Die helle Seite der frühkindlichen Betreuung

In seinem Artikel „Die dunkle Seite der frühkindlichen Betreuung“ fährt Stefan Pietsch eine ganze Batterie rhetorischer Geschütze auf, um ein Bewusstsein für eine apokalyptische Zukunft zu schaffen, in der ein inkompetenter, anmaßender Staat eine ganze Generation in miesen Kindertagesstätten psychologisch zerstört. Er verweist auf die ungeheure Bedeutung der Eltern im Lebensabschnitt von 0-3 Jahren unter Rückgriff auf die Umfrage unter amerikanischen Vorschullehrerinnen, die eine leichte Zunahme von kognitiven und lingualen Leistungen sowie von auffälligen Verhaltensweisen für Kinder diagnostizieren. Garniert mit einem kräftigen Schuss Vorurteilen und konservativer Ideologie kommt er zu dem bestechenden Schluss, dass Babys und Kleinkinder bei Müttern am besten aufgehoben sind und Eltern im Sinne der Eigenverantwortung mehr aktiv werden sollten. Das lädt zu Widerspruch ein, den ich hier bereitstellen will. 

Ich möchte dabei mit den Teilen von Pietschs Argumentation beginnen, denen ich zustimme. Seine Betonung der Selbstverantwortung von Eltern – etwa bei der Kontrolle des Fernsehkonsums und der Freizeitgestaltung generell – stimme ich zu. Der Staat und die Unterhaltungsindustrie (über FSK, USK etc.) stellen eine Menge Jugendschutzmechanismen parat. Diese adäquat in den Alltag zu integrieren ist Aufgabe der Eltern, und den Kindern mit Smartphone und Tablet freie Hand zu geben „weil man halt nichts davon versteht“ ist eine Abdankung der Eigenverantwortung.

Pietschs Artikel ist in Teilen grob irreführend. So erweckt er konstant den Eindruck, der Staat stelle den Löwenanteil der Kitas und könne quasi als Monopolist auftreten und die Preise diktieren. Das ist völliger Humbug: 34% aller Kitas sind staatlich (für gewöhnlich unter kommunalen Trägern), 32% in konfessions-christlicher, 34% in sonstiger freier Trägerschaft (etwa private, gewinnorientierte Betreiber). Gezahlt wird überall eine vergleichbare Summe, wobei wie so häufig der Staat wie so häufig im Erziehungswesen die besten Entlohnungsbedingungen bietet (allerdings relativ; die Unterschiede sind nicht groß genug um einen Anpassungsdruck hervorzurufen). Von einer brutalen Übermacht des Staates kann also keine Rede sein, andernfalls wäre die NRW-Landesregierung auch kaum krachend damit gescheitert, die konfessionellen Kitas zu einer Aufnahme von Kindern unabhängig von deren Konfession zu zwingen. Dass über die Kirchensteuer und die Subventionierung dieser Einrichtungen eine Verschränkung existiert, tut der grundsätzlichen Trennung keinen Abbruch.

Auch sonst kommt Pietschs ideologische Abwehr allen Staatlichen seiner Argumentation in die Quere. So geht es dem Staat nicht „nur“ um Quantität. Diese war mit Verabschiedung der Kita-Platz-Garantie sicherlich eine treibende Sorge, und Episoden wie die Umwidmung ehemaliger Schlecker-Jobs und Mitarbeiter in Kitas und Erzieher sind sicherlich keine Glanzstunden der Bildungspolitik. Auf der anderen Seite steht aber ein konstanter Verbesserungsdruck. Fortbildungen für Seiteneinsteiger stehen durchaus hohen Anforderungen für Berufsanfänger gegenüber. Die ordentliche Ausbildung (die übrigens vor allem im staatlichen Bereich verlangt und durchgesetzt wird und gerade im privaten Bereich deutlich laxer betrachtet wird) erfordert die Mittlere Reife und dauert drei Jahre, mitsamt massenhaft theoretischer Unterfütterung und Abschlussarbeit in Ergänzung zur praktischen Ausbildung. Einfach mal eben die arbeitslose Mittfünzigerin von Nebenan einzustellen geht eben gerade nicht, wenigstens nicht in den kommunalen Einrichtungen.

Es lohnt sich, an dieser Stelle länger zu verweilen, weil das allgemein hohe Qualifikationsniveau der Mitarbeiter eine Reihe von positiven Auswirkungen hat, die Pietsch dem System entweder abspricht oder aber schlicht verschweigt. Was in der konservativen Sozialromantik von der natürlichen Mutterbindung und der elterlichen Bande vollkommen untergeht ist, dass die Befruchtung einer Eizelle nicht automatisch den aktuellen Stand frühkindlicher Forschung im Gehirn der Eltern verankert. Man lehnt sich wohl nicht zuweit aus dem Fenster wenn man unterstellt, dass die wenigsten Eltern sich einen einer ordentlich ausgebildeten Fachkraft entsprechenden Informationsstand zum Thema anlesen werden (dem dann ohnehin die professionelle Einordnung fehlen würde). Die Idee jedenfalls, dass die Mütter natürlicherweise immer wissen, was für das Kind das Beste ist, ist Unfug. Eltern, die nicht an Hybris leiden, wissen, wie oft sie falsche Entscheidungen treffen – ob aus Unwissenheit, Bequemlichkeit oder Überforderung ist dafür einerlei.

Diese Illusion, deren alleiniger Anhänger und Prophet Pietsch sicherlich nicht ist, drängt sich in Artikeln wie seinem oder aus der FAZ aus zweierlei Gründen immer als objektive Wahrheit auf: einerseits entbindet sie das männliche Geschlecht von jeder Verantwortung (ist es doch die Mutter, zu der eine ach so natürliche Bindung besteht), und zum anderen profitiert die Illusion von der manichäischen Gegenüberstellung zu „dem Staat“, den wir uns immer als gesichtslos-kalten und inkompetenten Bürokraten vorstellen. Wir schicken unsere Kinder aber zu Profis, die nach dem aktuellen Stand der Forschung für den Job ausgebildet sind. Das sind wir Eltern nicht. Und die ideologische Überhöhung der elterlichen Liebe, man muss dies noch einmal explizit betonen, schafft kein Fachwissen der frühkindlichen Bildung. Dies ist kein Plädoyer für eine Dauerbetreuung der Kinder an sieben Tagen der Woche und 14 Stunden am Tag, auch das ist eine falsche Dichothomie.

Pietsch geht über das Argument, dass die Kinder dort mit Gleichaltrigen umzugehen lernen, nonchalant mit dem Hinweis hinweg, dass dafür die Geschwister völlig ausreichen. Sofern nicht mehrere Mehrlingsgeburten im Jahresabstand stattfanden ist das unwahrscheinlich. In der Kita lernen die Kinder den Umgang mit Gruppen von Gleichaltrigen – eine ungeheuer wertvolle Fähigkeit, die sie zuhause überhaupt nicht lernen KÖNNEN, weil es aus biologischen Gründen keine Gruppen gleichaltriger Kinder geben kann. Das Lösen von Konflikten innerhalb solcher Gruppen (statt der Behauptung gegen ältere oder das Tolerieren von jüngeren Geschwistern) können die Kinder überhaupt nur in der Kita lernen. Dort haben sie auch Betreuungspersonal an der Hand, das im Umgang mit Gruppen solcher Kinder geschult ist. Denn selbst bei perfekten Eltern, die mit der Muttermilch auch gleich die entsprechenden Fähigkeiten im Umgang mit dem Kind herausgebildet haben, gibt es spätestens hier keine Kenntnisse mehr. Diese Fähigkeiten aber sind elementar.

Auch ansonsten leisten Kitas etwas, das Eltern ohne die entsprechende Ausbildung gar nicht können: den Kindern strukturiert etwas beibringen, nicht nur nebenbei. Der Staat gibt genauso wie für die Schulen den Kindergärten Bildungspläne vor, also Ziele, die die Kinder erreichen sollten. Das Erreichen dieser Ziele wird mehrfach evaluiert (etwa durch Besuche auswärtiger Kinderpsychologen vom Jugendamt). Zielgerichtetes Kompetenztraining von Kleinkindern kann ich als Elternteil aber gar nicht leisten, weil ich, erneut, dafür nicht ausgebildet bin. Dafür braucht es Profis.

Nun kann man dem natürlich entgegnen, dass man das alles gar nicht braucht. Früher hat es schließlich auch gereicht, die Kids erst mit 3 Jahren oder noch später in den Kindergarten zu bringen, wo sie dann ein bisschen spielen durften und zum Mittagessen von Mami abgeholt wurden (natürlich Mami, Papa muss ja Leitartikel über die Gefahren der frühkindlichen Betreuung schreiben). Die so gewonnene Zeit stecken die selbstsüchtigen Mütter dann in die Selbstverwirklichung in der Hausarbeit, aber das ist halt die moderne Verwahrlosung.

Man verzeihe mir den etwas ätzenden Tonfall hier, aber dieses konservative Romantik-Blimblim von der Mutter, die sich mit einem Lächeln im Gesicht den ganzen Tag um ihre Kinder kümmert kann nur von denen entworfen werden, die nie dabei sind. Kinder sind stressig, Hausarbeit macht sich nicht von allein und liegt in dem Szenario immer auch bei Mama, und viel anderes Zeug fällt nebenbei ja auch an. Und nur, weil die Kinder den ganzen Tag daheim sind, sind sie deswegen nicht rundum liebevoll dauerbetreut. Woher sonst würden die Schreckensszenarien unserer Leitartikler kommen, die die verwahrlosten Kinder der Hartz-IV-Alleinerzieherinnen vor dem Fernseher degenerieren sehen? Die Zahl der Alleinerziehenden, Stefan Pietsch hat darauf hingewiesen, hat sich mehr als verdoppelt. Er sieht darin einen Moralverfall, weil die Leute sich nicht mehr zusammenreißen. Vielleicht liegt es auch daran, dass weniger Männer ihre ökonomische und gesellschaftliche Machtstellung verwenden können, um Frauen in unglücklichen Beziehungen zu halten?

