Gar nicht österlich: Sozial ist, was Arbeit schafft

Hoffnung auf Aufstieg, Angst vor Abstieg sind die sozialpolitischen Themen, die jederzeit bewegten. Entgegen der Wahrnehmung so vieler sind diese Leitmotive keineswegs neu, sie liegen in unseren Genen. Menschen sind nur begrenzt auf den eigenen Nutzen soziale Wesen, gleichzeitig wollen sie sich abheben von anderen. Die Biologie bestimmt unser soziales Verhalten, sie beeinflusst stark unsere Konsumgewohnheiten, zeichnet verantwortlich für deren Veränderungen und damit am Ende auch für den Wandel in der Arbeitswelt.

Jede Generation besitzt Merkmale, die sie von anderen unterscheidet. Die Jahrgänge, die noch während des 2. Weltkrieges und kurz danach geboren wurden, prägte ein unbedingter Aufstiegswille. Die Insignien des Erfolges waren Vermögenswerte, die aufgebaut wurden: Haus, Auto, Boot. Die Kinder der 1970er und 1980er Jahre waren da schon anders gestrickt. Sie waren die erste Generation, die einigermaßen behütet und einem gewissen Wohlstand hinein aufwuchs. Und so wurde nicht Vermögen, sondern Einkommen, Karriere und Konsum prägend. Der Titel auf der Visitenkarte, das Einzelbüro, der Gehaltsscheck waren die Accessoires. Du bist, was Du zu sein scheinst. Die Kinder danach hatten und haben es noch schwerer. Niemand protzt heute noch mit seinem Vermögen, blankes Karrierestreben gilt ebenso wenig als opportun. Zudem leiden nicht nur Unternehmen mit ihren Produkten unter den Launen der Konsumenten, die Bürger tun es in der Arbeitswelt ebenso. Wer heute etwas auf sich hält, zeigt, dass er nicht verbissen am beruflichen Fortkommen feilt, aber auch das Privatleben nicht alles ist. Work Life Balance lautet hierzu das passende Generationenwort.

Die Veränderung in den Lebenseinstellungen hatte auch immer starken Einfluss auf die Konsumgewohnheiten. Bis Ende der 1980er Jahre wollten Menschen etwas besitzen und so wurden Autos und andere Statussymbole gekauft. Heute werden sie geleast, finanziert – und jeder weiß es. Das Aufkommen der Rabattjäger wie der Discounter und Selbstbedienungsläden (Do It Yourself!) raubte vielen Branchen erst die Margen und trieben sie dann in den wirtschaftlichen Untergang. Überleben tun heute Unternehmen, die smart in der Geschäftsidee, lean in der Ausstattung und hipp in Tagesangebot sind. Als clever und ökobewusst gilt, wer über Preisportale wie Swoodoo den günstigsten Flug ergattert und anschließend ein Umweltzertifikat erwirbt. Kaum jemand macht sich darüber Gedanken, welche Einflüsse seine Kaufgewohnheiten auf die Arbeitswelt haben. Denn für Arbeitsbedingungen sind ja Unternehmen zuständig und der Gesetzgeber hilft auf die Sprünge, gesellschaftlichen Normen Geltung zu verschaffen.

Ein Außendienstmitarbeiter von mir tätig im technischen Bereich hat diese Anspruchsmentalität neulich wunderbar in seiner Person konzentriert. Er ist kein Einzelfall, deswegen soll es hier kurz geschildert werden: in der relevanten Branche gibt es klares Süd-West-Gefälle. Kunden, Umsätze und Ergebnisse finden sich vor allem in der alten Bundesrepublik, während der Osten auch hier kaum auf die Beine kam. Mitarbeiter, die in Berlin und Leipzig beschäftigt sind, wird man daher etwas Flexibilität abverlangen müssen. Interessanterweise kaufen sich Unternehmen jedoch mit guten Gehältern nicht automatisch eben solche Mitarbeiter ein, höchstens Ansprüche. Die ostdeutschen Kollegen jedenfalls formulierten diese wie folgt: das Unternehmen möge doch bitte für entsprechende Kunden vor Ort sorgen, wo man die Arbeit innerhalb der regulären Arbeitszeit bis 16 Uhr erledigen könne, statt (gut bezahlte) Überstunden und Wochenendarbeit leisten zu müssen. Da man mit den heutigen Bedingungen unzufrieden sei, habe man sich natürlich andersweitig beworben. Leider lagen alle Jobangebote deutlich unter dem heutigen Gehalt. Einer Kündigung sehe man gelassen entgegen, denn hierdurch würde man ja eine üppige Abfindung erhalten. Leider ist dies alles keine Überzeichnung.

Vor rund 20-25 Jahren vollzog sich eine erratische Entwicklung im Konsum, die bis heute andauert. Die Massenprodukte und Volumenhersteller wurden zurückgedrängt. Der Golf III, produziert in den 80er Jahren, war die Variante mit den höchsten Stückzahlen. Gleichzeitig begann der Abstieg der Konkurrenten Opel und Ford. Discounter wie Aldi wurden zu In-Shops, die neue Anbieter wie Lidl nach sich zogen. C&A wurde out und ersetzt durch H&M. Die Gewinne der Pioniere von erst Microsoft, später Apple, Google und Facebook vernebeln den Blick auf die hohe Anzahl an Insolvenzen und margenschwachen Branchen. Konzerne wie Karstadt oder Opel finden wahrscheinlich nicht mal mehr das Jahr in ihren Büchern, wo sie zuletzt Gewinne erzielt haben. Dennoch beschäftigen sie viele tausend Mitarbeiter. Die Arbeitsbedingungen bei Schlecker wurden so lange von Verdi kritisiert, bis das Unternehmen pleite war. Danach wurde verschämt aufgedeckt, dass die Angestellten überdurchschnittlich verdient hatten und genau deshalb kaum noch eine adäquate Stelle finden konnten.

Die Konsumenten trennen längst sehr klar: entweder werden teure Premiumprodukte gekauft oder preissensitiv auf Internetportalen oder gleich bei den passenden Ketten wie Primark. Der eigene Geldbeutel ist hierbei nicht der entscheidende Fingerzeig. Viele Leute mit kleinem Geld besitzen das hochmoderne iPhone 6s, während hochvermögende Immobilienbesitzer in Hamburg und Frankfurt den Billig-Smart fahren. Diese klare Trennung von Premiumprodukten und –märkten auf der einen und modernen Billiganbietern auf der anderen Seite ist bezeichnend für die meisten Branchen. Die Mittelklasse schwindet oder existiert nicht mehr.

Entsprechend sortieren sich Unternehmen. Deren Aufgabe ist nicht zu fragen, was sollten die Konsumenten haben, sondern was wollen die Käufer. Es gibt heute nur noch zwei Arten, im unternehmerischen Bereich Gewinnmargen im Bereich der Wahrnehmbarkeitsschwelle zu erzielen: durch Produkte im Premium- / High-End-Bereich und exorbitante Volumen im Billigsegment mit sehr hoher Standardisierung. Und auch die Nachfrage nach Arbeit richtet sich nach diesen Parametern. Am Bankenbereich lässt sich dies exemplarisch nachzeichnen. Kreditinstitute zählten über lange Jahre zu den Branchen mit hohen Gewinnmargen, hoher Beschäftigung und hohen Gehältern. Vorbei.

Bankkunden waren stets zurückhaltend, für Dienstleistungen am Schalter zu bezahlen. Folgerichtig war dies einer der Bereiche, der als erstes der Automatisierung zum Opfer fiel. Das Aufkommen von Direktbanken ohne Filialgeschäft tat ein Übriges. In den letzten 20 Jahren verloren unzählige einstmals gut bezahlte Bankangestellte erst ihren Job und dann ihr Einkommen. Die großen Umwälzungen fegten erst die Dresdner Bank hinweg, einstmals Nr. 2 in Deutschland, machten die Commerzbank (Nr. 3) zum Sanierungsfall und scheint inzwischen sogar die altehrwürdige Deutsche Bank zu versenken. Zweifellos unterstützten auch immer Fehler in der Konzernführung den Niedergang. Das allein reicht jedoch nicht als Erklärungsmuster.

Der Befund ist eindeutig: wie in den Märkten und der Struktur von Unternehmen verändert sich die Nachfrage und Bezahlung von Arbeit. Und wahrscheinlich stehen wir noch relativ am Anfang der Entwicklung und nicht an deren Ende. In den letzten beiden Dekaden sind die Einkommen der oberen 50%, in jedem Fall der oberen 20% deutlich gestiegen. Die Arbeitslosigkeit in den prekären Bereichen dagegen stagnierte häufig nur auf Kosten sinkender (Real-) Löhne. Länder, die sich dieser Entwicklung durch rigide Arbeitsschutzgesetze entgegenstemmten, allen voran Frankreich und Italien, bezahlten die Konservierung von Strukturen mit hoher Erwerbslosigkeit, vor allem von jüngeren Erwerbskräften, die noch am Anfang ihres Berufslebens stehen.

Alle Studien bestätigen den globalen Trend: die nächste Rationalisierungswelle wird die Standardjobs im Mittelbau der Erwerbswirtschaft treffen. Die Entwicklung im Bankensektor war hier nur ein Vorgeschmack. Hochgefährdet sind die Stellen, die ein hohes Maß an Routinetätigkeit beinhalten und relativ gut bezahlt werden. Im IT-Bereich werden das die Administration und Teile der Programmierung sein, im Finanzwesen die Buchhaltung, im Personalwesen die meisten Sachbearbeiterpositionen und im Einkauf die Disponentenstellen. Wer in den gefährdeten Bereichen nicht seinen Job verlieren wird, muss sich mit stagnierenden bis rückläufigen Einkommen anfreunden. Es gibt keine erprobte politische Strategie dagegen. Wer versucht, die Entwicklung aufzuhalten, bezahlt dies mit hoher Arbeitslosigkeit seiner erwerbsfähigen Bevölkerung. Nichtstun wird die Gesellschaften sprengen.

Und dennoch: Der Trend zu stärkerer Differenzierung der Einkommen wird eher zunehmen. Die einen werden noch mehr an den Sahnetöpfen sitzen, die anderen das Prekariat bilden. Wer wo seinen Platz findet, darüber entscheiden Bildung, Know-how und nicht zuletzt persönliche Entscheidungen. Wer heute Politologie und philosophische Ansätze der Soziologie studiert, mag zwar Akademiker sein. Es wird jedoch wie bisher auch ziemlich wenige Unternehmen geben, die dafür eine Bildungsrendite bezahlen werden. Bildung und Lernen sind kein Selbstzweck – abgesehen für jene, die es sich schon immer leisten konnten. Sie dienen dazu etwas zu tun, was gesellschaftlich benötigt wird.

Eine neue Studie legt nahe, dass die gesellschaftliche Akzeptanz von großen Einkommensunterschieden durchaus vorhanden ist, wenn alle Gruppen Opfer bringen müssen. Die Einstellung, dass jemanden ein bestimmtes Einkommen „zusteht“, schwindet. In manchen Gesellschaften ist sie kaum oder nicht vorhanden. Die Grundsatzfrage wurde in Deutschland mit den Arbeitsmarktreformen 2003-2005 entschieden: jede bezahlte Arbeit entlastet die Gesellschaft. Wer eine Stelle nur deswegen nicht annimmt, weil sie ihm aus verschiedenen Gründen – Arbeitsbedingungen, Einkommen, Branche – nicht zusagt, missbraucht die Solidarität der ihn tragenden Gesellschaft. Es kommt die Öffentlichkeit weit günstiger, wenn jemand prekär beschäftigt und bezahlt wird und der Staat zum Lebensunterhalt aufstockt, als Menschen dauerhaft in die Arbeitslosigkeit zu schicken.

Jahrelang zogen Linke von SPD, Grünen und vorneweg LINKE durch die Lande und predigten den angeblichen Skandal, der keiner ist: viele Menschen könnten von ihrer Arbeit nicht leben. Als Konsequenz forderten sie einen gesetzlichen Mindestlohn, der eben das Menschenwürdige absichert. Dazu wurde 2014 von der Großen Koalition eine Lohnuntergrenze beschlossen, die eine der höchsten in der OECD ist und mit 8,50 weit über dem sozialen Existenzminimum des Sozialrechts liegt. Doch es passierte, was Ökonomen prophezeit hatten: ein Mindestlohn, egal wie er gestaltet ist, wird nicht in der Lage sein, das Phänomen der Aufstocker zu beseitigen. Tatsächlich sank deren Zahl von Ende 2014 bis Sommer 2015 auch um lediglich 45.000 auf 1,2 Millionen und damit in dem Rahmen, der vom IAB prognostiziert worden war (Prognose: 41.000).

Das ist kein endgültiges Urteil über den Mindestlohn. Aber eines der verwendeten Argumente war eindeutig falsch und das Gegenteil damit richtig: sozial ist, was Arbeit schafft. Das Soziale beruht auf der Solidarität aller einer Gesellschaft und ist eine Leistung der Mitmenschlichkeit auf Gegenseitigkeit. Während die einen Hilfe leisten in Not, sind die anderen verpflichtet, alles zu tun, was diesen Zustand möglichst schnell beendet.

Die Erkenntnisse sind unzweideutig: die größte Armutsgefahr ist Arbeitslosigkeit. Genauer muss gesagt werden: Langzeitarbeitslosigkeit. Internationale Studien belegen, dass ein Arbeitnehmer dauerhaft seine Karrierechancen und Einkommensmöglichkeiten schädigt, wenn er mehr als 1 Jahr erwerbslos bleibt. Während seiner restlichen Erwerbszeit lässt sich dieser Schaden nicht mehr gut machen. Jede Anstrengung der Gesellschaft wie der Arbeitslosen muss darauf gerichtet sein, den Zustand nur zu einem Intermezzo zu machen, selbst um den Preis, nicht sofort wieder auf dem Niveau einsteigen zu können, das man an der vorherigen Stelle hatte.

Die frühere Arbeitslosenhilfe stand diesem Ziel eindeutig entgegen. Sie belohnte Leistungen, die lange bis sehr lange zurücklagen. Das beliebteste Argument: mit Hartz-IV sinkt ein Arbeitsloser auf ein Niveau wie alle diejenigen, die nie einbezahlt hätten. Doch die Entsprechung für die Arbeitsleistung wie Beitragszahlungen wurde bereits vorher über das Arbeitslosengeld entschädigt. Die Befürworter forderten stets Steuerzahler zweier Klassen: jene, die bereits mal etwas geleistet haben und jene, die nie etwas geleistet haben. Aber mit dem gleichen Argument ließen sich mehr staatliche Leistungen für Besserverdiener fordern. Vor dem Sozialrecht sind alle gleich.

Genau dieses Ausruhen auf Vergangenem ist das, was nicht sozial ist. Es schädigt den Reichtum der Gesellschaft, es beutet die einen zu Lasten der Willigen, der Bereiten aus. Auch eine solche Einstellung trägt zur Spaltung der Gesellschaft bei.

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  • CitizenK 28. März 2016, 18:37

    „Die großen Umwälzungen …. scheint inzwischen sogar die altehrwürdige Deutsche Bank zu versenken“ War da nicht was mit Milliarden-Rückstellungen für Prozesskosten wegen Betrug und Trickserei?

    Uns Verdi hat Schlecker in die Pleite getrieben? Auf diesem Niveau lohnt eine Diskussion nicht., Herr Pietsch.

    • In Dubio 28. März 2016, 18:50

      Sie lesen einseitig. Sehr wohl hat die Deutsche Bank über einige Jahre teilweise gravierende Management-Fehler begangen. Aber es sind nicht die Milliarden-Rückstellungen, welche Anleihen des Geldhauses auf Ramschstatus notieren lassen. Die Geschäftsfelder der Bank sind häufig nicht profitabel, dazu findet man in den Türmen in Frankfurt keine Strategie, was das Kreditinstitut in der Zukunft noch sein will. Es ging mir um den Trend.

      Verdi hat Schlecker natürlich nicht in die Pleite getrieben, warum muss ich verteidigen, was ich nicht gesagt habe? Aber: die Gewerkschaft hat bis zur Insolvenz die Arbeitsbedingungen beklagt und sie mit Ausbeutung gleichgesetzt. Monate später jammerte die gleiche Gewerkschaft, dass die Schlecker-Frauen keine so guten Jobs mehr bekämen. Allein das zeigt, wie überzogen die frühere Kritik war.

      Wer beurteilen will ohne keinen Maßstab zu haben, wird maßlos. Das könnte eine Lehre sein.

      • CitizenK 29. März 2016, 16:56

        @ In Dubio

        Den letzten Satz verstehe ich nicht, bitte um eine Erläuterung.

        Nicht einmal Ihr Idol Hayek würde schwere Managementfehler wie bei der Deutschen Bank nicht mit gesamtwirtschaftlichen Veränderungen zu bemänteln versuchen, sondern benennen. Der Commerzbank jedenfalls geht es besser.

        Auch bei Schlecker waren es vor allem Management-Fehler (Überdehnung, zu viele, zu kleine und unattraktive Läden usw.). Kritisiert wurden die Arbeitsbedingungen und der Umgang mit Mitarbeiterinnen (es handelte sich dabei nämlich um Menschen), nicht in erster Linie die Gehälter.

        • In Dubio 29. März 2016, 20:14

          Der Satz ist nicht gerade ein Highlight der Rhetorik. Er besagt das Gegenteil des Gemeinten: Zur Beurteilung gehört ein objektivierbarer Maßstab. Man bekommt im Leben selten alles: tolles Einkommen, prima Arbeitsbedingungen, hohes Maß an Bequemlichkeit. Und natürlich hat Verdi auch die Löhne bei Schlecker kritisiert.

          Laut einer Studie von der Unternehmensberatung Roland Berger aus den 90er Jahren sind 2/3 aller Unternehmensinsolvenzen auf Managementfehler zurückzuführen. Ich habe keinen Zweifel, dass dies gilt. Entscheidungen beruhen auf der Bewertung zukünftiger Entwicklungen. Manager haben genauso wenig eine Glaskugel wie Lottospieler. Und immer wird sich ein Teil unserer Entscheidungen als richtig, der andere als falsch herausstellen.

          Man kann von Unternehmensführern erwarten, dass sie ihre Entscheidungen sorgsam abwägen und sich Impulshandlungen versagen. Man kann erwarten, dass hinter ihren Entschlüssen strategische, langfristige Überlegungen stehen. Was man nicht erwarten kann: dass sie bei der Frage richtig / falsch eine signifikant höhere Trefferwahrscheinlichkeit haben als ein durchschnittlich begabter Mitteleuropäer bei seinen privaten Entscheidungen. Ihnen fehlt nämlich auch das, was Entscheidungen die Zukunft betreffend sicher macht: das Wissen.

          Man kann dem jeweiligen Management der Deutschen Bank, der Commerzbank und der seligen Dresdner Bank vorwerfen, nicht die richtige Strategie gefunden zu haben, auf die Marktveränderungen und verschobenen Kundenbedürfnisse zu reagieren. Aber: die Kunden haben ihr Verhalten geändert, darum geht es im Beitrag.

        • Stefan Sasse 30. März 2016, 07:43

          Da muss ich CitizenK beispringen. Bei Schlecker kritisiert wurden die fürchterlichen Arbeitsbedingungen und permanenten Gesetzesverstöße. Diese haben maßgeblich zum schlechten Image der Kette beigetragen. Auch hier ist das Managment – in diesem Fall Anton Schlecker persönlich – schuld. Kritisiert wurde auch eine im Einzelhandel weit verbreitete Problematik, nämlich die Nichtbezahlung von Überstunden. Wenn du jeden Tag unbezahlt eine dreiviertelstunde länger arbeitest, sinkt dein realer Stundenlohn entsprechend. Ich bin sicher, als Mensch mit Praxiserfahrung aus der Wirtschaft wird dir das einleuchten 😉

          • CitizenK 30. März 2016, 08:47

            Stefan hat recht. In meiner Stadt mit angespanntem Immobilienmarkt standen mehrere Schlecker-Filialen nach der Pleite jahrelang leer, weder dm noch Müller wollte sie haben – zu klein, unrentabel. Deren Groß-Filialen an anderer Stelle florieren mittlerweile.

