als „liberal“ definieren, haben damit wenig zu tun. Das fängt ja schon damit an, dass du und ich sich beide als liberal sehen! Und wir ticken wahrlich nicht gleich. Beim Feminismus ist das das Gleiche. Ich definiere mich als feministisch, aber mit Schwarzer, Solanas und Co will ich nichts zu tun haben. Ist das so unverständlich?

                    • Stefan Pietsch 2. August 2018, 08:54

                      Ich betrachte eine Weltanschauung von ihrer Grundhaltung. Diese wird immer von Menschen transportiert. So lasse ich ja auch nicht gelten, dass der Kommunismus an sich eine prima Idee gewesen sei, halt nur falsch umgesetzt. Es ist keine prima Idee, wenn etwas immer gegen den Sinn des Erfinders schief geht.

                      Die Grundhaltung des Liberalismus beruht auf der Individualität des Menschen. In diesem Sinne bist weder Du noch ich durchgängig als liberal zu bezeichnen, nur in der Mehrheit unserer Auffassungen. Das gilt für die meisten, sie haben in ihrer Haltung Elemente des Liberalismus wie des Konservatismus als auch des Sozialismus.

                      Die Forderung nach der Gleichberechtigung von Mann und Frau hat inzwischen so etwas von Allgemeingültigkeit, dass sich daraus in westlichen Gesellschaften keine Geisteshaltung mehr ableiten lässt. Und ich ziehe es daher vor, mich eher als grundgesetztreu zu bezeichnen denn als Feminist. Zumal der klassische Feminismus weitere Forderungen daraus ableitet, eine hattest Du zuvor erwähnt. So möchten manche das Prinzip gelten lassen, Frauen so lange zu bevorzugen, bis die gewünschte Gleichheit (!) hergestellt sei. Das ist jedoch ein deutlicher Gegensatz und so nicht durch das Grundgesetz gedeckt. Ein Arbeitgeber darf zwar aus verschiedenen Gründen bestimmte Menschen (auch nach Geschlechtern) bevorzugen, er darf dies nur nicht systematisch tun.

                      Theorien bauen auf der Wirklichkeit auf wie wir sie vorfinden und sollen Systematiken beschreiben. Eigentlich stellen Theorien auch keine politischen Forderungen auf. Wenn wir jedoch auf die Ebene der Aktivisten gehen, müssen wir uns die führenden Köpfe ansehen. Und am Ende ist zu deren Beurteilung entscheidend, wie die Gesellschaft diese sieht und nicht, welchen Teil man für sich selbst als akzeptabel ansieht.

                    • Stefan Sasse 2. August 2018, 13:29

                      Ich könnte grundsätzlich auch „liberal“ mit gesetzestreu übersetzen, wenn ich so wöllte. Unsere Diskussionen zu dem Thema haben glaube ich hinreichend gezeigt, dass wir unter „Gleichberechtigung“ sehr unterschiedliche Dinge verstehen. Ich spreche dir deine Gesetzestreue nicht ab, aber ein Feminist bist du sicher nicht.

                  • Stefan Pietsch 1. August 2018, 22:18

                    Die Schauspielerin Natalie Portman war gemeint.

              • Martin 3. August 2018, 06:22

                Da Du Feminismus positiv konnotierst, bedanke ich mich für das Kompliment. Außerhalb dieses Blocks würde ich mich jedoch nicht mit diesem Begriff belasten wollen.

                Denn auch Abseits dieser „Spinner“ treten Feministen in der Öffentlichkeit (und damit meine ich etablierte journalistische Produkte und auch politische Parteien) überwiegend mit Thesen, Ausdrücken und auch praktischen Handlungen auf, mit denen ich mich nicht gemein machen möchte.

                Dieser „veröffentlichte Feminismus“ erscheint mir meist sehr konservativ, restriktiv, vorurteilsbehaftet und empathielos.

                Da Du aber sehr wahrscheinlich weitere Beispiele mit weiteren Ausflüge nach Schottland beantworten würdests, werde ich mich dann eben bei dem Thema eher an Deine Aussagen halten, bzw. vielleicht noch an jene der von Dir ausgewählten und positiv bedachten Autoren.

                Und das bei der Hitze…

                Schönes Wochenende

                • Stefan Sasse 3. August 2018, 07:08

                  Ich stimme dir durchaus zu dass der „offizielle Feminismus“ in Deutschland oftmals weird ist. In den USA sieht das allerdings schon anders aus. Und diese NEigung zu extremen Thesen hast du ja überall, weil nur das Aufmerksamkeit bringt. Ich meine denk mal dran wie manche Wirtschaftsprofessoren auftreten, damit sie in die Zeitung kommen…

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