Denn bei allem Gerede von Moral und Eigenverantwortung, durch das Betonen der „Natürlichkeit“ der Mutter-Kind-Beziehung bleibt diese Verantwortung ja doch bei der Mutter hängen. Damned if you do, damned if you don’t: geht die Mutter arbeiten, ist sie eine Rabenmama, die den Nachwuchs in die Kita abschiebt, geht sie nicht arbeiten, ist sie ein Sozialschmarotzer und liegt nur der Gemeinschaft der produktiven Steuerzahler auf der Tasche. Natürlich wäre es schön, wenn wir als Gesellschaft die Verantwortung gleicher verteilen, aber mit einem reinen Appell an die Eigenverantwortung derer, die sich aus dem Geschäft herausziehen, geht das nicht. Da ist es auch geradezu naiv, wenn Pietsch in seinem Artikel betont, dass bei Krankheit der Kinder den Eltern ja gesetzliche Ausfalltage zustehen. Ohja, das tun sie. Und Arbeitgeber und Kollegen sind auch immer total verständnisvoll, wenn sich dieses Problem auftut. Das war ironisch, falls das nicht klar wurde.

Natürlich gibt es immer eine Rückfallposition: Kinder  zu bekommen ist eine persönliche Entscheidung, und wer sie getroffen hat, soll gefälligst auch damit leben. Ok, das ist fair. Gleichzeitig haben die gleichen Leute aber auch selten ein Problem damit, die geringen Geburtenzahlen in Deutschland zu beklagen und Frauen, die bis 30 nicht schon 2,4-mal geworfen haben, egoistischen Karrierismus vorzuwerfen. Schließlich ist es ja schon verachtenswert zu warten, „bis die biologische Uhr fast abgelaufen ist“. Wie so oft wollen die Konservativen den Kuchen gleichzeitig essen und behalten. Bekommen Frauen keine Kinder, sondern arbeiten stattdessen, sind sie böse. Bekommen sie Kinder und arbeiten nicht, sind sie böse, weil sie auf das Ehegattensplitting angewiesen sind und bei Scheidung Alleinerziehende werden und Ansprüche stellen. Machen sie beides, sind sie Rabenmütter. Damned if you, damned if you don’t.

„Aber was ist mit dem Kindeswohl?“ mögen nun manche fragen. Schließlich haben wir Artikel aus der FAZ und Zeit, die mit zahllosen Anekdoten den Mangel an einer empirischen Basis auszugleichen versuchen. Und dann gibt es da noch die von Pietsch verlinkte Studie, deren erste zwei Zeilen (!) darauf hinweisen dass sie von 2006 ist sie „nur noch historisch interessant“ und mittlerweile völlig veraltet ist. Ich habe zwei große Kritikpunkte an der Argumentation, denen ich jedoch eine Zustimmung vorschieben möchte.

Denn selbstverständlich ist es schlecht, wenn Kinder total gestresst bei mangelhaft qualifizierten Betreuern abgegeben werden, die in einem nicht hinreichenden Betreuungsschlüssel arbeiten und keine adäquate Unterstützung erfahren. Und wenn die Kommunen eine Kita in einem alten Schlecker-Verkaufsraum einrichten, ein paar Bücher und gespendete Spielzeuge hineinwerfen und die Schaufenster mit Milchglasfolie leidlich blickdicht machen und dann Erzieherinnen hineinschicken, die einen Sechs-Wochen-Crashkurs hatten, dann ist das natürlich nicht im Sinne des Erfinders.

Aber, Newsflash, wenn man etwas ohne richtige Ausbildung und mit unzureichenden Mitteln macht kommt selten etwas Vernünftiges heraus, ob im öffentlichen oder privaten Bereich. Und die Verbesserungen der letzten zehn Jahre sind gewaltig, und sie werden weiterhin erzielt. Die Garantie machte eine schnelle Expansion nötig, bei der viel beschissen wurde und sicher auch viel Mist passiert ist. Aber seither steigt die Qualität kontinuierlich. Natürlich nicht in dem Tempo wie das wünschenswert wäre, aber das ist nun wahrlich nichts, was sich nicht durch Geld lösen ließe, auch wenn der Konservative nun mit Gänsehaut erschaudert.

Der zweite Kritikpunkt ist die immer noch dünne empirische Lage. Ja, es gibt Studien, die Belege für die These bringen, dass Kinder, die in jungen Jahren in großem Umfang betreut wurden, eine leicht erhöhte Affinität zu Verhaltensstörungen haben. Gleichzeitig weisen dieselben Studien auch höhere kognitive und linguale Kenntnisse nach. Wie viel davon ein statistisches Artefakt ist, das – angesichts des Alter der Studien – durch die sprunghafte Steigerung der Kindesbetreuung entstanden ist, bleibt unklar. Selbst wenn wir annehmen, dass dieser Effekt sich konsistent nachweisen lässt (bereits eine höchst fragwürdige Prämisse), so scheinen mir die Ergebnisse doch eher im Rahmen dessen zu liegen, was Studien zu den Rechtschreibkenntnissen von Grundschülern herausgefunden haben: leichte Verschiebungen durch Vorteile im einen und Nachteile im anderen Bereich. Das wirkt fast so, als ob es keine perfekte Lösung gäbe, die nur Vorteile hätte. Es sei noch einmal auf die Ironie des vorangegangenen Satzes hingewiesen.

Dazu kommt, dass die dramatischsten Beispiele ohnehin selten sind: Kinder unter einem Jahr befinden sich nur in 1,6% (Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz) bis 7,6% der Fälle (Sachsen-Anhalt) in Betreuung (Zahlen für alle Formen, nicht nur Ganztag); der bundesdeutsche Durchschnitt liegt bei 2,5%. Der Untergang des Abendlands muss also wohl ausfallen; die große Mehrzahl der Kinder geht weiterhin erst mit mindestens einem Jahr in Betreuung. Hier schnellen die Zahlen dann auf zwei Drittel (1-2 Jahre) beziehungsweise vier Fünftel (2-3 Jahre) an. Aber wie bereits oben beschrieben hat das durchaus positive Effekte.

Was also ist das Fazit? Für mich läuft es letztlich auf eine Reihe banaler Erkenntnisse heraus. Wenn der Staat seine Aufgaben nicht richtig erfüllt, weil er seine Angestellten nicht richtig ausbildet und seine Institutionen nicht richtig finanziert, kommt nichts Vernünftiges dabei raus. Wenn er das tut, sind die Ergebnisse ordentlich. Wenn Eltern ihre Aufgaben erfüllen und ihre Verantwortung wahrnehmen, dann können Kinder auch werktags zehn Stunden betreut werden und erfahren trotzdem Elternbindung und Elternliebe. Wenn Eltern ihre Aufgaben nicht erfüllen, macht es für das Kind wenig Unterschied ob es zuhause oder in der Kita verwahrlost.

Die ganze Diskussion läuft auf einem grundsätzlichen Level um Moral und Konsequenzen, die sie nicht verdient. Unsere Lebensmodelle haben sich gewandelt. Der Doppelverdiener-Haushalt ist Standard. Das ist politisch seit drei Jahrzehnten gewollt und wurde auch von den Konservativen massiv befeuert. In diesen dreißig Jahren hat man sich ewig hinter der Idee versteckt, dass Großeltern einspringen oder die Frau die Doppelbelastung stemmen könnte. Als diese Lebenslüge platzte, weil in den letzten zehn Jahren eben dieser gesellschaftliche Wandel massiv eintrat, musste schnell gehandelt werden. Was wir aktuell erleben ist die Pubertät eines neuen Systems, mit all den Haklern, Problemen und Wachstumsschmerzen. In zehn Jahren wird das alles normal sein, und man wird mit dem gleichen Befremden auf diese Diskussion blicken, mit der man heute auf die Kulturkämpfe lang vergangener Dekaden zurückblickt.

Einige Statistiken: http://www.kindergartenpaedagogik.de/1650.html

 

{ 53 comments… add one }

  • Rauschi 16. Februar 2017, 08:03

    Vielen Dank für diesen aufklärerischen Artikel, ich musste mehrfach herzhaft lachen, Sie bringen es sehr gut auf den Punkt. Auch die Zahlen zur tatsächlichen Anzahl der Kinder in Betreuung ist wichtig, sonst gehen die Relationen verloren.

    Gruss Rauschi

  • Wolf-Dieter Busch 16. Februar 2017, 09:36

    Das war mal ein Artikel mit Verve. Nicht schlecht.

    • Stefan Sasse 16. Februar 2017, 10:11

      Ich bin eigentlich kein Freund der Verve, weil da schnell ad-hominem-Attacken geführt werden und die Diskussion in ein Anschreien verkommt. Aber bei dem Thema bin ich etwas emotional.

      • Wolf-Dieter Busch 16. Februar 2017, 10:33

        Was hat Verve mit „ad hominem“ zu tun? Du hast Pietschs Aussagen kritisiert, nicht seine Ehre in Frage gestellt. Im Gegenteil: Verve muss.

        Kleine Ergänzung, das Konzept „Kernfamilie“ ist nicht naturgegeben, sondern hat sich herausgebildet seit der Romantik.

        • In Dubio 16. Februar 2017, 10:51

          Hey, Jungs, alles gut! Das Thema soll emotional sein.

  • In Dubio 16. Februar 2017, 09:41

    Leider fühle ich mich nicht korrekt wiedergegeben. Das ist aber nur ein Seitenaspekt. Trotzdem zur Klarstellung: Es geht um Fremdbetreuung, nicht um die staatliche Obhut. Warum sollte sie im Privaten auch anders aussehen? Der Staat setzt die Ausbildungsbedingungen, er agiert als Preissetzer und alle fischen aus dem gleichen Pool von Erzieherinnen.

    Interessant ist, dass Dir der eigentliche Kern keine Ausführungen wert ist. Die teuren und kostspieligen Studien schrumpfen zu „Befragungen“. Und wie jeder argumentierst Du aus der Sicht der (potentiellen) Eltern, es ging aber um etwas anderes: Was tun wir unseren Kindern an?