            Das war – neben der von Stefan beschriebenen Personalpolitik, der Kardinalfehler von Anton Schlecker. Verdi auch nur eine Mit-Schuld an der Schlecker-Pleite zu geben, zeugt von ideologischer Denkweise. Die Sie sonst uns „Linken“ vorwerfen.

          • In Dubio 30. März 2016, 08:56

            Verdi hatte Schlecker auf dem Kieker wegen angeblichem Lohndumping. Fakt war, dass der Einzelhändler Löhne über dem Branchenschnitt zahlte. Im Fokus waren jedoch nicht die Konkurrenten dm oder Rossmann, ganz zu schweigen von den kleineren Filialisten. Und dieses Verhalten sehe ich als verlogen an.
            http://www.derwesten.de/waz-info/verdi-wirft-schlecker-lohn-dumping-vor-id72156.html
            http://www.welt.de/wirtschaft/article115676439/Hohe-Loehne-Problem-fuer-Ex-Schlecker-Mitarbeiter.html

            Nur weil eine Organisation dem angeblich Guten verpflichtet ist, heißt das noch lange nicht, dass sie immer nur Gutes tut. Exemplarisch kann hier auch Greenpeace im Konflikt mit BP gelten, wo die Umweltschützer später zugestanden, den Ölmulti nicht immer mit lauteren Mitteln und Ehrlichkeit im Falle von Brent Spar vor sich hergetrieben zu haben.

            • CitizenK 13. April 2016, 16:23

              „Im Falle von Anton Schlecker geht es nach Angaben der Staatsanwaltschaft um vorsätzlichen Bankrott in mehreren Fällen, bei seiner Frau Christa und seinen beiden Kindern Meike und Lars um die Beihilfe zum Bankrott. Schleckers Sohn und Tochter müssen sich demnach auch wegen Insolvenzverschleppung und Untreue verantworten.“

              http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/anklage-gegen-anton-schlecker-wegen-vorsaetzlichen-bankrotts-14176606.html

              Dahinter steckt bestimmt auch ver.di.

              • StefanP 14. April 2016, 10:37

                Sie sind doch ein intelligenter Mensch. Dennoch fällt es Ihnen schwer, dem Rechtsgrundsatz der „Unschuldsvermutung“ zu folgen. Aus einer Anklage folgt von Ihnen eine (spöttische) Schuldzuweisung.

                Der Vorwurf der Insolvenzverschleppung ist schwer zu beweisen, da es, vom Gesetzgeber bewusst so angelegt, eine längere Grauzone gibt. In der Phase muss die Geschäftsleitung permanent überprüfen, ob eine positive Fortführungsprognose für das Unternehmen noch besteht. Die Vermögensverlagerungen kurz vor der Insolvenz sind seit Jahren bekannt. Ob sie legal waren, gilt es zu juristisch zu prüfen. Ursächlich für die Insolvenz von Schlecker waren sie nach allem bisher Gehörten nicht.

                Zur Erinnerung: Schlecker war im Gegensatz zum Üblichen bei seinem Unternehmen persönlich haftend, d.h. er musste mit seinem gesamten Privatvermögen einstehen. Angesichts der Unternehmensgröße von Schlecker musste das eigentlich zum privaten Bankrott des Unternehmers führen und das nach über 50 Jahren Engagement. Leute, die bei jeder Gelegenheit schwarz arbeitende Menschen und Sozialbetrüger in Schutz nehmen, müssten diese Motive leicht nachvollziehbar erscheinen. Oder auch Ihnen, wenn Sie regelmäßig für die Anerkennung von Lebensleistung bei Sozialtransfers (Arbeitslosenhilfe) streiten.

                Aber das hat alles nichts mit dem Vorwurf an Verdi zu tun. Der Vorwurf war der der Heuchelei: jahrelang über die Bezahlung und Arbeitsbedingungen bei Schlecker lamentieren um nach dem Untergang des Unternehmens kleinlaut einräumen zu müssen, dass die Bezahlung deutlich über Branchenschnitt lag und viele ehemals Beschäftigte zu den Konditionen keinen Job mehr erhalten. Das hört sich eher nach sozialem Wohltäter als nach einem kapitalistischem Ausbeuter an.

                • CitizenK 14. April 2016, 11:22

                  “ Schlecker hatte zuletzt im Gegensatz zu vielen anderen Einzelhändlern nach Tarif gezahlt“.

                  Zuletzt. Wegen der Missstände, die von der Gewerkschaft öffentlich gemacht wurden. Zuletzt hat er (bzw. seine Kinder) auch versucht, die zu kleinen, schmuddeligen Filialen aufzuhübschen. Beides zu spät.

                  Schlecker als „sozialer Wohltäter“ – der ist wirklich gut.
                  Aber im Ernst: Als Modell -Unternehmer in der idealtypischen Marktwirtschaft taugt Schlecker nun wirklich nicht. Trotz der persönlichen Haftung, die er ja möglicherweise (Unschuldsvermutung!) auf andere Weise einzuschränken versucht hat.

          • Tim 30. März 2016, 21:46

            Schlecker gehört eher in die Kategorie „Gewerkschaftsversagen“. Jahrelang wurden die Mitarbeiter von den wohlmeinenden Gewerkschaftern vor allem als schützenswerte Opfer und das Unternehmen als Großausbeuter dargestellt. Folge: Unternehmen pleite, viele Mitarbeiter bis heute schwer vermittelbar.

            Daß die Mitarbeiter die bewußte Entscheidung getroffen hatten, bei Schlecker zu arbeiten, interessierte damals und heute keinen.

            Fazit: eine sehr deutsche Geschichte.

  • Ralf 29. März 2016, 02:07

    „Sozial ist was Arbeit schafft“. Wahrscheinlich einer der erfolgreichsten politischen PR-Slogans in Deutschland. Und dennoch grundfalsch. Wenn sozial ist, was Arbeit schafft, dann ist auch der Sklavenhalter sozial. Denn der schafft ja auch Arbeit. Wenn man sich das vergegenwaertigt, wird schnell klar, wie unsinnig dieser pauschale Spruch aus der politischen Werbetrickkiste ist. Tatsaechlich ist es natuerlich nur sozial, wenn sozialversicherungspflichtige Arbeit geschaffen wird, von der Menschen auch wirklich leben koennen, eine Familie ernaehren koennen und die den Angestellten solide in der Mittelklasse verankert.

    Ansonsten zeichnen Sie ein tristes Bild. Die Mittelklasse wird weiter schrumpfen, das Prekariat wachsen. Die Ungleichheit wird steigen. Mit anderen Worten: Die Zukunft wird schrecklich werden. Hier und da zeigen Sie einen Weg auf, wie die kleine Handvoll Gewinner ihr wirtschaftliches Ueberleben retten koennte. Die Millionen, denen diese Moeglichkeiten nicht offenstehen, geben wir einfach auf. Bezeichnenderweise kommt diese dystopische Schreckensarie aus Ihrer Feder unmittelbar im Anschluss an zwei Artikel, in denen Sie fragten, in welchen Feldern sich Sozialdemokraten heutzutage noch einbringen sollten. Wo werden Sozialdemokraten wohl noch gebraucht? Nun, Sie finden die Antwort in Ihrem eigenen Aufsatz. Unbedingtes Ziel sozialdemokratischer Politik muss es sein, die Zukunft, die Sie ausmalen um jeden Preis zu verhindern.

    Das heisst steuerliche Anreize schaffen, die die Beschaeftigung von Menschen statt Maschinen beguenstigt. Das heisst notfalls auch staatliche Beschaeftigung zu schaffen. Das heisst Globalisierung und Freihandel zurueckzufahren, dort wo sie einer sozialen Gesellschaft im Wege stehen. Das heisst mehr staatliche Regulierung. Ihre renitenten ostdeutschen Mitarbeiter waeren z.B. kein Problem mehr, wenn staendige Wochenendarbeit und permanente Ueberstunden einfach verboten wuerden. Sonntags muessen Familien doch auch einmal Zeit haben gemeinsam einen Ausflug zu unternehmen und Familien mit kleinen Kindern moechten gerne am Abend gemeinsam Abendbrot essen und von ihrem Tag erzaehlen. Das geht nicht, wenn der Papa staendig bis 23:00 Uhr im Buero hockt und auch am Wochenende in Akten versinkt. Wir muessten die Arbeitswelt wieder so gestalten, dass sie familienfreundlich und gerecht ist. Und so schwierig waere das auch nicht. Es wuerde bedeuten, Schritt fuer Schritt die „Flexibilisierungen“, die Ihnen so am Herzen liegen rueckzubauen und zu einem Steuersystem zurueckzukehren, das den Interessen der Mehrheit, nicht nur den Interessen einer kleinen reichen Minderheit dient.

    • In Dubio 29. März 2016, 08:17

      Ich denke nicht, dass der Slogan besonders erfolgreich ist. In jedem Fall ist er sehr umstritten, weshalb ich ihn als Header gewählt habe.

      Wenn sozial ist, was Arbeit schafft, dann ist auch der Sklavenhalter sozial.

      Nein, es sei denn, Sie hätten ein ganz schräges Verständnis von sozial. Vielleicht in anderer Hinsicht. 😉 Sozial ganz allgemein ist eine Verhaltensweise, die Rücksicht auf die Allgemeinheit nimmt. Jedes soziale Wesen hat auch einen Bezug auf die Gemeinschaft, in der es lebt.

      Definitionsgemäß hat der Sklavenhalter ein Besitzrecht an einem anderen Menschen und nutzt allein die Früchte seines Eigentums. Beides hat keinen Gemeinschaftsbezug. Doch selbst bei einem Lohn von 5€ profitieren drei: Der Unternehmer, der Arbeitnehmer, der damit besser gestellt ist als ohne Arbeit und die Gemeinschaft, die weniger Unterstützung zahlen muss. Hinzu kommen andere humane und emotionale Aspekte. Unabhängig vom Lohn sind Menschen mit bezahlter Beschäftigung und regelmäßiger Arbeit zufriedener und lebensbejahender als Menschen ohne Arbeit.

      Leider haben Sie sehr wenig verstanden, vielleicht liegt das an mir. Der Artikel umreißt das Aufgabengebiet von sozialen und liberalen Parteien, das ist durchaus im Kontext mit den vorherigen Beiträgen zu sehen. Sie beschreiben unbeabsichtigt, warum sozialistische und sozialdemokratische Parteien nicht allein die Regeln bestimmen sollten. Sie würden die Vorteile von Entwicklungen bereits im Keim ersticken. Ihr Konzept lautet: Back to the Past!

      Ihr Linken seid so widersprüchlich. Auf der einen Seite fordert ihr seit Jahrzehnten die Entlohnung und Entwicklung von Menschen nach ihrem Können, ihrem Intellekt und Bildung, um das Geldkapital zu entmachten. Auf der anderen Seite könnt Ihr nicht mit den Konsequenzen leben. Da eben diese sehr individuellen Eigenschaften nicht gleichmäßig, sondern gemäß Gauß’scher Normalverteilung zugeteilt sind, führt genau dieser humane, freiheitliche Ansatz zu höchst unterschiedlichen Einkommen, Karrieren und Vermögen.

      Ihre Konzepte gegen die Geister, die Sie selbst beschworen haben, scheitern bereits im Theorieansatz. Wenn Wochenendarbeit verboten wird, wird sie automatisiert oder ausgelagert, so Bedarfe bestehen. Beides vernichtet Arbeit. Päckchen dürfen am Wochenende nicht zugestellt werden? Kein Problem, wozu gibt es heute Drohnen? Die streiken nicht, fordern keine Gehaltserhöhung und haben kein Familienleben. Prima für den Paketboten: er darf nun 24/7 zu Hause sein.

      Gehen Sie doch einmal am Wochenende in die Stadt. Autos dürfen nicht mehr gewaschen werden, wann soll das erledigt werden? Das iPhone, das nicht mehr funktioniert, kann leider erst am Montag morgen repariert werden. Dumm, dass der Kunde da wieder arbeiten muss. Operationen, Pflege, Feuerwehreinsätze sollten auch am Wochenende ruhen, konsequent sollte man schon sein.

      In meiner Branche ist es so: entweder wird die Arbeit verlagert oder sie wird von einem Freelancer erledigt. Der unterliegt nämlich nicht der geregelten Arbeitszeit. Ich habe Ihnen also neue Anhaltspunkte geliefert, wo Sie weitere Verbotsschilder aufhängen müssen, damit Sie auch nur theoretisch irgendwann Ihr Ziel erreichen können. Oder Sie probieren einen ganz anderen Ansatz.

      • CitizenK 29. März 2016, 19:06

        „Ihr Linken seid so widersprüchlich. Auf der einen Seite fordert ihr seit Jahrzehnten die Entlohnung und Entwicklung von Menschen nach ihrem Können, ihrem Intellekt und Bildung…“

        Zugegeben: Ihr Rechten seid dagegen konsistent: Schon immer fordert ihr die Abschaffung von Korrekturen (Steuerprogression, Erbschaftsteuer , Bildung) für die, welche die Nieten gezogen haben in der natürlichen Lotterie (Gesundheit, Intelligenz, Begabung) oder gesellschaftlichen (Erbschaft, Familienhintergrund, Bildung).

        Wenn die „Konsequenzen“ im Rahmen bleiben, können „wir“ (Halb-/Viertel-) Linken sehr gut damit leben. Wenn man Roosevelt allerdings schon für einen Kommunisten hält, dann nicht.

        • In Dubio 29. März 2016, 20:29

          Als „Rechter“ bezeichnet zu werden, ist eher ungewohnt. Eigentlich sehe ich mich als Liberalen, als politisch mittigen Menschen. Andererseits: „links“ bin ich nun wirklich nicht, von daher in Ordnung. 😉

          Da ich aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stamme, habe ich ein geradezu natürliches Verlangen, die Gesellschaft durchlässig zu halten. Leider waren meine Ansichten selten Mehrheitsmeinung, eben wegen der Beharrungskräfte. Ein einfaches Steuersystem, dass den Cleveren (in dieser Hinsicht gehöre ich in aller Bescheidenheit durchaus dazu) die Möglichkeiten zur eigenen Steuergestaltung genommen hätte? Abgelehnt von den Linken. Eine steuerfinanzierte Mindestrente auf Niveau des Existenzminimums? Abgelehnt von Linken, die um die Akzeptanz der Umlagenrente fürchteten. Eine negative Einkommensteuer, welche Geringverdiener elegant besser gestellt hätte? Abgelehnt von Linken, die um ihren Lobbyismus fürchteten. Es gibt noch mehr, Sie glauben nicht (möglicherweise erinnern Sie sich nicht) wie viele sozialpolitisch intelligente Konzepte in den letzten 30 Jahren diskutiert wurden und von den Beharrungskräften – vor allem auf der Linken – abgelehnt wurden, weil sie nicht Schema F entsprachen.

          Jedenfalls ist es ein Treppenwitz, Einkommen nach Fähigkeiten, Bildung und Intelligenz zu fordern und sich anschließend über große Einkommensunterschiede zu mokieren. Wir Menschen sind nicht stromlinienförmig, wie es die sozialistische Idee verheißt. Das ist auch der Unterschied zu den Hochphasen des industriellen Zeitalters: damals wurden Standards benötigt, die nach Standard (Tarifvertrag) bezahlt wurden. „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“. Heute ist das in vielen Berufen nicht mal mehr eine Phrase.

          P.S.: Wer ist Roosevelt?

          • CitizenK 29. März 2016, 22:21

            @ In Dubio

            Okay, die Beispiele sind diskussionwürdig. Vielleicht kommt ja doch noch eine vernünftige Diskussion zustande.

            Roosevelt steht für das Konzept des New Deal, die Elemente sind vermutlich bekannt: Anti-Trust-Gesetze, hohe Steuern auf Spitzen-Einkommen, staatliche Beschäftigungspoltik, Banken-Regulierung/Trennbankensystem.

            Steuern: Sie meinen vermutlich die Flat Tax von Kirchhoff? Hat ihre Tücken, wäre ein eigener Thread.

            Steuerfinanzierte Grundrente: dito.

            Negative ESt analog den Tax Credits in GB: Vor Kurzem habe ich eine Debatte im House of Commons verfolgt, ein MP von den Conservatives (!) hat sich vehement dagegen verwahrt, dass bei den Ärmsten gekürzt wird. Das lief bei uns doch anders.

            Ich habe auch einen kleinbürgerlichen Hintergrund. Wenn Sie 10 mal mehr verdienen als ich, weil Sie cleverer/tüchtiger/fleißiger sind, okay. Aber fünfzig- oder hundertmal?

            Aber ein anderer Punkt ist mir wichtiger. Ihr Statement zur Leistungsgerechtigkeit enthält ja einen richtigen Kern. Auch ich wähle den fähigeren Handwerker, den besseren Arzt, den freundlicheren/preisgünstigeren Verkäufer und nur selten den, der das Geld vielleicht dringender braucht. Hier kommt das Argument der natürlichen/gesellschaftlichen Lotterie ins Spiel, auf das Sie leider nicht eingehen. Deshalb bin ich sozial-liberal eingestellt, mit Betonung auf sozial.

            Als Liberaler müssten Sie eigentlich die Wahl des teuren iPhones beim Geringverdiener als die Entscheidung eines freien Verbrauchers sehen, der dafür halt auf etwas anderes verzichtet. Aber was, wenn die Familie in einer öffentlich geförderten Wohnung lebt (ich kenne solcher Fälle)? Da stößt man auch als Sozialdemokrat an die Verständnisgrenze.

            Wenn der Freelancer sich selbst ausbeutet, ist das bis zu einem gewissen Grad seine Entscheidung. Wenn er aber kein Geld für Kranken- und Rentenversicherung hat und dann von der Allgemeinheit versorgt werden muss? Und was ist mit dem (schein-) selbständigen LKW-Fahrer dem sonst nur die Arbeitslosigkeit bliebe?

            Und so weiter. Es gäbe genug zu tun für Sozialdemokraten. Schröder & Consorten rechne ich nicht dazu. Und Sozialismus ist wieder was ganz anderes.

            • In Dubio 30. März 2016, 09:28

              Roosevelt steht für das Konzept des New Deal, die Elemente sind vermutlich bekannt: Anti-Trust-Gesetze, hohe Steuern auf Spitzen-Einkommen, staatliche Beschäftigungspolitik, Banken-Regulierung/Trennbankensystem.

              Die Vermeidung und Bekämpfung von Marktmacht ist seit der Begründung der Wirtschaftswissenschaften ein zentrales Anliegen für wirtschaftspolitische Empfehlungen. Schon Adam Smith mit seinem Konzept der unsichtbaren Hand setzte sich damit auseinander. Gerade der Neoliberalismus steht für die Vermeidung von Marktmacht.

              Die hohen Steuern in den USA waren ein Ausfluss der Kriegskosten. Sie blieben hoch, bis die Vereinigten Staaten auch den Vietnam-Krieg hinter sich gelassen hatten. Seit dem sich die Amerikaner Ende der 1980er Jahre wieder stärker interventionistisch betätigten, stiegen auch die Einkommensteuersätze. Heute wird diese historische Entwicklung gerne von jenen als verteilungspolitische Maßnahme verbrämt, die sonst gegen Kriegseinsätze wettern. Und es wird ausgeblendet, dass nicht nur Spitzeneinkommen höher besteuert wurden, sondern sämtliche Einkünfte.

              Das Trennbankensystem gilt heute in den USA mehrheitlich als Treiber der Finanzkrise. Das bedeutet, es gibt kein Ideal.

              Ich meine keinen bestimmten Steuersystementwurf. Ich war Anhänger des Bareis-Konzepts wie der Bierdeckel-Idee. Heute sind diese Ansätze alle politisch tot. Es hat seinen Grund, dass seit über einem Jahrzehnt kein neuer Vorschlag mehr politisch protegiert wurde, obwohl das Steuersystem nicht einfacher geworden ist. Ich engagiere mich auch nicht mehr dafür. Sollen die einen halt ihre Fiktion eines Tarifs nach der individuellen (!) Leistungsfähigkeit haben, wenn sie den anderen dafür die reale Steuergestaltung lassen. So sind alle zufrieden.

