Die wahre Liebe und die Politik

In der Liebe lässt sich seit einiger Zeit ein interessantes Paradox besichtigen: obwohl sich die ungezwungene Liebesheirat nahezu überall und komplett durchgesetzt hat, erklimmen die  Trennungsraten immer neue Höhen. Wer daraus jetzt den Schluss zieht, dass arrangierte Ehen mehr Glück und Stabilität verheißen, liegt natürlich falsch. Die Gründe liegen vielmehr in einer veränderten Erwartungshaltung: Wer auf der Suche nach der einzigen, echten und wahren Liebe ist, mit der er für immer und ewig glücklich zusammen lebt, erhöht die Trennungswahrscheinlichkeit oder bleibt von vornherein einsam.

Auch rund um die Politik gibt es schon lange romantisierende Vorstellungen und mittlerweile ist ernsthaft zu befürchten, dass diese zu einer Verunmöglichung des normalen Politikgeschäfts führen könnten.

Die Idealvorstellung von Politik sieht in den Augen vieler so aus, dass an einem Ort – also dem Parlament – viele unvoreingenommene Politiker zusammentreten und dort auf sachliche und vernünftige Art und Weise Argumente austauschen und die anderen überzeugen. Der unvoreingenommene Abgeordnete entscheidet dann rein nach Gewissen, welches Argument ihn am meisten überzeugt hat und so setzt sich automatisch die beste Lösung durch – sowohl beim Grundgesetz als auch der Fleischerverordnung §63.a.

Mit der Wirklichkeit hat dies nur sehr wenig zu tun. Hauptsächlich weil es im Leben ohnehin wenige Dinge gibt, die eindeutig wahr oder falsch, gut oder böse sind. In der Politik, die auf zukünftiges Zusammenleben ausgerichtet ist, sind solche Zuordnungen sogar fast immer ausgeschlossen. Genauso ist völlige Unvoreingenommenheit fast nie zu erreichen und in der Politik auch gar nicht wirklich gewollt, schließlich sind schon die Parteien Instrumente der politischen Willensbildung, in der Personen ähnlicher Zielsetzungen vereint sind.

Es gibt einige Instrumente des Politikbetriebs, die überhaupt nicht zur romantischen Idealvorstellung passen und gerade deswegen immer wieder in der Kritik stehen. Dazu gehört zum Beispiel die Fraktionsdisziplin im Verbund mit der Gewissensentscheidung von Abgeordneten, extreme Romantiker sehen hier sogar oft einen eklatanten Widerspruch. Dass dem nicht so ist, hat Stefan bereits hier ausführlich dargelegt. Ebenfalls dazurechnen muss man wohl die immer beliebter werdende Idee von bundesweiten Volksabstimmungen zu allem und jedem. Wenn alle unvoreingenommen und sachlich Argumente austauschen und so die beste Lösung finden, braucht man schließlich gar keinen Umweg mehr über Politiker und Parlament. Auch diesem Phänomen hat Stefan sich bereits mehrfach gewidmet, u.a. hier. Das will ich gar nicht im Einzelnen aufdröseln.

Aktuell haben viele Romantiker aufgrund der verfahrenen Situation ihr Herz für die Minderheitsregierung entdeckt. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich in den letzten Tagen sowohl von Politikfachpersonen als auch von normalen Bürgern gehört habe, wie großartig und demokratisch doch so eine Minderheitsregierung wäre. Angela Merkel müsste für Ihre Anliegen werben und überzeugen, der Diskurs würde gestärkt und eine Zukunftsvision müsste sie dann auch noch entwickeln. Da es bundesweit keine Erfahrungen mit einer Minderheitsregierung gibt, weiß natürlich niemand genau, wie das in der Praxis funktioniert. Ein idealtypischer, demokratischer Diskurs ist aber wohl eher nicht zu erwarten. Wahrscheinlicher wären eher dauernde Koalitionsverhandlungen im Kleinen. Statt das Parlament mit ihrem bestechenden Argument zu überzeugen, würde Angela Merkel zum Beispiel mit Anliegen XY an die SPD-Spitze herantreten, die ihre Zustimmung erklärt, wenn die CDU dafür Projekt YZ durchwinken würde. Heraus käme dann Hinterzimmerdiplomatie vom Feinsten ohne Urabstimmung, die zumindest die Parteien links der Mitte für normale Koalitionsverhandlungen inzwischen vorsehen. Das muss nicht heißen, dass die Minderheitsregierung (oder Fraktionsdisziplin, Volksabstimmungen etc.) an sich ganz miese Ideen sind. Sie können aber nur funktionieren, wenn man mit realistischen Erwartungen und dem Wahrnehmen ihrer Grenzen an die Sache herangeht. Wer sich dagegen die echte und wahre Demokratie und Politik erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht werden.

 

Um aus einer komplizierten Lage eine ganz verfahrene Situation zu machen, kommt noch eine weitere Romantisierung ins  Spiel, die zur erstgenannten dummerweise teilweise in Widerspruch steht – die standfeste Prinzipientreue. Lange Zeit galt dies als Spezialgebiet der Linken. Einige Grundsätze waren grundsätzlicher als andere und wurden in den Stand eherner Prinzipien erhoben, an denen keinesfalls mehr gerüttelt werden darf. Ein Kompromiss gilt als Niederlage, kompromissfähige Politiker links der Mitte als Verräter an der Sache und der reinen Lehre. Mittlerweile ist die standfeste Prinzipientreue unabhängig von politischen Lagern geworden. Noch vor wenigen Monaten hätte man den neuen FDP Slogan „Lieber nicht regieren als falsch“ vermutlich instinktiv der LINKEn zugeordnet. Genauso verwundert reibt man sich die Augen, dass FDP-Anhänger Stefan Pietsch nun Formelkompromisse geißelt und die Partei für ihre Prinzipentreue feiert. Da selbst FDP-Chef Lindner mittlerweile die Schwierigkeit erkannt hat, diese Prinzipien auch klar zu benennen, hat man sich mittlerweile auf das sichere Terrain des nicht vorhandenen Vertrauens zurückgezogen. Natürlich denken sich das Politiker nicht im luftleeren Raum aus, denn auch die Bürger werden nicht müde zu betonen, wie sehr sie Beliebigkeit hassen und eherne Prinzipien lieben. Ungeachtet der Tatsache, dass eherne Prinzipien und unvoreingenommene Suche nach der besten Lösung nur wenig zusammenpassen.

