AfD-Philosophie: Der politische Klimawandel ist menschengemacht

Ich habe eben ein älteres Interview in den Kulturfragen des Deutschlandradios gehört, darin spricht Marc Jongen über die Krise der Demokratie, wie er sie wahrnimmt. Kritiker_innen könnten hinzufügen: und erzeugt. Jongen ist nämlich nicht nur Philosophieprofessor in Karlsruhe, sondern auch stellvertretender Landesvorsitzender der AfD in Baden-Württemberg und wird gerne als Vordenker der Partei beschrieben.

Zwei kleine Überlegungen, die mir beim Hören kamen:

1 Demokratischer Volkswille und Leitkultur passen nicht zusammen

Jongen wirft, ganz auf AfD-Linie, den anderen Parteien vor, sie seien abgehoben. So habe etwa Elmar Brok, Europaparlamentarier der CDU, in Sandra Maischbergers Talkshow gesagt: Gott sei Dank gebe es in Deutschland keine Volksabstimmungen, man habe ja gesehen, wie das ende. Das ist für Jongen die Haltung der “abgehobenen Politikerkaste”, die glaube, besser zu wissen, was für das Volk gut ist, als das Volk selbst.

Mehr Volksabstimmungen, mehr direkte Demokratie, kurz: eine Schweizerisierung der Politik fordert er deshalb. Andernfalls verfalle die Demokratie.

Das kann man durchaus so vertreten. Die grundlegende demokratische Idee besagt tatsächlich, dass Vertreter_innen nie wissen können, was richtig ist (obwohl man ebenso gut begründen kann, dass sie es legitimerweise aushandeln dürfen). Wenn der Kern von Demokratie ist, dass niemand entscheiden kann, was gut und richtig ist, und wenn das ausgehandelt werden muss, dann kann es kein vordefiniertes Gutes geben jenseits dessen, was faktisch für gut gehalten und erstritten wird.

Diese Prämisse ist die eigentliche Pointe der Demokratie (und ihre einzige quasi unangreifbare Rechtfertigung); die Schlussfolgerungen Jongens (mehr direkte Demokratie, weniger eigensinnige Volksvertreter_innen) sind kritisierbar, aber möglich.

Nur: Einige Zeit später wird Jongen gefragt, ob er eine Leitkultur wolle und antwortet, ja, das wolle er. Zuvor expliziert er aber, wozu diese Leitkulturidee die Alternative sei – nämlich zum „Multikulturalismus“.

Der sei ein Zustand, in dem das “kulturelle Feld” ein “leeres Blatt Papier” sei, ein leerer Raum, in dem die verschiedenen Kulturen gleichberechtigt nebeneinander existieren, die “angestammte” genauso wie “neu hinzugekommene Einwandererkulturen”.

Diese “Leitideologie” lehnt Jongen ab, weil sie zu Parallelgesellschaften führe und zu aggressiven Kulturen führe, die sich darum bemühten, die Hegemonie zu erringen und sich selbst als Leitkultur zu etablieren. Er nennt ganz dezidiert den Islam.

Und hier kollidieren die beiden formulierten Prinzipien fundamental und unvereinbar.

Während die eingangs beschriebene Demokratievorstellungen noch bestreitet, dass jemand anderes als das Volk (man könnte auch sagen: die Menschen, die diese politische Einheit bilden) entscheiden kann, was es politisch wolle, bestreitet die Leitkulturidee, dass für Kultur die gleichen Prinzipien gelten sollten. Mit einem Mal soll die angestammte Kultur ein Vorrecht haben, mit einem Mal gibt es das, was richtig ist, jenseits dessen, was die Menschen für richtig halten, mit einem Mal soll es nicht mehr um Prozess gehen, sondern um Substanz.

Während es in einer Demokratie, in der nur das Volk entscheidet, möglich sein muss, dass sich das Volk für etwas ganz und gar Neues entscheidet, soll das in der Kultur grundsätzlich falsch sein.