              Auch die anderen Vorschläge sind politisch tot, die Zeit ist darüber hinweggegangen. Heute wäre es öffentlicher Harakiri, ausgerechnet bei stark steigenden Rentnerzahlen eine Systemumstellung mit kalkulierten Doppelzahlungen voranzutreiben.

              Ich bin nicht fleißiger und tüchtiger als andere. Ich habe nur mehr als andere in meine Bildung und Erfahrung investiert. Dafür erwarte ich eine weit überdurchschnittliche Rendite, sonst würden jene belohnt, die den sicheren Pfad gegangen sind.

              Hier kommt das Argument der natürlichen/gesellschaftlichen Lotterie ins Spiel, auf das Sie leider nicht eingehen. Deshalb bin ich sozial-liberal eingestellt, mit Betonung auf sozial.

              Das lohnt sich näher zu erörtern. Welche Lotterie meinen Sie?

              Ich kritisiere nicht die Konsumentscheidung der Menschen. Ich sage, diese Entscheidungen treiben die Veränderung der Arbeitswelt voran, die dann kritisiert wird. Das ist das Kernargument meines Beitrags.

              Unser gesellschaftliches Problem sind sicher nicht die Selbständigen und Scheinselbständigen. Im historischen Kontext sowie internationalen Vergleich hat Deutschland eine sehr niedrige Quote an Selbständigen. Hier könnte eher ein Problem liegen.

              Ich bin Liberaler. Ich bin Konservativer. Ich bin auch Sozialist. Erst die Wertung und Priorisierung unserer Einstellungen macht uns zu Sozialdemokraten, Nationalkonservativen oder in meinem Fall zu einem Neoliberalen.

      • Ralf 30. März 2016, 01:55

        @ In Dubio

        Definitionsgemäß hat der Sklavenhalter ein Besitzrecht an einem anderen Menschen und nutzt allein die Früchte seines Eigentums. Beides hat keinen Gemeinschaftsbezug. Doch selbst bei einem Lohn von 5€ profitieren drei: Der Unternehmer, der Arbeitnehmer, der damit besser gestellt ist als ohne Arbeit und die Gemeinschaft, die weniger Unterstützung zahlen muss. Hinzu kommen andere humane und emotionale Aspekte. Unabhängig vom Lohn sind Menschen mit bezahlter Beschäftigung und regelmäßiger Arbeit zufriedener und lebensbejahender als Menschen ohne Arbeit.

        Da irren Sie sich gewaltig. In Sklavenhaltergesellschaften haben Sklavenhalter sich selbst nie als etwas Boeses gesehen. Im Gegenteil. Die Sklaverei wurde gerade wegen ihres angeblichen sozialen Beitrags gerechtfertigt. Meist wurde argumentiert, die Sklaven seien minderwertige Menschen, die selbst nicht in der Lage seien alleine ein zivilisiertes Leben zu fuehren. Dafuer werde die starke Hand des Sklavenhalters benoetigt. Und als Gegenleistung fuer die geleistete Arbeit, ernaehrte der Sklavenhalter seine Sklaven ja auch und stellte eine Unterkunft zur Verfuegung. Sie bekamen also durchaus einen Lohn, halt nur nicht in pekuniaerer Form.

        Wenn sozial ist, was Arbeit schafft, dann waere der Sklavenhalter sozial, denn offensichtlich schafft er Arbeit. Und da Ihrer Meinung nach Menschen mit regelmaessiger Arbeit zufriedener und lebensbejahender sind und das auch noch unabhaengig vom Lohn haetten Sklaven allen Grund gluecklich zu sein. Also zumindest in Ihrer Welt, wenn Sie Ihre Argumente konsequent bis zum bitteren Ende durchdenken.

        Sie beschreiben unbeabsichtigt, warum sozialistische und sozialdemokratische Parteien nicht allein die Regeln bestimmen sollten. Sie würden die Vorteile von Entwicklungen bereits im Keim ersticken. Ihr Konzept lautet: Back to the Past!

        Welche Vorteile? Das Schreckensszenario, dass Sie in Ihrem Beitrag malen, hat keine Vorteile. Sie schreiben selbst, wie das Prekariat sich ausdehen wird – also Massenverarmung breiter gesellschaftlicher Schichten. Sie schreiben von der schrumpfenden Mittelklasse – also gerade die Schicht, die fuer den breiten Wohlstand unserer Gesellschaft verantwortlich war, bricht weg. Zwei, drei Superreiche, die die Maschinen von morgen programmieren, verbleiben als die einzigen, die noch ein halbwegs lebenswertes Leben fuehren koennen. Wo ist da der Vorteil? Nichts, aber auch rein garnichts in Ihrer duesteren Vision ist erstrebenswert fuer die Gemeinschaft als Ganzes.

        Im uebrigen moechte ich nicht zurueck in die Vergangenheit. Ich moechte der Vergangenheit lediglich einige erprobte und nachweislich erfolgreiche Rezepte entnehmen und sie auf die Zukunft anwenden.

        Ihr Linken seid so widersprüchlich. Auf der einen Seite fordert ihr seit Jahrzehnten die Entlohnung und Entwicklung von Menschen nach ihrem Können, ihrem Intellekt und Bildung, um das Geldkapital zu entmachten. Auf der anderen Seite könnt Ihr nicht mit den Konsequenzen leben. Da eben diese sehr individuellen Eigenschaften nicht gleichmäßig, sondern gemäß Gauß’scher Normalverteilung zugeteilt sind, führt genau dieser humane, freiheitliche Ansatz zu höchst unterschiedlichen Einkommen, Karrieren und Vermögen.

        Wo habe ich jemals geschrieben, dass ich etwas gegen unterschiediche Einkommen, Karrieren oder Vermoegen haette? Ich bin absolut fuer unterschiediche Einkommen, Karrieren oder Vermoegen. Diese Unterschiede sind es letztlich, die Menschen motivieren, etwas aus ihrem Leben zu machen. Der Traum vom Aufstieg laesst junge Menschen hart arbeiten oder Firmen gruenden. Fuer ein hoeheres Gehalt leistet man gerne auch etwas Mehrarbeit als nur Dienst nach Vorschrift. Alles wunderbar! Ich behaupte lediglich, dass die Gesellschaft diese Unterschiede in Einkommen und Vermoegen nicht ins Unermessliche wachsen lassen darf. Werden z.B. Einkommen so niedrig, dass Menschen nicht mehr oder kaum noch leben koennen oder so hoch, dass Menschen so viel politische Macht gewinnen, dass sie der Gemeinschaft effektiv ihren Willen aufzwingen koennen, ueberwiegen die Nachteile klar die Vorteile. Niemandem geht es um die Einfuehrung des Kommunismus. Niemandem geht es um das voellige „Gleichmachen“. Es geht lediglich darum Exzesse des Systems zu limitieren, waehrend der Mittelbau der Gesellschaft in einer sozialen Marktwirtschaft existiert; ein gebaendigter Kapitalismus also.

        Wenn Wochenendarbeit verboten wird, wird sie automatisiert oder ausgelagert, so Bedarfe bestehen. Beides vernichtet Arbeit. Päckchen dürfen am Wochenende nicht zugestellt werden? Kein Problem, wozu gibt es heute Drohnen? Die streiken nicht, fordern keine Gehaltserhöhung und haben kein Familienleben. Prima für den Paketboten: er darf nun 24/7 zu Hause sein.

        Schoen dass Sie ein konkretes Beispiel nennen. Da laesst sich gleich zeigen, wie unsinning Ihr Argument ist. Als naechstes fordert der Befoerderungsdienst naemlich, dass der Mitarbeiter nachts nicht mehr schlaeft, sondern jeden Tag 24 Stunden lang durcharbeitet. Wie, geht nicht? Kein Problem, wozu gibt es heute Drohnen? Die streiken nicht, fordern keine Gehaltserhoehung und brauchen keinen Schlaf.

        Wofuer wird der Paketbote in Ihrem Beispiel eigentlich bestraft? Letztendlich dafuer dass er ein Mensch ist. Denn ein Familienleben, genauso wie Schlaf, gehoeren nunmal zum Menschsein dazu. Sie hingegen fordern die totale Funktionalitaet, die totale Verfuegbarkeit. Mit anderen Worten, fuer Sie soll der Mitarbeiter zur Maschine werden. Aufhoeren Mensch zu sein. Wer das nicht packt, ab in die Arbeitslosigkeit. Ich frage mich, ob Sie sich eigentlich jemals Gedanken gemacht haben, wer in dieser traurigen Schreckenswelt, die Sie da ausmalen leben moechte?

        Gehen Sie doch einmal am Wochenende in die Stadt. Autos dürfen nicht mehr gewaschen werden, wann soll das erledigt werden? Das iPhone, das nicht mehr funktioniert, kann leider erst am Montag morgen repariert werden. Dumm, dass der Kunde da wieder arbeiten muss. Operationen, Pflege, Feuerwehreinsätze sollten auch am Wochenende ruhen, konsequent sollte man schon sein.

        Hab ja nur drauf gewartet. Da ist schon wieder Ihr alter rhetorischer Trick: Schwarz-Weiss-Malerei, die ein Argument eines Mitdiskutanten so extrem verzerrt, dass ein voellig absurdes Ergebnis herauskommt, das Sie dann anschliessend kritisieren.

        Wer fuer freie Wochenenden ist, damit Familien Gelegenheit haben Zeit miteinander zu verbringen, muss deshalb auch unbedingt fuer totalen Stillstand bei Polizei und Krankenhaeusern an Samstagen und Sonntagen sein? Aus praktischer Sicht ist das voelliger Quatsch. Nichts von dem, was Sie da ansprechen, war in den 80ern ein Problem. Auch in den 80ern sind Autos gewaschen worden. Auch in den 80ern sind defekte elektronische Geraete repariert worden. Haeufiger sogar als heute. Heute schmeisst man Geraete mit Defekten ja meist gleich weg und kauft neu. Eingekauft hat man in der Mittagspause oder unmittelbar im Anschluss an die Arbeit. Fehlte dafuer die Zeit hat man am Samstag morgen eingekauft. Da waren die meisten grossen Geschaefte ja noch bis 14 Uhr auf. Eine Zeitlang gab es den „langen Donnerstag“. Mit dem koennte ich mich auch anfreunden. Das war ein Tag in der Woche, an dem die Lebenmittelgeschaefte bis 20:30 Uhr geoeffnet hatten. Ich denke, dass war den Supermarktangestellten wohl zumutbar und es war ein grosser Vorteil fuer die Berufstaetigen, die nun einen Tag in der Woche hatten, an dem sie abends noch einkaufen konnten. Und in den 80ern wurde selbstverstaendlich trotz Ladenschlussgesetz und Arbeitsregulierungen auch am Wochenende bei Polizei, Feuerwehr, Krankenhaeusern oder meinetwegen auch an Tankstellen gearbeitet. Nichts anderes fordere ich.

        In meiner Branche ist es so: entweder wird die Arbeit verlagert oder sie wird von einem Freelancer erledigt. Der unterliegt nämlich nicht der geregelten Arbeitszeit. Ich habe Ihnen also neue Anhaltspunkte geliefert, wo Sie weitere Verbotsschilder aufhängen müssen

        *verbotsschild aufhaeng*

        Stellen Sie sich einen Moment die Frage, warum einige Menschen jahrelang arbeitslos sind, obwohl sie als voll erwerbsfähig zu rechnen sind.

        Ich entnehme dieses Zitat von Ihnen mal aus der Diskussion weiter unten. Sie stellen naemlich eine gute Frage. Sie werden nur die Antwort nicht moegen. Wer ist denn in diesem Land „jahrelang arbeitslos“? Das sind in erster Linie natuerlich aeltere Arbeitnehmer, die durch exakt die Rationalisierungsprozesse, die Sie so gutheissen, aus dem Berufsleben gekegelt worden sind. Die will jetzt halt keiner mehr, also verbringen sie den Rest ihres Lebens auf Hartz IV in Armut, auch wenn sie viele Jahre ihres Lebens gearbeitet haben. Und dann sind da solche Menschen, die garnicht erst den Einstieg gefunden haben in das Arbeitsleben. Meist weil ihnen ein vernuenftiger Schulabschluss oder grundlegende soziale Faehigkeiten fehlen. Aber welche Gesellschaftsschichten produzieren diese Faelle in besonders hohem Masse? Genau, das Prekariat. Und welche Gesellschaftsschicht produziert diese Faelle in der Regel nicht oder zumindest nur in geringem Masse? Genau, die Mittelschicht. Die Vision Ihrer Welt, war aber eine Vision, in der das Prekariat noch dramatisch ausgeweitet wird, waehrend die Mittelklasse weiter schrumpfen soll. Sollte sich das so ergeben, werden eben noch viel mehr derer geboren, die niemals einen Fuss in Tuer eines Arbeitgebers setzen werden. Die sozialen Probleme werden explodieren. Die Zahl gemeinschaftsfaehiger Menschen wird sinken. Das ist naemlich die Kehrseite Ihrer Politik, die Sie staendig vergessen. Sie beklagen sich ueber das Ergebnis eines Prozesses, den Sie selbst geschaffen haben oder den Sie zumindest befuerworten.

        • In Dubio 30. März 2016, 11:58

          Mein Sklavenbegriff ist vom römischen Recht abgeleitet. Tatsächlich waren die römischen Sklaven besser gebildet als die gewöhnliche Erwerbsbevölkerung in Italien. Von daher war es unsozial, die Erträge der besseren Qualifikation nur dem Sklavenbesitzer zu überlassen. Die USA importierten Sklaven allein aus Gründen des Erwerbs, sonst nichts. Genau deshalb wehrten sich die Südstaaten so vehement gegen die Abschaffung, während der Norden längst industrialisiert war. Auch darin ist kein soziales Motiv zu erkennen.

          Wenn sozial ist, was Arbeit schafft, dann wäre der Sklavenhalter sozial, denn offensichtlich schafft er Arbeit.

          Muss ich mich wirklich wiederholen? Sklaven sind (rein ökonomisch betrachtet) deswegen nicht sozial, weil die Erträge einzig dem Besitzer zufließen. Der Sklave erhält keine Entschädigung, die Gemeinschaft nicht mal Steuern. Das Kriterium sozial ist damit auf keiner Stufe erfüllt. Daneben sprach ich von Erwerbsarbeit, die erfüllend ist. Sklaverei ist per definitione keine Erwerbsarbeit. Bitte, lassen Sie uns nicht immer so im Kreis drehen, alles war schon gesagt.

          Welches Schreckensszenario? Was ich beschreibe ist die Prognose von Forschern und zeichnet sich bereits in der Einkommensentwicklung ab. Es hilft politisch nicht die Augen zu schließen und zu sagen: „Is nich'“. Es ist Gesellschaften nie bekommen, die sogenannte primäre Einkommensverteilung gesetzgeberisch beeinflussen zu wollen. Die skandinavischen Länder können sehr gut mit höchst unterschiedlichen Markteinkommen leben. Entscheidend ist die sekundäre Einkommensverteilung, das, was einem Haushalt nach Abzug von Steuern und Abgaben sowie der Hinzurechnung von Transfers verbleibt. Deutschland ist hiernach ein sehr gerechtes, gleichmäßig verteilendes Gemeinwesen.

          Der Unterschied zwischen Linken und Liberalen liegt darin, dass erstere lieber die primäre Einkommensverteilung steuern wollen.

          Es ist eben nicht so und wird auch in der Zukunft nicht so sein, dass sich die Einkommen auf einige wenige konzentrieren. Wenn Sie die Einkommensentwicklungen der USA wie Deutschlands der letzten 10 Jahre nehmen, so findet sich die Spaltung ziemlich genau in der Mitte des Medians. Die eine Hälfte hat steigende Einkommen, die andere Hälfte sinkende Löhne. Je weiter weg vom Median, desto stärker die Ausprägung. Es spricht nichts dagegen, dass sich diese Entwicklung so weiter fortsetzt, sie beruht weitgehend auf den Bildungsunterschieden und sonstigen individuellen Merkmalen.

          Niemand erwartet, dass Menschen 24 Stunden durcharbeiten. Dafür sind schließlich Schichten da. Aber dann muss Schichtbetrieb eben auch möglich sein, sonst kommen andere Alternativen ins Spiel. Der erwähnte Mitarbeiter beispielsweise hat eine Auslastung zwischen 50 und 60 Prozent, d.h., er arbeitet nur die Hälfte der Zeit für sein Geld. Er bekommt monatlich tausende Euro fürs Nichtstun. Darf man umgekehrt nicht ein gewisses Maß an Flexibilität und Leistungsbereitschaft erwarten, die in der Branche und bei der Berufsgruppe durchaus gegeben ist? Stattdessen setzt der Mitarbeiter darauf, entlassen zu werden.

          Sie begründen das Recht auf regelmäßige Arbeitszeit und freies Wochenende mit dem Erholungscharakter. Gleichzeitig haben Sie Schichtdienste gedanklich ausgeschlossen (siehe oben). Warum soll das Argument Erholung nicht auch für Polizisten, Krankenhausbedienstete und Verkäufer gelten? Und warum gilt es nicht für Manager, Politiker und Studenten?

          Nebenbei: in den 1980er Jahren durfte ich mein Auto auf der Straße am Wochenende waschen. Dies ist heute nicht mehr erlaubt, weshalb Kfz-Besitzer auf Waschanlagen angewiesen sind. Der Einzelhandel tätigt das Gros seiner Umsätze an Samstagen. Es scheint bei den Bürgern einen starken Bedarf nach solchen Einkaufszeiten zu geben.

          Wer ist denn in diesem Land „jahrelang arbeitslos“? Das sind in erster Linie natürlich ältere Arbeitnehmer, die durch exakt die Rationalisierungsprozesse, die Sie so gutheißen, aus dem Berufsleben gekegelt worden sind.

          Zu jeweils rund einem Drittel sind es Ältere (Tendenz abnehmend), Geringqualifizierte (Tendenz zunehmend) und Alleinerziehende (Tendenz steigend). Andere Gruppen spielen eine untergeordnete Rolle. Ältere (>50 Jahre) antworten weit häufiger als andere Langzeitarbeitslose, dass sie nicht mehr aktiv auf Suche sind. Der Grund ist häufig ein freiwilliges Ausscheiden aus dem Erwerbsleben, der Übergang zur Rente wird mit Arbeitslosengeld überbrückt. Die Mehrheit der deutschen Arbeitnehmer wünscht sich ein früheres Arbeitsende als es die gesetzliche Altersgrenze vorgibt, unabhängig vom Einkommen. Denken Sie ernsthaft, solche grundsätzlichen Einstellungen bleiben ohne Auswirkungen auf das Erwerbsverhalten?

          In meinen Funktionen hatte ich häufig mit älteren Arbeitnehmern zu tun, die sehr fordernd bequeme Ausstiege wie Altersteilzeit (ATZ) verlangt haben. Für Unternehmen ist dies ein sehr teures Instrument, für Beschäftigte ein sehr komfortables. Wurde der Wunsch nicht erfüllt, wurden die meisten sehr renitent, anders ausgedrückt sehr phlegmatisch: Krankheitszeiten häuften sich plötzlich, ebenso Schlechtleistungen und Rückgang der Arbeitsmotivation.

          Dem entgegen stehen ältere Arbeitnehmer, die sich allein wegen ihrer erwartbaren Rente ein frühes Ausscheiden nicht leisten können. Diese verbleiben sehr lange im Unternehmen, da ihre Kündigung häufig nicht möglich oder extrem teuer wäre. Die zweite bringt eine überdurchschnittliche Arbeitsmotivation mit, so dass kein Interesse besteht zu kündigen. Betriebsräte und Gewerkschaften haben da eine ganz andere Einstellung… So, das sind die beiden Gruppen, die ich über einen sehr langen Zeitraum kennengelernt habe.

          Alleinerziehende: Deren Verantwortung ist im privaten Umfeld zu suchen, es ist keine Verantwortung von Unternehmen noch Staat.

          • Ralf 31. März 2016, 00:25

            Muss ich mich wirklich wiederholen? Sklaven sind (rein ökonomisch betrachtet) deswegen nicht sozial, weil die Erträge einzig dem Besitzer zufließen. Der Sklave erhält keine Entschädigung, die Gemeinschaft nicht mal Steuern. Das Kriterium sozial ist damit auf keiner Stufe erfüllt. Daneben sprach ich von Erwerbsarbeit, die erfüllend ist.