Diese Überromantisierung ist sogar noch schädlicher, weil sie wie aktuell den ganzen Politikbetrieb lahmzulegen droht. Jede parlamentarische Demokratie ist ausnahmslos auf Kompromissfähigkeit in irgendeiner Form angelegt. Alleine schon, weil eine Regierung die unterschiedlichen Meinungen und Interessen von sehr vielen Bürgern berücksichtigen muss. Wenn sich nun jede Partei knallhart gibt und keinen Schritt von ihren Prinzipien abweichen will, gibt es gar keine Lösung, vor allem weil absolute Mehrheiten von Jahr zu Jahr unwahrscheinlicher werden. Die andere Lösung wäre, dass nur eine Partei knallhart ist und der Regierungspartner ihr höchstmöglich entgegenkommt, so wird die LINKE nicht müde zu betonen, dass sie eigentlich sehr gerne mit der SPD zusammenarbeiten würde, wenn diese sich nur endlich ändern würde. Vermutlich hätte auch die FDP unter diesen Vorraussetzungen keine Einwände mehr gegen eine Jamaika-Koalition. In der Praxis ist dies aber genauso ausgeschlossen und führt ebenfalls zu Blockade oder dauernder Geschäftsführung.

Bevor gar niemand mehr dieses Land regieren oder regiert sehen möchte, wäre es vermutlich für alle besser, sich einzugestehen, dass es die einzig wahre demokratische Politik genausowenig gibt wie die einzig wahre Liebe.

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  • Martin 23. November 2017, 18:35

    Wenn ich also das Prinzip habe, dass ich keinen Menschen ermorden werde, dann ist das Deinen Ausführungen nach also schlecht und ich sollte ruhig mal, des Kompromisses wegen, den einen oder anderen Mord begehen?

    Oder willst Du das nur für „politische“ Prinzipien verstanden wissen? Soll ich hier wirklich ein vergleichbares „politisches“ Beispiel hinschreiben? Da würde ich aber gleich in den ersten Kommentaren in die berühmte Internet-Diskussions-Beendigung reinlaufen 🙂

    • Stefan Sasse 23. November 2017, 19:12

      Vielleicht macht es weniger Sinn, die Frage des Familiennachzugs mit der Frage der Strafbarkeit von Mord gleichzusetzen, meinst du nicht auch?

      • Martin 23. November 2017, 19:47

        Ich habe meine Suchfunktion bemüht, aber das Wort „Familiennachzug“ kommt im obigen Artikel nicht vor; dafür aber das Wort „Prinzip“ achtmal.
        Und Themen wie Familiennachzug, Soli, Kernkraft, Kohle, Diesel, Digitalisierung fallen bei mir nicht in die Kategorie „Prinzipien“. Solche kleinlichen Sachfragen sind Tagesgeschäft; das ist Pillepalle im Vergleich zu Prinzipien.

        Bei Prinzipien geht es um die abstrakte moralische Grundeinstellung, da geht es um Fragen von Gut und Böse, Freiheit oder Unfreiheit, Gleichheit oder Ungleichheit, Gewalt oder Pazifismus. Wenn eine Fragestellung konkret wird, handelt es sich nicht mehr um Prinzipien.

        Bei Sachfragen drehe ich mein Fähnchen nach dem Wind, wenn mir aufgezeigt wird, dass meine bisherige Position meinen eigenen Prinzipien widerspricht. Aber Prinzipien bilden sich über Jahre der eigenen Entwicklung (von Kindheit an) und sind Vergleichbar mit unserem Gewissen. Prinzipien wegzuwerfen, entspräche einer radikalen Selbstleugnung.

        Also ja, du hast Recht:: Die Frage des Familiennachzugs ist eben nicht gleichzusetzen mit der moralischen Frage von Mord. Aber in dem Artikel ging es eben um „Prinzipientreue“ und nicht nur um kleinliche Sachfragen.

        • Ariane 23. November 2017, 20:02

          Wenn Prinzipien nur so große Dinge wie „Mord ist nicht so gut“ behandeln würden, gäbe es das Problem in der Politik gar nicht. Darauf können sich problemlos alle Parteien einigen. Und ich bin sehr wohl darauf eingegangen, dass in der Politik eindeutige Zuordnungen wie gut oder böse quasi nie eindeutig sind (auch hier mit der Ausnahme von grundrechtswidrigen Aktionen wie Mord).
          Natürlich gibt es politische Prinzipien, die sehr wohl bis ins Klein-Klein der Alltagspolitik hineinreichen. Die LINKE besteht zb darauf, Hartz IV abzuschaffen. Bei den Grünen ist es zb die Umwelt, weswegen sie dem Bau weiterer Kohlekraftwerke nie zustimmen würden und bei der FDP ist das Vertrauen und sagen wir mal Steuersenkungen, weswegen sie allgemeinen Steuererhöhungen nicht zustimmen würden.
          Ich sage ja auch nicht, dass keine Partei mehr irgendwelche Prinzipien haben darf, sondern wende mich dagegen, diese so fest und weitreichend zu machen, dass am Ende niemand mehr mit anderen Parteien zusammenarbeiten kann und irgendwer muss ja auch mal das Land regieren.

        • Erwin Gabriel 24. November 2017, 15:16

          @ Martin 23. November 2017, 19:47

          Prinzipien bilden sich über Jahre der eigenen Entwicklung (von Kindheit an) und sind Vergleichbar mit unserem Gewissen. Prinzipien wegzuwerfen, entspräche einer radikalen Selbstleugnung.

          Kluge Sätze; auch die Begründung dafür, warum die reine Logik sich nicht immer durchsetzt. Andernfalls müsste man bei 80 % der politischen Streitfragen 80% Übereinstimmung finden.

    • Ariane 23. November 2017, 19:48

      Ja, ich rede von Kompromissen, wie sie in Koalitionsverhandlungen oder beim Regieren normalerweise beschlossen werden. Dabei setze ich das Grundgesetz als gemeinsames Prinzip aller voraus, denn sonst dürften sie sich gar nicht zur Wahl aufstellen und vereidigen lassen.

  • Stefan Pietsch 23. November 2017, 19:09

    Die FDP hat von Anbeginn darauf verwiesen, dass das Wichtigste für die Sondierungsgespräche die Bildung von Vertrauen ist. Das war kein „Ausweg“. Es sind halt regelmäßig Linke, die diesen Aspekt ignorieren und auf Sachfragen verweisen, so als würden Menschen ihr Zusammenleben auf Basis von sachlicher Übereinstimmung regeln.

    Der Formelkompromiss ist eben kein richtiger Kompromiss. Er besagt, dass eine Klausel so formuliert ist, dass jede Seite sie interpretieren kann, wie sie will. Damit wird der Grundkonflikt überdeckt, aber nicht gelöst, was ja das eigentliche Ziel des Kompromisses ist.

    • Stefan Sasse 23. November 2017, 19:12

      Ich sag’s dir mal wieder.

    • Ant_ 23. November 2017, 19:33

      Nach Ihrer Definition findet ein „nicht formelhafter“, also echter Kompromiss zwischen Menschen statt, die sowieso in der gleichen Partei wären. Merken Sie was?
      Es ist ziemlich egal, auf welche Art und Weise man bei einer Koalitionsbildung/verhandlung sagt „Für uns springt nicht genug bei raus“ – auch wenn ich Ihnen gerne überlasse, dass das jeder am liebsten auf die Art und Weise tut, die dem eigenem Selbstbild am meisten schmeichelt. Darüber beim analytischem Denken hinauszublicken und die andere Seite mit deren Selbstbild und Story wahrnehmen zu können, ist dann wirklich.. anstrengend aber auch gut.