Das geht nicht zusammen.

Es geht nur dann zusammen, wenn man auch Demokratie nicht als Prozess begreift, sondern substanziell begründen will. Dazu muss man aber entweder einen metaphysischen Volkswillen behaupten oder – anders als ich oben in der Klammer – das Volk exklusiv verstehen: als Menge derer, die ähnliche Vorstellungen von Gesellschaft haben, die eine Leitkultur teilen, die identisch sind. Mit anderen Worten: Das ist ohne das Völkische nicht zu machen.

Alternationem non datur.

Um die Kritik vorwegzunehmen, Jongen definiere Kultur gar nicht substanziell. Doch, tut er. Man beachte, dass er, der Philosoph, der im Interview so viel Wert auf begriffliche Genauigkeit legt, eben nicht Kulturen unterscheidet, die entweder die freie, demokratische Aushandlung ermöglichen oder behindern; nein, er unterscheidet “angestammte” von “Einwandererkulturen”.

(Dass er später davon spricht, Politiker_innen müssten den aufwallenden Volkszorn kanalisieren und nutzbar machen, offenbart freilich noch einmal eine gänzlich andere Vorstellung vom Verhältnis Volk/Politik, aber das ist ein anderes Thema).

2 Make hate: Der politische Klimawandel ist gewollt

Jongen fordert außerdem einen “psychopolitischen” Mentalitäts-Wandel. Derzeit sorge ein Schuldkomplex dafür, dass Deutschland in dem Bemühen, früheres Unrecht wiedergutzumachen, sich selbst schade und etwa Grenzen öffne. Jetzt brauche man ein anderes gesellschaftspolitisches Gesamtklima, das es möglich macht, andere Entscheidungen zu treffen – etwa Grenzschließungen.

Bei jemandem wie Jongen, der den Volkszorn – er nennt das philosophisch überwölbt thymotische Energie – preist, ist das vielleicht nicht ganz überraschend. Aber es ist doch das erste Mal, das ich einen politischen Vertreter der neuen extremen Rechten das so deutlich habe sagen hören.

Sonst ist doch gerne die Rede von Mausrutschern oder Missverständnissen oder verzerrender Darstellung, wann immer etwas Kontroverses veröffentlich wurde. Die Methode Gauland, Petry, Sarrazin: Das habe ich doch so nie gesagt! Glaubwürdig war das nie – aber es war auch immer ein bisschen unklar, welchen Zweck diese Spielchen verfolgen. Geht es darum, in der Öffentlichkeit zu bleiben? Sich ins Gespräch zu bringen? Die Kernwählerschaft anzusprechen? Sich weiter rechts beliebt zu machen? Ist es Unachtsamkeit? Sind es Eruptionen von Ideologie, die dann eingefangen werden müssen?

Mit Jongen, auch wenn er keine Beispiele nennt, müssen wir davon ausgehen, dass diese Ausbrüche auf etwas Abstrakteres und gleichzeitig Größeres zielen. Es geht darum, das Gesamtklima, den Diskurs und also die Grenzen des Denkbaren und des Sagbaren zu verschieben. Genau das geschieht. Es zeigt sich im unzählige Male beschriebenen Hass auf Politiker_innen und Journalist_innen, in den Anfeindungen unter Klarnamen, die für sie zum Alltag gehören, in den Mordrohungen, die viele von Ihnen mittlerweile regelmäßig erhalten, in den Gewaltphantasien Donald Trumps, im Mord an Jo Cox, in den heute so viel häufigeren rechtsextremen Gewalttaten, in der vergifteten Brexit/Bremain-Debatte.

Ich grüble schon lange, wie das alles zu erklären ist, und ich bin damit nicht alleine. Wenn wir Jongen beim Wort nehmen, ist das alles keine Begleiterscheinung des Aufstiegs der neuen extremen Rechten oder gar ihre Ursache, sondern Ergebnis gezielter strategischer Bemühungen. Es dürfte sich lohnen, diesen Gedanken zu verfolgen.