            Nur zwei Anmerkungen: In manchen, von Sklaverei gepraegten Gesellschaften, konnten sich Sklaven sogar etwas mit ihrer Arbeit hinzuverdienen und sich spaeter moeglicherweise sogar dadurch freikaufen. In jedem Falle aber erhielt der Sklave durchaus eine Art „Entschaedigung“ fuer seine Arbeit, wenn man das so definieren will, denn er erhielt freie Unterkunft und seine Mahlzeiten – also das Minimum, das er zum Leben brauchte. Das ist sehr aehnlich dem Hartz IV-Aufstocker. Der bekommt auch eine recht minimal bemessene freie Unterkunft und soviel Geld, dass er sich zu Essen und zu Trinken kaufen kann. Von tatsaechlicher sozialer Partizipation am Leben in der Gesellschaft kann in der Regel keine Rede sein. So wahnsinnig unterschiedlich sind die Situationen des Sklaven der Antike und des Hartz IV-Aufstockers in Bezug auf ihren „Verdienst“ also gar nicht.

            Zweitens, wenn Sie von erfuellender Erwerbsarbeit sprechen, dann ist das bei der uebergrossen Mehrheit von Hartz IV-Aufstockern nicht gegeben. Diese Menschen verrichten keine erfuellenden Taetigkeiten. Jemand der am Fliessband steht, Toiletten am Bahnhof putzt oder im Kik an der Kasse sein Dasein fristet, wird das wohl kaum erfuellend finden, in dem Sinne wie ein Arzt, ein Rechtsanwalt, ein Wissenschaftler oder ein Pfarrer diesen Begriff benutzen wuerde.

            Niemand erwartet, dass Menschen 24 Stunden durcharbeiten.

            „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“ … 😉

            Vor zwanzig Jahren hat auch niemand von einem einfachen Angestellten erwartet, dass er sein Wochenende aufgibt oder dass er permanent Ueberstunden zum Normalfall macht. Ploetzlich sollen wir ueber so etwas ernsthaft diskutieren. Wer garantiert uns, dass Sie nicht morgen doch die 24 Stunden Durcharbeit wollen? Alldieweil, Ihr Argument dabei doch exakt das gleiche bliebe („wer nicht mitmacht, wird durch eine Maschine ersetzt“) …

            Der erwähnte Mitarbeiter beispielsweise hat eine Auslastung zwischen 50 und 60 Prozent, d.h., er arbeitet nur die Hälfte der Zeit für sein Geld. Er bekommt monatlich tausende Euro fürs Nichtstun.

            Quatsch! Ein Kassierer, der 8 Stunden an der Kasse sitzt, dabei aber nur 4 Stunden tatsaechlich Kunden bedient, haelt Ihren Laden doch trotzdem die vollen 8 Stunden offen. Davon profitiert der Ladenbesitzer. Denn keiner kann vorhersagen, wann genau die Kunden in den Laden kommen werden. Waere der Laden tatsaechlich regelmaessig nur 4 Stunden geoeffnet, weil das der „tatsaechlichen“ durchschnittlichen Arbeitszeit des Kassierers entspricht, wuerden Kunden immer wieder vor verschlossenen Tueren stehen und anschliessend bei der Konkurrenz ihr Heil suchen.

            Sie begründen das Recht auf regelmäßige Arbeitszeit und freies Wochenende mit dem Erholungscharakter. Gleichzeitig haben Sie Schichtdienste gedanklich ausgeschlossen (siehe oben). Warum soll das Argument Erholung nicht auch für Polizisten, Krankenhausbedienstete und Verkäufer gelten? Und warum gilt es nicht für Manager, Politiker und Studenten?

            Ich schliesse Schichtdienste nicht kategorisch aus und habe sie ausdruecklich fuer essentiell erklaert in manchen Branchen. Die Frage, die sich stellt ist, wann ueberwiegen fuer die Gesellschaft als Ganzes die Vorteile und wann ueberwiegen die Nachteile einer bestimmten Regelung. Wuerden Polizisten und Krankenhausmitarbeiter generell ihr komplettes Wochenende freibekommen, wuerden kranke Patienten, die der Pflege oder eines medizinischen Eingriffs benoetigen zu Schaden kommen und Verbrechen wuerde an Samstagen und Sonntagen um sich greifen. Daraus ergibt sich, dass die Gesellschaft hier eine Loesung finden muss, bei der das Recht der entsprechenden Angestellten auf Freizeit und das Recht der Buerger auf eine funktionierende Gesellschaft in Einklang gebracht werden. Das gelingt ja auch meist. Weder Krankenschwestern noch Polizisten haben JEDES Wochenende Dienst. Aber diese besonderen Herausforderungen stellen sich im Falle einer Kassiererin garnicht erst. Die Kassiererin hat keine essentielle gesellschaftliche Funktion, die es erfordert, dass sie auch am Sonntag um 20:00 Uhr noch an der Kasse sitzt.

            Manager, Politiker und Studenten sind nicht-repraesentative Sonderbeispiele. Manager und Politiker sind viel zu selten, als dass sie als ein „typisches Beispiel“ gelten koennten. Auch haben Manager und Politiker dramatisch viel mehr Verantwortung als der Durchschnittsbuerger und das Wohl der Gesellschaft kann erfordern, dass diese Repraesentanten ein Mehr an Arbeit leisten (fuer das sie im Gegensatz zur Kassiererin uebrigens auch mehr als gebuehrend entlohnt werden). Im Falle einer Naturkatastrophe z.B. sind eventuell schnelle politische Entscheidungen notwendig, um Leben zu retten oder erheblichen Sachschaden abzuwenden. In dem Fall darf man dem Politiker offensichtlich abverlangen, einmal auf sein Wochenende zu verzichten.

            Studenten sind wiederum eine andere Sondersituation. Studenten haben in der Regel keine Familie zu versorgen, benoetigen also weniger den besonderen Schutzes des Staates. Meist sind Studenten auch nicht vollzeitmaessig ausgelastet. Ich habe wesentlich weniger Schwierigkeiten mit der Vorsstellung, dass am Sonntag nachts ein Student an der Kasse an der Tankstelle sitzt, als wenn da eine Familienmutter sitzt, die wegen ihrer Arbeit regelmaessig das Abendessen mit ihren Kindern verpasst.

            Nebenbei: in den 1980er Jahren durfte ich mein Auto auf der Straße am Wochenende waschen. Dies ist heute nicht mehr erlaubt, weshalb Kfz-Besitzer auf Waschanlagen angewiesen sind. Der Einzelhandel tätigt das Gros seiner Umsätze an Samstagen. Es scheint bei den Bürgern einen starken Bedarf nach solchen Einkaufszeiten zu geben.

            Waschanlagen finden Sie in Tankstellen, die am Wochenende ohnehin geoeffnet sind. Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, dass Tankstellen selbstverstaendlich zu den Einrichtungen zaehlen, die auch am Wochenende besetzt sein muessen.

            Einkaufen gehen kann der Buerger aber auch an anderen Tagen. Er nimmt das Angebot am Samstag wahr, weil es dieses Angebot eben gibt. Und weil es natuerlich fuer den Kunden sehr bequem ist. Aber der Samstag ist in keinster Weise essentiell. Wuerde Wochenendarbeit im Handel verboten, wuerden die Menschen halt an einem anderen Tag einkaufen gehen. So einfach ist das. Ach, und eine solche Regelung wuerde bereits weit darueber hinaus gehen, was ich gefordert habe. Mir ging es ja darum, dass wir zu den Ladenoeffnungszeiten der 80er zurueckkehren. In den 80ern konnte man durchaus am Wochenende einkaufen, naemlich am Samstag bis 14:00 Uhr. Halt nur nicht am Sonntag und nicht am Samstagabend.

            Zu jeweils rund einem Drittel sind es Ältere (Tendenz abnehmend), Geringqualifizierte (Tendenz zunehmend) und Alleinerziehende (Tendenz steigend).

            Nun, viele der Aelteren sind, wie gesagt, gerade durch diese Rationalisierungsmassnahmen, die Sie ja so toll finden, aus dem Arbeitsleben gekegelt worden. In manchen Faellen wurde den Betroffenen ihre Kuendigung durch Fruehverrentungsprogramme schmackhaft gemacht. Kann man den Menschen damit einen Vorwurf machen? Und eine Rueckkehr in den Arbeitsmarkt (ob gewollt oder nicht) waere sowieso keine realistische Perspektive fuer diese aelteren Kaliber. Oder welcher Betrieb stellt bitte einen arbeitslosen 58-jaehrigen ehemaligen Ingenieur ein?

            Fuer das Zunehmen der Zahl Geringqualifizerter hatte ich oben argumentiert, ist in erster Linie die Ausdehnung des Praekariats verantwortlich. Wollen wir mehr junge Buerger mit gutem Schulabschluss? Wollen wir mehr junge Buerger mit gutem Benehmen und sozialen Faehigkeiten? Wollen wir weniger junge Menschen mit kriminellem oder Drogenhintergrund? Dann muessen wir genau das Gegenteil dessen tun, was Sie fordern. Dann muessen wir Programme entwickeln, die das Prekariat Schritt fuer Schritt abbauen und die diese Menschen wieder in die Mittelklasse integrieren.

            Fuer die Gruppe der Alleinerziehenden gilt zumindest partiell das gleiche. Schwangerschaften bei sehr jungen Muettern, die dann anschliessend ohne Ausbildung oder Schulabschluss dastehen, kommen im Prekariat naemlich auch sehr viel haeufiger vor als in der Mittelklasse.

            Wurde der Wunsch nicht erfüllt, wurden die meisten sehr renitent, anders ausgedrückt sehr phlegmatisch: Krankheitszeiten häuften sich plötzlich, ebenso Schlechtleistungen und Rückgang der Arbeitsmotivation.

            Ich glaube Ihnen gern, dass das ein Problem ist. Ich habe auch nicht fuer jedes Problem eine Loesung. Wenn ein Mitarbeiter seinen Job nicht mehr anstaendig verrichtet, ist eine Abmahnung, und letztlich eine Kuendigung, aus meiner Sicht gerechtfertigt. Dass das praktisch nicht immer ganz leicht umzusetzen ist, ist mir auch klar. Die Welt ist halt nicht perfekt.

            • In Dubio 31. März 2016, 09:26

              Sie führen eine schräge Diskussion ins Absurde. Das ist der Punkt, wo wir aufhören müssen. Wenn Sie Hartz-IV-Empfänger tatsächlich mit Sklaven vergleichen, haben Sie Elementares nicht verstanden. Ihr Einziges Argument dafür: Sozialbezieher sind von Transfers abhängig und damit von denen, die diese zumessen.

              1. Ein Sklave durfte ohne Rechtsfolgen umgebracht werden. Dem Eigentümer war ggf. Schadensersatz zu leisten. Wer einen Arbeitslosen umbringt, wird wegen Mordes verurteilt.
              2. Sklaven durften in jeder Form missbraucht werden. Taten gegen Arbeitslose wie gegen jeden anderen auch werden nach dem Strafgesetzbuch geahndet.
              3. ALG-2 ist ein Antragsrecht. Der Beantragende begibt sich freiwillig in das Regime, dessen Rahmen feststeht. Rechte und Pflichten sind definiert.
              4. Wer zu seinen Sozialleistungen hinzuverdient, darf das Mehr (teilweise) behalten. Ein Sklave hat kein Recht auf Einkommen und Besitz.
              5. Arbeitslose besitzen das gleiche aktive und passive Wahlrecht wie jeder Bürger. Ein Sklave besitzt nichts.

              Soweit dies für Sie nicht materiell ist, können wir eine schräge Debatte über die Abschaffung dieser Rechte führen. Fragen Sie aber bitte nicht, wer von uns beiden irre ist.

              Diese Menschen verrichten keine erfüllenden Tätigkeiten. Jemand der am Fließband steht, Toiletten am Bahnhof putzt oder im Kik an der Kasse sein Dasein fristet, wird das wohl kaum erfüllend finden, in dem Sinne wie ein Arzt, ein Rechtsanwalt, ein Wissenschaftler oder ein Pfarrer diesen Begriff benutzen würde.

              Klar. Wieso ziehen Sie den Vergleich mit besonders zufriedenen Berufsgruppen im höheren Einkommenssegment? Der Vergleich muss doch Geringverdiener zu Arbeitslosen sein, nichts anderes! Seriosität? Null.

              Wer garantiert uns, dass Sie nicht morgen doch die 24 Stunden Durcharbeit wollen?

              Vielleicht das deutsche und das europäische Arbeitsrecht? Hm? Ich kann einen Mitarbeiter nicht zu Überstunden zwingen, es sei denn er verpflichtet sich per Arbeitsvertrag dazu, ein Betriebsrat genehmigt Mehrarbeit oder es ist ein absoluter Notfall. Wissen Sie übrigens, wann dies nach deutschem Arbeitszeitschutzgesetz der Fall ist?

              Beispiel: Eine Herz-OP steht an. Der Chirurg hat bereits 9 Stunden Arbeitszeit auf der Uhr. Darf er länger als 10 Stunden arbeiten? Auflösung beim nächsten Mal.

              Überstunden sind gesondert zu vergüten und die Zuschläge sind üppig. In dem Fall meines Mitarbeiters ging es um die Anspruchsmentalität. Obwohl der Markt, also die Kunden gar nicht da sind, erwartet er, dass das Unternehmen diese herbeizuschaffen habe. Natürlich wird das Ganze in einer Kündigung münden, da er arbeitsvertraglich zur Mehrarbeit verpflichtet ist. Er wird klagen, am Ende eine Abfindung bekommen und das Arbeitsverhältnis wird aufgelöst. So läuft das Spiel in der Praxis. Anschließend wird dieser Anfang 50jährige von der Sozialmafia als unverschuldet arbeitslos geworden gezählt. Von Leuten wie Ihnen zum Beispiel.

              Sie liefern jedenfalls gute Gründe, warum auch mittlere bezahlte Jobs wegrationalisiert werden sollten. In Schweden beispielsweise wird inzwischen der Supermarkt ohne Personal getestet. Da hat man garantiert keinen Konflikt mit dem Arbeitsrecht. Manchmal frage ich mich, ob Sie wirklich keine Ahnung davon haben, wie weit die technische Entwicklung gediehen ist.

              Ihre Abwägung jedenfalls ist nicht wasserdicht. Im wesentlichen machen Sie die Erlaubnis zur Wochenendarbeit und damit Einschränkung der Schutzrechte im Sinne des Gemeinwohls geltend. Aber schon die Waschstraßen sind da ein Bruch. Autowaschen ist keine Tätigkeit, die dem Gemeinwohl dient.

              Nun, viele der Älteren sind, wie gesagt, gerade durch diese Rationalisierungsmaßnahmen, die Sie ja so toll finden, aus dem Arbeitsleben gekegelt worden.

              Genau das bestreite ich, wie Sie anscheinend überlesen haben. Solche Verjüngungskuren gab es bis zum Platzen der New Economy-Blase. Doch seit rund einem Jahrzehnt steigt die Quote der Älteren stetig an. Für Unternehmen ist es außerordentlich teuer, über 50jähige zu entlassen oder nur Altersteilzeit anzubieten. ATZ macht man heute nur mit sehr verdienten Mitarbeitern. Hier haben Sie überlesen, dass solche Maßnahmen nach meiner langen beruflichen Erfahrung i.d.R. vom Mitarbeiter initiiert werden. Kurz, wer 2000 wegen Alters entlassen wurde, ist heute Rentner. Das ist nicht das Problem, sondern diejenigen, die Arbeitslosengeld als gleitenden Übergang nutzen. Oder was meinen Sie, warum die erneute Verlängerung des ALG-Bezugs für Ältere und die Neuauflage von ATZ ausgerechnet in der Arbeitnehmerschaft so beliebt sind?

              Oder welcher Betrieb stellt bitte einen arbeitslosen 58-jaehrigen ehemaligen Ingenieur ein?

              Zunehmend viele, soweit der Ingenieur nicht jahrelang arbeitslos war (wieder: das K.O.-Kriterium). Ein Problem ist, wenn Bewerber um die 60 den umfangreichen Arbeitsschutz will, der eigentlich für durchschnittliche, also jüngere Arbeitnehmer gemacht ist. Ein 15-Jahre altes Auto ist auch problemlos verkaufbar. Schwierig wird es, wenn auch noch 2 Jahre Garantie oben drauf gelegt werden sollen.

              Für das Zunehmen der Zahl Geringqualifizierter hatte ich oben argumentiert, ist in erster Linie die Ausdehnung des Prekariats verantwortlich.

              Nur: woher kommt das? Durch die Zunahme von Menschen mit Migrationshintergrund und hier insbesondere aus einem bestimmten Kulturkreis. Isoliert man diese in den Zahlen, erkennt man das Problem.

              Dann muessen wir Programme entwickeln, die das Prekariat Schritt für Schritt abbauen und die diese Menschen wieder in die Mittelklasse integrieren.

              Ach, Sie meinen in Ihrem „Back to the Past“ gab es keine Asozialen? Sie irren. In der Grundschule wurde ich von solchen überfallen, sie lebten bei mir im Ort (10.000 Einwohner) ein paar Straßenzüge weiter. Erst wurden sie in den Hauptschulen geparkt (70er Jahre) und dann in die Sozialhilfe abgeschoben. Heute sind sie sichtbarer in den Statistiken, weil der Staat es sich über Arbeitsmarktreformen zur Aufgabe gemacht hat, diese Schicht nicht einfach ruhigzustellen. Mittelschicht waren sie nie.

              Schwangerschaften bei sehr jungen Müttern, die dann anschließend ohne Ausbildung oder Schulabschluss dastehen, kommen im Prekariat nämlich auch sehr viel häufiger vor als in der Mittelklasse.

              Bis ich vor 2, 3 Jahren die Statistik sah, dachte ich ähnlich. Ihre Beschreibung ist nicht die Realität. Das Hartz-IV-Problem sind nicht junge Mütter, dies wird überzeichnet. Die typische Alleinerziehende ist irgendwo Ende 20 bis Mitte 30 und hat meist 2 Kinder.

              Nimmt man nun noch hinzu dass im Westen 7% und im Osten die doppelte Zahl (15%) der Kinder bei Alleinerziehenden aufwachsen und beide Zahlen eine stetig steigende Tendenz zeigen, kommt man nicht umhin zu konstatieren, dass das Schicksal „Alleinerziehend“ meist selbst gewählt ist. Hier sind wir bei gesellschaftlichen Einstellungen, die gesellschaftliche Kosten verursachen.

              Der Hang, Beziehungen schneller zu beenden als früher, ja, eine konsumtive Einstellung zu Partnerbeziehungen an den Tag zu legen, macht die Menschen weder zufriedener noch stabilisiert es ihr Leben. Und dem soll der Staat mit Geld und Verständnis auf die Sprünge helfen?

              • CitizenK 31. März 2016, 15:11

                @ In Dubio

                Warum so gnadenlos mit Alleinerziehenden?

                Veränderte Moralvorstellungen haben sicher dazu beigetragen, dass die Zahl stieg. Die Mehrzahl ist aber gewiss unfreiwillig in dieser Lage. Tod des Partners, unerträgliche Zustände (Gewalt) und so weiter, muss ich nicht ausführen.

                In vielen anderen Bereichen hat der Staat auf veränderte gesellschaftliche Umstände „mit Geld und Verständnis“ reagiert. Hier darf er das nicht? Gerade hier, wo zu individuellem Leid noch das ökonomische kommt? Ihre Kaltherzigkeit legt nahe, dass dies eine empfindliche Schwachstelle in Ihrer Argumentation trifft.

                Die Hauptleidtragenden sind sowieso die Kinder. Konservative machen die Kinder haftbar für Entscheidungen ihrer Eltern, Liberale (und Sozialdemokraten) sehen in ihnen neues Leben, das unabhängig von den Eltern gefördert werden soll. Und zwar sowohl aus ethischen als auch aus sozio-ökonomischen Gründen: Wenn die Kinder später in der Arbeitslosigkeit, der psychischen Labilität oder im Knast landen – wer zahlt dann?