      Oh, und danke Ariane für diese sehr angenehme Zusammenfassung und Einordnung, ich denke [Meta:] die sinnvollste Art, die Entwickungen aktuell zu verfolgen sind wohl regelmässig neue Artikel, und bin sehr dankbar für die Zeit, die von allen Autoren hier investiert wird!

      • Stefan Pietsch 23. November 2017, 20:04

        Nach Ihrer Definition findet ein „nicht formelhafter“, also echter Kompromiss zwischen Menschen statt, die sowieso in der gleichen Partei wären.

        Nein, das ist nicht zutreffend. Bei Tarifverhandlungen fordern beispielsweise die Gewerkschaften 5%, die Arbeitgeber bieten 1% an. Irgendwann einigt man sich auf 3%. Das ist ein harter Kompromiss, dessen Einhaltung sich für beide Seiten stets überprüfen lässt.

        Für die Altersteilzeit vereinbaren die Parteien, dass die Berechtigung wohlwollend geprüft wird und nach wirtschaftlicher Lage genehmigt werden. Ein Rechtsanspruch besteht dagegen nicht. Das ist ein Formelkompromiss. Während die Altersteilzeitberechtigten stets darauf verweisen werden, dass „wohlwollend“ zu prüfen ist, verweisen Arbeitgeber auf die hohen Kosten, die es vorläufig unmöglich machen. Zudem wäre schon eine bestimmte Quote genehmigt worden.

        Am Ende ist das ein Kompromiss, der nichts gebracht hat. Der jeweilige Arbeitgeber kann ohnehin Altersteilzeit anbieten, wenn er das für sein Unternehmen für passend hält. Die Gewerkschaften dagegen haben nicht wirklich etwas bekommen. An der Sachlage hat sich, anders als bei einem echten Kompromiss, nichts geändert.

      • Ariane 24. November 2017, 08:48

        Danke Dir auch 🙂

    • Ariane 23. November 2017, 20:21

      Es sind halt regelmäßig die Linken, die ein wichtiges Gefühl ignorieren und ständig über harte Sachfragen reden wollen? Bitte?
      Es ist ja irgendwie gleichermaßen beeindruckend als auch gruselig, dich plötzlich in ganz neue Richtungen abdampfen zu sehen.

      Und wie Ant schon sagt, lassen sich Grundkonflikte, die naturgemäß zwischen unterschiedlichen Parteien existieren, nicht mal so eben lösen. Sonst könnten die sich ja alle in einer einzigen Partei treffen. Bei Kompromissen (ich persönlich finde die Unterscheidung echter Kompromiss vs Formelkompromiss generell arg subjektiv) trifft man sich entweder in der Mitte oder verbindet zwei unabhängige Dinge (Soli für die FDP, Kohleausstieg für die Grünen zb)

      • Stefan Pietsch 23. November 2017, 20:41

        Den Unterschied habe ich eigentlich schon an Ant_ erklärt. Formelkompromisse stehen normalerweise am Ende von Verhandlungen, wenn die Hard Facts geklärt sind wie z.B. Preis, Ausstattung u.ä. Wenn die eine Seite sagt, im Großen bin ich einverstanden, aber ich brauche noch etwas, dann kommt der Goody zum Einsatz. Etwas, was sich noch verkaufen lässt, aber nicht wirklich (viel) kostet – schließlich wurden die großen Kompromisse und Zugeständnisse vorher gemacht.

        Die Sondierungen liefen anders. Die FDP hat nichts Konkretes in die Hände bekommen. Bei ihrer Trophäe, dem Soli, hieß der äußerste Kompromiss, wir entlasten um 8 Milliarden Euro und der Rest in einer anderen Legislaturperiode. Das ist ein ganz offensichtliches Scheinangebot. Denn tatsächlich können die Regierungsparteien nur Verfügungen für ihre Regierungszeit treffen. Die Reduzierung der Sonderabgabe ist ein einfaches Gesetz wie der Soli selbst. Käme 2021 Rot-Rot-Grün, könnte der Beschluss durch einfache Parlamentsmehrheit aufgehoben werden, der Zuschlag auf die Einkommensteuer bestände fort. Ist die Sonderabgabe dagegen abgeschafft, müsste eine neue Regierung einen schwerwiegenden Grund finden, einen solchen Zuschlag wieder einzuführen. Das ist kaum möglich, denn soweit dauerhafter Finanzbedarf besteht, würde Karlsruhe immer darauf verweisen, doch die Einkommensteuer zu erhöhen.

        Ergo: die FDP hätte sehr wenig bekommen, müsste aber für ihre Klientel schwerwiegende Beschlüsse wie die Ausweitung der Transferunion tragen. Kein wirklich gutes Geschäft.

        • Ariane 23. November 2017, 21:15

          die FDP hätte sehr wenig bekommen, müsste aber für ihre Klientel schwerwiegende Beschlüsse wie die Ausweitung der Transferunion tragen. Kein wirklich gutes Geschäft.
          Alles klar und übrigens auch völlig legitim. Vor zehn Minuten war nur das große Problem, dass die Linken unfairerweise immer mit ihren Sachfragen um die Ecke kommen, während die FDP noch mit ihren Gefühlen beschäftigt ist. Dieses Taumeln ist ja wirklich faszinierend, aber für eine Diskussion wäre es doch einfacher, wenn ein Hauptproblem für mindestens einige Stunden Gültigkeit hätte und alles zusammen und gleichzeitig geht nicht. Das ist sonst wie Schrödingers Katze, die gleichzeitig tot und lebendig ist.

          • Stefan Pietsch 23. November 2017, 21:29

            Vor zehn Minuten war nur das große Problem, dass die Linken unfairerweise immer mit ihren Sachfragen um die Ecke kommen

            Nein, da hast Du mich missverstanden. Ich meinte, Linke argumentieren so, als ginge es nur um Sachfragen. Beispiel LINKE, die angeblich und größtenteils Forderungen vertreten würde, welche die Mehrheit befürwortet. Es spielt dann nie eine Rolle, dass meisten Wähler wenig Vertrauen in die politischen Fähigkeiten der LINKEN-Politiker haben und deren Images weit unterdurchschnittlich ausfallen. Das sind in solchen Debatten nie Gründe, sondern die Verschwörung der Medien oder das Stasi-Gedöns.

            Bürgerliche Parteien und Politiker (wie auch Leute wie ich) beginnen mit der Vertrauensbasis. Niemand stellt jemanden als Führungskraft ein, zu dem kein Vertrauensverhältnis besteht. Da kann er fachlich noch so sehr als Superman gelten.