(Crosspost)

{ 13 comments… add one }

  • FrageZeichen 28. Juni 2016, 15:56

    @Jonas Schaible
    Kannst du uns etwas deutlicher sagen, was mit den letzten beiden Absätzen gemeint war? Mir was das zu nebulös.

  • Rauschi 29. Juni 2016, 09:03

    Es geht darum, das Gesamtklima, den Diskurs und also die Grenzen des Denkbaren und des Sagbaren zu verschieben. Genau das geschieht.
    Gibt es in einer Demokratie, wie Sie von Ihnen definiert wird, Grenzen des Denkbaren? Wenn ja, wie passt das zusammen? Sicher gibt es Grenzen beim Sagbaren, alles, was menschenverachtend ist, sollte unterbleiben und bei Äusserung strafbar sein.
    Ansonsten stimme ich Ihnen zu, die Stimmung ist gewollt und gemacht, allerdings nicht nur von der AfD, sondern von allen etablierten Parteien.

    Gruss
    Rauschi

  • Kning 29. Juni 2016, 10:19

    Es gehört ja zum Spiel der demokratischen Politiker Äußerungen zu Verkürzen, mit der Wahrheit nicht genau zu sein und auch hin und wieder dem Gegenüber Interpretationen in Mund zu legen, die er gar nicht so gemeint hatte.

    Leider bieten viele Medien hier die Bühne und entlarven die „Übeltäter“ nicht eindringlich genug. Auch in den Talkshows bekommt ein jeder seine Bühne und kann mitunter die tollsten Märchen in die Welt setzen.

    Komplexe Zusammenhänge werden auf wenige Sekunden Sendezeit zusammengedampft- kein Wunder das da Orientierung und Wahrheitsgehalt unter die Räder geraten.

  • Ant_ 29. Juni 2016, 12:04

    Ich würde widersprechen, was die gezielten strategischen Bemühungen angeht – ich denke wir erleben aktuell eine Verschiebung des Diskurse in eine Richtung, in der soziale, kulturelle und ökonomische Verhältnisse nicht mehr als individuell und gemeinsam formbar verstanden, sondern als „natürlich“ gegeben angesehen wird, und „Disfunktionalität“ im System wird erklärt als eine nicht adäquate Gestaltung des System im Angesicht dieser „natürlichen Notwendigkeiten und Herausforderungen“. Dass diese „Natur“ halt total kontingent ist und nur davon abhängt, was die jeweilige politische Fraktion reinprojiziert, ist ziemlich egal für deren Anhänger – solange diese Fraktion den „common sense“ der Leute für natürlich und vernünftig erklärt, denen seit 25 Jahren oder länger erzählt wird, das deren Wahrnehmung der Welt durch „Normalitäre Linse“ normativ falsch und epistemologisch inadäquat ist.
    Darum ist diese Bewegung ja auch Identitär und hält andere Parteien für nicht legitim: Es gibt halt „das natürliche Volk“, und nur die Partei vertritt es.

    Die Phänomene die wir jetzt sehen würde ich zwar eindeutig als Entwicklung kennzeichnen, ich glaube nur, die sieht lediglich ex post aus wie eine Strategie: Viele Leute, die lange Zeit nur im stillen Kämmerlein vor sich hin frusteten bemerken zunehmend, dass es anderen auch so geht und testen aus, was aktuell so geht und nicht. Dabei stützt man sich natürlich auch auf die „Fortschritte“ von Vorgängern.

    In einem Satz: Nur weil der Effekt so chirurgisch aussieht, bedeutet nicht, dass er geplant war.

