Gastbeitrag: Twittergewitter: Hashtag #Ichgebeab

Ein Gastbeitrag von Almut Schnerring

Seit 2 Tagen explodiert mein Twitter-Account, der Mitteilungszähler steht ständig auf 99+ und das ist toll, auch wenn ich gar nicht mehr hinterherkomme, zu lesen und zu antworten. Einer meiner Tweets hat ganz viele angesprochen, und es ist sehr rührend-traurig-bewegend, was Leute erzählen (unter den Hashtags #ichgebeab und #ichgebab), über Kinder, über sich selbst, über Momente aus der Rosa-Hellblau-Falle. Auslöser waren diese Zeilen, die ich kurz vorm Schlafengehen abschickte:

„Also mich nerven alte Rollenbilder nicht, ich backe eben gerne. Und wenn ihr ständig Rollenklischees kritisiert, dann schränkt ihr ja mich ein, denn jetzt muss ich mich immer verteidigen“ – Ich gebe ab an den Achtjährigen, der sich nicht mehr zum Ballett traut.

und ich habe noch 5 Tweets angehängt:

… Ich gebe ab an den 12Jährigen, der seine pinken Turnschuhe nicht mehr in die Schule anziehen mag.

…Ich gebe ab an die 10Jährige, die eine 1 in Mathe hat, aber Jungen generell für begabter hält in Mathe.

… und ich gebe vor allem ab an die vielen Jungen im KiTa-Alter, die keine Puppe zu Weihnachten bekommen, weil das doch eher was für Meeedchen ist!

… ich gebe ab an die 9jährige, die nicht mit raus zum Fußballspielen darf, weil die Klasse heute geteilt wird und die Mädchen alle in der Halle bleiben, um zu turnen.

Was hinter dem Ausgangstweet steht

Einer meiner ersten Vorträge, den ich gehalten hatte, nachdem unser Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“ erschienen war, ging fürchterlich in die Hosen. Ich hielt ihn innerhalb einer Konferenz der Leiter*innen der städtischen Kindertageseinreichtungen. Eine ganze Runde Erzieher*innen also, für die mein Thema hoch interessant sein müsste, denn Geschlechterrollen mit Kindern zu diskutieren und die eigenen Rollenklischees zu reflektieren ist in den Bildungsplänen aller Länder gesetzlich verankert und ich wusste da noch so ein paar Gründe, warum mein Thema perfekt zu dieser Zielgruppe passt.

Ich hatte mich deshalb auf den Termin gefreut, war gut vorbereitet und auch für die Diskussion danach gewappnet, bei der ich Einwände erwartete zum Thema Steinzeit, Testosteron, verdrahtetes Gehirn, Gene… etc. Doch nichts von alldem kam. Stattdessen waren fünf von den rund 40 ErzieherInnen zu dem Schluss gekommen, dass das bei mir was Persönliches sein müsse. Meine wissenschaftlichen Belege, darunter auch Studien aus Kindertagesstätten, wischten sie weg und erklärten mir vor versammelter Runde, abwechselnd aus fünf Richtungen, dass in IHRER Kita keinerlei Klischees an Kinder weitergereicht würden, BEI UNS haben die Kinder freie Wahl, „aber Jungs spielen nun mal lieber in der Bauecke“. Sie erzählten mir, wie toll alles bei ihnen liefe, und dass ich mir da was einrede. Ihre Reaktionen waren so abweisend und so wenig an Dialog interessiert, dass sonst niemand mehr etwas sagte. Mein Versuch, jene ins Gespräch zu holen, die ich kannte und von denen ich wusste, dass sie mir zustimmten, scheiterte. Eine meinte sogar, ich hätte da wohl persönlich einfach Pech gehabt, und blöde Situationen erlebt, die mich die Welt so sehen ließen. Aber tatsächlich sei doch alles bestens, „Heute sind wir längst weiter“ und was ich eigentlich von ihnen hier wolle.