            • Ariane 23. November 2017, 21:45

              Das sind in solchen Debatten nie Gründe, sondern die Verschwörung der Medien oder das Stasi-Gedöns.
              Klar, während Trittin als dunkler Lord und Merkel als schwarze Witwe knallharte Fakten sind, die für jeden (außer traumtänzelnden Linken) auf der Hand liegen.

              Bürgerliche Parteien und Politiker (wie auch Leute wie ich) beginnen mit der Vertrauensbasis
              Nein die FDP (wie auch Du) fängt mit dem Soli an, wechselt dann zum Vertrauensproblem, geht dann zu „wenig drin für die Klientel“ zurück, feiert zwischendurch ungenannte Prinzipien, landet wieder bei Vertrauen und dreht sich noch dreimal im Kreis.
              Ich behaupte ja gar nicht, dass es auf der linken Seite immer logischer zugeht, aber das wirkt gerade konfuser und inkonsequenter als wenn die SPD versucht, sich über ihre Identität klarzuwerden. Allerdings geben selbst die größten SPD-Fanboys und -girls freimütig zu, dass es hier ein Problem gibt.^^

              • Stefan Pietsch 23. November 2017, 21:59

                Trittin und Merkel wurden und werden ob ihres Verhaltens kritisiert.

                In den Mediatheken von ARD und ZDF müssten noch die Sendungen von Anne Will und Maybrit Illner von der Zeit direkt nach der Wahl und vor der Sondierung verfügbar sein. Such‘ Dir welche mit Kubicki raus. Dort wurde mantraartig betont, dass es als erstes darum geht, eine gemeinsame Vertrauensbasis herzustellen und dass die FDP sehr kleine Gruppen empfiehlt. Tatsächlich wurde dann in 50-Mann /bzw. -Frau-Runde debattiert und jede Bewegung an die Medien weitergegeben. Ich weiß nicht, wahrscheinlich findest Du es auch nicht hilfreich, wenn Du Beziehungsprobleme in der großen Verwandtschaftsrunde unter Beteiligung von Freunden diskutierst und jeden neuen Status auf Facebook und Instagram postest. Ich würde allerdings wetten, dass Deine Beziehung nicht wirklich lange halten wird.

                • Ariane 24. November 2017, 14:34

                  Es ist ja durchaus unfair, dass die FDP dich in Erklärungsnöte bringt, aber können wir die Kirche langsam mal wieder im Dorf lassen? In meiner Fantasie stehen Lindner und Kubicki herum und proben dieses Fallenlassendings, während Lord Voldemort und die schwarze Witwe nebenan über den Kohleausstieg feilschen.

                  Und bevor du wieder mit deiner großen Verhandlungserfahrung punkten möchtest: ich arbeite übrigens auch in der Privatwirtschaft. Und ziemlich sicher in einer wesentlich esoterischeren Branche und ich hab noch nie erlebt, dass man erstmal emotionale Selbstfindung betreibt, bevor man Sachfragen erörtert. Und natürlich steht die fachliche Ausrichtung/Qualifikation im Vordergrund, wenn es um Geschäftspartner oder Einstellungen geht. Aber gut, natürlich können wir uns auch nicht schmollend in einen weichen Parlamentssessel fallen lassen, wenn uns eine Nase nicht passt.

                  • Stefan Pietsch 24. November 2017, 16:58

                    Wieso meinst Du würde mich die FDP in Erklärungsnöte bringen? Alles gut, ich habe bisher noch keinen FDP-Wähler getroffen, der das Verhalten nicht richtig fand.

                    Jürgen Möllemann gab Lindner den Spitznamen „Bambi“ als der Anfang 20 war. Wie fändest Du’s, wenn man Dich auf die Zeit reduzieren würde? Jedenfalls sagte schon früh die Landtagsabgeordnete der Grünen in NRW und jahrelang Widersacherin von Lindners, Andrea Asch: „Er ist ein harter Diskussionspartner – aber zugleich das intellektuell Spannendste, was die Landesregierung in den letzten fünf Jahren zu bieten hatte.“
                    http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/christian-lindner-sie-nannten-ihn-bambi/4008046-3.html

                    Ich habe gelernt, dass es sinnvoll ist, den Einstieg in Verhandlungen vorsichtig zu wählen, bevor es an die Hard Facts geht, gerade bei sich kulturell fremden Menschen. Als Beispiel nehme ich gerne die Gespräche der Bundesregierung während der Finanzkrise mit der insolventen GM. Die Bundesregierung war damals interessiert, Anteile an OPEL zu übernehmen und die Amerikaner signalisierten Gesprächsbereitschaft. In nächtlichen Verhandlungen scheiterte das Geschäft, Vertreter der Regierung beklagten sich, die Manager hätten immer neue Forderungen nachgeschoben. Der vorgelegte Vertragsentwurf enthielt dann eine Klausel, wonach Deutschland bei Vertragsabschluss eine sachgrundlose Einmalzahlung von einigen Millionen hätte leisten müssen.

                    Ich hatte mich da gefragt, ob diese Amateure denn keine Amerikaerfahrene Verhandler mitgenommen hätten. So gehen Amerikaner kulturell vor: am Anfang heißt es Anything goes und der Partner wiegt sich in Sicherheit, bevor durch Nachschübe versucht wird, das Optimum zu erreichen. Ich weiß nicht, ob Du da mit Deiner Nummer anders rausgekommen wärst. Eher wohl nicht, oder?

                    • Rauschi 24. November 2017, 18:48

                      Ich weiß nicht, ob Du da mit Deiner Nummer anders rausgekommen wärst. Eher wohl nicht, oder?
                      Aber ganz locker, denn mit ist nicht bekannt, das da Amerikaner am Tisch über die Sondierungen verhandelten, wissen Sie mehr?

                      Gruss Rauschi

                    • Stefan Pietsch 24. November 2017, 19:50

                      Also mit Vergleichen und Metaphern haben Sie anscheinend mehr Probleme als die meisten hier. FDP und Grüne sind sich bezüglich der Auffassung von Politik ungefähr so nah oder eben fern wie Deutsche und Amerikaner bei Kaufverhandlungen für ein Unternehmen. Comprende?

                    • Ariane 24. November 2017, 20:19

                      Wieso meinst Du würde mich die FDP in Erklärungsnöte bringen?
                      Weil wir zwar häufig unterschiedlicher Meinung sind, aber so krasse Absurditäten hab ich von dir noch nie gelesen.

                      Und ich muss Rauschi da schon zustimmen, es ist anzunehmen, dass alle von deutscher Verhandlungsführung ausgegangen sind, weil doch nur Deutsche am Tisch saßen. Dass Amerikaner anders verhandeln – ok möglich. Aber doch völlig schnuppe oder haben sich die FDPler im Land geirrt und irgendwie erwartet, dass Union und Grüne erstmal zu allem Ja und Amen sagen, um die Stimmung aufzubessern? Oder sind die in diesem schiefen Bild die Amerikaner, soll ja eher von der FDP gekommen sein nachträglich mit ausgehandelten Dingen unzufrieden zu sein?