  • FrageZeichen 29. Juni 2016, 16:14

    zur Verschiebung des „Diskurses“: So etwas kann man tatsächlich beobachten. Die etablierten radikalpopulistischen Parteien versuchen es mit einem
    a) Kampf gegen die Meinungsfreiheit
    (Wiedereinführung der Zensur via Bandenspiel über Privatwirtschaft)
    b) Kampf gegen alternative Meinungen
    (Erlaubt ist nur was die Presse als Frame vorgibt)
    c) Kampf gegen demokratische Prinzipien
    (Wahlentscheidungen die den Hierarchen nicht in den Kram passen werden einfach ignoriert und/oder ins Gegenteil verkehrt)
    d) Kampf gegen die Rechtsstaatlichkeit
    zusammendfassend: Kampf gegen das Grundgesetz
    (Systematische sukzessive Aushebelung der grundlegendsten Verfassungsnormen)

    Gleichzeitig muß die AfD (und davor die Linkspartei und wer noch weiter blicken kann der findet noch ein Beispiel) als Sündenbock für die verfassungsfeindliche Politik der etablierten Parteien herhalten.
    Die Mainstreammedien flankieren diese ganze unrechte Schmierentheater.

    Das Problem ist also nicht die AfD. Die spielt (noch) überhaupt keine Rolle. Das Problem ist zum einen die verfassungsfeindliche radikalpopulistische CDU/CSU sowie eine völlig verblödete SPD.

  • Guerne Philisophie 29. Juni 2016, 16:39

    „Und hier kollidieren die beiden formulierten Prinzipien fundamental und unvereinbar.“

    Nicht im geringsten. Wieso denn? Wenn eine Veraenderung der Kultur gewollt ist, dann ist sie ja in Ordnung. Geschieht ja auch staendig (normalerweise aber graduell). Nur muss es halt wirklich von unten gewollt sein, nicht von oben.

    „Während die eingangs beschriebene Demokratievorstellungen noch bestreitet, dass jemand anderes als das Volk (man könnte auch sagen: die Menschen, die diese politische Einheit bilden) entscheiden kann, was es politisch wolle, bestreitet die Leitkulturidee, dass für Kultur die gleichen Prinzipien gelten sollten.“

    Nein, wieso denn? Das eine ist die Voraussetzung des anderen. Sonst funktioniert die Demokratie gar nicht erst.

    Vielmehr ist es doch so, dass es erst einmal eine Grundlage braucht, die festlegt, wer „die Menschen, die diese politische Einheit bilden“ sind. Irgendetwas muss das ja bestimmen.

    Ist jemand, der sich gar nicht primär als Deutscher sieht, Teil der „politischen Einheit“ „Deutschland“? Wenn sich jemand in erster Linie als Türke, Spanier, Brite oder Schwede sieht, ist er dann Teil der „politischen Einheit“. Sicher, eine Nation kann sich entscheiden sich so „offen“ zu definieren, aber sie muss es nicht. Und wenn sie es tut, so kann es auch nachteilige Nebenwirkungen haben und davor kann in eine Demokratie gewarnt werden.

    „Mit einem Mal soll die angestammte Kultur ein Vorrecht haben, mit einem Mal gibt es das, was richtig ist, jenseits dessen, was die Menschen für richtig halten, mit einem Mal soll es nicht mehr um Prozess gehen, sondern um Substanz.“

    Aber wer sind den „die Menschen“? Welche Menschen? Und wer entscheidet über die Regeln zur Aufnahme ins Staatsvolk? Das ist die Frage. In einer Demokratie: Nur das Staatsvolk. Sonst niemand. Und es hat keine moralische Verpflichtung jemanden aufzunehmen, mal abgesehen von ein paar speziellen Ausnahmefällen.

    (Wer Vorfahren einer Gruppe in die Sklaverei gepresst hat, schuldet den Nachfahren, deren Lebensmittelpunkt mit Zwang verlagert wurde, die Staatsbürgerschaft; wer in einem totalitären Regime ausgebürgert wurde hat einen – auch moralischen – Anspruch auf Wiedereineinbürgerung und dessen Nachfahren auch; ansonsten muss jede Gemeinschaft für sich entscheiden, wen sie aufnimmt und wen nicht und hat hier keine moralischen Verpflichtungen zur Aufnahme gegenüber Außenstehenden).