Die RosaHellblauFalle stellt das eigene Weltbild infrage

Im Nachhinein und nach vielen weiteren Vorträgen und Gesprächen mit Menschen anderer Berufsgruppen aber auch mit Erzieher*innen, weiß ich inzwischen besser, wie sehr sich Menschen durch dieses Thema angegriffen fühlen, dass viele es aus Selbstschutz weit von sich weisen, und dass die Herangehensweise und der Einstieg ins Gespräch gar nicht überschätzt werden kann. Es stellt schließlich das eigene Weltbild komplett infrage, und oft fehlt im beruflichen Alltag einfach die Kraft und die Zeit (z.B. bei Erzieherinnen), oder der Leidensdruck (z.B. bei Männern), um es an sich heranzulassen.

Ich kann damit leben, wenn Erwachsene sagen: „Mir geht’s aber gut, ich fühle mich nicht diskriminiert, im Job läufts prima und meine Partnerschaft ist gleichberechtigt.“ Aber bei jeder Form von Diskriminierung gilt:

Die Tatsache, dass es Dich nicht betrifft, heißt nicht, dass das Problem nicht existiert.

Und bei der Rosa-Hellblau-Falle geht es um die nächste Generation, es geht um Kinder, und die betrifft es definitiv. Und zwar vor allem jene, in deren Umfeld Erwachsene glauben, sie könnten Kinder gleich behandeln und dieses „Genderzeug“ (in dem Kontext gern mit g gesprochen;) sei sowieso Quatsch, schließlich hätte die Welt größere Probleme.
Deshalb finde ich das Sich-um-sich-selbst-Drehen mancher Erwachsener in diesem Kontext schwierig. Womit wir beim Ausgangspunkt wären. Wenn Erwachsene nach Vorträgen oder in Kommentaren im Internet gegen unsere Arbeit argumentieren: „Mir geht’s aber gut, ich habe kein Problem mit Rollenklischees, es ist doch schön, dass Männer und Frauen sich unterscheiden! Ihr seid das Problem!“, dann argumentiere ich längst nicht mehr mit Studien und Zahlen. Sondern ich erzähle von Kindern. Und wenn ich das nicht selbst tue (denn wer weiß, vielleicht habe ich ja nur einfach Pech ¯\_(ツ)_/¯ ), und stattdessen andere erzählen lasse, dann ist damit in der Regel alles gesagt. Und wenn ich heute nochmal mit den ErzieherInnen der Leitungskonferenz sprechen könnte, würde ich ihnen vorneweg erstmal Eure Tweets zeigen und mit ihnen darüber diskutieren.

Herzliches Danke!

Einen ganz herzlichen Dank also an alle, die unter #ichgebeab erzählen und Kinder mit in den Blick nehmen bei der Diskussion um die Frage „Sind wir denn heute nicht längst weiter?“ Denn auch ich würde sagen: Jein 😉

Viele Grüße aus der #RosaHellblauFalle

von Almut

—–

Sascha Verlan und Almut Schnerring bieten bundesweit Vorträge und Fortbildungen rund um die Rosa-Hellblau-Falle, über Rollenstereotype in Familie und Beruf und wie man ihnen entkommt.

 

 

{ 13 comments… add one }
  • Logos 11. Dezember 2017, 09:26

    Für mich mangelt es noch an in sofern an Grundlage für eine Diskussion, dass mir Ihr Standpunkt in Bezug auf „gender“ nicht klar ist: Was sind denn Ihre diesbzgl Überzeugungen? Bitte beantworten Sie doch:

    1)
    Gibt es Ihrer Ansicht nach prinzipielle Unterschiede zwischen Männern und Frauen jenseits von„antrainiertem“ oder „anerzogenem“ Rollenverhalten – also biologische Ursachen?

    2)
    Teilen Sie Jutith Butlers Auffassung, dass Geschlechter nur ein Konstrukt sind?