    Amüsant ist der Kern Deines Artikels. Er folgt dem Gelöbnis der Bequemen, der Staatsbediensteten und vieler Politiker: Nun nehmen wir uns alle ganz fest an die Hand und sagen: „es wird schon gut!“

    Du streichst heraus, dass Erzieherinnen besonders prädestiniert seien, Kinder zu betreuen – weit eher als Eltern, denn man hätte es gelernt, sei ein Profi. Da fühlst Du Dich einfach überfordert. Nun, dann hättest Du Dir diese Erzieher einmal ansehen müssen und nicht nonchalant darüber hinweg gehen, sind schon gut.

    Was ist das Kennzeichen einer hohen Qualität? Ein Ausleseprozess. Den gibt es im Erzieherberuf nicht, jeder, der die Ausbildung beginnt, schließt sie auch ab. Es gibt zahlreiche Schulen, die den Ruf genießen, das ungeeignete untere Drittel durchzuschleusen. Mir selbst sind einige Fälle bekannt, wo Ausbilderinnen (ja, immer Frauen) selbst die Abschlussarbeiten geschrieben haben. Zum Vergleich: das Examen zum Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer bestehen nur 10-50 Prozent der Teilnehmer. Es gibt gute Gründe, einem Steuerberater mehr zu vertrauen als einer Erzieherin.

    Wie im Artikel erwähnt sind fast alle aktiven Erzieherinnen unter 40, häufig kinderlos und Halbtagskräfte. Was folgerst Du daraus? Kurz: nichts. Erste Frage: wie soll ein ganztägig untergebrachtes Kind von einer einzigen Vertrauensperson unter diesen Umständen betreut werden? Als Konsequenz in der Schule behandelt wurde, haben wir leider gefehlt. Würden wir Aktien von einem Bankberater kaufen, der selbst keine hält, vielleicht irgendwann mal? Aber wir haben kein Problem, unsere Kinder zu jungen Frauen zu geben, die manchmal die eigene Tochter sein könnte.

    Unsere Mütter hätten uns sagen können, dass Kindererziehung vor allem etwas mit Empathie und Erfahrung zu tun hat. Beides wird an Schulen nicht gelehrt. Ist es nicht heroisch anzunehmen, eine 25jährige, die nachts noch um die Häuser zieht, würde dem eigenen Kind mehr Einfühlungsvermögen entgegenbringen als man selbst?

    Wie sieht denn das Professionelle aus? Ein ganz zentraler Punkt bei der Arbeit mit Kleinstkindern ist die sogenannte Eingewöhnung. Das Kind wird im Beisein der Mutter an den Hortbesuch gewöhnt, eine Erzieherin dient als Bezugsperson. Diese Phase dauert je nach Alter und Umstände 2-8 Wochen. In der Studie ist zu lesen, dass es dazu besonders qualifizierten Personals bedarf. Leider wird an den Schulen dafür nicht explizit ausgebildet. Richtig, das ist eine sehr anspruchsvolle Tätigkeit. Aber das ist es nur in der Fremdbetreuung, im Privaten lassen sich Kinder sehr leicht an neue Personen gewöhnen, das geht spielend. Erst die Fremdbetreuung macht aus selbst verursachten Gründen eine Wissenschaft daraus. Daneben ist es eine echte Herausforderung (woran die meisten Einrichtungen scheitern) eine Erzieherin konsequent ohne Urlaub und Krankheit 2 Monate für eine Eingewöhnung abzustellen. Das ist die Praxis, Stefan.

    Ich begleite meine Frau sein 2 1/2 Jahrzehnten in diesem Bereich. In jedem Verfahren wegen eines Delikts ist pro Täter vorgegangen worden.

    – Im Waldorfkindergarten prügelte eine Erzieherin. Gegangen sind die Personen, die die Vorfälle anzeigten.
    – Eltern misshandelten ihr Kind, vor allem seelisch. Leitung wie Vereinsträger scheuten vor einer Anzeige, dem vorgeschriebenen Verfahren zurück. Die Eltern könnten ja die Einrichtung verklagen.
    – Ein ständiges Ärgernis sind die vielen Fehlzeiten. Diese werden jedoch weder geahndet noch verfolgt „Wer krank ist, ist krank“. Auch dadurch tritt eine Überlastung der Erzieherinnen ein, während sich die Vorgesetzten in die Büsche schlagen: Wir haben uns ja alle so lieb!

    Brandaktueller Fall: Eine junge Afrikanerin – reich, snobistisch, egoistisch – betrügt bei ihren Arbeiten (Copy & Paste). In jedem anderen Bereich ein schweres Vergehen, das häufig den Ausschluss nach sich zieht. Die Anleiterin bringt den Vorfall zur Anzeige bei der Schule wie der Einrichtung und legt das Mandat nieder. Beim anschließenden Krisentreffen wird vereinbart: die angehende Erzieherin darf ihre Ausbildung fortsetzen, eine andere Stelle wird gesucht. Bis diese gefunden ist, darf die Trainee unter wohlwollendem Zunicken der Einrichtungsleitung krank machen (also formal weiter betrügen). Alles bestens. Am Ende darf die Schülerin ungeahndet der ehemaligen Anleiterin rassistische Motive unterstellen.

    Der Fisch stinkt immer vom Kopfe her. Es fehlt an qualifiziertem Leitungspersonal. Führung muss vor allem eins: nein sagen. Das ist schwer, denn jeder will geliebt werden und wer nein sagt, macht sich unbeliebt. In den Leitungspositionen der Kindergärten sind entweder verdiente Erzieherinnen oder junge Studierte ohne jede Berufserfahrung. Ach ja, und den Typus Beamter sowie gelernte Betriebsrätin gibt es auch noch. Mit keinem dieser Charaktere wird man in Leitungspositionen glücklich. So regiert der Frust in den Einrichtungen. Was sagt es über eine Branche, wo die vielen Planstellen dazu führen, dass ausschließlich jeder den Job bekommt, für den er sich bewirbt. Aber klar, das sind ja alles Profis.

    Zum Schluss:
    Die Zahl der Alleinerziehenden, Stefan Pietsch hat darauf hingewiesen, hat sich mehr als verdoppelt. Er sieht darin einen Moralverfall, weil die Leute sich nicht mehr zusammenreißen. Vielleicht liegt es auch daran, dass weniger Männer ihre ökonomische und gesellschaftliche Machtstellung verwenden können, um Frauen in unglücklichen Beziehungen zu halten?

    Das hätte was für sich, wenn sich das mit Daten untermauern ließe. Danach sind also die ostdeutschen Frauen doppelt so selbstbewusst wie die westdeutschen? Und irgendwie geht die Planung nicht auf: während Kinder in intakten Beziehungen kein Armutsrisiko darstellen, landen 90% der Alleinerziehenden in der Armutsfalle. Tja, irgendwie nicht richtig kalkuliert. Ich könnte auch einfach sagen, diese Theorie ist einfach Stuss. Tatsächlich bescheinigen Paartherapeuten den heutigen Paaren weit weniger Leidenschaft, an einer Beziehung zu arbeiten, wenn die Verliebtheit mal dahin ist. Auch in der Liebe sind die Menschen Konsumenten geworden.

    In meinem Team leben gerade 40% in einer Paarbeziehung, rund die Hälfte davon verheiratet, eine ist alleinerziehend mit allen Kämpfen. Der wesentliche Teil hat seit Jahren keine ernsthafte Beziehung. Im familiären Umfeld sieht es nicht besser aus. Das deutet eher darauf hin, dass wir verdammt bequem geworden sind.

    In den vergangenen Jahren wie auch in diesem werden meine Frau und ich wieder auf Hochzeiten der U30-Generation sein. Allgemein lässt sich sagen: partnerschaftliches Denken ist da nur in Spurenelementen vorhanden, der Partner (vorzugsweise der Mann) dient als Wünscheerfüller frei nach „Vier Hochzeiten und vier Unterhalter“.

    Der Kern des Scheiterns liegt immer schon in der eigenen inneren Einstellung. Man kann das Konservative kritisieren. Aber das Neue sollte zeigen, dass es Dinge besser kann. Fassen wir uns einfach an die Hände.

    • Stefan Sasse 16. Februar 2017, 10:09

      Klar sieht das im Privaten genauso aus, aber in deinem Text werden Kitas wiederholt mit dem Staat gleichgesetzt – und das ist schlicht falsch.

      Darüber rede ich im Artikel ziemlich ausführlich? Wir bringen ihnen eine Menge praktischer und sozialer Kompetenzen bei.

      Der Kern deines Artikels ist genauso bequem: es war einfacher damals, als man alles auf die Frauen abgewälzt und das mit dem Argument der „Natürlichkeit“ dieses Arrangements legitimierte.

      Nun, meine Kinder gehen beide in eine kommunale Kita. Und was ich dort sehe bestärkt mich sehr in dem von mir beschriebenen Eindruck. Und ob jeder die Ausbildung abschließt ist relativ egal, wichtig ist, ob auch jeder einen Job kriegt. Wir haben beide bereits beschrieben, dass es einen Mangel an Erzieherinnen gibt. Was genau hilft dann eine Durchfallquote von 50-90%? Lieber eine schlechte Erziehering als einen schlechten Amateur, oder? Das ist ein Phänomen, das in jeder Branche bekannt ist: wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt, musst du halt auch die Pfeifen einstellen, die die entsprechende Qualifikation haben und gegebenenfalls nachqualifizieren.

      In unserer Kita sind etwa die Hälfte der Erzieherinnen 100% eingestellt. Grundsätzlich ist das aber ohnehin nicht so relevant, wie du das darstellst: Erzieherinnen haben auch Acht-Stunden-Tage, und wenn ein Kind zehn Stunden in der Kita ist, dann wird es zwangsläufig einen Wechsel der Beziehugspersonen erleben. Und weißt du was? Die Kinder kriegen das tatsächlich hin. Mein Sohn versteht problemlos, dass nachmittags Schichtwechsel ist, und er hat trotzdem ordentliche Beziehungen zu den Erzieherinnen (und Erziehern, bei uns arbeiten auch Männer, wenngleich viel zu wenige). Kinder überstehen auch ein Wochenende bei den Großeltern ohne große Verwirrung. Trau den Kleinen mal mehr zu.