                    • Stefan Pietsch 24. November 2017, 20:38

                      Du bist links-sozialdemokratisch-sozialistisch eingestellt, ich dagegen liberal-konservativ. Da liegt ein großer Graben dazwischen. In meinen Milieus wird das Vorgehen keineswegs als abstrus eingestuft.

                      So, nehmen wir an, alle wären sitzengeblieben und hätten nach zwölf Uhr nachts brav weiterverhandelt. Was hättest Du Dir davon versprochen. Auf diese eigentlich auf der Hand liegende Frage hast weder Du noch Stefan etwas angeboten. 5 Wochen Verhandlung Nonstop, 2 Deadlines gerissen, mehrere Nachtsitzungen, unzählige offene Punkte.

                      Die Grünen galten als diejenigen, die Angebote machten, die sie in Gestalt von Jürgen Trittin wieder einkassierten, sichtbar im BILD Interview am vergangenen Sonntag. Ich glaube, Ihr habt einen viel zu soften Blick auf die Grünen und die CDU.

                    • Ariane 24. November 2017, 21:08

                      Du bist links-sozialdemokratisch-sozialistisch eingestellt, ich dagegen liberal-konservativ. Da liegt ein großer Graben dazwischen. In meinen Milieus wird das Vorgehen keineswegs als abstrus eingestuft.

                      Ja aber ganz ehrlich Stefan, wenn zwischen uns ein Geschäft geplatzt wäre und du würdest mir danach erzählen, du hättest aufgrund unserer kulturellen Unterschiede eine amerikanische Verhandlungsführung erwartet, dann würde ich mich allermindestens beschweren, dass das nicht erwähnt wurde, gerade wenn unser Verhandeln auch vier Wochen nonstop gegangen wäre. Scheinbar wussten weder Union noch die Grünen von dieser eher exklusiven Gepflogenheit?

                      Ich glaube, Ihr habt einen viel zu soften Blick auf die Grünen und die CDU
                      Ja Stefan und ich sind für unsere Nachsicht mit der Union berühmt.^^
                      Und die Grünen standen doch eigentlich stärker im Sperrfeuer, von wegen Weltfremdheit und Schwachsinnsterminen.
                      Trotzdem waren Union und Grüne sich ja mindestens darin einig, dass sie gerne weiterreden wollten. Also nehme ich an, entweder hätte es eine Einigung gegeben oder sie hätten sich gemeinsam auf ein Scheitern und das weitere Vorgehen verständigt. Und die Grünen standen doch eigentlich stärker im Sperrfeuer, von wegen Weltfremdheit und Schwachsinnsterminen.

                    • Stefan Pietsch 24. November 2017, 21:48

                      Da bist Du jetzt nicht gerade fair, oder? Ich hatte ein Beispiel zur Erklärung genannt, nicht, dass hier Amerikaner und Deutsche verhandelt hätten. Es gibt zahlreiche Gründe, warum es zwischen Menschen kulturell nicht passt. Bei Unternehmen werden dann einzelne handelnde Personen ausgetauscht, bei den politischen Parteien ging das wohl nicht. Die Grünen beispielsweise konnten Jürgen Trittin (laut Kubicki hat es allerdings an anderen Personen gehakt) aus dem Spiel nehmen, die CSU nicht Alexander Dobrindt.

                      Also, wenn ein Ralf, Verfechter der Linkspartei, ernsthaft überlegt, Angela Merkel zu wählen, dann kannst Du nicht behaupten, Ihr Linken hättet eine große Distanz zur Kanzlerin. 😉 Wegen ihrer äußerst liberalen Haltung zu Flüchtlingen scheint Ihr ja geradezu besoffen zu sein.

                      Also meinst Du, es hätte am Montag Morgen weißer Rauch aufsteigen können? Ernsthaft? Schau‘ mal Markus Lanz am Donnerstag, da zählte Claudia Roth auf, was alles nicht geeint war. Beim Thema Migration gar nichts. Ganz nebenbei, da war man so schlau wie beim Start. Und dann holt man in einem furiosen Finish die Meisterschaft, äh, den Koalitionsvertrag? Mit Verlaub, eher schafft der 1. FC Köln diese Saison noch die Champions League Qualifikation.

                      Soll ich aufzählen, was Grüne während den Sondierungen über die FDP-Unterhändler gesagt haben? Ziemlich offene Flanke, Ariane.

                    • Ariane 24. November 2017, 23:04

                      Da bist Du jetzt nicht gerade fair, oder?
                      Sorry, war nicht beabsichtigt. Ich bezweifle auch keineswegs, dass das schwierige Gespräche sind. Wie ich schon mal sagte, vermutlich wollte da jeder am liebsten 3x am Tag schreiend rauslaufen.

                      Also meinst Du, es hätte am Montag Morgen weißer Rauch aufsteigen können? Ernsthaft?
                      Das hab ich nicht geschrieben. Niemand weiß, was sonst passiert wäre. Sicher ist nur, dass am Sonntag abend Union und Grüne insofern einig waren, dass sie weiterreden wollten und vom Abbruch der FDP überrascht waren und mehr weiß man nun mal nicht. Ich persönlich hatte eher vermutet, dass sie sich einigen, war dann aber am meisten über die Vorgehensweise überrascht. Und das ist auch das, wofür es keine ernsthafte Begründung gibt. Die anderen hätten ja ohne die FDP keinen Vertrag unterschreiben können, also hätte die FDP dableiben können, sagen, dass sie keinen Sinn mehr sieht und man sollte jetzt eine gemeinsame Erklärung für das Scheitern vorbereiten.

                      Das Vorgehen ergibt nur Sinn als taktisches Manöver und vielleicht ist das gar nicht so dumm (siehe auch Stefans Artikel), aber die vorgeschobenen Begründungen sind gelinde gesagt anstrengend. Und damit meine ich nicht dich, die FDP deren Entscheidung das war, schlingert ja genauso wild herum und nennt mal dies und das und jenes und jetzt ist es wohl gerade en vogue, aus Merkel ein U-Boot der LINKEn zu machen. Dass man unterschiedlicher Meinung ist, kein Problem. Aber vielleicht ist es doch etwas verständlich, wenn ich mich bei den teils absurden Begründungen eher veräppelt fühle als sie nachvollziehen zu können?

                    • Stefan Pietsch 24. November 2017, 23:37

                      Nein, natürlich hast Du nicht behauptet, es hätte in jedem Fall eine Einigung bestanden. Also, es gibt so einen Punkt wo man in Verhandlungen weiß, dass man nicht mehr weiterkommt. Ich habe solche Gespräche dann abgebrochen oder vertagt mit Terminplan, sich nochmal in Verbindung zu setzen. Es ist dann allerdings nicht mehr sehr wahrscheinlich, nochmal zusammenzukommen. Dazu bedarf es Druckmittel (gerichtliches Verfahren, Finanzknappheit u.ä.).