    3)
    Was halten Sie von der These, dass das Wissen um das eigene Geschlecht identitätsstiftend ist – insbesondere bei Kindern – und gerade Kinder in ihrer seelischen Entwicklung mitunter beeinträchtigt werden, wenn diesen gesagt wird, dass sie weder Junge noch Mädchen sind?

    Danke

    • Stefan Sasse 11. Dezember 2017, 12:40

      Ich bin zwar nicht die Autorin, aber ich antworte trotzdem auf die Fragen:
      1) Ich nehme an, du meinst Verhaltensunterschiede. Einige Stimmungsschwankungen sind hormonell bedingt, vor allem in der Schwangerschaft und zumindest bei manchen in der Menstruationsperiode, aber ansonsten nein.
      2) Abseits der klar identifizierbaren biologischen Unterschiede ja.
      3) Ich verstehe nicht, wie man auf diese Art mit Kindern reden würde. Ein biologisches Geschlecht haben sie ja eindeutig, das kann man ja auch problemlos thematisieren. Das biologische Geschlecht mit dem sozialen gleichzusetzen ist ja das Problem.

      • Logos 11. Dezember 2017, 16:08

        zu 1) Es ging nicht um Stimmungsschwankungen, sondern Verhaltensunterschiede, die sich genrell (von einzelenen Ausreißern abgesehen) zwischen den Geschlechtern beobachten lassen.

        zu 2) Butler hält auch das biologische Geschlecht für ein Konstrukt.

        zu 3) Ich verstehe das auch nicht. Aber Gender-Ideologie-Fundamentalisten auf dem Tipp ala Butler machen und fordern dass.

        Konkret an Sie, Herr Sasse:
        a)
        wenn die abseits klar identifizierbarer biologischer Unterschiede die Ansichten Bulters teilen, sind dann auch Sie der Ansicht, dass Geschlechterrollen ausschießlich eine Frage der Sozialisation sind?
        b)
        So dass man einen Jungen, der im Alter von 6 Monaten aufgrund eines Unfalls bei der Beschneidung zum „Mädchen umoperiert“ wurde, sich durch entsprechende Sozialisation und Erziehung problemlos zum Mädchen umerziehen lässt?

        • Stefan Sasse 11. Dezember 2017, 18:03

          1) Was meinst du konkret?
          2) Kenne ihre Argumentation nicht genau. Ich gehe davon aus dass biologische Geschlechter selbstverständlich existieren.
          3)
          a) Ja
          b) Ich kenn die Story.

          • Logos 11. Dezember 2017, 18:16

            zu b) „Story“?
            Wie menschenverachtend!
            Zutiefst angewidert.
            Wundert mich aber bei Gender-Ideologie-Extremisten nicht.

        • bevanite 12. Dezember 2017, 17:51

          Logos, was ist denn in Sie gefahren? Ich hatte Sie eher auf der politischen Linken verortet. Denken Sie nicht, dass dieses Beatrix von Storch-Niveau eigentlich nicht unter dem Ihrigen liegen dürfte?

          • Stefan Sasse 13. Dezember 2017, 08:01

            Das liegt daran, dass „links-rechts“ nicht taugt. Ich hatte das schon mal beschrieben. Es ist „offen vs. geschlossen“. Und Logos ist geschlossen.

            • Logos 13. Dezember 2017, 12:29

              Zwar ist korrekt, dass „links-rechts“ nichts (/kaum noch was) taugt, dennoch ist das nichts ansatzweise eine korrekte Antwort auf die Frage. Insbesondere bedeutet es nicht, dass ihre eindimensionale und damit gröbstens verkürzende Kategorisierung auch nur einen Hauch mehr taugt.

              Dass sie mir sachlich komplett verfehlt „geschlossen“ unterstellen (denn stichhaltig beweisen können sie das mangels Fakten niemals) zeugt doch nur von ihrem ebensolchen „Verstand“.