      Empathie und Erfahrung. Valide Punkte. Erfahrung haben Mütter, darauf bin ich eingegangen, gerade beim ersten Kind exakt null. Klar verstehen Mütter (und Väter, auch die brauchen Empathie und Erfahrung und haben die Kinder mitzuerziehen, das ist kein Frauenjob) die kleinen Anzeichen etc. der Kinder besser als „fremde“ Erzieherinnen (übrigens sogar dann wenn die Kids ganztags in Betreuung sind, so schlecht kann die Bindung also nicht sein). Aber das Herausfordern dieser Dinger ist ein elementarer Teil des Größerwerdens. Eltern und ihre Kinder sind auch ständig in Versuchung, dieses „Expertenwissen“ zu benutzen. Klar weiß ich was meine Tochter mit ihren Variationen von „dada“ und dem Zeigen auf Gegenstände meint. Aber für sie ist das auch wahnsinnig bequem. In der Kita sind Profis damit beschäftigt, ihr beim Spracherwerb zu helfen, sind ausgebildet, Defizite zu erkennen. Ich hab zwei Kinder, aber ich fühl mich deswegen nicht sicher darin zu diagnostizieren, ob meine Tochter jetzt ein Sprachdefizit hat oder nicht (hat sie nicht). Da ist es schön, einen Profi fragen zu können, der den ganzen Tag mit dem Kind arbeitet und gegebenenfalls gegensteuern kann (was die übrigens auch von alleine machen, schriftlich dokumentieren und mir in regelmäßigen Entwicklungsgesprächen rückspiegeln). All das können Eltern unmöglich leisten. ABER WAS TUN WIR DEN KINDERN DA AN!

      Ich habe mittlerweile drei Eingewöhnungen mitgemacht (ein Kindergartenwechsel war dabei, da darfst das nochmal machen). Jedes mal hatten die Kinder eine klare Bezugserzieherin, die sich um sie gekümmert hat. Die Verweildauer wurde langsam gesteigert, anfangs mit Eltern, später waren wir da aber hielten uns raus, dann zum ersten Mal alleine. Nach zwei Wochen waren die Kids eingewöhnt. Professionelle Abläufe, super Betreuung. Das ist die Praxis, Stefan.

      Und klar gibt es schwarze Schafe. Die gibt es überall. Ich kann dir an dieser Stelle Beispiele von Eltern auflisten, die ihre Kinder vernachlässigen oder misshandeln. Aus denen kann ich ein Plädoyer für 100%-Staatsbetreuung 24/7 auf die Art ableiten, mit der du hier ein Plädoyer für wenig Betreuung ableitest. Solange du im Bereich des anekdotischen bleibst, bewegst du hier gar nichts.

      Und Krankheitstage müssen sanktioniert werden?! Hast du dich noch alle? An nur wenigen Arbeitsplätzen sind die Krankheitszahlen so hoch wie in Kindergärten, dicht gefolgt von Grundschulen und dann weiterführenden Schulen. Sowohl meine Frau als auch ich sind relativ häufig krank (beide Lehrer) im Vergleich zu anderen Arbeitnehmern. Weißt du warum? Weil du auf engstem Raum mit Kindern zusammen bist. Wie oft kriegen Eltern Schnupfen, wenn das Kind Schnupfen hat? Als Erzieher und Lehrer hast du 30 Kids um dich rum. Eins von denen ist eigentlich immer krank, und bis du gegen die ganzen Kinderkrankheiten Immunitäten aufbaust brauchst du ein paar Jahre. Aber sorry, ich wollte dich nicht den realen Bedingungen der Praxis aus deiner ideologischen Ablehnung dieses Berufszweigs zerren.

      • Wolf-Dieter Busch 16. Februar 2017, 11:09

        Gerade aus dem Kindergarten fängst du die faszinierendsten Erreger ein – ein farbenprächtiger Dschungel von Keimen!

        Aus dem Praktikum meiner Ex im Kindergarten fing ich (!) mir damals einen Keuchhusten ein. Der wirkt fort, nachdem der Erreger längst hin ist. Pittoresk, kann ich sagen.

        • In Dubio 16. Februar 2017, 11:22

          Ja, wieder so ein schöner Punkt, der bereits in meinem Artikel angeklungen ist: rücksichtslos bringen Eltern ihre Kinder in die Einrichtung, wodurch erst solche Epidemien möglich sind.

          Daneben geht Ihr Argument aber nicht auf: typischerweise bilden Menschen, die dauernd mit Krankheiten zu tun haben, verstärkt Abwehrkräfte. Hören Sie solche Klagen von Ihrem Hausarzt?

          • Wolf-Dieter Busch 16. Februar 2017, 11:39

            Erkrankungen sind einenteils nicht sofort so sichtbar und anderenteils nicht so bekannt wie Masern und Mumps.

            Das menschliche Immunsystem muss die Immunabwehr erst „lernen“. Da machste nix.

            Und die Ärzte? Kennen erstens aus (von Berufs wegen, incl. Prophylaxe), und zwotens dürften sie eine gewisse Immunabwehr vor längerer Zeit ufgebaut haben.

            • Stefan Pietsch 16. Februar 2017, 12:56

              Wenn Eltern ihren Kindern Medikamente geben, damit sie fit für den Kindergarten sind, wissen sie sehr wohl, was sie tun.

              • Wolf-Dieter Busch 16. Februar 2017, 13:39

                Stefan, jetzt mal seriös, einer von uns beiden (nicht ich) dreht gerade frei.

                • Stefan Pietsch 16. Februar 2017, 13:43

                  Ja, die Innenansicht ist oft häßlich und schwer erträglich. Jeder heterosexuelle Mann kennt diese Erfahrung. 😉

              • Wolf-Dieter Busch 16. Februar 2017, 13:56

                Um es auf den Punkt zu bringen, du bringst Vorkommnisse, die deine Frau beruflich erlebt haben mag, als Regelfall in diese bildungspolitische Diskussion ein? (Alles andere als Regelfälle sind hier irrelevant, wie du sehr genau weißt.)

          • Stefan Sasse 16. Februar 2017, 13:04

            Total rücksichtslos. Woran mag das nur liegen? Vielleicht weil Arbeitgeber glauben, einen siebten Sinn zu besitzen, der vorgetäuschte Krankheitstage ausschnüffeln lässt? Dass sie Angst haben, im Betrieb massiv benachteiligt zu werden, wenn sie wegen der kranken Kinder eine Auszeit nehmen? Das ist die andere Seite der Medaille.

      • In Dubio 16. Februar 2017, 11:17

        Nein, ich bin ja nicht generell gegen Fremdbetreuung. Ich schlage nur nicht in dieses „Great!“ ein. Müssen uns Wissenschaftler wirklich sagen, dass Kinder nicht 10 und mehr Stunden fremdbetreut werden sollen? Wo siehst Du im Hause Schwesig widergespiegelt, dass die Betreuungsqualität zu steigern ist (Politik)? Warum haben wir ein gesellschaftliches Problem damit, Elternschaft zu stärken?

        Wir haben beide bereits beschrieben, dass es einen Mangel an Erzieherinnen gibt. Was genau hilft dann eine Durchfallquote von 50-90%?

        Dann kannst Du aber nicht gleichzeitig schreiben, das Personal sei so hochqualifiziert. Zum Profitum gehört ein Ausleseprozess. In jedem Bereich.

        In der Kita sind Profis damit beschäftigt, ihr beim Spracherwerb zu helfen, sind ausgebildet, Defizite zu erkennen.

        Tatsächlich? Eine Erzieherin muss sich selbst bei günstigem Verteilungsschlüssel um 3 Kinder gleichzeitig kümmern, während Du Dich manchmal mit einem schon überfordert fühlst. Die EZB-Kindergärten bieten beste Arbeitsbedingungen. Trotzdem haben sie große Probleme, Personal zu finden. Viele scheuen schon wegen der englischen Sprache zurück. Und die Mehrsprachigkeit erlernen die Kleinsten nicht in der Kita, sondern durch ihre Eltern. Echte Sprachprobleme werden nicht in der Kita behoben, sondern bei Experten.

        Professionelle Abläufe, super Betreuung.

        Schön, aber mehr als das was ich schreibe, ist das nur eine Anekdote. Von den gescheiterten Fällen bekommst Du nichts mit und jede einzelne gescheiterte Eingewöhnung ist für alle Beteiligte ein Desaster.

        Und Krankheitstage müssen sanktioniert werden?! Hast du dich noch alle?

        Die rechtlichen Möglichkeiten sind da tatsächlich sehr eingeschränkt. Aber wenn eine 50jährige über Jahre die mit Abstand geringsten Fehlzeiten aufweist, stimmt etwas nicht. Es stimmt etwas nicht, wenn ein Mensch in seinen 20ern für eine Erkältung 3 Wochen und für Magen-Darm 2 Wochen veranschlagt. Es stimmt etwas nicht, wenn eine Rückkehrerin aus der Elternzeit auf eine Vollzeitstelle beharrt, die Folgewochen bis auf wenige Tage krank ist und dann glücklich verkünden kann, wieder schwanger zu sein. Für die gesamte Zeit der Schwangerschaft erhält sie dann volles Gehalt ohne arbeiten zu müssen.

        Es gibt übrigens für Vorgesetzte eine Faustformel: je dramatischer die Schilderung des sich krank Meldenden, desto getürkter.

        Noch etwas: es gibt eine interessante Beobachtung in den Gruppen meiner Frau. Immer wenn sie Urlaub hat, schnellen die Krankheitstage nach oben. Wohl ein Artefakt…

        • Stefan Sasse 16. Februar 2017, 12:10

          Du bist zu gut erzogen um in Caps zu schreiben, aber „was tun wir unseren Kindern an“ klingt sicherlich nicht wie „ich bin gar nicht dagegen und eigentlich geht es mir nur um die PR“.

          Sollte den Komparativ verwenden: qualifizierter. Selbst jemand der die Ausbildung mehr schlecht als recht abschließt hat aktuell einen höheren Ausbildungsgrad als jemand, der Seiteneinsteiger ist. Heißt natürlich nicht, dass die zwingend bessere Arbeit machen, das ist klar.

          Reden wir jetzt von Mehrsprachigkeit für die europäische Wirtschaftselite oder von stinknormalen kommunalen Kitas? Da lernen die Kinder genau eine Sprache, nämlich Deutsch. Und drei Kinder haben manche Eltern auch?