    Nein, was hier suggeriert wird, ist etwas anderes:

    Das es einen Widerspruch zwischen der demokratischen Selbstbestimmung einer politischen Gemeinschaft/Polis/Staatsvolk auf der einen Seite und der nicht Aufnahme von Leuten gäbe, die gerne Aufgenommen werden wollen, die ein Staatsvolk aber nicht aufnehmen will.

    Und um es gleich Vorwegzunehmen: Die rassistischen Kriterien eines Gauland haben hier natürlich keine Mehrheit – aber darum geht es ja auch nicht, das ist gar nicht die Hauptsorge der Linken, sonder nur das Schreckgespenst, mit dem man Gruseln will. Stattdessen geht es um Mentalität, Zusammengehörigkeitsgefühl, Kultur und verinnerlichte soziale Normen. Und das wurde in diesem Artikel offen gesagt: Da ist jeder, ganz unabhängig davon, automatisch Mitglied der „politischen Gemeinschaft“ (oder habe als solcher anerkannt und auf Wunsch eingebürgert zu werden), der es seien Will. Das ist nicht nur Ideal der Linken, sondern aus ihrer Sicht ist alles andere „Rückständig“ und nur eine zu enttarnende Tarnung für was auch immer… So funktioniert aber keine Gemeinschaft.

    • Erwin Gabriel 1. Juli 2016, 07:22

      Ich stimme zu.

      In einem beliebigen bayerischen Dorf habe ich, bei allen individuellen Unterschieden, eine einheitliche gesellschaftliche Situation für die Bewohner. Dazu gehört die Landschaft, der Bau- oder Kleidungsstil, die Eigenheiten der Sprache, Feste, ein Misthaufen hier, ein krähender Hahn dort, und Sonntag morgens die Kirchenglocke – „Leitkultur“, wenn Sie so wollen. Wenn ich nun als Nordlicht in dieses Dorf ziehe und diese vorgegebene Situation akzeptiere, mag vereinzelt der eine oder andere skeptisch auf mich gucken, aber das Zusammenleben rüttelt sich ein, auch ohne dass ich Trachtenjankerl oder Lederhosen trage.

      Wenn nun meine Maßnahmen als Neubürger in diesem Dorf (dass so freundlich und offen war, mich aufzunehmen) wären, gegen den Misthaufen, den Hahn und die Kirchenglocken vorzugehen, bringe ich alle Dorfbewohner gegen mich auf. Wenn nun genügend Nordlichter einziehen und das machen, sind irgendwann Kirchenglocken und Hahn verstummt. Der Misthaufen wäre genauso verschwunden wie die Besonderheiten des bayerischen Dorfes, dass jetzt ein ganz beliebiges Dorf ist.

      Ich habe die Möglichkeit erhalten, in dieses Dorf zu ziehen. Aber die Dorfbewohner sollten auch die Möglichkeit haben, (nicht nur räumlich) ‚dort‘ zu bleiben. Wenn das auf einmal nicht mehr ‚ihr‘ Dorf ist – wo sollen sie hin?

      Wenn ich in eine fremde Kultur komme, muss ich mich ein stückweit dieser Kultur unterordnen. Es gibt nirgendwo auf der Welt das „weiße Blatt“, auf dem sich alle nebeneinander und gleichwertig einsortieren, es ist immer schon etwas da.

      Wie diese simple Tatsache mit dem Prinzip von „Demokratie“ kollidieren soll, kann ich nicht nachvollziehen.