                      Politik ist da natürlich anders. Aber nachdem ich gestern nochmal Claudia Roth gehört habe und das hinlege, was zwischen allen als unbestrittener Sachstand gilt (z.B. Angebot zum Soliabbau), hätten alle innerhalb einer Nacht – nachdem alle ohnehin schon übernächtigt waren – noch gewaltig springen müssen. Vielleicht waren Lindner und Kubicki auch in der konditionell schlechtesten Verfassung. Auch hier wieder: ich hätte das persönlich erst gar nicht gemacht – 22, 23 Uhr ist Schluss. In der Politik pokert man sich eher nach russischem Muster aus, wer als letztes sitzen bleibt, hat gewonnen.

                      Ich sehe nicht die albernen Begründungen, wirklich nicht. Ich glaube, dass alle, auch die FDP, ernsthaft verhandelt haben. Allerdings meine ich auch, dass nach Freitag Nacht der Zug raus war. Auch das ist eigentlich normal. Wenn man sich eine zeitliche Frist setzt und alles auf diesen Höhepunkt zusteuert und dann ist die Situation so, dass eine Einigung schlicht unmöglich erscheint – dann ist es schwer, die Spannung und die Konzentration neu aufzubauen. Und dann kommt noch so ein Interview wie das von Trittin, dass sowohl FDP als auch die Unionsparteien, sagen wir als nicht „hilfreich“ angesehen haben.

                      Mir als Jamaika-Fan reichte es jedenfalls am Donnerstag, Freitag letzter Woche. Und ich war nicht dem Dauerstress ausgesetzt.

                    • Ariane 25. November 2017, 00:57

                      Nicht dass wir uns missverstehen, ich glaube keinesfalls, dass die FDP von Anfang an einen PR-Stunt plante und nur zum Schein verhandelt hat. Ansonsten müsste man ernsthaft an deren Verstand zweifeln, sich das solange anzutun. Und du hast natürlich recht, dass so eine Russentaktik ziemlich bekloppt ist, soviel Zeitdruck gab es ja gar nicht.

                      Und hier endet dann der Vergleich mit geschäftlichen Verhandlungen. Natürlich bricht man die irgendwann ab, wenn man nicht zueinander findet. Aber das ist ja auch noch was anderes als dem überraschten Gegner den Abbruch zu verkünden und direkt danach eine Pressekonferenz abzuhalten, das würde man vermutlich rein aus Stilgründen nicht machen.

                      Und diese Entscheidung, ob man gemeinsam scheitert oder alleine die Reißleine zieht, muss ja irgendwann gefallen sein und das wilde Rumschlingern spricht eher dafür, dass das kurzfristig und vermutlich wirklich aus recht konfusen Gründen geschah. Und diese Entscheidung war natürlich taktisch und ob das wirklich nach einer Woche, einem Monat oder einem Jahr aufgeht, ist schwer einzuschätzen. In meinem linksgrün versifften Umfeld wird das naturgemäß kritisch gesehen, aber solange noch niemand weiß, wie es genau weitergeht, ist das alles halt noch sehr im Fluss.

            • Erwin Gabriel 24. November 2017, 15:27

              @ Stefan P.

              Ich kann schon nachvollziehen, dass Ariane irritiert ist, wenn Sie, der stärkste Realo-Argumentierer, zumindest teilweise ins Idealisieren und Stilisieren verfallen 🙂

              Naja, der Austausch von Argumenten betrifft ja nicht nur Fakten, sondern auch die Interpretation derselben, die wiederum auf Basis von Grundeinstellungen und Prinzipien erfolgt. Da schließt sich der Kreis.

              Hätten die Grünen hingeschmissen mit der Begründung, dasss sie gegen CDu, CSU und FDP zu wenige ihrer Ziele hätten durchsetzen können, und dass Sie kein Vertrauen gehabt hätten, wäre die ganze Diskussion genauso gelaufen, nur umgekehrt. Ich hätte mich dann wohl auch gefragt, warum die sich so anstellen, eine realistische Politik zu machen.

              • Stefan Pietsch 24. November 2017, 16:31

                Seit 2005 war ich nicht mehr so stark politisiert wie jetzt. 1982, 1990, 1998, 2005 und nun 2017 – alles Zeiten starker politischer Umbrüche. Wir können alle darüber diskutieren, ob das Verhalten der FDP nun richtig oder falsch war. Weit interessanter ist jedoch, was daraus folgt. Stimmen für die FDP wie die AfD waren ein mehr als deutlicher Fingerzeig, dass die Bürger höchst unzufrieden sind und es gerade im Bürgertum heftigst brodelt. Ich kenne einige CDU-Wähler, die im Herbst nur mit geballter Faust ihr Kreuz gemacht haben. Und ich kenne wirklich Menschen ein Ausbund von Bürgerlichkeit, die aus purer Verzweiflung AfD gewählt haben. Ich glaube viele wissen und begreifen immer noch nicht, wie sehr es nach 12 Jahren Kanzlerschaft Merkel gärt.

                Ich bezweifle, dass ich sonderlich anders geschrieben hätte, wären die Grünen als erstes ausgestiegen. Denn es ging und geht mir ja nicht um den Ausstieg. Sondern um den Einstieg. Die Wahl war eine sehr klare Ansage: so nicht weiter! Ich kritisiere die Grünen wie die Merkelianer dafür, dies nicht aufzunehmen.

                Ich hatte einiges übrig für eine neue Form der Kompromisssuche, denn, ich schrieb es bereits: bei einem Kompromiss verliert jeder. Erfolgreiche Verhandlungen sind dagegen auf Win-Win gerichtet. Ich hätte es gut gefunden, wenn man jeder Partei einen Block gelassen hätte: der Union die innere und äußere Sicherheit, den Grünen Umwelt und Klimaschutz (auch mit Festlegung von Ausstiegsdaten) und der FDP eben Finanzen inklusive den Eurokomplex. Alle hätten dabei große Geländegewinne vor ihren Wählern erzielt. Und Verantwortung wäre klar zuzuweisen gewesen.

                • Rauschi 24. November 2017, 18:45

                  Ich hatte einiges übrig für eine neue Form der Kompromisssuche, denn, ich schrieb es bereits: bei einem Kompromiss verliert jeder.
                  Das kann ich aber so nicht stehen lassen, denn wenn dem so wäre, gäbe es schlicht keine Kompromisse.
                  Jeder verliert gegenüber der Maximalforderung, aber gewinnt gegenüber der Verweigerung eines Kompromisses. so müsste es korrekt lauten.

                  *nur so ein Einwurd einer unerfahrenen Verhandlerin*
                  Gruss Rauschi

                  • Stefan Pietsch 24. November 2017, 19:48

                    Er verliert als erstes. Das ist in jedem Fall Fakt.