              Ausgerechnet ein Zensor Ihres Schlages, der hier ständig nicht-zensurwürdige Kommentare löscht (was mir wesensfremd ist) – wie auch diesen Kommentar- und auch hier wieder seine Schubladendenke outet, wirft mir „geschlossen“ vor?
              Das ist doch Projektion par exzellence!

          • Logos 13. Dezember 2017, 08:10

            @bevanite
            „in mich gefahren?“ Gar nichts. Außer evtl einen akuten Widerwillen gegen eine gesellschaftszerstörende Ideologie. Womit diesmal ausnahmsweise nicht der Neoliberalismus gemeint ist.
            Ansonsten werde ich von einem kritischen, logisch-analytischen Verstand und das Bemühen um Wahrheitssuche und Erkenntnisgewinn geleitet – wie immer!
            Was ist denn in Sie gefahren? Ich hatte Sie eher auf der Seite der Vernunft verortet. Denken Sie nicht, dass dieses Subniveau einer groben Beleidigung (als solche fasse ich ihren impliziten Vorwurf auf) und substanzlosen Unterstellung eigentlich unter dem Ihrigen liegen dürfte?

            Jenseits der Spiegelung in der Sache:
            1) Storch stellt keine um Erkenntnisgewinn bemühten Fragen, sondern posaunt dumme und mitunter menschenverachtende, rechtsextreme Dogmen hinaus.
            2) Storch ist mutmaßlich zu dumm, um überhaupt den Sinn meiner Fragen zu erfassen. Womit sie aber offensichtlich nicht allein zu sein scheint.
            3) Storch dürfte keinen blassen Schimmer vom sachlichen Hintergrund meiner Fragen besitzen.
            4) Storch ist „Galionsfigur“ der AfD. Wenn es eine Partei gibt, die ich für noch widerwärtiger als die FDP halte, dann ist es die AfD.

            In wiefern genau glauben Sie also in meinen Fragen „Storch-Niveau“ erkennen zu können? Bitte im Detail den Nachweis. Danke.

            Und warum haben Sie Ihre Frage bzgl. Subniveau nicht an Sasse gerichtet, wo diese angebracht wäre? Denn schließlich hat dieser mit der implizit verächtlichen Titulierung „Story“ für ein reales Drama, welches im Tod von zwei Menschen mündete, eine Menschenverachtung zum Ausdruck gebracht, die mich mit tiefstem Ekel erfüllt.

            Bin gespannt ob ich auch nur ansatzweise eine Antwort erhalte, die an mein hier gezeigtes Niveau anknüpfen kann.

  • Ariane 11. Dezember 2017, 13:49

    Danke für den Artikel erstmal 🙂

    Meinem Gefühl nach wird die Rosa/Hellblau-Sache eher schlimmer als besser. Wollte neulich ein Babygeschenk für meinen Hausmeister einkaufen und war am Verzweifeln, weil ich das Geschlecht nicht wusste und es wirklich nicht einfach ist, etwas neutrales zu finden.
    Und ist immer schwer zu beurteilen, aber in meiner Kindheit gab es natürlich auch typische Jungs- oder Mädchensache, aber das scheint mir im Rückblick noch kompatibler zu sein. Da stand bei Lego Stadt halt das Restaurant zwischen der Polizeistation und dem Ponyhof, mittlerweile gibt es da ja auch Legoreihen für Mädchen, die ganz andere Sachen und Figuren haben.

    Und das führt meiner Meinung nach auch dazu, dass diese Mauer zwischen rosa und hellblau eher größer wird. Mir ist selbst schon mal aufgefallen, dass es wirklich ständiger Aufmerksamkeit bedarf, eben keinen blöden Witz darüber zu machen, wenn mein Stiefbruder gerade einen (Turn)Schuhtick entwickelt oder als Kleinkind rosa total toll fand. Vieles ist mittlerweile so sehr normale Realität, dass es schwierig ist, andere Wege zu gehen.