    • Floor Acita 4. August 2016, 12:47

      „Nicht im geringsten. Wieso denn? Wenn eine Veraenderung der Kultur gewollt ist, dann ist sie ja in Ordnung. Geschieht ja auch staendig (normalerweise aber graduell). Nur muss es halt wirklich von unten gewollt sein, nicht von oben.“

      Eine Kultur kann sich doch gar nicht „von oben“ verändern. Letztendlich verhalten sich bestimmte Mitglieder einer Gesellschaft auf individuelle Weise, die Summe aller individuellen Kulturen ist die Kultur des Landes. Es bibt keine (einheitliche) Kultur des Landes, allenfalls ein mehr oder weniger an bestimmten Verhaltensweisen/Gepflogenheiten etc. zu bestimmten Zeiten. Die vorwiedende, als „stereotyp-definierend“ wahrgenommenen Aspekte der Kultur eines Landes verschieben sich nur falls eine ausreichende Anzahl an Mitlgiedern der Gesellschaft diese Ansichten/Einstellungen nicht mehr teilt, falls sich das bisherige Verhältnis individueller Kulturen verschiebt. Jedes Individuum ist hierbei 1 Stimme im Chor, egal ob es in Deutschland geboren, hier aufgewachsen oder gerade erst angekommen ist. Kann es im Extremfall sein, dass eine Mehrheit der Leute die bisher in Deutschland gelebt haben massive Probleme mit individuellen Kulturen haben die neu ins Land gekommen sind? Natürlich, aber wieso sollte das ein Problem sein, das gang und gäbe eines Landes verschieben solange diese eine Minderheit sind? Falls die unrealistischen, gezeichneten Scenarien war sein sollten, dass die Zuwanderer über Zeit die Mehrheitsgesellschaft bilden, wer hätte dann das Recht dieser Mehrheit zu sagen, sie könne nicht so leben wie sie es für richtig hält..? Wir brauchen keine Leitkultur, Kultur ist immer etwas bewegliches, sich selbst veränderndes. Ich finde es manchmal amüsierend wenn mir ausländische Kollegen zB auf der Arbeit erzählen, ich sei komplett anders als andere Deutsche die sie bisher, vor allem im Ausland, kennengelernt haben. Kann sein, aber erstens ist Deutschland bunter als es viele wahrhaben wollen, zum anderen BIN ich Deutscher und lasse mir von niemandem sagen wie ich zu leben habe (im demokratisch, legalen Rahmen). Ich hab zumindest das Anrecht und den Anspruch 1/80620000 deutscher Kultur zu definieren! 🙂

  • Guerne Philisophie 29. Juni 2016, 17:05

    Der Tenor des Artikels ist:

    Demokratische Selbstbestimmung sei nur mit einer Politik der Aufnahme jedermann vereinbar.

    Die Begründung im Artikel:

    Eine politische Gemeinschaft, die es anders handhaben will, sei nicht die ganze politische Gemeinschaft. Das Staatsvolk, was es anders sieht, nicht das ganze Volk. Und könne sich nicht mit dem begriff demokratisch schmücken. Mehr noch, es sei gleich völkisch, also rassistisch:

    „oder – anders als ich oben in der Klammer – das Volk exklusiv verstehen: als Menge derer, die ähnliche Vorstellungen von Gesellschaft haben, die eine Leitkultur teilen, die identisch sind. Mit anderen Worten: Das ist ohne das Völkische nicht zu machen.“

    Entweder man hat ein Volk, welches jeden aufnimmt, oder es wird nach Kriterien gefiltert, welche für das Handeln des Individuums nicht kausal sind und (höchstens) korrelieren (Rasse, Hautfarbe, etc…). Nach (vermutlich) verinnerlichten sozialen Kernnormen (auch als Kultur bekannt) zu filtern – undenkbar. Entweder nur ein Vorwand für Rassismus (der muss dann enttarnt werden) oder selber (intrinsisch) rassistisch, weil… (verstehe wer will, wie man auf letzteres kommt).

    Fest steht: Der Grund für die nahezu einhelliger Ablehnung des Rassismus in heutiger Zeit besteht darin, dass es sich um Diskriminierung nach Merkmalen handelt, welche das Handeln und Denken des Einzelnen nicht nennenswert beeinflussen. Genau das ist aber in Bezug auf Kultur ganz sicher nicht der Fall: Sie beeinflusst natürlich. Das Wissen eigentlich auch Linke (von ein paar Kulturautisten abgesehen).