                    • Rauschi 25. November 2017, 09:46

                      Zuerst? Um dann zu gewinnen?
                      Zwei Parteien (nicht politisch gemeint) stellen Forderungen, die nicht beide gleichzeitg erfüllt werden können, Beipsiel Urlaub in den Bergen oder am Meer. Zu dem Zeitpunkt ist keine Forderung erfüllt, sondern erst mal nur gestellt. Dann einigt man sich auf eine Woche am Meer und dann eine Woche Berge. Das ist der Kompromis, bei dem beide einen Teil der Forderung erfüllt sehen. Nicht das maximale, aber einen Teil. Nur gibt es die Möglichkeit der Erfüllung beider Maximalforderung gar nicht. Wäre es nicht zu einer Einigung gekommen und der „Herr im Haus“ hätte beschlossen: Ich bezahle und bestimme das Ziel, dann hätte eine Seite alles verloren und die andere alles gewonnen. Kann man so machen, ist aber für ein positives Miteinander eher abträglich. Deswegen gehen Menschen Kompromisse ein, wenn immer alle nur verlieren würden, würde das kein Mensch machen. So haben beide das Gefühl, ein bisschen gewonnen zu haben, das ist positiv besetzt, deswegen machen Menschen das.
                      siehe auch:
                      [Ein Kompromiss ist die Lösung eines Konfliktes durch gegenseitige freiwillige Übereinkunft, unter beiderseitigem Verzicht auf Teile der jeweils gestellten Forderungen. Es wird von den Verhandlungspartnern ausgehend von den eigenen Positionen eine neue Mittelposition gebildet und diese erzielte Einigung als gemeinsames Ergebnis dargestellt. Der Kompromiss ist die vernünftige Art des Interessenausgleichs und des Dissens-Management. Er lebt von der Achtung der gegnerischen Positionen und gehört zum Wesen der Demokratie.]
                      https://de.wikipedia.org/wiki/Kompromiss

                      Gruss Rauschi

  • Ralf 23. November 2017, 20:19

    Ein guter und richtiger Artikel. Aber ich glaube er geht ein Stueck weit am gegenwaertigen Problem vorbei. Manchmal koennen in der Politik eben schwierige Konstellationen entstehen, die von vornherein nicht nur jegliche „Liebesheiraten“ sondern auch mittelmaessige „So Lala-Ehen“ unmoeglich machen. Fakt ist, dass das Land dann trotzdem eine Regierung braucht, denn nationale und internationale Probleme hoeren nicht einfach auf zu existieren oder pausieren ein paar Jahre, nur weil die deutschen Buerger ungeschickt gewaehlt haben. Was es dann braucht, ist nicht Vertrauen sondern Verantwortungsgefuehl. Merke dass ersteres etwas ist, wo ich in erster Linie etwas von anderen erwarte, waehrend letzteres etwas ist, bei dem ich selbst etwas leiste, unabhaengig davon was andere tun.

    Gottseidank geht es Deutschland insgesamt nicht schlecht – zumindest im internationalen Vergleich. Wir haben hohe Steuereinnahmen, relativ niedrige Arbeitslosigkeit und im Durchschnitt hohen Wohlstand. Es gibt Schlimmeres als vier Jahre Stillstand auf diesem Level. In Zeiten wie diesen sollte es kein Problem sein, dass sich eine Regierung findet, die als Mindestziel diesen Stillstand fuer weitere vier Jahre verwaltet, bis sich der Buerger in der naechsten Bundestagswahl hoffentlich so entscheidet, dass am Ende eine „Liebesheirat“ moeglich ist. So wird wenigstens eine Staatskrise verhindert.

    Und wer weiss: In der Vergangenheit ist so manche Liebe wohl auch in arrangierten Ehen entstanden. Kein Mensch sagt, dass es am Ende nur bei der Erfuellung des Mindestziels bleiben muss, wenn man sich naeher kommt.

    • Ariane 23. November 2017, 20:45

      Ein guter und richtiger Artikel. Aber ich glaube er geht ein Stueck weit am gegenwaertigen Problem vorbei. […] Was es dann braucht, ist nicht Vertrauen sondern Verantwortungsgefuehl.

      Sehr richtig, allerdings sehe ich da nicht zwangsläufig einen Widerspruch. Für die Aufnahme einer Regierung ist es ja nebensächlich, ob dies nun aufgrund von Vertrauen oder Verantwortungsgefühl erfolgt. Dumm nur, wenn die Union und die Grünen vielleicht kein Vertrauen dafür aber Verantwortungsgefühl haben, die FDP aber weder das eine noch das andere. Ähnliches gilt auch für die SPD, aber da scheint mir die Entscheidungsfindung noch nicht abgeschlossen.

      Und ja, sehe ich ähnlich. Irgendeine Art von verwaltender Regierungsfindung wäre der jetzigen Situation der viel zu langen Geschäftsführung vorzuziehen.

      • Ralf 24. November 2017, 03:22

        die SPD, aber da scheint mir die Entscheidungsfindung noch nicht abgeschlossen.

        Ich glaube da kommt gerade sehr viel Bewegung rein. Bei Maybrit Illner hat Heiko Maas die Grosse Koalition schon angekuendigt. Also durch die Blume …

        • Ariane 24. November 2017, 07:38

          Ja, hätte mich auch gewundert, wenn sie die harte Linie von Schulz (der Merkel bis zum 24.9. ja eigentlich ganz klasse fand) halten, Staatsräson zieht eigentlich immer. Rächt sich natürlich, dass die SPD zwar mehr soziale Gerechtigkeit oder mehr Europa wollte, aber kein bestimmtes Projekt, das sie der Union jetzt auf den Tisch knallen könnten. So eine gute Verhandlungsposition kommt so schnell nicht wieder.

          • Ralf 24. November 2017, 07:47

            Schulz erweist sich immer mehr als politischer Totalausfall. Haette er nach dem Scheitern der Jamaika-Sondierungen einfach mal die Klappe gehalten, waere er jetzt in einer starken Verhandlungsposition. Aber dadurch dass er stattdessen die harte Linie verkuendete, eine Position die praktisch unhaltbar ist, kommt er jetzt extrem geschwaecht aus der Nummer. Wie jemand, der vom Bundespraesidenten und von seiner eigenen Partei in eine Koalition gedraengt wird, die er nicht will. So sieht kein Parteichef aus. Ich denke mal Andrea Nahles wird zuegig uebernehmen …

            • Ariane 24. November 2017, 08:39

              Ja, wäre ja auch mein Wunsch. Gestern gab es das Gerücht von Schwesig oder Scholz, aber die sind ja noch in ihren Ländern gebunden. Nahles (oder meinetwegen auch wieder Gabriel) wären die einzigen, die ohne große Eingewöhnung in Koalitionsverhandlungen einsteigen könnten.
              Und man darf ja auch nicht vergessen, dass die SPD so überhaupt nicht für eine Neuwahl eingerichtet ist. Die haben keinen Spitzenkandidaten, kein angepasstes Programm, ich glaub die haben gerade noch nicht mal einen Bundesgeschäftsführer und wenn sie nicht mal Gespräche führen, sehen sie sowieso wieder aus wie die letzten Deppen.