          Klar. So wie jedes gescheiterte wirtschaftliche Projekt für die Beteiligten ein Desaster ist. Aber wie oft scheitert denn die Eingewöhnung? Ich kenne persönlich überhaupt keine solchen Fälle.

          Sagte ja bereits: der Aufbau von Immunitäten gegen den ganzen Mist dauert eine Weile. Und sorry wenn es für dich total unbequem ist, aber Schwangerenschutz ist für die Beteiligten elementar. Der Druck dem sich Schwangere im Betrieb oft ausgesetzt sehen, gerade von verständnislosen Vorgesetzten wie dir hier, ist enorm. Das Gehalt wird im Mutterschutz für zehn Wochen weitergezahlt, ja, aber das kriegt der Arbeitgeber am Ende vom Jahr in der Steuererklärung vom Staat zurück. Lass mal die Pferde im Stall. – Grundsätzlich ist das ein Thema für einen eigenen Artikel, aber alle Glieder der Gesellschaft müssen in Zukunft mehr in Pflicht genommen werden, sowohl für Kinder als auch für alte. Und dazu gehört, dass Schwangere in die Betriebe integriert bleiben.

          Es gibt noch so eine Faustformel: Chefs treffen reichlich willkürliche Entscheidungen auf Basis irgendwelcher Faustformeln und persönlicher Vorlieben, die sie dann als eisenharte Regeln des Geschäfts und aus Erfahrung gewonnene Intuition ausgeben.

          • In Dubio 16. Februar 2017, 13:18

            Wie ausgeführt sehe ich die frühkindliche Fremdbetreuung kritisch, was nicht bedeutet, dass ich sie ablehne. Doch während wir schnell dabei sind, für jeden Blödsinn Regulierungen zu fordern (Arbeitszeit, Ladenöffnungszeiten, Finanzmarktregulierung), ist bisher keiner auch nur auf die Idee gekommen, die Fremdbetreuung von Kleinstkindern auf beispielsweise 6 Stunden pro Tag zu beschränken. Sind Kinder weniger wichtig als Leerverkäufe? Im Alter von 4-6 Jahren sehe ich, gerade bei benachteiligten Kindern, Vorteile im Kindergartenbesuch. Ist eigentlich nicht so schwer.

            Selbst jemand der die Ausbildung mehr schlecht als recht abschließt hat aktuell einen höheren Ausbildungsgrad als jemand, der Seiteneinsteiger ist.

            Was denkst Du eigentlich, was den Erziehern in der Ausbildung beigebracht wird? Siehst Du Dir den Querschnitt in den Kitas an, so ist da mitnichten die Creme der didaktischen Kompetenz. So bleiben die meisten Erzieherinnen gerade in den Wintermonaten lieber in der Einrichtung. Ihnen selbst ist es draußen zu kalt und die ganze Gruppe anzukleiden macht zuviel Arbeit. Da kann der Lernplan noch so sehr empfohlen haben, Kinder an der frischen Luft zu bewegen.

            Erzieherinnen verhalten sich nicht wesentlich anders als Durchschnittseltern: die einen sind streng, achten auf Disziplin und Ruhe. Die anderen lassen die Kinder in ihrer Gruppe toben wie sie wollen. Eltern, die mehrere Kinder haben, wissen häufig, in welcher Gruppe sie ihren Nachwuchs sehen wollen – und in welcher nicht.

            Da lernen die Kinder genau eine Sprache, nämlich Deutsch.

            Nicht, wenn Du ein Übergewicht von Kindern mit Migrationshintergrund ohne Deutschkenntnisse hast. Das ist keine Schule, wo ggf. auch gebüffelt wird. Deswegen ist ja eine meiner Forderungen, die öffentlichen Mittel so zu konzentrieren, dass diesen Problemgruppen eine hochwertige Erziehung gegeben werden kann. Und das ist nicht die Ausbildung einer durchschnittlichen Realschülerin (=geringqualifiziert) plus geschenkter Ausbildung (=Fachkraft).

            Und sorry wenn es für dich total unbequem ist, aber Schwangerenschutz ist für die Beteiligten elementar.

            Schon entschuldigt. Nur scheinst Du hier nicht sattelfest. Es geht nicht um den Schwangerenschutz, der besagt, man darf eine werdende Mutter nicht entlassen und muss ihren Arbeitsplatz erhalten. Es geht um den seit längerem im Sozialbereich ausgeweiteten Schutz. Sobald eine Schwangerschaft vorliegt, wird medizinisch geprüft, ob ein vollständigerer Immunschutz vorliegt. Das ist nur höchst selten der Fall. Die Konsequenz: die Erzieherin wird sofort von der Arbeit freigestellt – bis zur Entbindung. Wohlgemerkt: sie gilt nicht als krank und hat damit Anspruch auf volle Bezüge für 9 Monate. Der Großteil der Schwangeren legt in diesem Bereich große Hoffnungen darauf, nicht immun zu sein.

            Das Spiel geht noch weiter: die Frauen sind selbst fast immer die vollen 3 Jahre abwesend, kehren meist danach für wenige Wochen zurück (beharren seltsamerweise dann auf eine Vollzeitstelle), und sind völlig überraschend danach wieder schwanger. Die Politik, die so gegen befristete Beschäftigungsverhältnisse wettert, praktiziert dies bei Erzieherinnen bis zum Exzess: Befristung aller Orten, stets als Schwangerschaftsvertretung.

            • Stefan Sasse 16. Februar 2017, 21:31

              Du siehst mich einigermaßen fassungslos. Dafür dass du den Linken ständige wirklichkeitsfremde Regulierungswut vorwirfst hast du echt wenig Probleme elementar in die Lebensgestaltung von Menschen reinzufunken, wenn es ideologisch ins Schema passt.

              Deine Pauschalisierungen, die auf reinem Hörensagen beruhen, sind langsam echt nervig. Irgendwelche fundierte Empirie für die angeblich so miese Qualität kriegt man von dir nicht. Dafür aber eine Menge „was Menschen halt so machen“. In unserer Kita gehen die Kinder winters wie sommers raus. Jeden Tag, es sei denn, es regnet Hunde und Katzen oder das Wetter ist gesundheitsgefährdend (-10 Grad oder so). Hab noch nie was anderes erlebt.

              Dass Erzieher unterschiedliche Typen haben spricht ja gerade für die Kita: auf die Art lernen die Kinder von Anfang an, mit verschiedenen Typen umzugehen. Ist an der Schule ja nicht anders. Und jeder Typ hat so seine Vorteile und Nachteile.

              In der Kita kriegen sie auch ohne Deutschkenntnisse keine andere Sprache beigebracht, aber ich geb dir in der Sache Recht.

              „Der Großteil der Schwangeren“? Schon wieder so eine Pauschalisierung, die durch nichts gedeckt ist. Dass das möglich ist – geschenkt. Genauso schreibt dich jeder Arzt sofort eine Woche krank, wenn du ihm erzählst, dass du gestern Durchfall hattest und dich irgendwie übel fühlst. Trotzdem macht das nicht „ein Großteil der Arbeitnehmer“. Danach machst du genauso weiter: „fast immer“ sind 3 Jahre weg und werfen dann gleich wieder. Weißt du was spannend ist? Wenn man auf die Seite des statistischen Bundesamts geht, findet man Zahlen dazu. 41,6% der Frauen, deren jüngstes Kind unter drei Jahren alt ist, befinden sich in Elternzeit. Das ist nichtmal die Hälfte. Siehe hier: https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/Indikatoren/QualitaetArbeit/Dimension3/3_9_Elternzeit.html Fakten schlagen halt doch Vorurteile und Anekdoten.

              • In Dubio 17. Februar 2017, 06:58

                Das war eine offene Frage, keine Empfehlung. Ich frage mich, wie Linke immer diesen Twist hinbekommen: für laissez faire in allen gesellschaftspolitischen und innenpolitischen Fragen einzutreten, aber in Wirtschaftsdingen strenge Regulierungen zu fordern, weil die Menschen Freiheiten zur Ausbeutung ausnutzen. In jeder Diskussion zu solchen Themen werde ich gefragt: aber der Staat darf doch Regeln vorgeben? Und ich nicke brav, ja, der Staat hat das Recht und die Pflicht Leitplanken zu setzen. Warum ist das plötzlich vergessen, wenn es um die Schwächsten geht und die Wahrnehmung von Verantwortung auch zu kontrollieren? Du, Stefan, bist in der Rechtfertigungspflicht – sobald Du Deine Fassung wiedergefunden hast. Also, warum sehen wir es als erforderlich an, gesetzlich zu bestimmen (und mit Strafen zu belegen), dass Menschen nicht mehr als 8 Stunden am Tag, 48 in der Woche arbeiten, sehen aber keinen Bedarf vorzuschreiben, dass 1jährige nicht länger als diese Zeit fremdverbracht werden?

                Zu Deinem Genervtsein: In dem Ganzen hast Du vergessen, dass Du im Argumentationsrückstand bist. hochwertige Studien sind zu einfachen Befragungen geschrumpft, Einzelerfahrung zum generellen Standard aufgepumpt. Aber: Du wolltest eigentlich zeigen, wo die Arbeit an einem 1jährigen Mädchen so hochwertig ist, dass sie Profis überlassen werden sollte. Gut, mit der Sprache, das war nicht so. Immerhin, sie lernen unterschiedliche Typen kennen und lernen so den Unterschied zwischen chaotischen Stubenhockern und disziplinierten Frischluftgängern. Das bildet unheimlich und lässt dem Kind die Wahl, was es mal werden möchte – nachdem es den Kaufmannsladen wieder ruiniert hat.

                Trotzdem macht das nicht „ein Großteil der Arbeitnehmer“.