    • Stefan Sasse 11. Dezember 2017, 17:57

      Es ist praktisch unmöglich. Wir rennen jedes Mal in eine Wand, für unsere Kids halbwegs neutrale Sachen zu finden. Für Mädchen noch wesentlich schlimmer als für Jungs. Zum heulen.

  • Floor Acita 13. Dezember 2017, 16:27

    Zu analysieren was genau zu individuellen Verhaltensweisen führt ist mühsam, zu versuchen gezielt zu beeinflussen oder auch nur Beeinflussung zu unterlassen noch mühsamer wenn nicht annähernd unmöglich. Ich finde die Diskussion wichtig, bin aber selbst unsicher was hier die Aufgabe ist, bzw ob es überhaupt möglich ist.

    Würde die Frage so gestellt, zahlreiche weitere Fragen täten sich unmittelbar auf:
    Ist die Wahl einer Frau als Prostituierte zu arbeiten ein Resultat patriarchaler Gesellschaftsstrukturen oder gerade Ausdruck ihrer selbstbewussten Wahl einzig selbst über ihren Körper zu entscheiden? Ist die Selbstdarstellung einer Frau auf Instagram Wasser auf die Mühlen einer Industrie die durch die Erzeugung von Minderwertigkeitskomplexen das Selbstbewusstsein von Frauen unterläuft um Profit daraus zu schlagen, oder gerade eine „body positive“ selbstbewusste Antwort darauf? Ist Emma Watson eine „schlechte Feministin“ weil sie sich in erotischen Posen ablichten lässt oder gerade eine Feministin die ihre eigenen Entscheidungen trifft und sich nicht in zu erwartende Rollenklischees pressen lässt?

    Selbst wenn ich diese Fragen alle klar beantworten kann, es ist klar, dass sich zahlreiche andere anschließen, die nicht klar beantwortet werden können. Individuelle Erfahrungen, genetische Disposition, Rassismus, Sexismus, Religion, Familienverhältnisse, die sich autonom seit dem Urknall ablaufenden, sich gegenseitig beeinflussenden Veränderungen der Materie, ihrer Energiezustände und Energie selbst – alles beeinflusst unser Verhalten.

    Wieso handelt mein Kind so wie es handelt? Darum geht es doch letztendlich gar nicht 🙂 Der Artikel, der Hashtag und ähnliche Debatten berichten doch eigentlich von einem völlig anderen Phänomen. Es geht schlicht um die Frage eine (liberale) Umgebung/Kultur zu schaffen, die es jedem Individuum erlaubt sich so zu verhalten wie er/sie es für richtig halten. Zu sagen etwas sei ein absolutes Rand-/Minderheiten-Phänomen oder „das ist halt biologisch/genetisch“ bedingt/wird sich also nie ändern, ist eine fast schon anmaßende Reaktion auf die Tatsache dass Menschen und hier in den erwähnten Fällen Kinder getadelt / gehänselt / gemobbt / kritisiert werden für Entscheidungen die letztendlich nur sie selbst und/oder Menschen betreffen die in deren Entscheidungen eingewilligt haben und auch dazu in der Lage sind. Der Verweis auf biologische Unterschiede hat die Bedeutung der Feststellung Asiaten seien im Schnitt x cm kleiner als Europäer – die Unterschiede innerhalb dieser beiden Gruppen sind wesentlich signifikanter. Auch ist es unmöglich festzustellen wie sich die Gesellschaft und Gruppen innerhalb der Gesellschaft auch nur quantitativ entwickeln solange ich nicht bereit bin repressive Ansätze aufzugeben.