              • Erwin Gabriel 24. November 2017, 15:37

                Na ja, die haben sich gerade auf vier Jahre Pflasterkleben und Regeneration eingerichtet. Die sind noch in einer ganz anderen Betriebsart. So ein bisschen verstehe ich das.

            • Stefan Sasse 24. November 2017, 09:37

              Die SPD ist gerade generell ein Totalausfall. Echt der Wahnsinn.

      • Erwin Gabriel 24. November 2017, 15:29

        @ Ariane

        Ohne Vertrauen geht es nicht; wenn ich die halbe Zeit nach hinten schauen muss, weil ich nnicht weiß, was mein „Partner“ vorhat, geht auch nichts voran. Dann sind halt nur die Stühle für vier Jahre besetzt.

  • CitizenK 23. November 2017, 20:21

    @ Ariane

    Was Du im Falle einer Minderheitsregierung als Kuhhandel negativ beurteilst, ist doch Gegentand des „Ich-gebe-damit-du-gibst“. Gehört zum Kompromiss nicht aus dieses „do ut des“? Damit machst Du selber das, was Du kritisierst, nämlich die Idealisierung (Romantik gehört nicht hierher) des Politikbetriebs.

    Eine Politikprofessorin für Vergleichende Regierungslehre heute im WDR: Die Bevölkerung sei für eine Minderheitsregierung noch nicht reif, wir hätten da keine Tradition. Wenn sonst nichts dagegen spricht: Versuchen wir es doch – und schaffen die Tradition.

    • Ariane 23. November 2017, 20:27

      Nein, da hast du mich missverstanden. Auf der einen Seite habe ich eigentlich kein Problem mit so einem politischen Kuhhandel und auf der anderen Seite habe ich explizit die romantische Vorstellung kritisiert, dass bei einer Minderheitsregierung plötzlich ein ergebnisoffener Diskurs stattfindet und die CDU ihre Anliegen viel besser bewerben und erklären müsste. Und meine Vermutung wäre eben, dass wir einfach mehrere Kuhhandel hätten statt alles bei einer Koalitionsverhandlung in einem Abwasch zu erledigen.

      • Erwin Gabriel 24. November 2017, 15:33

        Zustimmung!

        Dann gäbe es gar keine Richtlinien mehr.

  • Rauschi 24. November 2017, 18:13

    Danke für den auf Ausgleich bemühten Artikel, der allerdings doch einiges ausblendet.
    Sie können das Prinzipien oder Markenkern nennen, der Name ist doch zweitrangig. Nur ohne geht es eben für keine Partei, weil dann das Wahlvolk wohl streiken würde. Wenn die Grünen auf einmal für Atomstrom wären, wäre das deren Ende, wenn die FDP auf einmal für Vermögenssteuer wäre, genauso. Den meisten Spielraum hat da wohl noch die CDU, weil die seit längerem keinen erkennbaren (jedenfalls für mich) Markenkern mehr hat. Aber gerade für kleinere Parteiein muss es Unterscheidungen geben, die auch nicht Verhandlungsmassen sein dürfen.

    Bevor gar niemand mehr dieses Land regieren oder regiert sehen möchte, wäre es vermutlich für alle besser, sich einzugestehen, dass es die einzig wahre demokratische Politik genausowenig gibt wie die einzig wahre Liebe.
    Es gibt schon die eine wahre Liebe, aber die Älteren werden Ihnen sagen können, das Liebe allein eben keineswegs reicht, um eine erfolgreiche Beziehung über lange Zeit zu führen. Von daher hinkt die Analogie ein wenig. 😉

    Gruss Rauschi

    • Ariane 24. November 2017, 20:27

      Ok, da scheine ich mich wirklich nicht klar genug ausgedrückt zu haben.

      Ich bin keineswegs dafür, dass die Parteien ihre Prinzipien vergessen und einfach so vor sich hinwerkeln. Ich verwehre mich nur dagegen, diese so hoch und breit zu hängen, dass am Ende niemand mehr zusammenarbeiten kann. Die Grünen zb haben ja durchaus das Prinzip Umwelt und deswegen in ihrem Programm Ausstieg aus Kohle & Verbrennungsmotor. Ihnen war aber bewusst, dass sie Ausstiege bis übermorgen nicht durchsetzen können, also haben sie einen Kompromiss gesucht und vorläufig wohl auch gefunden, der nicht ihrer Forderung entsprach, aber eben auch nicht das Gegenteil verkündete. Alles gut also. Kritisiert hätte ich sie aber, wenn sie die Gespräche abgebrochen hätten, weil die anderen nicht das machen wollen, was sie sagen.

      • Rauschi 25. November 2017, 09:53

        Ich verwehre mich nur dagegen, diese so hoch und breit zu hängen, dass am Ende niemand mehr zusammenarbeiten kann.
        Da gehe ich d´accord. Die entscheidende Frage scheint mir zu sein, wie tief darf ich meine Forderungen hängen, damit diese noch zu erkennen sind?
        Jede Partei muss ja zeigen, das es einen Unterschied macht, ob sie in der Regierung ist oder nicht, dafür muss ja ein Ergebnis heraus kommen, aus welchen der Wähler das ablesen kann. Wenn kein Unterschied zu erkennen ist, wird die Partei nicht wiedergewählt, so einfach sieht es aus.
        Aus diesem Gesichtspunkt sind die Grünen wirklich extrem weit gegangen mit dem Entgegenkommen und auch ich habe die Grünen immer als Knackpunkt gesehen und weniger die FDP.

        Gruss Rauschi

        • Ariane 25. November 2017, 11:05

          Die entscheidende Frage scheint mir zu sein, wie tief darf ich meine Forderungen hängen, damit diese noch zu erkennen sind?
          Jep, das weiß niemand und hängt auch von sovielen Faktoren ab, dass man das nicht mal eben berechnen kann. Die SPD hat als Juniorpartner gar nicht sowenig durchgesetzt, gab aber auch nicht mehr Stimmen und links ist das „normalerweise“ schwieriger als rechts. Obwohl ich immer mehr davon überzeugt bin, dass die Seiten ihre Rollen total tauschen.

          Die großen Volksparteien tun sich da leichter, weil sie eh schon ein breites Spektrum bei Wählern und ihren Abgeordneten abdecken, während die kleinen Parteien extremer sind und/oder bestimmte Kerngebiete haben. Ob oder wie sich das für die Grünen ausgezahlt hätte, weiß ja nun keiner. Wenn man Stefan Sasses Artikel dazu bedenkt, spielt es wohl auch eine Rolle, dass die FDP plötzlich mit Problemen und Forderungen angekommen ist, die gar keiner dort vermutet hätte. Und um Dubios schönes Bild zu verwenden: Union und Grüne haben Amerikaner erwartet und die entpuppten sich dann plötzlich als Chinesen 😉

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