                Das hat keiner geschrieben, nicht mal beim Großteil der Erzieherinnen. Weil Du Daten vermisst (die für diesen Bereich nicht separat veröffentlicht werden): Der öffentliche Dienst liegt bei den Fehlzeiten uneinholbar vorn, dort fehlt ein durchschnittlicher Arbeitnehmer allein wegen Krankheit über 4 Wochen – und da sind die eigentlich wenig gesundheitsgefährdenden Jobs in der Finanzverwaltung schon mitgezählt. Weißt Du, was Fehlzeiten von 4-6 Wochen (das darf ich hier wohl seriöserweise unterstellen) für eine Kita bedeuten? Es bedeutet, dass bei einem Schlüssel von 3:1 die eine Erzieherin gedoppelt werden muss, wenn sie dazu nicht Vollzeit arbeitet, Fortbildungs- und Konzeptionstage hat. Weder ist eine solche Anzahl an Kräften auf dem Markt verfügbar noch bezahlbar. Auch deswegen die Unterauslastung der Kindergärten und die Überlastung der Mitarbeiterinnen. Aber das ist ja Unternehmensgeschwätz.

                „fast immer“ sind 3 Jahre weg und werfen dann gleich wieder. Weißt du was spannend ist? (..) Wenn man auf die Seite des statistischen Bundesamts geht, findet man Zahlen dazu. 41,6% der Frauen, deren jüngstes Kind unter drei Jahren alt ist, befinden sich in Elternzeit.

                Tja, jetzt hast Du einfach mal die 42jährige Top-Managerin, die nach ein paar Wochen wieder arbeiten geht, mit der 28jährigen Erzieherin in einen Topf geworfen, die auf Hochzeit wartet, das Ganze umgerührt und ungenießbar gemacht. Tatsächlich arbeiten viele Frauen, so sie zuvor erwerbstätig waren, nach einem Jahr wieder – nachdem der Staat das Elterngeld zeitlich verkürzt hat. Fakt ist aber auch hier: Du lieferst vor allem Dir selbst keine Antworten auf statistische Anomalien. Warum arbeitet die typische Erzieherin nur halbtags, warum ist sie nur bis Anfang / Mitte 30 erwerbstätig und schmeißt damit eine jahrelange, „hochwertige“ Ausbildung einfach weg? Bevor Du Dir das Recht nimmst, Dich über Positionen aufzuregen, solltest Du einige Fakten mit Deinen eigenen in Einklang bringen.

                • Stefan Sasse 17. Februar 2017, 12:52

                  Der Twist ist ziemlich einfach: ich definiere Freiheit anders als du, beziehungsweise lege andere Schwerpunkte. Bei dir ist es die wirtschaftliche, bei mir mehr die soziale Freiheit. Denke das ist das ganze Geheimnis.

                  2011 (da hab ich eine Quelle gefunden: http://www.oeffentlichen-dienst.de/news/95-krankenstand/416-krankmeldungen-erreichen-hoechsten-stand-seit-15-jahren.html) waren im Öffentlichen Dienst Arbeitnehmer im Schnitt 13,2 Tage krank. Das liegt jetzt nicht dermaßen dramatisch über dem Durchschnitt und ist weit weg von 4-6 Wochen.

                  Solange du keine Zahlen hast, kannst du schlecht aus der Gesamtquote irgendwas erfinden. Meine 26jährige Erzieherin, die schnell wieder arbeiten geht weil ihr Mann Elternzeit nimmt, hilft schließlich gegenüber der 37jährigen Bankkauffrau, die keine Lust mehr hat und drei Jahre Auszeit nimmt, auch wieder um die Statistik ins Lot zu bringen.

          • In Dubio 16. Februar 2017, 13:31

            Aber wie oft scheitert denn die Eingewöhnung? Ich kenne persönlich überhaupt keine solchen Fälle.

            Jede 4. bis 3. – it’s a good guess.

            • Stefan Sasse 16. Februar 2017, 21:33

              Wo nimmst du diese Zahlen her? Einfach erfinden?!

              • In Dubio 17. Februar 2017, 07:02

                In der Einrichtung meiner Frau werden regelmäßig Eingewöhnungen gemacht, schließlich sind die Kinder dort 0-4 Jahre alt. Wie gesagt, good guess.

                • Stefan Sasse 17. Februar 2017, 12:53

                  Wie muss ich mir eigentlich die „gescheiterte“ Eingewöhnung vorstellen? Also was passiert dann?

                  • In Dubio 17. Februar 2017, 13:29

                    Das hat vielfältige Gründe, was ich alles subsummiert habe. Die Erzieherin bekommt das Kind nicht in den Griff, ist ungeeignet. Die Eingewöhnung wird zwar formal beendet, das Kind schreit aber danach regelmäßig und ist nicht integriert. Abbruch / Unterbrechung wegen Krankheit / Ausscheiden der Erzieherin, fehlende Kooperation der Eltern, Krankheit / Abwesenheit des Kindes.

                    • Stefan Sasse 17. Februar 2017, 20:12

                      Und das soll in einem DRITTEL aller Fälle passieren? Oder mindestens einem Viertel? Das halte ich für eine gewagte These.

    • Rauschi 16. Februar 2017, 10:27

      Unsere Mütter hätten uns sagen können, dass Kindererziehung vor allem etwas mit Empathie und Erfahrung zu tun hat. Beides wird an Schulen nicht gelehrt. Ist es nicht heroisch anzunehmen, eine 25jährige, die nachts noch um die Häuser zieht, würde dem eigenen Kind mehr Einfühlungsvermögen entgegenbringen als man selbst?
      Genau, alle jungen Menschen (in Ihrem Fall nur junge Frauen) sind vollkommen verantwortungslos und ziehen nur um die Häuser, wir sollten am besten nur die Omis wieder in der Job bringen, wenn das Alter das einzige Auswahlkriterium ist. Dumm nur, das die weder auf dem aktuellen Stand der Forschung sind noch einem Beruf nachgehen wollen, die meisten sind in Rente.
      Nochmal die Frage, wo kommt diese Entwicklung zum Egoisten her, von der mangelnden Mutterbetreuung kann es bei der heutigen Elterngeneration nicht sein? Ursache, Wirkung, schon mal gehört? Erst Aktion, dann Reaktion. Ohne Ursachenforschung wird das nur wieder einer Ihre langweiligen, sinnlosen Moralappelle.

      Allgemein lässt sich sagen: partnerschaftliches Denken ist da nur in Spurenelementen vorhanden, der Partner (vorzugsweise der Mann) dient als Wünscheerfüller frei nach „Vier Hochzeiten und vier Unterhalter“.
      Was kennen Sie denn für Menschen, ich kenne nur Paare, die aus Liebe heiraten und in jeder Beziehung erwarten die Menschen etwas vom anderen, ob zu Recht oder Unrecht sei mal dahin gestellt. Was hat das mit Wunscherfüllung zu tun? Haben Sie nicht geheiratet, weil Sie den Wunsch hatten, mit Ihrer Frau glücklich zu werden? Oder gibt es auch hier eine Hierarchie der erlaubten und unerlaubten Wünsche? Ich bezweifele auch stark, das Ihre Empathie reicht, um die Motive der Paare auch nur zu erahnen, aber jedem das seine.

      Gruss Rauschi

      • In Dubio 16. Februar 2017, 11:28

        Was kennen Sie denn für Menschen, ich kenne nur Paare, die aus Liebe heiraten

        Klar, ich gestehe auch noch niemanden getroffen zu haben, der behauptet, geheiratet zu haben, weil er den anderen nicht ausstehen kann. Ich halte das für eine Nonsens-Aussage. Was Liebe ist, bewertet jeder anders. So wie ich erzogen wurde, bedeutet aber Liebe auch, etwas zu tun, weil man weiß, dass es dem anderen etwas bedeutet. Was jedoch ist von jemanden zu halten, der beispielsweise eine Hochzeit allein nach seinen eigenen Wünschen gestaltet (bezahlt vom Partner und seinen Eltern), aber zentrale Wünsche des anderen (z.B. kirchliche Trauung) ignoriert? Fällt das unter den Aspekt „Liebe“ – oder eher Eigenliebe?

      • Stefan Sasse 16. Februar 2017, 12:11

        Wo kommt denn diese Idee von jungen Müttern, die „um die Häuser ziehen“, während der Nachwuchs alleine daheim sitzt eigentlich her?!

        • In Dubio 16. Februar 2017, 13:21

          Was hast Du denn mit 25 gemacht?

          • Wolf-Dieter Busch 16. Februar 2017, 14:09

            Ich bin durchaus um die Häuser gezogen. Als dann das erste Baby kam, habe ich (nur ein Beispiel) ein halbes Jahr keinen Alc geschluckt, aus Sorge, dem Baby könnt was passieren und ich kriege es nicht mit.

            Und von meiner Sorte gibt es mehrere. Die Kids waren das Abenteuer meines Lebens. Heute sind sie erwachsen.

            Soweit die Nachrichten aus dem richtigen Leben. Nächste Woche, gleiche Welle, gleiche Stelle.

          • Stefan Sasse 16. Februar 2017, 21:34

            Studiert.

            • In Dubio 17. Februar 2017, 07:05

              Ich auch. Und ich war – trotz Kind – kein braver Junge. Die Mädchen (das Gros tatsächlich in den 20ern), arbeiten nicht 8 Stunden, fahren dann nach Hause zu ihrem Freund (wenn sie gebunden sind, wollen sie schnell heiraten und Kinder bekommen), blättern noch etwas in der Kindergartenpädagogik und gehen dann um 10 Uhr ins Bett.

              • Stefan Sasse 17. Februar 2017, 12:54

                Ich war brav. Aber ich trinke auch nicht. Point is, people are different.

  • Maniac 16. Februar 2017, 10:01

    Ich komme persönlich zu einem ähnlichen Fazit. Ich bin gerne bereit, meine persönliche (und insoweit anekdotenhafte) Wahrnehmung auf Basis überzeugender Studien zu überprüfen. Aber mich überzeugen die von Dubio vorgelegten Studien weder quantitativ noch qualitativ.

    Ich möchte aber noch ein paar ergänzende Hinweise zur Rechtslage geben, die mir in Deinem Artikel ein wenig sehr oberflächlich (und m.E. auch nicht ganz korrekt – wobei mir die Rechtslage in BW allerdings fremd ist) behandelt wird.

    Die Kindertageseinrichtungen und -pflege sind grundsätzlich im SGB VIII durch den Bund geregelt. Vor allem ist hier der gesetzliche Anspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab 1 bis 3 Jahren (Tagespflege oder Krippe) sowie von 3 Jahren bis zum Schuleintritt (Kindergarten) festgehalten. Ergänzt wird die (geringwertigere) Verpflichtung, ein bedarfsgerechtes Angebot für Kinder im schulpflichtigen Alter vorzuhalten (Hort oder neuerdings auch außerhalb der Jugendhilfe die Ganztagsschule).