                In diesem Punkt haben Sie sich als Nicht-Liberaler, sondern als Struktur-Konservativer gezeigt. Also doch als „Rechter“. Dabei waren doch, historisch gesehen, die Konservativen die Gegenspieler der Liberalen. Liberale wie Friedrich Naumann hatten durchaus Gemeinsamkeiten mit Sozialdemokraten. Leider gibt es auch in der wieder auferstandenen FDP keine Anzeichen dafür.

                In anderen Punkten dieser Diskussion (z.B. was den trägen Mitarbeiter betrifft), kann ich Ihnen durchaus ein Stück weit folgen. In diesem Punkt überhaupt nicht.

                • In Dubio 1. April 2016, 08:18

                  Warum so gnadenlos mit Alleinerziehenden?

                  Versuchen Sie mal im Perspektivwechsel mir zu folgen. Vielleicht sehen Sie dann Alleinerziehende nicht mehr als so bemitleidenswerte Wesen.

                  Veränderte Moralvorstellungen haben sicher dazu beigetragen, dass die Zahl stieg. Die Mehrzahl ist aber gewiss unfreiwillig in dieser Lage. Tod des Partners, unerträgliche Zustände (Gewalt) und so weiter, muss ich nicht ausführen.

                  Wie erwähnt wachsen in Westen 7% der Kinder bei Alleinerziehenden auf, während es im Osten 15% sind. Haben Ostdeutsche andere Moralvorstellungen und zwar welche, die dem Kindeswohl zuwider laufen?

                  Nehmen wir weitere Daten hinzu. Die typische Alleinerziehende ist Ende 20 bis Mitte 30, hier liegt die Mortalitätsrate im sehr niedrigen Bereich. Tod des Partners als Massenphänomen scheidet also eher aus.

                  Nach der Kriminalitätsstatistik ist häusliche Gewalt stagnierend bis rückläufig. Toleriert wird es schon lange nicht mehr. Aber wenn das der Trennungsgrund ist, muss man sagen: schlecht gewählt. Immerhin hat die Person den Gewalttäter als Vater der Kinder ausgewählt.

                  Im Schnitt handeln Frauen ja auch nicht unüberlegt. Verhaltensforscher bestätigen seit Jahrzehnten, dass Frauen bei der Partnerwahl eine große Akribie an den Tag legen, weit mehr als Männer das tun.

                  Zwei Drittel bis 70% aller Trennungen gehen von Frauen aus. Man könnte das dahin interpretieren, dass Alleinerziehende ihren prekären Zustand selbst herbeiführen, schließlich bedeutet Kinder in die Welt setzen nicht nur einen einfachen Akt der Zeugung, sondern Verantwortung für eine lange Zeit des eigenen Lebens. Auch die hohe Zahl an Abtreibungen sind nicht gerade ein Ausweis, dass alle in der Gesellschaft mit ihrer bürgerlichen Verantwortung angemessen umgehen.

                  Jedenfalls scheidet Ihre Begründung aus, dass diese Frauen einfach Pech gehabt hätten. Es sei denn, sie unterscheiden sich so völlig von ihren Geschlechtsgenossinnen, die einfach immer bei dem Falschen landen.

                  Für die große Ost-West-Diskrepanz ebenso wie für das hohe Durchschnittsalter von Alleinerziehenden habe ich keine vernünftige Erklärung gefunden außer der der Verantwortung und individueller Einstellung der jeweiligen Person.

                  Und verantwortungsvoll kann es auch nicht sein, Kindern den Vater zu entziehen oder sie überhaupt in eine schwierige Beziehungsform, die vor allem gesellschaftliche Armut verheißt, zu überführen. Kinder, die in solchen Haushalten aufwachsen, sind in ihrer Entwicklung, ihren emotionalen Fähigkeiten benachteiligt gegenüber ihren Altersgenossen. Und das kann kein Staat heilen.

                  Also: meine Perspektive ist, Alleinerziehende führen im Mittel ihren prekären Zustand selbst herbei, sei es durch unbedachte Partnerwahl, sei es durch die Unfähigkeit, langfristige Bindungen zu erhalten. Sie verursachen durch ihr wenig erwachsenes Verhalten hohe Kosten für die Gesellschaft und – schlimmer – sie schädigen ihre Kinder in deren Entwicklung. Das finde ich alles andere als sozial.

                  Und richtig, in familienpolitischen und erzieherischen Fragen bin ich heute sehr konservativ eingestellt. Deswegen bezeichne ich mich ja als liberal-konservativ.

                  Die Liebe zu Kindern wie die eigenen Beobachtungen und Gespräche mit meiner Frau haben mich zu diesen Überzeugungen gebracht.

                  • CitizenK 2. April 2016, 16:40

                    „…. führen im Mittel ihren prekären Zustand selbst herbei“

                    Das gilt auch für Menschen, die
                    – zu viel oder das Falsche essen oder trinken
                    – zu viel arbeiten
                    – zu schnell fahren
                    – Beipackzettel von Medikamenten nicht verstehen
                    – von Ärzten über Risiken nicht aufgeklärt werden
                    und so weiter.

                    Wollen Sie diese Personenkreise auch von staatlicher Hilfe ausschließen? Moralisieren statt Helfen? Aber danke für die Standortbestimmung.

  • Blechmann 29. März 2016, 06:19

    „Sozial ist was Arbeit schafft“.

    Angeblich ursprünglich übrigens von Alfred Hugenberg der Slogan: https://de.wikiquote.org/wiki/Alfred_Hugenberg

  • Blechmann 29. März 2016, 06:26

    „Auch eine solche Einstellung trägt zur Spaltung der Gesellschaft bei.“

    Wie wahr, die ganzen HartzIV Bezieher, diese Ausbeuterschweine, spalten unsere Gesellschaft. Pfui! Aber was ist denn der „Reichtum der Gesellschaft“? Das BIP?

    • In Dubio 29. März 2016, 08:19

      Stellen Sie sich einen Moment die Frage, warum einige Menschen jahrelang arbeitslos sind, obwohl sie als voll erwerbsfähig zu rechnen sind. Man kann arbeitslos werden ja. Und man braucht manchmal etwas Zeit, wieder in den Sattel zu kommen. Wer aber sein Leben in Arbeitslosigkeit gestaltet, kann nicht in Anspruch nehmen, besonders sozial zu sein.

      • Blechmann 30. März 2016, 07:56

        „Stellen Sie sich einen Moment die Frage, warum einige Menschen jahrelang arbeitslos sind, obwohl sie als voll erwerbsfähig zu rechnen sind.“

        Weil sie keine für sie lohnende Arbeit finden.

        „Wer aber sein Leben in Arbeitslosigkeit gestaltet, kann nicht in Anspruch nehmen, besonders sozial zu sein.“

        Natürlich kann er das in Anspruch nehmen. Wer ist es denn, der unser Klima ruiniert, unsere Meere vergiftet, Atomwaffen baut, um seinen Reichtum zu verteidigen, und damit das Überleben unserer Zivilisation in Frage stellt? Die HartzIV-Empfänger? Wer sich von Abfällen (Die Tafeln) ernährt, kann genauso für sich in Anspruch nehmen, sozial zu sein, wie derjenige, der seine Abfälle den Tafeln spendet.

        „Das Soziale beruht auf der Solidarität aller einer Gesellschaft und ist eine Leistung der Mitmenschlichkeit auf Gegenseitigkeit.“

        Mit Verlaub, das ist sozialromantischer Schmus. Wenn man wie sie sich gerne ein bisschen über die Linken und ihr naives Gerechtigkeitsstreben lustig macht, sollte man damit aber nicht hausieren gehen. Man gibt den Arbeitslosen Geld, weil man Angst hat, dass sie sonst raubend und stehlend durch die Straßen ziehen. Man gibt den Arbeitern Geld, weil man Angst hat, dass sie sonst kündigen und streiken. Das Soziale beruht auf einer Kosten-Nutzen Kalkulation. Die Eliten, die Geld von den Arbeitenden zu den Arbeitslosen umleiten, tun das nicht aus Mitmenschlichkeit. Die Eliten des alten Rom, die erst die Römer durch den Import von Sklaven arbeitslos machten und dann durch Brot und Spiele ruhig stellten, taten das auch nicht aus Mitmenschlichkeit. Die „Not“, in der die Gesellschaft den Arbeitslosen hilft, hat die Gesellschaft sehr gezielt herbeigeführt. Auch nicht gerade solidarisch.

        „Es kommt die Öffentlichkeit weit günstiger, wenn jemand prekär beschäftigt und bezahlt wird und der Staat zum Lebensunterhalt aufstockt, als Menschen dauerhaft in die Arbeitslosigkeit zu schicken.“

        Es kommt die Öffentlichkeit auch günstiger, wenn man die Unis durch horrende Studiengebühren finanziert, die man die Akademiker später abarbeiten lässt. Missbraucht der Akademiker die Solidarität der Gesellschaft, wenn er sich nach der vom Staat finanzierten Ausbildung in die USA absetzt, wo er mehr verdienen kann? Scheinbar nicht. Stellen Sie sich einen Moment die Frage, warum nicht?

        • In Dubio 30. März 2016, 09:48

          Weil sie keine für sie lohnende Arbeit finden.

          Dann kann es aber nicht sozial sein, Menschen zu finanzieren, die einzig aus einer persönlichen Entscheidung heraus auf Erwerbsarbeit verzichten.

          Unser Sozialstaat beruht auf Prinzipien der Humanität und Solidarität. Das zeigt die Art der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme wie die Anspruchsvoraussetzungen.

          • Blechmann 30. März 2016, 21:08

            „Dann kann es aber nicht sozial sein, Menschen zu finanzieren, die einzig aus einer persönlichen Entscheidung heraus auf Erwerbsarbeit verzichten.“

            Wieso soll das nicht sozial sein können? Ich hätte jetzt gesagt, das ist dann sogar besonders sozial. Sie würden sagen, wenn ich einem Bettler einfach so Geld gebe, ist das nicht sozial, erst wenn ich sicher gehe, dass der Bettler aus gutem (für mich akzeptablen) Grund arm ist, wird meine Geldspende sozial?

            „Unser Sozialstaat beruht auf Prinzipien der Humanität und Solidarität. Das zeigt die Art der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme wie die Anspruchsvoraussetzungen.“

            Ist das ein Axiom? Oder eine These, die sie irgendwie argumentativ untermauern können? Speziell das mit der „Art der Finanzierung“ verstehe ich nicht.

            • In Dubio 31. März 2016, 09:43

              Ja, einem Bettler Geld zu geben, kann unsozial sein. Zumindest dann, wenn er ein Alkoholproblem hat oder im Auftrag einer Bettlermafia handelt. Dann würde ich mit meiner Spende die Strukturen belohnen und zementieren, die ihn zum Betteln bringen.

              Es kann nicht sozial sein, so viel Transfer zu zahlen, dass ein Mensch sich damit so einrichten kann, dass sein Erwerbstrieb erlahmt und er Jahrzehnte damit, eventuell angereichert mit Schwarzarbeit, auskommt.

              Ist das ein Axiom? Oder eine These, die sie irgendwie argumentativ untermauern können? Speziell das mit der „Art der Finanzierung“ verstehe ich nicht.

              Der Beitrag zum Sozialen (insbesondere zu den Sicherungssystemen) wird nach Einkommenshöhe als Maßstab der Leistungsfähigkeit erhoben. Bei Steuern wie Sozialabgaben wird dies durch eine prozentuale Erhebung ausgeübt (auf den Sonderfall der Beitragsbemessungsgrenzen gehe ich hier nicht ein). Selbst wer konsumiert, zahlt um umso mehr Steuern, je mehr er ausgibt. Wer 2.000 EUR zur Verfügung hat, hiervon die Hälfte in Wohnen, 30% in Lebensmitteln und 20% für sonstige Konsumartikel ausgibt, zahlt 118 EUR Umsatzsteuer. Wer diese 2.000 für Luxusgegenstände, Freizeitgestaltung u.ä. verwendet, zahlt 380 EUR. Überall gilt: wer fähiger ist zu zahlen, trägt mehr für das Soziale bei.

              • Blechmann 1. April 2016, 00:44

                Das ist für einen Liberalen allerdings ein erstaunlicher Kommentar. Sind sie eventuell nur ein Wirtschafts-Liberaler? Ein Erwerbsloser ist also krank wie ein Alkoholiker, daher darf der Staat ihm seine Bürgerrechte nehmen, indem er die Rolle eines Vormunds übernimmt? Der Staat als Erzieher klingt eher nach Sozialismus als nach sozial.

                >>Der Beitrag zum Sozialen (insbesondere zu den Sicherungssystemen) wird nach Einkommenshöhe als Maßstab der Leistungsfähigkeit erhoben. <<

                Alle Steuern werden progessiv nach Einkommen erhoben, nicht nur Sozialabgaben. Den Zusammenhang zur Motivation, warum der Staat ALG II zahlt, sehe ich hier nicht.

                (( [I]Test[/I], [QUOTE]Test[/QUOTE] ))

                • In Dubio 1. April 2016, 07:53

                  Ein Erwerbsloser ist also krank wie ein Alkoholiker, daher darf der Staat ihm seine Bürgerrechte nehmen, indem er die Rolle eines Vormunds übernimmt?

                  Wo habe ich das geschrieben? Bitte werden Sie nicht unseriös.

                  Alle Steuern werden progessiv nach Einkommen erhoben, nicht nur Sozialabgaben. Den Zusammenhang zur Motivation, warum der Staat ALG II zahlt, sehe ich hier nicht.

                  Bei den Verbrauchsteuern wie den Sozialabgaben haben wir eine Linearität, keinen progressiven Verlauf. Und Sie wollten eine Begründung der Behauptung: Unser Sozialstaat beruht auf Prinzipien der Humanität und Solidarität..

  • Stefan O. W. Weiß 29. März 2016, 07:19

    Das sind Probleme, die es schon immer gab. Alte Industrien, die gesättigte Märkte bedienen, verlieren an Arbeitsplätze. Neue dagegen, die neue, innovative Produkte anbieten, schaffen Arbeitsplätze. Was in Deutschland und nachgerade im Westen überhaupt fehlt ist eine Kultur (hier ist das Wort ausnahmsweise mal am Platze) der Innovation und des Unternehmertums. In Deutschland herrscht kein Mangel an Garagen, aber an Unternehmern und Erfindern. Und daran trägt die Politik schwere Mitschuld. Nahezu jede zukunftsträchtige Technologie wird in Deutschland systematisch behindert. Angefangen bei der Atomkraft bis hin zur Gentechnik. Jetzt wird eben die Rechnung präsentiert.

    • In Dubio 29. März 2016, 08:23

      Das ist heute anders. Die Landwirtschaft war individualisiert, durch Standardisierung dort wie in der Industrie wurde Arbeit geschaffen. Heute wird Arbeit durch Standardisierung abgeschafft und neue entsteht durch Individualisierung.

      Die Präsentation von Apple vergangene Woche könnte auch ein Menetekel gewesen sein: selbst dem Technologie-Riesen fällt nichts neues ein, seine Produkte treten technologisch auf der Stelle.

      • Stefan O. W. Weiß 30. März 2016, 10:42

        Apple ist mittlerweile ein etabliertes Unternehmen, große Innovationen sind da ebensowenig wie von VW zu erwarten. Was es braucht, sind neue Unternehmen mit neuen Produkten.

  • Marc 29. März 2016, 08:59

    Da in diesem Artikel der Mindestlohn Erwähnung findet und dieser bereits in diesem Blog ausführlichst diskutiert wurde, möchte ich gerne auf meine kleine Wette hinweisen:
    http://www.deliberationdaily.de/2014/07/wie-der-mindestlohn-die-soziale-spaltung-verschaerft-ein-empirisches-beispiel/#comment-5657
    Meine Voraussage:
    es wird zu Verschiebungen kommen aber insgesamt wird er keinen nennenswerten Einfluss auf Wachstum und Arbeitsmarkt haben.
    hat voll ins Schwarze getroffen. Mich würde in diesem Zusammenhang nur noch die Frage interessieren, ob ihnen ihre unzutreffenden Horrormärchen über den Mindestlohn heute zumindest peinlich sind?

    Ihre Behauptung, die Biologie bestimme unser soziales Verhalten, ist nichts anderes als krotesk. Wenn dies der Fall wäre, dann müssten wir noch im Wald leben und von Baum zu Baum springen. In gewissen Grenzen hat unser evolutionäres Erbe natürlich einen Einfluss auf unser heutiges Leben, aber es als bestimmend gerade für unser soziales Verhalten sehen zu wollen, ist eine schlichte Negierung des Menschseins. Unsere Kultur, unsere wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften sind uns nur deshalb gelungen, weil unsere Zivilisation sich größtenteils von natürlichen und somit auch von biologischen Determinanten großteils unabhängig machen konnte. Diese Entwicklung der Menschheit muss man nicht mitgehen, man darf intellektuell noch von Baum zu Baum hüpfen, aber man sollte dann akzeptieren können, dass in Diskussionen der Vorwurf der Dummheit aufkommt.

    Zum Thema des Rationalisierungsdrucks möchte ich noch anmerken, dass er bereits schon länger existiert und daher kein Problem an sich darstellt. Die enorme Geschwindigkeit des Wandel stellt jedoch jede Gesellschaft vor erhebliche Probleme. Eine sinnvolle Maßnahme wäre daher eine Entschleunigung, um den Abbau zeitlich zu strecken und somit dem Aufbau neuer Arbeitsplätze mehr Zeit und Luft zu verschaffen. Das wäre sehr einfach zu erreichen, indem eine Strategie der ökonomischen Ineffizienz gewählt wird. Weniger Freihhandel, mehr nationalisierung der Wirtschaft. Dies ist ein rationales Vorgehen, da die Effizientgewinne der Globalisierung geringer sind als die Schäden der Effizienzsteigerung, die durch den Arbeitsplatzabbau entstehen.

    • In Dubio 29. März 2016, 09:44

      Für jemanden, der sich wie Sie als Ökonomen bezeichnet, sind Sie sehr schnell im Urteil. Die Vorhersage in dem empirischen Fall ist weitgehend eingetroffen, das Kundenportefolio hat sich weiter zu einem besser bezahlenden Klientel gewandelt, es werden weniger, dafür besser bezahlte Kräfte beschäftigt.

      Um valide Aussagen über die Wirkung finanzwirtschaftlicher Instrumente zu treffen, beobachten Ökonomen Wirtschaftszyklen. Sie verhalten sich wie der Zocker an der Börse, der meint, der Boom der letzten Monate ließe sich auf alle Ewigkeiten fortschreiben. Tatsächlich wurde der Mindestlohn in einer Phase hoher Beschäftigung, stabilen Wirtschaftswachstums, Auslastung der Produktionskapazitäten und ohnehin steigender Reallöhne eingeführt. Unter wirtschaftstheoretischen Aspekten gab es keinen besseren Zeitpunkt. Selbst wenn Arbeitsplätze dadurch vernichtet werden, wird das nicht auffallen, da die Verluste durch konjunkturelle Zugewinne überdeckt werden können. Selbst die Gewerkschaften und die LINKE notieren, dass geringfügige Beschäftigung weggefallen ist. Was sie als wünschenswert bezeichnen, trifft Menschen jedoch individuell. Es ist nicht gesagt, dass die Gewinner (Lohnerhöhung / Umwandlung in sozialpflichtige Beschäftigung) identisch sind mit den Verlierern (Verlust des Arbeitsplatzes).

      Ich habe mich – wie schon vor Einführung des Mindestlohns – an der Falschheit der Argumente gestört. Im Zentrum stand, jemand müsse von seiner Arbeit leben können. Als Meßinstrument wurde die Zahl der Aufstocker auserkoren. Die Zahlen belegen, dass das Argument verlogen war.

      Erklären Sie mal den unbestreitbaren Trend zu individualisierten Produkten in Massenmärkten. Versuchen Sie das ohne das Motiv der Abgrenzung (die biologisch begründet ist).

      Das wäre sehr einfach zu erreichen, indem eine Strategie der ökonomischen Ineffizienz gewählt wird.

      Witzig: Die ökonomische Logik sagt, dass derjenige im wirtschaftlichen Vorteil ist und die Renditen einstreicht, der am effizientesten wirtschaftet. Wenn Ihr Rat zur ökonomischen Ineffizienz geht, dann bedeutet das, dass Sie anderen die Gewinne überlassen. In der Unternehmenswirklichkeit führt das meist zum Tod. Und das ist eine empirische Erfahrung.