    Da nicht nur Unterscheidung nach Kultur, sondern auch nach primär gefühlter nationaler Identität (also ob sich jemand mit der Polis identifiziert und ihr seine primäre Loyalität gibt) als unmoralische Ausgrenzung abgelehnt werden (siehe doppelte Staatsangehörigkeit), obwohl entweder das eine oder das andere zum Zusammenhalt eine Gemeinschaft notwendig ist, stellt sich die Frage: Warum? Warum lehnen Linke und Grüne das ab. Die müssen die Probleme daraus doch eigentlich auch sehen. Angst vor irrationaler Ausgrenzung kann es nicht sein, weil es zwei für eine Gemeinschaft höchst relevante Aspekte sind, die eben nicht einfach nur im Rahmen einer selbsterfüllenden Prophezeihung zum Problem werden können (wie rassische Reinheit oder biologische Abstammungsverhaeltnisse). Vielmehr hat man auch mit rationaler Ausgrenzung ein Problem, hat aber Angst, nicht genug Unterstützung zu Gewinnen, wenn man das so offen kommuniziert. Da enttarnt man lieber den Gegner.

    Ich würde dagegen lieber einen Artikel vom Autor lesen, in dem er begründet, warum er Kultur wie Rasse behandelt sehen möchte, trotz der fundamentalen Unterschiede zwischen beiden Dingen.

    • Wolf-Dieter Busch 1. Juli 2016, 05:40

      @Guerne Philisophie – „Der Tenor des Artikels ist: Demokratische Selbstbestimmung sei nur mit einer Politik der Aufnahme jedermann vereinbar“ – habe ich so nicht rausgelesen.

      Sondern dies habe ich herausgelesen: Demokratische Selbstbestimmung ist unvereinbar mit (irgendwelcher) Leitkultur.

  • Wolf-Dieter Busch 1. Juli 2016, 05:58

    Zunächst – ohne die Disziplin schlecht zu reden – Philosophen ist Leute, die den Abschluss geschafft haben; es können kluge dabei sein. Aber der Status schützt nicht vor Dummheit.

    Sodann, jegliche Kultur entsteht nicht in einem leeren Raum, sondern in der Enge ökonomischen Zwangs. Im Nahen Osten ebenso wie in Europa oder bei den Inuit.

    Wenn im Zuge von Einwanderung sich mitgebrachte Kulturen der angestammten zugesellen, so ist das auch ökonomisch bedingt. Amerikanische Großstädte zeigen, dass das undramatisch funktioniert, teils Vermischung der Kulturen, teils friedliche Ghettoisierung („Little Italy“). Die Kultur ist niemals Beschlusslage, sondern eine gewachsene Sache mit Eigenleben und völlig unabhängig von demokratischer Entscheidungsfindung.

    Eine „Leit“-Kultur ist darum ein Widerspruch in sich.

    • Erwin Gabriel 1. Juli 2016, 07:27

      >> Die Kultur ist niemals Beschlusslage, sondern eine gewachsene Sache mit Eigenleben und völlig unabhängig von demokratischer Entscheidungsfindung.

      Eine „Leit“-Kultur ist darum ein Widerspruch in sich.<<

      🙂 Das IST die Leitkultur.

  • David 1. Juli 2016, 22:12

    „Die Kultur ist niemals Beschlusslage, sondern eine gewachsene Sache mit Eigenleben und völlig unabhängig von demokratischer Entscheidungsfindung.“

    Wenn dem so ist, dann kann man in einer Demokratie allerdings völlig legitim dahinwirken, dass die Ursachen und Grūnde fūr eine bestimmte Entwicklung thematisiert und ihnen ggf. entschieden entgegengewirkt wird.

    „Eine „Leit“-Kultur ist darum ein Widerspruch in sich“

    Die Leitkultur ist sicher vieles, allerdings kein Widerspruch in sich.

Leave a Comment