    Darüber hinaus äußert sich der Bundesgesetzgeber nur allgemein zu Standards (was soll erreicht werden, was sind minimale Standards). Vielmehr verweist der Bundesgesetzgeber dann auf die Länder, die für die weitere Verrechtlichung der Aufgabe zuständig sind.

    Für Niedersachsen bedeutet das, dass weitere Details zu Finanzierung, Anforderungen und Zuständigkeiten im KiTaG sowie zweier damit verbundener Verordnungen geregelt werden. Hier findet sich dann auch die Definition der oben bereits angesprochenen Dreiteilung mit Krippe (und Tagespflege), Kindergarten und Hort.

    Das KiTaG stellt vor allem eines fest: Zuständig für die Abwicklung des Anspruchs auf einen Betreuungsplatz sind (in Niedersachsen) die Landkreise und kreisfreien Städte. Nochmal: Bei der Bereitstellung von Plätzen in Krippe, Kiga und Hort handelt es sich in erster Linie um eine staatlich bereitzustellende Leistung. Meine gesetzlichen Ansprüche mache ich also gegenüber der als verantwortlich benannten staatlichen Stelle (Landkreise und kreisfreie Städte) geltend. Für alle Einrichtungen gelten darüber hinaus die hier gesetzlich determinierten Vorschriften zu Standards.

    Exkurs: Natürlich könnten private Einrichtungen vollkommen außerhalb dieser Regeln arbeiten. Aber das sind dann vollkommen außerhalb der gesettzlichen Rahmenregelungen arbeitende Unternehmungen, die der Zahl nach kaum eine Rolle spielen dürften.

    Wie kommen die staatlich zuständigen Stellen nun ihrer Verpflichtung nach? In Niedersachsen hat sich hier (vermutlich) ein Sonderfall herausgebildet. Weit überwiegend wird die Erfüllung der Verpflichtungen nämlich nicht von den Landkreisen wahrgenommen, sondern von den Gemeinden. Hier hat also eine Art Subdelegation stattgefunden, mit dem Ergebnis, dass sich tatsächlich zuständig nicht die gesetzlich beauftragte Stelle fühlt, sondern die Gemeinde. Dies hat sicherlich damit zu tun, dass eine Gemeinde als naheliegender Ansprechpartner für die Bürgerinnen und Bürger politisch, aber auch wirtschaftlich eher gezwungen oder gewogen ist, seinen Bewohnern akzeptable Kinderbetreuungsmöglichkeiten zu bieten. Übersetzt heißt das: Der Bürgermeister einer Gemeinde ist von aufgebrachten oder wegziehenden Eltern eher zu beeindrucken, als ein in der entfernten Kreisstadt sitzender Landrat.

    Wir haben also einen gesetzlichen zuständigen Landkreis und eine de fakto zuständige Gemeinde. Aus finanziellen (Konnexität) und politischen (Aufgabenerhalt) Gründen ist es in Niedersachsen bisher nicht gelungen, diese Disparität aufzulösen.

    Es ist jetzt von Fall zu Fall unterschiedlich, inwieweit der faktische Träger der Kindertagesstätten nun seiner Verpflichtung selbst nachkommt. Es gibt Kommunen, da werden die Einrichtungen weit überwiegend von der Kommune selbst betrieben. Gerade in großen eher sozialdemokratisch dominierten Städten oder sehr kirchlich und damit eher konservativ geprägten Landstrichen haben sich aber weitere Formen von Betreiberlösungen entwickelt. Sozialverbände (etwa die AWO oder der Paritätische Wohlfahrtsverband) und Kirchen bieten daher ebenfalls entsprechende Einrichtungen an. Hinzu kommen gerade in Großstädten außerdem auch viele von Eltern betriebene Einrichtungen (Elterninitiativen) und auch in diesem Rahmen agierende private Betreiber. Daneben gibt es aber natürlich auch weiterhin kommunal betriebene Einrichtungen.

    Daraus lässt sich folgende Struktur ableiten:
    Gesetzlicher Träger:
    Landkreise und kreisfreie Städte
    de fakto Träger:
    Gemeinden
    Betreiber:
    Landkreise, Gemeinden, Sozialverbände, Kirchen, Private und Elterninititativen

    Umgesetzt werden die Betreiberlösungen dann insofern, als dass sie mit den (de fakto) Trägern die Wahrnehmung der Aufgabe verhandeln und dann von den Trägern in Form eines Vertrages beauftragt werden. Dieser Vertrag enthält die Kautelen unter denen der Betreiber die Aufgabe im Auftrage des Trägers wahrnimmt. Da der Träger natürlich durch die Gesetze verpflichtet ist, die Aufgaben in einer bestimmten Form wahrzunehmen muss er diese Pflichten an die Betreiber weiterreichen. Auch die finanziellen Rahmenbedingungen werden hier festgelegt, die finanziellen Leistungen von Bund und Land einerseits, sowie die den Eltern zuzumutenden Elternbeiträge andererseits spielen hier eine bestimmende Rolle. Unterschiedliche Elternbeiträge an einem Ort, lediglich in Abhängigkeit von der Kita wären mir nicht bekannt. Private Betreiber lassen sich allerdings darüber hinaus häufig von Unternehmen querfinanzieren, die ihren Angestellten einen Platz in einer Kita bestimmter und höherer Qualität sicherstellen wollen.

    Für alle gemeinsam gelten aber die im Kitag und den übrigen Normen festgelegten Regeln. D.h. bei Standards, auch in der Ausbildung und Anzahl der zur Verfügung zu stellenden Betreuungspersonen, gibt es keinerlei Wettbewerb zwischen den Einrichtungen. Kommunale (also öffentliche) Einrichtungen haben den gleichen Standard beim Personal anzubieten, wie privat betriebene oder kirchliche Einrichtungen.

    In Niedersachsen bedeutet das:
    Die Leitung einer Einrichtung muss Sozialpädagoge oder sozialpädagogische Fachkraft (Erzieherin oder Erzieher), jeweils mit Berufserfahrung, sein. Gruppenleiter müssen sozialpädagogische Fachkräfte sein. Zudem ist eine zweite Kraft zu beschäftigen, die pädagogische Fachkraft sein soll, mindestens aber Kinderpflegerin, Kinderpfleger oder Sozialassistenin oder -assistent ist. Ab 2020 wird für Gruppen ab 11 Kindern eine dritte Kraft verlangt, die ebenfalls mindestens Sozialassistentin oder -assistent ist.

    Die Ausbildungsdauer zur Assistentin oder Assistenten beträgt 2 Jahre, die Ausbildung zur Erzieherin oder Erzieher weitere 2 Jahre (die erste Ausbildung ist Voraussetzung für die zweite).

    Wettbewerb zwischen den einzelnen Anbietern findet so natürlich nicht statt. Zum einen sind Eltern froh, wenn sie überhaupt einen Platz irgendwo bekommen und zum anderen unterscheiden sich die Leistungen der unterschiedlichen Träger eher in geringem Maße. Die massivsten Abweichungen dürfte es noch bei den Elterninitiativen geben, die aber aus anderen Gründen für berufstätige Eltern kaum in Betracht kommen und m.E. deutlich reduziert gehören.

    Ich stimme zu, dass hier in den vergangenen Jahren viel erreicht wurde. Von einer Betreuungsquote in westdeutschen Flächenländern nahe 0 in 2008 zu einer insgesamt akzeptablen Betreuung in 2017 ist ein bemerkenswerter Kraftakt, den die öffentliche Hand geleistet hat. Wenn es Beschwerden über den unfähigen und untätigen Staat gibt, werden solche Dinge gerne mal ausgeblendet.

    Ein Kernproblem schein mir derzeit noch zu sein, dass auch politisch eine Antwort darauf gefunden werden muss, was die Kinderbetreuung eigentlich erreichen soll. Will man hier tatsächlich frühkindliche Bildung voran bringen? Oder will man vor allem eine (quantitativ ausreichende und qualitativ gute) Betreuung von Kindern leisten? Ich halte beide Positionen für vertretbar, nur muss sich die Politik einig werden, was man sich inhaltlich von der Kinderbetreuung verspricht.

    Bei stärkerer Betonung der frühkindlichen Bildung muss der Staat noch stärker im Bildungskanon tätig werden. Was sollen Kinder bis wann lernen? In diesem Fall wird man auch dazu übergehen müssen, über Kostenfreiheit dieses Angebots nachzudenken.

    Gruß, M.

    • Stefan Sasse 16. Februar 2017, 12:15

      Vielen Dank für die ausführlichen Infos. Die eigentliche Leistung finde ich wesentlich zu wenig gewürdigt. Da wird eine komplette Infrastruktur deutschlandweit in einem halben Jahrzehnt aus dem Boden gestampft, und Stefan Pietsch beklagt sich darüber, dass sie noch nicht 100% perfekt läuft.

  • Tim 16. Februar 2017, 12:29

    So erweckt er konstant den Eindruck, der Staat stelle den Löwenanteil der Kitas und könne quasi als Monopolist auftreten und die Preise diktieren. Das ist völliger Humbug:
    In vielen Bereichen kann der Staat den Markt beherrschen, ohne selbst Anbieter zu sein, indem er kräftig reguliert oder einzelne Anbieter mehr oder weniger offen unterstützt oder behindert. Die klassischen Beispiele sind der Gesundheits- und der Energiesektor, in dem der Markt fast keine Markteigenschaften mehr hat. Auch das Bankwesen steht heute unter so strenger Aufsicht, daß man von einem Markt nicht mehr wirklich sprechen kann.

    Ich kenne den Kita-„Markt“ nicht sehr genau, aber daß Ausbildungen, Betreuungsbedingungen usw. sehr streng definiert sind, ist bekannt. Man kann nicht mal eben so eine Kita aufmachen, sondern begibt sich in ein enges regulatorisches Konzept.

    Es ist durchaus nicht „völliger Humbug“ zu sagen, daß das Kita-Wesen staatlich geprägt ist.