      • Marc 29. März 2016, 14:00

        Für jemanden, der sich wie Sie als Ökonomen bezeichnet, sind Sie sehr schnell im Urteil.
        Ich habe mich nie als Ökonom bezeichnet, da ich keiner bin. Und schneller im Urteil als sie bin ich nicht.

        Erklären Sie mal den unbestreitbaren Trend zu individualisierten Produkten in Massenmärkten. Versuchen Sie das ohne das Motiv der Abgrenzung (die biologisch begründet ist).

        Ganz einfach: der technologische Fortschritt vernichtet den Preisvorteil der Massenproduktion. Eine biologische Erklärung scheidet ohnehin aus. Oder meinen sie etwa, wir mutieren gerade?

        Witzig: Die ökonomische Logik sagt, dass derjenige im wirtschaftlichen Vorteil ist und die Renditen einstreicht, der am effizientesten wirtschaftet. Wenn Ihr Rat zur ökonomischen Ineffizienz geht, dann bedeutet das, dass Sie anderen die Gewinne überlassen. In der Unternehmenswirklichkeit führt das meist zum Tod. Und das ist eine empirische Erfahrung.

        Die individuelle und gesamtgesellschaftliche Ziele sind nicht deckungsgleich. Für den Unternehmer ist eine möglichst geringe Personaldecke erstrebenswert, für eine Volkswirtschaft ist es jedoch die Vollbeschäftigung. Das sind sich widersprechende Zielsetzungen. Effizientes Wirtschaften führt zweifelsfrei zu steigenden Renditen, führt aber auch zu Arbeitsplatzverlusten. Eine Volkswirtschaft kann daher unter gewissen Voraussetzungen von individuellen Ineffizienzen profitieren. Das sagt zwar nicht die Ökonomie, das ist mir bekannt, es lässt sich jedoch sehr leicht logisch aus der Tatsache ableiten, dass Effizienzsteigerungen Auswirkungen auf die Beschäftigung haben.

        • In Dubio 29. März 2016, 20:45

          Sie haben einen falschen, zumindest eingeschränkten Begriff von Effizienz. Das Gegenteil von Effizienz ist Verschwendung. Wer seine Ausbildung nicht zügig angeht, verschwendet seine Lebenszeit und braucht sich nicht zu wundern, wenn er weniger Einkommen, weniger Karriere erreicht als andere. Wer mit seiner Freizeit nicht haushaltet, seine private Zeit so gestaltet, dass er die höchste Zufriedenheit aus seinen Hobbys zieht, verschwendet und wird unzufrieden sein. Effizienz hat nicht allein einen monetären Aspekt.

          Der technologische Fortschritt vernichtet den Preisvorteil der Massenproduktion.

          Ah ja, deswegen wollen manche mit einem Einkommen von 1.500 EUR unbedingt ein iPhone für 800 EUR, obwohl es ein Samsung für 200 EUR auch tun würde.

          Für den Unternehmer ist eine möglichst geringe Personaldecke erstrebenswert, für eine Volkswirtschaft ist es jedoch die Vollbeschäftigung.

          Nö. Ein Unternehmer will einen optimalen Ressourceneinsatz. Und intelligente Menschen wissen, dass man eine Kurve nicht minimiere und im selben Punkt maximieren kann. Entweder es wird mit einem gegebenen Volumen an Arbeit geplant und das Ziel ist ein Maximum an Gewinn. Oder es wird ausgehend von einem gegebenen Umsatz versucht, den Einsatz von Personal und Ressourcen zu reduzieren. Eine solche Einstellung ist sowohl betriebswirtschaftlich als auch volkswirtschaftlich vernünftig. Würden wir uns Ihre Einstellung zu eigen machen, würden noch heute viele Menschen in der körperlich anspruchsvollen Landwirtschaft und in stupider Fließbandarbeit beschäftigt sein.

          Manchmal ist es gut, dass die eigenen Vorstellungen nicht Realität werden.

          • Marc 30. März 2016, 08:46

            Ah ja, deswegen wollen manche mit einem Einkommen von 1.500 EUR unbedingt ein iPhone für 800 EUR, obwohl es ein Samsung für 200 EUR auch tun würde.
            Nein, das liegt am Genom des homo oeconomicus, denn es enthält das auf seinem Technikschrott-Kauf-Chromosom das Apple-Sonst-Nix-Gen. Scherz beseite – sie fragen mich ernsthaft, weshalb Menschen sich für Prestigeobekte entscheiden und nicht für eine rationale Altersvorsorge? Oh, es gibt also nicht biologisch determinierte, ökonomisch unsinnige Kaufentscheidungen? Und sie wissen nicht, warum? Die Antwort lautet: weil ein Mensch die Entscheidung getroffen hat und er nunmal sozio-kulturellen und psychologischen Mechanismen unterworfen ist, von denen biologische und ökonomische Faktoren nur eine untergeordnete Rolle spielen.
            Sie fragen übrigens den Richtigen, denn das ist meine Domäne!

            Eine solche Einstellung ist sowohl betriebswirtschaftlich als auch volkswirtschaftlich vernünftig.

            So ein Quatsch! Sie ist nur für den Staat als Arbeitgeber vernünftig! Natürlich kann er nicht einfach Leute einstellen, daher kann er auch nicht einfach alle Arbeitslosen beschäftigen und auf diese Weise das Problem beseitigen! Aber es ist eine schliche, leicht verständliche Tatsache, dass JEDER Arbeitslose ein ZUSÄTZLICHER Kostenfaktor ist und das Optimum bei der Arbeitslosigkeit nicht wie sie behaupten aus einem Gleichgewicht besteht, sondern ganz einfach bei NULL liegt. Das ist primitivste Logik. Sie dürfen sich ihr widersetzen, denn sie sind Ökonom.

            Manchmal ist es gut, dass die eigenen Vorstellungen nicht Realität werden.

            Und es ist schlecht, dass andere Vorstellungen Realität sind. Denn sie sind die Ursache für die unzähligen Krisen und Probleme, mit denen wir konfrontiert werden.

            • Stefan Pietsch 30. März 2016, 09:43

              Versuchen Sie bitte mal, die Gewinnkurve in Abhängigkeit von Umsatz und Kosten zu maximieren. Dies wird entweder bei einem Maximum an Umsatz oder einem Minimum an Kosten (oder dazwischen) der Fall sein.

              My God, so lange kann der Mathe-Grundkurs doch nun nicht her sein…

              Der Sozialismus in seinem Lauf beschäftigte Menschen an Stellen, wo sie überbesetzt waren. Das Ergebnis war eine Staatsinsolvenz, der Zusammenbruch einer Gesellschaftsordnung und vor allem die Entwertung von Arbeitsbiographien. Das ist kein Beleg, dass Ineffizienzen volkswirtschaftlichen Nutzen stiften.

              • Marc 30. März 2016, 12:13

                Welchen Umsatz generieren Arbeitslose bitte schön? Der ist exakt Null, die Kosten sind aber deutlich größer Null. Da ist rein gar nichts mit Gleichgewicht. Das volkswirtschaftliche Optimum der Arbeitslosigkeit ist und bleibt daher Null. Wenn sie etwas anderes behaupten, dann muss ich das unter der übervollen Kategorie der Absurditäten der Ökonomen ablegen.

                • In Dubio 30. März 2016, 12:24

                  Wissen Sie noch, was Sie anfänglich gesagt haben? Gehen Sie zurück im Strang.

                  Die individuelle und gesamtgesellschaftliche Ziele sind nicht deckungsgleich. Für den Unternehmer ist eine möglichst geringe Personaldecke erstrebenswert, für eine Volkswirtschaft ist es jedoch die Vollbeschäftigung. Das sind sich widersprechende Zielsetzungen.

                  Daraufhin antwortete ich, dass Ineffizienzen kaum sinnvoll sein können und Unternehmen mitnichten automatisch immer weniger Menschen beschäftigen wollen.

                  Wo genau kamen in diesem Zusammenhang Arbeitslose als Umsatzproduzenten vor?

                  P.S.: Kurvendiskussionen waren nicht so Ihre Domäne?

                  • Marc 30. März 2016, 16:34

                    Ich schrieb:
                    Die individuelle und gesamtgesellschaftliche Ziele sind nicht deckungsgleich. Für den Unternehmer ist eine möglichst geringe Personaldecke erstrebenswert, für eine Volkswirtschaft ist es jedoch die Vollbeschäftigung. Das sind sich widersprechende Zielsetzungen.
                    Sie sagen:
                    Daraufhin antwortete ich, dass Ineffizienzen kaum sinnvoll sein können und Unternehmen mitnichten automatisch immer weniger Menschen beschäftigen wollen.
                    Aber in ihrem Artikel kündigen sie kommende Rationalisierungswellen an. Ich dachte, sie wollen über ihren Artikel diskutieren und über die Folgen der aus den Rationalisierungswellen resultierenden Entlassungen durch die Unternehmer sprechen. Wenn sie jetzt sagen, dass sie das nicht tun werden, dann widersprechen sie sich. Das ist okay, aber was ist jetzt? Werden Entlassungen kommen oder nicht?
                    Wo genau kamen in diesem Zusammenhang Arbeitslose als Umsatzproduzenten vor?
                    Wenn wir von der Prämisse ausgehen, dass Entlassungen kommen werden, dann könnte es sein, wenn die Rationalisierungswelle schlagartig erfolgt, dass die Arbeitslosigkeit steigt, da neue Jobs nicht auf Bäumen wachsen – außer man hat eine hinterwäldlerische Sichtweise auf die Wirtschaft. Da Arbeitslose keinen Umsatz generieren, aber Kosten, ist es aus volkswirtschaftlicher Sicht sinnvoller, wenn die bestehenden Arbeitsplätze erhalten werden. Ergo wäre es aus volkswirtschaftlicher Sicht besser, wenn die Rationalisierungswelle abgemildert wird. Wie, eben durch gewollte Ineffizienzen.

                    Oder sollen wir über Kurvendiskussionen sprechen? Wie langweilig. Wie wäre es mit Matrizen oder Vektoren? Da macht die Statistik doch erst richtig Spaß!

                    • In Dubio 30. März 2016, 17:20

                      Aber in ihrem Artikel kündigen sie kommende Rationalisierungswellen an.

                      Ich habe nirgends von Rationalisierungswellen geschrieben, sondern von einer deutlichen Veränderung der Arbeitswelt, die sich eruptiv vollziehen wird. Die Perspektive sind jedoch nicht 1, 2 Jahre sondern mindestens 10-15 Jahre.

                      Allein in Deutschland wechseln jährlich 4 bis 5 Millionen (!) Beschäftigte ihren Job. Gründe dafür gibt es viele, aber nicht selten wechseln sie auch auf Positionen, die neu geschaffen wurden. Unternehmen und die Unternehmenslandschaften sind keine statischen Veranstaltungen.

                      Versuchen Sie erstmal, eine Kurve gleichzeitig zu maximieren und zu minimieren. Auf das Ergebnis bin ich gespannt. 😉

                    • Marc 31. März 2016, 14:32

                      Ich habe nirgends von Rationalisierungswellen geschrieben, [..]

                      10. Absatz 1. Zeile: Alle Studien bestätigen den globalen Trend: die nächste Rationalisierungswelle wird die Standardjobs im Mittelbau der Erwerbswirtschaft treffen.
                      [Hervorhebung von Kommentator]

                      Allein in Deutschland wechseln jährlich 4 bis 5 Millionen (!) Beschäftigte ihren Job.

                      Das ist richtig. Aber wie erklären sie sich die konjunkturellen Schwankungen auf dem Arbeitsmarkt? Sind das ihrer Ideologie nach zyklisch auftretende Genmutationen oder zyklisch schwankende Ausbildungsdefizite? Wenn die Schwankungen jedoch durch das ArbeitsplatzANGEBOT verursacht werden, dann ist ihre individuelle Schuldzuweisung, dass Arbeitslose für ihr Schicksal selbst verantwortlich sind, übelster Zynismus.

                      Versuchen Sie erstmal, eine Kurve gleichzeitig zu maximieren und zu minimieren. Auf das Ergebnis bin ich gespannt.

                      Für realitätsferne Lösungen sind immer noch die Ökonomen zuständig, nicht ich.

                    • In Dubio 31. März 2016, 14:51

                      Stimmt, okay. Gemeint hatte ich jedoch eine längerjährige Restrukturierung, wie ich hier im Blog bereits mal darüber geschrieben hatte. Sorry, mein Fehler.

                      Natürlich gibt es Schwankungen am Arbeitsmarkt. Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage sind nicht statisch, sondern sehr fließend. So sind in den letzten 20 Jahren Millionen Frauen und Migranten auf den Arbeitsmarkt gestürmt, die vorher weder arbeitssuchend und arbeitslos gezählt waren. In jedem Arbeitsmarkt wächst die Zahl der Erwerbsfähigen, wenn ein Boom besteht und deren Zahl sinkt, wenn die Konjunktur in eine Rezession abgleitet.

                      Die Größenordnung sollte lediglich veranschaulichen, wie stark die Umwälzungen jährlich sind. Und damit auch die Chancen, in absehbarer Zeit in Beschäftigung zu kommen.

                      Für realitätsferne Lösungen sind immer noch die Ökonomen zuständig, nicht ich.

                      Das bedeutet, ich werde zumindest in diesem Blog nicht mehr die Behauptung lesen, Unternehmen betrieben Gewinnmaximierung, in dem sie die Erträge maximieren und die Kosten minimieren? Ich werte das mal so.

          • popper 30. März 2016, 10:16

            @Dubio
            Warum gehen Sie denn nicht auf den Sinngehalt des Arguments ein und drücken sich mit einer Verlagerung des Sachgegenstandes drumherum. Es gibt realiter weder einen gegebenes Volumen von Arbeit noch einen gegebenen Umsatz. Es sei denn Sie gehen davon aus, dass Handlungen auf der Mikroebene vorgenommen werden, weil nur dort Akteure nach Maßgabe der ‘ceteris paribus’-Klausel handeln können , was aber nichts anderes heißt, als zu behaupten, dass sie ohne Berücksichtigung von Rückwirkungen handeln können. Das hilft aber leider nicht aus dem theoretischen Dilemma. Denn ein “repräsentatives Individuum” ist eben nicht geeignet, makroökonomische Phänomene abzubilden. Also wird hieraus deutlich, dass mit einem solchen Ansatz sämtliche sich widersprechenden Gegensätze unterschiedlicher Akteure per Annahme (!!) ausgeblendet werden.

            Das hat die eklige Konsequenz, dass damit ausgeschlossen ist, dass die “individualistischen” DSGE-Modelle keinen Raum für so widerlich reale Dinge wie z.B. Kreditverhältnisse lassen, welche zeigen, dass Individuen offensichtlich doch nicht alle die gleichen Interessen haben und infolgedessen ihre jeweiligen Handlungsweisen andersartig sind und sich ohne weiteres widersprechen können. Makroökonomie ist kein Werkzeugkasten, den man zur Erreichung mehr oder weniger gewünschter ökonomischer Ziele nutzen kann wie etwa eine Pumpe, deren Anwendungsbereich klar definiert ist. Makroökonomische Entwicklungen lassen sich nicht gestalten, ohne dabei irgendwelche Ausweichreaktionen berücksichtigen zu müssen. Das betrifft auch eine Wettbewerbsphilosophie, die wie unsere Kanzlerin naiv daran glaubt, Wettbewerbsfähigkeit wie eine gute Eigenschaft auf alle verteilen zu können, die sich nur den Kriterien der Sparsamkeit verpflichten.

            Unsere Welt wird schon lange nicht mehr durch die Regeln einer übersichtlichen Kornökonomie gesteuert , in der man sogar noch eine “reale Ertragsrate” als sinnvolles Konzept akzeptieren könnte, sondern das makroökonomische Koordinationsproblem ist dadurch gekennzeichnet, die Handlungsweisen von Millionen von “Individuen” derart zu steuern, dass das Ergebnis gewissen (abstrakten) Erfolgskriterien genügt. Wir leben nicht mehr in der Kleinstwelt individueller Selbstversorger, sondern in einer nach unpersönlichen Kriterien operierenden Funktionsweise des Kreditgeldkapitalismus, der bis dato von der zuständigen Wissenschaft nur in mikroskopischen Fragmenten überhaupt rezipiert worden ist. Dass jedoch in einer solchen Welt die Frage der Kooperation mit der Frage von Verschuldung zusammenhängt, geht bis heute nicht in die Köpfe der Professoren hinein.

            Jetzt ist der Einwand doch etwas umfangreicher geworden als beabsichtigt. Aber das Problem der Wirtschaftstheorie des heutigen Mainstream ist derart verwurzelt, dass solche Blogs ohnehin nicht ausreichen, abschließend zu replizieren. Was uns nicht mehr weiterbringt ist der ökonometrische Baukasten der Neoklassik, die mit ihrem homo oeconomicus lange Zeit vertuschen konnte, dass ihre theoretischen Wurzeln nicht über eine Prätheorie hinausreichen. Weshalb selbst die selbsternannten Qualitätsmedien für ökonomische Berichterstattung, aber auch manche Blogs zu echten Comic-Heftchen mutieren in denen immer noch und gerade der Arbeitsmarkt ein Kartoffelmarkt ist.

            • In Dubio 30. März 2016, 12:10

              Erstens ist es außerordentlich hilfreich, das Zitat wiederzugeben, das man als anstößig empfindet. Zweitens ist es noch hilfreicher, sich einer allgemeinen Umgangssprache zu bemächtigen, wenn man ein generelles Problem kenntlich machen will und nicht auf fachwissenschaftliche Terminologien auszuweichen. Ihr Text jedenfalls war selbst für mich schwer verständlich.

              Im Kern fordern Sie eine makroökonomische Planung, weil diese der Mikroökonomie überlegen sei. Allein das ist ziemliche Arroganz. Für jene, die keine Volkswirtschaftslehre studiert haben: Makroökonomie beschäftigt sich mit der Erklärung (und manchmal Empfehlung) volkswirtschaftlicher Zusammenhänge von einer übergeordneten Warte aus. Die Mikroökonomie versucht das Verhalten der Wirtschaftssubjekte aus ihrer Perspektive zu erläutern.

              Logisch scheint Ihre Forderung nicht gerade schlüssig. Angesichts zunehmender Komplexität und Vernetzung der Volkswirtschaften wird eine aggregierte Planung immer schwieriger bis unmöglich. Der aktuelle Großversuch der Europäischen Zentralbank belegt das. Die Geldpolitik verfehlt über einen längeren Zeitraum ihre makroökonomisch gesetzten Ziele.

              Im Grund versuchen Sie auch keinen makroökonomischen, sondern einen nationalstaatlichen Ansatz. Dieser kann aber angesichts offener Wirtschaftsräume und globaler Lieferbeziehungen nur fragmenthaft sein.

              P.S.: Man sollte sich nicht als intelligenter einschätzen als die eigenen Mitmenschen.

          • CitizenK 30. März 2016, 12:33

            Zum Thema „Effizienz“: Jedesmal, wenn ich mich mit Taschen und Decken durch das Drehkreuz am Schwimmbad quetschen muss, nachdem ich am Kassen-Automaten nach Kleingeld suchend Umstehende um Wechselgeld gebeten habe, frage ich mich, ob das wirklich „effizient“ ist. Die wegrationalisierte Kassiererin ist vielleicht arbeitslos und sitzt depressiv zu Hause oder beim Arzt und ist nicht nur unglücklich, sondern verursacht auch volkswirtschaftliche Kosten.

            Was betriebswirtschaftlich effizient ist, kann volkswirtschaftlich ineffizient sein. Den Ausgleich muss die Politik herstellen – die dann von den Liberalen beschimpft wird, die sie die unternehmerische Freiheit beschränkt. Der Staatsbürger muss das aushalten.

            Beispiel: Wenn bei den Ladenöffnungszeiten die Beschäftigten entsprechend vergütet werden, dann haben alle einen Nutzen .
            Ohne Druck von Gewerkschaft und Gesetzgeber würde das allein auf dem Rücken der Arbeitnehmer ausgetragen.

