Was in Vegas passiert bleibt nicht in Vegas

US Wahl Logo DDGestern Abend hatten die Republicans ihre letzte Debatte des Jahres 2015 in Las Vegas. Um gleich eventuellen Missverständnissen vorzubeugen: Substanzielles wurde dabei nicht gesagt, policy wonks dürften die Veranstaltung eher unbefriedigt verlassen haben. Aber das war vermutlich auch nie die Erwartungshaltung für diese Art von Veranstaltungen, denn in rund 100 Minuten bei 9 Kandidaten ernsthafte Diskussionen zu erwarten hieße doch, dem Optimismus etwas viel Raum einzuräumen. So, what’s new? 

Wir sollten zuerst kurz innehalten und über die Rahmenbedingungen der Debatte nachdenken. Sheldon Adelson, ein Immobilienhai aus Las Vegas, stellte für die Debatte sein Hotel zur Verfügung (moderiert wurde sie von CNN) und bestimmte damit auch diverse andere Rahmenbedingungen – vor allem die Zusammensetzung eines Publikums, das, im Gegensatz zu den Debatten im Sommer und Herbst mit Obama, buhen darf. Adelson ist unter anderem der Überzeugung, dass die Palästinenser ein „erfundenes Volk“ seien und unterstützt die Politik der israelischen Rechten bedingungslos; gleichzeitig ist er einer der größten Geldgeber der Republicans und unterstützte Mitt Romney massiv. Da der Schwerpunkt der Debatte auf der Außenpolitik lag, besteht hier bereits ein leichter Interessenkonflikt. Eine Selbstbeschränkung der Kandidaten dürfte an dieser Stelle kaum überraschen.

Dass dies kein großes Thema war dürfte wohl auch daran liegen, dass die Kandidaten wenig Ermunterung durch Milliardärsspender brauchen, um eine aggressive Außenpolitik im Nahen Osten zu vertreten. Und damit sind wir auch gleich bei der Crux der Debatte gestern, denn hauptsächlich drehte sich alles um die eine Frage, wer der größte Falke unter den Raubvögeln sei. Dabei zeigten sich hauptsächlich vier Konstellationen:

Erste Konstellation: Cruz vs. Rubio. Marco Rubio und Ted Cruz gingen konstant aufeinander los. Beide sind jedoch Profis darin, entschlossen in die Kamera zu blicken und harte, kernige Sätze aufzusagen. Auffällig war, dass Rubio trotz einiger erkennbarer Schwächen Cruz nicht in der Lage war, diesen vor Publikum zu exponieren. Trotz seiner martialischen Rhetorik betonte Cruz, dass er nicht für eine bedingungslose Überwachung durch die NSA war und den Krieg in Syrien auf Luftschläge begrenzen wollte. Dies führte zu der eher ungewöhnlichen Paarung mit Rand Paul, der ebenfalls schwer mit Rubio ins Gericht ging. Schädlich dürfte der Schlagabtausch dabei für keinen der Beteiligten gewesen sein; hilfreich allerdings auch nicht. Es wird spannend bleiben abzuwarten, ob Rubio oder Cruz den Puls des Wählers richtig abtasten: wollen diese eine erneute Invasion des Irak mit Bodentruppen, wofür Rubio steht, oder doch lieber darauf verzichten, was Cruz‘ (und Pauls, aber wer interessiert sich noch für Paul?) Position ist.

Zweite Konstellation: Trump vs. Bush. Jeb Bush, der in den Umfragen schon seit Wochen nicht vom Fleck kommt, entschied sich dafür, den Abend durch seine Angriffe auf Donald Trump zu definieren. Außenpolitisch war er mit der Überlegteste aus dem Rudel, was weniger für ihn als gegen seine Mitbewerber spricht – schließlich beschränkt er sich auch hauptsächlich darauf, eine erneute Invasion des Irak zu fordern. Seine Entscheidung, sich durch Angriffe auf Trump zu profilieren, ist etwas merkwürdig, denn hier machte er bereits in der Vergangenheit keine gute Figur. Es gelang ihm auch dieses Mal nicht, entscheidende Treffer zu landen, aber immerhin konnte er Trump einige Male verunsichern und leistete sich keine offensichtlichen Schwächen wie die Forderung nach der Entschuldigung für seine Ehefrau (die Trump damals ablehnte) mehr. Unabhängig von Bush sorgte Trump für die einzige substanzielle Überraschung des Abends: er schloss kategorisch aus, als Independent bei den Wahlen anzutreten. Im Gegensatz zu von vor zwei Monaten hat diese Aussage dieses Mal Gewicht, weil Trump beginnen müsste, Vorbereitungen dafür zu treffen, wenn er sich die Option offenhalten würde – was er bislang nicht getan hat. Reince Priebus vom RNC dürfte an dieser Stelle ein Stein vom Herzen gefallen sein.