    • Stefan Sasse 16. Februar 2017, 13:02

      Keine staatliche Regulierung verbietet es einer privaten Kita, mehr zu zahlen als der Staat. Die staatliche Konkurrenz schafft nur einen floor, kein ceiling. Darum ging es mir.

      • In Dubio 16. Februar 2017, 13:25

        Der Betrieb einer Kita ist ein Riesenverlustgeschäft, gerade wenn die Betreuungsschlüssel einzuhalten sind. Hast Du das ernsthaft mal durchkalkuliert? Faustformel der BWL: Bruttogehalt mal 3 ergibt die gesamten Gemeinkosten einer Stelle. Nimm an, eine Erzieherin bekommt 3.000 EUR, dann sind das 9.000 EUR Gesamtkosten geteilt durch 3 Kinder:

        Der Kindergartenbeitrag müsste für ein Kind bei 3.000 EUR liegen. Was zahlst Du nochmal selber?

        Wenig verwunderlich werden private Einrichtungen von gemeinnützigen Vereinen und Kirchen betrieben.

        • Stefan Sasse 16. Februar 2017, 21:36

          Das ist mir völlig klar. Wo also liegt das Problem, dass der Staat ein bezahlbares UND qualitativ ordentliches Produkt bereitstellt, das der private Sektor gar nicht bereitstellen KANN?

      • Tim 16. Februar 2017, 14:44

        Keine staatliche Regulierung verbietet es einer privaten Kita, mehr zu zahlen als der Staat.

        Das war als Witz gemeint, oder? 🙂 Ich kenne durchaus wohlhabende Eltern, die ihre Kinder auf Elite-Kitas haben, aber eine allgemeine Lösung fürs Volk ist das nicht. 🙂

        • Stefan Sasse 16. Februar 2017, 21:37

          Nur weil ein Laden scheißeteuer ist zahlt er seinen Angestellten nicht gut. Siehst in jedem beliebigen Luxus-Restaurant 😉

  • In Dubio 17. Februar 2017, 07:15

    Wo also liegt das Problem

    Auf den Worten „ordentlich“ und „qualitativ“. Leistungen des Staates sind vor allem eins: durchschnittlich. Und wenn sie es mal nicht sind, siehe Elbphilharmonie, sind sie maßlos überteuert.

    Es ist nicht so, dass es keinen freien Markt für Erziehungsleistungen geben könnte, andere Länder zeigen das. Nur gibt in Deutschland der Staat Preis und gleichzeitig Produktqualität vor, das geht in keinem Markt zusammen. Im deutschen Erziehungswesen natürlich auch nicht, weshalb der Steuerzahler den Großteil der Party subventioniert. Also, der Staat kann diese Leistungen auch nicht kostendeckend leisten. Wenn ich noch eine Großmutter hätte, die all meine Wünsche bezahlen würde, wäre das auch toll… 🙂

    • Stefan Sasse 17. Februar 2017, 12:59

      Bei solchen Kommentaren habe ich das Gefühl, dass du das Grundprinzip nicht verstehst. Weder im Kindergartenbereich noch in der Schule, weder bei Polizei noch bei Feuerwehr WILL der Staat kostendeckend arbeiten. Die Beiträge für Kitas können UNMÖGLICH deren Kosten decken. Deswegen werden sie auf die Gemeinschaft umgelegt. Das gleiche passiert auch in Altenheimen.

      • In Dubio 17. Februar 2017, 13:25

        Okay, dann eine kleine Lehre in Verfassungsrecht. Beiträge und Gebühren sollten eine Leistungs-/ Kostenäquivalenz widerspiegeln. Das ist der verfassungsrechtliche Grund, warum der Staat auch privaten Einrichtungen den Steuerzuschuss als „Subvention“ gewähren muss, denn er müsste sonst selbst die Betreuung entweder aus Steuern oder aus Beträgen finanzieren. Beides zusammen geht nicht. Die Polizei wird voll aus Steuermitteln finanziert, was für ein schräger Vergleich!

        Altenheime arbeiten im wesentlichen kostendeckend.

        • Maniac 17. Februar 2017, 14:39

          Butter bei die Fische: Welche verfassungsrechtliche Vorschrift sieht vor, dass Gebühren nach dem Äquaivalenzprinzip zu ermitteln sind?

          M. E. ist das lediglich einfach gesetzlich vorgeschrieben. In den Abgabengesetzen der Länder. Und selbst die sehen eine regelmäßige Ausnahmemöglichkeit nach unten vor, die etwa auf „öffentliches Interesse“ lautet.

          Ob der Staat tatsächlich privaten Betreibern von Einrichtungen den Steuerzuschuss als Subvention zahlen „muss“, könnte bestenfalls eine Frage des Art. 3 GG sein. Ich halte das aber nicht für zwingend – private Schulen oder Schwimmbäder werden schließlich auch nicht zwingend vollständig vom Staat bezahlt oder subventioniert. Im Gegenteil, die Subventionen für diese privaten Schulen stammen aus einer eigenständigen, durchaus umstrittenen Verfassungsnorm mit eigenen Voraussetzungen. Der Staat kann dies aber natürlich tun, wenn er ein Interesse an der privaten Tätigkeit hat.

          Kurz: Ich sehe den von Dir postulierten rechtlichen Zwang hier keinesfalls. Es gibt lediglich eine einfach gesetzliche Verpflichtung zum Äquivalenzprinzip bei Benutzungsgebühren. Und selbst diese Verpflichtung ist hier zweifellos von der Ausnahmeregelung umfasst.

          Gruß, M.

          • In Dubio 17. Februar 2017, 15:31

            Das ist schon der richtige Weg. Da das Grundgesetz nur Steuern als öffentliche Abgaben kennt, ergibt sich das Äquivalenzprinzip für andere Abgaben tatsächlich aus Artikel 3 GG. Siehe hierzu auch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Krankenhausumlage bverfg 83 363 (392).

            Allgemeinverständlich: nur Steuern sind allgemeine Abgaben ohne Anspruch auf Gegenleistung. Erhebt der Staat aber keine Steuern, sondern erhebt andere Abgaben (wie z.B. auch eine Sonderabgabe), so gilt das der Gleichbehandlungsgrundsatz, d.h. zwischen den auferlegten Beiträgen und den verursachten Kosten muss ein unmittelbarer Zusammenhang bestehen (Äquivalenzprinzip). Andernfalls ist die Abgabe verfassungswidrig.

            • Stefan Sasse 17. Februar 2017, 20:14

              Das ist korrekt, und du hast Recht. Aber kostendeckend arbeiten muss der Staat trotzdem nicht. Private Bildungseinrichtungen erhalten ja massive Subventionen vom Staat. Ich habe keine Zahlen für Kitas, aber bei Schulen erhält die Schule rund 5000 Euro pro Jahr und Schüler und bezahlt die Lehrergehälter zu rund 93%. Damit kannst du eine ganze Menge Beiträge ermäßigen.

              • In Dubio 17. Februar 2017, 21:40

                Obwohl es nur ein Akt der Fairness zwischen Bürger und Staat ist, wird es von zahlreichen Linken kritisiert. Die Relation ist ungefähr die Gleiche wie staatliche Einrichtungen finanziert sind.

                • Stefan Sasse 18. Februar 2017, 19:33

                  Ja, aber das liegt daran dass Linke das private Bildungswesen generell kritisieren.

                  Fakt ist aber, dass es diese Einrichtungen ohne Subventionen nicht geben würde.

            • Maniac 20. Februar 2017, 08:53

              Zuächst einmal danke für den Hinweis auf das Urteil.

              Ich muss Dir aber leider widersprechen. Du hast insoweit Recht, als dass das Äquivalenzprinzip sich tatsächlich aus Art. 3 GG herleitet und insofern verfassungsrechtlichen Charakter hat. Das ÄP beinhaltet aber lediglich die Verpflichtung zum inhaltlichen Zusammenhang zwischen Gebühr und Leistung (diesbezüglich verweise ich auch auf den entsprechenden Wikipedia-Artikel). In diesem Fall heißt dass, das wenn Kitagebühren erhoben werden, müssen diese auch für Kitas verwendet werden.

              Dementsprechend folgerichtig ist auch der in RNr. 98 des von Dir zitierten Urteils genannte Grundsatz zu sehen (auf den Du wahrscheinlich abzielst): „Es ist nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts eine gebührenrechtliche Ausprägung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit und besagt, daß Gebühren in keinem Mißverhältnis zu der von der öffentlichen Gewalt gebotenen Leistung stehen dürfen.“ Das hier genannte Missverhältnis bezieht sich aber nur auf zu hohe Gebühren (was den im Urteil zitierten Entscheidungen des BVerfG auch gut zu entnehmen ist). Nach der Logik des Äquivalenzprinzps sind zu hohe Gebühren natürlich unzulässig, weil sie die zu finanzierende Leistung übersteigen und damit für diesen Bereich der sachliche Zusammenhang zwischen Gebühr und Leistung nicht mehr vorhanden ist – die Gebühr also nicht äquivalent ist.

              Der zwischen uns diskutierte Teil drehte sich aber m.E. vielmehr um das Kostendeckungsprinzip (Erinnerung: Es ging um kostendeckende Gebührenerhebung bei staatlichen Einrichtungen wie Kitas und Schulen (das Beispiel Polizei von Stefan war wirklich unglücklich) – dazu Zitat von Dir: „Beiträge und Gebühren sollten eine Leistungs-/ Kostenäquivalenz widerspiegeln.“). Dieses wiederum hat keinen verfassungsrechtlichen Anknüpfungspunkt, kann also von den Ländern einfachgesetzlich entschieden werden. Wie ich bereits ausgeführt hatte, haben die Länder auch bereits Ausnahmen vom Kostendeckungsprinzip zugelassen. Es stünde ihnen frei, dieses ganz zu streichen.

              Fazit: Das Äquivalenzprizip und damit die Höhe nach oben ist bei Gebühren verfassungsrechtlich geboten (in Abgrenzung zu den Steuern), das Kostendeckungsprinzip und damit die Höhe nach unten jedoch nicht (sondern nur einfachgesetzlich und dazu schon mit Ausnahmen hinterlegt).

              Gruß, M.

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