            • In Dubio 30. März 2016, 13:01

              Was betriebswirtschaftlich effizient ist, kann volkswirtschaftlich ineffizient sein.

              Ihr Beispiel funktioniert nur, wenn die Kassiererin nichts anderes kann als in einem Schwimmbad um die Ecke an der Kasse sitzen. Wenn jedoch der Automat dem Betreiber Kosten spart und die Dame nun in einem Call-Center berät, sieht die Sache anders aus. Die Unternehmenseinnahmen (Schwimmbad, Call-Center) haben sich erhöht, die Mitarbeiterin erledigt eine abwechslungsreichere Tätigkeit und der Staat kassiert höhere Steuern und Abgaben.

              Halten Sie Menschen tatsächlich in der Mehrzahl für so eindimensional, dass sie ihr gesamtes Erwerbsleben (40 Jahre +) nur einer einzigen, dazu noch stupiden Tätigkeit nachgehen können? Das soll ein positives Menschenbild sein?

              In meiner privaten Zeit stehe ich häufig vor der Frage: was zuerst tun? Beantworte ich meine private Korrespondenz, schreibe ich in Blogs Kommentare, bastel ich am Urlaubsfilm oder gehe ich mit meiner Frau shoppen und essen? All diese Tätigkeiten stiften Nutzen für mich und die Abwägung fällt nicht gleichermaßen, sondern danach, was mich im Moment mehr befriedigt. So etwas nennt man Effizienz.

              Wenn bei den Ladenöffnungszeiten die Beschäftigten entsprechend vergütet werden, dann haben alle einen Nutzen.

              Wie soll das gerade heute aussehen? Ein bestimmtes Klientel legt heute noch wert darauf, Konsumgüter vor Ort zu kaufen. Dazu muss sich der Anbieter aber auf den Kunden einlassen, nicht umgekehrt. Ist das nicht gegeben, dann wird halt im Internet gekauft und die Ware am Wochenende getestet.

              Die Frage ist, sieht der Käufer in einer verlängerten Öffnungszeit einen vergütbaren Mehrwert oder eine Selbstverständlichkeit. In Zeiten von 24/7-Bestellungen ist die Antwort eindeutig.

              Soll Ihrer Ansicht nach also der Einzelhändler ab 18 Uhr die Preise erhöhen, da er ja einen Mehrwert anbietet? Lustige Annahme…

              • CitizenK 30. März 2016, 16:44

                Mein Menschenbild ist realistisch. Wenn es die Ersatz-Jobs gäbe, gäbe es die vielen Langzeit-Arbeitslosen nicht. Viele dieser Menschen, die mangels Gesundheit, (Aus-) Bildung oder wegen mentaler Handicaps nur einfache Tätigkeiten verrichten können, wollen dies auch. Russlanddeutsche der ersten Generation zum Beispiel. Ich hatte mit einigen zu tun, die wegrationalisiert (gleiches Arbeitspensum, weniger Leute) wurden. Jetzt rennen sie Putin nach.

                Mit der bevorstehenden Entwicklung werden es mehr werden, viel mehr, wie Sie selber sagen. Was haben Sie mit diesen Menschen vor?

                Bei den Ladenöffnungszeiten vermischen Sie wieder strukturelle Veränderungen mit Interessenkonflikten. Mein REWE-Markt hat jetzt bis 24 Uhr offen. Für mich als Kunde angenehm, für die weiblichen Angestellten oft ein großes Problem: Wie kommen sie um diese Zeit nach Hause? Oft wohnen sie auf dem Land, für ein Auto reicht das Gehalt nicht. Ihnen mit Ihrem „positiven Menschenbild“ ist das egal, mir nicht.

                Sie glauben, Ökonomen könnten auf Moral verzichten? Wie schnell ein moralisches zu einem ökonomischen Problem werden kann, zeigt die Gewohnheit vieler Verbraucher, sich im Laden beraten zu lassen und dann im Internet zu kaufen.

                Und wieder sagen Sie nichts zum zentralen Argument, dem Konflikt zwischen betriebswirtschaftlichem und volkswirtschaftlichem Nutzen. In meinen frühen Jahren wurde ich auch BWL-mäßig indoktriniert, habe mich dann aber emanzipiert. I look at things from both sides now. Macht freier im Kopf, sollten Sie auch versuchen.

                • In Dubio 30. März 2016, 17:15

                  Wenn es die Ersatz-Jobs gäbe, gäbe es die vielen Langzeit-Arbeitslosen nicht.

                  Wir haben einen Missmatch auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Die Qualifikationen passen nicht auf die Bedarfe. Dieser Missmatch ist größer als bei den meisten OECD-Ländern. Der Grund ist ein überdurchschnittlich hoher Anteil an Geringqualifizierten und in der Vergangenheit eine unterdurchschnittliche Erwerbstätigkeit Älterer.

                  In Deutschland stehen so 6-8 Prozent Arbeitsplätze für Geringqualifizierte zur Verfügung. Das ist internationale Normalität. Wenn wir aber mehr Geringqualifizierte als andere Länder haben, aber einen vergleichbaren Anteil an passenden Jobs, liegt eine höhere Langzeitarbeitslosigkeit nahe. Filtert man jedoch den Anteil an Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund aus den Langzeitarbeitslosen heraus, „normalisiert“ noch den Anteil Alleinerziehender, so haben wir nur eine geringe Langzeitarbeitslosigkeit.

                  Das kann ich natürlich anhand der statistischen Daten vorführen, nur ist das etwas Aufwand. Wenn wir jedenfalls uns diese Erkenntnisse zu eigen machen, dann wird sehr klar, wo das Arbeitsmarktproblem liegt.

                  Sie können jedenfalls nicht erwarten, dass ein paar hunderttausend Jobs für Menschen entstehen, die nur einfachste Tätigkeiten verrichten können. Vor allem nicht, wenn gleichzeitig ein relativ hoher Mindestlohn zu zahlen ist. Warum sollte das jemand tun?

                  Ich habe nicht gesagt, dass es mehr werden. Ich habe gesagt, dass der Arbeitsmarkt sich den Prognosen nach weiter spalten wird. Eine Richtung gibt der amerikanische Arbeitsmarkt vor: Der Anteil sehr gut qualifizierter Arbeitskräfte ist höher als in Deutschland, genauso allerdings auch der Anteil der Working Poor. Der Mittelbau mit mittleren Qualifikationsniveaus ist kleiner.

                  Ihnen mit Ihrem „positiven Menschenbild“ ist das egal, mir nicht.

                  Nein, aber lieber sitzen diese Damen um 20:30 Uhr an der Kasse als arbeitslos zu sein und nicht zu wissen, wie sie ihr Kind ernähren sollen. Was ist die Alternative, das müssen Sie als Humanist auch fragen. Ist die Alternative mies, ist der Status quo relativ gut.

                  Sie glauben, Ökonomen könnten auf Moral verzichten?

                  Nein, das ist ein sehr veraltetes Bild der Ökonomie und von Managern. Gerade die Ebene der Unternehmensführungen sind heute durchtränkt von moralisch-ethischen Anforderungen. In den USA müssen Finanz- und Firmenchefs Eide auf die Bilanzen abgeben, Corporate Governance Codes prägen das Bild. Zumindest als Manager werden heute nicht nur Rechtsverstöße geahndet, sondern eben auch Verstöße gegen Codes of Conducts.

                  Viele Einzelhändler gewinnen heute durchaus gegen das Internet. Es gibt eben nicht nur den Weg Beratung im Laden / Kauf im Internet, sondern auch Information durch das Internet / Kauf im Laden.

                  Und wieder sagen Sie nichts zum zentralen Argument, dem Konflikt zwischen betriebswirtschaftlichem und volkswirtschaftlichem Nutzen.

                  Hier gibt es keinen Automatismus oder Grundkonflikt. Nehmen wir das Beispiel mit den Entlassungen. Ein Slow-down würde bedeuten, Menschen in Unternehmen zu beschäftigen, die dort nicht (mehr) gebraucht werden. Das spart der Gesellschaft in dem Moment Kosten. Angesichts der Geschwindigkeiten, wie sich Bedarfe und Unternehmen heute verändern, trägt das aber nur sehr kurze Zeit. Die Leerkapazitäten werden das Unternehmen sehr schnell kostenmäßig erdrücken, es wird gegenüber (internationalen) Wettbewerbern Aufträge verlieren und einen hohen Anteil an Verlustaufträgen machen. Ein mittelständisches Unternehmen mit 50 – 1000 Beschäftigte wird das binnen 12-18 Monaten in die Insolvenz treiben, größere überleben eine solche Misswirtschaft vielleicht 2-3 Jahre.

                  Anschließend bekommen Sie einen ganzen Schwung an Arbeitslosen, deren Erwerbsbiographien entwertet werden. Besser wäre gewesen, die Kündigungsfristen für die Suche nach anderen Beschäftigungsmöglichkeiten zu nutzen.

                  Nicht nur für Ökonomen sollte gelten: Wenn ich ein Übel nicht verhindern kann, sollte ich es möglichst schnell angehen. Alles andere wird immer nur teurer.

        • Blechmann 30. März 2016, 08:11

          „Für den Unternehmer ist eine möglichst geringe Personaldecke erstrebenswert, für eine Volkswirtschaft ist es jedoch die Vollbeschäftigung.“

          Das ist lange her denke ich. Heute werden Staaten wie Unternehmen geführt und das Ziel ist Profit-Maximierung. Das große Gewese, dass um den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit gemacht wird, würde ich nicht überbewerten. Die Politiker haben PR-Berater und die sagen ihnen: wenn ihr HartzIV durchkriegen wollt, müsst ihr das so begründen. Das ist kein gesamt-gesellschaftliches Ziel in dem Sinne, dass Regierung und Verwaltung dieses Ziel verfolgen würden. Jedenfalls nicht das primäre Ziel.

          • Marc 30. März 2016, 09:35

            In einigen Bereichen sollte der Staat wie ein Unternehmen geführt werden, z.B. wenn er als Arbeitgeber auftritt. Die derzeitige Doktrin, dass SÄMTLICHE staatlichen Bereiche wie ein Unternehmen zu führen seien, ist purer Irrsinn.

            • popper 30. März 2016, 10:22

              Absolut zutreffend. Das erinnert mich auch an Diskussionen Staatsinsolvenzen gesetzlich zu regeln. Das ist ebenso hirnrissig wie undurchführbar.

              • Blechmann 30. März 2016, 21:48

                Innerhalb der EU wäre das eventuell sinnvoll. Da wir offensichtlich keinen EU-Staat bankrott gehen lassen, sondern hektisch improvisieren und Geld drucken, um den Bankrott zu verhindern, wäre eine gesetzliche Regelung im vorhinein nicht schlecht gewesen.

            • Blechmann 30. März 2016, 21:40

              Meiner Ansicht nach sollte der Staat in keinem einzigen Bereich wie ein Unternehmen geführt werden. Aber mein Punkt war eher, dass der gesamte Staat wie ein Unternehmen geführt wird, also nicht mit dem Ziel die Belegschaft auszuweiten, sondern den Profit zu erhöhen. Die sogenannte „Marktkonforme Demokratie“ ist dir sicher ein Begriff. Demokratie und Vollbeschäftigung sind natürlich offiziell die Ziele der Regierung, intern gibt es andere Prioritäten.

              • In Dubio 31. März 2016, 09:50

                Meiner Ansicht nach sollte der Staat in keinem einzigen Bereich wie ein Unternehmen geführt werden.

                Woher wissen Sie denn, wie ein Unternehmen geführt wird und welche Kriterien dafür gelten? Ein Unternehmen ist erstmal wie ein Verein, eine NGO, eine Sozialversicherung oder eben wie ein Ministerium eine Organisation von Menschen. Damit hier etwas Sinnvolles herauskommt, bedarf es Zielvorgaben an diese Menschen, Strukturen der Steuerung und Kontrolle. Es gibt Transparenzpflichten und Berichtsstrukturen, die den Grad des Erfolges darlegen.

                Sagen Sie, so etwas ist verzichtbar? Tatsächlich liegt Misserfolg im Politischen wie Gemeinnützigen oft daran, dass auf solch professionelles Verhalten verzichtet wird, weil mancher meint, gute Absichten könnten eben diese Professionalität ersetzen.

                Ein Oskar Lafontaine ist wahrscheinlich deswegen als Finanzminister gescheitert, weil ihm die Erfahrung mit großen Organisationsstrukturen fehlte. Jedenfalls galt seine Führung des Ministeriums als verbesserungswürdig. Nach allem, was darüber bekannt wurde.

                • Blechmann 1. April 2016, 01:50

                  Hörensagen. Soweit ich weiß, ist das einzige Ziel eines Unternehmens finanzieller Profit. Wenn sie „etwas Sinnvolles“ sagen, meinen sie Profit. Jede Maßnahme, Zielvorgaben an Menschen, Strukturen der Steuerung und Kontrolle, alles wird von der Unternehmens-Führung nur anhand dieses einen Maßstabes beurteilt: bringt es mehr Profit. Korrigieren sie mich, wenn ich damit falsch liege.

                  Ein Verein und eine NGO sind nicht wie ein Unternehmen, denn ihr Ziel ist nicht finanzieller Profit.

                  Einen Bereich des Staates wie ein Unternehmen zu führen heißt, Profit zum Erfolgsmaßstab zu machen und Strukturen aus der Wirtschaft zu übernehmen, die sich bewährt haben, Profit zu generieren. Wenn Profit aber der Erfolgs-Maßstab ist, warum privatisiert man den Bereich dann nicht?

                  >>Tatsächlich liegt Misserfolg im Politischen wie Gemeinnützigen oft daran, dass auf solch professionelles Verhalten verzichtet wird, weil mancher meint, gute Absichten könnten eben diese Professionalität ersetzen.<<

                  Professionalität misst sich am Erfolgs-Maßstab. Hat TEPCO die japanischen Atomkraftwerke professionell geleitet? Aber ja. 50 Jahre wurden gute Profite generiert und mit etwas Glück waren nochmal 50 Jahre drin. Die Risiken waren analysiert und in die Unternehmensstrategie zweckmäßig eingeplant. Ohne Risiko kein Gewinn. Alles richtig gemacht. Jeder kann mal Pech haben. Wäre TEPCO eine Behörde, dann hätten sie natürlich Scheiße gebaut, denn der Professionalitäts-Maßstab einer Behörde ist nicht der Profit, den sie generiert.

                  So merkwürdige Profit-Behörden sind auch unsere Landesbanken, die gerne mit verstrahlten Staatsanleihen hantieren. Tatsächlich liegt Misserfolg im Politischen wie Gemeinnützigen oft daran, dass auf solch professionelles Verhalten nicht verzichtet wird, weil mancher meint, gute Absichten könnten eben durch diese Professionalität ersetzt werden.

                  • In Dubio 1. April 2016, 07:49

                    Soweit ich weiß, ist das einzige Ziel eines Unternehmens finanzieller Profit.

                    Amazon – der große Buchhändler, kennen Sie wahrscheinlich – erwirtschaftete 2014 einen Verlust von 241 Millionen US-$, 2015 kam er voraussichtlich auf einen Gewinn von 600 Millionen US-$. Das sind bezogen auf den Umsatz weniger als 1% Rendite. Bitte zeigen Sie an dem Beispiel, wie alles dem Profit untergeordnet wird.

                    Okay, Unternehmen, Vereine und Staat unterscheiden sich in der Zielsetzung, das hatte ich bereits zugestanden. Allerdings zeichnen sich Organisationen durch mehr als das Organisationsziel aus. Ein Ministerium beispielsweise muss auf finanzwirtschaftlicher Ebene die Budgetvorgabe einhalten. Ein Minister kann nicht am Ende des Haushaltsjahres kommen und sagen: melde 200% Budgetüberschreitung, weil ich gerade mal die Hartz-IV-Sätze aus humanitären Gründen erhöht habe. Oder: habe eine neue Straße bauen lassen, weil die Anwohner sich beschwert haben. Das geht nicht. Ich benötige also Steuerungsinstrumente, die dafür sorgen, dass am Ende das Budget eingehalten wird. Nicht anders ist das in Unternehmen.

                    Menschen machen Fehler. Nach meiner Beobachtung finden sich auf staatlicher und gemeinnütziger Ebene nicht weniger Fehler als in Unternehmen. Wenn aber eine NGO völlig auf professionelle Strukturen verzichtet, landet es das, wo UNICEF vor einigen Jahren war.

  • popper 31. März 2016, 12:46

    @Dubio
    Es kostet mich offengestanden Mühe, auf Ihre Elaborate gelassen zu replizieren. Insoweit bitte ich um Nachsicht, wenn ich etwas ungeduldig mit Ihnen bin. Zunächst mein Hinweis, dass ich beim „Oeffinger Freidenker“ oft und gerne reingeschaut habe. Seit sich dieser Blog in „Deliberation Daily“ verwandelt hat, weniger, zumal man hier Autoren wie Ihnen begegnet, die offensichtlich davon beseelt sind, ihre angestaute Empirie plus einem Quäntchen gesunden Menschenverstand vor einer unterschiedlich interessierten Öffentlichkeit auszubreiten. Offenbar glauben Sie, diese Intention sei hinreichend fundiert, um zu ökonomischen oder politischen Sachverhalten gültiges aufzuschreiben.

    Ihre Replik auf meinen Eintrag sowie Ihre Erwiderung auf die Feststellung: „Meiner Ansicht nach sollte der Staat in keinem einzigen Bereich wie ein Unternehmen geführt werden“ zeigen auf besondere Weise, dass Sie nicht bereit sind, einen sachlichen Diskurs zu führen, sondern aus Mangel an systemtheoretischer Einsicht erst gar nicht den Versuch unternehmen KÖNNEN, auf den Sinngehalt des Gesagten einzugehen. Was dabei herauskommt ist Unverständnis und schiefe Interpretation gepaart mit einer besserwisserischen Attitüde, die am Sinngehalt vorbeiredet.

    Würden Sie nur ein wenig genauer hinschauen, könnte Ihnen klar werden, dass z.B. meine Ausführungen nicht deshalb zwischen Mikro- und Makroökonomie unterscheiden, weil das eine besser wäre als das Andere, sondern sich hieraus eine Conclusio ergibt, die deutlich vor Augen führt, dass der makroökonomische Aspekt die mikroökonomische Analyse damit aushebelt, dass er kein ceteris paribus Klausel kennt. Man könnte es auch so beschreiben, dass es unzulässig ist, von einer Teilklasse auf die Gesamtklasse zu schließen, indem man Einzelaussagen in einen Begründungszusammenhang setzt. Dennoch kommen wir nicht darum herum zu verallgemeinern. Ihre Vermutung, ich befürworte einen nationalstaatlichen Ansatz liegt total neben der Sache.

    Ein typisches Beispiel für eine mikrofundierte Vorgehensweise ist die Studie über TTIP vom Ifo Institut bzw. der Bertelsmann Stiftung (beide sind vom selben Autor Prof. Felbermayr). Sie verwenden ein ökonometrisches Modell, das die wechselwirtschaftlichen Abhängigkeiten abbilden und die Vorteile von TTIP belegen soll. Nun macht sich Ifo nicht die Mühe, die Parameter möglichst weit zu fächern, sondern beschränkt sich auf die Handelsschranken. Das ganze kulminiert in der Gleichung: Die Exporte sind etwa umgekehrt proportional zu den Handelsschranken, was heißt, je höher die Barrieren, desto niedriger die Exporte. Andere Einflüsse gibt es für Ifo dabei nicht. Das ist nicht Wissenschaft, sondern Kaffeesatzleserei.

    Das Gleiche gilt für die Frage, ob ein Staat wie ein Unternehmen geführt werden soll. Nun wurde ja viel von der Deutschland AG gesprochen. Dennoch ist jeder Versuch, Staaten wie Unternehmen zu sehen abwegig. Das heißt nicht, dass öffentliche Körperschaften nicht betriebswirtschaftlich agieren können/sollen. Sie sind aber entgegen Ihrer Behauptung keine Vereine, sondern Körperschaften des öffentlichen- nicht des Privatrechts. Makroökonomisch ist der Staat einer der beiden Sektoren. In der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) verteilen sich Schulden und Einnahmen sich auf den öffentliche und einen privaten Sektor. Was bedeutet, dass buchhaltungstechnisch/saldenmechanisch die Schulden des Staates die Einnahmen der Privaten sind oder umgekehrt. Insoweit bleibt, wenn man den Außenhandel einbezieht, und in Deutschland Staat, Unternehmer und Private inzwischen Nettosparer sind nur noch das Ausland als Schuldner. 2015 brauchte Deutschland 250 Mrd. Schulden des Auslandes, um sein mickriges Wachstum von etwas mehr als 1% zu generieren.