    Frauen haben unterschiedliche Haarlängen, Make-up, Kleidungsstile etc. Männer haben einen Bart oder nicht, benutzen After Shave und Eau de Cologne, geben sich mal betont leger, mal gerne im feinen Zwirn. Wieso sollen diese und etliche weitere Unterschiede zwischen Männern und Frauen OK sein, aber wenn auf einmal ein Mann ein Kleid trägt, Rouge benutzt oder seine Wohnung gerne vornehmlich in rosa gestaltet ist es „strange“. Bestimmte Selbstpräsentationen von Frauen wirken da sogar manchmal weiter – Hose kein Problem mehr, Kurzhaarfrisur etc. – kommt dazu aber eine Vorliebe für Motoren, ein lässiges, selbstbewusstes Auftreten, ein Anstreben einer Machtposition, „zu laut“ zu sein etc. kann es sehr schnell sehr anders aussehen – hier kann dann sogar das „getadelt / gehänselt / gemobbt / kritisiert werden“ sogar in Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit, einer Vergewaltigung, dem Verlust des Jobs oder gar Mord umschlagen.

    Darum geht es bei dieser Debatte – geben wir jedem Individuum in dieser Gesellschaft wirklich Freiräume um sich seiner eigenen Entscheidungen entsprechend zu entwickeln/entfalten oder stülpen wir unsere Erwartungshaltungen an Verhaltensweisen in Abhängigkeit hier vom biologischen Geschlecht (oder auch nur dem Aussehen nach einem biologischen Geschlecht zugeordnet [Intersexualität, bereits einer OP/hormoneller Behandlung unterzogener Person etc.] über das Individuum, beeinflussen, nötigen oder gar bedrohen es unseren Erwartungen zu entsprechen oder entweder aus unserer Gesellschaft ausgestoßen zu werden oder eben sogar schlimmeres? Im Übrigen ist das Thema rosa-hellblau natürlich von besonderer Bedeutung, aber ähnliche Phänomene gibt es auch im Bezug auf Ethnie, „Kulturkreise“, Hautfarbe oder Nationalität. Ursprung ist oft, aber nicht ausschließlich, die eigene Vermischung von religiöser und kultureller Identität mit der Identität als Staatsbürger – ganz konkret im Westen, in Deutschland christlich-patriarchale Denkmuster.

    Um diese Fragen geht es und nicht um die Abstraktion eines „sind auch biologische Einflüsse für die Entwicklung von Geschlechtern relevant“ oder einer ganz konkreten Theorie einer einzelnen (warum genau von irgendwelcher Bedeutung?) Person wie Judith Butler (von der ich ehrlich gesagt noch nie etwas gehört habe und auch nicht weiß warum ich mich damit beschäftigen sollte oder warum meine Haltung zu ihrer Theorie auch nur in geringster Hinsicht von Belang sein sollte?).

    Ich will auch noch anmerken, dass mir ein anekdotisches Beispiel (und im allgemeinen bin ich denen nicht von Grund auf abgeneigt/weiß warum sie gebraucht werden/akzeptiere sie bis zu einem gewissen Grad) nicht gerade Vertrauen in die Position einer Person oder Gruppe schafft, wenn es das einzige bleibt, dass über Monate oder gar Jahre von völlig unterschiedlichen Menschen rund um den Globus verwandt wird. Offensichtlich ist die Faktenlage etwas dünn, wenn man immer wieder auf ein und das selbe Ereignis zurückgreifen muss. Das gilt für die Demonstration auf denen schwarze Demonstranten (zusammen mit den sie begleitenden Cops und deren Zustimmung sarkastisch-ironisch-komödiantisch verzerrt – was alles auch oft „vergessen“ wird) „Pigs – fry ‚em like Bacon“ skandiert haben genauso wie für die eines „Jungen, der im Alter von 6 Monaten aufgrund eines Unfalls bei der Beschneidung zum „Mädchen umoperiert“ wurde“. Dann auch noch einen skandal-geschockt-moralischen Herzinfarkt zu bekommen aufgrund der Bezeichnung der Geschichte (engl. story) als story („menschenverachtend“ really, you had to go there?) ist schon so weit over the top, ich kann mit bloßem Auge die ISS sehen…

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