Dritte Konstellation: Trump, Fiorina und Carson. Trump selbst bewies erneut, dass er nicht die geringste Ahnung von Außenpolitik hat und versuchte, dies mit einer Reihe kerniger Aussagen zu kaschieren. Auf typische Art und Weise ergab das, was er sagte, insgesamt praktisch keinen Sinn (I think, for me, nuclear is just the power, the devastation is very important to me), aber wahrscheinlich wird dies für ihn wie immer keinen echten Nachteil darstellen. Schließlich wird er das, wenn er erst einmal Präsident ist, nach eigener Aussage so schnell lernen, dass unsere Köpfe sich drehen werden. Noch schlimmer war es bei Carson und Fiorina: beide hatten exakt null Sachkenntnis, aber Fiorina versuchte es mit hollywoodtauglichen One-Linern zu überspielen, während Carson schlichtweg ahnungslos und wie ein Betrunkener auf der Bühne wirkte. Angesichts dessen, dass die Evangelikalen mit Cruz einen neuen Standartenträger gefunden haben, dürfte Carsons als Kandidatur getarnte Buch-Tour nun hoffentlich bald ein Ende finden. Wer diese Performance gesehen hat, kann eigentlich nur mit Grauen auf die Vorstellung reagieren, dass dieser Mensch Entscheidungsgewalt über irgendetwas hat, aber das hat die Wähler der Republicans bisher auch nicht aufgehalten.

Vierte Konstellation: Christie, Kasich, Fiorina. Während Rubio und Cruz ihre Debatte mit zahllosen Details führten und damit ein ganz neues Level an Unverständlichkeit erreichten, versuchten Christie, Kasich und Fiorina hauptsächlich, sich gegenseitig in ihrer Bereitschaft, einen neuen Krieg anzufangen, zu übertreffen. Dabei ging es weniger um irgendwelche Details. Christie etwa verkündete – in so many words – dass er sich nicht sonderlich um den Kongress und all diese dummen Gesetze machte, die ein ordentliches Durchgreifen verhinderten. Wer braucht auch so was wie die Verfassung? In ein vergleichbares Horn stießen auch Kasich und Fiorina, aber im Gegensatz zu Christie sind deren Chancen auf die Nominierung absolut unterirdisch.

Was also bleibt von der Debatte? Faszinierend ist, wie ungeheuer jingoistisch die Kandidaten mit Ausnahme Rand Pauls sind. Rund die Hälfte von ihnen macht dazu den Eindruck, als würde sie die Länder, in die sie einmarschieren will, nicht einmal auf der Karte finden. Dass diese Positionen überhaupt ernsthaft diskutiert werden können ist der Beleg dafür, wie weit die republikanische Partei abgedriftet ist. Sie befindet sich im Griff von Radikalen – wer dafür noch immer Belege brauchte, konnte gestern Abend fündig werden.

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  • Am_Rande 16. Dezember 2015, 11:36

    „Faszinierend ist, wie ungeheuer jingoistisch die Kandidaten mit Ausnahme Rand Pauls sind.“

    Herr Paul ist die große Ausnahme.
    In beiden Parteien.

    Er glaubt eben nicht, dass die Politik so etwas wie „nation building“ betreiben kann.

    Der Staat als großer „Sozialingenieur“ ist eine wahnsinnige Fiktion.
    Irre im Inland.
    Irre im Ausland.

  • Stefan Sasse 18. Dezember 2015, 16:37

    Weils zum Thema passt: in einer heutigen Umfrage haben 30% der Republikaner-Wähler angegeben, Agrabah bombardieren zu wollen. Das ist das Heimatland von Aladdin.

    • In Dubio 21. Dezember 2015, 14:07

      Das sehe ich genauso. Hauptsache Persien.

      Allerdings sind auch nicht alle Deutsche so gebildet, siehe hier.

    • In Dubio 21. Dezember 2015, 14:09
    • Stefan Sasse 21. Dezember 2015, 17:27

      Klar, ich halt aber nur wenig von solchen Videos. Wenn du nur lange genug suchst findest du immer Trottel. Und ich behaupte auch gar nicht, dass Deutsche klüger wären – das ist ein dummes Vorurteil. Ich finde es zeigt nur, wie dumm es ist, Entscheidungen wie Krieg einfach so zu emotionalisieren.

      • In Dubio 22. Dezember 2015, 09:00

        Die USA sind ungefähr so groß wie Europa. Ein ganz geringer Prozentsatz der Deutschen kann die 50 Bundesstaaten der USA regional zuordnen – durchdeklinieren schon gar nicht -, viele scheitern ja schon an der geographischen Einordnung von Bayern und Polen. Ganz zu schweigen von dem Wissen um Guatemala, was so mancher sicher für eine südländische Frucht hält.

        Also, nicht so viel Arroganz gegenüber Amerikanern. Die US-Bürger, mit denen ich beruflich und privat zu tun hatte, sind sehr wohl gebildet, wenn auch nicht zwingend der Querschnitt der Gesellschaft. Und denen sind Leute wie Sarah Palin oder Donald Trump peinlich.

        Aber hier bekommt eine Partei wie die Linke auch keine 5 Politiker in ein Fernsehstudio, die sich unfallfrei vor einer Kamera bewegen (und artikulieren) können. Oder eine politische Autistin wie Sahra Wagenknecht hätte keine Chancen, je in den Kongress gewählt zu werden.

        Krieg ist eine emotionale Sache und sie muss demokratisch gerechtfertigt werden.

        • Blechmann 27. Dezember 2015, 12:13

          Bundesstaaten sind kaum so bekannt wie Nationalstaaten. Die Bundesstaaten von Staaten auf andern Kontinenten dürften die wenigsten benennen können, unabhängig von ihrer Größe.

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