    Das große Missverständnis besteht darin, dass unsere „Schwarze Null“ als Gütezeichen vernünftiger Fiskalpolitik dargestellt wird in Wirklichkeit aber ein Geldvernichtungsgenerator ist, der durch die Schuldenbremse dazu führt, dass die Geldeinsammelstellen (Versicherungen, Fonds, Riester-, Rüruprente etc.) vom Staat gerettet werden müssen. Ein Witz sondergleichen. Und noch etwas zum nachdenken. Deutschland hat den höchsten Überschuss von Spareinlagen im Vergleich zu Investitionen (mehr als 250 Milliarden Euro) und trägt damit am meisten zu den globalen Ersparnissen bei und somit zu den niedrigen Zinssätzen. Herr Draghi versucht zwar mit Andeutungen und Nullzins verzweifelt in die andere (richtige) Richtung zu steuern (ca. 2% Inflation), aber mit einem deutschen Juristen ohne Sachverstand für ökonomische- und geldtheoretische Zusammenhänge, rutscht die Deutschland AG aus lauter ideologischer Verblödung über kurz oder lang mitsamt des EWU in den Orkus.

    • In Dubio 31. März 2016, 14:09

      Offenbar glauben Sie, diese Intention sei hinreichend fundiert, um zu ökonomischen oder politischen Sachverhalten gültiges aufzuschreiben. (..) Ihre Replik auf meinen Eintrag (..) zeigen auf besondere Weise, dass Sie nicht bereit sind, einen sachlichen Diskurs zu führen, sondern aus Mangel an systemtheoretischer Einsicht erst gar nicht den Versuch unternehmen können, auf den Sinngehalt des Gesagten einzugehen.

      Sie kommen mit einer arg selbstbewussten Attitüde daher, unterstellen aber ganz selbstbewusst anderen, hinter denen immerhin das geballte Wissen eines gesamten Ministeriums steht, komplette Ahnungslosigkeit. Das ist eben eine Hybris, die ich nicht zu schätzen weiß.

      Wenn Sie ansonsten meinen Diskussionsstil verfolgen, werden Sie irgendwann feststellen, dass ich Kommentatoren, die doch eigentlich meinen Positionen nahestehen oder sie bestätigen, keineswegs Recht gebe, sondern die Opposition einnehme. Sie könnten daraus ableiten, dass es mir nicht auf das Sendungsbewusstsein einer bestimmten Message ankommt. Könnten Sie.

      Die Behauptung, der Staat sollte in keinem Bereich wie ein Unternehmen geführt werden, ist wenig präzise. Im Gegenteil: er ist nur pauschal. Wo die Gemeinsamkeiten liegen, habe ich erläutert. Wo die Unterschiede liegen, wurde nicht dargelegt. Die Ziele? Das ist kaum eine hinreichende Begründung. Jedes Unternehmen hat unterschiedliche Ziele. Der Zweck? Auch diese Aussage gilt universell.

      In meinem Studium galt die Mikroökonomie als der anspruchsvollere Teil der Wissenschaft. Während es im Examen bei den Makros gute Noten am Stück hagelte, war dies bei den Mikros anders. Das hatte durchaus damit zu tun, das die Lehre der Mikroökonomie präziser arbeitete und mit ihren Marktmodellen verständlicher daherkam. Zumindest logisch konsistenter.

      Man kann durchaus der Ansicht sein, der Staat als Schiedsrichter zwischen Haushalten und Unternehmen habe sich in seiner Wirkung neutral zu verhalten. Dies schließt ein, dass der Staat nicht versuchen sollte, fehlende Sparanstrengungen der Haushalte oder mangelnde Investitionen der Unternehmen auszugleichen. Die Geschichte lehrt, dass dies empirisch auf Dauer nicht möglich ist. Sie dagegen machen aus der gegenteiligen Sicht ein Dogma und erklären jeden zum Idioten, der das anders sieht. Eine Volkswirtschaft in einer dynamischen Marktwirtschaft ist eben keine Veranstaltung für Buchhalter.

      Die Europäische Zentralbank hat eine Aufgabe in der Geldpolitik, die in Verträgen festgelegt ist. Es gilt als unstrittig, dass die Währungshüter ihr Mandat, für das sie nicht gewählt wurden, weit überdehnen. Manche sprechen sogar von Rechtsbruch. Die Geldpolitik erreicht nicht die Ziele, die sie mit einem weit gefächerten Instrumentenkasten lösen will. Es liegt der Verdacht nahe, dass diese mit den Mitteln eben nicht erreichbar sind. Das allerdings würde die vielen Vulgärkeynesianer widerlegen.

      Da das nicht sein darf, sind natürlich andere schuld. Dazu dient alles, was der eigenen Vorstellung zuwiderläuft. Die das eigene Dogma sankrosankt ist, wird der Schwarze Peter weitergeschoben und gelangt zum Bundesfinanzminister. Der Kassenwart einer Regierung hat jede eine ganz andere Aufgabe als die Geldpolitik, er ist der Finanzpolitik verpflichtet.

      Eigentlich hat ein jeder Finanzer knauserig zu sein. Schäuble ist es nicht. Der ausgeglichene Haushalt kommt nur durch zwei Effekte zustande, für die die Regierung nichts kann: ein historisch hohes Maß an Erwerbstätigkeit und rekordniedrige Zinsen. Linke machen nun den üblichen Fehler, Sondersituationen als Dauerzustand fortzuschreiben.

      Kritik ruft bei Ihnen nicht hervor, dass der Finanzminister die das Wirtschaftswachstum übersteigenden Steuerzuflüsse in die Sozialausgaben steckt und den Bundeshaushalt so zu einem Sozialhaushalt macht. Kritik ruft bei Ihnen hervor, dass er nicht die Expansion der Staatsausgaben ohne Maß betreibt.

      Ökonomen sollte nicht nur nach Theorien handeln, sondern immer auch ein Maß(band) in der Tasche haben.

    • Blechmann 1. April 2016, 03:28

      >>Das große Missverständnis besteht darin, dass unsere „Schwarze Null“ als Gütezeichen vernünftiger Fiskalpolitik dargestellt wird<<

      Mich wundert die Prioritäten-Setzung auch etwas. Die EU brennt an allen Ecken und Enden und wir sanieren unsern Staatshaushalt, die "Schwarze Null", super! Normal lösche ich doch da wo es brennt. Was ist denn nun der Plan in Sachen Griechenland? Jedesmal, wenn ich irgendwo sehe oder lese wie einer gefragt wird, heißt es: Das Geld ist weg. Habe grad eine lustige Seite dazu gefunden: http://www.haushaltssteuerung.de/schuldenuhr-griechenland.html

      Schuldenstand: 316Mrd Euro -6,88 Euro/Sekunde
      BIP: 172Mrd Euro -121,19 Euro/Sekunde

      Und das sitzen wir jetzt aus? Verstehe gar nicht wie das gehen soll. Wenn das BIP sinkt und die Schulden auch, müssen sie dann nicht jedes Jahr mehr Prozente vom Staatshaushalt in den Schuldendienst stecken? Weiß man wenigstens ungefähr, wie weit das BIP noch runter geht? Alles irgendwie dubios.

      • QuestionMark 2. April 2016, 17:45

        @Blechmann
        Du kannst die Abläufe nur verstehen im Kontext zum 20.Jahrhundert und der großen Wirtschaftskrise (Great Depression). In „Elitenzirkeln“ hält sich hartnäckig folgende These: Wenn die bösen Rechten nicht gekommen wären, dann hätte sich die Wirtschaft von selbst stabilisiert.

        Anders formuliert: Die Marktwirtschaft sei angeblich so toll, das sie „von alleine“ (also insbesonders ohne staatliche Eingriffe) alle anstehenden gesellschaftlichen Problem lösen kann.

        Dieses Experiment wird gerade wiederholt. Und eben deswegen auch die Brüningsche Sparpolitik (Der Staat als Unternehmen mit ausgeglichenem Haushalt).
        Lustigerweise kommt dabei nur eine Erkenntnis heraus: Die Marktwirtschaft ist scheiße. Sie funktioniert nur als Schönwettersystem.
        Das wollen unsere „Eliten“ (absichtlich in Anführungszeichen) aber nicht einsehen und also lässt man die Menschen an der Front verbluten.
        Was sollten die Menschen tun? Die „Eliten“ einen Kopf kürzer machen und sich kompetentes Personal suchen.

    • QuestionMark 2. April 2016, 17:38

      @popper
      Der Pietsch ist eben ziemlich naiv im konventionellen Denken verhaftet. Dabei hatte er weiter oben im Artikel durchaus gute Ansätze gezeigt (Beschreibung des Problemfelds im Zshg mit dem Niedergang vieler Märkte etc.)
      Jetzt hätte er daraus durchaus die richtigen Schlüsse ziehen können: Die Tatsache der Klassengesellschaft, die die vielen Mittellosen zu Sklaven macht und die Besitzenden zu Sklaventreibern. Und das Verhängnis vieler Sklaven einfach nicht mehr gebraucht zu werden im modernen Wirtschaftsleben.
      Mit anderen Worten: Die Vermögenden leben auf Kosten der armen Masse. Die Proletarier müssen sich eben deshalb versklaven, weil sie über keine Produktionsmittel verfügen. Deshalb prostituieren sich diese am Sklavenmarkt. Und eben nicht, weil es sich dabei um eine humane oder solidarische (er spricht von „sozialer“) Geste handeln würde oder sollte. Erschwerend für die Sklaven: Es sind zu viele davon da.

      Das komplette System ist unsolidarisch und ausnützerisch. Und darum gibt es auch keine Solidarität innerhalb dieser Gesellschaft. Das was Pietsch unter dieser Headline („Solidarität“) anspricht sind nichts weiter als Zwangsumlagen: Es wird kräftig und ungerecht umverteilt.
      Blechmann hat den entscheidenden Aspekt dabei weiter oben genannt: Es geht um Herrschaftsstabilisierung.
      Das unrechte und ausnützerische System soll aufrechterhalten werden. Dazu muß man die Sklaven in der Sklaverei halten. Und der gesellschaftliche Rahmen ist dafür ausgelegt. (Beispiel: Tittytainment; horende Steuern/Abgaben auf Arbeitseinkommen).

      Den Sklaven wäre aber mit einem Sklavenaufstand besser gedient. Und das ist dann auch der Tipp den man den Sklaven geben kann: Holt euch die Produktionsmittel wieder zurück. Versklavt doch die Kapitalisten und deren Sippen. Die sind die großen Befürworter der Sklaverei und sollten damit also kein Problem haben.

  • popper 3. April 2016, 21:45

    @Question Mark
    Es wird Sie vielleicht wundern, aber ich teile ihre Auffassungen, sowohl was Pietsch betrifft, als auch das von Ihnen beschriebene Verhältnis zwischen sogenannten Sklaven und Sklaventreibern nicht im geringsten.

    Pietsch argumentiert politisch, wo ökonomische Argumente gefragt wären, weil er offensichtlich nur in klassenkämpferischen links rechts Kategorien denken kann. Man kann es drehen und wenden wie man will: Staatsschulden sind nichts anderes als der buchhalterische Gegenposten des privaten “Sparens”. Es ist wirklich keine neue Erkenntnis, dass der wirtschaftspolitische Diskurs immer noch mit der Konzentration darauf geführt wird, Staatsschulden seien schädlich. Gleichzeitig blendet man den automatisch damit einhergehenden Aspekt der Akkumulation von Nettogeldvermögen des privaten Sektors aus. Und belässt damit das Komplimentäre weiter im Dunkeln. Gerade weil die private Nachfrage nach sicheren Geldvermögensforderungen durch unternehmerische Verschuldung nicht mehr alimentiert wird, weil diese mittlerweile selbst zu Nettosparer geworden sind, behaupten interessierte Kreise, Staatsschulden seien der Ausdruck sozialpolitisch motivierter Verschwendungssucht. Tatsächlich reflektieren Staatsschulden die unbestreitbare Tendenz, Geldvermögen in sicheren zinstragenden Titeln anzulegen.

    Das Mantra: “Sparen gut, Schulden böse” hat sich anscheinend zu einem die Politik leitenden Popanz hochstilisiert und verstellt inzwischen die Erkenntnis, dass der Kreditgeldkapitalismus seine Kraft daraus bezieht, daß Schuldrelationen im Vertrauen auf eine regelmäßige Bedienung (nicht Tilgung) eingegangen werden. Dieses Prinzip – in Verbindung mit der Abschreibung fehlgeschlagener Investments – macht zweifelsfrei den Erfolg des Kreditgeldkapitalismus aus.

    Mit Sklavenhalterei von Seiten der Eliten hat das alles nichts zu tun. Sie nutzen lediglich die Spielräume, die ihnen Politik lässt. Im Wesentlichen werden mit Konstruktionen wie Fiskalpakt, Schuldenbremse oder ESM etc. lediglich politische Aspekte adressiert. Die eigentliche Frage, wie mit den hinter den Ausprägungen der Krise noch existierenden Ursachen umgegangen werden soll, wird beharrlich ignoriert. Insoweit sind auch Diskussionen, wie sie in diesem Blog z.B. von Stefan Pietsch geführt werden, soweit es um ökonomische Fragestellungen geht, desorientiert.

    Da verarbeitet jemand seine eigene Sozialisierung, indem er persönliche Auffassungen als „gesichertes Wissen“ verbreitet. Ohne den erkennbaren Willen, altrozentriert zu debattieren, fachrelevante Strukturen anzusprechen und zuvorderst der Frage nachzugehen, was Ökonomie ihrem Wesen nach zu leisten vermag und welche Wirkungsketten hierbei miteinander korrespondieren. Denn zu glauben, hypertrophierte Institutionen zur Kontrolle und Aufsicht auf europäischer Ebene könnten das Problem interdependenter Schuldbeziehungen auf ein nachhaltiges Maß zurückzuführen, ist mehr als naiv. Herausgekommen sind bis dato vewaltungstechnische Monstren, deren Effektivität keiner einzuschätzen vermag. Das ist einfach nur lächerlich. Dabei, und das ist der Witz, wäre alles so einfach, wenn man die Probleme richtig adressieren würde und nicht in Scheindebatten vernebeln. Einfaches buchhalterisches Wissen würde ausreichen. Den ökonomische Modelle sind keine Abstraktion der Wirklichkeit, sondern Abstraktion davon, wie jemand sich die Wirklichkeit theoretisch vorstellt. Hat man das erst einmal begriffen, wird der Blick auf die Sache jenseits ideologischer Grabenkämpfe einfacher und systemtheoretisch klarer.

    • Blechmann 4. April 2016, 06:47

      @popper
      >>behaupten interessierte Kreise, Staatsschulden seien der Ausdruck sozialpolitisch motivierter Verschwendungssucht.<>Mit Sklavenhalterei von Seiten der Eliten hat das alles nichts zu tun. Sie nutzen lediglich die Spielräume, die ihnen Politik lässt.<<

      Die Eliten machen die Politik. Ob Deutschland den Euro einführt oder HartzIV, ob die Banken und Griechenland "gerettet" werden, das entscheidet nicht der Bürger, sondern die Eliten. Die wirtschaftlichen und politischen Eliten sind nicht identisch, aber eng verflochten. Gerade in Staaten, wo die Eliten ein großes Vertrauen besitzen, wie in Deutschland, könnten sie eine Finanzpolitik ohne Staats-Schulden leicht durchsetzen. Sie wollen nicht. Die Frage ist warum nicht. Hier könnte man fragen, ob wir wollen, dass unsere Reichen und Banken deutsche oder lieber griechische Staatsanleihen kaufen (und ob das einen Unterschied macht, weil Merkel dann die griechischen kauft :) ).

      Ich glaube jedenfalls nicht, dass die Höhe der Staatsverschuldung ursächlich mit der Art der Ausgaben (mehr oder weniger Sozialstaat) oder der Höhe der Staatsquote zu tun hat. Müsste man gegebenenfalls überprüfen.

      • Blechmann 4. April 2016, 06:51

        @popper
        ((Sehr merkwürdig, da ist ein Teil meines Postings beim Absenden irgendwie verschwunden. Hier nochmal komplett das Ganze.))

        >>behaupten interessierte Kreise, Staatsschulden seien der Ausdruck sozialpolitisch motivierter Verschwendungssucht.<>Mit Sklavenhalterei von Seiten der Eliten hat das alles nichts zu tun. Sie nutzen lediglich die Spielräume, die ihnen Politik lässt.<<

        Die Eliten machen die Politik. Ob Deutschland den Euro einführt oder HartzIV, ob die Banken und Griechenland "gerettet" werden, das entscheidet nicht der Bürger, sondern die Eliten. Die wirtschaftlichen und politischen Eliten sind nicht identisch, aber eng verflochten. Gerade in Staaten, wo die Eliten ein großes Vertrauen besitzen, wie in Deutschland, könnten sie eine Finanzpolitik ohne Staats-Schulden leicht durchsetzen. Sie wollen nicht. Die Frage ist warum nicht. Hier könnte man fragen, ob wir wollen, dass unsere Reichen und Banken deutsche oder lieber griechische Staatsanleihen kaufen (und ob das einen Unterschied macht, weil Merkel dann die griechischen kauft :) ).

        Ich glaube jedenfalls nicht, dass die Höhe der Staatsverschuldung ursächlich mit der Art der Ausgaben (mehr oder weniger Sozialstaat) oder der Höhe der Staatsquote zu tun hat. Müsste man gegebenenfalls überprüfen.

        • Blechmann 4. April 2016, 07:04

          @popper
          ((Wieder nicht geklappt. Ich kapituliere. Benutzt die Seite eigentlich **Markdown** oder sowas?))

    • CitizenK 4. April 2016, 06:54

      Hilfreicher Kommentar von popper (nomen est omen). Danke, sollte man in Gedächtnis behalten:

      „….durch unternehmerische Verschuldung nicht mehr alimentiert wird, weil diese mittlerweile selbst zu Nettosparer geworden sind“. VW, BMW und Daimler wurden zu Banken mit angeschlossener Autofabrik. Stand schon vor Jahren in der Zeitung, wurde kaum zur Kenntnis genommen.

      “Sparen gut, Schulden böse”. Die Angelsachsen – sonst immer Vorbild unserer Eliten – reiben sich immer noch und immer wieder die Augen über die Konnotation von „Schulden“ und „Schuld“ im Deutschen. US- und GB-Medien erinnern regelmäßig daran, offenbar können ihre Leser das nicht glauben.

      Warum spricht man nicht einfach von „Kreditaufnahme“? Kollektives Unbewusstes oder doch „interessierte Kreise“? Da ist dann viel von den Kindern und Enkeln die Rede, die unsere Schulden abtragen müssten und Mackenroth bleibt in der Schublade. Stattdessen streitet man über Fehler in einer Excel-Tabelle.

  • CitizenK 11. Mai 2016, 13:58

    Stefan Pietsch hatte geschrieben:

    Die Arbeitsbedingungen bei Schlecker wurden so lange von Verdi kritisiert, bis das Unternehmen pleite war. Danach wurde verschämt aufgedeckt, dass die Angestellten überdurchschnittlich verdient hatten und genau deshalb kaum noch eine adäquate Stelle finden konnten.

    Auf eine Anfrage bei der zuständigen Gewerkschaft erhielt ich (erst jetzt) folgende Antwort:

    „Die Löhne und Gehälter bei Schlecker waren nie überdurchschnittlich.
    Die Beschäftigten wurden nach dem Tarifvertrag Einzelhandel entlohnt.
    Übertarifliche Leistungen gab es bei Schlecker nicht.

    DM, Rossmann und andere Drogisten wenden die gleichen Tarifverträge wie Schlecker an. Nicht zu vergessen, Schlecker zahlte lange Jahre seine Beschäftigten unter Tarif und wurde dafür auch verurteilt.“

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